Titel: Gradwanderung
Kapitel: Kapitel 2
Autor: sommerschnee
Warnungen: PG-13
Pairing : Taito (in späteren Kapiteln)
Diesmal ist es also Nässe, dachte Taichi voller Sarkasmus, bevor er bemerkte, dass es nicht nur Nässe, sondern tatsächlich Wasser war, dass ihn vollkommen umgab.
Verzweifelt kniff er die Augen zusammen und hielt augenblicklich die Luft an von der er kaum etwas in der Lunge hatte bevor er mit aller verfügbaren Kraft in den Armen und Beinen anfing zu strampeln. Die Momente schienen sich zu ziehen, während die Luft immer weniger wurde.
Er musste es schaffen, er musste an die Oberfläche.
Und mit einem Male ließ der Druck nach und das Wasser war fort von seinem Kopf und er konnte atmen. Er atmete mehrmals tief ein und aus, zog trotz des unangenehmen Brennens in seiner Lunge so viel Sauerstoff wie möglich ein, bevor er die Augen öffnete.
Es dauerte eine Weile bis die bunten Punkte vor seinen Augen verschwunden war, aber als er schließlich alles um sich klar sehen konnte, lachte er laut los.
Alles um ihm sah aus wie im Dschungel. Das Wasser in dem er sich befand war ein kleiner See, an dessen Ufern sich Gras, Büsche und hohe Palmen befanden und zwischendrin bunte Blumen die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
Die Digiwelt wollte ihn doch verarschen.
Anders konnte sich Taichi das nicht erklären. Gerade eben war er doch noch in der Steinwüste... Aber natürlich! Er war gefallen, tief, daran erinnerte er sich noch. Und erinnerte sich auch noch an den Gedanken, dass er das jetzt nicht noch einmal überleben würde.
Aber er hatte es überlebt.
Er blickte automatisch nach oben während er es genoss wie die Erleichterung ihn erfüllt, dicht gefolgt von dem Erstaunen was er empfand als er verstand was er dort am Himmel sah.
Taichi befand sich tatsächlich noch dort wo er vorher. Auch wenn wegen dem Dämmerhimmel kein großer Unterschied zwischen dem schwarzen Stein und dem dunklen Himmel herrschte konnte Taichi doch die Ränder der Spalte ausmachen in die er geklettert war.
Er war also tatsächlich gefallen und noch immer da wo er vorher gewesen war. Taichi hatte nur nicht angenommen, dass die Spalte so tief war oder das sie hier unten wesentlich breiter als oben war oder das sich hier unten eine verdammte Dschungeloase befand!
Und wo kam eigentlich das helle Sonnenlicht hier unten her? Eigentlich, dachte er sich, müsste es hier unten doch dunkler sein als oben an der Oberfläche, er blickte sich um, aber er konnte nirgendwo eine Lichtquelle entdecken.
Dann atmete er plötlich ein, als das Wasser wieder um ihn war, bekam aber nur Wasser in die Lunge und strampelte bis er nur Sekunden später hustend und prustend wieder an die Oberfläche kam. Taichi hatte tatsächlich für einen Moment vergessen, dass er strampeln musste um an der Oberfläche zu bleiben.
Langsam begann er Richtung Ufer zu schwimmen. Er musste aus dem Wasser raus. Auch wenn es warm und angenehm war und nach der Kälte in der er sich die letzten Stunden fortbewegt hatte mehr als nur gut tat, wusste er, dass er der Erschöpfung nicht mehr lange standhalten würde.
Taichi musste sich ausruhen, schlafen, ansonsten, dass wusste er sicher, hatte er sowieso keine Chance, dass sein Kopf genügend funktionierte um vernünftig über die Situation nachzudenken.
*
Als er am Ufer ankam war er positiv überrascht, deshalb es außerhalb des Wassers fast noch wärmer war als in ihm. Das Gras wuchs hoch und die Bäume standen schützend um ihn herum und so sehr er sich auch umschaute konnte er nichts gefährliches entdecken.
Es brachte nichts. Taichi hatte keine Ahnung wo er war, von daher konnte er auch genauso gut an dieser Stelle schlafen wie eine neue zu suchen.
Er zog seine Sachen vollkommen aus und zog aus dem Rucksack eine trockene Boxershort und ein trockenes Hemd – das eigentlich Innenfach des Rucksacke war vollkommen wasserdicht wie Jou vorhin noch stolz erklärt hatte – und zog die Sachen an, bevor er seine anderen Sachen aufhing und dann den Rucksack inspizierte. Es waren tatsächlich nur die Sachen die er im kleinsten Fach hatte trocken geblieben: Seine Kleidung und die Nahrung. Das war zumindest besser als nichts.
Mit einem Seufzer begann Taichi die restlichen Sachen im Licht auszubreiten, damit sie trocknen konnten. Zelt und Schlafsack waren vollkommen durchnässt und so hing er sie ebenfalls über Äste, froh dadurch wenigstens ein bisschen einen Seitenschutz geschaffen zu haben.
Nunja, er konnte nichts mehr dran ändern, würde er eben so schlafen müssen, schließlich warm genug. Er beschloss, da seine Haare sowieso nass waren konnte er auch den nassen Rucksack als Kissen benutzen und legte sich hin, nachdem er noch einen weiteren Blick auf seine Uhr geworfen hatte um auch das Zeitgefühl ja nicht zu verlieren.
Vielleicht war er ja von weiteren Ereignissen bewahrt und würde tatsächlich ein paar Stunden schlaf bekommen.
Hoffnung gab es ja tatsächlich immer.
*
Als er aufwachte und auf die Uhr blickte stellte er erstaunt fest, dass er fast acht Stunden geschlafen hatte.
Taichi streckte sich und richtete sich dabei gleichzeitig auf. Er fühlte sich erholt und frisch und konnte selbst kaum glauben, dass es so ruhig von statten gegangen war. Als er sich hingelegt hatte war noch fest davon überzeugt gewesen, dass er spätestens eine Stunde später von irgendeiner weiteren Überraschung geweckt werden würde.
„Du bist also endlich wach.", sagte eine Stimme, die er nur zu gut kannte, aber er brauchte einen Moment um den Mut aufzubringen und den Kopf zu drehen.
Yamato saß im Schneidersitz unter dem zum trocknen aufgehangenen Zelt.
„Bist du es wirklich?", fragte Taichi und obwohl es nicht gewollt war, war seine Stimme nur ein Flüstern. Yamato schüttelte den Kopf
„Nicht so ganz. Schau mich doch an."
Erst jetzt schaute Taichi ihn genauer an und erkannte was Yamato meinte. Er sah genauso aus wie vor einigen Jahren, als Taichi ihn das letzte Mal gesehen. Ja, selbst die Kleidung die er anhatte war dieselbe wie an dem Tag an dem sie sich endgültig verabschiedet hatte.
Taichi schluckte. War er vielleicht immer noch bewusstlos? Träumte er oder hatte er sich den Kopf vorhin fester angeschlagen als er eigentlich gedacht hatte. Er konnte sich nicht erklären was vor sich ging.
„Ich sehe genauso aus, wie du mich in Erinnerung behalten hast nicht wahr?", fragte Yamato und Taichi konnte nicht anders als ihn anzustarren und ihm gebannt zuzuhören. „Ich habe etwas gebraucht um mich zu erinnern, aber ich hatte ja genug Zeit während du tief und fest geschlafen hast."
„Wieso hast du mich nicht geweckt."
Yamato lachte und Taichi wurde schmerzhaft bewusst, wie sehr er das Lachen vermisst hatte. Egal ob es ein Traum war oder nicht, er hatte so lange nicht mehr von Yamato geträumt, er hatte ihn so sehr vermisst... er konnte nicht anders als zu genießen.
„Sehen wir einmal von der Tatsache ab, dass es fast unmöglich ist dich einmal zu wecken wenn du schläfst, konnte ich es nicht." Yamato hob die Hand wie um nach dem Zelt zu greifen, aber seine Hand glitt einfach durch den Stoff hindurch.
„Ich verstehe nicht. Träume ich immer noch?"
Yamato schüttelte den Kopf. „Nein, du bist hellwach. Aber ich bin ein Traum, wenn du es so willst. Eine Illusion, es ist schwierig zu erklären."
„Versuche es."
Ich kann es dir nicht erklären – Versuch es doch wenigstens!
Die Erinnerung an diese Worte durchzuckte Taichi mit einem Male, als er Yamato wieder anblickte, stellte er fest, dass auch dieser das Gesicht verzogen hätte wie als hätte er sich an genau dasselbe erinnert.
„Wir reden später darüber.", erklärte er. „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, ich weiß nicht wieviel Zeit mir bleibt. Ich bin gefangen. Ich weiß nicht wie und ich weiß auch nicht wo. Ich... es ist schwierig mich an irgendetwas zu erinnern was passiert ist seit ich hier bin. Sie halten meinen Geist gefangen, wenn du so willst. Ich weiß es hört sich verrückt an. Aber ich kann es nicht anders erklären."
„Wer sind sie?"
„Ich weiß es nicht.", gab Yamato zu. „Ich weiß, dass ich es eigentlich weiß, aber die Erinnerung daran ist für mich nicht greifbar."
Taichi hatte so viele Fragen im Kopf des es schwierig für ihn war sich für eine zu entscheiden. „Wie kannst du hier sein, wenn du doch gefangen bist?"
„Sie waren unvorsichtig, ein Mal, ein Teil von mir konnte fliehen. Ich bin lange herumgeirrt und dann habe ich dich gefunden, wie du oben durch die Todeswüste gelaufen bist."
„Todeswüste?", immer noch schwirrten die Fragen kreuz und quer durch seinen Kopf."
Yamato zuckte mit den Schultern. „So nennt man sie, denke ich. Deine Sachen sind übrigens trocken wenn du dir etwas anziehen willst."
Taichi nickte und stand auf um sich seine Hose zu nehmen. „Woher weiß du wie man sie nennt?"
„Es ist einfach in meinem Kopf, genauso wie ich weiß, dass es dich zerstört hätte wenn du viel länger dort oben geblieben wärst. Die Dämmerung frisst einen."
