Titel: Lebenslänglich – Die Rückkehr -
Autor: Eve
Rating: P 18
Beta: Lady of the Dungeon
Typ: Harry Potter Fanfiction
Pairing: Lucius Malfoy/Hermine Granger
Warnung für dieses Kapitel: keine
Disclaimer: Leider gehört Lucius immer noch nicht mir. Alle Charaktere gehören Frau Rowling. Die Idee zu dieser Story ist aber von mir!
Kapitel: Sechs
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5. Januar (9:30 Uhr)
Harry Potters starrer Blick war schon geschlagene zwanzig Minuten unverwandt auf den kleinen, unscheinbaren Karton auf seinem Schreibtisch gerichtet. Zuerst hatte er an einen makaberen Scherz geglaubt, als er die weiße Schachtel gestern Morgen zusammen mit der übrigen dienstlichen Eulenpost auf seinem Schreibtisch gefunden hatte. Das Päckchen war an ihn persönlich gerichtet und trug zusätzlich noch ein Siegel der magischen Universität von Eton. Penny, seine Sekretärin, die üblicherweise alle Post öffnete, hatte anweisungsgemäß gehandelt und ihm dieses Päckchen ungeöffnet auf den Schreibtisch gelegt. Natürlich erst, nachdem sie einen sorgfältigen Überprüfungszauber durchgeführt und das Päckchen als harmlos eingestuft hatte. Unschlüssig drehte er es einen Weile von einer Seite auf die andere und überlegte, was er mit Eton zu tun haben könnte. Immerhin hatte er die altehrwürdigen Hallen der auch in Zaubererkreisen hoch angesehenen Eliteschule niemals von innen gesehen. Nun, er würde es einfach herausfinden, indem er das Paket öffnete.
Mit einer entschlossenen Bewegung brach er das harte Wachssiegel an der Vorderseite, die kunstvolle Verschnürung wickelte er schon fast ungeduldig ab. Dann hob er den Deckel. Ein weißes Seidentuch verdeckte den Inhalt. Mit spitzen Fingern schlug er es zurück und starrte geschockt auf den grauenhaften Anblick, der sich ihm bot. Auf makellosen Weiß lag der blutige, abgeschnittene Finger eines Menschen. Für einen Moment glaubte er an einen Scherz seiner Kollegen, die ihn hin und wieder einmal auf diese makabere Weise aufzogen. Er erwartete jeden Augenblick, dass sich dieser Finger nach einigen Minuten mit leisem Puffen einfach auflöste. Doch das tat er nicht. Gebannt starrte Harry auf das Artefakt auf seidenem Weiß, ehe er nach einigen Minuten tief Luft holte und seinen Zauberstab zog. Einige Sekunden lang kämpfte er um die nötige Konzentration, da eine Ahnung in ihm aufstieg, wem der Finger gehören könnte, und ihm diese Vermutung wahre Angstschauer über den Rücken jagte. Dann führte er mit dem Stab einige komplizierte Schlenker durch, und nach wenigen Augenblicken wusste er, dass das Grauenhafte, welches da vor ihm lag, tatsächlich der Finger einer menschlichen Hand war und noch vor kurzem einem weiblichen Wesen gehört hatte, wie Harry anhand des rosa Nagellacks unschwer erkennen konnte.
Sofort kehrten seine Gedanken unwillkürlich zu Hermine zurück, die zu Recherchezwecken in Rumänien weilte. Allerdings redete er sich immer wieder ein, dass Hermine weit weg und in Sicherheit und auf gar keinen Fall irgendwie in Gefahr war. Nein, ihr ging es gut, und sie hatten es hier mit einer Sache zu tun, die nicht im Zusammenhang mit ihr oder ihren Ermittlungen stand.
Nachdem der erste Schock vorbei war, beförderte Harry das abgeschnittene Glied mit einem Schwebezauber samt Seidentuch aus dem Karton und legte es sanft auf einer Unterlage ab. Die Abteilung für magische Spurensicherung würde sich nun mit dem Finger beschäftigen müssen, und hoffentlich würden die Kollegen innerhalb kurzer Zeit herausfinden, wer die bedauerliche Besitzerin des Fingers war.
