A/N: Viel Spaß mit dem neuen Kapitel! Gedanken und Meinungen sind mehr als erwünscht!
Scar Tissue
5
Deus ex machina
Nichts ist so töricht
Wie die Hoffnung auf Rettung,
Wenn man allein ist.
„Geh ran, Barb...geh ran...um Himmels Willen, nimm den verfluchten Hörer ab!", der Polizeifunk dröhnte laut rauschend aus dem Autoradio vor ihm, über ihm heulte die Sirene ihr Lied in verstörender Kakophonie, das an den Alleen aus stählernen Hochhausriesen widerhallte. Commissioner Gordon hatte es sehr eilig um halb drei Uhr nachmittags an diesem trügerisch sonnigen Novembertag. Verdenken konnte es ihm niemand, hatte ein entflohener Psychopath schließlich vor einer halben Stunde angekündigt, seinem Zuhause einen Besuch abzustatten. Jim Gordon war weniger in Sorge um sein Hab und Gut, sondern um seine Frau Barbara, die mit der kleinsten und gleichnamigen Tochter nichtsahnend daheim warteten, bis der kleine James von der Schule kommen würde. Gordon verfluchte sich dafür, den Jungen bei sich untergebracht zu haben, aber wo wäre er sicherer gewesen? Er konnte ein Kind schließlich nicht einfach in die Arrestzelle des städtischen Polizeipräsidiums stecken, noch traute er jemand anderem ausreichend über den Weg, um die jüngste Zielscheibe des Jokers in andere Hände zu geben. Niemand außer ihm und seiner Familie hatte davon gewusst, nicht einmal seine engsten Vertrauten und Kollegen hatte er eingeweiht. „Scheiße!", fluchte Jim und drückte frustriert auf seinem Mobiltelefon herum. Der junge Officer Jack Treather, der den Streifenwagen fuhr und sich bemühte, sich trotz der Unruhe seines Vorgesetzten gänzlich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren, schaute kurz zum Commissioner, der bleich und zehn Jahre älter aussah als er wirklich war. Schatten verhüllten die Hälfte seines Gesichts, einzig der struppige, graubraune Schnurrbart, die Nase und die Brillengläser stachen aus der Dunkelheit heraus, die die Herbstsonne durch ihren flachen Einfallswinkel heraufbeschwor. „Können Sie niemanden erreichen?", wagte Treather unvorsichtig nachzufragen und kassierte dafür ein gereiztes: „Würde ich sonst ‚Scheiße' brüllen, Treather?" vonseiten des Polizeichefs, der sich nervös die Schläfen rieb und wenige Sekunden später ein leises ‚Entschuldigung' murmelte.
Seit dem Anruf des Jokers versuchte Jim, seine Familie zu kontaktieren, aber niemand nahm ab. Die verschiedensten Theorien jagten durch seinen Kopf, was das zu bedeuten hatte. Befanden sich Barbara und die Kinder nur in einem anderen Zimmer, in dem sie das Telefon nicht klingeln hörten? Möglicherweise, weil sie laut Musik hörten? Nein, Barb war kein Fan lauter Musik und ihrer eigenen Tochter würde sie es erstrecht nicht freiwillig gestatten, Musik zu einem unerträglichen Pegel aufzudrehen. Jim fragte sich insgeheim, wie lange sich sein Töchterchen das gefallen lassen würde. In vier, fünf Jahren würde es ihrer Mutter sicher schwerer fallen, Verbote durchzusetzen. Sofern sie das noch erleben würde.
„Oh Gott...", stöhnte der Commissioner gequält und wollte den Gedanken gar nicht erst zu Ende spinnen. Hatte er selbst noch vor einem Jahr vorgegeben, erschossen worden zu sein, um seine Familie vor dem Joker und seinen Anhängern zu beschützen, so hatte er sie diesmal selbst in Gefahr gebracht. Wenn Barbara oder den Kindern irgendetwas zustieß, würde er sich das niemals verzeihen können. Er hätte dem Joker eine falsche Adresse geben können, aber er wusste nicht, was er in Le Gardien deponiert hatte und konnte nicht riskieren, dass er im Waisenhaus ein weiteres Blutbad verübte. Hinzukam, dass er wahrscheinlich die stumme Miss Porter als Geisel genommen hatte und nicht bluffte, was seine Drohung ihr gegenüber anging. Commissioner Gordon erlaubte sich nicht das makabere Vorrecht, über Einzelschicksale zu entscheiden oder ein Todesurteil auszusprechen, aber gleichzeitig wusste er, was von den Versprechungen des Jokers zu halten war. So verrückt er sein mochte – er hielt sein Wort, und wenn er behauptete, er würde die junge Frau umbringen, wenn sich Gordon nicht an die Spielregeln hielt, so ahnte der Commissioner, dass Erins Chancen nicht besonders gut standen. Dennoch konnte er nicht zulassen, dass sich der Joker an seiner Familie und seinem Zuhause vergriff wie an einer Selbstbedienungstheke. Er konnte sich nicht einfach nehmen, was er wollte oder mit dem Rest das veranstalten, was ihm sein irrer Geist zuflüsterte. Und so hatte sich Jim Gordon dazu entschlossen, in einer Kolonne mit zwei weiteren Streifen zu seinem Haus zu fahren, um das Schlimmste zu verhindern. Nach Le Gardien hatte er ein Bombenkommando und zwei Streifen geschickt. Nur wenige Minuten nach dem Anruf des Jokers hatte eine völlig aufgewühlte Direktorin Polizei und Feuerwehr verständigt. Angeblich hatte der Joker mehr als ein halbes Dutzend Kinder gefesselt und mit Handgranaten versehen, die nur ein dünner und nicht sehr widerstandsfähiger Draht daran hinderte, zu explodieren. Der Polizeifunk gab gerade durch, dass Le Gardien bis auf das betroffene Zimmer evakuiert sei und das Bombenkommando bald einträfe. Gordon hoffte, dass sie diesmal nicht wieder zu spät kommen würden. Er schloss die Augen und lehnte sich zurück, dachte mit klopfendem Herzen an seine Frau und die Kinder, die wahrscheinlich nicht den blassesten Schimmer hatten, in welch großer Gefahr sie schwebten. Er öffnete sie erst wieder, als er merkte, dass der Polizeiwagen aus unerfindlichen Gründen langsamer zu werden schien. Gordon sah die Geschäfte rechterhand in Schrittgeschwindigkeit vorüberziehen und setzte sich blinzelnd auf. Treather fuhr geradewegs in ein Stauende hinein, das der Berufsverkehr verschuldet hatte.
„Was tun Sie da?", fuhr Gordon den jungen Polizisten an und hob aufgebracht die Hände. Sein Ehering am linken Ringfinger reflektierte das goldene Sonnenlicht, als er mit der Hand auf die gelben Taxis deutete, die sich direkt vor ihnen aufreihten wie Perlen auf einer Kette. „Umgehen Sie den Stau, nehmen Sie eine Seitenstraße!", forderte Gordon mit wachsender Verzweiflung. In einem Wettlauf gegen den Joker zählte jede Minute, jede Sekunde. Er hatte schon einmal ein Rennen gegen ihn verloren auf Kosten von Rachel Dawes' Leben. „Alles dicht, wir stecken im Berufsverkehr, auf einen anderen Weg kommen wir so schnell nicht in Richtung Downtown", bemühte sich der dunkelhaarige Polizist um einen ruhigen Tonfall. Schließlich konnte er den Commissioner verstehen, aber er half seiner Familie nicht damit, wenn er hysterisch wurde. „Das ist doch...wozu haben wir eine Sirene? Es handelt sich um einen Notfall, sie haben uns Platz zu machen!", Jim Gordon stieg aus dem Wagen, schlug die schwarze Tür zu, auf der das Stadtwappen Gotham Citys in Form eines von zwei goldenen Lorbeerzweigen umrankten Adlers mit ausgestreckten Schwingen prangte, und marschierte zwischen den dicht an dicht stehenden Autos hindurch, um vergebens auf die Wirkung seiner Polizeimarke zu hoffen. Die Polizeimarke blieb eine Polizeimarke und setzte nicht in etwa magische Zauberkräfte frei, die im Nu die Blechlawine, die sich vor dem hilflosen Commissioner regungslos mehrere hundert Meter weit erstreckte, auflöste. Gordon stieß einen unfeinen Fluch aus und strich sich mit der Hand durch das kurze Haar. Die Rush Hour zu umgehen, würde wertvolle Zeit kosten. Zeit, die Jim Gordon nicht hatte. Um in die Downtown zu gelangen, würde er nur noch auf den Gotham City Speedway ausweichen können, der zu dieser Tageszeit durch den Pendlerverkehr so verstopft sein würde wie ein veraltetes Abflussrohr. Commissioner Gordon starrte ungläubig auf die Wagen, die sich so eng von Stoßstange zu Stoßstange aneinander drängten, dass nicht einmal ein Motorrad genügend Platz zum Wenden, geschweige denn zur Durchfahrt gehabt hätte.
