Titel: Lebenslänglich – Die Rückkehr -

Autor: Eve

Rating: P 18

Beta: Lady of the Dungeon

Typ: Harry Potter Fanfiction

Pairing: Lucius Malfoy/Hermine Granger

Warnung für dieses Kapitel: keine

Disclaimer: Leider gehört Lucius immer noch nicht mir. Alle Charaktere gehören Frau Rowling. Die Idee zu dieser Story ist aber von mir!

Kapitel: Drei

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31. Dezember/1. Januar

Hermine lehnte sich müde in die roten, mit Kunstleder bezogenen Sitzbänke zurück und schloss leise seufzend die brennenden Augen. Der Fernzug, der sie von Paris aus nach Prag und dann weiter zum Balkan bringen würde, glitt mit hoher Geschwindigkeit fast lautlos durch die kalte Winterlandschaft, die unter einer dünnen, glitzernden Schicht Schnee lag. In unregelmäßigen Abständen wurden die weiten, leicht geschwungenen Ebenen, die aussahen, als wären sie wie die Wellen eines Meeres bei den tiefen Temperaturen zu Eis erstarrt, abgelöst durch größere und kleinere Städte. Die wirre Anzahl von mehr oder weniger beleuchteten Häusern sah durch das Fenster des ruhig dahin gleitenden Zuges alle gleich bedeutungslos aus. Selbst wenn Disneyland in all seiner zweifelhaften Pracht samt dem Pariser Notre Dame am Zugfenster vorbei gezogen wäre, hätte Hermine keinerlei Begeisterung für derartige Sehenswürdigkeiten aufbringen können. Sie war einfach nur müde und außerdem schwirrten ihr so viele Gedanken im Kopf herum, dass sie die Zeit im Zug nutzen wollte, um innerlich einigermaßen zur Ruhe zu kommen und um nachzudenken.

Während sie den Kopf an das glatte Sitzpolster zurück lehnte, stiegen für einen kurzen Moment Erinnerungen an ferne, längst vergangene, unbeschwerte Tage auf, in denen sie als junge Hexe an jedem Schuljahresanfang voller Erwartung auf Gleis Neundreiviertel stand, sich von ihren Eltern verabschiedete und voller Vorfreude auf ein weiteres interessantes und ganz sicher ereignisreiches Jahr mit ihren Freunden in den Hogwarts-Express gestiegen war. Der moderne Hochgeschwindigkeitszug, in dem sie jetzt saß, hatte so gar nichts von dem altmodischen, dampfgeschwängerten Flair des magischen Zuges, und sie fand das auch gut so. Sie brauchte nicht noch mehr Dinge, die sie an ihre eigentlich sehr glückliche Kindheit und Jugend erinnerte, sah man einmal davon ab, dass sie jedes Jahr von einem gefährlichen Abenteuer ins nächste gerutscht war.

Hermine hatte mit Absicht den etwas beschwerlicheren und auch wesentlich längeren Anfahrtsweg zu ihrem Bestimmungsort gewählt. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken, und die hatte sie nicht, wenn sie mittels eines Portschlüssels in Nullkommanichts ins ferne Rumänien reiste. Nein, sie bevorzugte die Muggelmethode, die es erforderlich machte, tagelang erst per Schiff und dann per Bahn unterwegs zu sein.

Außerdem ersparte ihr diese Art des Reisens, mit irgendjemand am 31. Dezember das Neue Jahr begrüßen zu müssen. Nein, ihr war nicht zum Feiern zumute. Nicht, seitdem man vor einigen Tagen das Zeichen Voldemorts – Morsmordre - in den rumänischen Karpaten gesichtet hatte. Nicht nachdem man die Bewohner eines Bergdorfes grausam dahin gemetzelt gefunden hatte. Lediglich ein kleiner Junge war lebend geborgen worden. Das arme Kind hatte stundenlang halberforen neben seinen seiner toten Familie ausgeharrt und war verständlicherweise total verstört gewesen, als die Rettungskräfte es endlich fanden. Und vor allen Dingen nicht, nachdem sie zu allem Überfluss Lucius Malfoy wieder gesehen hatte, der nach einem ziemlich ernst gemeinten Selbstmordversuch ins St. Mungo eingeliefert worden war. Hermine rieb sich einige Male über die Augenlider, als könne sie das Bild des blonden Mannes, welches sich in ihr Gehirn eingebrannt hatte, einfach beiseite wischen. Er war so blass und depressiv gewesen. Sie hätte niemals gedacht, dass der doch eigentlich bis ins Mark selbstbewusste, arrogante Zauberer so hoffnungslos, ja geradezu gebrochen sein könnte. Die Jahre der Isolation hatten ihre Spuren auf Lucius' Körper und auch in seiner Seele hinterlassen. Die feinen Linien um den Mund in einem immer noch männlich-schönem Gesicht sprachen eine deutliche Sprache, genauso wie seine abwehrende Reaktion auf ihr Kommen.

