A/N: Wow, es gibt ja doch jemanden, der das hier liest *freu* Ich danke euch für eure Reviews, ich freue mich riesig über euren Zuspruch, Mel, du dürftest eine Antwort per Mail von mir erhalten haben, Iuliel, dir hab ich in meinem Blog schon geantwortet, aber bei weiteren Fragen stehe ich dir hier natürlich zur Verfügung. Hier ist noch lange nicht Schluss :) Ich danke euch beiden wirklich sehr und hoffe, ihr habt viel Spaß mit dem nächsten Kapitel!
Scar Tissue
6
Jim Gordons Joker
Das Blatt wendet sich
Doch ist erhöhter Einsatz
Der Schlüssel zum Sieg?
Das silbern glänzende Paketband, das jede noch so differenzierte Nuance des einfallenden Sonnenlichts in einen uniformen, bleiernen Schimmer umwandelte, schien sich von Sekunde zu Sekunde enger um Erins Körper zu schnüren. Sie war sich dessen gewahr, dass es nur ihr subjektives Empfinden, ihre körperliche und psychische Reaktion auf das unerträgliche Maß an Stress war, das mit erbarmungsloser Härte auf sie eindrang. Nur deshalb fühlte sie sich so, als müsse sie in jedem Moment ersticken, als würden ihre Fesseln für ihre vorzeitige Strangulation Sorge tragen. Hinzukam ihr starker Blutverlust, der ihr den Eindruck vermittelte, ihr Kopf schwimme gegen die Gezeiten in einem Strom aus Schwindelgefühl und Übelkeit. Ihr niedriger Blutdruck und die Schläfrigkeit, die sie deswegen übermannte, sorgten zumindest dafür, dass sie den Schmerz nicht mehr so intensiv realisierte und dass auch ihre Angst, die wie ein wildes Tier in ihrem Kopf und ihrer Brust gewütet hatte, um aus ihrem Käfig auszubrechen, ruhiggestellt worden war. Erin hatte früh in ihrem Leben gelernt, jeder noch so schlimmen und schrecklichen Situation etwas Positives abzugewinnen, auch wenn ihr das nicht immer leicht gefallen war. In Anbetracht dessen, dass diese Situation nur noch etwa drei Minuten und siebenunddreißig Sekunden andauern würde, hatte dieser Gedanke fast schon etwas Tröstliches an sich.
Barbara Gordon versuchte trotz ihrer stark eingeschränkten Bewegungsfreiheit ihre Tochter zu berühren, ihr Trost und Kraft zu spenden durch eine simple Geste. Erin wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als der Frau des Commissioners deutlich zu machen, wie sehr es ihr leid tat, wie sehr sie sich dafür schämte, sie und ihre Tochter in eine so prekäre Lage gebracht zu haben. In erster Linie war es ihre Schuld, befand sie. Sie hatte beharrlich darauf bestanden, dass Alex aus Le Gardien verschwinden musste. Das hatte den Joker jedoch nicht daran gehindert, ein zweites Mal in das Waisenhaus einzufallen und Erin hoffte, es würde kein grausamer Gott sein, der darüber entschied, ob sein blutiges Spiel in Le Gardien erfolgreich sein würde. Zwar hatte Jim Gordon allein die Entscheidung gefällt, wo er Alex verstecken würde, dennoch nagte das schlechte Gewissen an Erin, grub seine Zähne tief in ihre Seele und ließ sie innerlich an Schuldgefühlen verbluten. Dabei hatte sie es buchstäblich in den Händen gehabt, diesen Wahnsinn zu beenden, ihn zu erschießen.
Die junge Frau schloss die Augen, schüttelte kaum merklich den Kopf. Nein, sie hätte es nicht gekonnt, hätte ihn nicht erschießen können, selbst wenn die Sicherung nicht intakt gewesen wäre. Vermutlich hätte sie den Abzug nicht völlig durchziehen können, vielleicht hätte sie die Pistole auch beim Abfeuern verrissen. Erin war keine Mörderin, und Danny umzulegen, hätte sie erstrecht nicht übers Herz gebracht, mochte er auch keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem jungen Mann haben, der sie als Kind beschützt hatte. In seinem Kern war er immer noch Danny, ganz gleich, zu was er geworden war, oder was ihn hatte dazu werden lassen. Hätte sie außerdem abgedrückt, wusste Erin, dass sie etwas getan hätte, was er gewollt hätte. Sie hätte ihre Prinzipien verraten, hätte aus einer Kurzschlussreaktion heraus ihre eigenen moralischen Werte in den Abgrund gestoßen, hätte sie ihrem Frust, ihrer Angst und ihrer Wut über seine verletzenden Worte freien Lauf gelassen. Stattdessen war sie im Begriff, ihr Leben zu lassen. In nur wenig mehr als drei Minuten würde ihr eigenes Licht in einer tosenden Gischt aus Feuer und Sprengstoff untergehen. Erin fragte sich, ob sie viel spüren würde oder ob es schnell gehen würde, ob sie noch merken würde, wie der Sprengsatz ihren Körper zerfetzte, ehe er Gordons Haus verwüstete und bestenfalls einen Trümmerhaufen übrig lassen würde.
Bevor sie sich intensiver mit diesem unschönen Gedanken auseinander setzen konnte, war ihr so, als hörte sie ein Geräusch hinter sich, das tiefer aus dem Wohnzimmer zu ihr hinüber drang. Die Digitalanzeige sprang ohne große Theatralik und geräuschlos auf zwei Minuten und neunundfünfzig Sekunden und Erin vermutete, dass das Geräusch, das sie zu hören geglaubt hatte, in ihrem Wunschdenken verwurzelt lag. Doch wenn dem so war, dann war ihr Wunschdenken besonders stark ausgeprägt; so stark, dass es all ihre Sinne zu überlisten schien. Als aber auch Barbara Gordon den Kopf drehte, oder besser gesagt, zu drehen versuchte, begann Erin leise Zweifel an ihrer Theorie zu hegen.