Der Gestank von Abgasen schwelte über den Asphalt und stieg bedächtig wie Bodennebel nach oben. Was hätte Jim Gordon dafür gegeben, Batman in irgendeiner Form kontaktieren zu können. Die einzige Möglichkeit, mit ihm in Kontakt zu treten, hatte darin bestanden, mithilfe eines großen Scheinwerfers das Zeichen der Fledermaus an den Nachthimmel zu projizieren. Jetzt, da Batman, um Dents Untaten zu verdecken, von allen gejagt wurde, blieb Jim keine andere Option mehr als darauf zu hoffen, dass Batman einen Weg finden würde, einzugreifen. Ohne die Unterstützung der menschlichen Fledermaus wusste der Commissioner nicht, wie er gegen den Joker bestehen sollte, der wie ein Waldbrand unberechenbar wütete und alles in Flammen aufgehen ließ, was ihm in den Weg kam. Gordon kehrte der unpassierbaren Straße den Rücken zu und zückte abermals sein Mobiltelefon, unternahm noch einen letzten Versuch, seine Ehefrau zu erreichen. Fahrig rieb er sich die Stirn, während sein Telefon die Verbindung zur Rufnummer herstellte. Kam es ihm nur so vor oder war das Funknetz heute wirklich so stark ausgelastet, dass die Durchwahl eines einzigen Anrufs eine ganze Ewigkeit zu dauern schien? Endlich erfüllte das gleichmäßige Hupen des Anruftons Gordons Gehörgang, während er langsamen Schrittes auf den Polizeiwagen zuging, dessen Signalleuchten abwechselnd rot und blau flackerten. Treather hatte die Sirene abgestellt, weil ihr ohrenbetäubend schriller Warnruf in dieser Sackgasse aus wartenden Autos nicht länger seinen Zweck erfüllte. Abwechselnd rot und blau brach sich das Licht des Polizeiwagens in den konvexen Gläsern von Gordons Brille, die er sich nervös auf der Nase vor- und zurückschob.
Fast überraschte es ihn, als er am anderen Ende Barbaras fröhliche, sonore Stimme hörte. Sie schien leicht außer Atem zu sein: „Gordon?", meldete sie sich hastig, war offenbar so eilig zum Telefon gelaufen, dass sie keine Acht auf die Nummernerkennung auf dem Display gegeben hatte. „Barb! Endlich! Wo hast du gesteckt, ich hab die ganze Zeit über versucht, dich zu erreichen!", erwiderte ihr Mann mit einer Mischung aus größter Besorgnis, Ärger und auch Erleichterung, und drehte sich halb um die eigene Achse, sodass er rücklings am Polizeiauto lehnte. Die linke Hand stützte er fahrig in die Seite und drängte somit sein graues Jackett zur Seite. „Oh, tut mir leid, Liebling, aber das Wetter war viel zu schön, um die ganze Zeit über drin zu hocken. Ich hab Babs und den kleinen Jungen mit nach draußen genommen, wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht und Kastanien gesammelt. Ich setze uns gleich noch einen fruchtigen Tee auf und dann wärmen wir uns wieder auf. Alex hat zwar nicht viel gesprochen, aber...", Gordon unterbrach den heiteren Redefluss seiner Frau mit unbeabsichtigt harschem Ton: „Barb, hör mir zu!", er schloss die Augen und runzelte angestrengt die Stirn. Barbara verstummte pikiert und alarmiert zugleich. Jedes nachfolgende Wort vonseiten Jims musste wohlüberlegt und unmissverständlich sein: „Ich will, dass du die Kinder schnappst und zu James in die Schule fährst. Sofort!" Der Commissioner rechnete damit, dass Barbara Fragen stellen würde, was auch prompt erfolgte: „Wieso, was ist passiert?" Jim strich sich über den Bart und holte tief Luft: „Mach einfach, was ich dir sage!" Er wollte nicht so barsch mit ihr sprechen, aber die Situation war nicht dafür geeignet, mit Samthandschuhen angepackt zu werden. „Ok...", war ihre verwirrte und zögerliche Antwort. Seit Ramirez seine Familie damals in Dents Hände getrieben hatte, war Jim nicht mehr gezwungen gewesen, Barbara und die Kinder aufgrund seines Berufs zu warnen und in Sicherheit zu bringen. „Und Barb?", fragte er hastig und hoffte, dass sie noch nicht aufgelegt hatte. Sie fragte leise nach, jede Fröhlichkeit war aus ihrer Stimme entschwunden.
„Steck die Waffe ein!" Barb begann zu widersprechen: „Jim, das...das kannst du nicht von mir verlangen! Was ist passiert?" Treather stieg ebenfalls aus dem Wagen und stützte die Arme auf dem Autodach ab, sah fragend zum Commissioner hin, der unruhig hin und her trat. Er wusste, dass Barbara ungern eine Waffe im Haus hatte, aber weil Gotham seit jeher ein gefährliches Pflaster war, fühlte sich Jim bedeutend ruhiger, wenn er die 36er Magnum in der obersten Schublade des Flurs wusste, wann immer er das Haus verließ. Er hatte Barbara gezeigt, wie sie zu entsichern war, doch sie hatte es sich nur sehr widerwillig beibringen lassen. Sie verabscheute Waffen und fürchtete um die Sicherheit der Kinder, weswegen Jim die Pistole immer im gesicherten Zustand in der Schublade hinterlegte. Bislang war sie noch nie abgefeuert worden, und Jim Gordon hoffte inständig, dass das auch so blieb. „Ich kann dir das jetzt nicht erklären. Es ist wichtig, dass du so schnell wie möglich aus unserem Haus verschwindest!", wiederholte der Commissioner und drückte sich verärgert den Zeigefinger ans Ohr, als einige Meter vor ihm ein Hupkonzert angestimmt wurde, das den Unmut bezüglich des lahmgelegten Straßenverkehrs vertonte.
„Dir geht es gut, Jim?", fragte sie nervös und als er nicht sofort antwortete, nahm ihre Stimme einen fordernden Ton an: „Geht es dir gut, Jim?" Der Commissioner tupfte sich mit einem Stofftaschentuch die Stirn ab, die mit Schweißperlen benetzt war. „Ja, und jetzt mach, dass du verschw...", ein lautes Geräusch ertönte am anderen Ende und ließ das Oberhaupt der Polizei verstummen und heftig zusammenzucken. Es knallte auf der anderen Seite der Leitung, ehe Stimmengewirr und ein spitzer Schrei vollends dazu beitrugen, dass Commissioner Gordons Unruhe wuchs. „Barb, was ist da los? Barb!" Irgendetwas zerschellte klirrend, Gordon hörte noch ein markerschütternd schrilles Kreischen, dann brach die Verbindung ab. Wenige Sekunden lang war er nur in der Lage, benommen dem monotonen Signal des Gesprächsabbruchs zu lauschen, dann riss ihn die Angst aus seiner kurzfristigen Starre. Geistesabwesend verstaute er das Telefon in seinem Jackett und schrie den jungen Officer an, der noch immer mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht am Streifenwagen lehnte: „Sofort einsteigen! Wir müssen wenden, los! Er ist in meinem Haus!" Der letzte Satz riss den Frischling aus seiner Trance. Er schwang sich hinter das Steuer und schlug die Tür zu, während Gordon längst den Gurt angelegt hatte und antreibend mit beiden Händen auf dem Armaturenbrett herumtrommelte. Obwohl Treather die Räder des Chevrolets durchdrehen ließ, als er wendete, und dann mit wieder angestellter Sirene und einigen riskanten Manövern auf die Gegenspur wechselte, fühlte Jim Gordon, dass jede Eile, jede Hast nichts nützte. Er würde zu spät kommen, würde selbst keinen Einfluss auf das Tun des Jokers haben. Das Leben seiner Familie lag in den Händen eines Psychopathen, und Jim Gordon blieb nichts anderes übrig, als auf ein Wunder zu hoffen.
Der Chevrolet raste dröhnend über den Asphalt in Richtung Speedway, gefolgt von einem Geschwader weiterer Streifenwagen. Die Melodie seiner Sirene hallte weithin bis in die verpfropfte Arterie von Gothams Herzen hinein.
***
Erin hätte alles dafür gegeben, das Autoradio anstellen zu können. Obgleich sie es gezwungenermaßen gewohnt war, sich in Schweigen zu hüllen, nagte die angespannte Stille, die im DeLorean herrschte, gewaltig an ihrem Nervenkostüm. Sie hatte nicht etwa das Bedürfnis, den Joker sprechen zu hören, denn der Klang seiner grotesk verzerrten Stimme erzielte den gleichen Effekt wie das Kratzen langer Fingernägel auf einer Schiefertafel. Aber ein anderes Geräusch als das angestrengte Dröhnen des Motors und das Quietschen der Reifen, wann immer er scharf in eine Kurve abbog, wäre Erin mehr als willkommen gewesen. Das Schweigen schürte nur ihre Angst, blockierte ihre Gedanken und ließ sie voller Furcht erahnen, was ihr noch zustoßen mochte. Wieder bog der Joker scharf ab, sodass seine unfreiwillige Begleiterin mit beiden Händen Halt zu finden versuchte. Ihre linke Hand rutschte am vor ihr befindlichen, eher spärlich ausgestatteten Handschuhfach ab, von dessen Klappe eine kleine Plastiknase herausgebrochen war, und stieß unsanft gegen die schwarze Armatur, sodass ihre Finger schmerzhaft verbogen wurden. Sie streifte etwas, das unter dem Druck ihrer Finger nachgab, und realisierte nur unterschwellig, dass es sich um den Zigarettenanzünder halten musste. Ihr Herz schien kurz in ihrer Brust zu hüpfen, als kurzzeitig Hoffnung und ein Plan in ihr aufflackerten. Vorgebend, sich festhalten zu wollen, behielt sie ihre Hände an Ort und Stelle und starrte angestrengt aus dem Fenster. „Nananananana...", säuselte der Joker vor sich hin und als Erin es wagte, leicht den Kopf zu drehen und ihn anzusehen, erfüllte es sie mit stillem Grausen, wie er Nonsenssilben summend am Steuer saß, auf das er mit den behandschuhten Fingern trommelte, und entrückt in die Ferne starrte. Erin bezweifelte, dass er der Fahrbahn besondere Beachtung schenkte. Umso waghalsiger war sein Fahrstil, der den Zusatz ‚Stil' eigentlich gar nicht verdient hatte. Vielleicht wäre es für alle Beteiligten wirklich besser gewesen, wenn der fast schon antike DeLorean verunglückt wäre und verhindert hätte, dass der Joker mit Erin im Schlepptau in Gordons Haus einfallen konnte. Sie musterte den Joker kurz, dessen Kriegsbemalung noch immer makellos auf seinen verzerrten Zügen ruhte. Das Rot seines diabolischen Lächelns erweckte den Eindruck, dass die alten Wunden, die sich zu geschwulstartigen Narben gewandelt hatten, wieder zu bluten begonnen hatten. Weiß wie Schnee war seine Haut bemalt, Rot wie Blut der Mund, Schwarz wie Ebenholz waren die Augenhöhlen, finstere Löcher, die die unergründbare Finsternis in seinen Augen nur noch verstärkten. Ansonsten hatte er rein gar nichts Märchenhaftes an sich.