Die Hose war steif und unbequem aber dennoch fühlte er sich wohler jetzt wo er sie anhatte. Einen Moment überlegte Taichi ob er die Jacke auch anziehen sollte entschied sich dann aber dagegen. Es war warm genug. „Warum hast du mich dann nicht oben bereits gewarnt?"
„Die Dämmerung.", sagte Yamato als wäre das doch vollkommen offensichtlich. „Dagegen komme ich nicht an. Hier unten im Licht ist es einfacher. Aber ich weiß nicht wie lange ich bleiben kann. Es kostet Kraft und wenn sie kommen muss ich zurück sonst merken sie etwas."
„Du bist also wirklich hier?"
Yamato nickte „Zu einem gewissen Teil ja. Aber nicht vollkommen. Es ist nur ein Stück meiner Seele."
Taichi dachte nach. Er wusste nicht was er denken sollte, aber wenn er einmal annahm, dass alles was Yamato bisher gesagt hatte der Wahrheit entsprach. Wenn er annahm, dass das hier gerade tatsächlich Yamato war, dann seine Erklärung ihm zumindest sagen, warum Yamato Taichi gleichzeitig so unglaublich bekannt und dennoch fremd vorkam. Etwas von ihm fehlte. Es passte zu Taichis Gefühlen.
„Was kann ich tun? Für dich? Wir sind hier um dich zu retten."
Taichi bekam als Antwort ein Lächeln geschenkt. „Ich denke das wusste ich. Ich kann man nicht an Andere erinnern, aber ich wusste, dass du kommen würdest."
„Du... kannst dich nicht erinnern?"
Ein Kopfschütteln. „Ich weiß, dass es Andere gab, aber auch sie.... die Erinnerungen sind da, ich sehe sie beinahe schon, aber wenn ich nach ihnen greife rutschen sie sofort ein Stück weg verstehst du?"
„Nicht wirklich, aber ich versuche es."
„Aber ich wusste, dass du kommen würdest. Die ganze Zeit. Das war meine Hoffnung, deshalb habe ich weitergesucht.", erklärte Yamato.
Taichi schluckte die Tränen runter, die mit einem Male in ihm hochstiegen. „Ich bin spät dran."
„Nicht zu spät, dass ist das Einzige was zählt. Hör. Die Geister haben mir einen Rat gegeben geh in Richtung der aufgehenden Sonne, bevor sie untergegangen ist. Dort wirst du einen von den deinen treffen."
„Ich verstehe nicht?", Taichi fühlte sich von Sekunde zu Sekunde verwirrter „Wer sind diese Geister?"
„Sie werden sich dir zeigen wenn es soweit ist. Auch sie kann ich dir leider nicht erklären. Ich...", Yamato verharrte, als würde er auf etwas horchen und verzog dann das Gesicht. Zum ersten Mal sah Taichi Angst in den Augen. „Sie kommen. Ich muss gehen. Such die Anderen, alleine wirst du es nicht schaffen. Ich werde wieder zu dir kommen sobald ich es kann."
„Yamato..."
Aber der Platz an dem Yamato, oder die Illusion von ihm, gesessen hatte war bereits leer.
*
Taichi hatte lange nachgedacht.
Erst ob es tatsächlich Yamato gewesen war. Er hatte schließlich beschlossen, einfach zu glauben, dass es tatsächlich Yamato gewesen war, der dort erschienen war. Selbst wenn es jemand anders gewesen war, wenn es alles ein Plan war um ihn irgendwo hinzulocken, war es doch besser in eine Falle zu laufen als ohne Plan in einer Welt die er anscheinend nicht mehr kannte herumzulaufen.
Dann hatte er über die Richtung nachgedacht, die Yamato ihm gegeben hatte. Es ging um die aufgehende Sonne oder die untergegangene, es ging also um Osten oder Westen, aber Taichi war sich nicht mehr sicher welches von beiden gemeint gewesen war, denn beide Richtungen waren laut Kompass – und Taichi hoffte inständig, dass dieser richtig funktionierte – genau die Richtungen die nicht von Steinwänden bedeckt waren. Was zum anderne natürlich ein Zeichen war, dass er sich zumindest halbwegs richtig erinnerte.
All die Informationen die Yamato ihm gegeben hatte waren verwirrend gewesen und er hatte nicht genau zugehört in diesem Moment. Zumindest konnte er sich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern.
Er hatte sich schließlich für die aufgehende entschieden. Es fühlte sich richtiger an und er hoffte, dass er sich trotz allem immer noch auf sein Bauchgefühl verlassen konnte. Bisher hatte es ihn nur selten im Stich gelassen.
Aber wenn dann richtig, sagte eine leise Stimme in ihm und Taichi schüttelte den Kopf um den Gedanken zu vertreiben. Eigentlich, so sagte er sich um sich zu beruhigen, hatte er die großen Fehler seines Lebens immer nur dann begangen wenn er eben nicht auf sein Bauchgefühl gehört hatte.
Dennoch, auch wenn er sich fast sicher war in die richtige Richtung zu gehen, wusste er nicht was er von der Situation halten sollte.
Zum einen natürlich weil er nicht wusste was ihn erwarten würde. War es eine Falle? Würde er einen der Anderen finden? Vielleicht wartete ja auch Agumon dort auf ihn. Und was war mit Yamato selbst? Er war gefangen, festgehalten, aber ein Teil seines Geistes war frei?
Taichi hatte nie wirklich viel von solchen Esotheriksachen gehalten. Aber gerade Yamato hatte das noch weniger getan.
Und dann kam natürlich noch die Sorge hinzu. Die Sorge um die Anderen, die Sorge um Hikari, aber vor allem natürlich die Sorge um Yamato.
Egal was passieren konnte, eins wusste Taichi inzwischen sicher: Es war die richtige Entscheidung gewesen hierher zu kommen. Egal was hier auch geschehen war.
Die Digiwelt brauchte sie.
Sie mussten noch rausfinden wovor, aber sie musste unbedingt wiedergefunden werden.
*
Er erkannte Koushiro bevor dieser ihn sah.
Ohne darüber nachzudenken begann er zu rennen, rief Koushiros namen obwohl seine Lungen schmerzten und ihm die Beine wehtaten. Als er seinen Namen das dritte Mal rief, hörte Koushiro ihn endlich, schaute einen Moment erstaunt, bevor er ihm endlich ebenfalls entgegenrannte.
Taichi schloss Koushiro in die Arme, bevor er groß darüber nachgedacht hatte. Zwischen ihnen hatte es nie eine Umarmung gegeben, sie hatten das nie gebraucht, es war nie angebracht gewesen. Ein Handschlag oder eine Hand auf die Schulter hatte meistens ausgereicht um dem Anderen die Wertschätzung zu zeigen.
Koushiro schien die Umarmung nicht zu stören. Er erwiderte sie mindestens genauso stark, klammerte sich regelrecht an Taichi fest.
„Gott.", entfuhr es Koushiro als sie sich schließlich von einander lösten. „Ich war noch nie so froh dich zu sehen Taichi. Ich dachte schon ich würde keinen von euch wiederfinden. Es ist schon so viel Zeit vergangen?"
„Soviel Zeit?", fragte Taichi, griff nach Koushiros Arm und zog ihn mit sich runter als er sich hinsetzte. Er brauchte dringend eine Pause. „Seit ich unterwegs bin sind drei Tage vergangen. Aber ich weiß nicht wie lange ich bewusstlos war."
„Ich bin schon lange wach. Bei mir sind es fünf Tage, fast schon sechs. Es ist schwierig hier mit den Tagen mitzukommen. Vor allem da es nie Nacht wird. Es geht dir doch aber gut."
Taichi lächelte und nickte. „Ja, ich bin unbeschadet. Du auch?", ein Nicken als Antwort. „Besser als ewige Dämmerung wie oben."
Koushiro schaute ihn verwirrt an. „Dämmerung? Oben?"
„Bist du direkt hier aufgewacht?"
„Also nicht hier an dieser Stelle natürlich, schließlich habe ich euch gesucht, aber im Dschungel ja. Du wohl nicht?"
„Nein.", Taichi zeigte nach oben. „Sie du da oben die Kanten, es sind Felsspalten."
*
Koushiro war schon immer ein guter Zuhörer gewesen. Er ließ Taichi reden, stellte nur ab und zu kurze Fragen hielt sich aber mit Kommentaren zurück.
Und Taichi war ihm dankbar. Es war schon schwierig genau in seiner Müdigkeit alles zu erzählen und er hatte Probleme sich an Einzelheiten des Tages zu erinnern an dem er noch oben in der ... - wie hatte Yamato es noch genannt? - ... Todeswüste gewesen war.
Als er fertig war mit erzählen, schaffte es Koushiro einmal mehr ihn zu überraschen und sich Taichis Dankbarkeit zu sicher, statt zu diskutieren und nach einem Plan zu suchen, beschloss Koushiro, dass es sowieso nichts brachte jetzt zu diskutieren, dass sie dafür immer noch Zeit hatten.
„Besser ist es.", sagte er „Uns erst einmal ausruhen, dann können wir später viel klarere Gedanken fassen."
Es war erst in diesem Moment, dass Taichi bemerkte, dass er schon wieder nahe der Ohnmacht war, während Koushiro sein trockenes Zelt aufbaute und Taichis noch immer leicht feuchtes erneut zum trocknen aufhing, fielen ihm mehrfach die Augen zu.
„Hier.", erklärte Koushiro, als sie schließlich ins Zelt geklettert waren. „Wenn wir den Schlafsack ganz aufmachen können wir ihn wie eine Decke benutzen."
„Mmmmh.", murmelte Taichi, aber er war bereits eingeschlafen bevor Koushiro ihn zugedeckt hatte.
*
Als er aufwachte war es immer noch hell und die Wärme hatte auch nicht nachgelassen. Langsam wurde sie unangenehm.
Taichi streckte sich und spürte, dass sein Shirt verschwitzt war und am Rücken klebte. Er würde es später auswaschen und ein anderes anziehen müssen.
