A/N: Weiter geht's mit Scar Tissue! Viel Spaß mit dem Kapitel. Sollte sich der ein oder andere Leser finden, ist er/sie herzlich dazu eingeladen, ihren Senf dazuzugeben!
Scar Tissue
2
Süßes oder Saures
Was ist grässlicher?
Grausige Maskerade
Oder was sie tarnt?
Erin verbrachte die darauffolgenden Nächte unruhig schlafend. Ehe sie auch nur ein Auge zutun konnte, brütete sie meist stundenlang darüber, was es mit dieser skurrilen Collage auf sich hatte, die ihr beim Aufsammeln von Alex' Materialien in die Hände gefallen war. Wenn irgendwann die Erschöpfung über ihren wachen Geist triumphierte, wälzte sich Erin in unruhigen Träumen und wenig erholsamem Schlaf hin und her. Und doch hatte sie gezögert, jemand anderem das Bild zu zeigen. Sie ahnte, dass Alex behaupten würde, es selbst angefertigt zu haben und Erin selbst würde nichts entgegensetzen können. Die Leimstifte und Scheren waren längst gebraucht, und unter seinen Sachen hatte sie das Bild schließlich gefunden. Wer sonst hätte es anfertigen sollen? Und was noch viel entscheidender war: Wer hätte es unbemerkt in den Materialien verstecken können, wenn Alex es wirklich nicht selbst gebastelt hatte? Spielte ihr vielleicht nur jemand einen makaberen Scherz? Machte sich Matthew vielleicht über ihre Schreckhaftigkeit lustig? Er hatte ihr schließlich vom Joker erzählt und ihr angesehen, dass sie der Anblick der Schlagzeile zutiefst verstört hatte. So aufgeweckt und zu Späßen auferlegt Matthew auch war, so einen derben Scherz wollte Erin ihm nicht zutrauen. Erin wurde am Morgen von Halloween erst durch das beharrliche Klingeln ihres Weckers aus dem Schlaf gerissen. Die letzten Nächte hatten an ihren Kräften gezehrt und ihre Spuren hinterlassen, sodass Erins Müdigkeit irgendwann mächtiger als der nagende Zahn der Sorge gewesen war. Trotzdem fühlte sich Erin wie gerädert, als sie blind nach dem Wecker tastete, um ihn auszustellen. Ihr Nacken schmerzte und sie tat sich schwer, die Augen zu öffnen. Sie nahm sich vor, sich heute Nell wegen des Bildes anzuvertrauen. Wenn ihr jemand glauben würde, dann sie. Seufzend schälte sie sich aus ihrer Bettdecke, die einem Wechsel und einer baldigen Wäsche bestimmt nicht abgeneigt war, und setzte sich auf. Wahrscheinlich war der ganze Spuk mit der heutigen Nacht der Geister vorüber und jemand hatte ihr einen Streich spielen wollen. Vermutlich auch Alex selbst. Erin konnte schließlich nicht ausschließen, dass er schon in der Pause auf die Materialien zugegriffen hatte oder irgendjemand anders Zugriff zu den Zeitungen und Stiften hatte. Andererseits stammten die Zeitungen von gestern, Le Gardien bezog kein Zeitungsabonnement und Erin war die Einzige gewesen, die sie besorgt hatte.
‚Es ist doch nur ein Bild', dachte Erin erschöpft, ‚kein Grund, den Teufel an die Wand zu malen.' Das war in der Tat nicht mehr vonnöten, hatte doch jemand dafür gesorgt, dass ein teuflisches Porträt in kleinerem Format entstanden war. Erin schüttelte diese lästigen Gedanken so gut es ihr möglich war ab und begab sich in das kleine Badezimmer, das an ihr Schlafzimmer angrenzte. Die weiße Farbe splitterte auch von den Türen ab und entblößte das massive Holz, das darunter lag. Das Bad war bescheiden eingerichtet, aber für Erins Bedürfnisse genügte es voll und ganz. Eine kleine Duschkabine stand hinter der Toilette, der wiederum gegenüber ein Waschbecken stand, über dem ein Spiegel hing. Wenn Erin das Bedürfnis verspürte, ein Schaumbad zu nehmen, so konnte sie es im Badezimmer im ersten Stock nehmen. Es war das einzige, das über eine Badewanne verfügte, die mit ihrer braunen Verkleidung und der Ankleidewand einen recht rustikalen Eindruck hinterließ.
Erin wusch sich und zog sich an, schlüpfte ob der intensiver werdenden Kälte in einen weißen Wollpullover und einfache Jeans, deren Flicken an Knien und Außennähten vermuten ließen, dass sie nicht den neuesten Ergüssen der Mode entstammte. Doch wenn man mit so vielen Kindern unter einem Dach lebte, noch dazu mit solchen, die weitaus andere Sorgen hatten als Etikette zu bewahren, war man mit abgenutzten Sachen durchaus auf der sicheren Seite. Sie faltete das Bild sorgsam und steckte es in ihre Hosentasche. Nur für den Fall, dass sie es doch noch jemandem zeigen wollte. Erin wusch sich, kämmte das lange blonde Haar und band es zu einem schlichten Zopf zusammen. Heute Abend, wenn sie gemeinsam mit den anderen Lehrern und Angestellten des Waisenhauses eine kleine Halloweenfeier für die Kinder ausrichten würden, würde sie Gelegenheit haben, ihr schlichtes Outfit ein wenig aufzupeppen und sich vielleicht sogar zu verkleiden. Das hing ganz von ihrer Stimmung ab und dem Umstand, ob sich bis abends ihre innere Unruhe gelegt haben würde. Erin gehörte zu der Sorte Menschen, die sich nur dann wirklich amüsieren konnten, wenn sie frei von beunruhigenden Gedanken waren. Eine Verkleidung oder Make-up würde daran nichts ändern können. Weil es den Kindern verboten war, um die Häuser zu ziehen und nach Süßigkeiten zu fragen, da selbst am Rande Gothams die Straßen bei Tageslicht – vom Anbruch der Dämmerung und der Nachtzeit ganz zu schweigen – ein gefährliches Pflaster waren, hatte sich das Waisenhauspersonal dazu entschlossen, wenigstens eine kleine Feier im Haus steigen zu lassen. Sie würden früh genug erwachsen werden in einer Stadt, die nicht viel für Unschuld übrig hatte. So sollten sie wenigstens an derartigen Anlässen wie Halloween die Möglichkeit haben, ihr Kindsein ausleben zu können.
Erin verließ ihre Unterkunft und schritt die Treppe hinab, die mit einem löchrigen dunkelblauen Teppich ausgelegt war und vielmehr Stolperfalle als wirkliche Dekoration war. Sie folgte dem langen schmalen Flur, der links in den Schlafräumen der Kinder mündete, rechts zu einem kleinen Hobbyraum und kleineren Unterrichtsräumen führte, und mittig in einer weiteren Treppe abzweigte, die den geneigten Spaziergänger hinab zu den Unterrichtsräumen, Küche, Pausenraum und Speisesaal leitete. An sämtlichen Wänden waren die Basteleien der Kinder angebracht worden. Hier und da Kollagen aus echten Blättern, dort gebastelte Masken oder gemalte Bilder, die etwas Unheimliches darstellen wollten, aber durch ihren kindlichen Charme wenig bedrohlich wirkten. Erin dachte fröstelnd an das Bild, das bis heute Morgen noch in ihrer Jackentasche gelegen hatte und im Gegensatz zu der kleinen Galerie hier wirklich schauderhaft anzusehen war. Es herrschte ungewöhnliche Betriebsamkeit auf den Fluren. So früh waren die Kinder selten auf den Beinen, aber die Vorfreude auf den heutigen Abend schien selbst das größte Murmeltier aus seiner Gewohnheit zu reißen. Der kleine Nicholas, dessen üppiger Blondschopf in einem seltsamen Verhältnis zu seinem ansonsten eher hageren Körper stand, kam Erin auf dem Weg in die Küche entgegen, auf seinem runden Gesicht war das strahlende Lächeln regelrecht eingemeißelt. „Guten Morgen, Erin!", begrüßte er sie fröhlich, was sie mit einem Lächeln und sanften Nicken quittierte. Ein bisschen beruhigte es Erin, dass so eine ausgelassene Stimmung herrschte. Vielleicht machte sie sich wirklich einfach zu viele Sorgen. Aber war es ihr zu verdenken bei all dem, was sie gehört hatte? Wer außer einem Terrorist brachte es fertig, ohne jeglichen Beweggrund ein Krankenhaus in die Luft zu sprengen? Ein Terrorist mit Clownschminke. Der Gedanke ließ Erins Nackenhaare wie viele kleine, flaumweiche Lanzen aufstellen. Sie hatte von Matthew zum ersten Mal von diesem Joker gehört, obwohl er eine solche Schneise der Verwüstung durch Gotham gezogen hatte. Und dann dieses Bild...nein, es wollte der jungen Frau einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ihr wäre wohler dabei gewesen, hätte sie wahrhaftig mit angesehen, wie Alex es gebastelt hatte.
