Titel: Lebenslänglich – Die Rückkehr -
Autor: Eve
Rating: P 18
Beta: Lady of the Dungeon
Typ: Harry Potter Fanfiction
Pairing: Lucius Malfoy/Hermine Granger
Warnung für dieses Kapitel: keine
Disclaimer: Alle Charaktere, außer einem, gehören Frau Rowling. Der eine gehört ausschließlich mir, auch wenn ich ihn gerne gegen Lucius eintauschen würde. ^^ Die Idee zu dieser Story ist ebenfalls meine!
Kapitel: Acht
~~~~~~~~~~~~LM/HG~~~~~~~~~~~
5. Januar (13:10 Uhr)
Pünktlich zur vereinbarten Zeit erschien Severus Snape in einem dunklen Hauseingang am Ende der Winkelgasse. Er sah sich prüfend um und stellte fest, dass sein plötzliches Erscheinen niemandem aufgefallen war. Somit trat er ins Licht und beschleunigte seine Schritte. Die ausladende Robe, die üblicherweise weit hinter seiner schmalen, hochgewachsenen Gestalt her wallte, hatte er eng um sich gerafft, um nicht allzu sehr Aufsehen zu erregen. Schnell und sicher schritt er über holprige Pflastersteine, um zur Abzweigung der Nokturngasse zu gelangen, die nicht weit entfernt war. Von Lucius war weit und breit nichts zu sehen, was ihn nicht sonderlich wunderte. Der große blonde Zauberer würde hier auffallen wie ein knallbunter Greif, zumal ihn die halbe Zaubererwelt kannte und wusste, dass er auf Lebenszeit arretiert war. Snape machte sich keine Illusionen darüber, dass auch heute, nach mehr als dreizehn Jahren, immer noch genügend Leute wussten, wer sein Freund war und ihn auch jederzeit erkannten. Das Risiko einer Entdeckung war somit sehr hoch und sie mussten vorsichtig sein, damit ihre wahnwitzige Hilfsaktion nicht schon zu Ende war, bevor sie überhaupt angefangen hatte.
Sobald Severus an der schiefen Hausecke ankam, an der nicht weniger schief ein Jahrhunderte altes, kaum noch lesbares Straßenschild angebracht war, auf dem in verwitterten Buchstaben das Wort Nokturngasse zu lesen war, löste sich aus dem Dunkel, welches charakteristisch für diese Straße zu sein schien, weil wohl selbst das Sonnenlicht sich weigerte einen derartigen Sündenpfuhl, wie diese Straße zu bescheinen, eine große, schwarz gekleidete Gestalt. Eine behandschuhte Hand legte sich auf Severus' Unterarm und zog ihn mit sich in die tiefer gelegene berüchtigte Straße hinein.
„Hallo, mein Freund", wisperte es aus dem weiten Kragen eines teuren, schwarzen Umhangs. Trotz des Ernstes der Lage musste sich Snape ein Grinsen verbeißen. Lucius wollte offensichtlich seine Gestalt nicht ändern oder einen Blendzauber sprechen, der bewirkte, dass Andere ihn gar nicht wahrnahmen. Stattdessen hatte er sich in einen langen schwarzen Umhang gehüllt, der ihm fast bis auf die mit Stiefeln aus Drachenleder bekleideten Füße fiel. Lucius hatte den eleganten Kragen hochgeklappt, der so gut wie alles von seinem Gesicht verbarg, und außerdem trug er einen schwarzen Hut, unter dem er die blonde Haarpracht versteckt hielt und der Severus frappierend an die alten Gangsterfilme der Vierziger erinnerte, die er als kleiner Junge manchmal sehen durfte. Lucius wirkte, als sei er einem dieser schwarz-weiß Filme entsprungen.
„Hallo, Phantom", witzelte Severus, während er sich widerstandslos an verschiedenen dunklen Geschäften vorbei lotsen ließ, deren Auslagen empfindliche Gemüter wohl als ziemlich erschreckend bezeichnen würden.