Erin wehrte sich noch immer gegen die Vorstellung, dass er Danny war. Was hatte ihn nur zu so einem mitleidslosen kaltblütigen Monster werden lassen? Er drehte seinen Kopf und sah Erin, die gar nicht bemerkt hatte, dass sie ins Starren verfallen war, mit erhobener Braue an. „Du kannst dich an mir nicht satt sehen, hm, Häschen?", er zwinkerte ihr zu und leckte sich wie hungrig die Lippen, während er eine rote Ampel überfuhr. Dass es zu keiner Kollision mit einem anderen Wagen kam, hatten sie nur dem Umstand zu verdanken, dass rechterhand ein älterer Herr am Steuer eines Pickups saß, dessen Reaktionsvermögen nicht mehr das schnellste war, was die ungeduldig wartenden Fahrer, die sich hinter ihm in die Spur eingereiht hatten, mit ungehaltenem Hupen quittierten. Wäre er losgefahren, als die Ampel auf Grün umsprang, wäre das sein letzter Ausflug gewesen. So aber flog der DeLorean regelrecht über den leicht unebenen Asphalt, nahm ein Schlagloch mit, sodass von seiner Stoßstange gelbe Funken stoben, und setzte seinen Weg unbeirrbar fort. Erin wandte mit einer Mischung aus Abscheu und Angst den Blick ab und erspähte linkerhand die hohen Lastenkräne, die Container in den unterschiedlichsten Farben auf die Frachterschiffe hievten. Der Hafen war nicht mehr fern. Zunehmend vermittelten die umliegenden Gebäude den Eindruck, dass sich hier hauptsächlich Wohngebiete erstreckten, hier und da schmiegten sich rotgeziegelte Reihenhäuser in englischem Baustil aneinander, deren zugehörige Grundstücksparzellen einzig von brusthohen Zäunen in gleichmäßige Raster aufgeteilt wurden. Auf manchen Treppenstufen lagen noch immer Reste vom Halloweenschmuck herum, ausgehöhlte Kürbisse und kleine orangefarbene Girlanden, welche die Rahmen der Haustüren zierten. Der bloße Anblick ließ Erin erschaudern.
„Weißt du,...äh...Erin...", begann der Joker zu sprechen und trat wie aus einer Laune heraus so stark auf die Bremse, dass die junge Frau beinahe den Halt am Zigarettenanzünder verloren hätte, weil sie so heftig nach vorn geschleudert wurde. Der Gurt schnürte sich fest in ihr Schlüsselbein, sodass sie kurzzeitig nach Luft japsen musste. Dann wurde Erin der Grund für dieses recht grobschlächtige Manöver klar, als sie sah, dass der Joker den DeLorean zielstrebig in eine kleine Seitenstraße lenkte. „Ich verstehe nicht ganz, warum du dir so eine Mühe gemacht hast, diesen...äh...Bengel vor mir zu verstecken", murmelte er vor sich hin ohne sie anzusehen. Erin regte sich nicht und schaute ihn nur abwartend an. „Ich meine...erstens hätte ich ihn sowieso gefunden und zweitens...sorge ich doch nur dafür, dass dir Ärger durch ihn erspart bleibt...", er bewegte Lippen und Mund als würde er etwas Unsichtbares schmatzend zerkauen. Erin formte Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand zu Klauen und ließ diese auf ihre über dem Anzünder ruhende, zur Faust geballte linke hinab gleiten, runzelte dabei die Stirn, als sie ihn ansah. „Ja, ganz recht, Ärger...", wiederholte er und nickte so heftig, dass ihm eine Strähne des krausen blonden Haares in die Stirn fiel. Sie schüttelte den Kopf und deutete mit dem rechten Zeigefinger ins Leere, ehe sie die Hand flach ausstreckte und damit zweimal eine Bewegung durchführte, die an das Tätscheln eines Kopfes erinnerte.
Mit offensichtlichem Desinteresse begutachtete er Erins Gestik aus den Augenwinkeln, schnalzte dann mit der Zunge und schüttelte den Kopf: „Bist du wirklich so naiv oder tust du nur so?" Prüfend spähte er aus nur halb geöffneten Augen zu ihr hinüber, nur um kurz darauf in schallendes Gelächter auszubrechen, das eine Gänsehaut auf Erins Körper erblühen ließ. Er warf glucksend den Kopf in den Nacken, sein ganzer Körper bebte, wurde von Lachsalven erschüttert, weil er die soeben gefundene Erkenntnis in höchstem Maße amüsant fand. „Aaaah", machte er dann langgezogen, „Du bist naiv, nicht wahr? Oder zumindest ein kleines bisschen zu gutgläubig, das warst du damals schon, ja, ja, ja...", er legte plötzlich seine Hand an ihren Hals und fing eine lange blonde Strähne ihres Haars ab. Mehr aus Reflex als aus Trotz zuckte sie ausweichend zusammen, doch er zog ihren Kopf an ihren Haaren näher zu sich, während er gleichzeitig den DeLorean rumpelnd über den Bordstein lotste, um die Einfahrt zu Gordons Haus abzupassen. Ruckend kam der altersschwache Wagen schließlich zum Stehen. „Sonst hättest du gleich gemerkt, dass es der kleine unschuldig anmutende Alex faustdick hinter den Ohren hat", er zog straffer an Erins Haaren, sodass sie vor Schmerz den Mund verzog. Er zog sie so nah an sich heran, dass sein warmer Atem in Erins Ohrmuschel eintauchte wie das Wasser eines viel zu heißen Bades, als er fortfuhr: „Oder bist du davon überzeugt, dass es ein ‚Unfall' war, der seine Mami und seinen Papi ...äh...wegrationalisiert hat?", fragte er und grinste süffisant, als ihn Erin bestürzt anstarrte. Viel Bewegungsfreiheit blieb ihr nicht, weil er sie bezwingend festhielt. Allerdings blieb Erins Griff konstant um den Zigarettenanzünder, der indes schon genug Strom gezogen haben musste, um glühend heiß zu sein. Er beugte sich noch näher vor, seine Nase berührte beinahe ihre Wange, seine übertrieben geschminkten roten Lippen trennten nur wenige Zentimeter von ihren.
„Nur weil sie so klein und niedlich aussehen, heißt das nicht, dass Kinder das auch sind. Weißt du, der Schein...trügt", er sah sie fest an und ließ von ihrer Haarsträhne ab, nur um die in Leder gehüllten Finger über ihre Wange streifen zu lassen: „Keiner hat ein besseres kriminelles Genie...als Kinder. Und Kinder, die alles haben, was ihr verwöhntes Herz begehrt, neigen zu Größenwahn...", hastig leckte er sich über die Lippen, behielt Erins Wange fest in seinem Griff. „Aber bekanntlich...", begann er fast nur noch flüsternd, das triumphierende Funkeln in seinen dunklen Augen brachte Erin dazu, sich ihm so weit es ging zu entziehen. Weit kam sie jedoch nicht, als er auch die zweite Hand um ihre andere Wange legte. „...bekanntlich...", fuhr er leise fort, „...kommt Hochmut...vor dem Fall." Erin versuchte, seine Worte zu ignorieren, weil sie nicht wusste, inwieweit sie seinen Worten noch Glauben schenken durfte. Sie hielt seinem Blick stand, ganz einfach, um seine Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht zu lenken. Gleichzeitig nestelte sie mit der linken Hand am Zigarettenanzünder herum. „Und ich...", seine Hände strichen über ihre weiche Haut, malten die Konturen ihrer ausgeprägten Wangenknochen nach, „...ich bin...ein Experte, wenn es darum geht, andere zu Fall zu bringen...", er schien sich im Klang seiner eigenen Worte zu suhlen, grinste sie breit an und bleckte die Zähne.