„Erin, Liebes, du siehst ja aus als hättest du einen Geist gesehen. Ist dir nicht gut?", holte sie Nells freundliche Stimme in die Wirklichkeit zurück. Ohne es wirklich bemerkt zu haben, war Erin inmitten des Flurs stehen geblieben und musste den Eindruck erweckt haben, schlafgewandelt zu sein. Zwei, drei Kinder standen hinter Nell und musterten sie neugierig, worauf sich Erin wieder fasste und lächelte. Es fühlte sich unecht und schmal auf ihren Lippen an, aber schien zu genügen, um die Kinder zu beruhigen und ihres Weges ziehen zu lassen. Sie deutete auf sich und drückte anschließend den Daumen ihrer ausgestreckten rechten Hand an ihre Brust. Nell wirkte nicht sonderlich überzeugt von dieser Beteuerung, es würde Erin gut gehen. Sie verschränkte die Arme vor der nicht unbeachtlichen Brust und legte skeptisch den Kopf schief. „Du bist so blass und wirkst irgendwie nicht ganz auf der Höhe. Bist du krank? Wenn es dir nicht gut geht, dann stellt dich Pat für heute bestimmt frei, hörst du? Mit einer Grippe ist nicht zu spaßen!", belehrte Nell die wesentlich jüngere Kollegin als wäre diese eines der zu betreuenden Kinder. Erin schüttelte den Kopf und winkte ab. Sie formte eine Faust mit der rechten Hand und führte Zeigefinger und Daumen zweimal aneinander, ehe sie ihr Gesicht mit der rechten Hand bedeckte und diese zu ihrem Kinn führte. Nell schien nicht zu verstehen, sodass Erin die umgängliche Zeichensprache benutzte, wie sie in der Pantomime Gebrauch fand. Sie faltete die Hände ineinander und legte denn den Kopf darauf, um Nell nahezubringen, dass sie wenig Schlaf abbekommen hatte und dementsprechend erschöpft war, dass aber kein Grund zur Sorge bestand. „Na...ob du so ehrlich zu mir bist?", Nells grüne Augen betrachteten sie unverwandt und mit einem zweifelnden Ausdruck, „In den letzten Tagen wirkst du ziemlich nachdenklich und auch Matthew sagte mir, dass du seit Montag irgendwie schreckhaft bist." Erin schaute Nell lange an, ehe sie mit Nachdruck den Kopf schüttelte.
Es war wie ein Geschenk des Himmels, dass Scott sich zu den beiden Frauen gesellte, ehe Nell etwas entgegensetzen konnte. Der hoch gewachsene, gut gebaute Mann mit den schwarzen, vollen Haaren, die immer ein bisschen wirr in seine Stirn fielen, was ihm ein charmantes, jungenhaftes Aussehen verlieh, legte den linken Arm um Nells Schultern und den rechten um Erins.
„Guten Morgen, die Damen! Oder sollte ich eher gutes Morgengrauen wünschen?", er verstellte seine Stimme schaurig tief und musterte Erin ein bisschen zu lang mit seinen haselnussbraunen Augen. „Scott, hast du unserer Erin hier etwa so einen Schrecken eingejagt, dass sie so bleich ist?", meinte Nell mehr im Scherz als ernst, doch Scott wandte sich daraufhin ganz zu der jungen Frau um und fragte: „Was ist passiert?" Erin zögerte zunächst, dann formte sie mit der Hand ein O und ließ diese dann in einer gleitenden Bewegung fallen, formte dabei die Hand so als würde sie eine einfache Schattenspielfigur darstellen wollen. Zusätzlich zwang sie sich noch zu einem Lächeln, das ihr Scott nicht ganz abkaufte. Er mochte offenherzig und sehr zuvorkommend sein, aber er war nicht naiv. Oder Erin war einfach eine schlechte Lügnerin, so genau konnte sie es nicht sagen. „Du wirst dich doch nicht vor Halloween fürchten, Erin", neckte Scott sie dann, weil er ahnte, dass er nichts aus ihr herausbekommen würde. Die junge Frau schüttelte den Kopf und boxte ihm verspielt gegen die Schulter. Hätte sie Scott und Nell von ihrer kindischen Furcht erzählt, dass sie wegen eines grotesken Bildes nervös wurde, hätte sie vielleicht die Lacher auf ihrer Seite gehabt, aber kaum einer hätte sie vermutlich ernst genommen. Scott lächelte und strich wie beiläufig mit der Hand über Erins Zopf. Es waren diese kleinen unterschwelligen Zärtlichkeiten, flüchtige Berührungen, Blicke, die er ihr zuteil werden ließ, die Erin erahnen ließen, dass er zu ihr entweder ein besonders kollegiales Verhältnis hatte, oder aber vage Annäherungsversuche unternehmen wollte. Jedenfalls war ihr bislang nicht aufgefallen, dass er sich anderen weiblichen Kollegen ähnlich gegenüber verhalten hätte. Seine zuvorkommende Art schmeichelte Erin, aber letztlich wusste er rein gar nichts über sie und früher oder später verloren Männer das Interesse an ihr, weil sie sie entweder nicht verstehen konnten oder es zu anstrengend fanden, es wenigstens zu versuchen. In Le Gardien hatte es zwar auch seine Zeit gedauert, bis wenigstens die Grundbegriffe der Gebärdensprache für den Großteil des Personals begreiflich gemacht werden konnten, aber Erin empfand es generell als unglaubliches Glück, von so vielen herzlichen Menschen umgeben zu sein. Gemeinsam mit Scott und Nell begab sich Erin in den Speisesaal, nahm dort eher halbherzig ihr Frühstück zu sich und half Nell im Anschluss in der Küche aus, während die Kinder in den heute verkürzten Unterricht gingen.
Ein böiger Wind peitschte die Zweige der alten Weide immer wieder gegen die Fensterscheiben. Das stete, kratzende Geräusch auf dem Glas erinnerte an lange Fingernägel, die zu Fingern gehörten, die ungeduldig auf die Oberfläche trommelten. Ab und an glitt der Wind pfeifend und heulend an der Regenrinne entlang, schleuderte ab und an loses Laub verspielt in die Luft und trieb die regenträchtigen Wolken über den Himmel. Nell spülte gerade das Geschirr ab, während Erin ihr mit einem Wischtuch in der Hand dabei zusah. „Kind, du bist heut so still...", begann Nell schließlich und drehte sich leicht zu Erin um, die nur die Braue hob und ein sehr ironisches Lächeln auf den Lippen trug. Sie war schließlich von Geburt an still gewesen. Nie hatte sie etwas wie eine Stimme besessen. Stillsein war etwas, das sie besonders gut konnte, etwas, das sie vielleicht am besten konnte. „So hab ich das nicht gemeint!", wehrte Nell ab und nahm die behandschuhten Hände aus dem Spülwasser, „Ich mache mir ehrlich Sorgen um dich. Du wirkst so in dich gekehrt...und erzähl mir nicht, dass du schlecht geschlafen hast. Scott hat mir vorhin noch einmal in den Ohren gelegen, dass er findet, dass du nicht gut aussiehst." Erins Braue wanderte höher. Das waren keine sehr schmeichelhaften Worte aus dem Mund des größten Charmeurs, den sie je kennen gelernt hatte. „Was ist los, Erin? Ich merke doch, dass etwas ist, Mädchen." Erin stand noch einige Sekunden reglos da, einzig ihre Finger kneteten den Stoff des blaugrün karierten Geschirrtuchs mit wachsender Intensität.
Letztlich atmete sie hörbar aus und legte das Wischtuch auf die Anrichte, ehe sie mit der rechten Hand in der Hosentasche fischte, nur um kurz darauf das Bild herauszuziehen. Sie faltete es auseinander und hielt es Nell hin, die es eindringlich studierte, ehe sie Erin ansah und ihre Lippen befeuchten musste, ehe sie sprechen konnte: „Wo hast du das denn gefunden?" Erin streckte die Hand aus als ob sie darin etwas festhalten würde und drehte diese dann im Uhrzeigersinn, ehe sie den kleinen Finger der rechten Hand über die Handfläche der linken streichen ließ, die linke Handfläche dann flach auslegte und die rechte Hand zuerst auf dem vorderen Handballen, dann auf dem hinteren absetzte. „Im Kunstunterricht? Wer hat das denn gemacht??" Nell schien ebenso entsetzt zu sein wie es Erin gewesen war, was diese ein wenig beruhigte. Erin schnappte sich den Block für Einkaufszettel, der auf der Küchentheke lag, schrieb „Alex" darauf, und setzte abschließend ein Fragezeichen dahinter. „Alex? Aber du weißt es nicht genau?", hakte Nell nach und Erin hob ratlos die Hände, ehe sie auf den Zettel schrieb: „Er hat rein gar nichts getan. Zwischen seinen Blättern fand ich das Bild." Es hätte zu lange gedauert, Nell alles über Gebärdensprache zu erklären, zumal sie die Hälfte nicht verstanden, sondern nur geraten hätte und Erin wollte, dass Nell wirklich verstand, worum es ging. Dass sie Alex nicht hatte basteln sehen, aber das Bild bei ihm gefunden hatte.
„Meinst du, jemand hat es ihm untergeschoben?", fragte Nell, die ihre Brille auf der Nase zurechtrückte. Abermals hatte Erin nur ein Schulterzucken für die ältere Dame übrig. „Hast du ihn gefragt, ob er es gebastelt hat?", fragte sie und Erin begnügte sich abermals mit dem Zettel: „Er sagte, er hätte etwas gebastelt, aber bis auf das Bild habe ich nichts gefunden und auch nicht gesehen, dass er gearbeitet hätte." Nell rieb sich das spitze Kinn und zog die Unterlippe in den Mund, ehe sie sagte: „Lass dich davon nicht verrückt machen. Da hat sich bestimmt nur jemand einen Halloween-Scherz erlaubt. Wahrscheinlich wirklich sogar Alex selbst. Du weißt doch, wie eigenartig er sich benimmt. Da kommt es ihm fast gelegen, dass dieser Verrückte ausgebrochen ist. Er spielt gern mit Dingen, die anderen Angst machen. Erst letzte Woche hat er der kleinen Susan Croutch eine Spinne in den Kragen ihres Pullovers gesteckt, weil er genau wusste, was sie für eine Heidenangst vor den Tieren hat!" Erin runzelte die Stirn und ließ sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen. Dann deutete sie auf sich, drückte den Daumen der zur Faust geballten Hand an ihr Kinn, bewegte diesen hin und her, ehe sie beide Hände zu Fäusten geballt aufeinander zu schob und sie öffnete, als sie sich kreuzten. Abschließend deutete sie auf das Bild, das indes neben dem Block auf der Anrichte lag. Sie hatte keine Angst vor diesem Clown. Zumindest redete Erin sich das ein. Bis vor kurzem hatte sie nicht einmal gewusst, wer er war, und wie konnte man sich vor etwas oder jemanden fürchten, dem man noch nie begegnet war? „Vielleicht hast du keine Angst, aber es beunruhigt dich dennoch, nicht wahr? Und wahrscheinlich hat er das irgendwie mitbekommen", versuchte Nell Erin die Geschichte plausibel zu machen. Erin hätte ihr gern geglaubt, hätte sich gern in dem Glauben befunden, dass es sich nur um einen harmlosen Streich handelte, aber ihr Bauchgefühl sagte etwas anderes. Um Nell jedoch nicht weiter auf die Nerven zu fallen, nickte sie nur und steckte das Bild wieder ein, ehe sie sich an das Abtrocknen des Geschirrs machte. Nell schaute sie noch eine Weile schweigend an, bis sie ermutigend anfügte: „Zu dieser Zeit des Jahres sieht man ganz besonders gern Gespenster, Erin. Aber du kannst mir glauben: Wenn es in Gotham noch irgendwo ein sicheres Plätzchen gibt, dann ist es Le Gardien." Erin hoffte, dass Nell Recht behalten würde, wusste aber tief im Inneren, dass ‚sicher' ein sehr relativer Begriff in Gotham City war. Sicher war nur Eines: Dass nichts wirklich sicher und berechenbar war.