Anscheinend brachte er wenigstens noch etwas Energie auf, indem er vehement alle Behandlungsmethoden ablehnte, und sich auch ihr verweigerte. Immerhin hatte sie ihm das Versprechen abgerungen, dass er die nächsten drei Monate keinen erneuten Selbstmordversuch unternehmen wurde. Sie wusste einfach, dass er sich an sein Versprechen halten würde. Allerdings wusste sie noch nicht, wie sie ihm helfen konnte. Die ganze Zeit über, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatte, alles für ihre Abreise in die Wege leitete, ihre Sachen packte und ihre Dienststelle im Ministerium informierte, hatte sie darüber gegrübelt, was sie für den Verurteilten tun konnte.

Von offizieller Seite würde man ihr nicht helfen, das wusste sie ganz bestimmt. Sie vertraute darauf, dass einzig Harry ihr beistand. Lediglich ihm konnte sie sich anvertrauen. Allerdings musste sie ihm dann auch erzählen, warum sie sich so einen ehemaligen Gegner einsetzte, und sie wusste jetzt schon, dass Harry ganz sicher nicht begeistert von der Nachricht wäre, dass sie vor drei Jahren während ihres Dienstes auf Malfoy Manor mit Lucius geschlafen hatte. Noch schlimmer war es wahrscheinlich, wenn sie ihm gestand, dass sie entgegen aller Vernunft tiefe Gefühle für den Arresttieren hegte und dass... Hermine schüttelte fast zwanghaft mit dem Kopf, ohne jedoch die Augen zu öffnen. Manchmal wünschte sie, der Zug würde nicht so lautlos seinem Ziel entgegen gleiten, sondern sie durch gezieltes Schlingern davon abbringen, gewisse Gedankengänge weiter zu verfolgen.

Es war schon fast beunruhigend, wie gleichmäßig der Zug auf den Schienen vorwärts glitt. Kein Schütteln oder Ruckeln durchbrach das sanfte Dahingleiten, man hörte weder das Kreischen von Bremsen, wenn der Zug etwas langsamer Weichen und Bahnhöfe passierte, noch spürte man das leichte Neigen, wenn der Zug eine der wenigen Kurven auf dieser Strecke fuhr. Somit wurde sie nicht von ihren Grübeleien abgelenkt.

Hermines Gedanken bewegten sich im Kreis. Der Gedanke, dass sie vielleicht innerhalb dieser drei Monate keinen Ausweg aus dieser Situation finden würde, trieb ihr die Schweißperlen auf die Stirn. Lucius würde sich nicht erneut auf eine Gnadenfrist einlassen, und obwohl sie im Moment schwitzte, überlief es sie eiskalt, wenn sie an die unmittelbaren Konsequenzen ihres Versagens dachte. Es musste ihr einfach etwas einfallen. Unruhig durch ihre sich im Kreis bewegenden Gedanken rutschte sie hin und her, machte schließlich doch die Augen auf und lehnte ihren Kopf an das kühle Glas des Fensters. Die Kälte, die unmittelbar auf ihre Haut traf, lähmte ihre verzweifelten Gedankengänge kurzzeitig, ließ sie aber dennoch nicht zur Ruhe kommen.