Lucius hingegen kannte sich hier bestens aus. Die Nokturngasse war schon immer sein bevorzugtes Einkaufsziel gewesen, und selbst Severus kannte hier den einen oder anderen Giftmischer, bei denen er in der Vergangenheit seltene, manchmal auch illegale Zutaten seiner Tränke besorgt hatte.
„Haha", machte Lucius, der das gar nicht witzig fand. „Ich war leider zu dieser Maskerade gezwungen, weil mein neuer Zauberstab nicht so will, wie ich", stieß er gepresst hervor, während sie eilig den Schatten der Häuser nutzend, die Nokturngasse entlang gingen.
„Er muss sich erst an dich gewöhnen, so wie du dich auch an ihn gewöhnen musst", erklärte Severus und sah sich prüfend um. Er hatte keine Ahnung, wo Lucius überhaupt hin wollte.
„Ich weiß, Severus. Das ist frustrierend!", ärgerte sich Lucius und zog die Krempe seines Hutes noch tiefer ins Gesicht. „Da kann man nach so vielen Jahren endlich wieder ungehemmt zaubern, und dann funktionieren die einfachsten Zauber nicht mal. Ich wage gar nicht erst einen Stupor oder gar einen Cruciatus zu wirken. Wahrscheinlich geht dieser vermaledeite Stab dann einfach in Flammen auf. Wer weiß, was Potter mir da für ein Mangelexemplar gegeben hat. Vermutlich hat er ihn so verhext, dass ich nicht mal einen Lumos damit wirken kann."
„Unsinn. Potter weiß, dass du diesen Stab brauchst, weil du nicht ganz legale Wege zur Informationsbeschaffung beschreiten wirst. Du musst dich eben erst daran gewöhnen und für den Anfang reicht tatsächlich eventuell ein Lumos. Und jetzt jammere nicht, Lucius!", ermahnte Snape seinen Freund.
„Wohin gehen wir überhaupt?", wollte Severus nach einer Weile wissen. Sie hatten schon fast das Ende der Straße erreicht, und der Unrat sowie die Dunkelheit ringsum nahmen immer mehr zu. Auch war kaum noch ein Passant zu sehen. Die Leute schienen diesen Teil der Nokturngasse zu meiden.
„Wir sind gleich da", nuschelte Lucius in seinen weiten Kragen und zog Severus energisch am Ärmel seiner Robe weiter, bis sie vor einer alten, halb verfallenen Backsteinwand standen, die als großes, fast unüberwindliches Hindernis vor ihnen aufragte und die Nokturngasse auf einer Seite begrenzte.
„Und jetzt?", wollte Snape wieder ungeduldig wissen. Er musterte aufmerksam die Mauer vor ihm. Er vermutete, dass man hier einen Zauber oder zumindest einen Code eingeben musste, um über die Wand, oder durch sie hindurch zu gelangen.
Lucius hob die Hand, um ihm zu signalisieren, dass er jetzt still sein sollte, und konzentrierte sich. Er berührte in schneller Reihenfolge verschiedene Steine und murmelte mehrere lateinische Worte. Es knirschte, als ob große Mühlräder unentwegt aneinander rieben. Vor den beiden Männern bildete sich eine enge, dunkle Öffnung. Lucius schritt ohne zu zögern hindurch, während Snape skeptisch stehen blieb.
„Nun komm schon Severus, wir haben nicht viel Zeit", ertönte es von jenseits der Dunkelheit und Severus seufzte leise und unentschlossen. Er hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache und das verstärkte sich noch, als er durch den Eingang hindurch trat, die Mauer sich hinter ihm ebenso knirschend wieder schloss und er in absolute Dunkelheit gehüllt wurde.
„Lumos", ertönte es vor ihm und ein heller Lichtschein drang aus Lucius' Zauberstab.
