Titel: Lebenslänglich – Die Rückkehr -

Autor: Eve

Rating: P 18

Beta: Lady of the Dungeon

Typ: Harry Potter Fanfiction

Pairing: Lucius Malfoy/Hermine Granger

Warnung für dieses Kapitel: keine

Disclaimer: Leider gehört Lucius immer noch nicht mir. Alle Charaktere gehören Frau Rowling. Die Idee zu dieser Story ist allerdings von mir.

Kapitel: Zwei

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30. Dezember

Entschlossen betrat Hermine an diesem kalten Wintertag, der so untypisch für diesen Landstrich war, das St. Mungo. Sie war nervös. Nachdem sie eine schlaflose Nacht und viele Stunden des Nachdenkens verbracht hatte, würde sie nun das erste Mal nach drei Jahren dem Mann gegenüber stehen, in den sie sich, entgegen aller Vernunft, verliebt hatte. Wie würde er ihren Besuch aufnehmen? Würde er überhaupt mit ihr reden wollen oder würde er sie gleich wieder zum Gehen auffordern? Sie erinnerte sich noch gut an ihre erste Begegnung vor drei Jahren, als er versucht hatte sie einzuschüchtern mit seiner Arroganz und seiner bodenlosen Unverschämtheit. Sein Einschüchterungsversuch war ihm nicht gelungen und erst, als die Situation eskalierte, hatten sie auf sehr eigentümliche Weise schließlich zueinander gefunden.

Während sie in den dritten Stock hinauf fuhr und die Sicherheitszone passierte, die den normalen Krankenhaustrakt von der gesicherten Abteilung für Patienten mit psychischen Schäden trennte, überlegte sie, ob es auch noch nach so langer Zeit etwas zwischen ihnen gab, was sich im weitesten Sinne als Liebe oder Zuneigung bezeichnen ließ.

Mit einer verschlossen wirkenden, strengen Miene, zückte sie beim diensthabenden Pfleger dieser Station ihren Ausweis, welcher sie als hochrangigen Auror kennzeichnete und erhielt sofort auf ihre Anweisung hin Lucius Malfoys Krankenakte, die sie kurz einsah. So richtig konzentrieren konnte sie sich nicht auf die wenigen Zeilen, die seinen Zustand anzeigten. Mit einem leisen Seufzer schlug sie die dünne Mappe wieder zu. Sie würde sich lieber selbst über seinen Zustand überzeugen, als diesen unpersönlichen Bericht eines Psychiaters und mehrerer Heiler weiter zu studieren.

Sie nickte dem zuständigen Auror zu, der vor Lucius' Zimmer Wache hielt. Der Uniformierte war die einzige Person, die momentan auf dem langen Krankenhausflur zu sehen war und so konnte Hermine den Aufenthaltsort des Zauberers leicht ausmachen. Noch einmal holte sie tief Luft und öffnete die Tür.

Die kalte Wintersonne strahlte an diesem Vormittag hell durch das Fenster und ließ das weiß getünchte winzige Krankenzimmer auf der Station für suizidgefährdete Zauberer und Hexen im St. Mungos noch kälter und trostloser erscheinen.

Die junge Frau mit den langen braunen Haaren, die eben dieses Zimmer betrat, hatte allerdings keinen Blick für die kahlen, bilderlosen Wände ringsum. Sie konnte ihre Augen nicht von dem Mann in dem hellblauen, verwaschenen Krankenhauskittel nehmen, der im Bett vor dem einzigen Fenster in diesem Raum lag, und der tief und fest zu schlafen schien.

Ihr Magen verkrampfte sich zu einem undefinierbaren schweren Klumpen, als sie Lucius' gequält wirkendes Gesicht betrachtete. Er schien sich nicht einmal im Schlaf entspannen zu können. Die Augäpfel unter den geschlossenen Lidern rollten hin und her, als hielt ihn etwas in seinen Träumen gefangen und plagte ihn in seinem Schlaf, der eigentlich Linderung verschaffen sollte. In unregelmäßigen Abständen zuckte hier und da ein Muskel in Armen und Beinen und es schien, als zöge ihn etwas unbarmherzig immer tiefer in einen Alptraum hinein. Leise ließ sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen und trat näher.