***
Der Hobbyraum, eines der größten und geräumigsten Zimmer des gesamten Gebäudekomplexes, erstrahlte in heimeligem tief orangefarbenem Licht, das von flackernden Kerzen stammte, die in ausgehöhlte und kunstvoll geschnitzte Kürbisse gestellt worden waren. Scott, Anna und Olivia hatten diese gebastelt und dabei ungeahntes Talent gezeigt. Geisterhaft tanzten die Flammen hinter den ausgehöhlten Augen und den kantigen Fratzen, die entweder ein fröhliches oder gefährliches Lächeln trugen, oder aber nur einen verzerrten Schlund bargen. Nur eine kleine Deckenleuchte unterstützte den mystischen Schein der Kerzen; ansonsten sorgten bunte Tücher und ein geknüpftes Netz, auf dem neckische Gummispinnen platziert waren, um die Susan Croutch einen weiten Bogen machte, für das passende, leicht düstere Ambiente. Im hinteren Teil des Raumes stand ein Tisch voller Leckereien. Eine etwas zu süß geratene Kürbisbowle war umringt von kleineren Schnittchen, die originell in Form von Geistern oder Kürbissen zurechtgeschnitten worden waren. Grüne Götterspeise mit den verschiedensten Früchten waberte zäh in ihrer Schüssel, während andere Speisebehältern reichlich unappetitlichen Inhalt proklamierten. Nudeln wurden als ‚geraspeltes Gehirn' angeboten und eingelegte Pflaumen waren kurzerhand in ‚Innereien in Aspik' umgetauft worden. Die Kinder hatten ihren Spaß, nahmen entweder an den kleinen Spielen teil, um die sich Anna und Olivia kümmerten, schlugen sich den Bauch mit den üppigen Speisen voll oder tanzten, tobten und lachten zu der Musik, um die sich Matthew und Scott gekümmert hatten. Nicht jeder hatte sich verkleidet. Sowohl beim Personal als auch unter den Kindern gab es Verkleidungsunwillige, die auch ohne Maskerade oder alberne Schminke die Stimmung genossen.
Erin gehörte zu denen, die auf ein Kostüm verzichtet hatten. Mit einem halbvollen Glas Kürbisbowle in der Hand lehnte sie an der Wand und schaute dem lustigen Treiben zu. Es war bereits nach halb elf Uhr abends durch. Heute Abend hatten die Kinder die einmalige Gelegenheit, bis zur Geisterstunde aufzubleiben, sofern sie das wollten und so lange durchhielten. Erin plagte ein leichter, aber dafür unnachgiebiger Kopfschmerz, sodass sie fast hoffte, die Kinder würden etwas früher die Segel streichen, damit auch sie früher zu Bett gehen konnte. Einige von ihnen, wenn auch nur drei oder vier der Jüngsten, waren bereits zu Bett gegangen. „Na, so allein?", hörte sie Scotts warme, tiefe Stimme und drehte den Kopf in seine Richtung. Er hatte mit viel Geduld das volle Haar mit Gel gebändigt und zurückgekämmt, das Gesicht weiß gepudert und mit einem roten Kajalstift die Augen umrandet. Er lispelte ein wenig, weil er das Sprechen mit dem Plastikgebiss samt Vampirzähnen im Mund nicht gewohnt war. Erin stellte das Glas ab, deutete dann auf sich, nur um abwechselnd ihre Handflächen vor sich zu drehen und dann mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf sich zu deuten und diesen zu drehen. Scott ließ getroffen die Schultern sinken und seufzte: „Und ich dachte, ich errette dich aus deiner Einsamkeit, holde Jungfer." Ganz und gar in die Rolle des Vampirs versunken, ergriff er Erins linke Hand und führte sie zu einem Kuss an seinen Mund. Erin lächelte – hätte gelacht, wenn sie dazu fähig gewesen wäre – und klopfte ihm tröstend auf den Oberarm, der in einem langen schwarzen Jackett steckte. Erst jetzt fiel Erin auf, dass er sich mit demselben roten Kajal eine dünne rote Linie vom Mundwinkel bis zum Kinn gemalt hatte, um eine schmale Blutspur anzudeuten. Scott war ein Mann mit einem Auge für Details. „Was schaust du so betrübt drein, Erin? Die Nacht ist noch jung!" Scott imitierte einen rumänischen Akzent so glaubwürdig, dass es Erin nicht mehr verwunderte, dass er neben Sport und Erdkunde auch Darstellendes Spiel unterrichtete. So vielseitig er auch war, wenn er etwas tat, dann mit Hingabe, soviel hatte Erin schon über ihn gelernt. Und so ließ er sich auch partout nicht davon einschüchtern, dass sie seinen Flirtversuchen mit höflicher Distanz begegnete. Erin mochte ihn. Sie mochte ihn sogar sehr. Vielleicht wollte sie sich gerade deshalb nicht auf etwas mit ihm einlassen, das die Grenzen einer platonischen Freundschaft überschritt. Es war bisher nicht gut gegangen und würde so schnell wohl auch nicht gut gehen. Nicht hier. Nicht in Gotham City. Nicht, solange ihre Vergangenheit ihre Gegenwart zu so großen Teilen beeinflusste und wie ein übermächtiger Schatten über sie ragte.
Erin deutete auf ihre Stirn, ließ die Hand dann zu ihrem Kinn wandern und führte die Zeigefinger beider Hände in einer drehenden Bewegung zueinander. „Kopfweh?", riet Scott mehr als er verstand und Erin nickte leicht. Scott zupfte abermals an ihrem Zopf und merkte an: „Du siehst auch ziemlich müde aus. Ich glaube aber auch nicht, dass die Zwerge lange durchhalten werden. Das sind sie nicht gewöhnt und sicher auch sehr bald müde. Außerdem müssen wir hier nicht alle die Stellung halten. Wenn du dich nicht wohlfühlst, gibst du Pat Bescheid und legst dich hin!" Erin schüttelte den Kopf, doch Scott ließ nicht locker: „Nichts da, du machst das so, verstanden?" Die kleine blonde Frau imitierte einen Soldatengruß, der Scott schon wieder zum Lachen brachte und die Ernsthaftigkeit aus seinem jungen Gesicht verschwinden ließ. Obwohl er bereits Mitte Dreißig war, sah er in manchen Situationen fast jungenhaft aus. Als er sich Erin vor einem halben Jahr vorgestellt hatte, war sie fest der Meinung gewesen, er wäre jünger und nicht sechs Jahre älter als sie gewesen. „Ist faszinierend, wie leicht Kinder zu begeistern sind, findest du nicht auch?", fragte er mit vor der Brust verschränkten Armen und schaute wie Erin in die größtenteils fröhliche Menge. Nur hier und da wollte die gruselige Atmosphäre nicht gänzlich behagen. Dass auch Alex teilnahmslos in einer Ecke des Zimmers stand und die gute Laune der anderen mit Missfallen beobachtete, wunderte Erin nicht im Geringsten. Wenngleich sie ihm eine Affinität zu dieser dämonischen Stimmung, wie sie bei der Feier vorherrschte, durchaus zugetraut hatte, schien er es sich nicht eingestehen zu wollen, wie die anderen Kinder Spaß zu haben. Nicht, solange es jemand sehen konnte.
Erin stupste Scott sacht an und hielt ihm ihr Glas hin. Dann schob sie den Daumen der rechten Hand zwischen Zeige- und Mittelfinger und drehte die zur Faust geballte Hand mehrmals hin und her. „Oh, na klar", lächelte Scott und rutschte ein wenig zur Seite, damit Erin problemlos passieren konnte. „Aber stiehl dich hier nicht davon und lass mich mit all diesen kleinen Monstern hier alleine!", rief er ihr hinterher und als Erin auf dem Weg zur Toilette noch einmal über die Schulter zurückschaute, war Scott bereits umzingelt von einer Horde Kinder – von den kleinsten natürlich, die nicht viel älter als sieben oder acht Jahre alt waren. Sie schmunzelte in sich hinein. Scott war ein Kindermagnet und hatte eine ganz besondere Ausstrahlung, die ihn zu einem guten und beliebten Lehrer machte. Erin fragte sich, warum er selbst nicht längst schon Frau und Kinder hatte und stellte fest, dass sie eigentlich kaum etwas von Scotts Privatleben in Erfahrung gebracht hatte. Und dennoch hatte sie bei ihm sofort das Gefühl von Vertrautheit empfunden, eine Sympathie, die nicht auf die Kenntnis von Fakten oder der Geschichte des anderen basierte, sondern auf reine Chemie. Scott war ihr fremd und zugleich vertraut, und Erins Bauchgefühl sagte ihr, dass es ihm mit ihr ähnlich ergehen musste. Wie oft hatte er ihr indirekte Fragen über ihre Kindheit gestellt, und wie oft war Erin mehr oder weniger geschickt ausgewichen? Es hatte nur begrenzt damit zu tun, dass sie Scott einfach noch nicht lange und gut genug kannte. Vielmehr war sie selbst noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem sie aus sicherer Distanz zurückblicken und von dem Vergangenen erzählen konnte, ohne alte Wunden und fast verheilte Narben aufzureißen.