Ein Klirren, wie es sich echter nicht hätte anhören können, zerriss die anschwellende Stille vor dem Feuersturm. Erin konnte nicht sehen, was sich hinter ihr abspielte, ihr Sichtfeld war auf den Übergang zwischen Wohnzimmer und Flur begrenzt. Sie beschlich das Gefühl, dass ihr Nacken von einer leichten kühlen Brise, dem Atem des nahenden Winters gleich, gestreift wurde, hörte aber keine Schritte. Hatte sich nur jemand einen Scherz erlaubt und das Wohnzimmerfenster der Familie Gordon mit einem Stein eingeschlagen? Für unendlich erscheinende Sekunden, deren zur Verfügung stehende Anzahl schwindend gering war, vernahm Erin keinen einzigen Laut, keinen einzigen Hinweis darauf, dass sie und die Gordons vielleicht doch nicht ihr Leben lassen müssten, weil Rettung nahte. Umso heftiger zuckte sie vor Überraschung zusammen, als sich schwarze große Hände um ihre Schultern legten und sie vom hartnäckigen Paketband zu befreien versuchten. Wie es die dunkle Gestalt schaffte, das Klebeband nahezu mühelos zu durchtrennen, war Erin ein Rätsel. Als ihr das Band, das der Joker ihr über den Mund geklebt hatte, abriss, atmete sie keuchend aus. Es war, als hätte sie nach einem viel zu lange andauernden Tauchgang die Wasseroberfläche durchbrochen und könnte erst jetzt wieder befreit und tief durchatmen. Benommen drehte sich die junge Frau und glaubte, unter Halluzinationen zu leiden, die ihr das eigene überlastete Nervenkostüm vorgaukelte, als sie einen maskierten und zur Gänze in Schwarz gekleideten Mann neben sich knien sah, der hastig die üppig vom Joker verabreichten Fesseln zu lösen versuchte. Er trug ein langes schwarzes Cape, das im Luftzug, der durch die zerschlagene Verandatür eindrang, leicht wehte. Erst die Maske, die sein Gesicht zum Großteil verdeckte, ließ Erin erkennen, dass es kein geringerer als eines der meistgesuchten Phantome in der Geschichte Gothams war, das da mit stiller Präzision die Fesseln durchzuschneiden versuchte. Erin blinzelte irritiert, doch er verschwand nicht. Batman war noch immer da und kein Produkt ihrer Fantasie. Sie und die Familie Commissioner Gordons waren von einem Schwerverbrecher in Lebensgefahr gebracht worden, nur um von einem anderen polizeilich Gesuchten gerettet zu werden? Was war das hier? Ein Katz- und Mausspiel? Waren sie alle nur Schachfiguren in einem Duell zwischen Batman und dem Joker? Woher hatte die menschliche Fledermaus überhaupt gewusst, dass drei unschuldige Menschen in Lebensgefahr schwebten? Oder gehörte es zu seiner täglichen Routine, dem Haus des Commissioners einen Besuch abzustatten und ein paar Scheiben einzuwerfen? Erin runzelte die Stirn und bemerkte, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt zum Philosophieren war.
Die Uhr war bei einer Minute und zehn Sekunden angelangt, und der Kasten war noch immer um das gesunde Bein der jungen Frau gebunden. Sie war dankbar, dass Barbara Gordon und deren Tochter bei Bewusstsein und ansprechbar waren, denn allein wäre es ihr schwergefallen, Batman auf das kleine tickende Problem an ihrem Bein aufmerksam zu machen. „Eine Bombe. Er hat eine Bombe hinterlassen!", keuchte die Frau des Commissioners, als auch ihr das Klebeband vor dem Mund entfernt wurde, „Auf dem Schoß...der...der jungen Frau." Batman fackelte nicht lange, hätte im Grunde auch nicht lange zögern dürfen, wenn er die hilflosen Frauen retten wollte, und hockte sich vor Erin hin, um ihr den Kasten vom Bein zu lösen. Genauso mühelos wie er das dichte Paketband durchgeschnitten hatte, befreite er Erins Bein von der tickenden Bombe. Er erweckte den Eindruck, öfter mit derart explosiven Situationen konfrontiert zu sein und fast schon eine gewisse Routine dafür entwickelt zu haben. Wenn er wirklich so etwas wie Furcht oder Zweifel empfand, verstand er es geschickt, es sich nicht anmerken zu lassen. Er verschwendete keine unnötige Zeit an Worte und zog es vor, schweigend zur Tat zu schreiten. Barbara und ihre Tochter standen auf, sobald sie dazu in der Lage waren. „Sie kann nicht aufstehen, dieser Verrückte hat sie schwer am Bein verletzt!", sagte die Frau des Commissioners an Batman gewandt, der sich daraufhin umdrehte und Erins blutüberströmten Oberschenkel nur kurz in Augenschein nahm. Der stummen Frau entging nicht, dass Barbara trotz dieser ungewöhnlichen Situation kein einziges Mal zu zögern schien, mit Batman zu sprechen. Natürlich rettete er ihnen wahrscheinlich das Leben, aber wenn jemandem nicht entgangen sein konnte, dass Batman des Mordes an fünf Menschen beschuldigt wurde, dann wohl der Frau des Polizeichefs. Wenn sie davon wusste – wovon Erin ausging – schien sie die Bedenken der Öffentlichkeit Batman gegenüber nicht zu teilen oder sah in dieser brenzligen Situation darüber hinweg. Erin verfügte über keine extraordinäre Auffassungsgabe, aber dass Barbara diesem Batman zu vertrauen schien, fiel ihr binnen weniger Sekunden auf und machte sie stutzig.
Doch ehe sich Erin versah, hatte das Phantom im schwarzen Gewand die Arme um sie gelegt und sie mühelos angehoben, so als würde sie nur die Hälfte ihres eigentlichen Gewichts wiegen. Sein Kampfanzug fühlte sich kalt und stellenweise knochenhart an. Ein merkwürdig undefinierbarer, substanzloser, aber dennoch herb-männlicher Duft strahlte dezent von ihm aus und machte Erin, deren Kopf von den vielen Eindrücken der vergangenen Stunde schwirrte, schläfrig. Sie wusste nicht, ob es gefährlich war, Batman blind zu vertrauen, daran zu glauben, er würde sie retten. Solange sie nicht wusste, ob die gegen ihn erhobenen Vorwürfe berechtigt waren oder nicht, wagte sie es nicht, sich in Sicherheit zu wiegen. Ihr Körper jedoch, der einen nicht unbeachtlichen Verlust an Blut zu beklagen hatte, war zu erschöpft, um Abwehrmechanismen länger aufrechtzuerhalten.
Benommen lehnte sie an der Schulter des maskierten Mannes, fühlte ihre letzten Kräfte mit den verbliebenen Sekunden auf der Digitaluhr schwinden. Wie aus weiter, weiter Ferne hörte sie das Knirschen von Glas unter eilig und kraftvoll gesetzten Schritten, als Barbara und ihre Tochter durch die eingeschlagene Verandaglastür ins Freie traten, dicht gefolgt von einem Mann, der als Fledermaus verkleidet von der Presse gemeinhin als Parasit der Gesellschaft und gewissenloser Mörder diffamiert wurde, wenngleich die Anschuldigungen weder Hand noch Fuß hatten. Erin atmete die frische, kalte Novemberluft ein, füllte ihre dürstenden Lungen dankbar damit und wurde von einem rennenden Batman zu Boden gerissen, als der vom Joker aktivierte Sprengsatz nur etwa siebzig Meter von ihnen entfernt explodierte. Die Druckwelle der Explosion schwappte mit enormer Hitze über sie hinweg, verschlang donnernd, was nicht niet- und nagelfest war, und ließ das kleine Häuschen der Gordons Geschichte werden. Erin ächzte lautlos, als sie das Gewicht des maskierten Rächers schmerzhaft auf sich und ihrem verwundeten Bein spürte, und hustete heiser, als der Rauch in dicken, schwarzgrauen Schwaden über sie hinweg zog und den ursprünglich schönen, klaren Herbsthimmel über ihr verdunkelte.
