Titel: Lebenslänglich – Die Rückkehr -

Autor: Eve

Rating: P 18

Beta: Lady of the Dungeon

Typ: Harry Potter Fanfiction

Pairing: Lucius Malfoy/Hermine Granger

Warnung für dieses Kapitel: Gewalt, Folter, Hurt

Disclaimer: Leider gehört Lucius immer noch nicht mir. Alle Charaktere gehören Frau Rowling. Die Idee zu dieser Story ist aber von mir!

Kapitel: Elf

~~~~~~~~~~~~LM/HG~~~~~~~~~~~

6. Januar (9:10 Uhr)

Hochplateau an der portugiesischen Atlantikküste

Der Hochnebel, welcher sich in diesen Breiten um die winterliche Jahreszeit hartnäckig bis lange in den Tag hielt, begann sich gerade aufzulösen. Zwischen den weißen Schwaden nebeligen Dunstes lugten die ersten Sonnenstrahlen hervor. Die Temperaturen befanden sich in diesen frühen Morgenstunden noch im einstelligen Bereich des Thermometers.

Lucius bahnte sich mühevoll seinen Weg durch unwegsames Gelände hinauf auf die weite Fläche des Plateaus. Sein langer, weiter Mantel, der schwer von der morgendlichen Feuchte von den breiten Schultern bis fast zu den Füßen fiel, blieb öfter am Gesträuch ringsum hängen und wurde mit energischen kurzen Bewegungen wieder losgerissen.

Sein Atem, der stoßweiße aus seinem Mund entwich, wallte vor ihm als feiner weißlicher Nebel auf und kündete von den kalten Temperaturen. Lucius selbst war es ganz sicher nicht kalt, im Gegenteil. Ab und zu blieb er stehen, um Atem zu holen und wischte sich den in feinen Tropfen perlenden Schweiß von der Stirn. Als er sein Ziel – das Plateau - dreihundert Meter über dem Meeresspiegel endlich erreicht hatte, lehnte er sich kurz an den Stamm einer ausladenden Eiche, um ein wenig länger zu verschnaufen und betrachtete aufmerksam die Umgebung. Seine Hände zitterten leicht, und auch in den Knien verspürte er ein leichtes Ziehen. Die ungewohnte körperliche Anstrengung nach so vielen Jahren der Gefangenschaft hatte ihm gezeigt, wie sehr seine Kondition im Moment zu wünschen übrig ließ und das beunruhigte ihn. Das Erklimmen des Berges war eine lächerliche Kleinigkeit im Gegensatz zu dem, was ihm wahrscheinlich noch bevor stand und ein kalter Schauer lief ihm bei dem Gedanken über den Rücken, dass seine Mission vielleicht nur daran scheiterte, weil er einfach in den letzten Jahren zu bequem geworden war. Verdammt, er war im besten Zaubereralter und dürfte eigentlich noch gar kein Reißen in den Knochen verspüren, geschweige denn irgendeine Kurzatmigkeit. Er hoffte, dass es wenigstens um sein schnelles Reaktionsvermögen und seine kompromisslose Kaltblütigkeit besser bestellt war.

Während er versuchte, die unfreiwillige Pause zu nutzen, um gegen den Stamm gelehnt neue Kräfte zu sammeln, ließ er die Ereignisse der letzten Tage noch einmal Revue passieren.

Lucius war zusammen mit Severus von Ahrimans dunkler Behausung tief unter der Nockturngasse wieder ans Tageslicht geeilt. Je weiter ihr Weg zurück zur Oberfläche führte, um so schwerer hatte sich Severus auf ihn gestützt. Er hatte sich alle Mühe gegeben, ihn nicht merken zu lassen, wie groß der Blutverlust durch Ahrimans maßloses Trinken an seinem Hals wirklich gewesen war. Dennoch durchschaute Lucius seinen Freund. Er ahnte, dass Severus kurz vor dem Zusammenbruch stand, als sie endlich vor der steinernen Mauer angekommen waren, an der ihr Weg in das Dämonenreich begonnen hatte. Fest hatte er Severus an sich gezogen, sich einen Moment lang konzentriert und gehofft, dass seine Magie, kanalisiert durch den geliehenen Zauberstab, ausreichen würde, um sie beide über eine sehr große Entfernung sicher ans Ziel zu bringen.