„Wie lange habe ich geschlafen?", fragte er als er Koushiro erkannte, der einige Schritte entfernt saß und den Dingen zu folge die er aß war es wohl Frühstückszeit. „Acht Stunden.", kam die Antwort mit vollen Mund gesprochen.
„Das heisst es ist schon wieder morgen?", fragte Taichi und wuschelte sich durch die Haare bevor er aufstand, zu Koushiro ging und sich zu ihm setzte. „Nicht so wirklich.", erklärte Koushiro „Am ersten Tag habe ich noch zwanghaft versucht die 24 Stunden einzuhalten, aber das funktioniert nicht. Es ist erschöpfend den ganzen Tag rumzulaufen und noch anstrengender wach zu bleiben, wenn man alleine ist. Ich denke inzwischen lebe ich eher nach einem 16 Stunden Tag."
Koushiro betrachtete Taichi für einen Moment nachdenklich bevor er ihm ein Stück Brot reichte. „So wie du geschlafen hast hast du diesen Tag wohl inzwischen auch angenommen."
„Es wird anstrengend wenn man den ganzen Tag am rumlaufen ist.", erklärte Taichi und biss hungrig in das Brot. „Ich hatte mir gestern erst überlegt, dass wenn wir wieder zurück sind ich wieder mit dem Fussball anfange. Meine Kondition war auf jeden Fall schon einmal besser."
Koushiro grinste ihn an „Ich hab mir auch schon etwas ähnliches gedacht. Als wir elf waren war es irgendwie einfacher, die ganze Zeit rumzulaufen oder?"
„Damals waren wir ja auch noch gewohnt den ganzen Tag draußen zu spielen und haben nicht eingepfercht in einem Büro gesessen."
„Das Stimmt wohl.", stimmte Koushiro ihm zu „Das mit dem Fussball klingt nach einer guten Idee, vielleicht fange ich ja auch damit an."
Taichi zögerte für einen Moment auf den Kommentar einzugehen bevor er begriff dass es keinen Grund gab das nicht zu tun. „Wir könnten ja zusammen nach einer Möglichkeit suchen."
Koushiro nickte „Das klingt nach einer guten Idee. Es wäre nett sich öfter zu sehen oder?"
Taichi gab einen zustimmenden Ton von sich und dann saßen sie schweigend beieinander und aßen. „Hier.", sagte Koushiro schließlich und reichte ihm eine Flasche „Ich habe einige Meter entfernt einen Fluss gefunden, wir sollten wirklich darauf achten genug zu trinken. Wir können niemandem helfen, wenn wir halb verdurstet sind."
„Danke.", Taichi trank und Koushiro redete dafür weiter.
„Wir müssen uns überlegen, was wir jetzt weiter machen. Nach allem was du gestern erzählt hast und wenn wir davon ausgehen, dass es wirklich Yamato war den du gesehen hast wissen wir zumindest, dass unser Gefühl uns nicht getäuscht hat. Wir sind hier tatsächlich richtig."
„Das stimmt wohl. Aber Yamato hat mir nur gesagt wo ich einen, also dich finde, bevor er weiterreden konnte musste er schon wieder gehen."
„Ich habe versucht die anderen zu erreichen, aber mein Walkie Talkie hat bei der Ankunft hier einen ziemlich kräftigen Stoß abbekommen. Ich habe versucht es zu reparieren, aber dafür war es zu sehr auseinander gebrochen und ich hatte nicht das richtige Werkzeug dabei. Ich konnte also noch nicht einmal ausprobieren ob es überhaupt funktioniert. Hattest du da mehr Erfolg?"
„Mmmh?", Taichi der für einen Augenblick in seinen eigenen Gedanken versunken war brauchte eine Weile um zu realisieren was Koushiro gerade gesagt hatte und zuckte dann wie ertappt zusammen. „Das Walkie Talkie.", rief er, sprang auf und lief zu seinem Rucksack. „Daran hatte ich gar nicht gedacht. Ich habe es überhaupt nicht ausprobiert, wenn wir Glück haben..." Er musste eine Weile wühlen, aber schließlich zog er es tatsächlich heraus. „Ja! Es ist nicht nass geworden."
Er ging zurück zu Koushiro und reichte ihm das Gerät während er sich setzte. „Hier, probier du es aus, du kennst dich mit solchen Techniksachen wesentlich besser aus, als ich."
Koushiro nahm es entgegen und schaltete es an, erst kam aus dem Gerät nur unangenehmes Rauschen, aber während Koushiro an den verschiedenen Knöpfen drehte konnte selbst Taichi hören wie sich das Rauschen veränderte und soweit das überhaupt möglich war angenehmer wurde.
„Kriegst du etwas rein?"
„Bei dieser Frequenz habe ich den besten Empfang. Es scheint zumindest funktionieren. Wir haben Batterien von uns beiden, ich denke also wir können uns erlauben es erst einmal einfach an zu lassen, falls die anderen etwas senden und in der Nähe sind sollten wir etwas hören."
Taichi zog die Stirn kraus „Falls sie in der Nähe sind?"
„Aber natürlich. Walkie Talkies haben nur eine sehr begrenzte Sendemögichkeit. Ich habe schon die bestmöglichen geholt, die sie hatten, aber da wir in keinem Fachgeschäft waren sind es natürlich nicht die besten. Ich habe die Anleitung gerade nicht zur Hand, aber wenn ich mich richtig erinnere war der Radius zwei oder drei Kilometer. Sollten die anderen weiter entfernt sein und senden werden wir sie nicht hören."
„Das hört sich nicht unbedingt nützlich an."
Koushiro zuckte mit den Schultern. „Wir beide haben uns zwar eher durch Glück gefunden, aber wir können davon ausgehen, dass wir nicht allzuweit voneinander entfernt aufkamen. Das heisst es besteht die Möglichkeit, dass die anderen sich auch hier in der Nähe aufhalten."
„Aber ich habe deine Hand festgehalten, daran erinnere ich mich noch, die Anderen hatten den Kreis fast vollständig gelöst. Vielleicht hat das einen Unterschied gemacht."
Der Andere schüttelte den Kopf „Ich glaube ich erinnere mich einige Sekunden länger als du. Wir haben uns zwar krampfhaft festgehalten, aber gegen die Kraftwelle hatten wir keine Chance. In dem Moment in dem wir weggeschleudert wurden hattest du bereits losgelassen."
„Oh.", Taichi wusste nicht wirklich was er dazu sagen sollte. „Sie könnten also alle hier in der Nähe sein?"
Koushiro nickte „Sie könnten, ja. Hoffen wir, dass es tatsächlich so ist. Hier schau einmal."
Er malte einen Punkt in die Erde und dann einen Kreis drumherum. „Das sind wir.", erklärte er „und der Kreis beschreibt den Radius in dem wir empfangen können. Das Beste und Einfachste wäre natürlich wenn sich alle anderen in unserem Radius befinden würden. Aber die Wahrscheinlichkeit ist kleiner. Wahrscheinlicher ist das hier."
Koushiro malte weitere Punkte ausserhalb ihres Radius kreuz und quer verteilt. Taichi verzog das Gesicht, wenn das tatsächlich die Situation war in der sie sich befanden würde es eine ganze Weile dauern, bis sie alle wieder zusammen waren. Koushiro sah seinen Gesichtsausdruck und lächelte ihm aufmunternd zu.
„Es ist gar nicht ganz so schlimm wie es aussieht. Schau mal.", er begann auch um die anderen Punkte herum Kreise zu malen und Taichi beobachtete gespannt was er da tat. Und tatsächlich, obwohl die Punkte insgesamt weit auseinander lagen bildeten sie jetzt regelrecht eine Linie, weil sie ihre Radien alle irgendwo überschnitten.
„Diese Möglichkeit gibt es natürlich auch noch.", erklärte Koushiro. „Auch wenn wir nicht alle erreichen, kann es natürlich sein, dass wir einen erreichen, der wiederum Kontakt zu anderen hat."
„Das heißt wir haben eine realistische Chance die Anderen zu finden?", fragte Taichi und wusste in dem Moment in dem er die Frage ausgesprochen hatte, dass es eine dumme Frage gewesen war. Auch Koushiro verzog das Gesicht und zögerte offensichtlich bevor er antwortete.
„Den Umständen entsprechend würde ich sagen ja. Es könnte besser sein, aber wir haben eine Chance."
„Dann sollten wir weiterlaufen. Solange wir uns an eine Richtung laufen und nicht ziellos umherirren ist es besser zu laufen, als hier sitzen zu bleiben." Taichi stand auf um seine Sachen zusammenzupacken und Koushiro folgte seinem Beispiel.
„Wir sollten in regelmäßigen Abständen eine Nachricht rausschicken. Sollten die Anderen auch ihre Walkie Talkies anhaben machen sie es vielleicht genauso wie wir und warten nur darauf eine Nachricht zu bekommen."
Taichi nickte während er sein Zelt, das endlich wieder vollkommen trocken war zusammenfaltete.
„Wir müssen einfach hoffen, dass es ihnen gut gehen. Sie alle wissen ja wie sie sich zu verhalten haben, wenn irgendetwas passiert."
*
Sie brauchten nicht lange um die Rucksäcke zusammen zupacken und los zulaufen. Sie hatten sich entschieden die Richtung beizubehalten in die Taichi schon vorher gelaufen war.
Da sie nur zwei Richtungen zur Auswahl hatten schien es nicht viel Sinn zu machen wieder zurück in die andere Richtung zu laufen.
Sie liefen eine Weile schweigend nebeneinander her, bevor Koushiro schließlich das Wort ergriff.
„Was denkst du ist hier passiert?", fragte er und Taichi überlegte einen Moment wie er Koushiros Worte einordnen sollte. „Was meinst du?", fragte er schließlich zurück. „Mit Yamato oder mit uns?"
Koushiro schüttelte den Kopf. „Ich meine allgemein, mit dieser Welt. Wir haben damals ziemlich viel gesehen und auch wenn es bestimmt Ecken gab die wir nicht gesehen haben, werde ich das Gefühl nicht los, dass das hier nicht die Digiwelt ist die wir kannten."