Sie dachte an die Zeit vor drei Jahren, als Lucius sie so voller Wut an die Wand in seinem Arbeitszimmer gedrückt hatte. Er war ganz sicher kurz davor gewesen, sie zu vergewaltigen, dennoch war es letztendlich nicht dazu gekommen und diese vor unterdrückter Aggression und Angst geschwängerte Atmosphäre hatte sich innerhalb von Minuten gewandelt. Sie hatten heißen und einvernehmlichen Sex gehabt. Noch heute wusste Hermine nicht genau, was eigentlich der Auslöser dafür gewesen war. Es war ihr ein Rätsel, warum sie Lucius damals hatte gewähren lassen, ja, es geradezu herbeisehnte, dass er mit ihr schlief. Er hatte sie einfach mit seiner dominierenden, überwältigend verführerischen Art überrumpelt. Mit der geballten Macht seiner faszinierenden Persönlichkeit lähmte er ihre Abwehr und brachte es fertig, dass sie ihm einfach nichts entgegensetzen konnte. Damals hatte sie sich heftig in ihn verliebt. Ausgerechnet in einen verurteilen Verbrecher, einen der schlimmsten Todesser nach Voldemort und Vater ihres Mitschülers Draco, der doppelt so alt war, wie sie. Sie sollte ihn verachten, ihn hassen, und nicht lieben. Aber sie konnte einfach nichts gegen diese überwältigenden Gefühle tun, die sie fortan beherrschten. Sie hatte für ihre Liebe ihren Beruf und ihren Ruf aufs Spiel gesetzt, und zwar ohne genauer darüber nachzudenken. Das war ihr noch nie passiert, und nach der Begegnung mit Lucius war ein solcher Fauxpas niemals wieder vorgekommen.

Auch später, als sie die Affäre schweren Herzens beendet hatte, kam sie nicht über ihn hinweg. Jeden potentiellen Verehrer verglich sie mit Lucius, und komischerweise konnte nicht einer der Männer, der für sie Interesse zeigte, ihren kritischen Vergleichen standhalten - und das, obwohl Lucius Malfoy so viele Fehler besaß, dass man wahrscheinlich Ewigkeiten brauchen würde, um sie alle aufzuzählen. Ihr Herz vermochte die mahnenden Stimmen in ihrem Kopf immer wieder zu übertönen, und irgendwann gab sie es schlicht auf, dagegen anzukämpfen. Sie akzeptierte, dass ihr Herz immer ihm gehören würde. Ihm, ihrer unglücklichen und hoffnungslosen Liebe. Fortan hatte sie zwar hin und wieder einen Mann an ihrer Seite, ließ aber niemals einen Zweifel daran, dass sie ihn zwar für eine Weile in ihr Leben und ihr Bett ließ, ihm aber niemals ihr Herz schenken würde. Keiner ihrer kurzfristigen Partner konnte mit dieser Option besonders gut umgehen, und so hielt es niemand länger als ein paar Monate mit ihr aus. Hermine vergrub sich schließlich in ihrer Arbeit und ignorierte schlichtweg ihr verkorkstes Privatleben.

Ab und zu besuchte sie ihre Eltern, die vor drei Jahren nach Australien ausgewandert waren. Dort konnte sie sein, wie sie war, ohne sich verstecken oder rechtfertigen zu müssen. Ihre Eltern waren verständnisvoll und fragten niemals, warum es keinen Ehemann an ihrer Seite gab. Dafür war sie sehr dankbar.

Ein Blick zur Uhr und ein kurzes Nachrechnen sagten ihr, dass es wohl Zeit war, ihren Eltern am anderen Ende der Welt ein glückliches neues Jahr zu wünschen. Hermine kramte in ihrer grünen, überdimensionalen Handtasche nach ihrem Handy und drückte die Kurzwahltaste. Schon nach wenigen Sekunden wurde am anderen Ende abgehoben. Hermine lächelte, als sie die etwas weinselige Stimme ihres Vaters hörte, der wohl schon mit ihrem Anruf gerechnet hatte.

„Hallo Töchterlein, schön, dass du anrufst."

„Hi, Dad. Ein glückliches, harmonisches, neues Jahr wünsche ich dir." Hermine bemühte sich um einen fröhlichen Klang ihrer Stimme. Es brachte nichts, wenn ihre Eltern merkten, dass sie Sorgen hatte. Sie wollte sie nicht belasten mit Dingen, bei denen sie ihr sowieso nicht helfen konnten, und außerdem halfen sie ihr ja schon anderweitig genug, fand sie.

„Danke mein Schatz. Dir auch. Wir sitzen hier gemütlich auf unserer Terrasse und genießen die milde Nacht, den Sternenhimmel und naja...den selbst gemachten Wein", erzählte ihr Vater beschwingt, und Hermine musste schmunzeln. Seitdem ihre Eltern in Australien wohnten, hatte sich ihr Vater ein für die Gegend typisches Hobby gesucht und gefunden. Sie wohnten in der Nähe von Adelaide, im Süden Australiens. Die australische Küstenprovinz war bekannt für ihr mildes Klima und die leichten Weine, die dort gekeltert wurden. Hermines Vater hatte zunächst alles zum Thema Weinanbau gelesen, was er in die Finger bekam, und dann selbst angefangen, Reben zu pflanzen, und nun betrieb er einen kleinen Weinanbau, wo er aber lediglich Wein für den eigenen Bedarf herstellte.