„Na, wenigstens das funktioniert", sprach er erleichtert in Richtung des Stabes gewandt und ging weiter.
„Willst du mir nicht sagen, wohin wir gehen?", fragte Severus, während er seinen eigenen Zauberstab aus der Robe zog und seinem Freund langsam, mit äußerst misstrauischem Blick auf die feuchten, mit Moos überzogenen Steinwände links und rechts, folgte.
„Das wirst du noch früh genug erkennen, Severus. Vertrau mir einfach", hörte Severus Lucius sagen.
„Als du das letzte Mal zu mir gesagt hast, vertrau mir, war ich plötzlich der Gefolgsmann eines Wahnsinnigen", erinnerte Severus seinen langjährigen Freund trocken und ging vorsichtig hinter ihm her durch einen schmalen Korridor.
„Ach Sev. Das ist hundert Jahre her und auch ich kann mich mal irren, nicht wahr?"
„Oh, der große Lucius Malfoy ist also nicht unfehlbar. Das ich das mal aus deinem Mund höre", kommentierte Snape ironisch, während er vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte und versuchte, die hochgewachsene Gestalt seines Begleiters nicht aus den Augen zu verlieren.
„Ich hoffe du irrst dich jetzt nicht, Luc. Miss Granger hat nicht mehr viel Zeit"
„Ich weiß, Severus und nein, diesmal irre ich mich nicht. Wir werden Hilfe erhalten. Ganz sicher", erklärte Lucius ruhig und überzeugend. Allerdings entgingen Severus die kleinen Anzeichen von Nervosität an Lucius nicht. Der andere Zauberer hatte seinen Hut abgenommen und fuhr sich viel zu oft durch die Haare, obwohl sie ihm gar nicht im Weg waren. Dies war immer ein Zeichen von Anspannung, wie Severus wusste, und er verfluchte im Stillen diesen aufgeblasen, eigenwilligen Bastard, der glaubte, die Welt im Alleingang retten zu können. Severus griff seinen Zauberstab fester und hoffte, dass sie dieses Abenteuer lebend überstehen würden und natürlich auch Miss Granger halbwegs unversehrt würden befreien können.
Severus war dermaßen in seine Gedanken versunken, dass er fast in Lucius hinein rannte, der plötzlich stehen geblieben war.
„Was ist denn?", entfuhr es dem Tränkemeister.
Vor ihnen erstreckte sich wieder eine Wand. Allerdings war diese nicht aus Steinen, wie die Wand zuvor.
„Bei Merlins runzeligen Eiern....was ist das denn?", wunderte sich Severus.
„Nun, ich würde sagen, das ist der Eingang zur Unterwelt", antwortete Lucius trocken und starrte angestrengt auf eine Wand aus rötlichem, von dicken bläulichen Adern durchzogenen Gewebe, welches sanft pulsierend und unnatürlich fettig glänzend zwischen den steinernen Wänden hing und ihnen den Weg versperrte. Es schien als lebe das Etwas vor ihnen, und Severus musste sich zwingen, nicht etwa einen Schritt zurückzutreten, so eklig fand er diesen Anblick.
„Du willst also zu den Dämonen der Unterwelt, hab ich recht?", wandte er sich an den Freund und wischte sich den plötzlich auftretenden Schweiß von der Stirn.
„Weißt du eigentlich wie gefährlich es ist, sich mit diesen dunklen Kreaturen einzulassen?", fragte er Lucius.
„Ja, das weiß ich. Alles hat seinen Preis, Severus. Aber ich bin bereit ihn zu zahlen", erwiderte der Malfoy ernst und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, als ob das allein genügen würde, um Unheil von ihnen fern zu halten.
„Du brauchst nicht weiter mitzukommen, Severus. Es genügt, wenn ich allein gehe", erklärte Lucius an den Freund gewandt.