Tatsächlich stellte sich heraus, dass sie sein Ferienhaus in Portugal nicht mit einem einzigen Apparationsvorgang erreichen konnten. Malfoy hatte vier Anläufe gebraucht, um in die Nähe des großen, weiß getünchten Steinhauses zu gelangen, welches nicht weit vom Meer entfernt in einem sanft-grünen Hain lag. Wieder hatte er es Severus zu verdanken, dass sie sich auf diesem weiten Weg nicht noch splinterten. Der Freund lieh ihm einen Teil seiner arkanen Magie, obwohl dies Severus noch mehr schwächte. Lucius' Zauberstab gab einfach nicht mehr an Magie her. Immerhin war der Stab für derartig komplexe Zauber einfach nicht geeignet, was Lucius, als sie schließlich ankamen, seiner aristokratischen Kinderstube zum Trotz auf das heftigste Fluchen ließ.

Severus, der bis zu diesem Zeitpunkt teilweise durch seinen Freund gehalten wurde, teilweise sich selbst an ihm festgeklammert hatte, war einfach still und leise an seiner Seite in sich zusammengesunken. Der Tränkemeister hatte sich bis zum äußersten verausgabt. Während Lucius noch mehr lästerliche und für einen Malfoy höchst ungehörige Flüche ausstieß, brachte er Severus mittels eines Mobilcorpus in die Waagerechte und transferierte ihn die wenigen Meter zum Haus.

Als er näher an das große Herrenhaus heran kam, welches er seit mehr als fünfzehn Jahren nicht mehr betreten hatte, stellte Lucius erstaunt fest, dass man sich offensichtlich gewaltsam Zugang verschafft hatte. Merkwürdig, eigentlich hätte das Haus durch diverse Banne geschützt sein sollen.

Die leichten Zauber, die Diebe und anderes Gesindel fern halten sollten, existierten nicht mehr. Die große, hölzerne Eingangstür stand ebenso offen wie fast jede andere Tür in dem großen, geräumigen Gebäude. Es fehlte der größte Teil der Möbel; und was für Lucius besonders ärgerlich war, man hatte auch den exquisit bestückten Weinkeller unter dem Haus geplündert. Mit vor Zorn zusammengebissenen Zähnen, und den Fluchbrecher bis in alle Ewigkeit verfluchend, der es gewagt hatte, die malfoyischen Banne um den Besitz aufzuheben, verfrachtete Lucius den bewusstlosen Zauberer in seiner Begleitung auf die ausladende Chaiselongue, die noch immer im großen Empfangsbereich in der Diele stand. Das elegante Liegemöbel hatte zwar auch schon bessere Zeiten gesehen und durch Wind und Regen, die ungehindert durch die offenen Türen und Fenster eingedrungen waren, hässliche Flecken bekommen, aber dem bewusstlosen Snape war der ein wenig feuchte Untergrund, auf dem er lag, wohl erst einmal egal.

Mit fliegenden Fingern durchsuchte Lucius die großen Taschen von Severus' Robe und wurde fündig. Er wusste, dass Snape nicht einmal für einen Spaziergang sein Heim verließ, ohne nicht wenigstens einen Trank mitzunehmen. Lucius fand mehrere kleine Phiolen mit verschiedenfarbiger Flüssigkeit. Jede einzelne war von Severus' feiner gleichmäßiger Handschrift beschriftet worden, und so konnte er schnell das Stärkungsmittel identifizieren, das er Severus in den leicht geöffneten Mund einflößte.