Harry bemerkte, dass unter dem grausigen Fund noch ein ordentlich zusammengefaltetes Pergament lag. Er bezwang die Ungeduld in seinem Inneren, die ihm riet, den Brief sofort herauszunehmen und zu lesen. Nein, erst musste er sich versichern, dass dieses Stück Papier harmlos war. Wieder murmelte er eine Reihe von Zaubern und auch hier stellte er keinerlei Anzeichen magischer Manipulationen fest. Entschlossen nahm Harry den Brief zur Hand und öffnete ihn. Eine schwungvolle Handschrift bedeckte das Papier, unbewusst rückte Harry seine Brille zurecht, ehe er die Augen ein wenig zusammenkniff und zu lesen begann.
Sehr geehrter Mr. Potter,
vor Ihnen befindet sich der Beweis, dass sich Miss Hermine Granger in meiner Gewalt befindet. Mir schien es angebracht, Ihnen einen Teil ihres zweifellos hübschen Körpers zu schicken, damit Sie sofort erkennen, wie ernst es mir mit meiner anschließenden Forderung ist. Gleichzeitig betone ich, dass ich eine Nichterfüllung meiner folgenden Wünsche nicht tolerieren (werde) und dies mit sofortiger Eliminierung von Miss Granger ahnde werde.
Genauso leicht wie ich ihren Finger nahm, kann ich ihr auch noch andere Körperteile abtrennen. Genauso, wie ich mich auch anderweitig Miss Grangers Körper bedienen könnte.
Seien Sie also gewarnt!
Sie fragen sich jetzt sicher, wer Ihnen dieses schöne Souvenir zugesandt hat und sich somit auf eklatante Weise ihrer Aufmerksamkeit versichert.
Nun, Sie werden es zweifellos erfahren und zwar dann, wenn ich es für richtig halte, nicht früher. Bis dahin bleibt es Ihnen selbstverständlich freigestellt, nach meiner Identität zu forschen. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass Sie in der Lage sein werden herauszufinden, mit wem sie es zu tun haben.
Meine heutige Forderung:
Sie werden folgenden Personen, die zur Zeit im Gefängnis von Askaban einsitzen, die Freiheit zu gewähren und nach ihrer Freilassung nicht versuchen, den Weg, den sie nehmen werden, zu verfolgen.
Falco Aesalon
Sean Alderton
Jason Brydon
Buckley Cooper
John Ellerbey
Davy Gudgeon
John Harkness
Glover Hipworth
Steve Hawkins
Gwenog Jones
Elladora Ketteridge
Morag MacDougal
Sie haben genau achtundvierzig Stunden Zeit, meine Forderung, die übrigens nur die Erste in einer langen Liste ist, zu erfüllen. Nach erfolglosem Ablauf dieser Frist wird es mir ein Vergnügen sein, ihre werte Freundin einen sehr schmerzhaften Tod erleiden zu lassen.
Ich rate Ihnen, diese Warnung ernst zu nehmen. Einen Beweis meiner Fähigkeiten haben sie bereits erhalten.
Ich werde innerhalb der oben genannten Frist keinerlei Exempel an wertlosen Muggeln statuieren. Dieses Versprechen gilt allerdings nur für die nächsten zwei Tage.
Mit unendlichem Vergnügen
Ihr X
Harry zweifelte nicht eine Minute lang, dass sich Hermine tatsächlich in der Gewalt eines kranken Irren befand. Sofort, nachdem er den Brief zu Ende gelesen hatte, handelte er.
Penny bekam einen Heidenschreck, als ihr Chef wie ein wild gewordener Hippogreif aus seinem Büro gestürmt kam und ihr mit kreideweißem Gesicht in atemberaubender Geschwindigkeit befahl, verschiedene Kollegen aus anderen Abteilungen zu ihm zu beordern. Als gute Sekretärin fragte sie nicht, was ihren Chef denn so in Aufruhr versetzt hatte. Sie ahnte, dass etwas Schwerwiegendes passiert sein musste und handelte. Binnen kürzester Zeit fanden sich einige Zauberer vor ihrem Schreibtisch ein, die sie alle gleich zu ihrem Chef durchwinkte.