„Glaubst du etwa, ich würde dich da allein hinein gehen lassen?", empörte sich der dieser. „Warst du schon einmal hier, Lucius?"
„Nein", gestand Malfoy und fuhr sich wieder nervös durch die Haare. „Ich habe das Wissen über das unterirdische Dämonenreich von meinem Vater, und ich weiß nicht, ob er jemals hier war. Ehrlich gesagt will ich es auch nicht wissen."
Severus' hagere Gestalt straffte sich und er stieß sein in letzter Zeit ziemlich oft praktiziertes Seufzen aus. Sie hatten gemeinsam schon so viel durchgestanden, dass sie dieses Problem jetzt auch gemeinsam lösen würden. Sie beide würden da hinein gehen, sich die Informationen beschaffen und auch gemeinsam wieder hinaus gehen - koste es, was es wolle.
„Also gut, dann lass uns gehen", erklärte Severus entschlossen und stellte sich dicht neben Lucius. Der sah seinen Freund abwartend an. „Bist du sicher, Severus? Es ist nicht ganz ungefährlich dort, und ich weiß nicht..."
Severus winkte ungehalten ab. „Papperlapapp, rede nicht soviel, sondern bring uns durch dieses ekelige Gebilde. Ich werde nirgendwo tatenlos einfach abwarten", erklärte er entschlossen. Lucius lächelte kurz. „Nichts anderes hab ich von dir erwartet, mein Freund"
Er wandte sich wieder der lebenden Wand zu, die die Grenze zwischen dem von Menschen bewohnten Teil der Welt bildete und dem Teil, der den dunkelsten Kreaturen gehörte. Lucius murmelte wieder einige lateinische Worte, während er seine Handflächen vorsichtig auf die Mitte des Gewebes legte.
Man hörte einige leise Schmatzer, und mit einem Reißen, welches frappierend an das Brechen von Knochen erinnerte, bildete sich ein Loch, da wo Lucius seine Hand auf das Gewebe hielt. Innerhalb kurzer Zeit war das Hindernis soweit zurück zu den Steinwänden links und rechts gewichen, dass die beiden Männer hindurch treten konnten.
Urplötzlich wurde es sehr viel wärmer. Die Wände des Ganges, die ebenfalls aus demselben fettschimmernden Material bestanden wie die Barriere, durch die sie gekommen waren, sandten ebenfalls ein rötliches Licht aus. Die menschlichen Eindringlinge brachten ihr Stablicht zum Erlöschen, hielten die Waffen jedoch kampfbereit in den Händen,während sie durch das rötlich, wabernde Halbdunkel schritten.
Der Gang, der weiter in die Tiefe führte, machte einige Schlenker und mit jeder Kurve schien es als, als würde der Weg immer enger werden und als kämen die Wände mehr und mehr auf die Dahineilenden zu. Ab und zu hörte man ein leises Seufzen oder Schmatzen, und Severus schien es, als formten sich kleine Auswüchse aus dem lebenden Teil der Wände und tasteten versuchsweise nach ihnen. Längst mussten sie hintereinander gehen, da sie einfach keinen Platz mehr hatten und sich nicht gegenseitig behindern wollten. Stumm schritten sie dahin, darauf konzentriert auf gar keinen Fall eine der Wände zu berühren. Instinktiv wussten sie beide, dass es nicht ratsam war mit irgendetwas in diesem Bereich der Welt in Berührung zu kommen. Das Dunkel, in das sie stetig mehr eintauchten, wirkte immer bedrohlicher je weiter sie kamen.
Nach einem neuerlichen Richtungswechsel blieb Lucius erneut stehen, und Severus versuchte an seiner Schulter vorbei zublicken, um in Erfahrung zu bringen, warum Lucius schon wieder anhielt. Als er jedoch sah, welches Hindernis sich ihnen jetzt entgegen stellte, prallte er mit entsetztem Gesicht zurück.