„Du meinst, das wir vielleicht ein falsches Tor geöffnet haben.", jetzt wo er den Gedanken ausgesprochen hatte wurde Taichi klar, dass er ihn schon seit seiner Ankunft hier mit sich herum trug. Sie hatten schon einmal der Gefahr gegenüber gestanden ein Tor falsch zu öffnen. Damals hatten sie Glück gehabt aber was war wenn es heute vielleicht falsch gelaufen war, wenn sie diesmal einen Fehler gemacht hatten. „Oder vielleicht hat ja auch dieses... Wesen, diese Stimme uns in eine andere Welt geschickt."
Koushiro dachte für einen Moment nach bevor er antwortete. „Diese Möglichkeit hatte ich noch gar nicht in Betracht gezogen. Aber wir wissen ja auch noch nicht einmal was die Stimme war."
„Nein das wissen wir nicht.", Taichi schüttelte den Kopf „Aber ich denke mal wir müssen nicht groß daran zweifeln, dass es das ist wogegen wir uns behaupten müssen. Das was uns das ganze Schlamassel hier eingebrockt hat."
„Wahrscheinlich", gab Koushiro zu und schwieg dann.
Der Rucksack lag unbequem auf seinem Rücken. Taichi blieb stehen und griff nach hinten um die Gurte zu verstellen. Erst als er fertig war bemerkte er den gedankenvollen Gesichtsausdruck bei Koushiro. „Worüber denkst du jetzt nach?"
„Es gibt natürlich die Möglichkeit, dass es unser Feind war.", Koushiro nickte vorwärts um Taichi zu bedeuten, dass sie beim Reden weiterlaufen sollten. „Aber was ist wenn es so ist wie früher?"
Taichi überlegte einen Moment, aber er verstand nicht. „Was meinst du?"
„Erinnere dich. Gegen wieviele Feinde haben wir damals gekämpft bis wir schließlich unseren eigentlichen Gegner vor uns stehen hatten?"
Natürlich, da musste Taichi Koushiro Recht geben. Damals waren es wirklich viele Stufen gewesen die sie hatten nehmen müssen bis sie schließlich gegen ihren eigentlichen Feind gekämpft hatten. „Das ändert aber an der eigentlichen Sitation nichts.", sagte er schließlich, nachdem er einige Minuten darüber nachgedacht hatte. „Wieso sollten wir uns jetzt große Gedanken darüber machen? Wenn danach ein weiterer Gegner kommt werden wir uns dann um ihn kümmer. Jetzt gerade haben wir diese eine Situation vor uns und um diese sollten wir uns kümmern."
Koushiro betrachtete ihn nachdenklich. „Du hast dich geändert Taichi."
Aus einem Grund, den er selber nicht wusste konnte Taichi den Blick des anderen nicht erwidern. „Ich weiß.", sagte er deshalb nur.
*
Sie hatten sich entschieden eine Mittagspause zu machen und lagerten unter einem der großen Bäume, die man hier ab und zu fand.
Taichi hatte fast damit gerechnet, dass es anstrengender sein würde zu zweit unterwegs zu sein. Schließlich redeten sie die ganze Zeit und verbrauchten dadurch noch mehr Sauerstoff, was ihrer Kondition wahrscheinlich nicht unbedingt gut tat. Tatsächlich war es aber so, dass sie zwar etwas weniger Strecke geschafft hatten als noch am Tag zuvor als sie alleine unterwegs gewesen waren, aber sie beide mussten zugeben dass sie sich bei weitem nicht so müde fühlten wie sie es die letzten Tage getan hatten.
Deshalb hatten sie beschlossen sich zu setzten, auszuruhen, etwas zu essen und zu trinken und dann noch einmal einige Stunden zu laufen bevor sie schließlich ir Nachtlager suchen würden.
Koushiro hatte nur wenige Minuten nachdem sie sich gesetzt hatten das Walkie Talkie herausgezogen und es nachdenklich betrachtet. Im Laufe des Tages hatten sie jede halbe Stunde eine Nachricht reingesprochen, aber nie eine Antwort bekommen. Taichi wusste ebenso gut wie Koushiro, dass es immer noch die Möglichkeit gab, dass sie das Gerät hier einfach nicht funktionierte, aber noch waren sie nicht bereit aufzugeben.
„Damit versucht ihr also die anderen zu erreichen."
Yamato war auch diesmal genauso überraschend aufgetaucht wie beim letzten Mal. „Yamato!", rief Taichi, der sich erschrocken hatte und Koushiro blickte suchend durch die Gegend.
„Wo denn?", fragte er aufgeregt. „Ich sehe niemanden."
Taichi blinzelte erstaunt. Aber. „Er steht direkt neben dir."
„Dazu reicht meine Kraft nicht.", erklärte Yamato bevor Koushiro etwas sagen konnte. „Deine Erinnerungen an mich sind sehr viel stärker als seine. Deshalb kannst du mich sehen, aber mich nicht."
„Er sagt es liegt an den Erinnerungen. Meine sind stärker, deshalb kann ich ihn sehen. Ich hatte dir doch gesagt, dass er wie früher aussieht."
Taichi konnte die Zweifel in Koushiros Augen sehen, aber er beschloss, dass er sich darum später kümmern würde. Im Moment war es nur wichtig rauszufinden was Yamato ihnen noch sagen konnte.
„Ich habe noch weniger Zeit als gestern.", erklärte Yamato. „Es war schwierig hierher zu kommen. Er muss die Frequenz ändern. Schnell."
Taichi nickte und drehte den Kopf zu Koushiro „Er sagt du sollst die Frequenz ändern."
Koushiro schüttelte den Kopf. „Das macht aber keinen Sinn, das hier ist die beste Qualität die ich reinbekommen habe."
„Aber das wissen die anderen nicht.", sagte Yamato, seine Stimme nur noch ein Flüstern und dann war er verschwunden.
Taichi saß für einen Moment wie erstarrt, dann krabbelte er über den Boden um sich direkt neben Koushiro zu setzen. „Wir können uns gleich darüber streiten ob ich verrückt geworden bin Koushiro. Er ist weg, und ich glaube wir haben nicht viel Zeit, er hat gesagt wir sollen die Frequenz ändern."
„Aber..."
„Es ist die beste ich weiß.", Taichi ließ Koushiro gar nicht die Möglichkeit groß zu widersprechen. „Aber ich weiß das nur, weil du es mir erklärt hast, wissen die anderen es?"
Erkenntnisse machte sich in seinen Gesichtzügen breit, bevor er hastig wieder begann an den Knöpfen vor ihm zu drehen.
„...knacks... alo?..."
„Da!", rief Koushiro, als wäre Taichi taub und hätte es nicht selbst hören können. „Ich glaube es nicht, da war tatsächlich etwas. Warte, vielleicht bekomme ich es noch besser rein."
Er drehte wieder, diesmal jedoch bedachter und offensichtlich konzentrierter und mit einem Male war die Stimme zwar immer noch nicht vollkommen klar, aber verständlich.
„Hallo?! Hört mich irgendjemand."
„Hallo! Hallo!", rief Koushiro in das Funkgerät hinein. „Hier ist Koushiro. Hörst du mich?"
„Koushiro? Oh Gott sei Dank.", jetzt erkannte auch Taichi endlich die Stimme. Es war Mimi, kleine, liebe Mimi, Gott sei Dank ging es ihr gut. Um sie hatte sich Taichi noch am meisten Sorgen gemacht.
„Mimi!", rief Koushiro jetzt in das Gerät. „Wo bist du? Kannst du mir das irgendwie beschreiben."
Ein Lachen als antwort bevor Mimi wieder sprach. „Das ist schwierig zu erklären. Hundert Meter westlich von uns ist ein riesiger Baum, viel größer als die Anderen. Ansonsten sieht hier alles gleich aus. Ein Dschungel eben."
Koushiro warf Taichi einen auffordernden Blick zu und der Braunhaarige Junge verstand sofort. Er brauchte länger als er früher gebraucht hatte, aber schließlich war er hoch genug auf den Baum neben ihnen geklettert, dass er über die meisten der kleineren Bäume hinüber sehen konnte.
„Ich denke ich weiß welchen sie meint. Sag ihr, dass wir etwas brauchen, das ist schon ein Stück, aber das wir uns dort mit ihr treffen."
„Ok.", rief Koushiro ihm hoch und sprach wieder ins Funkgerät, es war zu leise und Taichi war zu konzentriert darauf wieder heil herunter zu kommen um zu verstehen was er sagte, aber als er wieder unten war, war Koushiro offensichtlich fertig und trug ein glückliches Lächeln auf den Lippen.
„Eine mehr.", erklärte er und legte Taichi eine Hand auf die Schulter. Taichi drehte sich zu ihm und lächelte ihm aufmunternd zu. „Ich hab dir doch gesagt es wird alles gut."
Taichi zog den Kompass aus der Hosentasche wo er ihn inzwischen immer griffbereit aufbewahrte. „Der Baum ist in diese Richtung." Er zeigte es Koushiro. „Ich denke wir werden etwas zwei oder drei Stunden unterwegs sein. Es ist zwar nicht so weit wie wir heute vormittag gelaufen sind, aber der Weg sah ziemlich verwachsen aus, ich denke wir werden uns durchkämpfen müssen."
*
Tatsächlich dauerte es drei Stunden bis sie den Kompass endlich wegpacken konnten, weil sie nun nah genug an dem Baum dran waren um auch ohne Kompass die Richtung erkennen zu können.
Zu seinem eigenen Bedauern hatte Taichi Recht gehabt, der Weg war sehr verwachsen gewesen. Zeitweise hatten sie überlegt zur Seite auszuweichen und einen anderen Weg zu suchen, aber dann war ihnen das Risiko zu groß gewesen das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren.
Es war warm und anstrengend während sie liefen und beide hatten sie ihre Jacken ausgezogen. Die Shirts die sie anhatten und die verschwitzt an den Körpern klebten boten jedoch kaum Möglichkeiten sie vor den Büschen zu schützen und so waren ihre Arme und Gesichter inzwischen von Kratzern überzogen.
Taichi hatte zwischendurch die Hose hochgekrempelt um sich wenigstens etwas Kühlung zu verschaffen, seine Entscheidung aber direkt wieder revidiert. Es reichte, dass sein ganzer Oberkörper durch die Kratzer zu brennen schien, dass brauchte er nicht auch noch an seinen Beinen.