So erfuhr Harry eine halbe Stunde nach dem Öffnen des mysteriösen Pakets, dass Hermine nach einem Kurztrip in den Bergen Rumäniens als verschollen galt. Innerhalb der nächsten halben Stunde hatte er ein Team zuverlässigster Zauberer zusammengetrommelt, ihnen das Nötigste erklärt und Anweisungen und Befehle erteilt. Er hatte das Kommando über mehr als fünfzig Auroren übernommen, die fieberhaft Ermittlungen einleiteten, Erkundungen einzogen, alte und neue Akten sichteten, Fingerabdrücke nahmen und Verhöre der Personen, die laut Forderung Askaban verlassen sollten, durchführten. Harry selbst leitete nicht nur die Fahndung nach Hermine und diesem ominösen X, sondern er war zwischendurch überall, wo Not am Mann war.
Er apparierte sogar persönlich ins St. Mungo , um herauszubekommen, ob eventuell ein dort untergebrachter Geisteskranker entwichen war. Natürlich war dies nicht der Fall. Der Inhalt des Briefes deutete auch nicht auf einen Irren hin, der planlos handelte, sondern eher auf eine kühl und durchdacht handelnde Person, die zweifellos sehr intelligent war.
Die schonungslos kurze Frist von achtundvierzig Stunden schwebte über allem wie ein Damoklesschwert, und ausnahmslos alle holten das Letzte aus sich heraus.
Leider waren sämtliche Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Sie hatten nichts, aber auch gar nichts herausfinden können. Es konnte nicht geklärt werden, woher die Schachtel mit Hermines Finger kam; denn dass sie nicht von Eton kam, war mittlerweile zweifelsfrei erwiesen. Man hatte die Adresse der Universität nur deswegen benutzt, damit die Nachricht auch ganz sicher in Harrys Büro landete und auch von ihm selbst geöffnet wurde. Die magische Spurensicherung fand zwar heraus, dass der abgetrennte kleine Finger wirklich von Hermine stammte, und dass er mit einem äußerst scharfen Messer auf Muggelart abgetrennt wurde, aber das war auch schon alles.
Der Brief des Unbekannten ließ ebenfalls keine Rückschlüsse auf seinen Schreiber zu, weil die Schriftzüge von einer flotten Schreibefeder stammten, der man den gesamten Wortlaut diktiert hatte. Selbst Fingerabdrücke waren keine zu finden gewesen, da das Pergament auf magische Weise zusammengefaltet wurde.
Nicht einmal die Unsäglichen, die Harry ebenfalls in die Ermittlungen miteinbezog und die bisher immer irgendetwas heraus bekamen, hatten Erfolg. Nichts, absolut nichts hatte er in den vergangenen Stunden erreicht, und nun lag ein Schriftstück vor ihm, welches er aufgesetzt hatte, um es im Notfall dem Zauberergamot präsentieren zu können, und welches die Freilassung der einsitzenden Zauberer und Hexen veranlassen sollte. Ihm war gar nicht wohl zumute, als er immer wieder den Wortlaut des Textes, den er seiner Sekretärin diktiert hatte, überflog. Er durfte sich nicht erpressen lassen. Dies würde Nachfolgetätern Tür und Tor öffnen. Als Staatsdiener, der er in erster Linie war, war dies höchst unkorrekt, aber er war eben auch ein Freund, und als solcher konnte und wollte er Hermine nicht dem sicheren Tod überlassen, falls die Ermittungsversuche alle im Sande verliefen und die Frist ergebnislos verstrich.
Wie die Verhöre ergeben hatten, wussten nicht einmal die sämtlich wegen illegalen Gebrauchs von dunkler Magie eingekerkerten Zauberer und Hexen etwas über den unbekannten Gönner, der ihre Freilassung forderte.
Grübelnd fuhr sich Harry über seine ohnehin schon zerstrubbelten Haare. Es war zum Mäuse melken! Hermine befand sich in den Händen eines skrupellosen Voldemort-Verschnitts, und er konnte nichts, aber auch gar nichts tun, um sie zu retten. Er bezweifelte ernsthaft, dass sie jemals wieder frei kam, selbst wenn sie diese unmöglichen Forderungen von X erfüllten. Der Kerl hatte es ja in seinem Brief nicht einmal für nötig gehalten zu erwähnen, ob er Hermine bei Erfüllung seiner Forderungen freilassen würde!
Nach einem verzweifelten Überdenken aller ihm verbliebenen Möglichkeiten, mindestens fünf Tassen des stärksten Earl Greys und permanentem, ruhelosem auf und ab Gehen in seinem Büro, war ihm klar, dass sich ihm nur noch eine einzige, dazu noch höchst illegale Alternative bot, die er eigentlich gar nicht in Betracht ziehen sollte. Doch ein Gedanke setzte sich wie ein Parasit in seinem Kopf fest.