Für einen kurzen Zeitraum war die Luft zu heiß zum Atmen, zu stickig, um Erins letzte Kräfte zu mobilisieren. Das, was die Explosion nicht in Stücke gerissen hatte, fiel der schwelenden Hitze zum Opfer. Die Fenster der zweiten Etage, die wie durch ein Wunder dem Druck der Explosion standgehalten hatten, fielen den unsäglichen Temperaturen zum Opfer und platzten mit einem verpuffenden Geräusch aus den dunkel lackierten Rahmen. Wie Sternenstaub schwebten die Glaspartikel kurze Zeit in der Luft, wirbelten angetrieben und getragen vom züngelnden, sich kuppelförmig gen Himmel wölbenden Feuer in erstaunliche Höhen. Erin nahm ihre Umwelt wie durch die dünne Epidermis eines Traums, einer wabernden Seifenblase wahr, und sah wie in Trance ungläubig dabei zu, wie die hungrigen Flammen auf das benachbarte Haus übergriffen. Ein Nachzügler der Explosion zerriss das, was von der halbwegs intakten Nordseite der Fassade übrig geblieben war, und ließ es in einem Regen aus Trümmerteilen auf das anliegende Grundstück stürzen. Erin betete dafür, dass nebenan gerade niemand zu Hause war. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass das schwarze Cape, das eben noch schützend über sie ausgebreitet worden war, verschwunden war. Erin blinzelte verwirrt und sah sich so weit um wie es ihr aus ihrer liegenden Perspektive möglich war. Batman war auf die gleiche Weise verschwunden wie sich ein Tagtraum mit einem bloßen Fingerschnippen in Wohlgefallen auflöste. Hätten die Gordons ihr Leben nicht auch dem flinken Phantom zu verdanken gehabt, hätte Erin an ihrem Verstand gezweifelt, ob er wirklich vor Ort gewesen war.
Die Wucht der Explosion hatte ihre Spuren an ihrem Gehör hinterlassen. Barbara Gordon war auf Knien zu ihr hinübergerutscht und beugte sich besorgt über sie, ihre Lippen bewegten sich, doch Erin nahm ihre Stimme nur wie aus weiter Ferne wahr. Es klang so, als trüge sie Ohrstöpsel, durch die nur stark gedämpft die Geräusche ihrer Umgebung auf sie eindrangen. Sie hob den linken Arm schützend vor ihr Gesicht, die grell lodernden Flammen blendeten sie, die heiße Aura, die sie ausstrahlten, brannte auf ihren Wangen. Der Rasen, auf den sie gestürzt war, stand lichterloh in Flammen. Das satte Grün, das den beständig auf den Winter zugehenden Temperaturen so lange getrotzt hatte, verdörrte innerhalb weniger Sekunden und fiel mit knisterndem, seltsam heulendem Geschrei der gefräßigen Glut zum Opfer. Der leichte Wind, der die Wipfel der großen Nadelbäume, die Gordons Hinterhof einen natürlichen Sichtschutz geboten hatten, sanft hin- und herwogen ließ, nährte die orangeroten Flammen und trieb sie dazu an, sich rasch zu vermehren.
„...in Ordnung?", vernahm Erin immer noch sehr leise, aber immerhin mit größerer Deutlichkeit als zuvor. Sie drehte den Kopf und sah in die warmen braunen Augen der Frau des Commissioners, die sie besorgt musterten. Der Sturz, den die Explosion verursacht hatte, hatte ihr eine Schramme an der Wange eingebracht. Dunkles Blut sickerte mit stoischer Trägheit aus dem schmalen Kratzer heraus und kroch langsam über ihr Gesicht. Fassungslosigkeit ob der kürzlichen Geschehnisse war in ihren Augen zu lesen, die noch immer vor Schock geweitet waren. Das flackernde Licht der Flammen spiegelte sich in ihrer Iris, brannte das Bild dessen, wie ihr Zuhause und all ihr Hab und Gut dem Feuer anheimfiel, tief in ihr visuelles Gedächtnis ein. Erin hob die rechte Hand und hielt den Daumen hoch, um auszudrücken, dass es ihr den Umständen entsprechend gut ging. Der Gedanke, dass Barbara Gordon vermutlich gar nicht wusste, dass Erin stumm war, kreuzte ihr noch um seine Erhaltung verbissen kämpfendes Bewusstsein überhaupt nicht. Mehr und mehr Menschen, die in die umliegenden Häuser bewohnten oder mit ihren Autos auf der Straße unterwegs waren, machten Halt und starrten mit der Faszination, die Schaulustigen eigen war, in das flammende Inferno. Ein Autofahrer, dessen Blick ganz und gar von den schwelenden Überresten des Hauses vereinnahmt wurde, bremste so abrupt ab, dass ein ebenso wenig geistesgegenwärtiger Fahrer eines roten Jeeps den nötigen Abstand nicht mehr erbremsen konnte, und krachend den Kofferraum seines Vordermannes verkleinerte. Erin versuchte sich auf ihre Ellbogen aufzurappeln, musste aber kapitulieren. Es war als wären ihre Blutgefäße in Blei eingefasst, das die Arbeit aller Muskeln behinderte.
Eine Traube Menschen – Erin zählte flüchtig fünf bis sieben Gestalten – kam auf sie zugelaufen, die Arme schützend vor dem Gesicht überkreuzt, um der Wand aus stickiger Hitze zu widerstehen. „Ma'am, ist alles in Ordnung? Brauchen Sie einen Arzt?" Ein stämmiger Mann mittleren Alters, dessen schütteres blondes Haar vom heißen Luftzug verspielt behandelt wurde, sodass es in alle Richtungen von seinem Kopf abstand, machte knapp neben der am Boden sitzenden Barbara und ihrer entsetzt auf das geheimnisvoll knisternde, nach und nach in sich zusammenfallende Haus starrenden Tochter Halt, stützte die Hände auf die massiven Oberschenkel und bot seine Hilfe an. Erin hörte nicht mehr, was Barbara Gordon erwiderte; sie hörte nur das zirkulierende, immer näher heranhallende Heulen hektischer Sirenen und eine Männerstimme, die selbst das vernichtende Zischen und vereinzelte Knallen des dinierenden Feuers übertönte, das sich an den empfänglichen Überbleibseln der Holzmöbel gütlich tat: „Batman! Ich hab Batman gesehen! Ganz sicher! Der Bastard hat es auf den Commissioner abgesehen!" Dumpf entgegnete eine hysterisch klingende, schrille Frauenstimme: „Blödsinn! Er hat sie gerettet. Er hat die drei da gerettet! Hast du keine Augen im Kopf, du Idiot?" Eine andere donnernde Männerstimme argumentierte dagegen: „Warum ist er dann abgehauen, hm? Wenn er keinen Dreck am Stecken hätte, wäre er nicht davongerannt!"