„Es wird langsam leichter, findest du nicht?", rief Koushiro von vorne und Taichi lachte laut auf, hielt den Satz für einen Witz, bevor er bemerkte, dass sein Freund tatsächlich Recht hatte. „Du hast Recht.", rief er nach vorne und atmete dann erleichtert tief ein.
Es war nicht mehr weit und bald würden sie sich ausruhen können. Und vielleicht hatte Mimi etwas rausgefunden von dem sie nichts wussten. Dann würden sie einen neuen Plan machen können.
„Pass auf.", rief Koushiro und seine Stimme war ruhig und entspannt und es klang nur nach einem gut gemeinten Ratschlag, so dass Taichi mit einem weiteren dornigen Busch rechnete. Er machte einen beherzten Schritt nach vorne, stolperte und fiel zu Boden als mit einem Male all die dicht wachsenden Pflanzen um ihn herum verschwanden, die ihn gestützt hatten und er sein Gleichgewicht verlor.
„Verdammt!", fluchend richtete er sich auf und klopfte sich den Staub von den Knieen. „Hättest du mich nicht warnen können Koushiro."
Taichi bekam ein Grinsen als Antwort. „Hab ich doch. Ich hab dir gesagt, dass du aufpassen sollst."
„Ja, aber das nächte Mal sag es mir doch bitte so, dass ich dich auch ernst nehme, dass wäre schon einmal sehr hilfreich." Er verzog das Gesicht als er kleine Bluttropfen an seiner Hose bemerkte und begriff, dass er sich wohl das rechte Knie aufgescharbt hatte. So viel dazu seine Beine würden heil bleiben.
Nunja, er würde sich später darum kümmern können.
„Was ist überhaupt los?", fragte er dann und blickte sich um. Erstaunt stellte er fest, dass sie sich mitten auf einer großen Lichtung befanden, eingerahmt von dem dicht bewachsenen Dschungel. Hier aber, wuchs nur Gras und einzelne kleine Büsche.
Da war ein kleiner Teich, der ziemlich sauber aussah und daneben der große Baum auf den sie die ganze Zeit zu gelaufen waren und dort...
„Koushiro!"
Mimi kam auf sie zugerannt, fiel erst Taichi um den Hals, der näher zu ihr gestanden hatte und dann dem Jungen nachdem sie eigentlich gerufen hatte. Taichi war sich sicher, dass auch Koushiro all die Kratzer bei der Umarmung noch mehr weh tuen mussten als sie es sowieso schon getan hatten, so war es bei Taichi schließlich auch gewesen, aber er ließ sich nichts anmerken, sondern erwiderte Mimis umarmung mit einer Stärke, die schon fast an Verzweiflung grenzte.
„Taichi!", rief da eine andere Stimme. „Hier drüben!"
Erst jetzt bemerkte er die weitere Person, die am Baum stehen geblieben war. „Takeru, du bist auch hier." Taichi lief rüber, darauf bedacht sein schmerzendes Knie so wenig wie möglich zu belasten. „Mimi hatte gar nicht erwähnt, dass du auch hier bist."
„Ich denke sie hat es in der Aufregung vergessen." Bevor Taichi irgendetwas tun konnte hatte Takeru bereits nach seinem Arm gegriffen und ihn zu Boden gezogen. „Setz dich hin.", befahl er „Du siehst gar nicht gut aus, wir müssen diese ganzen Wunden säubern, die sind doch bestimmt schmerzhaft."
Taichi lächelte und lehnte sich gegen den Baumstamm der sich in seinem Rücken befand „Wann bis du denn zum Beschützer geworden?", fragte er, sah wie Takeru sein Grinsen erwiderte und schloss müde die Augen.
„Es geht ihr gut.", sagte Takeru, kurz nachdem er mit einem nassen Stück Stoff angefangen hatte die Kratzer vom größten Schmutz zu befreien. „Wir haben sie vor zwei Tagen gefunden. Sie ist nur eben im Wald. Einige Meter in nördlicher Richtung sind Büsche mit irgendwelchen Früchten, davon holt sie welche."
„Gott sei Dank.", flüsterte Taichi und spürte wie er sich langsam entspannte. „Ihr wart also zusammen unterwegs?"
Er wusste, dass Takeru nickte obwohl er es nicht sah „Mimi und ich haben uns schon kurz nachdem wir aufgewacht sind gefunden. Einen Tag später bekamen wir dann per Funk ein Signal von Hikari rein. Es dauerte eine ganze Weile bis wir sie schließlich gefunden hatten, wir hatten nicht wie jetzt einen Anhaltspunkt, aber seit dem sind wir zusammen."
„Ihr habt sie hier im Dschungel suchen müssen?"
„Mehr oder weniger. Wir haben viel darüber geredet was wir sehen und als sie eine See erwähnte wusste sie, dass sie sich eigentlich hinter uns und nicht wie wir gedacht hatten vor uns befand. Wir sind alle zu der Steinwand am Rand des Dschungels gelaufen und dann aufeinander zu. Irgendwann haben wir uns dann getroffen. Im Gegensatz zu uns war deine Schwester intelligent genug den Kompass als Orientierung zu nutzen."
„Dafür habt ihr an das Funkgerät gedacht.", erklärte Taichi „Darauf bin ich nicht gekommen, erst nachdem ich Koushiro getroffen hatte haben wir es eingeschaltet, sonst hätten wir euch vielleicht nie gefunden."
„Wie hast du Koushiro überhaupt gefunden?"
Der nasse Stoff verschwand und Taichi zögerte für einen Moment was er antworten sollte, dann beschloss er, dass er noch nicht bereit war mit der Wahrheit rauszurücken. Er hatte das Unglauben in Koushiros Augen gesehen als er erzählt hatte, wenn dann würde er es ihnen allen gleichzeitig erzählen und sich allen Fragen auf einmal stellen. Außerdem wollte er Takeru keine falschen Hoffnungen machen.
Schließlich hatte Yamato ihn in der Email gebeten auf seinen kleinen Bruder aufzupassen.
„Glück.", sagte er stattdessen und öffnete die Augen gerade rechtzeitig um seine Schwester aus dem Wald treten zu sehen.
„Hikari!", rief er und bekam als Antwort einen glücklichen Aufschrei seiner Schwester. „Bleib sitzen.",befahl Takeru ihm bevor er sich überhaupt bewegen konnte. „Ich habe dich gerade halbwegs sauber und wenn du jetzt irgendwohin läufst fällst du bei deinem Talent sowieso nur wieder hin."
Taichi gehorchte und es war auch egal, denn es dauerte nur Sekunden bis Hikari einen Beutel – voller Früchte wie Taichi vermutete – neben ihn fallen ließ, in die Knie ging und ihn umarmte.
„Es tut so gut dich zu sehen.", flüsterte sie in sein Ohr. „Als Mimi mir gesagt hat, dass ihr unterwegs seid konnte ich es kaum glauben."
Taichi hob einen Arm – den anderen hatte Takeru bereits wieder unter Beschlag genommen – schlang ihn um ihren Rücken und drückte sie lächelnd an sich. „Ich freue mich, dass es dir gut geht.", erklärte er „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht."
Sie löste sich lachend von ihm. „Immer noch der große Bruder."
„Du wirst ja auch immer meine kleine Schwester sein.", erklärte er und obwohl sie grinste war das fast unmerkliche Nicken was sie ihm schenkte Antwort genug.
„Mimi!", rief Takeru und Taichi zuckte erstaunt zusammen, weil er mit so einem Ruf nicht gerechnet hatte. „Kommt endlich hier rüber, ich brauch das Verbandszeug aus deinem Rucksack. Und Koushiros Kratzer müssen auch versorgt werden."
„Wieso habt ihr eigentlich keine Kratzer.", fragte Taichi „Hier ist doch alles verwachsen drumherum."
Hikari schüttelte aus den Kopf „Wir kamen aus dieser Richtung.", sie zeigte es ihm mit dem Finger. „Es ist zwar auch ziemlich durchwachsen aber nicht ganz so schlimm, außerdem sind es nur wenige Meter durch die Büsche, für die Strecke haben wir einfach trotz der Hitze unsere Jacken angezogen."
„Das hätten wir vielleicht auch tun sollen."
Koushiro der jetzt mit Mimi zu ihnen getreten war schüttelte den Kopf. „Das hätte nicht funktioniert Taichi, bei der Strecke die wir hinter uns bringen mussten hätten wir irgendwann einen Hitzschlag bekommen."
„Das könnte wohl sein."
Koushiro setzte sich zu ihm. Mimi nahm Takeru das Stück Stoff ab und ging zum See um es aufzuwaschen. Als sie wiederkam fing sie mit einem Kopfschütteln an nun auch Koushiros Schnitte zu säubern. „Das habt ihr wirklich gut hinbekommen. Die Erste Hilfe Sachen sind in der Seitentasche vom Rucksack Takeru."
Sie saßen eine Weile schweigend zusammen, während Takeru und Mimi sich um die Wunden kümmerten und Hikari die Früchte säuberte und mit dem Taschenmesser in kleine Stücke schnitt.
Es war Takeru der schließlich auf die Uhr blickte. „Die anderen sollten eigentlich langsam auch hier sein, nicht wahr?"
Taichi richtete sich mit einem Ruck auf. „Die anderen?"
„Haben wir das euch noch nicht erzählt?", fragte Hikari und blickte ihn erstaunt an. „Jou und Sora haben sich auch vor etwa einer Stunde über Funk gemeldet, es geht ihnen gut und sie sind nun ebenfalls auf dem Weg hierher."
Es war das erste Mal, seit er hier aufgewacht war, dass er sich wirklich vollkommen entspannen konnte. Sie waren also alle in Sicherheit und nicht mehr lange und sie würden wieder zusammen sein. Bevor er seinen Gedanken aussprechen konnte sagt Koushiro bereits fast genau dasselbe und alle nickten zustimmend.
„Eines finde ich aber dennoch selbst.", erklärte Takeru. Mimi antwortete: „Das sich die Digiwelt so sehr geändert hat?"
