A/N: Ich danke MexaysDream für die ermutigenden Worte! Ich würde mich freuen, wieder von dir zu hören und hoffe, dich weiterhin gut unterhalten zu können :) Danke, dass du dir Zeit für die Review genommen hast!
Genug nun aber dem Vorgeplänkel, Kapitel 1 ist noch etwas ruhiger geartet...aber alle, die schon auf den Joker lauern, müssen nicht mehr lange warten. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Scar Tissue
1
Le Gardien
Es gibt kein Versteck.
Geister der Vergangenheit
Werden dich finden.
Der Nebel schleppte sich kriechend über die Wiese, die den Hinterhof bedeckte, und nur mit viel Fantasie konnte man erahnen, dass unter der dichten weißen Schicht noch grüne Halme verborgen lagen. Die Dämmerung brach nur langsam an. Der Sonnenaufgang deutete sich nur schwach an, mussten die Sonnenstrahlen doch gegen eine massive Wolkenwand bestehen. Ein schwacher rötlicher, ins Orange übergehender Farbton flimmerte am Horizont und prophezeite stumm, dass der neue Tag nicht mehr allzu weit entfernt war. Erin schob die breiten, dunkelgrünen Vorhänge aus fein besticktem Brokatstoff, durch die sie zuvor auf den Hinterhof hinausgespäht hatte, beiseite, um die Fenster zu öffnen. Die Vorhänge waren die letzten wertvollen Gegenstände, die dem Le Gardien, dem Waisenhaus von Gotham City, noch verblieben waren. Die meisten Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände, die es der Gutmütigkeit der ehemaligen Spendengeberin Tabitha Sprews zu verdanken hatte, die, Gott habe sie selig, vor drei Jahren verstorben war, waren aufgrund fehlender finanzieller Mittel für einen Spottpreis versteigert worden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die schönen Vorhänge durch billige, durchsichtige Stofffetzen ersetzt werden würden.
Erin schob das Fenster auf und atmete die kühle Oktoberluft ein, die ihren Atem sichtbar werden und wie den Nebel über den Hinterhof wandern ließ. Irgendwo in der Ferne stieß ein Vogel seine unbeantworteten Rufe aus, die im angrenzenden kleinen Waldstück verhallten. Erin fand, dass dieser Ort etwas von der Kulisse eines Gruselfilms hatte, zumindest wenn der Herbst Einzug hielt. Dennoch fühlte sie sich hier wohl, am äußersten Rande von Gotham City, fernab vom Stadtkern mit seinen heruntergekommenen Vierteln und den kriminellen Machenschaften der Mafiabosse. Erin war noch nicht oft in der Stadt gewesen, seit sie hier vor fünf Monaten auf der Suche nach einem Job angekommen war. Und es war ein Glücksgriff gewesen, dass sie im städtischen Waisenhaus eine Anstellung gefunden hatte. Wer stellte schon eine stumme Frau ein, die als Referenzen nur ein abgebrochenes Pädagogikstudium und eine Anzahl minderer Nebenjobs aufzuweisen hatte? Hier verdiente sie zwar nicht viel, aber sie musste sich nicht um eine Unterkunft oder Essen kümmern. Hinzukam, dass sie endlich eine Aufgabe hatte, die sie voll und ganz ausfüllte. Sie kochte für die Kinder, die trotz ihres schweren Schicksals größtenteils wahre Schätze waren und Erin so akzeptierten wie sie war. Vielleicht lag es auch daran, dass sie selbst nicht unter normalen Bedingungen aufwuchsen und es ihnen dadurch leichter fiel, Gleichgesinnte zu akzeptieren, mochten sie nun gleichaltrig oder Erwachsene sein. Manchmal hatte Erin sogar die Möglichkeit, einige Kinder in Kunst oder anderen praktischen Fächern zu unterrichten. Natürlich hatte es auch Schwierigkeiten gegeben, gerade am Anfang, als es besonders für die Kinder gewöhnungsbedürftig gewesen war, dass Erin nicht sprechen konnte, aber mit der Zeit hatten alle gelernt, damit umzugehen. Auch ihre Kollegen, Jack, der Hausmeister, die Direktorin Patricia und die Lehrer und Lehrerinnen Matthew, Scott, Anna und Olivia kamen ihr sehr entgegen und unterstützten sie, wo es nur möglich war. Es schien, als hätte Erin nach so vielen Jahren der Suche endlich ein Zuhause gefunden. Wieder rief der Vogel aus der Ferne, wie um sich zu versichern, dass er der Einzige seiner Art war, und seine Freunde bereits auf dem Weg in den Süden waren, um den Krähen und ihrem rauen Wesen Platz zu machen. Krächzend flatterte eine Schar derselbigen aus dem Nebelsee auf, wie aufgescheut flogen sie verstreut in alle Richtungen unter empörten Schreien davon. Erin runzelte die Stirn. Was hatte sie nur aufgescheucht? Sie kniff die Augen zusammen, um durch die dichten Nebelschwaden zu spähen, stützte dabei die Ellbogen auf das weiß lackierte Fensterbrett und lehnte sich etwas vor.
Eine leichte Windböe brachte das lange blonde Haar leicht durcheinander, das sich Erin geistesabwesend hinter die Ohren strich, in denen zwei kleine silberne Stecker im Grau des erwachenden Tages funkelten. Erin war so, als regte sich etwas im hohen Gras, vielleicht ein streunender Hund oder irgendein wildes Getier, das sich auf seinem morgendlichen Streifzug hierher verirrt hatte. Sie lauschte angestrengt und schloss die Finger unwillkürlich um das Fensterbrett, auf dessen Unterseite nach und nach die Farbe absplitterte und das blanke, schiefrige Holz entblößte. Erin hörte etwas im nahegelegenen Unterholz knacksen und hielt den Atem an, richtete all ihre Aufmerksamkeit auf die vor ihr liegende Lichtung, die nahtlos an den Hinterhof des Heims anschloss. Die junge Frau konnte nichts sehen, aber sie nahm war, dass sich etwas oder jemand bewegte, irgendwo unter dem Nebel. Erin war nicht überängstlich, aber Pat hatte ihr vor ihrem Jobantritt erzählt, dass es einmal, vor mehr als fünfzehn Jahren, einen Vorfall gegeben hatte, bei dem ein Patient der psychiatrischen Anstalt der Nachbarstadt Arkham ausgebrochen und auf seiner Flucht am Waisenhaus vorbeigekommen war, wo er sich an einem der Kinder vergangen hatte. Es mochte lange genug zurückliegen, aber Erin war zur Vorsicht gemahnt worden, jede noch so ungewöhnliche Kleinigkeit zu melden, um derartige Zwischenfälle zu vermeiden und die Sicherheit der Kinder zu garantieren. Nicht dass sie sonderlich viel auszurichten gehabt hätte, wenn sich wirklich irgendjemand hierher verirrte, der hier nichts verloren hatte; sie konnte ja nicht einmal um Hilfe schreien. Aber sie konnte ein wachsames Auge auf die Kinder richten und alles in ihrer Macht stehende tun, um jene zu beschützen, die ein ähnliches Schicksal mit ihr teilten.