Erin trat hinaus in den nur schummrig beleuchteten Flur, der bedeutend kühler war als der Aufenthaltsraum, in dem die große Halloweenparty im Gange war. Erin begrüßte die frische, kühle Luft, die ihr entgegen schlug und nicht nach Marshmallows oder anderem Süßkram roch und schaute dem Hausmeister Turner etwas überrascht dabei zu, wie er Ausbesserungsarbeiten am Geländer ausführte. Erin hielt inne, sodass sich der ältere Herr zu ihr umwandte und ihr freundlich zuwinkte: „Hallo Erin! Na, genug gegruselt für heute Abend?" Sie lächelte. Mister Turner war das männliche Pendant zu Nell – einfach eine Seele von einem Menschen. Auch wenn sie mit allen recht gut klarkam, war Nell doch so etwas wie ihre Ziehmutter und beste Freundin zugleich geworden, auch wenn sie kaum mehr über sie wusste als alle anderen. Und Turner, nun, zu dem hegte sie zwar keine ganz so vertraute Beziehung, aber er hatte etwas Großväterliches an sich, das Erin gefiel. Sie winkte nur ab und verdrehte müde die Augen, was ihn zum Lachen brachte: „Verstehe, ich verpasse also nichts!" Erin verweilte noch an Ort und Stelle und deutete auf ihre feingliedrige Uhr, die um ihr schmales Handgelenk lag, ehe sie auf das Zimmer deutete, das sie soeben verlassen hatte. Turner lachte und schüttelte seinerseits den Kopf: „Nein, lass nur! Für sowas bin ich zu alt! Ich nutze die Zeit, die die Kinder noch wach zubringen und mache dann Feierabend bei einem Bier und der Aufzeichnung des Red Sox Spiels." Erin, die nicht viel von Baseball verstand, formte mit ihren Fingern wieder erst ein O und dann ein K, ehe sie ihren Weg in Richtung Toilette fortsetzte. Auch den sanitären Einrichtungen in Le Gardien hätte eine Renovierung nicht geschadet, aber wie sooft behinderten die mangelhaften finanziellen Mittel jeden Versuch von Erneuerung. Erin wusch sich die Hände und benetzte auch ihr Gesicht mit kaltem Wasser, betrachtete sich daraufhin im Spiegel. Scott hatte Recht gehabt, sie sah wirklich fertig aus und gab recht unfreiwillig einen prima Zombie für die Halloweenparty ab. Erschöpft strich sie sich über den schmerzhaft verspannten Nacken und ließ sich Scotts Vorschlag durch den Kopf gehen, sich für heute doch abzumelden. Gerade weil morgen ein unterrichtsfreier Tag war, bestand auch für Erin die Möglichkeit, sich ausschlafen zu können. Zwei, drei Stunden mehr bewirkten oft Wunder. Erin drehte den stark verkalkten Wasserhahn zu, der daraufhin ein gutturales Blubbern von sich gab, ehe er unter regem Tröpfeln verstummte.
Sie richtete ihr blondes Haar und begab sich anschließend wieder hinaus auf den Flur. Der Wind draußen hatte an Heftigkeit zugenommen und schien Spaß daran zu finden, heulend um die Ecken zu ziehen, um den Eindruck von der Nacht der Geister perfekt zu machen. Die einzigen Geister, die Erin jedoch beschäftigten, waren die müden in ihr selbst. Sie durchquerte den Flur und traf auf halbem Wege Nell und Olivia, die eine Horde Kinder an den Händen hielten. „Die ersten Veteranen werden müde", schmunzelte Nell amüsiert, während Olivia, deren langes schwarzes Haar zu einem dicken Zopf verflochten worden war, der ihr weit über die Schulterblätter reichte, müde lächelte. Erin mochte in ihrer Einschätzung falsch liegen, aber sie hatte bei Olivia stets das Gefühl, dass sie nicht hundertprozentig damit einverstanden war, dass Erin Unterricht leiten konnte. Als Erin gemeinsam mit den Kindern Anfang September das Waisenhaus in ein herbstliches Ambiente umdekorieren durfte, war Olivia jedenfalls nicht begeistert gewesen. Sie hatte nichts gesagt, aber Blicke sprachen von Zeit zu Zeit bekanntlich auch Bände. Hinzukam, dass sie wesentlich mehr Interesse für Scott zu hegen schien als Erin, dieser aber Letzterer weitaus mehr Beachtung schenkte. Erin mied daher jede direkte Konfrontation mit der nur unwesentlich älteren Frau und schenkte auch jetzt den Kindern größere Aufmerksamkeit. Es waren einmal mehr fast nur die Jüngsten, die die Müdigkeit überwältigt hatte, abgesehen von Alex, der stumm und mit diesem glasigen Blick in den hellen Augen hinter Nell stand. Auf Erin wirkte er nicht sonderlich müde, sodass sie sich fragte, ob er wieder irgendwelchen Unfug geplant hatte, um die anderen Kinder in ihrer Nachtruhe zu stören. Doch Nell, die wusste, wie sie mit Alex und Störenfrieden wie ihm umzugehen hatte, schien keinen Verdacht zu hegen. Oder wenn sie es tat, zeigte sie es Erin nicht. Erin legte die rechte Hand an ihren Mund und ließ sie dann auf der vor ihrer Brust ausgestreckten linken Hand sinken, ehe sie den linken Arm horizontal vor sich hielt und mit der rechten Hand den linken Arm in einer wiegenden Bewegung kreuzte.
„Dir auch eine gute Nacht, Erin!", strahlte die kleine Samantha, die noch in ihrem kleinen Feenkostüm steckte, das über und über mit Glitter besetzt war. Wenn man den Glitterspuren folgte, wusste man sofort, wo Samantha überall gewesen war. Erin hatte sogar Spuren von dem Glitzerzeug im Wackelpudding entdeckt. Jetzt erwiderte die Kleine sogar Erins Geste und war unglaublich stolz darauf, sie sich eingeprägt zu haben. Jede Nacht, wenn Erin einen Teil der Kinder zu Bett brachte, wünschte sie ihnen natürlich auf ihre und die einzige ihr mögliche Art und Weise eine gute Nacht. „Bis gleich!", lächelte Nell und setzte ihren Weg mit den Kindern und Olivia fort. Erin schaute der kleinen Gruppe kurz hinterher, ehe sie den sanften Druckwellen folgte, die die laut aufgedrehte Musik über den Fußboden aussandte. Ihr war es ein Rätsel, wie es Matthew gelungen war, tatsächlich eine Metallicaplatte unter die Partymusik zu schmuggeln. Mit einem Grinsen auf den Lippen hörte Erin, wie James Hetfield wahrscheinlich durch Patricias Eingreifen vorzeitig zum Schweigen gebracht wurde und stattdessen kindgerechtere Töne angeschlagen wurden. Einige orangefarbene und violette Luftballons waren in ihrer tranceartigen Trägheit auf den Flur geschwebt und tanzten dort geisterhaft wie Quallen auf und ab. Turner war immer noch mit dem Geländer beschäftigt und kaum hatte Erin den Treppenaufgang passiert, stürzte ihr ihre Kollegin Anna mit einem Kind im Arm entgegen, das es nicht mehr ganz auf die Toilette schaffte, um sich zu übergeben. Spencer, mit seinen dreizehn Jahren eines der älteren Semester in Le Gardien, sank auf seine Knie und erbrach sich in einem gelblich-orangefarbenen Schwall aus Speise- und Bowleresten auf den Korridor.
„Ach so ein Mist aber auch! Er scheint alles durcheinander gegessen zu haben und jetzt haben wir den...", Spencer würgte noch einmal eine ordentliche Ladung Erbrochenes hervor, das nach seinem Geruch zu urteilen keine Halloweenattrappe war, „...Salat...", stöhnte Anna, deren Brille sich entweder in ihren dunkelblonden Locken verfing oder gern einmal von ihrer Nase hinabrutschte. Erin legte die Hand auf Annas Schulter, um ihr so zu versichern, dass sie ihr helfen würde, ehe sie in den Aufenthaltsraum zurückeilte, um einen Eimer und einen Wischlappen zu holen. Hektisch bekam sie beides zu fassen, zog Matt an seinem langen, fransigen Gespensterärmel mit sich, der wenig begeistert darüber war, was er auf dem Flur erblicken musste. „Spencer, was zum...", er verzog den Mund und hielt ihm den Eimer unter den Mund, während Erin ihm den Mund abwischte. „Was für eine Sauerei!", kommentierte er, was weder Anna noch Erin besonders komisch fanden. „Er muss irgendetwas nicht vertragen haben", kam es Anna in den Sinn, worauf Matt in einer für ihn typischen Art und Weise eine ironische Antwort parat hatte: „Was du nicht sagst, darauf wäre ich ohne deine erklärenden Worte gar nicht gekommen." Anna, die eher eine schüchterne Natur war, begnügte sich damit, Matthew den Mittelfinger zu zeigen und an ihre jüngere Kollegin gewandt zu sagen: „Nicht, dass irgendetwas von den Speisen schlecht oder unverträglich war. Kannst du dafür sorgen, dass sich keiner mehr bedient? Ich kann darauf verzichten, dass das gesamte Heim morgen mit Magen-Darm-Grippe flachliegt!"
Erin nickte, tupfte mit einem frischen Taschentuch den kalten Schweiß von Spencers aschfahler Stirn und machte sich gerade daran, aufzustehen, als es an der Tür läutete. Der Gong, der in drei Intervalle aufgeteilt war und von Schlag zu Schlag tiefer wurde, übertönte sogar die laut dröhnende Musik aus dem Gemeinschaftsraum und hallte zitternd an den hohen, mit dunklem Holz verkleideten Deckenbögen wider. Es war wie ein Mitternachtsschlag, der völlig unerwartet eine trügerische Stille durchbrach. „Wer ist das denn jetzt? Erwarten wir Besuch?", fragte Anna, der es anzusehen war, dass sie mit vielen Dingen klarkam, aber nicht mit dem Anblick von halb verdauten Kürbisstückchen. „Vielleicht ein paar Kinder, die nach Süßigkeiten betteln", tippte der Hausmeister, der beschwichtigend die Hand hob: „Keine Sorge, ich kümmere mich darum. Irgendwo hatte ich doch den Beutel mit Süßkram...", er richtete sich ächzend auf und schlurfte in Richtung Tür, als es abermals läutete. Erin wollte ihrer Aufgabe nachgehen und das Buffet für beendet erklären, aber sie konnte sich partout nicht in Bewegung setzen. Es war als wäre ihr ganzer Körper mit einem Mal aus Blei gegossen worden, das es ihr unmöglich machte, sich vom Fleck zu rühren.