Er schüttelte den Kopf, überlegte ganz kurz und nickte dann doch „Doch, das natürlich auch, aber das ist nicht der Hauptpunkt, vor allen Dingen finde ich es merkwürdig, dass wir bisher noch nicht ein Digimon getroffen haben. Als würde es sie gar nicht geben."
Koushiro und Taichi tauschten einen besorgten Blick aus. „Das passt zu unserem Gedanken nicht wahr?", fragte Koushiro und Tachi musste ihm leider Recht geben.
„Welcher Gedanke?", fragte Hikari nach.
„Erinnert ihr euch noch damals, als wir in Myotismons Schloss das Tor öffnen mussten um in unsere Welt zurückzukehren? Wir mussten damals das Risiko eingehen, dass wir vielleicht in einer anderen Welt landen als wir geplant hatten. Was, wenn uns jetzt genau das passiert ist?"
Takeru blickte ihn nachdenklich an „Du meinst, uns könnte es passiert sein, dass wir das falsche Tor geöffnet haben?"
Koushiro nickte. „Das ist eine Möglichkeit. Eine andere Möglichkeit ist natürlich, dass wir mit Absicht in eine falsche Welt gestoßen worden sind."
„Du meinst diese Stimme nicht wahr?", zum ersten Mal schwang in Hikaris Stimme so etwas wie Angst mit. Als sie ihre Worte ausgesprochen hatte konnte Taichi auch Angst bei den anderen erkennen.
„Es bringt nichts wenn wir jetzt darüber reden.", erklärte er entschlossen. „Sora und Jou sind auf dem Weg hierher. Lasst uns auf sie warten und dann mit ihnen alles durchdiskutieren, jeder von uns kann dann seine Geschichte erzählen und wir müssen alles nicht dreimal wiederholen, das wird uns zugute kommen."
*
Sora und Jou schafften es ebenso wie Hikari, Takeru und Mimi unverletzt durch das Gebüsch, was Koushiro und Taichi die inzwischen über den ganzen Körper hinweg mit Pflastern eingedeckt waren einige Lacher einbrachte.
„Dabei sollte man von seiner eigenen Familie doch eigentlich das meiste Mitleid erwarten.", erklärte Taichi und bewarf Hikari mit einem Stück Frucht nachdem sie sich einen weiteren Scherz auf seine Kosten erlaubt hatte.
„Lasst uns ein kleines Feuer machen.", erklärte Mimi schließlich. „Dann kann ich Wasser aufkochen und uns allen einen Tee machen, das wird uns allen gut tun."
Sora verzog das Gesicht. „Mir ist sowieso schon eklig warm, warum sollte ich dann auch noch einen Tee trinken."
Jou hob einen Finger als er zur erklärung ansetzte und Taichi lächelte als ihm klar wurde, dass Jou das schon früher immer getan hatte wenn er ihnen allen etwas wichtiges sagen wollte. „In einer warmen Umgebung ist es besser für den Körper auch etwas warmes zu trinken, das hilft dem Körper sich an die Außentemperaturen anzupassen. Deshalb wird Tee zum Beispiel auch so gerne bei Wüstenvölkern getrunken."
Sora verdrehte die Augen. „Schön für die Wüstenvölker, aber das bedeutet nicht, dass ich einen Tee haben möchte."
„Es zwingt dich ja auch keiner.", erklärte Mimi und stand auf, trotz der Freundlichkeit in ihrer Stimme konnte Taichi sehen, dass sie von Soras Verhalten genervt war. War es nicht einmal andersrum mit ihren Rollen gewesen? „Aber ich werde für den Rest von uns nun dennoch einen aufsetzen. Hikari hat vorhin auf dem Weg einige Kräuter gefunden. Wir haben zwar auch Teebeutel dabei, aber ich denke solange wir hier andere Möglichkeiten finden, sollten wir die Dinge, die wir in den Rucksäcken haben aufheben."
Alle nickten zustimmend.
„Koushiro.", Taichi stieß den immer noch kleineren Jungen an und bedeutete ihm mit einem Kopfnicken ihm zum Teich zu folgen.
„Gleich werden wir alle unsere Geschichten austauschen.", erklärte er und Koushiro nickte. „Du weißt nicht ob du von Yamato erzählen sollst nicht wahr?"
Taichi ließ die Luft aus seinen Lungen mit einem einzigen Stoß heraus und verharrte für einen Moment regungslos bevor er wieder einatmetete „Es hört sich nun einmal verrückt an.", sagte er schließlich. „Ich meine es war von Anfang an verrückt, aber jetzt wo du ihn nicht sehen kannst ist es noch schlimmer als es vorher schon war."
„Ich weiß nicht Taichi. Wir haben schon verrückteres hier erlebt findest du nicht? Ich überlasse die eigentliche Entscheidung dir, aber meiner Meinung nach solltest du es ihnen erzählen. Vielleicht ist es auch nur unser Feind, der sich einen Spass mit uns erlaubt. Erinnerst du dich zum Beispiel noch wie Yamato damals von Cherrymon manipuliert wurde? Aber gerade wenn wir so etwas für möglich erachten sollten alle Bescheid wissen, damit wir eingreifen können wenn etwas passiert.
„Sollten sie nicht wissen was los ist könnten sie vielleicht irgendwann falsche Annahmen machen und der Truppe damit mehr schaden, als es nötig wäre."
Taichi konnte nicht anders als ihm zustimmen. Er drehte sich um und begann langsam zu den anderen zurückzulaufen, Koushiro direkt an seiner Seite.
Sie waren gerade ein, zwei Meter gegangen, als Koushiro ihm eine Hand auf die Schulter legte und aufbauend zudrückte.
„Mach dir nicht so viele Gedanken.", erklärte er „Keiner wird dich für verrückt erklären. Wir sind Freunde. Und wir haben schon ganz andere Sachen durchgestanden. Erzähl es einfach."
Taichi blieb stehen und ließ Koushiro vorgehen. Er selbst hingegen nutzte den Moment um seine Freunde zu beobachten. Ja, tatsächlich, obwohl sie fast keinen Kontakt gehabt hatten fühlte es sich immer noch wie Freunde an. Wie konnte das nur sein.
Während er sich die Anderen anschaute, erinnerte er sich daran, wie es damals teilweise ausgesehen hatte, wenn sie gerastet hatten. Das Bild in seinen Erinnerungen war nicht wesentlich anders als das was sich jetzt hier vor seinen Augen befand. Natürlich sie alle waren älter geworden, aber es hatte sich gar nicht so viel verändert wie Taichi es eigentlich gedacht hatte.
Wir haben ein solches Abenteuer zusammen mitgemacht, hatte Sora einmal zu ihm gesagt kurz nachdem sie wieder in der normalen Welt gewesen waren, es kann passieren was will, der Bund den wir dadurch geschlossen haben kann uns niemand wegnehmen.
Damals hatte er ihre Worte für leer gehalten. Es war eben etwas was man nach einer zusammen verbrachten Zeit sagen musste um sie wert zu schätzen, so war es ihm zumindest vorgekommen.
Erst jetzt erkannte Taichi, dass sie tatsächlich Recht gehabt hatte.
Vor zehn Jahren waren sie alle das letzte Mal vollkommen zusammen gewesen. Und dennoch hatte keiner von ihnen gezögert zu Yamatos Rettung zu eilen. Taichi hätte in diesem Moment nicht stolzer sein können.
„Taichi!", rief Takeru und riss damit Taichi aus seinen Gedanken. „Jetzt komm endlich! Der Tee ist fertig und wir wollen reden."
*
Es stellte sich heraus, dass sich ihre Geschichten alle nicht groß unterschieden. Die kleineren Truppen hatten sich alle eher durch Zufall zusammengefunden, aber jeder von ihnen war alleine gewesen als er das Bewußtsein wiedererlangt hatte.
Jeder schätzte die Zeit die vergangen war auf etwa sechs Tage, manche auch nur auf fünf, aber das erklärten sie mit der Bewußtlosigkeit erklärt. Niemand von ihnen wusste wo sie hier waren und niemand hatte auch nur ein Digimon gesehen.
Keiner von ihnen hatte eine Idee was sie jetzt tun sollten.
Taichi fiel es schwer seine Frustation zu verbergen. Zuerst war da natürlich die Erleichterung gewesen. Als er den anderen von Yamato erzählt hatte hatten sie tatsächlich gut reagiert und niemand hatte ihn für verrückt erklärt. Stattdessen hatte Taichi bei ihnen allen Hoffnung gesehen vor allem bei Takeru.
Selbst als er ihnen erklärt hatte dass es natürlich die große Chance gab, dass das nur eine Falle war war die Hoffnung nicht verschwunden.
Taichi hatte schließlich erkennen müssen, dass er von ihnen allen wohl die größten Zweifel in sich trug, wie konnte es auch anders sein. Aber irgendetwas an der ganzen Situation schien ihm merkwürdig und ganz abgesehen von den selbst für einen Blinden offensichtlichen Punkten konnte er einfach nicht den Finger drauf legen.
Aber auch er musste zugeben, dass das erscheinen von Yamato der einzige Anhaltspunkt war den sie momentan hatten. Und da Yamato nicht da war, nun... Er strich sie müde über die Augen bevor er den Gedanken noch einmal versuchte. Da Yamato momentan nicht hier war, weder persönlich noch als Illusion oder Geist oder was auch immer das die letzten Male gewesen war hatten sie – mal wieder – keinerlei Idee was sie tun sollten.
„Wir könnten hoch klettern und oben weitersuchen.", schlug Takeru in diesem Moment vor und Taichi schüttelte direkt den Kopf bevor die Idee weiterverfolgt werden konnte.
„Das würde ich nicht machen.", sagte er und die anderen hörten ihm gespannt zu, schließlich war er der Einzige der nicht hier unten aufgewacht war. „Mal abgesehen davon, dass der Aufstieg schon gefährlich genug wäre, ich hab glaube ich all unser Glück aufgebraucht als ich den Fall hier runter überlebt habe, denke ich nicht, dass uns das irgendwie weiterbringen würde.