Erin drehte mit schwindendem Bewusstsein den Kopf zu Barbara Gordon, die ihre weinende Tochter mit beiden Armen umschlungen hatte und sanft hin- und herwiegte. Sie hielt die Augen nur halb geöffnet und schien nichts auf die Kommentare der umstehenden Schaulustigen zu geben, starrte unentwegt in die züngelnde Ruine, die vor nicht allzu langer Zeit ihr Zuhause gewesen war. Der Schock saß ihr tief in den Knochen, das lag auf der Hand; und doch wunderte sich Erin, warum die Frau des Commissioners die Mutmaßungen der Menschen nicht korrigierte und richtigstellte, dass Batman – ganz gleich welcher Tat er beschuldigt worden war – nicht der Urheber der vernichtenden Explosion gewesen war. Wahrscheinlich, weil es nichts gebracht und Batmans Ruf nicht gerettet hätte. Menschen neigten dazu, das zu glauben, was sie glauben wollten, wenngleich es nicht belegbaren Fakten oder der Wahrheit zugrunde lag. Erin lehnte sich zurück und schloss die Augen; das blutverklebte Haar fiel ihr in die Stirn und wurde von dem heißen Luftzug umspielt. Erin fand nicht einmal mehr die Kraft, die Augen zu öffnen. Eine übermächtige Schwere ergriff von jeder Faser ihres Körpers Besitz, drückte sie nach unten, auf den Rasen, der sie mit kühlender Gleichgültigkeit umfing, während über ihr die Hölle ihre Pforten öffnete. Erin sank. Sie sank tiefer und tiefer in eine namenlose Schwärze, in eine Dunkelheit aus geronnenem Blut.
***
Der Flur aus blasstürkisem Linoleum spiegelte das konstante Licht der Neonröhren, die sich pflichtbewusst nicht ein minutiöses Flackern erlaubten. Vereinzelt hallten Schritte an den weißen Wänden entlang, deren Monotonie nur durch einen blassen, hellblauen Streifen durchbrochen wurde. Die zweite Etage des wieder aufgebauten Gotham City General Hospitals lag abgesehen von den alles ausleuchtenden Lampen auf dem Hauptflur in schweigenden Schatten. Zwei in weiße Uniformen gekleidete Krankenschwestern unterhielten sich in bemüht leisem Tonfall, die Kunststoffsohlen ihrer Arbeitsschuhe quietschten rhythmisch im Einklang mit dem Fußboden, der erst vor einer halben Stunde von der Reinigungskraft gesäubert worden war. Der Minutenzeiger der großen, runden Uhr, deren Durchmesser fast vierzig Zentimeter maß, vollendete mit einem leisen Ticken seinen Umlauf. Das Geräusch mochte im normalen Tagesbetrieb des Krankenhauses untergehen, jetzt aber, um ein Uhr morgens, ertönte die Mechanik des kleinen Zeigersprungs so deutlich wie die Rufe einer Nebelkrähe auf einem kargen, brachliegenden Winterfeld.
Mehr aus reiner Gewohnheit als wirklichem Interesse an der Uhrzeit schob Commissioner Gordon den linken Ärmel seines Jacketts zurück und spähte auf die silberne Gliederarmbanduhr. Seufzend strich er sich daraufhin über die Stirn und trat erneut an die dichte Glasscheibe heran, durch die er in das Krankenzimmer schauen konnte. Auf den ersten Blick reflektierte das Glas die eher schmächtige Statur des Commissioners, das müde Gesicht, auf dem unzählige unvorstellbare Tatortermittlungen ihre Spuren hinterlassen hatten. Hinter der eher konventionellen Hornbrille blickten zwei kluge, graublaue Augen in das nur durch ein grünlich schummriges Licht notdürftig beleuchtete Krankenzimmer, in dem Erin Porter tief und fest schlafend lag. Sie war besinnungslos gewesen, als die Rettungswagen im Bereich Tricorner eingetroffen waren, hatte aber noch rechtzeitig verarztet werden können. Dass sie von dem ersten Besuch des Jokers in Le Gardien eine Gehirnerschütterung davongetragen hatte, war offenbar der Auslöser für ihre Bewusstlosigkeit gewesen. Ein kleiner Kontrollmonitor überwachte die Sauerstoffsättigung des Blutes und den Puls, durch einen Tropf wurde ihr eine Infusion verabreicht, die den enormen Blutverlust, den sie erlitten hatte, kompensieren sollte. Welche Schäden die zwar schmale, aber dafür tiefe Wunde an ihrem linken Oberschenkel noch zur Folge haben würde, blieb zu beobachten und war abhängig davon, wie sie die Infusion vertrug. Jim Gordon seufzte und schloss die Augen. Er hätte jetzt besser bei seiner Familie sein sollen, die die Ereignisse wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatte und bei Barbaras Eltern notdürftig untergekommen war. Wahrscheinlich hätte er es bevorzugt, bei seinen Liebsten zu sein, die seinen Beistand nach diesem traumatischen Ereignis dringend benötigt hätten, und nicht mutterseelenallein auf einem Krankenhausflur herumzustehen und zu warten. Aber Jim Gordon wusste, dass er, obwohl er an diesem Tag fast alles verloren hatte, wofür er die letzten zwanzig Jahre gearbeitet hatte, seinem Pflichtbewusstsein gehorchen musste. Allein, um zu vermeiden, dass ihm der Joker weitaus Wertvolleres rauben würde als sein Haus, musste er jetzt hier sein.
Barbara war verständlicherweise nicht begeistert gewesen, aber auch als er damals seinen Tod vorgetäuscht hatte, um seine Familie nicht ins Fadenkreuz des Jokers zu bewegen, war sie alles andere als entzückt von der Strategie ihres Mannes gewesen. Ob sie es sich eingestehen wollte oder nicht, es hatte dadurch ihrer aller Leben gerettet und Jim Gordon war im Begriff, Opfer dafür zu bringen, es auch ein zweites Mal zu tun. Es war ohne Frage riskant gewesen, Alex bei seiner Familie zu verstecken. Riskant und dumm, und dennoch die sicherste Option, über die er in Gotham City verfügte. Nun, vielleicht hätte es noch einen sicheren Ort gegeben, doch dazu hätte Jim Gordon Kontakt zu jener anderen Behörde aufnehmen müssen, mit der er offiziell nicht mehr zusammenarbeitete, und das wäre ein wahrhaft risikobehaftetes Unterfangen gewesen. Als Commissioner stand er im Blickpunkt der Öffentlichkeit, wurde auf Schritt und Tritt von Offiziellen beobachtet. Nicht nur der Bürgermeister hegte große Erwartungen, auch die Staatsanwaltschaft saß ihm im Nacken. Jim Gordon verschenkte sein Vertrauen nicht leichtfertig, und doch hatte es zwei Cops gegeben, die fast gute Freunde für ihn gewesen waren, die sich letztlich als korrupt genug erwiesen hatten, sich von den fadenscheinigen Versprechungen des Jokers verführen zu lassen. Wie sollte Gordon noch operieren und gegen das wuchernde Verbrechen vorgehen, wenn er in seinen eigenen Reihen Verrat und Hinterhalt befürchten musste? Gerade jetzt, als der Joker wieder auf freiem Fuß war und die nächste grausige Scharade plante. Sein zweifacher Besuch in Le Gardien und dass er Jims Haus in die Luft gejagt hatte, waren nur Peanuts im Vergleich zu dem, wessen er fähig war. Und der Commissioner wusste nicht, wie er ganz allein diesem chaotischen Treiben standhalten sollte, was er entgegenzusetzen hatte oder wie er den diabolischen Clown in seine Schranken weisen konnte. Ohne Batman als halboffiziellen Helfer der Polizei würde ihm der Joker immer einen Schritt voraus sein. Wahrscheinlich sogar eher zwei. Langsam öffnete er wieder die Augen und bemühte sich, nicht allzu heftig zusammenzuzucken, als er leicht versetzt hinter sich eine große, dunkle Gestalt in der Scheibe gespiegelt sah.