Obwohl sich die darauffolgenden Ereignisse nur binnen weniger Sekunden abspielten, nahm Erin alles wie in Zeitlupe wahr, jeder Herzschlag schien in einem zähflüssigen Intervall zu erfolgen, nur einen Atemzug investierte sie, um den Zigarettenanzünder zu greifen, ihn aus der Buchse zu ziehen und ihn dem Joker ins Gesicht zu drücken. Sie erwischte ihn am Mundwinkel, recht nah am Narbengewebe, konnte aber nur etwa zwei, drei Sekunden lang die brennend heiße Buchse gegen seinen Kiefer drücken, und dann darauf hoffen, dass er lange genug überrascht und vor Schmerz benommen sein würde, dass sie fliehen konnte. Tatsächlich ließ er von ihr ab, um reflexartig die Hände an die schmerzende Stelle zu führen. Erin nutzte den Bruchteil einer Sekunde aus, um sich von dem straffen Sicherheitsgurt zu befreien und mit zitternder Hand die Tür aufzustoßen. Hätte es sich um eine gewöhnliche Autotür gehandelt, wäre Erins Versuch vielleicht geglückt, so aber verlor sie durch die recht langsame Hydraulik der Flügeltür kostbare Zeit, die den Unterschied zwischen Leben und Tod auszumachen vermochte. Gerade hatte sie sich weit genug geöffnet, dass Erin hindurch gepasst hätte, als sich der Joker jedoch von seinem ersten und auch einzigen Schrecken erholte, blitzschnell reagierte und Erin eines seiner Messer seitlich in den linken Oberschenkel rammte. Sie hatte den rechten Fuß schon aus dem Auto, doch das Gelenk knickte um, weil Erins Körper von einem unvorstellbaren Schmerz erfasst wurde. Sie konnte regelrecht spüren, wie sich die Klinge in ihr Fleisch bohrte und die Fasern ihres Muskels zerfetzte. Erin konnte nicht schreien, aber sie konnte vor Schmerz die Zähne in ihre Lippen schlagen, bis diese bluteten. Genau das tat sie, als sie aus dem Auto stolperte und auf Commissioner Gordons Vorgarten aufschlug. Sie versuchte benommen, das Bein zu bewegen, in dem das Messer fast bis zum Heft steckte, doch der Schmerz, den dieser Versuch begleitete, war übermächtig und lähmend; Erin streifte nur den Griff und musste die Hand wieder zurückziehen, weil unzählige Sterne vor ihren Augen explodierten. Der Anblick dessen, wie das Messer seitlich und schräg in ihrem Bein steckte und das Blut durch den hellen Stoff der Jeans sickerte, sodass eine scharlachrote Rose um das Messer herum erblühte, füllte Erins Mund mit dem kupfernen Geschmack nahender Übelkeit. Sie sah, wie sich auch die Fahrertür des DeLoreans mit bedrohlicher Langsamkeit öffnete und das Sonnenlicht gleißend auf dem blanken Stahl entlangfuhr als wolle es das glatte Metall mit seiner sanften Berührung zerschneiden. Die junge Frau drehte sich um und versuchte sich so schnell wie möglich fortzubewegen. Ihre Kraft reichte nur noch zu einem mühseligen Kriechen, das sie nicht weit brachte. Ein Versuch, aufzustehen, scheiterte jämmerlich. Der Muskel, der dafür sorgte, dass sich die Sehnen des Knies dehnten und wieder entspannten, rebellierte und verweigerte seinen Dienst, sodass sie sich nicht einmal auf ihr gesundes rechtes Bein kämpfen konnte. Etwa fünf Meter brachte sie schwer atmend hinter sich, das Blut, das nur so aus der tiefen Wunde strömte, färbte die kurzen grünen Halme des Rasens tiefrot und hinterließ eine kurze, aber deutlich sichtbare Spur auf dem zuvor unbefleckten Grün.
Erin hörte Schritte hinter sich. Obwohl sie sich ihr gemächlich und langsam näherten, spürte sie anhand seiner energisch gesetzten Tritte, dass er alles andere als begeistert von ihrer kleinen Rebellion war und sich ein gewisses Maß an Wut und Ärger in ihm angereichert hatte. Sie zwang sich selbst dazu, nicht zurückzuschauen, nicht in noch größere Panik zu verfallen. Stattdessen robbte sie über den Rasen, der seine grünbraunen Fingerabdrücke auf ihrem blauen Poloshirt und dem darunterliegenden dünnen weißen Pullover hinterließ. Sie stemmte sich mit aller Kraft auf ihre Ellbogen, der Treppenaufgang zu Gordons Haus war nur noch etwa anderthalb Meter außerhalb ihrer Reichweite, aber sie erreichte ihn nicht mehr, um sich daran festzuhalten und auf die Beine zu ziehen. „Erin, Erin, Erin...das war nicht nett von dir!", hörte sie die Stimme des Jokers, die aus nächster Nähe ertönte.
Der Schatten seiner großen Gestalt fiel auf sie wie ein unheilvolles Omen. Er hörte sich wütend an, wenngleich er den unheimlichen Singsang in seiner Stimme beibehielt. Gerade das verlieh seinem Tonfall die finale Prise Wahnsinn, die ihn so unberechenbar und gefährlich machte. Erin stöhnte lautlos, als von dem verletzten Muskel ein unangenehm taubes Prickeln ausging, das sich über ihr gesamtes Bein fortpflanzte, sodass sie es gar nicht mehr zu bewegen, sondern nur mitzuschleifen wagte. „Gar nicht nett!", hörte sie ihn fast direkt hinter sich sprechen, ehe sie den Kopf vor Schmerz in den Nacken legte, als er gezielt und mit unerwarteter Kraft seinen Fuß direkt neben die aus ihrem Bein herausragende Klinge zu einem schmerzhaften Tritt platzierte und das Messer ohne jedwedes Zögern aus dem blutigen Wundkanal herausriss. Vor Erins Augen erschienen unzählige dunkle Punkte, die wie Regentropfen auf einer beschlagenen Fensterscheibe verweilten und sehnsüchtig auf wärmende Sonnenstrahlen warteten, die sie verdunsten ließen. Ihre Kehle zog sich krampfartig zusammen, der offene Mund, der impulsartig kleine Nebelschwaden warmen Atems in die kühle Novemberluft entließ, war bereit, einem Schmerzensschrei den Weg zu ebnen, doch nichts als ein heiseres Keuchen entwich den zusammengeschnürten Fängen ihres Kehlkopfes. Benommen schloss sie die Augen, hatte für einige lähmende Sekunden nicht die Kraft, den Kopf hochzuhalten, und ließ ihn auf den noch immer vom Regen des Vortags feuchten Rasen sinken.
Die Wunde in ihrem Oberschenkel pulsierte brennend, jagte Salven unerträglichen Schmerzes entlang ihrer Nervenbahnen in alle Regionen ihres Körpers. Warm und feucht sickerte das Blut unermüdlich durch den Stoff ihrer zerfetzten und mit Grasflecken übersäten Jeans, färbte Blau zu Violett und passte sich somit unfreiwillig der Garderobe des Jokers an, der Erin unbarmherzig in die Seite trat und sie somit auf ihren Rücken rollen ließ, sodass er sich am Schmerz, der sich in jeder noch so feinen Kontur ihres Gesichts widerspiegelte, ergötzen konnte. Paralysiert durch das feurige Brennen, das ihren Muskel zog und ihn umklammert hielt wie eine Schraubzwinge, konnte Erin nichts ausrichten, nichts anderes tun als hilflos zu ihm aufzuschauen. Er starrte zu ihr hinab, doch die Sonne, die in seinen Rücken schien, hüllte sein Gesicht, seine Fratze, in undurchsichtige Schatten, nur das deformierte, grausige Grinsen, das sich über seine Wangen erstreckte, selbst wenn er nicht lächelte, stahl sich in Erins Blickfeld. Sie wand sich in größter Pein, atmete schwer und hätte ihr Bewusstsein verloren, hätte er sie nicht daran gehindert, indem er sie beim Kragen packte und hochzog, bis sie auf dem Rasen saß. Der Joker beugte sich über sie, der Abdruck des Zigarettenanzünders trat deutlich selbst unter der dicken Schicht roter Schminke hervor, und dennoch leckte er sich genüsslich über die Lippe, so als würde es ihm keinerlei Schmerzen bereiten. Seinen grässlichen Narben nach zu urteilen hatte er einige Erfahrungen in Sachen Schmerz sammeln müssen. Erfahrungen, die ihn offenbar abgestumpft hatten. „Tatata, Erin, Erin...das hättest du nicht tun sollen, das...", er umfasste sie fester am Kragen, drängte sie gefährlich nahe an sich heran, „...war außerordentlich dumm von dir, mein Schatz!", er nickte bekräftigend und zerrte Erin auf ihre Beine. Das linke kapitulierte sofort, knickte ein und riss sie fast wieder zu Boden, hätte er sie nicht so grob festgehalten, dass es beinahe ihr Shirt zerrissen hätte.
Erin kam es so vor, als könnte sie jede Muskelfaser, jede Sehne, jede Ader in ihrem malträtierten Bein spüren und hören. Es war, als hätten sie alle plötzlich eine Stimme erhalten, mit der sie ihr Leid und ihre Tortur kundtaten, Erin anflehten, sie zu schonen und das Bein nicht unnötigen Bewegungen und damit verbundenen Qualen auszusetzen. Der Joker schien taub sowohl für diese Stimmen als auch Erins stummes Flehen zu sein. Sie legte benommen eine Hand auf seine Brust, versuchte ohne große Wirkung, ihn von sich zu schieben, aber der Joker spielte keine Spielchen mehr. Und wenn, dann nur solche, die seinem Regelwerk gehorchten. „Was denn, was denn? Hast du Schmerzen?", fragte er höhnisch nach und zwang sie, auch ihr verletztes Bein zu belasten, indem er sie in Richtung Treppenaufgang zerrte. Um ein Haar wäre sie gestürzt, doch er hinderte sie daran, hielt sie bezwingend mit seinem Arm umfasst und drückte sie an sich, wogegen Erin sich zu wehren nicht imstande war.
Sie spürte seine Lippen an ihrem Ohr, fragte sich unbewusst, ob die rote Schminke auf ihre Haut abfärben würde, und legte sich genug Körperbeherrschung auf, um nicht zusammenzuzucken, als sein heißer Atem bei seinen nächsten Worten in ihre Ohrmuschel tauchte: „Diese Suppe hast du dir selbst eingebrockt, meine Liebe...jetzt wirst du sie auch auslöffeln. Bis...auf...den...letzten...Rest." Die letzten Worte formulierte er mit besonderem Nachdruck, der Erin einen Schauer über den Rücken jagte. Er packte sie im Genick und stieß sie die Treppen hinauf, sodass sie gegen die geschlossene Tür prallte. Nur mit viel Kraft konnte sie sich auf den Beinen halten, ihre Hand geriet in den Briefschlitz der Haustür, dessen scharfe Kante ihren Handrücken aufriss. Erin nahm den Schmerz gar nicht bewusst wahr, ihr Oberschenkel sendete viel stärkere und heftigere Impulse über ihre Nervenbahnen, sodass sie jeden weiteren Reiz nur als nebensächlich empfinden konnte. „Äh...was...meinst du, Erin? Soll ich klingeln oder...anklopfen?", er drehte ihren Kopf in seine Richtung, hielt die Klinge, die mit ihrem eigenen Blut befleckt war, an seine Lippen und leckte sie zu Erins Entsetzen mit der ausgestreckten Zunge ab, bis nur noch vereinzelte rote Schlieren das silbern schimmernde Metall benetzten. Die junge Frau wollte den Blick abwenden, stellte aber fest, dass sich eine entsetzliche Faszination ihrer bemächtigte, die sie tranceartig in ihren Bann zog und mit ohnmächtiger Hilflosigkeit dabei zuschauen ließ, wie er ihr Blut verkostete. Erins Magen krampfte sich bei dem Anblick zusammen, in ihrer Mundhöhle breitete sich ein schaler Geschmack aus.