„Dort oben ist einfach nichts. Nur Steinwüste. Todeswüste, wie Yamato es bezeichnet hat. Und das Dämmerlicht, dass dort oben herrscht. Es wird uns nicht gut tun. Ich habe es selbst gespürt als ich dort war und Yamatos Worte haben es noch einmal bestätigt."
Eine Weile herrschte Schweigen in der Truppe, bevor Sora zum ersten Mal seit sie begonnnen hatten zu diskutieren etwas sagte.
„Gehen wir jetzt also davon aus, dass das tatsächlich Yamato war, der dir erschienen ist ja?", der bissige Unterton war für niemanden zu überhören.
Taichi nickte „Ich denke darauf haben wir uns geeinigt. Auch wenn es natürlich die Möglichkeit gibt dass es eine Falle ist, ist das hier momentan unsere einzige Chance."
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke, dass du übersiehst dass es noch eine weiter Möglichkeit gibt."
Taichi schaute sie erstaunt an. Damit hatte er nicht gerechnet. „Eine weitere Möglichkeit? Ich bin mir nicht wirklich sicher was du meinst. Falle oder Wahrheit. Etwas anderes fällt mir nicht ein."
Sie lehnte sich gemütlich gegen den Baumstamm in ihrem Rücken und Taichi konnte sich dem Eindruck nicht entwehren, dass sie die Situation gerade genoss. „Es gibt noch die Realität in der beides wahr sein könnte."
„Das es eine Falle ist obwohl Yamato die Wahrheit sagt? Du meinst, dass er selber nur benutzt wird um uns zu locken und es gar nicht weiß?", fragte Hikari
Sora lachte kurz auf. Es klang nicht echt. „Nein, ihr wollt es einfach nicht sehen oder? Ich meine, dass er es wirklich ist und uns vollkommen bewusst und mit Absicht selber in eine Falle lockt."
Taichi wusste nicht was er sagen sollte. Wenn Sora ihn mit diesen Worten treffen wollte – und dessen war er sich fast sicher – dann hatte sie das gerade unausweichlich geschafft. Er versuchte nach Worten zu greifen, Sätze zu formulieren, aber es gelang nicht. Zu seinem Glück waren andere da, die das Reden für ihn übernahmen.
„Der Gedanke ist doch irrsinnig.", sagte Jou in diesem Moment und brachte Taichi damit nur zu einem traurigen Lächeln. Jou hatte vor ihrer Abreise schon gezeigt, dass er nicht wusste was zwischen Sora, Yamato und ihm vorgefallen war, er konnte es nicht wissen was sie meinte. Für ihn mussten die Worte noch unverständlicher sein als sie für diejenigen die Bescheid wussten waren.
„Warum sollte Yamato so etwas tun?", fragte Jou schließlich. „Wir sind seine Freunde, auch wenn wir keinen Kontakt hattten, gibt es keinen Grund uns zu schaden."
„Du weißt offensichtlich nicht alles Jou, also lass die wichtigen Entscheidungen andere treffen.", für einen kurzen Moment schien Sora selbst von der Böshaftigkeit ihrer Worte überrascht zu sein. „Yamato hat vielleicht keinen Grund uns irgendetwas zu tun, aber einer Person würde er ganz gerne einiges heimzahlen nicht wahr?"
Sie blickte so offensichtlich Taichi an, dass es wirklich niemandenem entgehen konnte. „Sei ruhig.", schaffte es dieser nur zu flüstern. Genau verstand er nicht warum, aber es schien als wäre mit einem Male alle Kraft aus ihm gewichen.
„Du hast doch keine Ahnung.", erklärte da mit einem Male Takeru mit fester Stimme. „Yamato würde Taichi niemals schaden wollen."
„Ach, und das weißt du so genau?"
„Natürlich! Ich bin sein Bruder Sora und in keinem Moment in seinem Leben hat er dir mehr vertraut als mir.", jetzt war es Sora die verletzt und geschockt drein blickte „Es gibt also nichts was du wissen kannst was niemand sonst weiß. Ich sage dir eins: Offensichtlich kanntest du meinen Bruder niemals wirklich denn sonst wüsstest du, dass es überhaupt nicht zur Debatte steht dass er sich auf dieses Niveau hinunter lässt. Das mag deins sein aber nicht seins."
„Takeru, bleib ruhig...", warf Hikari ein und legte besorgt eine Hand auf seinen Arm. Er nickte ihr kurz zu. „Ich will nur noch eine Sache sagen.", fuhr er fort „Dann bin ich auch schon fertig."
Takeru drehte sich von Hikari weg und blickte wieder Sora an. „Manchmal solltest du dir wirklich die Konsequenzen bewusst machen bevor du einfach irgendwelche Anschuldigungen in den Raum wirfst. Du wolltest Taichi verletzen? Schön für dich, alle wissen, dass er damals einen Fehler gemacht und er weiß das bestimmt besser als wir alle. Aber eines war Yamato die ganze Zeit klar. Und das brauchst du gar nicht erst anzuzweifeln, denn er hat es mir ins Gesicht gesagt und das sogar mehrmals."
In solchen Momenten war es schwierig zu glauben, dass Takeru der Jüngste von ihnen war, denn sie alle wussten, dass in diesem Moment in dem er noch einmal tief Luft holte, er Kraft tankte zum endgültigen Schlag gegen Sora.
„Yamato hätte sich niemals an Taichi gerächt. Das was geschehen ist hat er als das gesehen was es war: Ein Fehler. Und er wusste wer für die ganze Situation eigentlich verantwortlich war. Wäre Yamato also wirklich so tief gesunken sich auf so etwas einzulassen, Sora, dann gäbe es nur eine Person an der er sich rächen würde und das bist du selbst. Also tu uns allen den Gefallen und halt die Klappe und denk das nächste Mal nach bevor du irgendetwas sagst oder tust oder dich mal wieder entscheidest die Leben anderer Menschen zu zerstören."
Es herrschte geschockte Stille in der Runde, bis Sora schließlich aufstand – ihre Hände zitterte als sie sich kurz am Boden abstützte – und zum See hinunterging.
„Ich traue mich kaum es zu sagen.", erklärte Mimi schließlich, ein Grinsen auf ihren Lippen, aber für jeden von ihnen war es offensichtlich das dies nur gespielt war. „Aber das war beeindruckend Takeru. Und auch wenn ich nicht genau weiß was hier vor sich geht, war es anscheinend nötig."
Der Stolz in ihrer Stimme war jedoch echt.
„Dennoch sollte so etwas nicht noch einmal vorkommen.", warf Jou ein und hob als Reaktion auf die bösen Blicke die er bekam direkt abwehrend und beruhigend zugleich die Hände. „Schaut mich nicht so vorwurfsvoll an, ich sage hier auch nur was gesagt werden muss. Auch wenn Takeru vielleicht mit dem was er gesagt hat Recht hatte – das weiß ich nicht, ich verstehe ja noch nicht einmal wirklich was hier gerade passiert ist – müssen wir doch zusammenhalten. Ich denke, dass eins unserer höchsten Prioritäten sein sollte unsere alten Fehler nicht zu wiederholen."
Auf die fragenden Blicke hin setzte er zu einer Erklärung an. „Als wir das erste Mal hier waren waren wir dreimal getrennt worden. Einmal wurden wir getrennt, einmal haben wir uns zerstritten, einmal haben wir uns bewusst getrennt um unsere Wege zu finden. Das war damals vielleicht unvermeidbar, aber jetzt sind wir erwachsen, wir sollten unsere Probleme lösen können."
Hikari öffnete den Mund um etwas einzuwerfen, aber Jou hob eine Hand um fertig sprechen zu können. „Tatsache ist nun einmal, wann immer wir getrennt waren mussten wir wieder zusammenkommen um unser Ziel zu erreichen. Wir konnten es immer nur zusammen schaffen. Das hat uns vor allem der letzte Kampf gezeigt. Wir sollten schauen, dass wir das nicht vergessen."
Sie zögerte einen Moment, dann nickte Hikari und stand auf „Ich werde mit ihr reden.", erklärte sie „Und dann werden wir eine Nacht drüber schlafen oder was auch immer hier eine Nacht ist und morgen werden wir dann einen Plan ausarbeiten."
*
Als sie schließlich alle zum Essen zusammen saßen herrschte sehr gedämpfte, angespannte Stimmung.
„Wir sollten uns überlegen was wir jetzt machen.", sagte Jou schließlich und hatte dabei einen Blick drauf, als hätte er Angst davor, dass ihn irgendjemand angreifen würde nur weil er den Mund geöffnet hatte.
„Große Möglichkeiten haben wir nicht.", antwortete Takeru und Jou atmete sichtbar aus. „Wir können entweder hier bleiben irgendwann irgendetwas passiert oder wir laufen weiter."
Hikari biss sich auf die Unterlippe bevor sie antwortete. Taichi war bis jetzt nie aufgefallen, dass sie diese Angewohnheit von ihm übernommen hatte. Er war sich nicht sicher ob er das gut oder schlecht fand. „Aber wenn wir weiterlaufen ist immer noch die Frage, wo wir hin laufen.", wand sie ein.
„Wir vergleichen doch sowieso die ganze Zeit alles damit was früher einmal passiert ist.", warf Mimi ein. „Vielleicht sollten wir das jetzt auch wieder tun. Als wir mit elf das erste Mal hier gestrandet sind haben wir uns dagegen entschieden an einer Stelle zu bleiben und sind dafür aufs geradewohl losgelaufen. Schluß endlich hat es sich als die richtige Entscheidung herausgestellt. Warum sollten wir jetzt nicht genauso handeln?"
Nachdenkliches Schweigen herrschte. Koushiro räusperte sich schließlich und blickte so offensichtlich Taichi an, dass alle anderen seinen Blicken folgte.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass hier irgendetwas passieren wird wäre nach den Geschehnissen der letzten Tage doch wirklich ungewöhnlich. Ich mein wir haben noch nicht einmal Digimon gesehen seid wir hier sind. Wenn wir also nur hier bleiben wird sich sowieso nichts ändern. Ich bin dafür, dass wir weitergehen, irgendwann werden wir schon auf irgendetwas stoßen was uns weiterhilft."