Ein Geräusch, das Erin zunächst nicht einzuordnen wusste, hallte über die freie Fläche. Es war dumpf und leise, mehr ein schleifendes Rascheln als ein separater Klang, doch das minderte nicht seinen bedrohlichen Charakter. Es hörte sich an als würde etwas Großes und Schweres über das dichte, einer Kürzung bedürfende Gras gezogen. Dass sich jedoch nicht einmal Konturen in den milchigen Nebelschwaden abzeichneten, beunruhigte Erin. Sinneseindrücke verstanden es geschickt, den Menschen in die Irre zu leiten. Wenngleich es manchmal besser war, wenn man nicht sehen konnte, womit man es eigentlich zu tun hatte, hätte sich Erin doch gewünscht, dass ihre Fantasie weniger Spielraum bekäme. Je weiter sie sich aus dem Fenster lehnte, desto stärker hüllte sie die kalte Morgenluft ein, die sich wie ein dünner, kalter Panzer auf ihre Wangen legte. Kein Vogel zwitscherte mehr, es war einzig so, als schleppte sich der Nebel begleitet von einer unheilvollen, kaum hörbaren Melodie über das Gras. Gebannt suchten Erins graublaue Augen das undurchsichtige Schleierfeld ab, das sich vor ihr erstreckte und ihr nur ermöglichte, etwa zehn, fünfzehn Meter weit zu sehen. Die trügerische Stille, die abrupt einsetzte und das undeutbare, aber fast schon vertraut gewordene Geräusch verschlang, ließ Erin unwillkürlich die Luft anhalten. Ihr Herzschlag tönte rhythmisch in ihren Ohren in dumpfer, aber eindringlicher Monotonie. Wäre sie mit Stimmbändern geboren worden, hätte sie aufgeschrien, als sich eine kalte Hand auf ihre Schulter legte und ihr zuvor so rege pochendes Herz um ein Haar stillstehen ließ. Erin fuhr erschrocken herum und sah in das gutmütige Gesicht von Nell, der eigentlichen Köchin des Waisenhauses, der sie assistieren durfte. Erins Hand ruhte auf ihrer Brust und sie musste laut hörbar durchatmen, um sich von dem Schrecken zu erholen.
„Ganz ruhig, Mädchen, ich bin's doch nur...", entschuldigte sich Nell, deren bereits ergrautes Haar wie üblich zu einem Dutt zusammengebunden war. Eine randlose Brille schmückte ihre klugen, grünen Augen, die in Krähenfüße gebettet waren. „Du bist aber schreckhaft! Dabei hab ich mich doch gar nicht angeschlichen!", kicherte sie und strich besänftigend über Erins Arm, der in einer dunkelgrünen Strickjacke steckte. Erin winkte ab und deutete nur nach draußen, um daraufhin über ihre Oberarme zu streichen. „Es hat etwas Unheimliches an sich, oder? Dieser Nebel. Kein Wunder, dass Halloween im Oktober gefeiert wird." Erin überlegte kurz, ob sie Nell begreiflich machen sollte, dass sie glaubte, jemand würde sich da draußen aufhalten, befand aber, dass ihre Vorstellungskraft mit ihr durchgegangen war und es besser war, die Pferde nicht scheu zu machen.
„Kaffee oder Tee?", fragte sie und Erin formte die linke Hand zu einem Kreis, während sie mit der rechten Ringfinger und den kleinen Finger abspreizte und eine Rührbewegung imitierte. „Tee also", lächelte Nell und fügte hinzu: „Ich lerne schnell für eine alte Frau, findest du nicht auch?" Erin erwiderte ihr Lächeln, ehe sie auf Nell deutete, dann die rechte Hand zur Faust ballte und sie unter ihrem Kinn nach vorn bewegte, sodass nur noch ihr Daumen ihr Kinn berührte. Im Anschluss daran fuhr Erin mit der rechten Hand über ihr Kinn hinab zu ihrer Brust, wie um über einen unsichtbaren Bart zu streichen. Nell lachte und setzte den Teekessel auf die Herdplatte. „Ach, na ja...mit meinen fast 68 Jahren darf ich mit Fug und Recht behaupten, alt zu sein, Liebes." Erin schüttelte schmunzelnd den Kopf und machte sich daran, das Frühstücksbuffet für die Horde zuzubereiten. An jedem Morgen um 7 Uhr trafen sich die Kinder zu einem gemeinschaftlichen Frühstück im Speisesaal, ehe es in vier Klassen, die grob die vertretenen Altersstufen aufteilten, in den Unterricht ging. Heute hatte Erin bis zum frühen Nachmittag normalen Küchen- und Ordnungsdienst, bis sie sich mit ein paar Kindern zu einer Kunststunde zusammensetzen und Fensterbilder für das nahende Halloweenfest basteln würde. „Ich werde das Obst noch mit Schokolade überziehen müssen, damit es die Kinder essen", seufzte Nell und lenkte damit Erins Aufmerksamkeit, die sich wieder dem Fenster zugewandt hatte, auf sich. Nell hielt eine Platte voller klein geschnittener Früchte vor sich und entfernte die Klarsichtfolie. Das Obst war noch vom gestrigen Tag, aber da es im Kühlschrank gelagert worden war, hatte es wenig an Frische eingebüßt. „Gerade bei dieser Witterung können wir alle ein paar Vitamine vertragen", seufzte sie und lächelte schief, als Erin die Finger aneinander rieb. „Ja, ich weiß...das liebe Geld. Aber wo soll das denn hinführen, wenn wir unseren Schützlingen nicht einmal mehr eine gesunde Ernährung bieten können?" Erin seufzte und zuckte die Achseln, ehe sie die Tasse Tee entgegen nahm, die Hand an die Lippen führte, wieder sinken ließ und dann ausstreckte.