„Süß, süß, süß, durchaus süß, ja, ja", murmelte er und leckte sich die Lippen, ehe er die Hand um den Türknauf legte und ihn drehte. Die Tür öffnete sich leise und verzichtete dabei auf jegliches Knarren. „Unvorsichtig, seeehr unvorsichtig. In Gotham City sollte man seine Tür verschlossen halten, ja, ja, das sollte man, findest du nicht auch?", murmelte er leise, und bevor Erin auch nur die Chance gehabt hätte, ihm eine Antwort nahezubringen, hatte er sie unsanft gepackt und kraftvoll gegen die Tür geschleudert, die gänzlich aufsprang und scheppernd gegen den Garderobenschrank schlug, dessen massive Kleiderhaken aus dunklem Kirschbaumholz in Reaktion auf die herbe Kollision mit der Haustür aufgeregt bebten. Erin stolperte über die Schwelle und schlug der Länge nach hin, landete ausgerechnet auf der verwundeten Seite und blieb zusammengekrümmt auf dem Teppich liegen, dessen weicher Baumwollstoff mit blauweiß gewebtem Muster und den dicken weißen Fransen an den kürzeren Enden ihren reglosen Körper mit sanfter Widerstandslosigkeit in Empfang nahm. Polternd folgte ihr der Joker in das Haus und schob die Tür zurück ins Schloss. Eine Frau mittleren Alters, die Erin nur etwa zehn Meter von sich entfernt zwischen Flur und offenem Wohnzimmer vor einem kleinen Schränkchen stehen sah, wie sie einen Telefonhörer in der Hand hielt und überrascht auf die Eindringlinge starrte, stieß einen spitzen Schrei aus. Das rotbraune, schulterlange Haar umrahmte ihr blasses, aber dennoch hübsches Gesicht, in dessen Zügen ihr Entsetzen geschrieben stand. Der Joker nestelte kurzerhand in seiner Manteltasche herum und zog eine großkalibrige Waffe daraus hervor. Der schwarze Lauf maß mindestens zwanzig Zentimeter und reflektierte das durch das Seitenfenster und die davor hängende Gage mit aufgesticktem Rosenmuster einfallende, trotz des Sonnenscheins geisterhaft milchig anmutende Tageslicht. Der Schuss, den der Joker augenscheinlich wahllos abfeuerte, gab Erin das Gefühl, dass ihr Trommelfell infolge des ohrenbetäubenden Knalls zerbersten würde. Sie schirmte ihren Kopf mit beiden Händen ab und sah, als sie die Augen zögerlich wieder öffnete, dass der Joker mit einem präzisen Schuss das Telefon getroffen und außer Gefecht gesetzt hatte.
Der Hörer, den Jim Gordons Frau noch in der Hand hielt, war nur noch ein nutzloses schmückendes Accessoire, an dem ein rotes Licht hektisch flackerte, um zu signalisieren, dass das Signal zur Telefonstation gestört und die Verbindung somit zwangsläufig unterbrochen war. Als wären ihre Muskeln in einen spontanen Streik getreten, lösten sich ihre Finger von dem Telefon, sodass es mit einem klirrenden Geräusch auf dem Parkettboden landete. Der Aufprall aus der geringen Höhe sorgte schon dafür, dass der Plastikverschluss des Akkus abplatzte und noch einige Zentimeter über den glatten Fußboden rutschte, während das Telefon wie eine hilflos auf dem Panzer liegende Schildkröte unruhig klappernd hin und her schwankte, ehe es sich seiner misslichen Lage ergab und liegen blieb. Gordons Ehefrau machte einige vage Schritte rückwärts, bis sie leicht mit der Schulter gegen den Türrahmen stieß und abrupt stehen blieb. Der Joker stieg über Erin hinweg ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, und näherte sich Mrs. Gordon, die nicht wusste, ob sie zuerst auf die Waffe in der Hand des Eindringlings oder auf sein Gesicht starren sollte. Beides erfüllte sie gleichermaßen mit größter Angst, wie man ihr deutlich an den geweiteten dunklen Augen ansehen konnte. „Mommy, hast du was fallen lassen?", hörte Erin die Stimme eines kleinen Mädchens, das kurz darauf entsetzt quiekte. „Barbara, Schätzchen...bleib ganz ruhig...bleib...bleib, wo du bist...", stammelte ihre Mutter mit bemüht ruhiger Stimme.
„Ja, Prinzesschen, bleib genau da stehen, bis Onkel Joker dich holen kommt...", äffte er böswillig den ängstlich besorgten Tonfall Barbara Gordons nach, während er auf sie zustapfte. Erin keuchte schwerfällig, das Brennen in ihrem Bein hatte das Maß alles Erträglichen überschritten. Dennoch kämpfte sie sich auf ihre Ellbogen und versuchte sich aufzusetzen. Sie winkelte das rechte Bein an und verlagerte ihr Gewicht darauf. Im Übergang zwischen Flur und Wohnzimmer stand ein alter Beistelltisch, dessen vorderes linkes Bein offenbar kaputt gegangen war. Zu seiner Stabilisierung war ein Stapel alter Tageszeitungen darunter geklemmt worden. Werbeblätter und Briefumschläge stapelten sich darauf. Ein schwarz umrahmter Spiegel hing darüber an der Wand, die Halterung für eine Kerze ragte mittig vor dem Spiegelglas in die Höhe, gelbe Wachsrückstände klebten in dicken Klumpen daran. Der Teppich gab ein leises scharrendes Geräusch von sich wie das von Katzenpfoten, die sich ihre Krallen an widerspenstigem Polster abzuwetzen versuchten, als sich Erin kriechend darauf fortbewegte, um sich an der intakten Seite des Beistelltisches abzustützen und hochzuziehen. Mittlerweile hatte der Joker Gordons Frau erreicht und hielt sie mit der Waffe mühelos in Schach. „Ich...äh...will Sie auch gar nicht lange belästigen, Mrs. Gordon, und Ihr entzückendes Töchterchen...ist für mich auch nicht von Interesse. Ich wüsste nur gern, wo Sie Alex Randall versteckt halten. Dann bin ich auch gleich wieder weg", er versuchte, strahlend zu lächeln, doch seine vergilbten Zähne und die verstörenden Narben, die seine Mundwinkel erst mittig auf seinen Wangen enden ließen, brachten nur eine gehässige und bedrohliche Fratze zustande, die Barbara Gordon verängstigt zusammenzucken ließ.
„Ich weiß...ich weiß nicht, wovon...wovon Sie sprechen", stammelte sie atemlos. Man musste nicht über außerordentlich ausgeprägte Menschenkenntnisse verfügen, um zu bemerken, dass Gordons Ehefrau log, um Alex in Schutz zu nehmen. Erin schluckte gequält. Sie trug zu einem nicht unbeachtlichen Anteil Schuld daran, dass Gordons Familie in diese Situation geraten war, und wenn der Joker sich nicht wieder einen morbiden Scherz erlaubt hatte, hatte sie, indem sie die Hilfe des Commissioners beansprucht hatte, einen der jüngsten Mörder in Schutz genommen, die Gotham je in seinem kranken Schoß geborgen hatte.
„Hm...", machte der Joker in einer hohen Tonlage, während er mit der Waffe vor dem Gesicht der furchtsam zusammengesunkenen Frau des Polizeichefs herumfuchtelte. „Ich denkeee...", hob der Joker an, „...dass du genau weißt, wovon ich spreche", sein Tonfall hatte alles Harmlose abgestreift und den Unterton einer Warnung angenommen. Als sich die Tochter des Commissioners auch nur wenige Zentimeter vom Fleck rührte, wandte sich der Joker in einer fließenden Bewegung um und feuerte einen Schuss ab, der den Fuß des Mädchens nur um Haaresbreite verfehlte. Ob es in seiner Absicht gelegen hatte, daneben zu schießen, wusste Erin nicht zu beurteilen. Einen zweiten Schuss ließ er zunächst jedenfalls nicht folgen, sondern starrte die kleine Barbara aus seinen Totenkopfaugen heraus an, sodass das Mädchen gar nicht mehr dazu in der Lage gewesen wäre, sich zu rühren, wenn sie es beabsichtigt hätte. Es war, als hätte jemand einen Schleier aus purem Weiß über ihr kleines, puppenhaftes Gesicht ausgebreitet. Die haselnussbraunen Augen waren im Schock geweitet, die Knie ihres zierlichen kleinen Körpers zitterten sichtlich. „Beim nächsten Mal schieße ich vielleicht nicht mehr daneben, Püppchen", warnte der Joker, der Erin mittlerweile den Rücken zukehrte. Nichtsdestotrotz konnte sie aus seiner Stimme heraushören, dass sich seine Geduld einem Ende zuneigte. Er hatte heute schon zu viele Menschenleben verschont, es schien ihm danach zu gieren, diesen Umstand zu ändern. In seltenen Momenten wie diesen war Erin dankbar dafür, stumm zu sein, andernfalls hätte sie vor Schmerz pausenlos gestöhnt, geschrieen und damit den Geduldsfaden des Jokers zum Reißen gebracht. Sie lehnte mit dem Kopf an dem kleinen Schränkchen, der holzige, knopfförmig rundliche Griff eines der Schubfächer bohrte sich in ihren Nacken und übte unangenehmen Druck auf einen ihrer Halswirbel aus. Im Vergleich zu dem tobenden Flächenbrand, der von ihrem linken Bein zehrte, war es nur ein Phantomschmerz, kein wirklich reales Unbehagen, das es mit der Stichwunde aufnehmen konnte, die Erin das Gefühl gab, ein Glasball wäre in ihrem Muskel explodiert, dessen Splitter sich tief in ihr Fleisch fraßen wie hungrige Parasiten. Sie verlor Blut, wusste aber, dass er ihre Schlagader verfehlt haben musste, weil sie sonst längst weitaus größere Mengen ihres Lebenssaftes verloren hätte und wahrscheinlich schon nicht mehr bei Bewusstsein gewesen wäre. Wäre das Messer stecken geblieben, hätte es zu starken Blutverlust wie ein Pfropfen oder Korken zu verhindern gewusst, so aber war Erin auf baldige Hilfe angewiesen, wollte sie nicht noch langsamer und qualvoller verbluten als bei einer Perforation ihrer Schlagader. Auch wenn es sie viel Überwindung kostete und ihre Pein vergrößerte, presste sie ihre Hand auf die Wunde und versuchte somit, die Blutung in Schach zu halten. Eine Kompresse oder ein Druckverband wäre natürlich wesentlich hilfreicher gewesen, doch Erin war nicht in der Position, Forderungen zu stellen.