Unwillig betrachtete sie die beiden blauen, fluoreszierenden Ringe, die sich um beide Handgelenke des Gefangenen schlangen und somit die Hände am Bett festhielten. Ein entsprechender Blick zum Fußende des Bettes sagte ihr, dass der Fesselungszauber auch an seinen Füßen angebracht war. Welch unbeschreibliche Erniedrigung für diesen einst so stolzen Mann, dachte sie. Hilflos an dieses Bett gekettet, musste er alles über sich ergehen lassen, von dem die Heiler dachten, dass es ihm vielleicht half. Sie wusste aus seiner Krankenakte, die sie sich dank ihres Status als Aurorin vor wenigen Minuten hatte geben lassen und die sie aufmerksam gelesen hatte, dass Lucius jegliche ärztliche und auch magische Behandlung strikt abgelehnt hatte. Was offensichtlich niemanden der zuständigen Heiler zu interessieren schien. Man hatte ihn nicht nur gefesselt, um einen eventuellen Fluchtversuch zu verhindern, sondern auch, um diverse Behandlungsmethoden an ihm zu testen, wie ihr ein Pfleger fast teilnahmslos mitgeteilt hatte.

Ärgerlich über die herrschende Ignoranz und fehlende Bereitschaft, die Wünsche der Patienten zu respektieren, schüttelte sie den Kopf.

Sie glaubte nicht daran, dass irgendetwas oder jemand ihn tatsächlich aufhalten konnte, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, und sei es auch nur sein eigener Tod. Sie wusste, ohne dass es ihr jemand hätte sagen müssen, dass er es wieder versuchen würde, sobald er die Gelegenheit dazu bekam. Dank seines Sturkopfes würde es irgendwann auch gelingen.

Ohne hinzusehen, griff sie nach einem weiß lackierten, sichtlich unbequemem Holzstuhl, dem einzigen anderen Möbelstück in diesem kärglich eingerichteten Zimmer, und zog ihn leise neben das Bett.

Drei lange Jahre hatte sie Lucius nicht gesehen, und sie war dankbar, dass er bei ihrer Ankunft schlief. So hatte sie die Gelegenheit, ihn in Ruhe zu betrachten. Vor allen Dingen wollte Hermine wissen, ob er noch genau dieselbe, fast magische Wirkung auf sie hatte, wie damals, als sie sich in ihn verliebte.

Seine Haare waren immer noch lang und von silbrigem Blond. Sollte sich hier und da eine weiße Strähne eingeschlichen haben, so verbarg sich diese geschickt in seinem sehr hellen Haar. Einige neue, feine Linien hatten sich um Mund und Augen eingegraben.

Er wirkte, als würde er nicht viel schlafen, und wenn sie ihre Erinnerung nicht trog, dann hatte er auch an Gewicht verloren. Man sah ihm unbestreitbar seine beständigen, inneren Qualen an. Jetzt, im Schlaf, wahrscheinlich noch mehr, als in wachen Stunden, wenn er seine Gesichtszüge entsprechend kontrollieren konnte.

Sie seufzte leise. Dies war nicht mehr der Mann, den sie vor drei Jahren auf der Treppe von Malfoy Manor verlassen hatte. Es erschien ihr, als hätte er kapituliert, und das schmerzte sie mehr, als sie zugeben wollte.

„Was tust du hier?"

Hermine zuckte leicht zusammen, als sie seine leise, sonore Stimme vernahm. Ihr Seufzen musste ihn wohl geweckt haben.

„Ich wollte dich sehen."

Fast mühevoll drehte er den Kopf. Sie versank augenblicklich in den eisgrauen Tiefen seiner ausdrucksvollen Augen.