Wieder Stille.
„Ihr wartet jetzt nicht wirklich auf eine Entscheidung von mir oder?"
Hikari schenkte ihm ein halbherziges Grinsen. „Du bist immer noch unser Anführer Taichi, schon wieder vergessen?"
Taichi schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist nicht wirklich euer Ernst oder?"
„Doch natürlich.", erklärte Mimi „An einem muss es ja hängen bleiben. Tut mir leid, dass es gerade auf dich fällt Taichi, aber du hast dich damals dazu bereit erklärt unser Anführer zu sein. Wir würden es uns ja unnötig schwer machen, wenn wir dich da jetzt rauslassen würden."
Ihr letzter Satz war offensichtlich als Scherz gemeint, aber er verging in der Angespanntheit von ihnen allen, ohne wirklich gehört zu werden.
„Gut, dann treffe ich eine Entscheidung." Sie alle sahen ihn erleichtert an. „Nämlich das wir abstimmen."
„War ja klar, dass du dich da rausredest.", murmelte Sora leise, aber laut genug für sie alle zu hören. Sie verstummte erneut, als Sora sie böse anblickte.
„Du machst es dir einfach.", erklärte Jou nachdenklich. „Genauso wie wir."
Taichi schüttelte den Kopf „Du siehst das zu pessimistisch Jou, natürlich ist es eine schwere Entscheidung die hier getroffen werden muss. Dass ihr alle froh seid die Option zu ergreifen jemand anderen die Entscheidung treffen zu lassen ist dabei nur zu verständlich. Und ich füge mich dem, weil ihr offensichtlich alle derselben Meinung seid.
„Sollte es einmal notwendig sein werde ich meinetwegen auch alleine eine Entscheidung treffen auch gegen eure Unterstützung. Ihr wisst, dass ich das schon früher getan habe. Aber jetzt gerade im Moment macht es keinen Unterschied welche Entscheidung wir treffen. Wir wissen nicht was uns was bringt und jede Seite hat ihre Vorteile und Nachteile.
„Also stimmen wir ab. Dann haben wir eine Entscheidung getroffen gegen die niemand etwas sagen kann."
Er war sich nicht sicher was er von der erneuten Stille halten sollte, die jetzt herrschte. Hatte er sie überzeugt, dass er wusste was er tat? Oder hielten sie seine Worte nur für pure Ausreden? Bis zu diesem Moment war ihm nicht klar gewesen wie sehr er auf ihre Unterstützung hoffte, wie wichtig es ihm war anerkannt zu werden.
Wieder war es Mimi, die das Wort ergriff. „Ich habe mich früher öfter gefragt wie du einmal werden würdest wenn du schließlich erwachsen bist.", sagte sie nachdenklich „Ich denke ich mag wirklich wie du geworden bist."
*
Es stellte sich heraus, dass ihre ganze Diskussion eigentlich umsonst gewesen war.
Sie alle waren eigentlich dafür weiterzulaufen, niemand von ihnen hatte Lust sich noch nutzloser zu fühlen in dem sie nur rumsaßen und sich ihren Gedanken stellen mussten.
Schließlich hatten sie sich für die Richtung entschieden aus der Takeru, Mimi und Hikari gekommen waren. Dadurch, dass sie die meiste Zeit ohne Kompass herumgelaufen waren wussten sie nicht sicher wieviel vom Dschungel in dieser Richtung sie schon gesehen hatten und schätzten die Chance somit am größten, dass sie dort etwas finden konnten was ihnen weiterhelfen würde.
Außerdem, dachte sich Taichi mit einem Grinsen, waren in dieser Richtung die Büsche am wenigsten so dass sie fast ohne Kratzer durchgekommen waren.
„Wir müssen die Uhr im Auge behalten.", erklärte Koushiro in diesem Moment gerade und riss damit Taichi aus den Gedanken. „Auch wenn wir es nicht schaffen werden einen vierundzwanzig Stunden Tag einzuhalten, weil wir so lange einfach nicht laufen und dann noch wach bleiben können müssen wir einen halbwegs geregelten Tag haben, sonst werden unsere Körper irgendwann nicht mehr mitmachen."
„Wäre das zu sagen nicht eigentlich mein Part gewesen?", fragte Jou mit einem Grinsen und diesmal lachten tatsächlich alle.
Mimi zuckte mit einem Grinsen mit den Schultern. „Ich glaube wir müssen die Klischees zwischen uns neu verteilen. Wir haben uns alle verändert."
Taichi legte für einige Schritte an Tempo zu, bis er neben Mimi lief und schlang einen Arm um ihre Schulter. „Ist das wirklich so Prinzessin?", fragte er und erntete sich dafür einen Stoß in die Seite.
„Den hast du dir verdient.", erklärte Hikari abwehrend als Taichi sie hilfe suchend anblickte. „Verräterin.", murmelte er als Antwort, aber sie reagierte nur mit einem noch breiteren Grinsen darauf.
„Fällt euch eigentlich auch etwas auf?", fragte Takeru und alle blickten fragend zu ihm. Als er jedoch keine Antwort gab begannen sie sich umzuschauen. Es war schließlich Koushiro, der es als nächstes bemerkte.
„Aber natürlich! Es wird immer weniger, nicht wahr? Ich kann kaum noch Bäume sehen und die Büsche werden auch weniger."
Sie blieben stehen und drehten sich um. Sie waren so damit beschäftigt gewesen die Stimmung zu heben und gleichzeitig ein Lauftempo zu finden, dass für sie alle angenehm war, dass es ihnen tatsächlich erst jetzt auffiel, aber als sie hinter sich blickten konnten sie klar erkennen, dass mit den letzten hunderten Metern die sie hinter sich gelegt hatten die Fauna immer weniger geworden war.
„Sieht so aus, als wären wir in die richtige Richtung gegangen.", sprach Sora das aus was sie alle dachten.
*
„Taichi, du Schlafmütze, wach endlich auf."
Die Stimme, die ihn rief war leise, fast nur ein flüstern, aber Taichi hatte so gebannt darauf gewartet sie endlich wieder zu hören, dass er augenblicklich wach war.
„Yamato.", flüsterte er zurück, richtete sich auf und wartete gespannt darauf, dass seine Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnten.
Tatsächlich, da hockte er, direkt vor seinen Füßen und grinste ihn unbeschwert und frei an als wäre alles vollkommen in Ordnung.
„Lass uns ein paar Schritte gehen.", erklärte Yamato und richtete sich auf und ging gemächlich los. Taichi blickte für einen Moment zu seinen schlafenden Freunden, versicherte sich, dass es ihnen allen gut ging, dann folgte er Yamato.
„Diesmal warst du lange weg.", erklärte er und Yamato schaute ihn nachdenklich an „Tatsächlich?", kam die Antwort. „Ich habe kein so gutes Zeitgefühl. Wie lange seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?"
„Drei Tage sind es inzwischen."
Taichi fragte sich wo Yamato mit ihm hinwollte. Sie waren inzwischen so weit gelaufen, dass die Landschaft um sie herum mehr von einer Wiese hatte als von einem Dschungel. Sie hatten bereits öfter gemerkt, dass es immer schwieriger war Stellen zu finden wo man von Blicken geschützt war.
„Es ist fast erreicht.", sagte Yamato, Taichi hatte inzwischen Schwierigkeiten mit dem Lauftempo mitzuhalten.
Als er zu Boden blickte erkannte er, dass Yamato noch immer wie ein Gesit war, obwohl er lebendig aussah. Seine Füße glitten jedoch durch die Grashalme einfach hindurch. „Was meinst du?", fragte er und stolperte dann beinahe als Yamato ruckartig stehen blieb.
Taichi kämpfte einen Moment mit seinem Gleichgewicht, dann ließ er seinen Blick schließlich Yamatos ausgestrecktem Zeigefinger folgen.
„Da unten.", erklärte Yamato – jetzt wieder flüsternd – aber Taichi hatte es bereits selbst entdeckt.
Sie standen oben auf einer kleinen Anhöhe. Der Boden vor ihnen fiel gleichmässig ab, gerade noch so, dass es nicht zu steil war um problemlos runter zu laufen. Und im Laufe des Abhangs schienen alle Pflanzen langsam zu verschwinden bis unten auf der Ebene angekommen nur noch Stein und Erde blieb.
Taichi fühlte sich an die Landschaft von seiner Ankunft erinnert, aber gleichzeitg wusste er – ohne es erklären zu können – das es anders war.
Nicht nur die Farbe selbst, denn wo bei seine Ankunft alles schwarz und grau gewesen war herrschten hier erdige – lebendig! Schoss es ihm durch den Kopf – Töne vor, aber die ganze Atmospäre, die die Landschaft vor ihm ausstrahlte war eine ganz andere als die der Todeswüste.
Mitten auf der Ebene erhob sich ein Hügel aus Stein, der aussah als hätte man die Hälfte einer überdimensionalen Murmel draufgesetzt. Als er sich anstrengte meinte Taichi einen Eingang ausmachen zu können, aber er war sich nicht sicher. Er griff in seine Hosentasche, stellte aber nur fest, dass er sein Fernglas im Lager gelassen hatte.
„Wo sind wir hier?", fragte er und ahnte schon die Antwort.
„Das ist ihr Quartier.", erklärte Yamato und Taichi versuchte den Kloß der mit einem Male in seinem Hals festsaß runterzuschlucken. Das war schneller gegangen als er es erwartet hatte als sie losgelaufen waren. „Dort drin bin ich."
Taichi schnappte erschrocken nach Luft. „Wirklich?", fragte er und fühlte sich atemlos. „Aber das bedeutet wir können dich endlich rausholen Yamato. Lass mich nur die anderen wecken und dann können wir..."
Auch wenn er nicht genau wusste warum verstummte er schlagartig, als er Yamatos Gesicht sah, der noch immer den Blick starr auf das Quartier gerichtet hatte. Yamato stand noch eine Sekunde bewegungslos, dann schüttelte er schließlich sanft den Kopf.
„Das hat noch Zeit.", erklärte er „Vorher gibt es noch etwas anderes was ihr tun müsst."
Ende Kapitel 2