„Nichts zu danken, Liebes...du könntest dich gleich revanchieren, wenn du magst", zwinkerte Nell und Erin, die einen Schluck von dem heißen, dampfenden Tee genommen hatte, legte fragend den Kopf schief. „Ich muss noch einige Besorgungen machen, aber meine Knie machen es mir heute besonders schwer", klagte Nell und rieb sich die Fingergelenke, die sichtlich geschwollen waren. Erin konnte sich vorstellen, dass Nell die Arthritis bei dem Wetterwechsel ganz schön zu schaffen machte und jede noch so kleine Bewegung und jeder Handgriff schmerzen musste. Erin deutete sogleich auf sich und streckte dann die Zeigefinger beider Hände aus, um sie in einer schnellen Bewegung auf Nell zu richten.
„Nein, nein, Liebes, du musst das nicht allein machen. Ich fürchte nur, ich schaffe es nicht, heute alles abzuholen. Der Herbstmarkt ist ja nicht weit weg, aber wir benötigen eben auch Haushaltsartikel, neue Lappen, Bürsten und Bettlaken...und der günstigste Haushaltswarenladen ist im Herzen der Stadt." Nell wirkte unsicher und strich sich über die Wange, während sie Erin musterte, die in einer „Na und?" Geste die Braue in die Höhe wandern ließ und dann die Geste von vorhin wiederholte, die besagte: „Ich gehe." Nell schenkte Erin einen unsicheren Blick und erfragte zaghaft: „Bist du sicher? Wenn du nicht allein gehen willst, könnte ich Scott fragen, ob er dich begleitet, die Stadt ist schließlich zu keiner Tageszeit mehr völlig sicher." Erin winkte jedoch ab und deutete auf den Zettelblock, der auf der Theke lag, um Nell nahezubringen, dass sie die gewünschten Waren darauf notieren sollte. Sie strich sich das blonde Haar hinter die Ohren und nickte Nell ermutigend zu, die noch mit sich zu hadern schien, weil sie Erin an ihrer Stelle nach Gotham City schickte. Erin fürchtete sich nicht. Auch wenn es ein typischer Herbsttag mit viel Regen und wenig aufklarendem Himmel zu werden drohte, war es hell genug, um ohne Angst einkaufen gehen zu können. Ganz so schlimm war Gotham noch nicht von Verbrechern verseucht, was wohl auch an diesem merkwürdigen Mann im Fledermauskostüm liegen mochte, der in Gotham von den einen verflucht, von den anderen bejubelt wurde. Erin hatte ihn noch nie gesehen und legte auch keinen Wert darauf. Schließlich kreuzte Batman für gewöhnlich nur dort auf, wo es Ärger gab, und das zudem des Nachts. Natürlich war Gotham City am ehesten bekannt für seinen Rächer im Fledermauskostüm und seine unglaublich hohe Kriminalitätsrate, aber Erin hatte sich nicht davon abschrecken lassen wollen, sondern hatte die zurückgehenden Verbrechensbilanzen als gutes Vorzeichen gewertet, um hier einen Neuanfang zu wagen. Oder vor ihrem alten Leben zu flüchten. „Ich hab dir alles auf den Zettel geschrieben, was wir benötigen. Ach ja, und vielleicht kannst du am Kiosk erfragen, ob sie ein paar alte Zeitungen kostenfrei abgeben würden, damit wir mit den Kindern ein paar Sachen basteln können. Du weißt schon, Papierboote, Halloweenmasken und den ganzen Spaß", dachte Nell laut nach, was Erin nur mit einem zustimmenden Nicken quittierte, „Ich stecke dir noch zehn Dollar zusätzlich zu, damit du für die Kinder etwas fürs Halloweenbasteln kaufen kannst. Buntes Papier und all das...darüber freuen sie sich immer so...", Erin sah dabei zu wie Nell aus ihrer eigenen Jackentasche eine Zehndollarnote zog und ihr, der wesentlich jüngeren und kleineren blonden Frau, in die Hand drückte. Fragend hob sie die Hände, worauf Nell mit den Achseln zuckte: „Im Grunde ist mein Geld ja auch zu einem beträchtlichen Anteil das Geld des Heims, also kann ich dir für besondere Anlässe ruhig mal einen Zuschuss zukommen lassen." Erin machte sich daran, die Hände zu heben, doch Nell fing sie ab: „Lass gut sein, Liebes. Ich dulde keine Widerrede, wenn es um die Kinder geht."
Kraftlos ließ Erin die Schultern sinken. Von dem hart ersparten Geld konnte sich Nell gerade so die Medikamente gegen Arthritis leisten, und für die verwahrlosten und hilflosen kleinen Seelen, die sie im Waisenhaus unter ihrer Obhut hatte, war sie sogar bereit, darauf zu verzichten. „Der Neue hat heute übrigens seine erste Unterrichtsstunde zum Eingewöhnen bei dir, Erin. Wir haben uns gestern beratschlagt und finden, er ist bereit dafür", erzählte Nell und rührte Unmengen an Zucker in ihren nachtschwarzen Kaffee. Erin verzog etwas unsicher den Mund. Sie hatte keine Vorurteile gegenüber den Kindern, die hier gestrandet waren, teilte sie doch mit ihnen die Erinnerung an eine unschöne Vergangenheit. Aber Alex Randall war ein ungewöhnlicher kleiner Junge. Zumindest strahlte er etwas Ungewöhnliches aus. Seine Eltern, beide reiche Geschäftsleute, Investoren und seine einzigen lebenden Angehörigen, waren bei einem mysteriösen Unfall ums Leben gekommen, dessen Ursache und Hergang bis heute nicht geklärt waren. Alex, der einzige Nachkomme, trug auf seinen schmalen Schultern nun ein Erbe von nicht weniger als fünf Milliarden Dollar. Natürlich genoss er erst Zugriff auf das Guthaben, wenn er volljährig sein würde, was in frühestens sieben Jahren der Fall sein würde. Bis dahin verwalteten die Nachlassbeauftragten diese abnorme Unsumme. Es war nicht der Umstand, dass ein so ungewöhnlich reicher Junge inmitten dieser leidgeprüften und zum wesentlich größeren Teil verarmten Kinder verweilte, der Erin beunruhigte, vielmehr war es die Kälte, mit welcher Alex mit dem Verlust seiner Eltern umging. Er spielte seinen Mitschülern grobe Streiche und wäre mit Sicherheit auch um eine Rauferei nicht verlegen gewesen, hätte das Personal von Le Gardien nicht von Anfang an ein wachsames Auge auf ihn gehabt. Sein Verhalten war auffällig und gleichzeitig rätselhaft, weswegen Erin alles andere als enttäuscht gewesen war, als entschieden wurde, Alex noch nicht auf den Unterricht loszulassen. Sein rabenschwarzes Haar, der blasse Teint und die beunruhigend stechend blauen Augen vervollständigten nur noch das Bild von einem kleinen Teufel. Erin schämte sich, so zu denken, da sie ihn doch noch gar nicht weiter kannte, aber ihr Bauchgefühl verriet ihr, dass dieser Junge Ärger machen würde. Früher oder später. Erin hoffte, dass Letztes der Fall sein würde.