Die Wirkung trat fast sofort ein. Nach wenigen Minuten schon öffnete Severus die Augen und versuchte sich, ein wenig benommen, aufzusetzen. Lucius jedoch drückte ihn an der Schulter wieder auf seine Liegestatt hinunter und bedeutete dem Freund liegen zu bleiben. Nach einer dermaßen großen Anstrengung sollte er nicht sofort wieder aufstehen, sondern sich erst einmal erholen. Außerdem war Snape so geschwächt , dass er für Lucius sowieso keine große Hilfe war.

Sie einigten sich dahingehend, dass Severus zunächst wieder zu Kräften kommen sollte, während Lucius sich sofort auf den Weg machte, um die Grotte ausfindig zu machen, in der man Hermine gefangen hielt. Severus sollte nachkommen, sobald er zumindest ein paar Stunden ausgeruht hatte. Lucius wollte ihm durch einen entsprechenden Findungszauber den Weg weisen. Außerdem überließ es Lucius seinem Freund, Potter zu benachrichtigen. Der Auror saß sicherlich schon auf heißen Kohlen und wartete auf eine Nachricht. Immerhin hatte er seinen Kopf für den Slytherin riskiert, was Lucius relativ egal war. Er für seinen Teil hatte nicht die Absicht, jemals wieder nach England zurückzukehren, noch sich irgendwann einmal mit dem Jungen-der-die Welt-rettete zu treffen. Seine einzige Sorge war Hermine, die es lebend zu befreien galt, und außerdem wollte er den Verantwortlichen für ihr Martyrium zur Rechenschaft zu ziehen.

So hatte er sich zielstrebig in das kleine Dorf nicht weit von seinem ehemaligen Feriendomizil aufgemacht. Nach kurzer Zeit hatte er bereits eine Karte vom örtlichen Fischereiamt organisiert, den entsprechenden Ort ausgemacht und festgestellt, dass er zumindest von Seeseite so gut wie unerreichbar war. Dies bestätigte ihm auch der Fischer, dessen Boot er für einen kleinen Ausflug in die Nähe der Grotte mietete. Lucius musste sich dennoch selbst von der Unerreichbarkeit dieser Örtlichkeit überzeugen und fuhr somit mit dem Boot entlang der Küste. Er hatte zwei wertvolle Stunden darauf verschwendet den Eingang der Grotte zu erreichen, trotz gefährlich aus dem Wasser ragender Klippen, deren scharfe Spitzen in dem klaren Meerwasser gut zu sehen waren und der reißenden Strömung ringsum, gegen die er immer wieder steuern musste. Es war tatsächlich völlig unmöglich gewesen, die Grotte von der Meeresseite aus zu betreten. Auf die Anwendung von Magie musste er verzichten, weil er sich zum einen nicht ausgeruht genug fühlte, um schon wieder zu apparieren, und außerdem wollte er auf gar keinen Fall irgendeinen Alarm auslösen. Er war sicher, dass es ringsum Schutzbanne gab, auch wenn er das Vorhandensein von Magie nicht spüren konnte. Es blieb ihm somit nichts anderes übrig geblieben, als an Land zu gehen und das Hochplateau zu erklimmen, unter dem sich die Grotte befand. Schließlich hatte er ja in Ahrimans Weissagung den Zauberer auch von der Landseite her eintreten sehen.