„Gut! Du hast mich gesehen. Jetzt kannst du wieder gehen." Keinerlei Emotionen klangen in seiner Stimme. Sein Gesicht hatte sich viel zu schnell in eine unbewegliche Maske verwandelt.

„Ich dachte, du freust dich vielleicht über Besuch?", versuchte Hermine sich zu rechtfertigen. Sie musste einfach seine Abwehr durchstoßen und zu ihm durchdringen, oder es zumindest versuchen.

„Ich mag keinen Besuch. Abgesehen davon, dass es wohl kaum jemanden gibt, der mich besuchen wollte", versetzte Lucius und versuchte seinem Gesicht grimmige Entschlossenheit zu verleihen. Hermine beeindruckte dies hingegen nicht. Zu gut kannte sie seine natürliche Gewohnheit, sich perfekt verstellen zu können. Sie wusste, dass er selten jemand sein wahres Gesicht, seine wahren Gefühle sehen lassen wollte.

Ich wollte dich sehen"

„Ich hatte dir damals doch unmissverständlich gesagt, du sollst mich vergessen. Es gibt keinen Grund für dich, hier zu sein. Ich will dich nicht sehen. Ich möchte, dass du jetzt gehst." Lucius drehte entschlossen seinen Kopf von ihr weg. Sie sollte nicht merken, wie schwer ihm diese Worte fielen. Verdammt! Er hatte doch sonst so gut lügen können. Warum gelang ihm das jetzt nur unzureichend?

„Ich weiß, was du mir damals gesagt hast. Die Zeiten ändern sich. Ich bin hier, weil du Hilfe brauchst, Lucius, und ich werde nicht eher gehen, bis wir darüber gesprochen haben." Hermines Ton ließ keinen Widerspruch zu, ihre Haltung spiegelte ihre Entschlossenheit wider. Sie setzte sich gerade hin und verschränkte die Arme fest vor der Brust. Wenn sie seine Gefühle für ihn schon nicht in die Waagschale werfen durfte, dann versuchte sie es eben auf andere Weise.

„Hermine, ich bin ein alter Mann, ein lebenslänglich Verurteilter und dazu noch höchst unberechenbar." Er wies mit seinem Kinn auf die blau leuchtenden Ringe um seine Handgelenke. Als hätte man sie ihm verpasst, weil er eventuell jemanden angreifen könnte. „Ich brauche keine Hilfe und deine schon gar nicht. Geh einfach! Geh zurück zu dem Leben, das für dich bestimmt ist. Lass mich einfach in Ruhe!"

„Das werde ich nicht, Lucius. Ich kann nicht einfach in Ruhe leben, wenn ich weiß, dass du jeden Tag das vollenden könntest, was du die ganze Zeit zu tun beabsichtigst." Ihre Augen streiften die weißen Verbände, die seine Handgelenke bis zu den Ellenbogen einhüllten. Schwach zeichneten sich darauf rote Flecken ab. Er hatte versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, und zwar über die gesamte Länge seines Innenarms. Wenn dies nicht für ernste Selbstmordabsichten sprach, was dann?

„Verdammt, was muss ich dir denn noch sagen, damit du endlich gehst?" Lucius hob den Kopf, und zornig funkelte er sie an. „Ich brauche niemanden, verstehst du? NIEMANDEN! Sobald ich hier raus bin, werde ich eine Methode finden, die die Sache endgültig machen wird. Sie haben mir schon allerlei Beschränkungen auferlegt, weil sie mich unter allen Umständen am Leben halten wollen. Es darf nicht sein, dass sich der prominenteste und letzte Todesser einfach so aus der Verantwortung stiehlt? Nein, sie haben so viele Zauber auf mein Haus gelegt, dass es mich wundert, dass ich mich darin überhaupt noch bewegen kann", zischte er wütend und versuchte vergeblich, sich unter dem Fesselungszauber aufzusetzen. Resigniert schloss er nach einem kurzen, ergebnislosen Kampf die Augen.