„Eventuell könnte man in diesem ganz speziellen Fall das Böse mit dem Bösen bekämpfen", murmelte er nachdenklich. Lucius Malfoy war der einzige Mensch, der ihm vielleicht noch helfen konnte.
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Harry überwand die immer noch vorhandene Abneigung gegen seinen ehemaligen Tränkeprofessor und apparierte nach Hogwarts, um Severus Snape um Unterstützung zu bitten. Er hatte den irrwitzigen Einfall, Lucius Malfoy mit in die Ermittlungen um Hermines Aufenthaltsort und eventuell auch den von Mr. X, einzubeziehen. Einmal abgesehen davon, dass er den verurteilten Gefangenen zu diesem Zweck aus seinem luxuriösen Gefängnis befreien musste, dies höchst illegal und sehr strafbar war, musste er den eigenwilligen Aristokraten erst einmal davon überzeugen, für ihn zu arbeiten; und dafür musste er sich der Mitarbeit der einzigen Person bedienen, die eventuell etwas Einfluss auf Malfoy hatte, nämlich Snape. Der immer noch in den Diensten von Hogwarts stehende Lehrer war Malfoys einziger Freund und Vertrauter, wie Harry selbstverständlich wusste.
Es war eine Erkenntnis, die Harry zu diesem Zeitpunkt umtrieb, während er die unzähligen Treppen zum Kerker hinunter stieg: Nur, wenn es ihm gelang, Snape zu überzeugen, dann würde dieser vielleicht auch Malfoy dazu bewegen können, ihm zu helfen.
Harry wusste, dass dies ziemlich verrückt war und er sich außerhalb rechtlicher Grenzen bewegte, allein schon, weil er Zivilpersonen in amtliche Ermittlungen einweihte. Aber das war nur das geringste seiner Probleme. Das Einzige, woran er denken konnte, war Hermine, die man womöglich systematisch nach und nach verstümmelte, ehe man sie grausam sterben ließ. Seine eigene bodenlose Unzulänglichkeit ließ ihn fast verzweifeln, und er würde sogar einen Bund mit dem Teufel eingehen, nur damit seine beste Freundin wenigstens eine kleine Chance zu Überleben hatte.
Dass der reinblütige Todesser sein Leben nicht für Hermine, ein in seinen Augen unwürdiges Schlammblut, riskieren würde, war Harry sonnenklar. Somit brauchte er einen Verbündeten, der vielleicht ein gutes Wort für ihn einlegt. Kurios, dass es ausgerechnet Snape sein musste, aber Harry war bereit über seinen Schatten zu springen.
Nach mehrmaligem, energischem Klopfen wurde die schwere Holztür, die zum Labor des Tränkemeisters führte, schwungvoll aufgerissen. Snapes Gesicht zeigte keinerlei Überraschung, als er sah, wer vor seiner Tür stand. Harry gab sich jegliche Mühe seine Ungeduld und eine gewisse Unsicherheit, die ihn immer in Gegenwart des erfurchtgebietenden Tränkeprofessors überfiel, zu verbergen, als er auf ein wortloses Winken Snapes hin an dem groß gewachsenen Mann vorbei trat.
„Guten Tag, Professor Snape", murmelte er höflich im Vorbeigehen.
Ohne Harry zu begrüßen, schloss Snape die Tür und wandte sich an seinen Besucher.
„Was verschafft mir die Ehre Ihres seltenen Besuches, Mr. Potter? Ich gehe doch recht in der Annahme, dass Sie nicht hier sind, um Ihr höchst unvollkommenes Wissen in Zaubertränken aufzufrischen?"
„Ich bin dienstlich hier, Professor Snape." Harry verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und bemühte sich höflich zu bleiben. Es ärgerte ihn, dass Severus Snape keine Gelegenheit auslies, um ihn wegen seiner eher schlechten Leistungen in diesem Fach aufzuziehen. Er schien es nicht lassen zu können, ihm immer wieder seine Unzulänglichkeiten vorzuhalten.
„Dienstlich?" Snapes schwarze Augenbraue wanderte fragend nach oben.
„Es geht um Hermine Granger", erklärte Harry.
Snape schnaubte belustigt. „Natürlich. Miss Granger. Es geht immer um ihren illustren Freundeskreis. Und was hat das nun mit mir zu tun?"