„Schlangen! Ich hasse Schlangen!", zischte Severus panisch. Er bemühte sich krampfhaft nicht zu der großen, hässlichen Narbe am Hals, die immer unter vielen Lagen Stoff verborgen war, zu greifen. Seinen hasserfüllten Blick konnte er allerdings nicht von dem Anblick lösen, der sich ihm bot.
Der Boden vor ihnen war bedeckt von einer Menge kleiner, grauer, sich windender Schlangenkörper, deren Augen alle rötlich und ziemlich bösartig glühten. Es machte den Eindruck, dass die kleinen Reptilien nur darauf zu warten schienen, leise zischend an ihren Beinen empor zu gleiten, um irgendwo ein Stückchen freie Haut zu finden, in die sie ihre Giftzähne graben konnten. Es gab keinen Weg an ihnen vorbei. Sie mussten, wenn sie ihren Weg fortsetzen wollten, mitten hindurch.
„...und das von einem Slytherin." Lucius grinste schief und legte dann verständnisvoll seine Hand auf Severus' Arm. „Severus, mein Angebot gilt noch immer. Du kannst hier warten, während ich...."
Severus ließ Lucius nicht aussprechen. „Luc. Ich werde mitkommen. Auch, wenn ich mich mit meiner Nemesis auseinander setzen muss. Du wirst mich nicht los!"
Lucius seufzte ergeben, was wohl heißen sollte, dass er Severus immerhin gewarnt hatte, und es nun seine eigene Schuld war, wenn er nicht zurück blieb, und richtete sein Augenmerk wieder auf das Schlangengewürm vor ihm. „Bleib dicht hinter mir, Severus. Tritt dorthin, wohin auch ich trete. Dann sollten wir heil hier durch kommen", riet er seinem Freund und tat entschlossen den ersten Schritt.
Und tatsächlich - Lucius, der sich dank seines fotografischen Gedächtnisses genau an die von seinem Vater hinterlassenen Anweisungen betreffend die verschiedensten Gefahren auf dem Weg zu den Dämonen, erinnern konnte, wusste, wie er den Schlangen ausweichen konnte.
Auf dem Boden gut verborgen, unter einem Gewühl steingrau schimmernder Schlangenleiber, waren Markierungen in Form von orangefarbenen Steinen eingelassen, die ab und zu hervor blitzten und den Weg wiesen. Lucius beobachtete das Gewimmel sorgfältig und betrat dann geschickt die erste Markierung, die nur für kurze Zeit unter den Schlangenleibern auf blitzte. Er war sorgfältig darauf bedacht, nicht danebenzutreten, da er vermutete, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn er es dennoch tat. Keinesfalls wollte er etwa im Boden versinken oder vielleicht sogar von einer Riesenschlange, die vielleicht irgendwo lauerte, angegriffen werden. Geschickt bahnte er sich seinen Weg den Gang entlang, dicht gefolgt von Severus, dem der Schweiß in wahren Bächen über das blasse, angst verzerrte Gesicht rann. Severus bemühte sich sichtlich seine Angst und seine abgrundtiefe Abscheu vor diesen Kreaturen in den Griff zu bekommen und dennoch gleichzeitig darauf zu achten, wo Lucius vor ihm hin trat. Nach quälenden zwei Minuten, die sich für Severus wie zwei Stunden anfühlten, waren sie auf der anderen Seite angekommen, und ein wesentlich breiterer Gang, gepflastert mit großen, rechteckigen Steinen präsentierte sich ihnen, frei von kriechendem Gewürm.
Nach einem prüfenden Blick zurück zu Severus eilte Lucius einem in der Ferne heller leuchtenden Teil des Tunnels entgegen. Sie waren fast da.