„Ich wollte mich vom Dach stürzen. Es hat lange gedauert, bis ich den Mut dazu gefunden hatte, dort hinauf zu steigen. Immerhin ist es doch ziemlich hoch. Als ich jedoch endlich oben stand, mit allem abgeschlossen hatte und springen wollte, musste ich feststellen, dass sie einen Zauber gesprochen hatten, der es mir unmöglich machte, zu springen. Ich konnte nicht mal den Arm ausstrecken, ohne auf eine Barriere zu treffen", erzählte der Lucius in einem gleichgültigen Ton, als spräche er über das Wetter der nächsten Woche. Der Blick seiner Augen war an die Decke gerichtet.

„Sie haben die beiden Hauselfen, denen man im Haus zu bleiben gestattet hatte, angewiesen, bei jeglichen Zeichen von suizidalem Verhalten Alarm zu schlagen. Ich konnte nicht mal einen einzigen verdammten Strick in meinem Hause finden, geschweige denn die Gelegenheit, mich einfach am nächst besten Kronleuchter aufzuhängen."

„Lucius." Hermines Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen angesichts dieses unbeschreiblichen Leids. Noch mehr schockierte sie der ungewöhnlich gleichgültige Ton, in dem Lucius von seinen Absichten, aus dem Leben zu scheiden, sprach. Es war viel schlimmer, als sie erwartet hatte und ihre Gedanken rotierten wie ein Karussell, in dem Bestreben irgendeine Lösung zu finden, die Lucius wieder zur Besinnung bringen würde. Unwillkürlich tastete sie nach seiner Hand, um ihm wenigstens ein wenig nahe zu sein, und zuckte wenig später zusammen, weil etwas sie wie ein elektrischer Schlag traf. Sie hatte völlig vergessen, dass es einen Zauber gab, der es unterband, Körperkontakt mit dem Patienten und prominentesten Gefangenen des Ministeriums herzustellen.

„Verflucht", schimpfte sie aufgebracht und stand auf. Mit einigen schnellen Schritten war sie an der Tür und riss diese schwungvoll auf.

„Meinen Zauberstab!", befahl sie mit herrischer Stimme dem Posten, der vor der Tür Wache stand. Lucius Malfoy war zwar an sein Bett gefesselt, er galt aber immer noch als einer der gefährlichsten Zauberer in ganz Großbritannien und man wollte im Ministerium keinerlei Risiko eingehen. Somit war immer ein Auror abgestellt, der vor der Tür Wache hielt.

„Nein, Ma'm. Das darf ich nicht. Zauberstäbe sind in Gegenwart des Gefangenen nicht erlaubt."

„Das ist mir bewusst. Sie werden ihn mir trotzdem geben. Ich garantiere dafür, dass Ihr Gefangener an Ort und Stelle bleibt. Außerdem stehen Sie ja vor der Tür und passen auf. Jetzt geben Sie ihn mir schon", herrschte sie den Mann an und hielt auffordernd ihre Hand hin.

Der Auror hatte zwar eindeutige Befehle, aber die äußerst missgelaunte Miss Granger stand in der Hierarchie weit über ihm; sie war somit weisungsbefugt. Unsicher hielt er ihr den Zauberstab hin, den er vor ihrem Betreten des Zimmers in Verwahrung genommen hatte. Mit einem gespielt geseufzten, „Na also", nahm sie das magische Werkzeug und schloss die Tür wieder hinter sich.

Trotz ihrer Wut über diese eigentlich überflüssige Maßnahme, den Gefangenen zur Unbeweglichkeit zu verdammen, überlegte sie tatsächlich einen Moment, ob sie den Zauber wirklich aufheben sollte. In ihr stritten die verschiedensten Gefühle miteinander. Allerdings siegte nach relativ kurzer Zeit der Drang Lucius wenigstens einmal berühren zu können über ihre Pflichtbewusstheit, den ihr Beruf mit sich brachte. Außerdem fand sie es unmenschlich, ihn dermaßen in seiner Bewegungsfähigkeit einzuengen.