„Herrgott, müssen Sie sich immer so anschleichen?", fragte Jim mit leiser, leicht flatteriger, aber immer noch erstaunlich ruhiger Stimme. Erstaunlich ruhig dafür, dass er sich beinahe zu Tode erschreckt hatte. Sein Job härtete ihn genau für solche Situationen perfekt ab. „Wie sind Sie überhaupt hier hineingekommen? Sie werden wohl kaum den Haupteingang genommen haben...?!", Gordon betrachtete das gespiegelte Ebenbild des maskierten, in Schwarz gehüllten und stillschweigenden Mannes und seufzte hörbar, „Schon gut, vielleicht will ich's gar nicht wissen. Außerdem verrät ein guter Magier seine Tricks nicht, hm?" Noch immer erfolgte keine Reaktion vonseiten der menschlichen Fledermaus, sodass Jim für einen kurzen, aber prägnanten Augenblick glaubte, jemand wolle ihn täuschen. Dann aber machte Batman einen Schritt auf den Commissioner zu und gesellte sich dicht an seine Seite, schaute starr in das abgedunkelte Zimmer, das hinter der Scheibe lag. „Wird sie durchkommen?" Die tiefe, dunkle Stimme, die von einem Stimmenverstellgerät verzerrt wurde, dass sie eher zu fernem, dämonischem Donnergrollen als einem Menschen gehören mochte, schien gegen jedes Echo resistent zu sein. Es war fast so, als erklänge sie nur in Gordons Kopf. „Ja. Sie hat jede Menge Blut verloren, aber die Ärzte sind zuversichtlich, sie wieder aufpäppeln zu können", erwiderte der Commissioner gefolgt von einem leisen Seufzen. Er war todmüde und hielt sich schon wieder mit schlechtem Krankenhauskaffee auf den Beinen. Wenn Barbara ihn so gesehen hätte, hätte sie ihm wieder einen sorgenvollen Vortrag über seine Herzgefäße gehalten. „Das mit Ihrem Haus tut mir leid", merkte die sonore Stimme neben ihm an.
Gordon nickte kaum sichtbar. „Schon gut. Sie haben ja nicht die Lunte gezündet, oder?", er erlaubte sich ein schiefes Lächeln, aus dem mehr Galgenhumor sprach als Jim Gordon im Moment wirklich vertragen konnte. Alles, was er sich aufgebaut hatte, das Zuhause für seine Familie, der einzige Ort, an dem es ihm manchmal zu vergessen gelang, in welcher Hölle von einer Stadt er eigentlich lebte – all das war ihm genommen worden von der Laune eines Irren. „Sie haben meiner Frau, meiner Tochter und der jungen Miss Porter da das Leben gerettet", stellte der Commissioner in sachlichem Tonfall fest, bevor er ein eher gefühlvolles „Danke" nahtlos anknüpfte. Gotham Citys Rächer war nicht gerade für seine Emotionalität bekannt, und so wunderte es Jim Gordon nicht wirklich, dass Batman seine Worte mit einem schwachen Nicken quittierte. „Wie haben Sie herausgefunden, dass der Joker in mein Haus einfallen würde?", fragte Gordon ohne wirklich Hoffnung darauf zu hegen, eine verwertbare Antwort zu erhalten. „Ich wusste, dass Sie den Erben der Randall – Familie bei sich eingeschleust haben. Ich konnte mir denken, dass Sie das nicht ohne Grund taten." Gordon blinzelte den Batman verdutzt an. „Sie beobachten mich?" Hölzern erwiderte der maskierte Mann: „Wie sonst soll ich Gotham noch von seinem Abschaum befreien können? Sie sind der einzige Zugang, den ich zu polizeilichen Ermittlungen habe." Gordon verzog den Mund, was seinem strohigen Bart kurzzeitig ein komisches Eigenleben verlieh. „Ich fühle mich sehr geschmeichelt, dass Sie mich als so wichtig erachten." Er verstummte kurz, blickte noch einmal auf die friedlich schlafende Frau im Krankenbett und setzte leise hinzu: „Dass ich offiziell die Hunde auf Sie hetze, hat glaube ich weder Ihnen noch mir irgendwelche Vorteile eingebracht."
Batman drehte den Kopf. Unter der schwarzen Kunststoffmaske wirkten seine dunkelbraunen Augen noch finsterer, und doch meinte Gordon ein kurzzeitiges Leuchten in ihnen zu sehen. „Manchmal muss man Opfer bringen, um eine gute Sache zu bewahren. Gotham hat nicht mehr viel Gutes an sich, abgesehen von Hoffnung und den Glauben an Gerechtigkeit. Beides hat Harvey Dent verkörpert, bis...bis er gefallen ist." Batman machte eine bedeutungsvolle Pause, senkte kurz den Blick und richtete ihn auf die Glasscheibe.
„Wie konnte der Joker aus Arkham fliehen?" Gordon betrachtete Batmans verhüllte Züge aufmerksam. Die schmalen Lippen waren eng aufeinander gepresst, das markante Kinn in Schatten gehüllt. „Fragen Sie sich das ernsthaft? Ich habe gehofft, dass Arkhams Personal genug Erfahrungen mit geisteskranken Insassen gesammelt hat, aber offenbar waren ein, zwei für den Joker empfängliche Gemüter darunter. Wie er es genau angestellt hat, ist auch mir ein Rätsel, aber dass er eine Gefahr für die Pfleger und Ärzte darstellen würde, lag von Anfang an auf der Hand. Er hat einen der Pfleger mit seinen Psychospielchen in den Selbstmord getrieben. Hat sich einfach so die Pulsadern aufgeschlitzt...mitten im Dienst, mitten im Flur...darauf entstand natürlich ordentliche Furore." Der Commissioner schwieg einige Sekunden, befeuchtete sich die Lippen und schüttelte leicht den Kopf: „Dieser Bastard hat die daraufhin entstandene Panik und das Chaos zu seinen Gunsten ausgenutzt, hat einen Pfleger überwältigt und mit seinen eigenen Schnürsenkeln stranguliert. Was nicht niet- und nagelfest ist, verwandelt er in eine Mordwaffe...", wieder unterbrach sich Jim Gordon selbst, nahm einen Schluck vom bereits erkalteten Kaffee, verzog missmutig den Mund und fuhr fort: „Er rief um Hilfe, behauptete, dem Pfleger ginge es nicht gut...in der allgemeinen Unruhe neigen die Menschen dazu, unvorsichtig zu werden. So auch Doktor Delano. Der Joker hat das Entsetzen des Arztes ausgenutzt, als dieser die Leiche des Pflegers sah, schlug ihn nieder und spazierte regelrecht aus seiner Zelle. Es gibt kein Gefängnis, keine Anstalt, keine Zelle auf dieser Welt, die der Joker nicht überwinden kann. Selbst wenn er hinter Gittern sitzt, ist er gefährlich, ist er draußen, kann sich niemand mehr den Luxus leisten, sich in Sicherheit zu wiegen. Ich...ich sage es nicht gern, aber ich weiß nicht, wie ich ihn ohne Ihre Hilfe fassen soll." Batman tat daraufhin etwas, das Jim Gordon so nie erwartet hätte. Er legte die linke Hand um die bedeutend schmächtigere Schulter des Commissioners.