„Komm her, kleines Spätzchen...na los...komm, komm, komm", tönte die verzerrte Stimme des Jokers in beunruhigender Dissonanz. Er winkte Gordons Tochter zu sich heran wie einen Hund. Sie schaute skeptisch zu ihrer Mutter, die in ihrer Angst nickte. Sie ahnte, dass Ungehorsam den Joker nur noch mehr provozieren würde und das erschien ihr im Augenblick äußerst unklug zu sein. Langsamen Schrittes trat das Mädchen an ihre Mutter heran, die sofort beschützend die Arme um sie legte.
„Wo...ist...Alex?", formulierte der Joker seine Frage mit unmissverständlicher Klarheit. Obgleich in Gordons Haus keine absolute Stille vorherrschte, weil im Wohnzimmer leise der Fernseher lief und die draußen vorbeifahrenden Autos das Echo ihrer Motorengeräusche durch die nicht gänzlich schalldichten Fenster warfen, lag eine Spannung in der Luft, die fast mit den Händen greifbar gewesen wäre, wäre sie sichtbar gewesen. „Was wollen Sie von ihm?", wagte Barbara Gordon eine unvorsichtige Frage zu stellen. Der Joker legte den Kopf schief und lachte gellend auf: „Also wirklich! Das mit dem dumme Fragen Stellen hast du wirklich mit deinem Mann gemeinsam...", er packte Barbara am Arm und zerrte sie und das kleine Mädchen in das Wohnzimmer.
Erin blieb im Flur in einer Lache ihres eigenen Blutes sitzen und sah hilflos dabei zu, wie der Joker Barbara und ihr Kind zu Boden schleuderte. Die Tochter vergrub das Gesicht an der Brust ihrer Mutter und weinte vor lauter Angst, Barbara selbst versuchte ihr Kind so gut es ihr möglich war zu beruhigen, wiegte es in ihren Armen und schöpfte daraus die nötige Kraft, nicht selbst in Tränen auszubrechen, während der Joker die auf dem Fußboden zusammengekauerten Geiseln umkreiste. Erin sah, wie er sich im Wohnzimmer umsah, schließlich aus ihrem Blickwinkel verschwand und triumphierend ausrief: „Ah, da ist er ja, da ist er ja, Alex, Alex Randall." Die junge Frau, deren linkes Bein in einer Pfütze aus Blut zu ertrinken drohte, glaubte, Alex schreien zu hören, doch weil ihre Wahrnehmung durch den übermächtigen Schmerz stark beeinträchtigt wurde, wusste sie nicht mehr, was real war, und was sie sich einbildete. So hielt sie auch verwirrt inne, als Barbara Gordon den Kopf zu ihr drehte und die linke Hand hob, woraufhin die beiden goldenen Armreife aneinander schlugen, die sie als Zierde zu ihrer ansonsten eher bescheiden ausfallenden Garderobe trug. Zuerst glaubte Erin, sie würde auf sie deuten, doch ein weiteres beharrliches Zeichen vonseiten der verängstigten Frau ließ eher vermuten, dass sie das Schränkchen meinte, an dem Erin lehnte. Le Gardiens jüngster Zuwachs biss die Zähne zusammen und richtete sich mühsam auf, um den Kopf zu drehen und den Schrank eindringlicher zu betrachten. Er besaß vier Schubfächer, die eine Tiefe von etwa fünfzehn Zentimetern vorzuweisen hatten. Hätte man eine Wasserwaage an die oberste Kante eines der Fächer gelegt, hätte diese in jede beliebige Richtung ausgeschlagen, nur mittig wäre die Anzeige keineswegs verblieben. Gordons Frau deutete hektisch mit dem Zeigefinger nach oben. Meinte sie, dass etwas auf dem Schränkchen stand? Erin hatte, als der Joker sie durch die Tür gestoßen hatte, nur einen Berg aus Papier erspähen können. Unauffällig konnte sie diesen in ihrem Zustand nicht einer näheren Untersuchung unterziehen. Barbara Gordon zeigte mit wachsender Verzweiflung vier Finger hoch, dann wieder ihren nach oben deutenden Zeigefinger.
Dann unterband der Joker persönlich jede noch so vorsichtige Form der Kommunikation, indem er wieder in Erins Sichtfeld trat. Seine Finger schlossen sich fest um Alex dunklen Haarschopf, der Junge weinte, kreischte regelrecht. Nicht zuletzt weil er stets in sich gekehrt und auf eine nahezu beängstigende Art und Weise teuflisch ruhig gewesen war, klangen diese Geräusche aus seinem Mund unwirklich in Erins Ohren. „Da...haben wir ihn ja. So viel Aufwand deinetwegen, Mister Randall...so...viel...Blut...", der Joker schüttelte sich so stark, dass Strähnen seines krausen Haares in sein Gesicht fielen, und ließ seine Lippen lautstark zu einem Nonsenslied vibrieren. Erin bekam den obersten Knauf zu fassen und zog daran. Er klemmte. Indes stieß der Joker den Jungen zu Boden, sodass er zwischen Flur und Wohnzimmer lag, mit dem Kopf in Erins Richtung. Er bedrohte ihn mit seinem Messer, ließ es ohne zu schneiden über die glatte Haut des Kindergesichts gleiten. „Ich mag keine Verräter, weißt du? Nein, nein, ich mag sie nicht. Sind mir von Natur aus...äh...", er verdrehte die Augen, dass kurzzeitig nur noch die weißen Augäpfel zu sehen waren, ehe er wieder Alex mit seinem stechenden Blick fixierte, „...unsympathisch", endete er seine Ausführung, zog die Unterlippe zwischen die Zähne und ging vor Alex in die Hocke. Es war riskant, sich nahe des Blickfelds des Jokers zu bewegen, und doch beschlich Erin das Gefühl, dass er all seine Aufmerksamkeit auf den verschwiegenen Jungen legte, dem Gordons Familie vergeblich Obdach und Schutz zu gewähren versucht hatte. Sie strich sich mit der linken, blutverschmierten Hand einige blonde Strähnen aus ihrer Stirn, auf der kalter Schweiß ausgebrochen war, und zog gemeinsam mit der rechten an der obersten Schublade. Sie öffnete sich widerwillig, doch zu Erins Glück geräuschlos.
„Wie gedenkst du, dieses...Blutopfer...zu begleichen, hm?", redete der Joker weiterhin auf Alex ein, der ihn nur angsterfüllt aus einem tränenüberströmten, feuerroten Gesicht heraus anstarrte. In der linken Hand hielt der Joker seine Schusswaffe, mit der er Gordons Frau und Tochter in Schach hielt, in der rechten das Messer, das er wenige Minuten zuvor in Erins Bein versenkt hatte.
Erin verzog unter Anstrengung den Mund, weil sie mit den Beinen auf dem Teppichboden Halt finden musste, um den widerspenstigen Schieber aufziehen zu können. Sie konnte aus ihrer niedrigen Position nicht erkennen, wie weit der Spalt schon offen stand, konnte sich aber denken, dass ihre Hand noch nicht hindurch passte. So leise wie es ihr möglich war, versuchte sich Erin auf ihre Knie aufzurichten. Was dem rechten Bein nicht schwerfiel, ließ das linke wie elektrisiert zusammenkrampfen, wieder und wieder, in kurzen, aber kraftvollen Spasmen. Unbewusst hielt sie die Luft an, bohrte die Zähne so fest in ihre Unterlippe, dass nur millimeterdünne Hautschichten verhinderten, dass sie sie durchbiss. Sie versuchte sich angestrengt mithilfe ihres rechten Beins hoch zu drücken, kauerte aber noch sekundenlang am Boden und versuchte ihr angeschlagenes Bein zu entlasten, indem sie es nicht in diese plötzlich so anspruchsvollen Bewegungsabläufe mit einbezog. Erin drückte sich mithilfe ihrer Arme und ihres rechten Beines hinter dem Schränkchen so weit nach oben, dass die offene Schublade nur noch in Nasenhöhe lag und sie hineinspähen konnte. Ihre Augen weiteten sich in einer Mischung aus Angst und Nervosität, als sie den Revolver darin liegen sah und kurz darauf die schnarrende Stimme des Jokers vernahm: „Wer mich übers Ohr hauen will...weißt du, der muss früher aufstehen. Bedeutend früher!" Erins panischer Blick glitt über den Schieber hinweg auf den Joker, der zu ihrer Erleichterung immer noch vor Alex hockte und ihr keinerlei Interesse zollte. Für einen lähmenden Augenblick lang hatte sie geglaubt, er würde zu ihr sprechen. Wenngleich dem nicht so war, wusste Erin, dass höchste Eile geboten war, wenn sie verhindern wollte, dass Alex das gleiche Schicksal ereilte wie Anna oder Scott...oder noch schlimmer: das des Hausmeisters Turner. Mit wilder Entschlossenheit, die die unmenschlichen Schmerzen in ihrem Bein jedoch nicht im Geringsten linderte, kämpfte sich Erin auf ihr rechtes Bein, streckte es aus, dass sie fast in ganzer Körpergröße am Schrank lehnte. Sie griff in die Schublade, zog die Waffe heraus und stellte mit wachsendem Unbehagen fest, dass sie sich wie ein Fremdkörper in ihren zierlichen Händen anfühlte. Klobig und schwer ruhte sie in ihrer rechten Hand, stützend musste Erin auch noch die linke zu Hilfe nehmen, um die Waffe überhaupt anheben zu können, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Den linken Fuß aufzusetzen, wagte sie kaum, humpelte nur behelfsmäßig damit in den Flur, um besser zielen zu können. Wenn die Waffe einen Rückstoß hatte, der stark genug war, wusste Erin, dass er sie zu Boden reißen würde, weil sie einerseits noch nie eine Schusswaffe abgefeuert hatte, und andererseits hauptsächlich nur auf einem Bein stehen konnte. Sie bemühte sich, sich leise zu bewegen, und doch bemerkte sie der Joker mühelos.