Während des beschwerlichen Weges nach oben zerbrach er sich allerdings den Kopf, was er tun würde, wenn er den Eingang, den er in Ahrimans Schale gesehen hatte, erreichen würde und wie eigentlich sein Befreiungsplan aussah. Nur um dann, als er oben ankam, festzustellen, dass es einfach keinen Plan gab. Er wusste nichts darüber, wie es im Inneren der Grotte aussah, geschweige denn, wie er herein kam oder wie viele Männer er ausschalten musste, um an Hermine heranzukommen. Alles war höchst nebulös und er musste sich einfach auf sein Improvisationstalent verlassen, welches freilich nicht sonderlich ausgeprägt war. Lucius war immer ein sorgfältiger Planer und Stratege gewesen. Somit wusste er natürlich auch, dass es sehr unvernünftig war, mit unzulänglichen Waffen und so gut, wie keiner Rückendeckung, allein einem womöglich ganzen Haufen schwarzmagischer Zauberer gegenüberzutreten. Ganz zu schweigen von diesem Mr. X,. Es war total verrückt und schon fast leichtsinnig, einfach nur darauf zu vertrauen, dass es ihm gelingen würde Hermine und auch sich aus diesem Schlammassel unbeschadet herauszuholen. Aber sein Instinkt sagte ihm einfach, dass er nicht die Zeit hatte einen Plan auszutüfteln. Er konnte es sich nicht einmal leisten auf Severus zu warten, von dem er hoffte, dass er ihm bald folgen würde. Er hoffte jetzt lediglich auf sein Glück, welches ihm so oft in brenzligen Situationen treu gewesen war.

Lucius' Augen blickten prüfend über die kärgliche Landschaft. Unter normalen Umständen hätte er sicherlich einen bewundernden Blick für die, trotz der kümmerlichen Vegetation, wunderschöne Landschaft gehabt. Einige große und wahrscheinlich ziemlich alte Korkeichen erhoben sich vor ihm, und das weit ausladende, fantasievoll gedrehte Geäst der Bäume bedeckte fast die gesamte Ebene. Lediglich am Rande des Plateaus, nahe am gischtschäumenden Abgrund, gab es einen Felsen aus tiefschwarzem Gestein. Selbst ein Laie hätte erkannt, dass dieser Fels zwischen all dem grauen und leuchtend weißen Kalkgestein nicht hier her gehörte. Der Fels war etwa mannsgroß und es hätte dreier Männer bedurft, den Stein zu umarmen.

Dies war der Zugang, den er bei Ahriman gesehen hatte. Allerdings war es für ihn unmöglich den Fels von der Stelle zu bewegen, um den Eingang in die Tiefe freizulegen. Er spürte die Banne um den Fels, obwohl er sehr weit weg stand. Es bedurfte also der Magie eines Zauberers, der die richtigen Zaubersprüche sprach und die Banne somit aufhob. Da Schutzbanne sehr individuell waren, war es ein nutzloses Unterfangen herauszufinden, wie der entsprechende Spruch lautete. Es gab unendliche Möglichkeiten.

Lucius war also gezwungen zu warten. Er hoffte, dass es nicht all zulange dauern würde bis jemand kam, der in die Grotte wollte.

Seine unruhigen Sinne suchten unentwegt die Gegend ab. Niemand befand sich im Umkreis. Lucius zügelte eisern seine Ungeduld und suchte sich einen strategisch günstigen Platz um abzuwarten und sofort zuschlagen zu können, wenn sich die Gelegenheit als günstig erwies. Seine Geduld wurde allerdings auf eine harte Probe gestellt. Die Sonne stand schon fast im Zenit, als das Geräusch einiger kleiner, bergab rollender Steine und ein leises, unterdrücktes Fluchen das Herannahen einiger Personen anzeigte.

Lucius duckte sich hinter einen Busch und im nächsten Moment sah er bereits die Köpfe mehrerer Menschen über dem Rand des Plateaus auftauchen. Schnell näherte sich eine Gruppe, die aufgrund der verschiedenfarbigen Roben, die sie trugen, leicht als Mitglieder der Zauberergesellschaft zu erkennen waren. Der Führer der Gruppe, ein langer, dünner Mann, ebenso wie Lucius ganz in Schwarz gekleidet, schritt mit langen Beinen energisch und zielgerichtet voraus. Im Laufen drehte er sich immer wieder nach dem Rest seiner Gefolgsleute um, um mit einer Hand, die einen Zauberstab hielt, ungeduldig zu winken. Mit schriller Stimme forderte er die Leute auf, sich schnell und zügig zu bewegen.