Einige komplizierte Bewegungen später war das blaue Leuchten um Lucius' Handgelenke verschwunden. Sie hatte alle Zauber aufgehoben, die ihn umgaben. Er bewegte vorsichtig seine Hände ein wenig, als wolle er prüfen, ob er tatsächlich frei war. Als er auf keinen Widerstand traf, richtete er sich mit einer schnellen Bewegung auf. Er grinste spöttisch, als er sah, dass sie leicht zusammen zuckte. Die Spitze ihres Zauberstabes jedoch zielte unverwandt auf ihn. Sie hätte nicht gedacht, dass er nachdem er lange Zeit unbeweglich hatte liegen müssen, so schnell in der Lage war, sich zu bewegen. Dennoch war sie, was ihn betraf auf alles gefasst und so versuchte sie sich ihre Überraschung nicht zu sehr anmerken zu lassen.

„Überrascht? Ich sehe, dass ich immer noch in der Lage bin, angsterregend zu wirken. Dabei hatte ich das gar nicht beabsichtigt", bemerkte er fast gut gelaunt und rieb sich mit den Händen über sein müde wirkendes Gesicht. Er hatte nicht vor, einen heldenhaften Fluchtversuch zu starten. Ihm war klar, dass er nicht weit kommen würde. Ganz davon abgesehen, dass er einen Krankenhauskittel trug, der hinten offen war und er nicht beabsichtigte, zum Gespött aller Leute zu werden, die sich ganz sicher beim Anblick seiner unbedeckten Kehrseite amüsieren würden.

Hermine ignorierte seine spöttische Bemerkung, steckte ihren Zauberstab demonstrativ in die Tasche ihrer Robe und setzte sich wieder neben sein Bett, während sie ihn aufmerksam musterte.

„So kann es nicht weiter gehen, Lucius. Wir sollten eine sinnvolle Beschäftigung für dich suchen. Wenn du deine Zeit nicht mehr mit endlosen Grübeleien verbringen musst, wird auch der Drang den Tod zu suchen nicht mehr da sein", überlegte sie.

Lucius Malfoy hob eine seiner fein geschwungenen Augenbrauen. „Was denkst du, was ich tun sollte? Pergamente falten fürs Ministerium? Eulenfutter sortieren? Oder sollte ich eine Abhandlung darüber schreiben, welche Strafen am effektivsten auf Hauselfen angewendet werden können?"

Hermine schnaubte verächtlich, als sie seine Vorschläge hörte. Es sollte sie wohl amüsieren, sie konnte aber so gar nicht über seine Überlegungen lachen.

„Natürlich nicht! Wir müssen etwas finden, was dich wirklich ausfüllt", entgegnete sie ernst.

„Wie naiv bist du eigentlich?", schimpfte Lucius. „Meine Geschäfte darf ich nicht mehr ausüben, wie du weißt. Es würde mich auch nicht ausfüllen, meinen Reichtum zu mehren, weil ich ihn so gar nicht genießen oder nutzen kann. Ich darf, wie ich dich ebenfalls erinnern darf, nicht mehr zaubern. Kannst du mir sagen, was dann noch bleibt?"

Er wandte sich wieder dem Fenster zu und starrte auf den großen Baum, dessen kahle Äste fast an die Glasscheibe heran reichten. Er seufzte wehmütig. Ein Geräusch, das Hermine einen kalten Schauer über den Rücken jagte, denn sie hatte ihn noch niemals so mutlos und niedergeschlagen erlebt. Es war beängstigend.

„Ich bin nutzlos und ich habe es satt, so dahinzuvegetieren, Hermine. Lass mich gehen." Sie wusste, dass er dies nicht auf einen Ort bezog. Er wollte den Tod und sehnte sich nach ewigem Vergessen.