„Der Joker ist gefährlich und unberechenbar. Aber er ist immer noch ein Mensch, nicht unverwundbar...und erstrecht nicht unbesiegbar. Meine Hilfe haben Sie, das wissen Sie auch...vielleicht sogar schneller als Ihnen lieb sein kann. Ich habe im Gefühl, dass der Joker das Bedürfnis hat, unsere kleine Notlüge bezüglich der von Dent verübten Morde zu korrigieren. Und dann ist nicht nur die Hoffnung dahin, die Harvey Dent nach Gotham gebracht hat, sondern auch Ihre Glaubwürdigkeit als Polizeichef." Batman schenkte dem Commissioner nicht einmal einen Seitenblick, als er diese Worte sprach.
Sein nachdenklicher Blick galt den Monitoren, die ganz leise, kaum hörbar, vor sich hinpiepten. „Sie hat zwei Begegnungen mit dem Joker überlebt. Eine bemerkenswerte Bilanz, wenn Sie mich fragen", murmelte Gordon nach einigen Minuten der unruhigen Stille, die zwischen ihnen herrschte. „Er hätte sie um ein Haar in die Luft gesprengt. Ich glaube nicht, dass er auch nur einen Gedanken daran verschwendet hat, sie zu verschonen", hielt Batman dagegen und verschränkte die muskulösen Arme vor der breiten Brust. „Das habe ich damit auch nicht gemeint. Eher das Gegenteil. Vielleicht verdient sie polizeilichen Schutz." Batman schien sich daraufhin eine etwas ironische Antwort nicht verkneifen zu können: „So wie Alex Randall?" Gordon schenkte seinem inoffiziellen Helfer ein unterkühltes Lächeln: „Nein. Besseren Schutz. Meine Frau hat mir erzählt, Miss Porter habe die Waffe, die ich zum Schutz meiner Familie in unserem Haus aufbewahrte, auf den Joker gerichtet und...und er muss zermürbende Dinge gesagt haben, fast so, als würde er sie kennen." Gordon schüttelte düster den Kopf. „Er muss einen Menschen nicht gut kennen, um seine Schwächen oder seine Schattenseiten herauslesen zu können. Möglicherweise hat er sich auch vorher über sie kundig gemacht, bevor er sie dazu missbraucht hat, ihn zu Alex zu führen. Der Joker kennt viele Tricks und die wenigsten davon sind sauber", erinnerte Batman den Commissioner, der einige Augenblicke schweigend dafür verwendete, von dem geschmacksfreien Kaffee zu trinken. Wenngleich es nicht der Kaffee selbst war, der Gordon zu so später Stunde auf Trab hielt, so war doch die Geste des Trinkens eine routinierte, fast normale in einer solch verstörenden Zeit.
„Vielleicht haben Sie Recht", räumte er dann ein und schwenkte die dunkelbraune Flüssigkeit in seinem Becher, die im schattigen Teil des Flurs eine unappetitlich gräuliche Färbung angenommen hatte. „Die Frage, die es zu beantworten gilt, ist, wo er Alex hingebracht hat und was er mit dem Jungen vorhat. Ich könnte mir vorstellen, dass sein Erbe eine Rolle spielt, allerdings weiß ich nicht, wie der Joker an das ganze Geld herankommen will...die Nachlassverwalter verwalten das Geld, Alex kann sich auf den Kopf stellen, ihm wird kein Cent ausgezahlt, bis er achtzehn ist." Batman nickte stumm, ehe seine dunkle Stimme abermals ertönte: „Fragen wie ‚Warum?' oder ‚Wie?' stellt sich der Joker nicht, Gordon...er findet einen Weg, gerade weil er keine Regeln befolgt. Ist es möglich, das Erbe der Randalls sicherzustellen?" Jim Gordon ließ seine Finger seufzend über seinen Bart streifen. „Ich fürchte, es gibt keine Möglichkeit, die noch sicherer ist als die, die die Randalls bereits vorgesehen haben. Soweit ich es weiß, haben sie die Erbanteile separat in verschiedenen Institutionen untergebracht, zumeist in passwortgesicherten Schließfächern vertrauenswürdiger Banken." Batman seufzte. Bei ihm klang der leichte Atemzug wie das bedrohliche Wüten eines Herbststurms. „Also wartet auf uns eine Schatzsuche", murmelte er leise und Gordon nickte: „Ich fürchte ja. Und zudem ein Wettlauf gegen den Joker. Es ist mir nicht möglich, sämtliche finanziellen Einlagerungen der Randalls ohne das Zutun der Vermögensverwalter aufzuspüren und einzusehen." Die einzige Antwort, die der Commissioner daraufhin erhielt, war ein tiefes, gerauntes: „Dann setzen Sie sich mit den Strohmännern in Verbindung. Warnen Sie sie und fordern erhöhte Sicherheitsmaßnahmen an." Gordon seufzte und hob zu einer Antwort an: „Das ist nicht so...", er blinzelte gegen die Fensterscheibe. Der große Schatten, der an seiner Seite verweilt hatte, war wie von Zauberhand verschwunden. So lautlos, wie er aufgekreuzt war, war Batman auch schon wieder verschwunden. „...einfach...", endete der Commissioner, spähte auf seinen Kaffeebecher und zerknüllte ihn in seiner linken Hand. Das Plastik knirschte wehleidig und durchschnitt die dominante Stille wie eine scharfe Klinge.
„Du hast viel Glück gehabt, Mädchen...", murmelte er dann an Erin gewandt, die tief und fest den Schlaf der Gerechten schlief, „...ich wünschte, ich könnte etwas von diesem Glück abhaben", sagte Jim Gordon zu sich selbst, ließ den zerknüllten Kaffeebecher in einen der Müllbehälter fallen, steckte die Hände in die Hosentaschen und ging langsam den leeren Flur entlang. Er wusste nicht, ob er wirklich etwas gegen den Joker auszurichten hatte. Das Einzige, das Gotham Citys Polizeichef wusste, war, dass eine lange Nacht auf ihn wartete.