Dennoch drehte er ihr den Kopf wie in Zeitlupe zu ihr, das infernalische Grinsen, das aussah, als hätte es ein unfähiger Steinmetzlehrling in sein Gesicht eingemeißelt, stach rot leuchtend aus seinem teils in Schatten gehülltem Gesicht hervor, die schwarz ummalten Augen waren auf sie gerichtet, seine linke Braue wanderte amüsiert nach oben. Er öffnete den Mund und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, ließ sie dann noch neckisch aus dem Mundwinkel hängen und straffte dann die Schultern, als er sagte: „Huiuiui, Häschen...das...äh...würde ich nicht machen, wenn ich...an deiner Stelle...äh...nicht in der Grube landen wollen würde." Er senkte den Kopf ein wenig und erhob sich gemächlich, bis er sich zu voller Größe vor ihr aufbaute. Erin stand in einem Abstand von sechs Metern von ihm entfernt neben dem Spiegel, sah ihr eigenes, eher klägliches Spiegelbild aus dem Augenwinkel, und hielt die Waffe angestrengt vor sich. Das Zittern ihrer Hände übertrug sich auf den Lauf, der unstet hin- und herschwankte, was der Joker unglaublich witzig fand. Er lachte laut auf und warf den Kopf in den Nacken, schüttete sich regelrecht aus, während Erin versuchte, dem pochendem Schmerz in ihrem Bein zum Trotz die Waffe auf ihn zu richten.
„Hahahaha, hohohoho...nein, wie komisch!", prustete er und schlug sich sogar auf den Schenkel als wäre Erin, wie sie mit blutunterlaufenem Hosenbein am ganzen Leib bebend vor ihm stand und ihn allen Ernstes mit einer Waffe bedrohte, der lustigste Anblick, der ihm je zuteil geworden war. Speichel sprühte regelrecht über seine Lippen, als er abermals laut auflachte, nahezu johlte. „Du...hihi...du hältst das nicht für klug, oder, mein Häschen? Hm? Hihihihi...", er schüttelte den Kopf, doch seine Augen starrten sie mit kühler Berechnung an, ließen sich nicht von der Ausgelassenheit seines makaberen Gelächters anstecken. Erin bemühte sich um Haltung, aber sein Lachen brachte sie aus dem Konzept. Traute er es ihr nicht zu, den Abzug zu betätigen? Erin zögerte. Traute sie es sich überhaupt selbst zu? Sie hätte es ja noch nicht einmal übers Herz gebracht, einem der aufmüpfigen Kinder in Le Gardien eine Ohrfeige zu verpassen, ganz zu schweigen davon, einen anderen Menschen tödlich zu verletzen! Vielleicht würde ihr Schuss auch daneben gehen, weil sie so zitterte, und dann? Dann unterzeichnete sie somit ihr eigenes Todesurteil. Erin kniff die Augen zusammen, blendete das Gefühl, dass ihr Oberschenkelmuskel abwechselnd zerrissen und dann wieder schmerzhaft zusammengepresst wurde, mit aller Macht aus, und zielte mit höchster Konzentration auf den Joker. Warnende Worte konnte sie ihm keine zukommen lassen, aber vielleicht tat ihre Körpersprache das Nötige. Die schwer verletzte junge Frau, deren Blutspur über ihr Knie hinausreichte, konnte sich kaum auf den Beinen halten, spannte ihren Körper aber so deutlich wie möglich an. Der Joker legte den Kopf schief und fing an, langsam auf Erin zuzugehen, ohne einen direkten Weg zu wählen. Stattdessen schritt er langsam nach links, nur um dann wie eine eingesperrte Raubkatze hinter Gitterstäben unruhig die Richtung zu wechseln. Der Lauf der Magnum folgte ihm, neben Erins hektischen, aufgrund des Schmerzes stoßweise und gepresst kommenden Atems erfüllte einzig und allein das wimmernde Schluchzen der Tochter Gordons den Flur. Erin verlangte es alles ab, die klagenden Laute zu ignorieren, obwohl ihr das Herz bis zum Halse schlug und ihr leicht schwindlig wurde.
Der enorme und rasche Blutverlust hatte ihren Blutdruck in den Keller sinken lassen und kostete sie noch mehr Kraft als gewöhnlich. Sie wusste, dass der Joker ihre schwindenden Kräfte spürte, dass er einen schier übermenschlichen Sinn dafür entwickelt hatte, sich die Emotionen seiner Opfer oder unterlegenen Gegner wie Rosinen aus einem Kuchen herauszupicken. Sein zuckender Mundwinkel ließ sie wissen, dass er sie längst durchschaut hatte. „Sag mir nur eins, Schätzchen...hast du dich ähnlich...hilflos und... allein gefühlt, wenn Daddy auf dich zugekommen ist und du...gewusst hast...dass er...", er machte eine abrupte Drehung, die Erin zusammenzucken und beinahe das Gleichgewicht verlieren ließ, „...dass er dir wehtun würde und du...", er legte den Kopf in den Nacken und musterte sie von oben herab, ehe er mit tieferer, dunklerer Stimme hinzusetzte, „...und du nicht weglaufen können würdest?" An ihren blonden Strähnen klebten Blutreste, wie Erin unterschwellig wahrnahm, als ihr das Haar in die Stirn zurückfiel. Sie versuchte es zurückzudrängen ohne die Hand von der Waffe nehmen zu müssen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Einige Strähnen fielen über ihr linkes Auge, schränkten ihre Sicht ein wenig ein.
„Bestimmt hast du dich so gefühlt wie jetzt...hab ich Recht?", er schnalzte mit der Zunge und ließ die Arme mit jedem Schritt an seinen Seiten entlang schwingen als balancierte er auf einem Bordstein und umkreiste nicht eine ihm unterlegene junge Frau wie ein Raubtier auf Beutezug. Erins Nasenflügel blähten sich heftig auf, als sie angestrengt durch die Nase ausatmete. Sie wusste, dass er dieses Gespräch nur mit ihr führte, um sie zu verwirren und emotional zu treffen, dass er sein Wissen über ihre schwierige Kindheit eiskalt ausnutzte. Und trotzdem konnte sie seine Worte nicht einfach ignorieren; dennoch ging seine Stimme durch Mark und Bein und schwor die Geister längst verdrängter unschöner Erinnerungen in ihr herauf. Ihre Erinnerungen waren eine schmerzhafte Bürde, die sie mit sich herumtrug, aber noch viel tiefer und stärker traf sie der Gedanke, dass es ausgerechnet Danny war, der ihre Schwächen zu seinen Waffen machte und sie gegen sie verwendete. „Wie hat er dich angefasst, Erin...hm?", redete er weiterhin auf sie ein und sie registrierte mit schierer Verblüffung und wachsender Angst, dass er den Radius enger gezogen hatte ohne dass sie es wirklich mitbekommen hatte. Ihr Blick war mit seinem verschmolzen, ihre hellen, kühlen Augen wurden von der unbarmherzigen Schwärze der seinen übermannt. „Hat er...", fuhr er in leisem Ton fort, „...hat er...dich gestreichelt? War er...äh...war er sanft zu dir?" Erin schluckte schwer und hatte doch das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Seine Worte wühlten sie auf, obwohl sie das nicht zulassen wollte. Es war als spräche er eine magische Formel aus, welche die Dämonen aus Erins fleischgewordenen Alpträumen aus ihrem jahrzehntelangen Schlaf erweckte.
Ihre Augen brannten vor Wut, Angst und tiefstem Schmerz. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als er sie so ungeniert, so gehässig mit den Abgründen ihrer Kindheit konfrontierte. Tränen brannten in ihren Augen; je mehr ihre Züge arbeiteten, desto leichter glitten die warmen salzigen Perlen über Erins schmutzige Wangen. „Das...äh...war er, nicht wahr? Er war sehr sanft zu seinem kleinen Spätzchen...", er grinste triumphierend, während sie hektisch die Tränen fortblinzelte, um zu verhindern, dass er einen Vorteil daraus ziehen konnte, weil ihr Blick verschleiert war. Noch immer hielt er die Schusswaffe in der einen, das Messer in der anderen Hand. In ihrer wachsenden Verwirrung fragte sie sich, warum er sie nicht längst niedergestochen oder erschossen hatte. Dabei lag die Antwort auf der Hand – weil es ihm nicht so viel Genugtuung verschafft hätte wie das garstige Spiel mit Erins Gefühlen. „Bis er...ja bis er dir wehgetan hat. Sag mir, Erin...", er betonte ihren Namen so eindringlich, dass sie keuchend ausatmete, die Pistole in ihrer Hand zitterte stärker denn je. „Sag mir...wie es ist...wenn man schreien will, aber es nicht kann...", sein Grinsen wurde breiter, bis er erneut laute und hysterische Lachsalven ausstieß und sich ihr in weniger bedachten Schritten näherte. Erin geriet in Panik, straffte in letzter Anstrengung ihre Gestalt und zog den Abzug so weit sie konnte durch. Der gleichermaßen erhoffte wie befürchtete Schuss blieb aus und für eine Sekunde starrte sie aus tränenverschleierten Augen derart verblüfft auf den Lauf, der seinen Dienst verweigerte, dass es der Joker schon wieder komisch fand.