Gebannt schaute sie Mister Turner dabei zu, wie er sich mit seinem leicht hinkenden Schritt in Richtung Tür bewegte. Kinder, die nach Süßigkeiten bettelten? Und das kurz vor elf Uhr abends? Entweder sie hatten sehr sorglose Eltern oder es handelte sich nicht um Kinder, die da vor der Tür standen, sondern um jemand anderes. „Ist ja gut, ich bin ja schon da!", rief Turner, als es ein drittes Mal klingelte – diesmal ungeduldiger als zuvor. „Erin, worauf wartest du denn noch?", fragte Anna deutlich gereizt. Spencer hing wie ein Schluck Wasser in der Kurve in ihren Armen und kehrte sein Innerstes nach wie vor nach außen. Als sich Erin schon fast in Bewegung setzen wollte, warf sie noch einen Blick über die Schulter und sah mit an, wie Mister Turner die Haustür unter ihrem üblichen Ächzen und Knarren öffnete.
Was dahinter lauerte, wäre für sie selbst unaussprechlich gewesen, wenn sie des Sprechens fähig gewesen wäre. Eine Horde maskierter und schwerbewaffneter Männer stand da vor den Pforten Le Gardiens, an deren Spitze ein hoch gewachsener Mann stand, dessen Anblick sich in den letzten Tagen sehr ausführlich in Erins Gedächtnis eingebrannt hatte. Wenngleich sie sein Ebenbild bislang nur auf Papier gesehen hatte, erkannte sie ihn sofort. Wie konnte man schon die weiße Schminke, den grauenhaft verzerrten und übertrieben rot übermalten Mund und die Totenkopfaugen vergessen? Obgleich sie ihren Augen nicht trauen wollte, wusste sie, dass sie nicht wieder nur einen schlimmen Alptraum hatte, dass es real war, dass die Kälte, die Besitz von ihrem Körper und ihrem Blutkreislauf ergriff, genauso real war wie der Joker, der direkt vor Turner stand und mit einer Stimme, die durch Mark und Bein ging, die surrealsten Worte über die rot geschminkten Lippen brachte, die man sich in dieser Situation vorstellen könnte. „Süßes oder Saures!?", verkündete er mit einem humorlosen Lächeln und ehe Turner die Chance hatte, auch nur in irgendeiner Form zu reagieren oder seinem sichtlichen Entsetzen Ausdruck zu verleihen, hatte der Joker den Abzug seiner vollautomatischen Schusswaffe betätigt und Turner mehrere Kugeln verpasst. Wie in Zeitlupe sackte dieser in sich zusammen und blieb vor der Tür regungslos liegen. „Saures, nehme ich dann mal an...", plapperte der einzige der unwillkommenen Besucher, dessen Maske nur aus einer dünnen Schicht Farbe bestand, und versetzte Turners leblosem Körper einen Tritt in die Rippen, sodass er träge zur Seite rollte und seine Arme schlaff über seine Seiten fielen. Dann geschah alles sehr schnell, wenngleich Erin es wie im Zeitraffer wahrnahm. Seitlich hinter Erin ertönte ein spitzer, hysterischer Schrei aus Annas Kehle und Matthew stieß vor lauter Schreck Spencers Eimer um, dessen Inhalt sich mit einem ekelerregend feuchten Platschen auf dem Treppenabsatz ergoss.
Geistesgegenwärtig packte Matthew den Jungen und zerrte ihn mit sich, Anna erwachte erst aus ihrer Trance, als der Joker die Waffe auf sie richtete und einen Schuss abfeuerte, der ihren Fuß nur knapp verfehlte und dünne Schwaden von Holzstaub aus dem Einschussloch aufsteigen ließ. Anna stolperte über ihre eigenen Füße und schlug der Länge nach hin. Erin duckte sich ab, um Anna aufzuhelfen und entging damit der Vollstreckung ihres eigenen Todesurteils, als sie – wenn auch unwissentlich – einer Schar Kugeln auswich, die mit Sicherheit ihr Gesicht in ein Sieb verwandelt hätte. „Lauf! Die Kinder!", schrie Anna und schüttelte Erins Hand ab. Erin zögerte noch einen Moment, ehe Anna sie heftig von sich stieß und ihr Blick auf den Treppenboden gelenkt wurde. Der Joker, dessen lilafarbener Mantel durch den böigen Herbstwind, der der Einladung der offenen Tür gefolgt war, hektisch hinter jedem seiner Schritte aufflatterte, hatte bereits die ersten Treppenstufen erreicht und den Kopf auf eine komische Art und Weise schief gelegt. Sein Blick war undeutbar, leer und kalt, sodass Erin nicht anders konnte als ihn anzustarren und reglos dazustehen wie das Kaninchen vor der Schlange. „Mach schon, lauf!", schrie Anna und rappelte sich mühsam auf, ehe sie Erin einen heftigen Stoß verpasste, damit sie aus ihrer Lethargie erwachte. Es fruchtete. Erin rannte als hinge ihr Leben davon ab und wahrscheinlich war genau das auch der Fall. Schüsse ertönten hinter ihr und sie stürzte fast, als sie in ihrer orientierungslosen Hast auf einen der Luftballons trat und dieser mit einem schallenden Knall zerplatzte. Atemlos schob sie sich in die Tür zum Aufenthaltsraum, in dem die Musik so laut spielte, dass Erin im ersten Moment nicht wusste, ob all ihre Kollegen und die Kinder überhaupt wussten, in welcher Gefahr sie schwebten. Und Erin konnte nichts tun, konnte nicht rufen, konnte nicht schreien, um sie zu alarmieren. Sie schob die Kinder, die sie zu fassen bekam, weiter in den hinteren Teil des Raumes, drängte und schubste sie unter die Tische und in die verborgenen Winkel des Zimmers. Wie im Rauschzustand und ohne auf die fragenden Blicke oder überraschten Ausrufe der Kinder einzugehen, tat Erin mit wachsender Verzweiflung ihr Bestes, um die Kinder aus der Schusslinie zu bringen. Scott bekam sie am Ellbogen zu fassen, worauf sie sich so heftig umwandte, dass sie ihn beinahe niedergeschlagen hätte. „Erin...Erin! Was zum Teufel ist denn los?", er versuchte sie dazu zu bringen, ihn anzusehen, aber aus ihrem Blick sprach reine Panik, nichts als nackte Angst. „Erin?!", er schrie sie fast an, doch sie stieß ihn unsanft von sich und deutete kurz zur Tür, formte mit der rechten Hand eine Pistole und mit dem Mund Turners Namen. Entweder verstand Scott sie nicht oder er war zu schockiert, um irgendwie darauf zu reagieren. „Was zum...?", begann er verwirrt, doch konnte seine Gedanken nicht zu Ende ausführen, als ein Schuss ertönte, der die Stereoanlage verstummen ließ, einige der Kinder daraufhin laut zu kreischen begannen und vor lauter Angst achtlos Gläser und Teller fallen ließen.
Scott und Patricia drehten sich zugleich um, während Erin damit beschäftigt war, die Kinder, die nun wie panisches Wild durcheinander liefen, davon abzuhalten, in die falsche Richtung zu laufen. „Oh wie schön, hier wird Halloween noch richtig emotional gefeiert, wie ich sehe!", ertönte die gleiche Stimme wie unten im Vorzimmer. Dunkel, tief und irgendwie verstörend verschroben. Erin drehte sich um und konnte nur hilflos dabei zusehen, wie die maskierten Gefolgsleute des Jokers in das Zimmer strömten wie eine Schar wilder Hornissen, in deren Nest man zu hineinzustechen gewagt hatte. Die Plastikmasken mit den grotesken Clownsfratzen verhüllten alles Menschliche, das einem Gesicht zuteil werden konnte, und brachten die ersten Kinder dazu, in Tränen auszubrechen. „Emotional in der Tat, ja, ja", murmelte er und verzog den Mund zu einem hässlichen Grinsen. Erst jetzt sah Erin, dass der Joker Anna in seiner Gewalt hatte und eine zehn Zentimeter lange Klinge in ihre Wange presste. Sie wimmerte unverständliche Gnadengesuche, doch Erin konnte sich denken, dass sie damit beim Joker auf taube Ohren stieß. Scott unternahm einen Versuch, nach vorn zu preschen, doch ein stämmiger Clown mit blauer Maske bekam ihn am Kragen zu fassen und drückte ihm den Lauf einer Pistole in den Nacken.
„Bitte...um Gottes Willen, hier hat Ihnen niemand irgendetwas getan!", unternahm Pat trotz sichtlicher Angst den Versuch, die eingefallene Bedrohung diplomatisch abzuwenden. „Gottes Wille ist bekanntlich nicht ergründbar, Schätzchen. Das macht ihn so…sympathisch", konterte der Joker gedehnt und leckte sich hektisch über die Lippen, während er Anna fester an seine Brust drückte und mit dem Messer ihren Kopf weit in ihren Nacken zwang. „Was willst du?", brachte Scott gepresst hervor. Der Druck, den der Clown mit dem Pistolenlauf auf seinen Nacken ausübte, musste überaus schmerzhaft sein. „Ich? Was jeder an Halloween so will. Süßes abstauben...", er tupfte einen behandschuhten Finger in die Götterspeise, um ihn abzulecken und daraufhin eine angeekelte Grimasse zu ziehen, „...und an euerer netten kleinen Kostümparty teilnehmen. Ich hab mich extra ins Zeug gelegt für euch", fuhr er fort, richtete mit der freien Hand den Kragen seines Mantels und wandte sich dann Anna zu, die nur noch schluchzte und keine einzige Silbe mehr formen konnte. „Hab ich doch, oder? Bin ich salonfähig genug? Was meinst du? Hm?", er verdrehte Annas Kopf gewaltvoll, dass Erin meinte, er würde ihr in jedem Moment das Genick brechen. „Aber du...duuuu bist ja gar nicht verkleidet, nein, nein, nein, das ist ja langweilig!", er rümpfte die Nase und beugte sich so weit über Anna, dass sich ihre Nasen beinahe berührten. Annas dunkle Augen waren weit aufgerissen, Tränen perlten wie Tautropfen von ihren langen, geschwungenen Wimpern und fanden vereinzelt ihren Weg auf ihre Wangen. „Ist es zu viel verlangt, sich wenigstens an einem Tag im Jahr ein bisschen...Farbe ins Gesicht zu zaubern? Hm?", er drängte ihr Kinn mit der Messerspitze so weit nach oben, dass Erin deutlich sehen konnte, wie schwer sie schluckte. „Aber dem kann man ja Abhilfe schaffen, oder?", der Joker, der mit seinem exotisch gefärbten Mantel papageienhaft aussah, aber dessen harmloser Anblick täuschte, nickte hastig so als wollte er einer nicht erfolgten Äußerung Annas zustimmen.