„Ich kann nicht", flüsterte sie, und legte ihm leicht die Hand auf den Arm. Er zuckte zusammen angesichts dieser so plötzlichen Berührung, aber er zog seinen Arm nicht weg, und so ließ sie ihre Hand, wo sie war und genoss für einen kurzen, sehnsuchtsvollen Augenblick die Wärme, die von seiner Haut ausging. Er war noch nicht tot, und solange sein Herz noch schlug, würde sie ihn auch nicht aufgeben, schwor sie sich in diesem Moment.

„Ich werde mir etwas ausdenken, und ich bitte dich, mir ein wenig Zeit zu geben", teilte sie ihm nach kurzem Nachdenken entschlossen mit und drückte bestätigend seinen Arm.

„Wie viel Zeit?", wollte er wissen und sah sie wachsam an.

„Sagen wir drei Monate? Ich muss morgen dienstlich nach Rumänien und schätze, dass ich in ein paar Wochen erst wieder hier bin", erzählte sie ihm. Ihre Hand strich sachte über das weiße Leinen der Verbände nach unten, bis sie auf seiner Hand lag. Ihre Finger schlangen sich um seine, und er ließ es widerspruchslos zu, wenngleich er Hermines sanften Druck auch nicht erwiderte.

„Nach diesem Auftrag werde ich mich sofort um eine sinnvolle Beschäftigung für dich kümmern. Mir wird etwas einfallen. Ich verspreche es." Ihre Stimme klang entschlossen. Sie würde nicht eher ruhen, bis sie eine akzeptable Lösung für dieses Problem gefunden hatte.

Lucius drehte seine Hand und seine Finger umschlossen ihre nun fest.

„Drei Monate ist eine lange Zeit....so viele Gelegenheiten, aus dem Leben zu scheiden", sinnierte er bedeutungsvoll. Hermine verstärkte den Druck ihrer Finger, und er lächelte verständnisvoll. „Ich gebe dir diese drei Monate. Obwohl ich sicher bin, dass es nichts geben wird, das du tun kannst. Zu groß sind die Ressentiments mir gegenüber, aber ich habe alles so lange ertragen, dass es auf diese drei Monate auch nicht ankommt."

Sie lächelte und drückte noch einmal seine Hand. „Ich verspreche dir, dass ich ...". Er hob die Hand und legte ihr einen Finger auf den Mund. „Versprich nichts, was du nicht halten kannst, Hermine. Ich werde auf dich warten. Und jetzt geh!" Sie schloss ihren Mund wieder und küsste leicht seinen Finger, der auf ihren Lippen verweilte. Lucius schenkte ihr daraufhin eines seiner traurigen Lächeln.

„Geh", erklärte er noch einmal, ließ sich langsam zurück sinken und sah in Richtung Fenster. „...und vergiss nicht, den Zauber wieder herzustellen, den du eben außer Kraft gesetzt hast", erinnerte er sie tonlos.

Hermine seufzte und zog ihren Zauberstab. Der Zauber war schnell gesprochen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Auf Wiedersehen, Lucius."

Er antwortete jedoch nicht. Stumm blickte er immer noch zum Fenster. Er konnte sie einfach nicht mehr ansehen. Sie war etwas, das er nicht haben konnte - nie wieder besitzen würde. Die Zuversicht, die sie ihm für eine kurze Weile schenkte, war ebenfalls etwas, das er weder haben konnte und wollte. Er hatte die Hoffnung schon lange aufgegeben, dass sich in seinem Leben noch einmal etwas Gravierendes ändern würde. Nichts und niemand konnte ihm helfen....er hatte sein Leben verwirkt, für immer.

Während Hermine nachdenklich das Krankenhaus verließ, murmelte Lucius fast unentwegt vor sich hin.

„Drei Monate! Noch drei Monate....drei....noch drei Monate!"

Tbc