„Ich hoffe, ihr lasst mir eine Flasche zum Probieren übrig", scherzte Hermine und lächelte immer noch. Es tat gut, die Stimme eines lieben Menschen zu hören.

„Aber ja doch, Töchterlein. Die eine Flasche hab ich bereits vor deiner Mutter in Sicherheit gebracht", erzählte berichtete ihr Vater vertraulich, und Hermine konnte sich das breite Grinsen, welches bei diesen Worten auf seinem Gesicht sein würde, gut vorstellen. Wieder einmal beneidete sie ihre Eltern um die Liebe, die sie nach fast dreißig Ehejahren immer noch füreinander empfanden. Würde sie das jemals auch erleben? Sie glaubte nicht mehr daran.

„Wir vermissen dich sehr, meine Kleine", erklang es jetzt sehr wehmütig auf der anderen Seite. „Wann besuchst du uns wieder einmal? Dein letzter Besuch ist schon ein paar Monate her. Für dich als Hexe ist das doch eine Kleinigkeit, einfach mal so mit dem Finger zu schnippen, und schon kannst du hier sein", sinnierte er weiter.

Hermine seufzte. Zu gern würde sie kommen, aber es gab leider Wichtigeres als einen Besuch in Australien. „Bald, Dad. Ich hoffe, ich kann euch bald besuchen. Ich vermisse euch auch."

Auch ihr Vater seufzte, und sie hörte die Stimme ihrer Mutter aus dem Hintergrund, die ihrem Vater anscheinend etwas zuflüsterte. „Deine Mutter möchte dich auch noch mal sprechen, mein Kind, und ich denke, du willst auch wissen, wie es Alyssa geht."

Hermines Herz verkrampfte sich kurz. Ein heller, unangenehm stechender Schmerz durchfuhr sie, ihre Augen wurden feucht, aber sie schluckte tapfer und ließ sich nach einem kurzen Abschiedsgruß ihre Mutter geben.

Nachdem sie auch mit ihr den üblichen Wortwechsel geführt hatte, der allerdings etwas länger ausfiel als mit ihrem Vater, drückte sie nach einem ihr von ihrer Mutter mühsam abgerungenen Versprechen, dass sie auf jeden Fall in der nächsten Zeit wenigstens kurz vorbeikommen würde, die Aus-Taste.

Nun, da sie ihre aufkommenden Gefühle nicht mehr unter Kontrolle zu halten brauchte, flossen unentwegt Tränen der Einsamkeit und des Verlustes über das Gesicht. Sie war dankbar dafür, dass sie allein im Abteil saß, und somit ihrer Verzweiflung freien Lauf lassen konnte. Auch wenn sie eigentlich nicht dazu neigte, ständig ihre Situation zu bedauern, gab es Momente, sie sich bewusst wurde, dass sie unter Umständen vielleicht ein anderes Leben hätte führen sollen. Aber sie hatte sich vor Jahren schon entschieden, und sie war immer noch der Meinung, richtig gehandelt zu haben. Dennoch viel es ihr in diesem Moment schwer, die Richtigkeit ihrer Entscheidungen anzuerkennen.