„Ist dir nicht wohl bei dem Gedanken?", fragte Nell und Erin schüttelte hastig den Kopf. „Wenn er ausfallend wird oder sich daneben benimmt...wird Scott dir bestimmt helfen, ihn wieder zur Räson zu bringen", fuhr Nell nachdenklich fort und strich sich abermals unbewusst über die geschwollenen und leicht deformierten Knöchel. Ja, Scott würde liebend gern helfen, da war sich auch Erin sicher. Er war noch ein Charmeur der alten Schule, was Erin jedoch nicht ansatzweise so beeindruckte wie er es sich gewünscht hätte. Erin formte mit ihren Fingern erst ein O, dann ein K und damit war die Diskussion für sie beendet. Sie leerte ihre Teetasse mit einem großen Schluck, stellte diese dann mit einem dumpfen Klirren in die Spüle und nahm dann den flauschigen Wollschal vom Haken, um ihn sich um den Hals zu wickeln. „Was tust du da? Willst du nicht erst mit uns frühstücken, ehe du gehst?", fragte Nell verwundert und Erin winkte ab, ehe sie Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zusammenpresste und die gesamte Hand in Klauenform zweimal hin- und her drehte. Dann schob sie die Hand von der Stirn zum Kinn und streckte beide Hände mit den Innenflächen nach oben in Brusthöhe aus. Nell lachte und murmelte: „Das Obst ist nachher auch noch da, sagst du? Ich fürchte sogar, dass du Recht hast." Nell reichte Erin den Zettel und den dunkelblauen Rucksack, den sie immer zum Einkaufen benutzten, weil er so geräumig und angenehm zu tragen war. Er hatte sogar ausklappbare Rollen am Boden, sodass man ihn wie einen Koffer hinter sich herziehen konnte, war die zu transportierende Fracht zu schwer für den Rücken. So hatte Erin erst vor wenigen Wochen gemeinsam mit Olivia Farben im naheliegenden Baumarkt geholt, um den Gartenzaun in fröhlicheren Farben streichen zu können. Zwar verfügte der Hausmeister Turner über einen Wagen, doch der war eher berühmt dafür, nur nach Laune anzuspringen.
Um Geld für den Bus zu sparen, pflegte Erin, sich den alten Drahtesel zu schnappen und damit in die Stadt zu fahren. „Pass auf dich auf!", hörte sie Nell noch hinter sich rufen, ehe Erin durch die Hintertür verschwand. Als sie mit dem Fahrrad unterwegs war, atmete sie die kühle, süßlich nach der Verwesung gefallener Blätter duftende Herbstluft ein und wurde von Minute zu Minute dichter von Häusern umringt. Die heruntergekommenen Fassaden stellten zwar nicht den charmantesten Ausblick, den Gotham anzubieten hatte, bereit, aber sie drückten recht deutlich aus, wie das soziale Gefälle der Stadt immer größere Ausmaße annahm. Während Wayne Manor hoch thronend in den Palisades wieder aufgebaut worden war, stieg die Zahl der Obdachlosen und jener Menschen, die am Existenzminimum dahinvegetierten ins Unermessliche. Erin kam dieses irrwitzige Schauspiel fast so vor wie eine schlechte Imitation mittelalterlicher Verhältnisse. Und was war die Wurzel allen Übels? Der faule Zahn, der alles Umliegende infizierte? Die Kriminalität, die wie glimmende Glut in den Eingeweiden der Stadt schwelte, und den einzig konstanten Pulsschlag vorgab, der Gotham am Leben hielt, würde gleichzeitig auch früher oder später für ihren Stillstand und Niedergang sorgen. Statistiken und Bilanzen hin oder her, für Erin war Gotham vielleicht ein Ort, um sich aufzurappeln, aber keinesfalls, um Wurzeln zu schlagen. Wenn sie genügend Ersparnisse beieinander hatte, träumte sie davon, mehr von der Welt zu sehen als lauschige Vororte, in denen man als Fremdling auf Schritt und Tritt von Einheimischen beobachtet und verfolgt wurde. Erin träumte davon, Europa zu sehen, London, Paris und Rom zu besuchen, irgendwann. Sie lächelte traurig. Irgendwann. „Irgendwann heißt Nie, wenn man Irgendwann irgendwann sein lässt und die Dinge nicht beim Schlafittchen zu fassen bekommt", hatte ihr Großonkel Ted zu sagen gepflegt, bei dem sie und ihre Mommy damals untergekommen waren, nachdem sie Grahamsville hinter sich gelassen hatten. Der gute alte Ted war stets für Binsenweisheiten wie diese zu haben, genau wie für eine gute Flasche Bourbon. Und als er angefangen hatte, sich mit seinen schmierigen Fingern an Mommy zu vergreifen, waren sie weitergezogen wie rastlose Nomaden. Das war der letzte Kontakt zu einem anderen Familienmitglied abgesehen von Erins Mutter gewesen. Ab diesem Zeitpunkt hatte sich Erin daran gewöhnt, dass ihr jeder Mensch fremd und auch sie stets eine Fremde war.
Danny hatte sie, wie sie es im Stillen befürchtet hatte, nicht mehr wieder gesehen. Einmal, kurz bevor sie ihr Studium geschmissen hatte, hatte Erin überlegt, ob sie in Grahamsville vorbeischauen und sich nach Dannys Verbleib erkundigen sollte, aber die Vergangenheit war ein heißer, ungestümer Wüstenwind, der Spuren im Sand geschickt zu verwischen wusste. Auch ohne nach Grahamsville zu fahren, hatte Erin gewusst, dass sie Danny dort nicht mehr finden, und dass sich wahrscheinlich niemand an ihn erinnern würde. An Ausgestoßene, an Freaks, wollte man sich nicht erinnern. Ebenso wenig würde irgendjemand dort wissen, wo die kleine Erin Porter mit den entzückenden blonden Zöpfen und der stets stillen Art abgeblieben war. Noch würde es irgendjemanden interessieren.