Lucius duckte sich noch tiefer in das spärliche Grün, als die Menschengruppe eilig an ihm vorbei lief. Sie redeten eifrig miteinander und bewegten sich auf den verborgenen Eingang zu. Einer plötzlichen Eingebung folgend sprang Lucius auf, sobald der letzte Fußgänger an ihm vorüber war, zog seinen Hut heraus, den er immer noch unter seinem Mantel getragen hatte, setzte ihn auf und versteckte somit seine verräterischen langen, blonden Haare darunter. Die Krempe zog er tief ins Gesicht und eilte hinterher, die Schultern leicht vorn über gebeugt, was ihn, wie er hoffte, ein wenig kleiner und schmächtiger wirken ließ. Er hegte die Hoffnung, dass die kleine List wenigstens solange anhielt, bis sie den Eingang und somit die Banne hinter sich hatten.

Seine rechte Hand krallte sich fest um das harte Holz des Zauberstabes, den er in den Tiefen seiner Manteltasche verborgen hatte.

Lucius' List ging auf. Offensichtlich war die sichtlich aufgeregte Menschenschar so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass niemand bemerkte, wie sich plötzlich eine Person mehr in ihrer Gruppe befand. Lucius fragte sich, was das für Leute waren, die er begleitete. Offensichtlich waren sie noch niemals hier gewesen. Es handelte sich wohl um neue Rekruten, nahm er an. X brauchte Lakaien, die die Drecksarbeit erledigten, wie der ehemalige Gefolgsmann des Dunklen Lords nur zu gut wusste.

Lucius schritt unerkannt und ungehindert hinter den Zauberern durch den verborgenen Eingang, nachdem die Banne für kurze Zeit aufgehoben worden waren und der Fels sich beiseite geschoben hatte. Als Letzter der Gruppe trat er in einen engen, in den Fels geschlagenen Tunnel, der in einem steilen Winkel abwärts führte. Das Licht mehrerer Zauberstäbe leuchtete ihnen den Weg, und als sich der Fels wie von Geisterhand hinter Lucius wieder zurück bewegte und sie von der Außenwelt abschnitt, richteten sich die feinen Härchen in Lucius' Nacken auf. Er mochte das Gefühl nicht, eingeschlossen zu sein. Der Rückweg war nun versperrt, und er war sich immer noch nicht im Klaren, wie wohl ihr Fluchtweg aussah. Da er sich aber auf das Kommende konzentrieren musste, verschwendete er im Moment nicht viele Gedanken an den Rückweg. Er hoffte auf Severus. Vielleicht würde er sich aber auch eine Geisel greifen, die die Banne für ihn aufhob.

Vorsichtig und auf alles gefasst schritt er mit den anderen, die weiter leise miteinander tuschelten, den engen Gang entlang, der sie tiefer in den Fels und wahrscheinlich bis zur Grotte führen würde. Nach wenigen Minuten bemerkte er in der Ferne ein Licht, welches stärker wurde, je mehr sie sich näherten. Hinter dem Letzten der Zauberer betrat Lucius das große Steingewölbe am Ende des Tunnels.


Hermine hatte mit ihrem Leben abgeschlossen.

Nach zwei Tagen unentwegter, erbarmungsloser Folter, die hauptsächlich aus Schlägen bestand, verbunden mit immer währendem, beißenden Hunger und der fast unerträglichen Erniedrigung, bestehend aus Beschimpfungen und unerbittlicher Beschneidung diverser Grundbedürnisse, war sie am Ende ihrer Kraft angelangt.