Mit tränen verschleiertem Blick wandte sie sich wieder zum Fenster. Sie sah jedoch nicht die Schönheit der eisigen, teilweise tief verschneiten Winterlandschaft, die draußen in atemberaubenden Tempo im gleißend hellen Sonnenlicht vorbei huschte.

~~~~~OoO~~~~~

Rumänien am nächsten Tag

Die Arme fest vor dem Oberkörper verschränkt, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen gepresst, sah Hermine in den frühen Abendstunden des 1. Januar,durch eine blank geputzte Trennscheibe in das karg möblierte Zimmer, welches als offizieller Besucherraum eines rumänischen Kinderheims fungierte.

Sie war vor wenigen Stunden in der rumänischen Kleinstadt angekommen, und da sie die meiste Zeit im Zug geschlafen hatte, sah sie keinen Grund ihre Ermittlungsarbeiten aufzuschieben, um sich zunächst einmal ein Hotel zu suchen. Schnurstracks hatte sie sich das anscheinend einzige Taxi der Stadt genommen, welches einsam und allein vor dem Bahnhof parkte, und war zum örtlichen Jugendamt gefahren. Dort hatte man die Besucherpapiere, die ihr erlaubten den kleinen Augenzeugen des grausamen Massenmordes, der vor einigen Tagen in einem Bergdorf in der Nähe stattgefunden hatte, zu besuchen, bereits für sie bereit liegen.

Das Kind, welches abgesehen von einer schweren Unterkühlung und zwei ab gefrorenen Zehen körperlich fast unversehrt geblieben war, lebte - da keinerlei Familienangehörige aufzufinden waren - jetzt in einem Kinderheim. Trotz des auch hierzulande herrschenden Feiertages nach der Silvesternacht war die kleine Pförtnerloge besetzt in dem großen wuchtigen Amtsgebäude, welches auch schon einmal bessere Tage gesehen hatte. Hermine zeigte ihrer Tarnung gemäß ein amtliches Dokument, das sie als Mitarbeiterin von Interpol auswies und erhielt prompt die schon von ihrem Arbeitergeber avisierte und vom örtlichen Jugendrichter abgesegnete Besuchserlaubnis für den Jungen namens Dragan. Nachdem sie allerhand gut gemeinte Witze des älteren, dicklichen Beamten, der etwas von Miss 007 faselte, gezwungenermaßen freundlich lächelnd über sich ergehen ließ, stieg sie wieder in das wartende Taxi, welches sie in das einzige Kinderheim in dieser Region am Rande der Stadt brachte.

Man hatte sie schon im Ministerium darauf vorbereitet, dass die Zustände in den Kinderheimen im ehemaligen sozialistischen europäischen Osten katastrophal waren und sie sich davon nicht zu sehr beeindrucken lassen sollte. Doch als sie vor dem mehrstöckigen Altbau inmitten einer fast baumlosen Einöde stand, zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen.

Wie fast alle Gebäude in der Umgebung hatte auch dieses Haus schon einmal bessere Zeiten gesehen. Der rötliche Putz bröckelte von der Fassade, die große Steintreppe, die auf der Vorderseite des Hauses zu einer großen geschlossenen Holztür führte, wies einige größere und kleinere Risse auf, hier und da fehlten ganze Gesteinsbrocken und ließen somit den Gang auf-, bzw. abwärts zu einem wackeligen Abenteuer werden. Als Hermine an der trostlosen Fassade nach oben blickte, konnte sie an einigen Fenstern kleine, blasse Gesichterchen erkennen, die sich von innen gegen die Scheiben drückten. Wahrscheinlich nahm man jetzt dort oben an, dass wieder einmal eine reiche, ausländische Frau kam, um sich ein Kind auszusuchen. Sie seufzte. Nun, dem war nicht so. Sie würde keines dieser bedauernswerten Geschöpfe mit sich nehmen. Im Gegenteil. Sie hatte die Aufgabe eines dieser Kinder zu verhören und den Alptraum, den dieser Junge wahrscheinlich seitdem jede Nacht heimsuchte wieder auferstehen zu lassen.

Obwohl sie sich äußerst unwohl fühlte und ihr schon jetzt dermaßen schlecht war, dass sie diesem Ort am liebsten ganz schnell wieder den Rücken zukehren wollte, richtete sie sich eisern auf, schritt entschlossen die holperige Treppe hinauf und klopfte laut.

Es dauerte nicht lang, da wurde ihr von einer älteren Frau in einer langen, weißen Schürze geöffnet. Hermine versuchte, ihr Anliegen möglichst plausibel zu äußern, was nicht ganz einfach war in Anbetracht der Tatsache, dass die Frau kein Englisch verstand. Man führte die junge Aurorin in eine Art Wartezimmer, wo sie jedoch nicht lange zu warten brauchte. Die Leiterin der Anstalt erschien kurze Zeit später und war bereits über die Problematik informiert. Glücklicherweise war Lucia Gregoriewic des Englischen mächtig, und nach kurzer, freundlicher Begrüßung wurde Hermine in das kärgliche Büro der Leiterin geführt.