***
Der Eindruck, dass Erin ruhig und selig schlief, trog. Wieder und wieder wurde sie in unruhigen Träumen von ihrer Nemesis heimgesucht – der grässlichen Fratze des Jokers. Und doch wand sie sich nicht auf einem durchgeschwitzten Laken oder schlug gar um sich. Die Schmerzmittel, die ihr verabreicht worden waren, hielten, was sie versprachen, und ließen sie trotz der Ängste, die ihr Unterbewusstsein im Schlaf auszustehen hatte, tief und fest schlafen. So trug es sich zu, dass sie die Nacht durchschlief, und erst aufwachte, als die Schwester zur morgendlichen Visite an ihr Bett trat, um den Tropf zu überprüfen. „Guten Morgen!", begrüßte diese Erin, die verschlafen aus zwei halb geöffneten blauen Augen zu ihr aufschaute und nur schwach nickte. Sie war dankbar, nicht sprechen zu können und somit nicht unbedingt gezwungen zu sein, den Mund aufzumachen. Die Ereignisse des vergangenen Tages steckten ihr noch tief in den Knochen. Das Letzte, an das sie sich noch bewusst erinnern konnte, war der im tobenden Funkensturm einstürzende Dachbalken von Gordons Haus. Mit einem zermürbenden Heulen hatten die Flammen von ihm Besitz ergriffen und ihn in den Abgrund ihres feurigen Schlunds gerissen. Das Geräusch hatte sich in Erins Gedächtnis eingebrannt und ließ bei der bloßen Erinnerung eine Gänsehaut auf ihren Armen sprießen. „Ich hoffe, Sie haben ordentlichen Appetit, in einer halben Stunde bringe ich Ihnen das Frühstück", redete die Schwester mit aufgesetzter Fröhlichkeit auf Erin ein, die nur den Kopf schüttelte und mit der rechten Hand simulierte, ein Glas an ihre Lippen zu führen. „Ja, Wasser gibt es für Sie auch. Sie sollten aber auch etwas zu sich nehmen, probieren Sie es wenigstens. Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag!", flötete die junge Schwester, die Erin auf Mitte zwanzig schätzte, und den Kopfteil ihres Bettes anstellte, obwohl Erin wenig begeistert davon war. Ihre Kehle fühlte sich furchtbar trocken an und verlangte nach Wasser. Der schale Geschmack in ihrem Mund trug auch nicht wirklich dazu bei, dass ihr Appetit angeregt wurde. Außerdem hatte sie im Moment weitaus größere Sorgen als ihre Essgewohnheiten. Die Schwester plapperte weiterhin auf sie ein, so ruhelos wie ein Papagei, doch Erin hörte ihr nicht wirklich zu. Ihre Gedanken kreisten um Le Gardien, um Alex, um Commissioner Gordon und nicht zuletzt um den Mann, der ihr all diese Sorgen eingebrockt hatte – den Joker. Danny. Sie atmete zittrig aus, so als bekäme sie nur schwerlich Luft, und zog somit die Aufmerksamkeit der Schwester auf sich.
„Geht es Ihnen nicht gut? Haben Sie Schmerzen?" Nein, Schmerzen hatte Erin keine, und das war den Medikamenten zu verdanken gewesen, die das Pochen ihres Oberschenkels auf ein Minimum reduzierten, das ihre Nerven kaum wahrnahmen. Es war, als hätte jemand eine Stereoanlage auf volle Lautstärke gestellt, nur um sie kurz darauf auf ein Flüstern herabzusenken. Der brennende Schmerz, den Erin empfunden hatte, als der Joker ihr das Messer in ihr Bein getrieben hatte, war nur noch ein verblassendes Echo, nicht mehr als ein Phantomschmerz. „Fühlen Sie sich nicht wohl?", hakte die Schwester nach, der die weiße Uniform ein bisschen zu knapp geraten war, als Erin nicht gleich reagierte. Ob sie sich nicht wohlfühlte? Die junge Patientin biss die Zähne aufeinander. War das eine rhetorische Frage? Lag es nicht auf der Hand, dass sie sich nicht wohlfühlte, wenn sie zweimal nur durch eine Menge Glück dem Tod von der Schippe gesprungen war? Dass sie nicht in Freudenstürme ausbrach, weil sie nicht wusste, wie es um Le Gardien und die Kinder stand, die der Joker mit Handgranaten versehen hatte? Dass ihr Schuldgefühle wie eine Bürde aus Blei auf dem Herzen lasteten, weil sie sich verantwortlich dafür fühlte, dass Jim Gordons Haus in die Luft gesprengt worden war? Dafür, dass Alex letztlich doch in die Fängen dieser grausamen Bestie in Menschenverkleidung geraten war?
Sie schüttelte nur schwach den Kopf und ließ diesen dann seitlich in das weiße Federkissen sinken, starrte ohne wirkliches Interesse auf die Monitore, die für Erin rätselhafte Werte anzeigten. Irgendwann ließ ihr die Schwester die Gnade zuteil werden, das Zimmer zu verlassen. Egal, woran sie zu denken versuchte, in ihrem schmerzenden Kopf hallte früher oder später immer wieder die Stimme des Jokers, laut und deutlich wie lautes Gelächter in den kühlen Katakomben einer gotischen Kirche. „Wie hat er dich angefasst, Erin...hm?" Sie schloss gepeinigt die Augen, zog die Decke enger über ihre Schulter, und krümmte sich zusammen soweit es ihr Oberschenkel zuließ. Der Joker hatte es geschafft, durch wenige Worte die Dämonen ihrer Vergangenheit heraufzubeschwören, die jetzt wie Geister in ihrem Unterbewusstsein wüteten und den Bildern, die sie längst verdrängt zu haben glaubte, wieder Leben einhauchten. Es war als stellte sich der Alptraum, aus dem man schweißgebadet erwacht, im Nachhinein als grausame Wirklichkeit heraus. Dabei waren es nicht einmal die Erinnerungen an ihre unschöne Vergangenheit, die Erin so quälten, vielmehr war es der Umstand, dass es ausgerechnet Danny gewesen war, der die alten Wunden schonungslos aufgerissen hatte. Er war der Einzige, der Erins Geschichte zur Gänze kannte und er hatte dieses Wissen schamlos gegen sie verwendet, hatte ihre Angst, ihre Scham zu seinen Waffen gemacht, ihr mit wenigen Worten beinahe mehr wehgetan als mit seinem Messer und seinen Fäusten. Das Schlimmste war für Erin jedoch gewesen, dass er es regelrecht genossen hatte, sie mit den Schatten ihrer Vergangenheit zu quälen, dass er sich einen Spaß daraus gemacht hatte.