Schon lange hatte sie die Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Entweder war man unfähig ihren Weg zurück zu verfolgen oder man wollte sie einfach nicht retten. Sie hatte es aufgegeben, darüber zu grübeln, welche Möglichkeit für sie schlimmer, unerträglicher zu begreifen war. Schon seit einiger Zeit drehte sich ihr Denken sowieso nur darum, wenigstens einige Augenblicke Ruhe vor den Schlägen und Zudringlichkeiten der Männer zu haben. Sie war dankbar für jede Minute, in der sie nicht heftige Schmerzen plagten, oder sie hören musste, wie minderwertig sie als Schlammblut doch war. Mit der Zeit war sie zwar weitestgehend abgestumpft, was die akustische Seite der Folter betraf, aber sobald ihre Folterknechte merkten, dass sie begann wegzutriften, sich in den hintersten Winkel ihres Seins zurückzuziehen, ließ man für eine Weile von ihr ab. Natürlich nicht, ohne vorher den obligatorischen Eimer kalten Wassers über ihr auszukippen, um sie wieder einigermaßen zur Besinnung zu bringen. Man gab ihr immer etwas Zeit, wieder zu Atem zu kommen. Manchmal ließ man sie sogar für wenige Momente von der Kette, damit sie ihre Notdurft in einer nicht weit entfernten Ecke verrichten konnte. Selbstverständlich hatte sie dort auch keine Privatsphäre. Allerdings hatte sie sich erschreckend schnell daran gewöhnt, dass man ihr zusehen konnte und schon lange färbten sich ihre Wangen nicht mehr glutrot, wenn sie die Gelegenheit hatte, sich zu erleichtern. Sie tat es und schaltete ihre Umgebung dabei einfach aus.

Hermine kauerte an der kalten Wand, zog ihre Beine so weit es ging an den Leib und versuchte sich möglichst unsichtbar zu machen. Es gab keinen Teil ihres Körpers, der nicht unsagbar schmerzte. Wunden, die man ihr beigebracht hatte, wurden notdürftig wieder geheilt, nur damit sie nicht vor der Zeit weg starb. Sie betete darum, dass sie irgendwann von dieser Qual erlöst würde.

Hermine schluckte mehrmals angestrengt. Ihr Hals kratzte schmerzhaft. Man gestand ihr gerade die Menge Wasser zu, die verhinderte, dass sie völlig austrocknete. Sie hatte permanent Durst, aber auch daran hatte sie sich irgendwie gewöhnt. Sie verfiel in Lethargie, was den Zustand ihres Körpers betraf. Nur, wenn sie an Lucius oder Alyssa dachte, schüttelte sie die Trägheit und Gleichgültigkeit, die sie langsam von innen her auffraßen, ein wenig ab. Dennoch war sie auch bei dem Gedanken an die ihr liebsten Personen nicht mehr fähig, noch Tränen der Wehmut zu vergießen. Alles war so weit fort, so unwirklich ─ unwirklicher als die Ketten, die sich bei jeder Bewegung laut rasselnd bemerkbar machten oder die hämischen, beleidigenden Bemerkungen der Schwarzmagier um sie herum. Schade, dachte sie, nun würde sie wohl nicht mehr miterleben können, wie man Mr. X den Garaus machte. Sie war sich absolut sicher, dass das irgendwann geschehen würde. Man hatte Voldemort letztendlich vernichten können, und man würde es ohne Zweifel irgendwann mit X genauso machen. Ein Schauer kalter, unverfälschter Angst packte sie, wenn sie an die Identität dieses Schurken dachte, der dabei war in die Fußstapfen von Voldemort zu treten.