Harry hatte angesichts Snape abfälliger Bemerkung schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, aber gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass er auf Snapes Hilfe angewiesen war, und somit verkniff er sich jeglichen Kommentar und erklärte seinem ehemaligen Lehrer, warum er ihn aufgesucht hatte.
Snape, der seinem Besucher nicht einmal einen Platz angeboten hatte, hörte Harrys Ausführungen mit scheinbar stoischer Ruhe zu. Harry hingegen war zuerst einmal froh, dass Snape sich jeglichen beißenden Kommentar zu seinen Misserfolgen in dieser Angelegenheit sparte. Als Harry seine Ausführungen beendet hatte und ihn sehr höflich um seine Hilfe bezüglich Malfoy bat, griff Snape zu Harrys riesiger Überraschung ohne ein weiteres Wort nach seiner schwarzen Robe und schleifte ihn fast hinter sich her, um umgehend nach Malfoy Manor zu apparieren.
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„Das ist nicht Ihr Ernst, oder?"
Lucius Malfoy, seines Zeichens Spross einer der ältesten Zauberdynastien, verurteilter Todesser, Gefangener in seinem eigenen Haus und die Verkörperung des Bösen nach Voldemort, jedenfalls was Harry betraf, strich sich fahrig durch sein langes Haar und sah äußert fassungslos von einem zum anderen.
Malfoys kalter, abweisender und höchst arroganter Gesichtsausdruck, den er extra für Potter reserviert hatte, verwandelte sich, nachdem der Auror sein ganz spezielles Problem heute nun schon das zweite Mal ein wenig umständlich erklärt hatte, in einen fast ungläubigen Ausdruck.
Lucius Malfoy war gerade am Tag zuvor aus St. Mungo entlassen worden. Er sah immer noch recht blass aus, wenngleich Harry nicht sagen konnte, ob das Malfoys normale Gesichtsfarbe war. Er hatte die ehemalige rechte Hand Voldemorts schon lange nicht gesehe,n und im Grunde war ihm auch die körperliche Befindlichkeit des
Gefangenen herzlich egal, solange er nur dazu in der Lage war, ihm zu helfen. Weiße Verbände zierten Malfoys Unterarme und gaben Zeugnis von dessen missglücktem Selbstmordversuch. Das zweifellos teure, hellgrüne, locker fallende Seidenhemd, welches er im Moment darüber trug, verbarg den weißen Mull jedenfalls nicht ganz.
Im Übrigen machte Lucius Malfoy nach wie vor den Eindruck, als ob er gerade von seinem persönlichen Schneider eingekleidet worden sei. Er wirkte wie aus dem Ei gepellt, was Harry verärgert die Stirn runzeln ließ, da Gefangene seiner Meinung nach doch etwas anders auszusehen hatten. Ihm schwebte eher etwas zerknittertes, grob gewebtes, grau-schwarz Gestreiftes vor, in dem er Malfoy liebend gerne gesehen hätte. Nun war es aber so, dass er seine Abneigung gegenüber dem arroganten Zauberer weitestgehend zurückdrängen musste, da er auf dessen Hilfe hoffte, und und das machte es erforderlich wohl oder übel über einige Dinge, die ihn störten, hinweg sehen.
Ungeduldig schlug er ein Bein über das andere. Er fühlte sich unwohl in dieser immer noch sehr luxuriösen Umgebung, in der alles sehr teuer, erlesen und ziemlich dekadent aussah. Er rutschte ein wenig in seinem Louis des Soundsovielten-Stuhl herum, dessen kunstvoll geschnitzte Lehne aus Mahagoni ihn unangenehm im Rücken drückte, und nickte nachdrücklich zu Lucius' Unglauben.
„Ja, Mr. Malfoy, das ist durchaus mein Ernst. Das Ministerium und der Zauberergamot wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns in diesem Fall Ihre Hilfe gewähren würden", erwiderte Harry gezwungen höflich, während sich Lucius ihm gegenüber mit einem empörten Schnaufen zurück lehnte.