„Lass mal sehen, wir finden für dich schon was...ich denke...", er ratzte mit der Spitze der Klinge sacht über ihre Wange ohne sie zu schneiden, doch das bloße Geräusch des blanken Metalls auf Annas Haut ließ eine Gänsehaut auf Erins Armen und Nacken erblühen. Sie spürte, wie sich die kleine Rhonda an ihre Seite presste und ihr Gesicht in ihrem weißen Pullover vergrub, konnte aber nicht darauf reagieren, war zu gelähmt von dem entsetzlichen Schauspiel, das sich ihr bot. „Ich denke, Rot würde dir sehr gut stehen!", wieder nickte er und fuhr mit der Zunge über die Unterlippe, die merkwürdig deformiert aussah. Erin hatte zuerst geglaubt, er hätte die Farbe nur so übertrieben aufgetragen, aber jetzt wurde ihr klar, dass das satte Scharlachrot eine keilförmige Narbe bedeckte, die unterhalb seiner Unterlippe verlief. „Bitte...bitte nicht!", brachte Anna irgendwie zustande, und mehr und mehr Tränen schossen über ihre Wangen. „Bitte was nicht? Du musst dich schon klarer ausdrücken!", forderte er und schenkte ihr das wohl kälteste Lächeln, das Erin je zu Gesicht bekommen hatte. Erin schob Rhonda sanft aber bestimmt hinter sich. Sie ahnte, dass sie das, was als nächstes passieren würde, nicht für Kinderaugen bestimmt war.
„Bitte...bitte tun Sie mir nicht weh...", Annas Stimme war nicht mehr als ein jämmerliches, heiseres Wimmern, das an ein kleines Kätzchen erinnerte, das im Begriff war, ertränkt zu werden, seine fatale Situation erkannt hatte und nur einen letzten Versuch des Aufbegehrens startete. „Wehtun? Nananana...", er umfasste ihr Kinn fester, als sie sich wegducken wollte, und flüsterte ihr dann nur noch etwas zu. In der angespannten Stille, die nur ab und an vom furchtsamen Schluchzen der Kinder durchbrochen wurde, waren seine Worte, die in einer unheilvollen Melodie gesprochen wurden, dennoch deutlich hörbar: „Weißt du, Schmerzen werden immer als etwas sooo Übles verschrien...", begann er und legte den Kopf schief. Das fettige, krause Haar fiel auf seine linke Schulter, während er Anna von oben herab anstarrte, mit seinen leeren Augen taxierte als ob sie seine Beute wäre. Und niemand konnte etwas unternehmen, alle waren in der Gewalt der Clowns. Wenn sich einige der maskierten Eindringlinge keines Opfers bemächtigt hatten, so hielten sie die übrigen Kinder und Angestellten mit ihren Waffen in Schach. Jede noch so kleine Bewegung konnte tödlich sein. „...dabei ist es der Schmerz, der uns das Leben würdigen lässt!", fuhr der Joker fort und leckte sich die Lefzen wie ein hungriger Kampfhund, „Siehst du, solange wir Schmerz empfinden können, sind wir noch am Leben...", er zog die Unterlippe in den Mund und hob die schwarz beschmierten Brauen, „und am Leben zu sein ist dir doch sicher lieber als zu sterben, hm? Hm?", er drückte die Klinge mit ihrer flachen Seite tiefer in ihre Wange. Anna flüsterte ein zittriges: „Bitte", ehe der Joker mit einer Bewegung, die unerwartet auf morbide Art elegant war und an den Pinselstrich eines Künstlers erinnerte, das Messer auf ihrem Gesicht niederfahren ließ. Patricia konnte einen gequälten Aufschrei nicht unterdrücken und auch Scott musste den Blick abwenden, weil er es nicht ertragen konnte, wie der Joker mit einer beängstigenden Routine Annas Gesicht als Schnitzmaterial missbrauchte. Die Laute, die ihrer Kehle entwichen, waren verstörend und als das Blut nur so über Annas Wangen sickerte, auf denen zuvor Tränenspuren im hektisch flackernden Kerzenlicht geglitzert hatten, musste Erin nach Luft schnappen, um die in ihr aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken.
„Du...du gottloses Monster!", flüsterte Scott mehr mit zittriger Stimme als dass er es wirklich sagte. Der Joker fuhr unbeeindruckt mit seinem Werk fort, selbst ein Großteil seiner eigenen Leute musste den Blick vor dem, was er tat, abwenden. Als er von Anna abließ und diese nur noch ein schluchzendes, blutüberströmtes Häufchen Elend war, das in der Sekunde auf ihre Knie zusammensackte, als er sie aus seinem festen Griff entließ, musste sich Erin an der Tischkante hinter sich festhalten, um nicht dem übermächtigen Übelkeits- und Schwindelgefühl nachzugeben und ohnmächtig zu werden. Was genau er auf Annas Wangen hinterlassen hatte, war bei der übermäßigen Blutmenge unmöglich auszumachen.
„So...", begann er in geschäftsmäßigem Tonfall und wischte Annas Blut mit einer der mit Kürbissen bedruckten Servietten ab, die auf den Tischen verteilt lagen. „Was haben wir denn heute im Angebot? Mein Handwerk macht mich immer mordshungrig." Er leckte sich die Lippen und bahnte sich mit schwingenden Schritten seinen Weg durch den Raum. Die Kinder, deren vor Fassungslosigkeit geweiteten Augen auf Anna gerichtet waren, die zusammengekrümmt auf dem Boden lag und vor Schmerzen erschütternde Laute von sich gab, krochen angsterfüllt aus seinem Weg. Erin konnte sich nicht bewegen. Sie war gelähmt vor Schock und hätte nicht einmal ausweichen können, wenn sie die Chance dazu gehabt hätte. So stapfte der Joker vor sich hinsummend auf sie zu und gesellte sich direkt neben sie, um sich am Buffet zu bedienen. Erin stand starr da und hielt den Blick gesenkt, konnte den Anblick dieser irren Fratze nicht ertragen. Allein sein Geruch war betäubend und einschüchternd. Es war eine Mixtur von Bezingestank, Feuer und Schwefel, die sein teuflisches Aftershave bildete. Er griff sich vom Buffet so ziemlich alles, was er erreichen konnte und kaute unverhohlen schmatzend, sodass Erins Magen endgültig zu rebellieren drohte. Sie würde sich nicht erbrechen. Diesen Gefallen würde sie weder ihm noch seinen willenlosen Komplizen tun.
Sehr langsam drehte sie den Kopf noch weiter von ihm weg, als er mittlerweile so nah an sie herangetreten war, dass sie das Klirren des Geschirrs, das bei seinem hungrigen Raubzug wild aneinander schlug, beinahe direkt an ihrem Ohr wahrnehmen konnte. „Was wollen Sie? Das ist nur ein Waisenhaus, nichts, woraus Sie Profit schlagen könnten!?", fragte Patricia mit bemüht fester Stimme. Trotz dieser Extremsituation wahrte sie immer noch Ruhe und Höflichkeitsfloskeln. Erin fragte sich, wie sie das zustande brachte. Der Joker drehte sich neben ihr um, sodass der Ärmel seines Mantels kurz ihre Schulter streifte und Erin erschaudern ließ. „Oh, höflich ist das nicht, muss ich sagen...nein, nein, überhaupt nicht höflich!", er zerkaute einige der kleinen Hackfleischbällchen, die die Schüssel als panierte Augäpfel deklariert hatte. Im Zusammenhang zu dem gerade Gesehenen verlor diese Bezeichnung jegliches Humorvolle. „Höflich? Du sprichst von Höflichkeit?", entwich es Scott, dem man ansehen konnte, dass er selbst unter dem weißen Puder kreidebleich geworden war. Der Joker warf sein Messer von einer Hand in die andere und murmelte in gefährlich gepresstem Unterton: „Es ist nicht höflich, als Gastgeber so mit der Tür ins Haus zu fallen und zu fragen, was der Gast denn wünscht!" Scott starrte ihn fassungslos an und konnte sich nicht verkneifen: „Der Einzige, der mit der Tür ins Haus gefallen ist, bist du!"