Eine Bewegung nicht weit von ihr entfernt riss Hermine aus ihrem dumpfen Brüten. Müde wandte sie den Kopf in die entsprechende Richtung und sah eine Gruppe von Zauberern auf sich zukommen. Nun, die Pause, die man ihr eingeräumt hatte, war offensichtlich vorbei. Sie hegte keinerlei Zweifel daran, dass ihre Peiniger sie nun wieder leiden lassen wollten. Fest biss sie die Zähne zusammen, die schon anfangen wollten zu klappern. Noch war sie nicht so am Boden zerstört, dass sie nicht wenigstens ein bisschen versuchten wollte, keine Angst zu zeigen. Auch wenn sie es wohl nur wenige Minuten konnte, ehe die Schmerzen und die Demütigungen sie überwältigten.

Mühevoll zog sie sich an ihren Ketten nach oben und lehnte sich an den schroffen Fels hinter ihr. Sie wollte die neue Gruppe Peiniger im Stehen und mit hoch erhobenen Kopf empfangen. Mühevoll öffnete sie ein Auge; das andere war von heftigen Schlägen zu geschwollen. Verbissen starrte sie geradeaus.

„Nun, das ist unser Schlammblut, dem Sie Ihre Freilassung verdanken", hörte sie Giles Avery wie aus weiter Ferne sagen. Hermine hasste diesen Mann abgrundtief. Er war einer ihrer hemmungslosesten Folterer, und es gab außer ihm nur noch einen Mann, dem sie schlimmere Schmerzen zu verdanken hatte. Hermine hörte den Spott und die Genugtuung in Averys Stimme, und in einer sehr seltenen Aufwallung von Trotz spukte sie vor ihm aus und bellte heiser in seine Richtung. „Fick dich, Avery. Eines Tages wirst du für alles, was du in deinem Leben verbrochen hast, die Verantwortung übernehmen müssen und dann wirst du dafür in der Hölle landen...oder wo auch immer Bastarde wie du hinkommen, wenn sie der Tod ereilt." Nach einer kurzen Schrecksekunde, in der man lediglich das Atmen der Anwesenden hörte, traf sie ein harter Schlag mitten ins Gesicht, der ihren Kopf beiseite riss und gegen die Wand schleuderte. Ein leiser Schmerzenslaut entwich ihr und sie fühlte, wie warmes, klebriges Blut an ihrer Wange herunter lief. Als sie den Kopf wieder zurück drehte, versuchte sie ihn anzugrinsen. Sie hätte wetten können, dass ihr das misslang. Sie wusste schon lange nicht mehr, wie man seinen Mund zu einem Grinsen oder gar einem Lächeln verzog.

„Du, Schlammblut, wirst ganz sicher vor mir dem Tod in die Augen sehen, und ich werde mich freudig an deiner Angst weiden", zischte Avery ihr zu, der näher getreten war. Im Hintergrund hörte man einige Leute zustimmend murmeln. Hermine jedoch ignorierte den Haufen der Zuschauer um sie herum.

Sie versuchte die neue Information irgendwie zu verarbeiten. Offensichtlich hatte man also die Freiheit einiger Leute erpresst. Aber man dachte wohl nicht daran, sie selbst freizulassen. Es war unter Hermines Würde, um ihre Freilassung zu betteln, so weit war sie dann doch noch nicht gesunken. Vielleicht würde das noch kommen, wenn man sie demnächst wieder schlug und nicht aufhörte, auch wenn sie schon am Boden lag.

„Avery, Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Sie damit durch kommen? Sie können mich auch freilassen und sich stellen. Das wäre doch eine echte Alternative, finden Sie nicht?". Hermine wusste eigentlich nicht, warum sie ihn so reizte, und vor allen Dingen war es ihr ein Rätsel, woher sie die Kraft für ihre Beleidigungen nahm, aber vielleicht konnte sie ihn auch zu einer Unbeherrschtheit verleiten, und er würde ihr hier und jetzt einen Avada verpassen. Dann hätte sie es wenigstens hinter sich. Doch Avery tat ihr natürlich nicht den Gefallen. Stattdessen richtete er seinen Zauberstab auf sie und ein genüsslich gesprochenes „Crucio", ertönte seitens des Schwarzmagiers.