„Die Sicherung, Schätzchen...", erinnerte er sie, nachdem er sich von einem weiteren Lachanfall erholt hatte. Erin kam nicht mehr dazu, den zur Entsicherung nötigen Hebel mit dem Daumen zu betätigen, viel zu schnell hatte der Joker die Situation zu seinen Gunsten ausgenutzt und ihr mit einem gezielten Tritt die Waffe aus der Hand geschlagen, die laut polternd und dennoch ohne große Gefahr zu verursachen auf den Boden fiel. Hunde, die bellten, bissen nicht; ein ungeschriebenes Gesetz, dem sich auch die unbenutzte Magnum beugte, die der Joker mit dem Fuß tiefer in den Flur hinein schob. Erin packte er im Genick, zwang sie, auf ihrem verwundeten Bein zu stehen, und als ihr dies nicht gelingen wollte, schlug er sie mit dem Lauf seiner eigenen Pistole zu Boden. Er bekam sie am Kragen ihres Shirts zu fassen und schleifte sie buchstäblich mit sich zu Gordons Frau und Tochter, die beide mit sichtlichem Entsetzen das Geschehen beobachtet hatten und um ihr Leben fürchteten. Alex, den der Joker zwar außer Acht, aber nie wirklich vergessen hatte, war nicht weit gekommen. Er zerrte noch immer an der Tür der Veranda, als der Joker pfeifend von Erin abließ und mit einem präzisen Schuss Alex' Hand am Türknauf zerschoss. Der Junge sackte auf der Stelle zusammen und hielt sich die Hand, kreischte vor Schmerz und Todesangst, dass Erin selbst in ihrem benommenen Zustand von seinem Grauen angesteckt wurde. Alex wand sich, krümmte sich, klammerte sich heulend an die Überreste seiner Hand, und weinte, flehte, bettelte um Gnade. Der Joker gewährte ihm nicht seine Form der Gnade – einen schnellen und erlösenden Tod –, sondern packte ihn am Haarschopf und zerrte ihn daran auf die Beine zurück. „Wirst du jetzt gehorchen, ja? Wirst du jetzt brav sitzen bleiben, bis ich mich dir wieder widmen werde, Mister Randall?", fragte der Joker mit unüberhörbarer Wut in der Stimme. Die Aufmüpfigkeit des Jungen schien ihm gewaltig gegen den Strich zu gehen. Alex nickte verängstigt, klammerte sich an seine Hand und blieb sitzen, als der Joker ihn auf das cremefarbene Polster der Couch stieß, um sich seinen anderen unfreiwilligen Klienten zu widmen. „So...", begann er und seine Stimme nahm nun einen fast selig beschwingten Unterton an, „...was...machen wir jetzt mit euch hübschen Täubchen, hm?", er beugte sich hinab und rückte mit seinem Gesicht nahe an Barbara Gordon heran, die in größter Agonie die Augen schloss und den Mund vor Ekel und Schaudern verzog.
„Hm...", lautete des Jokers simple Reaktion, ehe er der kleinen Tochter das lange braune Haar durcheinander brachte, weil sie ihn nicht ansehen wollte. Seine bloße Berührung ließ das kleine Mädchen lauthals weinen und brachte es dazu, sich enger an ihre ebenso wehrlose Mutter zu pressen. Zuletzt ging er vor Erin in die Hocke. Sie lag ausgestreckt auf dem Teppich, Haare, Hand und Bein blutdurchtränkt, und atmete flach. Der Joker beobachtete sie einige Sekunden lang schweigend, beinahe fasziniert davon, wie konsequent sie seinem Blick auswich und darauf verzichtete, sein Erbarmen einzufordern. Er streckte die Hand aus und strich ihr die blutigen Strähnen blonden Haares aus dem Gesicht. Sie versuchte ihm auszuweichen, doch ihre Bewegungsfreiheit war durch ihre Verletzungen eingeschränkt, sodass sie ihm nicht entgehen konnte. Dennoch schloss sie die Augen nicht, starrte entschlossen aus dem rot umrandeten, tränenfeuchten Blau ins Leere, mit der Absicht, nicht aufzugeben. Dem Joker rutschte ein Glucksen über die Lippen, ehe er grob Erins Nacken griff und ihren Kopf nach oben zerrte.
Er lehnte sie rücklings an die Frau des Commissioners und zog eine Rolle Paketklebebands aus einer seiner Manteltaschen hervor. „Dumdidum, dadida, hahahahaha...", säuselte er in sich hinein, während er das Band von der Rolle löste und es lautstark in entsprechend große Teile riss. Diese klebte er auf die Münder der drei Frauen, ehe er die längeren Bandabschnitte dazu nutzte, die Handgelenke aller mehrfach und sehr straff zu umwickeln. Erin gelang es nicht einmal mehr, ihre Finger völlig abzuspreizen, so fest hielt sie das Klebeband umschlungen. Zuletzt tanzte der Joker mit dem Klebeband regelrecht um seine drei Opfer und band sie fest und eng in Brusthöhe aneinander. „Wie die drei kleinen Schweinchen...", stellte der Joker trocken fest und grunzte illustrierend. Keinem außer ihm selbst war noch zum Lachen zumute. Zuletzt zog er einen kleinen dunklen Kasten aus seinem Mantel hervor und legte ihn Erin auf den Schoß, klebte ihn mit dem Klebeband um ihr rechtes Bein, drückte auf zwei der Knöpfe und kicherte, als die roten Zahlen einer Digitaluhr aufleuchteten. Sie zeigten fünf Minuten an. „Weißt du, was das iiist?", fragte er und schaute zu Erin auf, die heftig um Atem rang. Ihr ganzer Körper war eingepfercht in das resistente Klebeband, das nur ein scharfes Teppichmesser zu lösen in der Lage gewesen wäre. Ihr schwirrte der Kopf vor lauter Schmerz und der grässlichen Lache des Jokers, sodass es ihr schwerfiel, sich auf die kleine Box in ihrem Schoß zu konzentrieren. „Ich will nicht lang um den heißen Brei herumreden, Häschen, nein, nein, das hab ich nicht vor, keine Angst", er lehnte sich zu ihr vor, sodass sein Kinn in ihrer Brusthöhe befindlich war.
„Das...ist eine Box...eine stinknormale, langweilige Box", erklärte er langsam und mit hochgezogener Braue, „Aber wenn ich diesen Knopf hier drücke...den da, siehst du?", er deutete auf eine kreisrunde rote Taste rechts von der Digitalanzeige, „Dann verwandelt sich diese Box auf eine zauberhafte Weise in eine Bombe, die in nur fünf Minuten zündet. Eigentlich...eigentlich hätte ich die Zeitangabe weglassen können, meinst du nicht auch?", er grinste breit und entblößte eine Reihe bedrohlicher Zähne, „Aber dann dachte ich mir, dass ihr in Regeln eingeschlossenen Menschen...", er gestikulierte wie unter Strom mit den Händen herum, streifte damit erneut den Haarschopf des jungen Mädchens, das gequält aufstöhnte, doch vom Joker nicht weiter beachtet wurde.
„Ihr Gefangenen eurer eigenen kleinen Spießerwelt...ihr lebt nach einem Zeitplan. Und weißt du auch wieso, mein Mäuschen, hm?", er hatte sich so weit vorgelehnt, dass Erin nicht länger an ihm vorbeisehen konnte. „Weil euch eine Aufteilung eurer Zeit ein armseliges Gefühl von Kontrolle vermittelt. Kontrolle...die ihr genauso wenig habt wie Zeit, wenn man's genau nimmt." Er nickte wie um sich selbst zuzustimmen und strich dann mit der rechten Hand über Erins Wange. Sie drehte den Kopf weg soweit sie konnte, doch unterlag ihm erneut. „Ich hätte dich wirklich gern aus der Sache rausgehalten, weißt du, Spätzchen? Das...äh...musst du mir glauben. Aber du wolltest es ja nicht anders. Schade...wir hätten bestimmt noch jede Menge Spaß miteinander gehabt!", er schaute Erin durchdringend, doch nicht wirklich bedauernd an und drückte dann den roten Knopf an der schwarzen Kiste, bevor er sich erhob. Erin strampelte wild, versuchte, sich loszumachen, doch der Joker wusste auch dieses Bestreben in seine Schranken zu weisen. „Ah, ah, ah, das würde ich an deiner Stelle nicht tun. Es ist ein Zeitzünder angebracht, ja, ja, aber wenn du die Box zerschlägst, detoniert sie vielleicht früher. Du weißt ja, Häschen...Zeit ist Geld...", er winkte ihr langsam zu, straffte dann den Kragen seines Mantels und krallte sich den hilflosen Alex, ehe er mit seiner erfolgreich erlegten Beute Gordons Haus verließ. In Erins Ohren erklang das Weinen des Mädchens, das Schluchzen der Frau des Commissioners. Erin selbst war es nicht vergönnt, ihre Situation lautstark zu beklagen. Sie konnte nur zuschauen, während die Sekunden auf der Digitalanzeige langsam verrannen. Sie war Teil des stummen, staunenden Publikums, wenngleich sie nie beabsichtigt hatte, diese Vorstellung zu besuchen. Und wie das Schicksal so wollte, hatte sie sogar einen Platz in der ersten Reihe ergattert. Als die Uhr erbarmungslos auf vier Minuten umsprang, verlor Erin jede Hoffnung auf eine Rettung in letzter Sekunde.
Es gab ihn nicht, den deus ex machina. Er war nur eine Vision jener, die sich nicht mit der Grausamkeit der Realität abfinden wollten.