Erin schüttelte die Gedanken an die Vergangenheit so gut es ihr möglich war ab und bog mit dem Fahrrad auf die Hauptverkehrstraße ab, die ins Herz Gothams führte. Noch verschlafen drängten sich die feurigroten Lichter der Straßenlaternen durch den dichten Nebel, der selbst den weniger ländlichen Teil des Stadtgebiets nicht verschont hatte und sich träge über den spröden Asphalt wälzte. Die zu wünschen übrig lassende Helligkeit des jungen Tages täuschte darüber hinweg, dass es bereits zehn Minuten nach 7 Uhr morgens war. Gegen 8 Uhr würde der Gemischtwarenhändler seine Ladentüren öffnen, sodass Erin alle Ruhe am Kiosk nach Zeitungen fragen und einen Kaffee trinken konnte. Die Sonne hatte sich immer noch nicht durchgekämpft, blitzte aber hier und da durch das dichte Wolkenmeer. Erin, die in Richtung Osten fuhr, wurde immer dann, wenn die Sonne sich durchkämpfte, geblendet, bis die ersten Hochhäuser die neckenden Sonnenstrahlen mit ihren metallenen Fassaden verschluckten. Zur Mittagszeit im Sommer spiegelte sich das Licht in den großen Glasflächen und verwandelte die dazwischen liegenden Straßenschluchten in einen regelrechten Schmelztiegel. Im Herbst war der Einfallwinkel des Lichts jedoch so flach, dass sich nur hier und da bizarre Schatten über die Gehwege jagten. Erin passierte ein durch meterhohe Zäune abgegrenztes Streetballfeld, das zumeist in den Nachmittags- oder frühen Abendstunden stark frequentiert war, und trat in die Pedale, um möglichst schnell die steile Anhöhe, die in der Main Street mündete, zu überwinden. Die Kette, die dringend einer vorletzten Ölung bedurft hätte, knirschte protestierend, als sie einen Gang hinabschaltete und in kürzeren, kräftigen Tritten die Kuppe überwand. Erin bog auf den Radweg ein und passierte die Zufahrt zum Gotham City General Hospital, das erst vor zwei Monaten wieder eröffnet worden war, nachdem es, wie es Erin erzählt worden war, von einem Verrückten in die Luft gesprengt worden war, der jetzt aber unter Sicherheitsverwahrung in Arkham einsaß. Als die Leuchtreklame und digitale Zeittafel in ihr Blickfeld geriet, versicherte sich Erin dessen, nicht zu spät dran zu sein, ehe sie über zwei weitere Nebenstraßen endlich zu dem kleinen Kiosk gelangte, der ihr erstes Ziel darstellte. Erin schwang sich vom Sattel und zog das Rad mit sich, bis das kleine freistehende Häuschen mit der durch die Witterung beträchtlich in Mitleidenschaft gezogenen grün-weißen Markise nur noch wenige Meter von ihr entfernt war.
Der Verkäufer stand hinter der offenen Theke und starrte gedankenverloren in den oberen Winkel seines eigenen Geschäfts. Entweder hatte er Lotto gespielt und lauschte der Verkündung der Zahlen, oder er war noch nicht ganz wach an diesem Montagmorgen. Wer konnte es ihm auch verdenken? In Momenten wie diesen hätte sich Erin gern eine Stimme gewünscht, oder zumindest eine Methode, mit der sie sich bemerkbar machen konnte, ohne ihre Hände wild fuchtelnd benutzen zu müssen. Sie konnte sich ja nicht einmal räuspern! In der Hoffnung, der Verkäufer würde bald aus seiner morgendlichen Lethargie erwachen, trat sie an die Theke und musterte ihn, einen untersetzten Herren mittleren Alters, mit einem Vollbart, der ihn für das spärlich wachsende Haar auf seinem Kopf entschädigte. Sein Gesicht, das von tiefen Falten gezeichnet und von einem ungesunden Grauton war, war zu einer unsicheren Grimasse verzogen, während die graugrünen Augen gebannt auf den kleinen Fernseher gerichtet waren, der ohne Ton lief und somit vor Erin verbarg, was den Verkäufer derart faszinierte. Sie klopfte dezent auf die Theke, worauf er tatsächlich reagierte. Er erschrak regelrecht, zuckte zusammen, so als wäre Erin soeben aus einem erstklassigen Horrorfilm entstiegen. Sie hob entschuldigend die Hände und war froh, dass er sie wieder erkannte. Von Zeit zu Zeit war Erin es leid, den Umstand deutlich zu machen, dass sie nicht sprechen konnte. Zumeist begann sie dann einfach mit ihrer Gebärdensprache, woraufhin allerdings die meisten glaubten, sie könne auch nichts hören. Manchmal kam es Erin so vor, als hielten andere sie nur wegen ihrer Behinderung für dumm oder langsam. Sie hatte gelernt, sich nicht darüber zu ärgern, sondern die Tatsache, dass sie unterschätzt wurde, in ihren Vorteil umzumünzen. Erin hielt dem Verkäufer den Zettel hin, den Nell mit ihrer feinsäuberlichen Handschrift beschriftet hatte, und der von Erin selbst mit einzelnen Dingen ergänzt worden war, die ihr eingefallen waren. Er nahm ihr die Notiz ab und suchte die Dinge zusammen, die er selbst im Angebot führte, ehe er sie Erin reichte, die damit ihren Rucksack befüllte.
„Alte Zeitungen hab ich nur von gestern und es sind nicht viele. Vielleicht ein Dutzend. Die gehen weg wie warme Semmeln, seit dieser Irre wieder auf freiem Fuß ist...", munkelte er und schaute scheu zu dem Monitor auf, als ob ihn jemand belauschen und für seine vorlauten Äußerungen bestrafen könnte. Erin zuckte die Achseln und nahm die Zeitungen dankend entgegen. Von wem der Verkäufer geredet hatte, interessierte sie herzlich wenig. In Gotham liefen genug Irre herum, einer mehr oder weniger war jetzt nicht ausschlaggebend für die Verschlechterung des Zustands, in dem sich die Stadt befand. Sie legte das Geld passend auf die Theke und klopfte dankend darauf, was der Verkäufer nur mit einem vagen Nicken quittierte, ehe sein tranceartiger Blick zurück zum Bildschirm wanderte. Erin hatte vor, Nells Geld erst im Gemischtwarenladen aufzubrauchen. Für ihren Kaffee zum Mitnehmen, den sie sich am Kiosk gegönnt hatte, sollte nicht Nell aufkommen, die mit ihrer Gutmütigkeit ohnehin schon den Rahmen des Angemessenen sprengte.