Als der Fluch die schon schwer angeschlagene Frau traf, schrie sie herzzerreißend auf. Sofort fiel sie auf ihre aufgeschürften Knie. Hermine versuchte, sich in Fötusstellung zusammenzurollen, was ihr nicht gelang, da ihre Muskeln in schweren Krämpfen zuckten und ihr jede zielgerichtete Bewegung unmöglich machten.

Sie schrie unentwegt, um ihrer Pein Ausdruck zu verleihen. Der Schmerz war unerträglich, so unerträglich, dass sie keine ihrer Körperfunktionen noch aufrecht erhalten konnte. Während ihre Zunge nach hinten in den Rachenraum glitt, und sie dadurch anfing schwer zu röcheln, bildete sich ein dunkler Fleck unter ihr. Die Anwesenden, die eine solche Folter sämtlich noch niemals in ihrem Leben gesehen hatten, wichen mit angewiderter Miene vor dem ekelerregenden, grausigen Schauspiel zurück.

Bis auf eine Person, die es nicht länger ertragen konnte, einfach zuzusehen. Um Lucius' Beherrschung war es in diesem Moment geschehen. Er hatte selbst schon einige Cruciati ausgesprochen und auch selbst abgekommen und wusste, welche fürchterliche Qual sie zur Folge hatten. Abgesehen davon, dass man durch die permanente Anwendung dieses dunklen Fluchs in den Wahnsinn getrieben werden konnte. Der Mann war nicht länger bereit, tatenlos zuzusehen, wie man die Frau folterte, die er glaubte, zu lieben.

Es entstand etwas Unruhe in der Gruppe, als sich Lucius, den Hut immer noch tief ins Gesicht gezogen, seinen Weg nach vorn bahnte. Rücksichtslos rempelte er einige Leute an, die ihm ärgerliche Blicke zuwarfen und schließlich den Weg freimachten.

Die Spitze eines Zauberstabes wurde Giles Avery, der sich vergnüglich an den Qualen Hermines weidete und nicht darauf achtete, was hinter ihm geschah, unangenehm in den Rücken gebohrt.

„Heb den Zauber sofort auf, oder du bist tot", hörte Avery die Stimme eines Menschen, von der er geglaubt hatte, sie niemals wieder zu hören.

„Ach, sieh an, der Verräter! Malfoy, ich dachte du fristest dein Leben in Luxus und Reichtum, für immer eingesperrt in diesem großen Kasten in Wiltshire? Was treibt dich ausgerechnet hierher?"

Avery dachte im Moment gar nicht daran, den Crucio von Hermine zu nehmen, als er sich nach einer Schrecksekunde und nachfolgendem Erkennen, umdrehen wollte, aber von Malfoy daran gehindert wurde. Hermine schrie nicht mehr, sondern wand sich nur noch qualvoll röchelnd am Boden.

Lucius, der seinem Hilfszauberstab nicht zutraute, dass er der Magie eines Unverzeihlichen ein Ende bereiten könne, bohrte den Stab noch härter in Averys Rücken.

„Beende den Zauber!", erinnerte er Avery nachdrücklich.

Dieser richtete mit einem amüsierten Funkeln in seinen Augen kurz und relativ beiläufig seinen eigenen Stab auf die junge Frau und hob den Fluch mit einem lässigen „Finite incantatem" auf.

„Seit wann hast du dein eiskaltes Herz für Schlammblüter entdeckt?", fragte er Lucius spöttisch.

„Seit ich erkannt habe, dass man einige Menschen nicht immer nur aufgrund der Reinheit ihres Blutes bewerten darf", antwortete Lucius gelassen, und im nächsten Moment hatte er seinem ehemaligen Weggefährten, an der Schulter ergriffen, zu sich herum gedreht und ihm die geballte Faust mit unendlicher Genugtuung mitten ins Gesicht geschlagen.

Tbc.