Der Joker legte unbeeindruckt den Kopf schief und bewegte sich in Scotts Richtung, ehe er vor ihm in die Hocke ging und ihn musterte. „Das ist nicht ganz korrekt", er artikulierte jede Silbe des letzten Wortes mit solch einer Präzision, dass sich Erin die Nackenhaare aufstellten, obwohl sie aus dieser Perspektive nur seine Rückseite und nicht mehr dieses grässliche Gesicht zu sehen bekam, „Der Einzige, der irgendwie gefallen ist – und das auf eine sehr unelegante Art und Weise, wenn ich das anmerken darf – war der dicke Hausmeister!" Er schnalzte mit der Zunge und Erin konnte von Scotts Gesicht ablesen, wie angewidert und entsetzt Scott von der Kaltblütigkeit dieses Clowns war. ‚Bitte, lass ihn nicht das nächste Opfer sein!', schoss es Erin durch den Kopf. Im selben Moment ertönte ein gellender Schrei auf dem Flur. Nell und Olivia mussten von den Schlafzimmern der Kinder zurückgekehrt sein und die Leiche Turners entdeckt haben. Mit einer einfachen Kopfbewegung trieb der Joker zwei seiner Männer dazu an, die beiden Frauen in Gewahrsam zu nehmen. Erins Hoffnungen auf Rettung zerstoben. Jetzt war im ganzen Haus keiner mehr, der Hilfe hätte holen können. Wo Matt mit Spencer steckte, wusste Erin nicht, aber sie hoffte, dass die beiden wenigstens in Sicherheit waren, ganz zu schweigen von den Kindern, die bereits schliefen. Der Joker erhob sich langsam, was seine Knie mit einem dumpfen Knacken beantworteten. Seufzend streckte er sich und schwenkte dabei unbedacht die Schusswaffe, die er vor Scott gezogen hatte, in die Runde.
„Ich hasse den gemeinen Clown! Mach, dass er weg geht!", quengelte Rhonda an Erins Seite und erregte somit mehr Aufmerksamkeit beim Joker als seine eigenen Männer, die Olivia und Nell im gleichen Moment ins Zimmer zerrten. Nell sah aus, als würde sie in jeder Sekunde zusammenbrechen. Olivia, die ihre Kollegin Anna zuerst erblickte, stieß hysterische Schreie aus, woraufhin sie von einem der Maskenträger mit einem einzelnen Schlag in den Nacken außer Gefecht gesetzt wurde und zu Boden ging. Der Teppich, der vom Blut der zusammenhangslos wimmernden Anna getränkt war, senkte sich unter Olivias Gewicht und trieb träge rinnende Blutrinnsale in ihre Richtung. Doch all dem schenkte der Joker keine Beachtung. Sein Blick aus schwarz ummalten Augen war auf Rhonda gerichtet, die ihre kleinen Finger wie Schraubstöcke um Erins Bein schloss und ihr hübsches Gesicht daran presste. „Du...äh...bist ganz schön frech, junge Dame!", sagte er nickend und richtete den langsam tadelnd vor- und zurückschwenkenden Zeigefinger auf das Kind. „Hau ab!", winselte Rhonda bockig und Erin fragte sich, woher sie diesen törichten Mut nahm, so vorlaut zu sein, nachdem sie zumindest mit angehört hatte, was Anna zugestoßen war. Der Joker leckte sich über die Lippen und lachte auf. Erin lief es eiskalt über den Rücken. „Dir muss ich wohl noch...Manieren...beibringen, hm?", er steckte die Schusswaffe einem seiner Clowns zu und zog wieder das gleiche Messer, mit dem er Anna entstellt hatte. Erin spürte, wie Rhonda sich fest an ihr Bein presste und bemerkte kurz darauf, dass sich das kleine Mädchen neben ihr einnässte.
Der stechende Geruch von Urin war so stark und penetrant, dass Erin gar nicht erst hinsehen musste, um es zu wissen. Der Joker verzog nur angewidert den Mund und kommentierte das Gesehene: „Pah! Da scheint jemand jegliche Körperkontrolle zu verlieren...ich mag das...äh...Unkontrollierte eigentlich sehr...aber in deinem Fall ist es alles andere als aromatisch!" Er zog den Zischlaut extrem in die Länge, während er weiterhin auf sie zuschritt. Er trat an Rhonda heran und fuchtelte mit dem Messer so lange vor ihrem Gesicht herum, bis sie in Tränen ausbrach. „Sieh mich an, du Göre!", zischte er und ignorierte Nell, die aus Leibeskräften schrie: „Aufhören! Aufhören!" In all der Zeit, in der Erin schon in Le Gardien war, hatte sie Nell noch nie so schreien hören. Noch nie so verzweifelt, so verängstigt. „Ich sagte, sieh mich an!", fuhr er das Kind an, ohne auf Nells Worte irgendwie zu reagieren. Erin wusste, dass er nicht davor zurückschrecken würde, einem Kind wehzutun und legte die linke, zitternde Hand vor Rhondas Gesicht. Es würde sie wahrscheinlich nicht beschützen, aber die Aufmerksamkeit des Jokers ablenken. So hoffte Erin zumindest.
„Sieh mal an...wir haben noch eine Mutige in diesen Reihen...", Erin starrte immer noch auf den Fußboden, konnte aber aus den Augenwinkeln heraus sehen, dass er sich langsam aufrichtete. Erin atmete hastig und spürte, wie sich ihr Magen krampfartig zusammenzog. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie so viel Angst verspürt wie jetzt, nicht einmal, als ihr eigener Vater die Hand gegen sie und ihre Mutter erhoben hatte. „Obwohl...sehr mutig siehst du nicht aus, Häschen, wenn ich das anmerken darf...", sagte er laut und Erin schaute sehr langsam zu ihm auf. Erst jetzt, aus nächster Nähe, bemerkte sie, dass nicht nur seine Unterlippe, sondern auch seine Wangen von schrecklichen Narben gezeichnet waren. Jemand hatte sich mit einem grotesken Lächeln auf seinem Gesicht verewigt. Jemand, der ihm in Wahnsinn in nichts nachzustehen schien. „Nanu? Mach ich dich sprachlos? Oder sind es die Narben?" Erin wich instinktiv zurück, als er einen Schritt auf sie zu machte, sodass sein warmer Atem ihre Stirn streifte. Er war bedeutend größer als sie, obwohl er eine leicht geduckte Haltung eingenommen hatte, um besser von ihrem Gesicht ablesen zu können. „Hey!", rief er bellend aus und packte Erins Kinn so fest, dass sie überrascht nach Luft schnappte. Obwohl er recht groß war, war er von eher normaler Statur. Nie und nimmer hätte sie ihm so viel Kraft zugetraut. „Du scheinst mir hier eine der Obermuttis zu sein, hm? Mit deinem...äh...Beschützerinstinkt. Reizend", er drückte seinen Daumen fest in ihre Wange, aber er verzichtete vorerst auf das Messer. Erin wich seinem Blick so gut es ihr möglich war aus. Diese dunklen Augen waren überaus beunruhigend und trotz ihrer Farbe alles andere als warm. Das tiefe Schwarz, das sie umgab, tat das Nötige dazu, um seine schauderhafte Erscheinung zu vervollkommnen.
„Du kannst mir dann doch auch sicher sagen, wo ich den werten Herrn Randall finde, nicht wahr?" Erin glaubte, er würde ihr mühelos den Kiefer brechen, wenn er noch fester zudrückte. Und trotzdem entging ihm keine Regung in ihrem Gesicht, das er eindringlich betrachtete. Er bemerkte, dass sie überrascht die Augen weitete, als Alex' Name fiel, wenngleich es nur für den Bruchteil einer Sekunde geschah. „Ah ja, du kennst ihn also...gut, gut, gut...schon mal nicht in der Adresse geirrt", er beugte sich so weit zu Erin vor, dass sie die Augen reflexartig schloss und fest zusammenpresste. Nur wenige Millimeter trennten sein Gesicht von ihrem, sein Atem schoss in gleichmäßigen Abständen auf ihre Wangen. „Hey...tu mir einen Gefallen und sieh mich an...hey!", er gab ihr nur einen kleinen Klaps auf die Wange, aber die geschlagene Stelle brannte wie Höllenfeuer und jagte Tränen als Antwort auf den plötzlichen Schmerz in Erins Augen. Sie war dankbar dafür, ihn nur verschwommen vor sich zu sehen, da die Tränen ihren Blick verschleierten. „Also...noch mal von vorn für die Langsamen unter uns...", er ließ die Zunge über seine Unterlippe streichen und zog diese dann ein, ehe er den Kopf leicht senkte und Erin mit hochgezogener Braue anstarrte, „...Wo ist der junge Mister Randall?" Erin zitterte. Wie sollte sie ihm begreiflich machen, dass sie ihm selbst nicht antworten konnte, wenn sie es gewollt hätte, was wiederum nicht der Fall war. So merkwürdig und unheimlich Alex in ihren Augen auch war, niemand hatte es verdient, diesem Ungeheuer ausgeliefert zu werden. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn kurz vor dem Einfall der Clowns auf dem Flur an Nells Seite gesehen hatte. Alles andere als müde und irgendwie abwesend. Konnte es möglich sein, dass er davon gewusst hatte, dass sie Le Gardien stürmen würden? Sollte das unheimliche Bild in seinen Materialien eine Warnung gewesen sein? Aber warum? Was hatte Alex damit zu tun?
„Ich wiederhole mich nur sehr ungern, musst du wissen, mein Häschen!", er ließ seine Finger beinahe sanft über ihre malträtierte Wange streichen und setzte hinzu, „Und wenn ich du wäre, würde ich jetzt parieren und damit herausrücken, wo der verdammte Drecksbengel ist!" Er biss die Zähne fest aufeinander und bleckte sie zu einem diabolischen Grinsen. Erin wollte sich aus seinem Griff befreien, doch da hatte er mit der anderen Hand, die auch das Messer trug, gewaltsam ihren Pferdeschwanz ergriffen und ihren Kopf ruppig nach hinten gezerrt. Er trat so nahe an sie heran, dass sie seinen Körper an ihrem spürte, während sich die Tischkante schmerzhaft in ihren Rücken bohrte. „Sie kann es dir nicht sagen, du verdammtes Monster! Sie ist stumm!!", schrie Scott aus Leibeskräften und erhielt dafür einen harten Schlag vonseiten seines Aufpassers in Clownsmaske. Immerhin ließ sein Ausruf den Joker innehalten. Er hielt Erin immer noch bezwingend fest, drehte sich aber um, nickte einem Clown zu und bekam ohne lange warten zu müssen seine Waffe zurück. Er fing sie auf und feuerte fast im selben Augenblick einen Schuss ab. Die Kugel zerschmetterte Scotts linkes Schultergelenk und ließ ihn unter Schmerzen aufschreien. Nell und Patricia schrien auf und Erin merkte, dass ihre Knie nachzugeben drohten. Die Kinder hielten sich weinend und schreiend die Augen zu, aber diese Geräuschkulisse erreichte Erin nur wie Stimmen aus einem schrecklichen Traum. Die Stimme des Jokers schien alles zu überdecken. „Entschuldigung, wie hast du mich genannt?", fragte er noch immer an Scott gerichtet. Seine Hand legte sich derweil um Erins Kehle und drückte zu, wann immer sie sich bewegte. „Monster...verdammtes...Monster!", keuchte Scott, der sich die blutüberströmte Schulter hielt und unmenschliche Schmerzen ausstehen musste. Der Joker legte den Kopf schief und betätigte abermals den Abzug. Die zweite Kugel traf Scotts linken Oberarm und zerfetzte seinen Bizeps. Er schrie nicht mehr, sondern stöhnte nur ohnmächtig. „Hast du noch weitere...äh...Kosenamen für mich übrig?", fragte er und ehe Scott irgendetwas Unvorsichtiges erwidern konnte, versuchte sich Erin von dem Joker loszureißen und zu Scott zu laufen, doch er riss ihren Kopf an ihrem Zopf zurück, dass Erin frische Tränen in die Augen schossen.