Sie stieg wieder auf das Fahrrad und hielt an einer roten Ampel, ehe sie einem der gelben Schulbusse, der über und über mit Schulkinder beladen war, folgte. Mit dem Kaffeebecher, der rund und warm in ihrer Hand lag, und dem Rucksack auf dem Rücken fuhr Erin für die nächsten zehn Minuten an Passanten vorbei, die auf dem Weg zur Arbeit waren, an Studenten, die zu Semesterbeginn noch voller Elan waren und entweder den Hörsaal oder aber die Bibliothek zu so früher Stunde aufsuchten, und nicht zuletzt an Streifenpolizisten, die nahezu jeden Sektor der Stadt abliefen. Obwohl alles wie immer zu sein schien und jeder seinem Tagwerk nachging, beschlich Erin der Eindruck, dass eine unsichtbare Nervosität in der Luft lag, eine unheilvolle Ruhe vor dem Sturm. Erin schüttelte den Kopf über sich selbst. Heute Morgen hatte sie sich schon eingebildet, Gespenster zu sehen, vermutlich ging heute einfach die Fantasie mit ihr durch. Sie kaufte Putzutensilien, bunte Stifte, Leim und farbiges Papier zum Basteln. Als Erin mit durch den kühlen Gegenwind rot gefärbten Wangen vom Fahrrad stieg, als die einst sonnengelbe, jetzt blass eierschalenfarbene Fassade von Le Gardien in ihrem Sichtfeld auftauchte und der gleichmäßig gepflasterte Weg zunehmend von Grasnarben überwuchert wurde, war es bereits kurz vor halb 10 Uhr morgens.
Erin blieb also noch genügend Zeit, um die Stunde mit den Kindern vorzubereiten. Sie stellte das Rad an seinen ursprünglichen Platz im Schuppen zurück und genoss das prickelnde Gefühl auf ihren Händen, als sie vom Kalten ins Warme trat. Nicht weit entfernt von den Großen Seen schlug das Klima außerhalb Gothams besonders extrem mit den Jahreszeiten um. Heiße Sommer, unter deren sengender Sonne der Asphalt zu schmelzen drohte, wechselten in äußerst kühle und niederschlagsreiche Winter. Auch wenn es erst Ende Oktober war, trat fast in jeder Nacht Bodenfrost auf. Der erste Schnee, so hatte Nell es Erin erzählt, ließ gewöhnlich höchstens bis Mitte November auf sich warten. Mit federnden Schritten erklomm Erin die knarrenden Stufen und wickelte sich währenddessen den Schal vom Hals. Sie lud jene Utensilien, die für die Küche bestimmt waren, in den dazugehörigen Schränken ab, stibitzte sich ein paar Reste vom Frühstück und begab sich mit dem Rest im Gepäck und einer hartnäckigen Melodie im Kopf in den Unterrichtsraum, um die Materialien auszulegen. Sie legte das bunte Papier, Stifte, Scheren und Leim auf die Plätze und kramte dann in ihrem Rucksack nach den Zeitungen, bekam sie zu fassen und legte den gesamten Stapel auf den Arbeitstisch. Mittlerweile war die Sonne so hoch gestiegen, dass sie nur noch wenige Winkelgrade von ihrem heutigen Höchststand entfernt war. Obwohl die Sonnenstrahlen angenehm warm waren, war die Luft derartig kühl und feucht, dass man es ungern länger draußen aushielt. Zumindest nicht ohne entsprechende Bekleidung. Erin spähte auf ihre Armbanduhr, befand, noch genügend Zeit vor dem Stundenbeginn zu haben, und setzte sich an den Tisch, um sich eine kleine Pause zu gönnen. Sie biss herzhaft in das trockene Brötchen, das sie sich gemopst hatte, und betrachtete ohne wirkliches Interesse die Schlagzeilen des gestrigen Tages. Erin las so gut wie nie Tageszeitungen. Nicht etwa aus mangelndem Interesse, sondern weil ihr vielmehr die Zeit und Ruhe fehlte, darin zu schmökern. Ihr begegneten erneut beunruhigende Statistiken und die Verkündung, dass der Bürgermeister noch in dieser Woche eine Rede im Rahmen seiner Wahlkampfkampagne halten würde.
Als Erins Blick an der ersten Seite hinabwanderte, verschluckte sie sich fast an dem trockenen Bissen, als sie sah, dass ein ziemlich verrücktes und verzerrtes Bild die Titelseite schmückte. Wie hatte sie das auf den ersten Blick übersehen können? Das Bild entstammte der Aufnahme einer Überwachungskamera. Der Bildunterschrift nach zu folgen war das Bild in einer Tiefgarage aufgenommen wurden. Es zeigte eine verzerrte Fratze, die Erin zunächst für eine Maske hielt. Bei genauer Betrachtung hingegen wirkte die Fratze zu organisch, um eine Maske zu sein. Erin runzelte die Stirn. Was war das denn für ein Witzbold? Ihre hellen Augen konnten sich nur mit Mühe dem Anblick dieser ungewöhnlichen Gestalt entziehen und sich auf die Überschrift richten, die in großen, schwarzen Lettern las: Der Joker ist zurück! Erins Blick wanderte wieder zurück zu dem Bild. Er hatte sich der Überwachungskamera regelrecht präsentiert wie ein Schaulustiger bei einer Nachrichtenübertragung, der die Gelegenheit beim Schopfe packen und ins Fernsehen gelangen wollte. Die schwarz ummalten Augen hatte er nur halb geöffnet, sodass sein Blick etwas Bedrohliches ausstrahlte. Ein grässlich verzerrtes und übertriebenes Grinsen war über seine Lippen hinweg auf die Wangen geschmiert, die puderweiß im starken Kontrast zu den nachtschwarzen Augen standen. Welche Farbe das groteske Lächeln ursprünglich hatte, konnte Erin nicht erschließen, da es eine Schwarz-weiß Aufnahme war. Rot lag nahe. Wie das unheilvolle Lächeln eines wenig vertrauenswürdigen Clowns. Der bloße Anblick jagte Erin einen Schauer über den Rücken.