Lucia informierte Hermine mit knappen, eindringlichen Worten über den kleinen Dragan, der sich erst seit kurzer Zeit in ihrer Obhut befand.

„Der Junge hat Schlimmes durchgemacht", erzählte Frau Gregoriewic ihrer jungen Zuhörerin, während sie ihr eine große Tasse heißen Tee aus einem altertümlich aussehenden Samowar einschenkte.

„Er spricht kaum, wenn überhaupt sagt er höchstens ja oder nein. Er sitzt den lieben langen Tag einfach auf dem Fußboden und malt. Er hält sich abseits, ignoriert die anderen Kinder und beachtet kaum, was um ihn herum geschieht. Er isst und trinkt schlecht, und ich weiß ganz ehrlich nicht, was ich noch mit ihm tun soll", gestand die Frau mit einem traurigen Lächeln.

„Das Kind hat ganz offensichtlich ein Trauma, und wir kommen einfach nicht an ihn heran. Wir haben hier keine Kinderpsychologen, die sich mit so was auskennen, und wenn es welche gäbe, dann wäre kein Geld da, um diese Spezialisten zu bezahlen. Alles was wir tun können, ist ihm ein bisschen menschliche Wärme zu geben. Aber das lehnt er auch ab. Vor jeder Berührung zuckt er zurück. Er hat nachts Alpträume, nässt sich ein. Das ist im großen und ganzen alles, was ich ihnen erzählen kann. Natürlich hat er nicht darüber geredet, was er erlebt hat."

Hermine hörte ruhig zu und nickte ab und zu mit dem Kopf. Wenn zutraf, was sie vermutete - dass der Kleine einen Überfall einer Gruppe von Todessern, wo auch immer die herkamen, überlebt hatte - dann war es kein Wunder, wie er reagierte. Sie nahm sich vor, ganz egal, was sie hier herausfinden würde, etwas für das arme Kind zu tun, sobald sie wieder nach England kam. Vielleicht konnte man den kleinen Jungen in eine eine nette Familie vermitteln.

„Was malt er denn so?", wandte sie sich an Lucia.

„Oh, immer das Gleiche", erwiderte diese und holte aus einer großen, grauen Mappe, die vor ihr auf dem Schreibtisch lag, einen weißes Blatt Papier, welches aussah, als habe man es, nachdem die Zeichnung beendet war, gleich zusammengeknüllt und weggeworfen.

Mit einer fürsorglichen Handbewegung strich die Frau über das Blatt und reichte es Hermine. „Wenn er mit malen fertig ist, knüllt er jedes Bild sofort zusammen und wirft es in eine Ecke des Zimmers. Über den Tag hinweg sammelt sich dort allerhand an, und wenn er Abends ins Bett geht, dann entsorgen wir das Papier. Tun wir es, wenn er es sieht, fängt er an zu schreien", erzählte sie mit einer hilflosen Gebärde.

Hermine warf einen Blick auf das Blatt und erschrak, mit welcher Detailtreue der Fünfjährige das Zeichen des Morsmordre zeichnen konnte, welches ihr mit eindringlichen schwarzen Bleistiftstrichen entgegen starrte. Sie drehte das Blatt um und sah bestürzt auf die kindliche Zeichnung, die auf der Rückseite prangte.

Der große Mann, der dort abgebildet war, trug einen schwarzen Umhang mit spitzer Kapuze, und statt eines Gesichts war in dem hellen Rund, welches das Gesicht darstellen sollte, ein Totenkopf gemalt.

Ein Todesser - zweifelsfrei, dachte Hermine schaudernd und faltete das Blatt zusammen, um es in ihre Tasche zu stecken. Dunkle, unschöne Erinnerungen stiegen in ihr auf und verursachten eine Ganzkörpergänsehaut. Wenn sie bisher gehofft hatte, dass die Gerüchte, die es über diesen grausamen Vorfall gab, doch nicht der Wahrheit entsprächen, so wurde sie spätestens jetzt eines Besseren belehrt.

Offenbar hatten sich die wenigen Todesser, die sich durch schnelle Flucht oder überaus gute Tarnung der Verhaftung haben entziehen können, erneut vereint und waren bereit, wieder über die Welt herzufallen. Es war an ihr und ihren Aurorenkollegen noch schlimmeres zu verhindern und diese Verbrecher zu schnappen, bevor sie noch mehr Unheil anrichten konnten.

„Nun, ich werde nicht lange brauchen, Mrs. Gregoriewic", informierte Hermine ihr Gegenüber und stand entschlossen auf. „Wenn Sie mich nun zu Dragan führen könnten, wäre ich sehr dankbar."

Die Heimleiterin nickte zustimmend und bedeutete Hermine ihr zu folgen.

Tbc.