„Ah, ah, ah, ah...", säuselte er und schüttelte den Kopf, reichte seinem Komplizen die Waffe und widmete sich wieder Erin, „Mit dir bin ich noch nicht fertig...", er nahm das Messer in die rechte Hand und ließ es wie seine Finger zuvor über Erins Wange streifen. „Stumm also, hm? Weißt du, Häschen, du glaubst ja gar nicht, wie viele meiner...äh...Klienten so etwas schon behauptet haben. Und weißt du, wie ich herausfinde, ob sie die Wahrheit sagen oder besser nicht sagen? Hm?" Er grinste hässlich und malte mit der Messerspitze die geschwungene Form von Erins Lippen nach. Dann beugte er sich so nah zu ihr nach vorn, dass seine Lippen ihr Ohrläppchen streiften und sein Atem ihre Ohrmuschel kitzelte, „Ich bringe sie zum Schreien!", verriet er ihr flüsternd und löste sich wieder leicht von ihr. Erin starrte ihn benommen an. Er hatte Turner kaltblütig erschossen, hatte Annas Gesicht zerschnitten und Scotts linken Arm wie eine Zielscheibe zerschossen. Dieser Mann kannte keine Skrupel und er würde auch vor Erin nicht Halt machen. Sie hoffte in ihrer lähmenden Angst, die sie benommen zu ihm aufschauen ließ, dass er es schnell machen würde. Aber ein schneller Tod hatte etwas Gnädiges an sich, etwas Mitfühlendes, das sie bei diesem Wahnsinnigen umsonst suchen würde. Er teilte ihre Lippen grob mit der Schneide des Messers und brachte Erin somit dazu, den Mund zu öffnen. „Mal sehen...wenn du stumm bist, brauchst du ja auch keine Zunge mehr, hm?", er schob die Klinge geschickt unter ihre Zunge und starrte Erin forschend an. Sie atmete schwer, spürte, wie das Adrenalin auf seinen langen Bahnen durch ihren Körper schoss und ihr Herz fast zum Zerbersten laut schlagen ließ. „Shhh...", hauchte er ihr zu, aber Erins Körper gehorchte ihr nicht länger.
Sie zitterte am ganzen Leib und atmete keuchend aus, als er das Messer aus ihrem Mund zog und es stattdessen an ihr Ohr presste. „Oder wollen wir das Duo komplett machen und dich in ein taubstummes Häschen verwandeln?", er nahm ihr Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger und kniff es schmerzhaft zusammen, „Aber was wäre ein so hübsches Häschen wie du ohne seine Löffel, hm?", Erin wusste, dass er mit ihrer Angst spielte, dass er sie ins Unermessliche steigern wollte und sich daran ergötzte, wie sie litt. Es war krank. Schlicht und ergreifend krank. „Lass sie los! Oh Gott, sie hat dir doch nichts getan! Niemand hier hat dir irgendetwas getan!", schluchzte Nell, die Erin nicht sehen konnte, weil das Gesicht des Jokers ihr gesamtes Sichtfeld einnahm. Er ignorierte sie und konzentrierte sich einzig und allein auf Erin: „Andererseits hast du wirklich schöne Augen, ja, ja, wirklich schöne Augen...würdest du es mit übel nehmen, wenn ich mir eins als Souvenir mitnehmen würde?", er betrachtete Erin und schnalzte mit der Zunge, die er anschließend abermals rastlos über den Mund fahren ließ. Nell stieß einen entsetzten Schluchzer aus und das Weinen der Kinder wurde lauter. „Eines kannst du doch entbehren, oder?", zwinkerte der Joker und legte die Klinge an ihr linkes Auge, worauf sie das letzte bisschen Mut zusammenkratzte und ihre rechte Hand hob, sie schützend vor ihre Augen legte und im Stillen schon aufgegeben hatte, unversehrt aus der Geschichte herauszukommen.
Sie erwartete, dass sie in jedem Moment einen höllischen Schmerz in ihrem linken Auge spüren würde, ein unsägliches Brennen gefolgt von ewiger Dunkelheit auf der linken Seite ihrer Welt. Doch nichts geschah für quälend verrinnende Sekunden. Sehr langsam und zögerlich öffnete Erin ihre Augen und sah in dieses so schrecklich zugerichtete Gesicht, sah die dunkelbraunen, fast schwarzen Augen, die ihre Hand anstarrten und fast so etwas wie Überraschung bargen. Sofern der Joker zu einer Emotion wie dieser überhaupt fähig war. Er wandte seinen Blick von ihrer Hand ab, was ihm sichtlich schwerfiel, und starrte sie an. Die Hand, in der er das Messer hielt, zitterte leicht und rieb sich an Erins Augenlid. Sie begriff nicht auf Anhieb, was das plötzliche Zögern des Jokers verursacht hatte, war aber in jeder Hinsicht dankbar dafür. Ihr Herz raste immer noch viel zu schnell und pumpte das Blut so heftig durch ihre Venen, dass kleine schwarze Punkte vor Erins Augen erschienen, die Vorboten einer Ohnmacht, gegen die sie verzweifelt ankämpfte. Sie sah ihn an, sah in seine dunklen Augen, die mit weißer und roter Schminke bedeckte Haut, das fast schulterlange, krause, dunkelblonde Haar. Und Erin verstand. Ungeachtet der scharfen Klinge an ihrem Auge formten ihre Lippen einen Namen.
„Danny", malten sie stumm und sehr langsam und ihr Gegenüber starrte sie für den Bruchteil einer Sekunde mit so etwas wie Fassungslosigkeit an, ehe er sich schneller wieder im Griff hatte, als Erin hätte lieb sein können. Er holte mit seiner Rechten aus und stieß Erin so heftig den Ellbogen ins Gesicht, dass sie rücklings gegen den Tisch prallte, diesen umwarf, das Gleichgewicht verlor und mitsamt unzähliger Schüsseln und Teller hart auf dem Fußboden aufschlug. Die junge Frau schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, konnte durch die Nase keine Luft bekommen, weil das Blut nur so aus ihr heraussickerte. Eine schwere Schüssel war auf sie gefallen und auf ihrer Schulter zerschellt. Erin spürte, wie sich ein Meer aus mikroskopisch kleinen Scherben in ihren Nacken bohrte. Benommen drehte sie sich auf den Rücken, nahm alles nur wie durch dichten Nebel hindurch war. Wie gelähmt schaute sie an die Zimmerdecke und glaubte, die flackernden Lichter aus tiefem Rot und Blau, die in ungleichmäßiger Peripherie über die Zimmerdecke jagten, stammten von der Halloweenbeleuchtung. Der Joker trat an sich heran und nahm abermals ihr Sichtfeld ein. Erin verschluckte sich an den Unmengen von Blut, die von ihrer Nase hinab und in ihren Mund liefen, und drohte endgültig zu ersticken, als der Joker kraftvoll seinen Fuß auf ihre Brust stellte und auch noch sein Gewicht darauf verlagerte, als er sich zu ihr hinabbeugte. Erin röchelte, tastete mit zittrigen Händen nach seinem Fuß, um ihn von sich zu schieben, aber ihr fehlte die Kraft. Ihre rebellierenden Lungen forderten das letzte bisschen Stärke, das sie noch besaß, für sich ein. „Hör zu...", begann er flüsternd. Ob er flüsterte, wusste Erin nicht genau. Sie nahm alles nur verschwommen war, so auch seine tiefe, kehlige Stimme. Er legte die Hand um ihr Kinn und hielt ihr das Messer an die Kehle. „Es wird besser für dich sein, wenn du dich mir nicht in den Weg stellst...das...äh...könnte recht schmerzhafte Folgen für dich haben", er leckte sich hektisch über die Lippen, „Das verspreche ich dir...und Eines musst du wissen, Häschen...ich halte meine Versprechen, so wie du deinen hübschen Mund hältst..." Erin bekam keine Luft mehr. Ihr Kopf pochte von dem heftigen Aufprall, ihre Sinne schwanden von Sekunde zu Sekunde stärker, sodass sie nicht wusste, ob sie das alles wirklich erlebte oder träumte.
„Boss, die Bullen! Wir müssen abhauen!", zischte einer der maskierten Einbrecher, der Nell seine Waffe gegen die Schläfe drückte. Der Joker hob nur die rechte Hand und winkte in einer beschwichtigenden Geste ab, ohne sich umzudrehen. „Das solltest du dir merken...", flüsterte er Erin zu, ehe er sich erhob und gänzlich von ihr abließ. Erin hustete heftig, wollte sich zur Seite drehen, konnte es aber nicht. „Was wird jetzt mit Randall, Boss?", fragte einer der anderen Clowns wie von weit, weit weg. „Der läuft uns schon nicht weg...", hörte Erin den Joker noch sagen, „Danke für die Party...ich habe mich köstlich amüsiert...", hallte seine Stimme bis in ihr Unterbewusstsein wieder, wieder und wieder, bis Erin eine gnädige Dunkelheit umfing und ihre Schmerzen in ihrer Ohnmacht ertränkt wurden.