„Ah, Erin, hier bist du. Ich hab dich schon überall ge...", als sie Matthew reden hörte, zuckte Erin so heftig zusammen, dass sie unabsichtlich das Brötchen durch das Zimmer warf. „Ach herrje, du bist aber heute schreckhaft! Nell hat mir schon erzählt, dass du heute Morgen ganz beunruhigt dreingeschaut hast. Ist was?", plapperte er, der mit seinen rotblonden Haaren und den nie ganz glatt rasierten Wangen etwas wild für einen Lehrer aussah, aber ein einnehmendes und freundliches Wesen hatte. Auch wenn er manchmal ein bisschen zu viel redete. Erin hatte nicht einmal den Hauch einer Chance zu antworten, denn da hatte Matthew schon den Zeitungsartikel entdeckt. „Ach, lässt du dich von der allgemeinen Hysterie anstecken, nur weil dieser Clown aus Arkham ausgebrochen ist?" Erin legte fragend den Kopf schief, sodass sich Matthew einen Stuhl heranzog und sich verkehrt herum darauf setzte, sodass seine verschränkten Arme auf der hölzernen Lehne ruhten. „Na gut, das war zwar vor deiner Zeit hier, Erin, aber sag mir nicht, dass du noch nie etwas vom Joker gehört hast?" Sie schaute auf das Bild in der Zeitung und konnte keine Familiarität herstellen. Sie empfand nur nervösen Schrecken, wenn sie das verschmierte Gesicht und die schwarz umschminkten Augen sah, die wie die Höhlen eines Totenkopfes aus dem Weiß herausstarrten. Sie waren kalt und leer und Erin beschlich ein Gefühl, dass dieser Eindruck nicht nur von der Qualität der Aufnahme herrührte. Erin formte den Mund zu einem O und ein Unkundiger der Gebärdensprache hätte diese Geste als nachdenkliches über das Kinn streichen fehlinterpretiert. „Wer er ist? Na ja, seine richtige Identität kennt niemand. Keiner weiß, woher er stammt, geschweige denn wie sein Name lautet. Er war auf einmal da und hat Gotham mit einer Serie brutaler Banküberfälle in Atem gehalten, bis...", Matthew verstummte. Zunächst glaubte Erin, er wolle nur eine künstliche Spannung aufbauen, bis sie sein Gesicht sah. Nie hatte sie deutlicher Angst aus einem Gesicht lesen können als in diesem Moment, „...bis die Dinge völlig außer Kontrolle gerieten. Kannst du dich noch an das erinnern, was ich dir über das Gotham City General erzählt habe?" Erin nickte zaghaft und erschauderte wegen Matthews humorlosen Lächelns: „Er hat es in die Luft gesprengt. Genau wie das Polizeihauptgebäude und beinahe...beinahe hätte er auch Schiffeversenken mit zwei mit Menschen überfüllten Fähren gespielt, wäre dieser andere Chaot im Fledermausanzug nicht gewesen... .Wie viele Menschen der Joker insgesamt auf dem Gewissen hat, lässt sich kaum zählen. Er ist ein kaltblütiger Psychopath. Dem will ich nicht mal bei hellstem Tageslicht über den Weg laufen!" Matthew rieb sich über die muskulösen Oberarme, so als ob er fröstelte, ehe er sich mit einem nachdenklichen Seufzen erhob: „Zum Glück hat er es bislang immer auf größere Dinge abgesehen als ein popeliges Waisenhaus wie wir es hier haben. Mach dir also nicht so viele Sorgen."
Erin schaute zu Matthew auf, der ihr ein zuversichtliches Lächeln schenken wollte, das aber nicht halb so überzeugend wie seine Worte war. ‚Wenn er vor zahllosen unschuldigen Zivilisten und hilflosen Menschen wie den Patienten eines Krankenhauses nicht Halt macht, wovor schreckt er dann noch zurück?', schoss es Erin durch den Kopf und es dauerte lange, sehr lange, bis dieser Gedanke wieder verstummte.
***
Leises Gekicher, aufgeregtes Getuschel und das Geräusch von Scheren, die Papier zerschnitten, füllten den Raum wenige Stunden später aus. Die Sonne hatte endgültig ihren Kampf gegen das übermächtige Wolkenheer verloren und war von einer Wand aus undurchdringlichem Grau verschluckt worden. Ab und an fiel ein leichter Nieselregen, der die Fensterscheiben neckisch besprenkelte und das kuppelförmige Dach des Erkers, in dem das Büro der Direktorin Patricia lag, so dünn wie Morgentau benetzte. Erins Blick ruhte auf ihrer Anweisung, die sie mit zum Anlass passender orangefarbener Kreide an die Tafel geschrieben hatte. ‚Halloween', las ihre schnörkellose Handschrift und gab das Motto des heutigen Kunstunterrichts wieder. Für das anstehende Halloweenfest am kommenden Freitag hatte Erin den Kindern die Aufgabe gestellt, passende Dekoration für das Waisenhaus zu basteln. Von Postern, einfachen Bildern bis hin zu Masken oder raffinierten kleinen Figuren war alles erlaubt. Erst hatte sich Erin überlegt, ob sie die Kinder Kürbisse aushöhlen und schnitzen lassen sollte, war dann aber zu dem Schluss gekommen, dass es keine so gute Idee war, dem einen oder anderen Kind ein Messer in die Hand zu legen. Ihr Blick glitt über die Klasse, die offensichtlich viel Spaß an der Aufgabe gefunden hatte. Überall wurde geklebt, geschnitten, gemalt und entworfen. Überall bis auf einen einzigen Platz. Jenem Platz in der letzten Reihe, an dem Alex Randall saß und tatenlos auf die Bastelutensilien starrte, die noch genauso an Ort und Stelle lagen wie Erin sie zuvor dort platziert hatte.