„Ach, jetzt heißt es also Mr. Malfoy – nicht Gefangener 537?", fragte er spöttisch und hielt sein verbundenes linkes Handgelenk in die Höhe, auf dem die erwähnte Nummer in wenig kleidendem Blau zu sehen war. Auch, wenn er in seinem eigenen Haus gefangenen gehalten wurde, war er ein verurteilter Verbrecher, und wie jeder andere Schuldiggesprochene auch, wurde Lucius Malfoy sofort nach seiner Verhandlung eine Häftlingsnummer eintätowiert. Immerhin bestand jederzeit die Möglichkeit, ihn nach Askaban zu überführen, wo Häftlinge lediglich mit ihrer Nummer angesprochen wurden.
„Ich glaube, wir können diese nebensächlichen Dinge wohl beiseite lassen", erwiderte Harry zähneknirschend. Es widerstrebte ihm, mit Malfoy so behutsam umgehen zu müssen. Für ihn würde Malfoy immer 537 bleiben, auch wenn er ihn jetzt anders anreden musste, weil er auf ihn angewiesen war.
„Ich verstehe immer noch nicht, wie Lucius von hier aus eigentlich helfen soll?", warf Severus Snape ein, der bisher schweigend in dem anderen, hochherrschaftlichen Stuhl gesessen hatte.
Falls ich mich überhaupt bereit erkläre zu helfen", warf Lucius ein. Nach außen hin wirkte er total desinteressiert, aber in seinem Inneren brodelte es. Man hatte Hermine gekidnappt und ihr Gewalt angetan, und er würde alles daran setzen diesen Bastard zu finden!
Genüsslich und langsam würde er ihm mit einem Löffel das Herz herausschneiden, wenn er ihn fand.
„Nun, von hier aus wäre es wohl schlecht möglich", erklärte Harry widerstrebend. Jetzt war auf jeden Fall Vorsicht angesagt. Er musste genau überlegen, wie weit er für Hermine bereit war zu gehen. Denn was er hier vorschlug, tat er im Alleingang. Weder der eben erwähnte Zauberergamot, noch das Ministerium wussten Bescheid, dass er im Begriff war einem verurteilten Straftäter ein höchst illegales Angebot zu unterbreiten.
„Sie sagten mir ja bereits, dass Sie über keinerlei Informationen über eventuelle Todesseraktivitäten verfügen, und dass Sie ebenfalls nichts über jemanden wissen, der in der Lage wäre, eine erneute Herrschaft über die magische Gesellschaft anzustreben.
Ich bin jedoch der Meinung, dass Sie eventuell über Mittel und Wege verfügen, herauszubekommen, wer dieser X ist und wo sich sein Hauptquartier befindet. Ich gehe davon aus, dass er dort auch Miss Granger gefangen hält. Natürlich können Sie diese Informationen nicht besorgen, ohne das Haus zu verlassen."
Harry wollte lieber nicht daran denken, dass Malfoy ganz sicher dunkle Wege beschreiten und schwarze Magie anwenden würde, um zu den Informationen zu gelangen, die sie brauchten, um Hermine zu finden und natürlich auch die Identität von X festzustellen. Aber das musste Harry in Kauf nehmen, wenn er Hermine jemals lebendig wieder sehen wollte.
„Demzufolge habe ich folgenden Vorschlag zu unterbreiten", fuhr er fort und beugte sich etwas nach vorn, um jegliche Regung des älteren und zweifellos gerissenen Mannes ihm gegenüber aufzunehmen.
„Der Arrest, dem Sie für den Rest Ihres Lebens unterliegen, wird zeitlich begrenzt aufgehoben. Sie bekommen die Möglichkeit, sich frei zu bewegen um Nachforschungen anzustellen. Severus Snape wird Sie dabei auf Schritt und Tritt begleiten, und Sie werden mir über jeden Ihrer Schritte und über jedes einzelne Ergebnis Ihrer Bemühungen Rechenschaft ablegen. Sie haben weitestgehend freie Hand. Wichtig ist, dass Sie herausfinden, wer Mr. X ist, wo er sich aufhält und wo er Hermine Granger gefangen hält. Sie bekommen einen Zauberstab, der so manipuliert sein wird, dass Sie den Avada damit nicht wirken können. Wir wollen ja nicht, dass Sie reihenweise Leichen hinterlassen auf ihrem Weg", erklärte Harry eisig und bestimmt. Er ließ dabei außer Acht, dass man Menschen auch auf andere Weise töten konnte. Er wollte es Lucius Malfoy nicht allzu leicht machen, jemanden umzubringen, nur weil ihm die Nase des Anderen nicht gefiel, oder er eine falsche Antwort bekam. Er war sich sicher, dass Lucius sich wesentlich schwerer damit tat, jemanden auf andere Weise als mittels des vergleichsweise eleganten Todesfluchs umzubringen.