Nach kurzer Zeit standen die beiden Besucher am Eingang einer großen Höhle, deren Wände aus blutig tief rotem Fleisch zu bestehen schienen. Weder Lucius noch Severus schenkten dieser beunruhigenden Wandverkleidung besondere Aufmerksamkeit. Stattdessen richteten sie ihr Augenmerk auf einen großen, massiv goldenen Thron, der auf einer weißlich-schimmernden Erhebung am Ende der Höhle errichtet war. Lucius und Severus schritten Schulter an Schulter, als ob sie in den Kampf zögen, auf das Ziel ihres Unternehmens zu.
Beim Näher kommen stellte sich die weißliche Erhebung als ein Berg aus blanken Knochen heraus. Hier und da lugte ein bleicher Menschenschädel hervor und schien die Neuankömmlinge aus dunklen, leeren Augenhöhlen spöttisch anzustarren. Der riesige Sessel darauf wirkte wie aus einem gigantischen Goldklumpen geschnitzt. Grausige Szenen von sich windenden menschlichen und nichtmenschlichen Leibern in Todesqual waren überall als kunstvolle Schnitzereien eingearbeitet und bildeten Rücklehne und Seiten des Monstrums.
Diese Höhle samt Inhalt war dermaßen angsteinflößend, dass jedermann, der verzweifelt genug war, diesen unheimlichen Ort aufzusuchen klar war, das die dunkelsten magischen Geschöpfe, die hier lebten, für ihre Hilfe ein Opfer verlangten, das unter Umständen so groß war, dass es den Tod des Hilfesuchenden zur Folge hatte.
„Ich grüße dich, Lucius Malfoy! Was führt dich und deinen Begleiter in unsere Welt?"
Die Stimme, die von dem Thron zu ihnen herunter schwebte, klang lieblich und war eindeutig weiblich. Sie hatte einen sehr sanften, verführerischen Klang, und auch das Wesen, welches sich auf der großen Sitzfläche räkelte, war auf den ersten Blick wunderschön.
Der Dämon hatte lange leuchtend rote Haare, die wie flüssiges Feuer über den unbedeckten weiblichen Oberkörper fielen. Seine Haut leuchtete so golden wie der Thron, auf dem er saß. In einem ebenmäßigen, schmalen Gesicht mit menschlicher, schmaler Nase, kleinem Kinn und einem roten, sinnlichen Mund, befanden sich zwei rötlich glimmende Augen, die absolut nicht menschlich aussahen. Mit wissendem Blick, der von zwei schwarzen geschlitzten Pupillen beherrscht wurde, sah der Dämon auf die beiden Ankömmlinge hinab.
Der Dämon erhob sich und glitt mit langsamen, geschmeidigen Bewegungen über den großen Knochenberg nach unten. Die langen Beine der Kreatur steckten in roten, engen Satinhosen. Die Füße, die von langen, tief roten Krallen dominiert wurden, waren nackt.
Lucius sank beim näher Kommen des Dämons auf die Knie und bedeutete Severus es ihm gleichzutun. Mit demütig gesenktem Kopf erwiderte Lucius den Gruß des Dämons.
„Ich grüße dich, Ahriman. Gewähre mir nur einen kurzen Moment deiner unendlich kostbaren Zeit für einige kurze Fragen."
Ahriman kicherte ein wenig weibisch, ehe er einen seiner Finger mit weiß glitzernden, langen, spitz zugeifelten Nägeln ausstreckte. Er legte ihn unter Lucius' Kinn und zwang ihn den Kopf anzuheben.
„Du hast das Aussehen deines Vaters, Lucius. Allerdings bist du unendlich höflicher als er es gewesen war. Das gefällt mir!", grinste der Dämon und lächelte verschlagen. Ein strahlend weißes Gebiss zierte das weibliche Gesicht des Dämons, allerdings wurde das Lächeln etwas entfremdet durch die beiden langen Reißzähne, die bedrohlich weit aus seinem Mund ragten.
Soviel zu Abraxas Malfoy und seiner Verbindung zu Kreaturen dunkelster Art, dachte Lucius, während er angelegentlich Ahrimans Zähne bewunderte.