Erin presste die durch die Kälte leicht spröden Lippen aufeinander und erhob sich leise, klopfte hier und da ermutigend oder anerkennend auf die Schultern ihrer Schützlinge, während sie langsam ihre Runde machte. Als sie vor Alex stehen blieb, gab dieser durch keine Regung zu verstehen, dass er ihre Anwesenheit überhaupt registriert hatte. Wie benommen starrte er auf die Tischplatte und hielt die Arme vor der Brust verschränkt. Nicht auf eine bockige Art und Weise, sondern vielmehr so als wüsste er nicht, was er tun sollte. Sacht legte Erin die Hand auf Alex' Oberarm und bewegte ihn dadurch immerhin dazu, sie anzusehen. Ausdruckslos begegneten seine blauen Augen den ihren. Erin musste sich regelrecht dazu zwingen, zu lächeln und die Gänsehaut zu ignorieren, die sich durch den Blick des sonderbaren Jungen auf ihren Armen bildete und ihre Nackenhaare kurz aber prägnant aufstellen ließ. Sie deutete mit der Hand auf die Tafel und dann zurück auf das unberührte Material. Alex schaute sie ohne zu blinzeln an. Gut, er wollte sie scheinbar nicht verstehen. Erin hatte gelernt, mit dieser garstigen Form der Rebellion umzugehen und ließ sich selbst von diesem merkwürdigen Jungen nicht aus der Ruhe bringen. Sie griff zu einem der weißen Zettel und schrieb mit einem grünen Buntstift darauf: „Warum bastelst du nicht wie die anderen? Fällt dir nichts ein?" Sie schob das Papier zu Alex, der sich die Zeilen langsam durchlas und sie dann wieder stumm musterte. Erin schnappte sich wieder den Zettel und schrieb: „Wenn du keine Lust hast, kann ich dich auch gern in Mr. Andersons Klasse stecken, wenn dir die Grundregeln der Algebra besser liegen." Darauf erhielt Erin die gleiche Reaktion wie zuvor. Wenn Alex Spielchen spielen wollte, dann konnte er das gerne tun. Nur nicht mit Erin. Sie umfasste seinen Arm und zog Alex daran auf seine Füße, wogegen er sich zu wehren begann und sich so sehr an die Bank klammerte, dass er Schere und Papier von der Tischplatte wischte.
„Ich hab doch gebastelt! Ich hab doch gebastelt!", schrie er mit unerwarteter Vehemenz und schriller Stimme, sodass sich alle Köpfe zu ihm umdrehten und Erin überrascht von ihm abließ. Sie hatte ihn nicht fest umfasst oder ihm gar wehgetan, aber Alex zitterte mit einem Mal am ganzen Leib als wäre er plötzlich von heftigem Schüttelfrost erfasst worden. „Ich hab gebastelt!", wiederholte er ein weiteres Mal, ehe er sich wieder auf den Stuhl setzte und seinen Oberkörper mit beiden Armen umklammerte. Die blauen Augen starrten aus dem Fenster, teilnahmslos, starr, so als hätte es diesen Ausbruch eben gar nicht gegeben. Hinter Erin schwoll das aufgeregte Getuschel der anderen Kinder an, sodass sie sich zu ihnen drehte und in einer beschwichtigenden Geste die Hände mehrfach von oben nach unten sinken ließ, worauf sich wie durch Zauberhand die Lautstärke wieder auf ein für den kreativen Unterricht angemessenem Maß einpendelte. Ein paar neugierige Blicke hafteten noch auf Alex, der völlig in sich versunken zu sein schien, sodass Erin kurz auf die Bank klopfte und auf die Tafel deutete. Das brachte auch den letzten Schüler wieder dazu, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, sodass sich Erin wieder Alex widmen konnte.
Sie griff noch einmal nach dem Blatt Papier und schrieb darauf: „Was hast du denn gebastelt?" Sie schob das Blatt zu Alex und tippte ihn sanft an, doch er las den Zettel nur aus den Augenwinkeln und machte ansonsten keinerlei Anstalten, zu reagieren. Erin seufzte leise. Was hatte sie ihm entgegen zu setzen? Sie konnte ihm nicht einmal verbal Respekt einflößen, wie es ihre Kollegen vermochten. Und handgreiflich würde Erin schon gar nicht werden. Sie bückte sich und sammelte das auf dem Fußboden verstreute Papier ein, das bunt wie das Laub der von Tag zu Tag kärger werdenden Bäume rings um Alex' Platz verstreut war. Sie stapelte die Blätter in ihrer Hand und erstarrte, als sie einen feuerroten Bogen Papier zu fassen bekam und sah, was darauf geklebt worden war. Das Bild aus der Zeitung, das Erin vor wenigen Stunden so beunruhigt hatte, war fein säuberlich ausgeschnitten und auf die Mitte des Blattes geklebt worden. Mit kräftigem Rot hatte jemand den grässlichen Mund nachgemalt. Derart exzessiv, dass das Grinsen über die Bildgrenze hinausreichte und mit dem dunkleren Rot des Papiers verschmolz. Kohlrabenschwarz hingegen waren die Augen hervorgehoben worden. Ansonsten war das Blatt so leer wie seine Geschwister. Erin drehte den Kopf sehr langsam zu Alex, der noch immer aus dem Fenster starrte, als ginge ihn das alles nichts an. Erin hob die linke Hand und zupfte sacht am langen Ärmel des grauen Pullovers, den der Junge trug, und gewann so noch einmal seine Aufmerksamkeit. Sie drehte das Bild zu ihm und sah ihn fragend an, bis er hastig wegschaute. Ihre Knie knackten leise, als sie sich wieder erhob. Abermals zog sie den Zettel heran, um Alex zu fragen: „Hast du das gebastelt?"
Fast hatte Erin diese Frage nicht stellen wollen, aus einer stillen Furcht heraus, Alex könnte den Kopf schütteln. Der bloße Gedanke jagte ihr einen Schauer über den Rücken, der so klamm und kalt war wie die Hand eines Ertrunkenen. Doch Alex reagierte nicht, obwohl er den Zettel las. Erin faltete das beunruhigende Bild zusammen und steckte es in die Tasche ihrer Strickjacke. Es war so präzise ausgeschnitten und sorgfältig aufgeklebt worden wie es nicht einmal alle Lehrer in Le Gardien vollbringen konnten. Hinzukam, dass sie Alex in keiner Sekunde hatte basteln sehen. Sicher, sie hatte in der Zwischenzeit die Hausaufgaben durchgesehen und hier und da geholfen, wenn die Kinder nicht weiterwussten, aber dennoch war ihre Aufmerksamkeit nie so beansprucht worden, dass sie nicht alle Kinder im Blick gehabt hätte. Noch dazu hatte alles an Ort und Stelle gelegen, wie Erin es bereitgestellt hatte. Sie musste nicht über ein fotografisches Gedächtnis verfügen, um zu sehen, dass Alex weder Leimstift noch Schere auch nur angerührt hatte, bevor er beides vom Tisch gefegt hatte.
Erins nachdenklicher Blick war noch einige Minuten auf Alex gerichtet, doch bis zum Ende der Stunde würde er sich nicht einmal rühren und Erin würde das Gefühl, dass die Hand des Ertrinkenden ihre Kehle umfasst hielt, bis zum späten Abend nicht mehr verlieren.