Lucius unterbrach Harry mit einer Handbewegung und zog eine seiner dunklen, fein geschwungenen Augenbrauen fragend in die Höhe. „Es gibt nicht nur einen Unverzeihlichen, Potter. Wollen Sie damit sagen, dass ich die anderen uneingeschränkt anwenden darf? Natürlich nur, falls erforderlich?", fügte er lauernd hinzu.
„Ich sage nur, dass Sie einen AK nicht damit wirken können. Was Sie sonst damit tun, ist Ermessenssache und für mich nicht von Bedeutung", erklärte Harry emotionslos. Ein Anfall von Übelkeit bemächtigte sich seiner. Er befand sich auf dem besten Wege, ebenfalls ein Krimineller zu werden. Das, was er hier tat, hatte eindeutig nichts mehr mit ehrenvoller, verantwortungsbewusster Aurorenarbeit zu tun. Er trat das Amt, welches er innehatte, mit Füßen. Aber er war verzweifelt und wusste einfach nicht mehr weiter. Und somit musste er mit der Verantwortung leben, die er sich auf sein Gewissen lud.
Snape neben ihm räusperte sich und deutete mit dem Kinn auf Lucius. „Wenn ich sein Kindermädchen sein soll, muss ich mich in Hogwarts abmelden. Es ist mitten im Schuljahr. Wie stellen Sie sich das denn vor?"
„Das ist das geringste Problem, Professor. Ich werde Minerva eulen und ihr erklären, dass Sie auf unbestimmte Zeit verreisen in Angelegenheiten, die für das Ministerium von Wichtigkeit sind. Auch wenn sie sicherlich nachfragen wird, wird sie es letztendlich akzeptieren, dass Sie Hogwarts mitten im Schuljahr verlassen."
Snape nickte mit sauertöpferischer Miene. Das Ganze gefiel ihm nicht, wenngleich ihm aber auch keine andere Lösung einfiel. Er wusste, dass Lucius zweifellos über Kontakte verfügte, die jenseits legaler Möglichkeiten lagen, und die wohl eher zum Erfolg führten.
„Nein", erklang es jedoch in diesem Moment aus Lucius' Mund. Er verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und lehnte sich entschlossen zurück.
„Nein?" fragte Harry überrascht.
„Neeeeeiiiiiiieeeen!", wiederholte Malfoy gedehnt. „Was an diesem Wort haben Sie nicht verstanden, Potter? Ich lehne Ihr überaus großzügiges Angebot ab. Was habe ich mit Miss Granger zu schaffen? Warum sollte es mich interessieren, wer sie wo gefangen hält? Warum sollte ich Ihnen helfen, wenn doch nichts für mich heraus springt, oder habe ich da irgendetwas Wichtiges überhört?"
Eisgraue, kalte Augen musterten Harry Potter abschätzend. Lucius Malfoys gesamte Haltung deutete darauf hin, dass er auf etwas lauerte. Sein Körper war angespannt. Er wirkte nun gar nicht mehr, wie ein selbstmordgefährdeter Depressiver.
„Geben Sie mir einen Anreiz!"
„Was wollen Sie, Malfoy?", knurrte Harry unwillig. Ihm war bewusst, dass Malfoy ihnen nicht helfen würde, wenn er selbst nicht ein Zugeständnis bekam, aber er hatte sich schon sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Mehr konnte dieser arrogante Todesser doch nicht verlangen.
„Was ich will? Nun, können Sie sich das nicht denken?", schnarrte Lucius ungerührt.
Harrys Augen wurden groß, als er erkannte, auf was sein Gegenüber anspielte. „Nein! Das kann ich nicht tun." Abwehrend hob Harry beide Hände. Lucius' blasses Gesicht überzog sich mit einem berechnenden Grinsen, welches er schon seit Ewigkeiten nicht mehr hatte aufsetzen können.
„Mr. Potter, wenn ich überhaupt in Erwägung ziehen soll, Ihnen zu helfen, dann will ich nichts Geringeres für meine wertvolle, einzigartige Hilfe, als meine absolute und uneingeschränkte Freiheit."
Tbc.