„Du weist, dass wir Dämonen nichts geben ohne eine Gegenleistung?", fragte der Dämon.
„Ja, Ahriman, das ist mir bewusst", antwortete Lucius während er versuchte, seinen Kopf zurückzunehmen, damit er den Kontakt zu dem Finger des Dämons unterbrach.
Ahriman merkte durchaus, dass Lucius seine Berührung nicht wollte und verstärkte den Druck seines Fingers. Der spitze Fingernagel des Dämons grub sich unangenehm in die weiche Haut von Lucius' Kinn.
„Dir ist auch bekannt, welche Art Gegenleistung wir Dämonen üblicherweise fordern?", fragte Ahriman mit ruhiger Stimme.
„Ja, es ist mir bekannt, und ich bin bereit zu geben, was gefordert wird", erklärte Lucius entschlossen, was Severus, der noch immer mit gesenktem Kopf kniete, mit Stirnrunzeln aufblicken ließ. Während er unauffällig versuchte, seine Knie ein wenig zu entlasten, fragte er sich, welche Art Gegenleistung der Dämon fordern würde. Seine nur geringen Bewegungen wurden jedoch auch von dem Dämon bemerkt, der nun seine Aufmerksamkeit auf Snape lenkte.
„Sieh an, dich kenne ich noch gar nicht", flötete Ahriman sanft und legte nun auch einen anderen seinen Finger unter Severus Kinn, ohne jedoch Lucius loszulassen. „Dein Name?"
„Severus Snape", antwortete Severus und blickte dem Dämon äußerlich gelassen in die rot glühenden Schlangenaugen.
„Schön dich kennenzulernen, Severus Snape. Was ist dein Begehr?"
„Er ist lediglich meine Begleitung und kein Teil unseres Handels ", ertönte Lucius Malfoys eisige Stimme, ehe Severus überhaupt zu einer Antwort kam.
„So, so kein Teil des Handels. Wir werden sehen ", säuselte Ahriman und richtete seinen Dämonenblick wieder auf Lucius. „Haben wir denn schon eine Vereinbarung?"Ahrimans Stimme klang ein wenig schärfer, obwohl er seine Stimme nicht erhoben hatte.
Lucius senkte für einen kurzen Moment die Augenlider. Er hatte vergessen, dass man Dämonen mit dem gebührenden Respekt behandeln musste, sonst wurden sie leicht ungehalten, und das konnte er jetzt gar nicht brauchen. Also versuchte er so viel Demut, wie er überhaupt aufbringen konnte in seinen Blick zu legen, als er wieder aufsah.
„Ich glaube, du hast deine Einwilligung noch nicht gegeben, Ahriman. Aber ich hoffe darauf, dass du es noch tust."
Der Dämon lächelte entzückt. „Lucius Malfoy, du bist ein ungeheurer Charmeur. Wer könnte dem Blick aus diesen reizenden grauen Augen widerstehen?", sprach der Dämon sanft und bedeutete nun beiden Männern aufzustehen.
„Nun, so sei es. Wir haben eine Vereinbarung, Lucius Malfoy. Du darfst zwei Fragen stellen, die ich dir beantworten werde, und dafür gibst du mir einen Teil deines zweifellos schönen Körpers." Begehrliche Blicke glitten über Lucius, der erschauerte, obwohl es unheimlich warm in diesem Teil der Höhle war. Der Dämon strahlte eine unbändige dunkle Kraft aus, die der von Voldemort weit überlegen war, und Lucius mochte sich nicht vorstellen, was diese mächtige Kreatur anrichtete, wenn man sie provozierte.
Lucius schluckte den riesigen Kloß in seinem Hals herunter und nickte, während Severus neben ihm scharf die Luft einzog. „Ich bin einverstanden, unter der Bedingung, dass ich den Teil meines Körpers auswählen darf, den du für deine Dienste erhältst."
Tbc.