Sie atmete keuchend aus, spürte, wie der dünne Bezug des Kissens unter ihrem Kopf von warmer Feuchtigkeit durchzogen wurde, weil stumme Tränen darauf perlten. Erin wartete lange Zeit vergeblich darauf, dass ihr irgendwelche Nachrichten über Le Gardien übermittelt wurden. Sie hätte alles dafür gegeben, ein vertrautes Gesicht zu sehen und in Erfahrung bringen zu können, wie der Stand der Dinge war. Sie hätte sich selbst darüber gefreut, wenn Commissioner Gordon beschlossen hätte, sie zu den Ereignissen zu befragen, obwohl Schuldgefühle an ihr nagten und sie nicht wusste, ob sie ihm noch einmal in die Augen sehen können würde. Doch nichts dergleichen geschah. Der Tag zog sich zäh dahin, die Zeit tropfte in der Konsistenz wächserner Langsamkeit davon. Erin zwang sich halbherzig einen Teil des Frühstücks hinein, das eine Krankenschwester wenig später auf einem Tablett nach draußen trug. Ab und an betraten Ärzte oder Pflegepersonal ihr Zimmer, versuchten sie für unsinnigen Smalltalk zu gewinnen, auf den Erin nicht einmal eingegangen wäre, wenn sie über eine Stimme verfügt hätte. Sie war dankbar dafür, dass sie aufgrund der Schwere ihrer Verletzung ein Einzelzimmer zugewiesen bekommen hatte. Das Letzte, das die junge Frau gebrauchen konnte, war ein Zimmernachbar, der ihr mit seiner Neugierde den letzten Nerv raubte. Gegen elf Uhr vormittags wurde ihr Verband gewechselt. Erin hatte unterschätzt, wie sehr sie in ihren Bewegungsabläufen eingeschränkt war, hatte ohne die Hilfe der Pfleger nicht einmal das Bein anheben können. Der Anblick ihrer nur müßig heilenden Wunde erregte in ihr Übelkeit und brachte ihren Magen dazu, zu verkrampfen. Der tiefe Einstich war vernäht worden, die dunklen Fäden ragten wie die haarigen Beine einer Spinne aus ihrem geschwollenen, stark geröteten Wundkanal, um den herum eine blaue Rose erblüht zu sein schien. Das Desinfektionsmittel, das auf ihrer Verletzung verrieben wurde, stank nicht nur bestialisch nach einem misslungenen chemischen Experiment, es brannte sich auch durch ihr Fleisch, so ätzend, dass Erin für einige wirre Augenblicke glaubte, die Pfleger hätten ihr Säure auf die Wunde geträufelt. Ihr Appetit auf das Mittagessen beschränkte sich dementsprechend auf ein schwindend geringes Maß.
Die Geschäftigkeit des Krankenhauses zog wie ein Film an ihr vorüber. Hier und da hetzten Ärzte und Krankenhauspersonal über den Flur, Besucher, die nicht für Erin bestimmt waren, warfen den einen oder anderen verstohlenen Blick durch die Scheibe, einmal versuchte ein Patient aus dem Nachbarzimmer sogar auszubüchsen, was für einen Heidenlärm auf dem Korridor sorgte. Die Sonne wandte sich irgendwann gen Westen und bereitete sich für den Tauchgang hinter den Horizont für die Dauer einer Nacht vor. Sie schickte ihr rotgoldenes Licht durch die offenen Schlitze der Jalousie und warf streifenförmige Schatten auf Erins weiße Bettdecke, ließ sie wie das Fell eines Zebras erscheinen. Ihr schmerzender Kopf forderte Schlaf ein, den Erin zu geben nicht bereit war. Sie lag mit schweren Lidern in ihrem Bett und starrte an die konturlose, steril weiße Decke, taub und blind für die sie umgebende Hektik und still darauf fokussiert, ihre kreisenden Gedanken davon abzuhalten, sich zu tief in unangenehme Erinnerungen zu begeben. Große Teile der folgenden Nacht brachte sie wachend zu, unfähig, ihr in Aufruhr versetztes Herz zu beruhigen. Sie schlief nur für kurze Passagen, wachte zitternd und frierend schon nach wenigen Stunden auf, nur um sich für eine bedeutend längere Zeit schlaflos auf dem Bett zu winden wie ein Regenwurm, dem die trocken gebrannte Erde jeden Zugang zum Erdreich verwehrte. Der Morgen des siebten November dämmerte bleiern und stark bewölkt. Das Wetter der letzten beiden Tage schien sich entsinnt zu haben, eher untypisch für die Jahreszeit zu sein, und hatte den Weg für seine weitaus ungemütlicheren Brüder und Schwestern freigemacht.
Das Massaker, das der Joker mit seinen Komplizen in Le Gardien angerichtet hatte, lag eine Woche zurück und doch waren die Wunden noch frisch und die Spuren, die er hinterlassen hatte, deutlich zu sehen. Jetzt, wo Erin für einige Zeit als Hilfskraft ausfallen würde, waren nur noch vier Erwachsene im Einsatz. Nur einer davon war ein ausgebildeter Lehrer, der Vollzeit arbeiten konnte. Olivia, sofern sie nicht aufgrund der jüngsten Geschehnisse gekündigt hatte, die zweite, die allerdings nur für wenige Stunden verfügbar war. Patricia hatte mit der Leitung des Waisenhauses allein genug zu tun, war mit den zusätzlichen Unterrichtsstunden überlastet, und Nell, Nell war die Haushälterin, die den eigenen Worten nach kaum als Lehrer taugte. Die stumme Frau seufzte schwer bei dem Gedanken, Le Gardien und all seine Schützlinge im Stich gelassen zu haben.
Erin fühlte sich ausgemergelt, erschöpft und seltsam leer. Es war als hätte jemand ein Loch in ihr Herz gebohrt, das nichts und niemand zu füllen wusste, das kein Faden vernähen, kein Narbengewebe zu überdecken verstand. Tief in Gedanken versunken, von Traurigkeit, Angst und Einsamkeit zermürbt, bemerkte Erin zunächst nicht, dass jemand hinter der Scheibe stand, durch die Ärzte und Schwestern in ihr Zimmer blicken konnten.
Erst als ein dumpfes Klopfen ihr Ohr erreichte, das Ähnlichkeit mit dem Geräusch von auf Fensterglas prallenden, feinen Hagelkörnern aufwies, drehte sie ihren Kopf und sah zu ihrer vollkommenen Überraschung Scott hinter der Scheibe stehen. Sein linker Arm war in eine weiße Schlaufe gehüllt worden, der Oberarm durch einen straffen, stützenden Verband mit eingewebten Konturen, die entfernt an die Waben eines Bienenstocks erinnerten, an seine breite Brust gebunden, die, wie Erin gleich auffiel, in ziviler Kleidung steckte. Sie hingegen musste dieses eher unschöne Krankenhemd tragen, das in seiner mattgrau-weißlichen Farbgebung und den unzähligen schwarzen Punkten darauf an ein mikroskopisch kleines Schachfeld erinnerte. Erleichtert atmete sie aus. Es war sein Arm, keine Prothese. Zumindest glaubte sie das mit einiger Sicherheit erkennen und somit behaupten zu können. Er war blass und seine Wangen und Kehle von schwarzen Bartstoppeln übersät, die ihn jedoch nicht ungepflegt aussehen ließen. Viel eher unterstrichen sie seinen jungenhaften, schelmischen Charme. Seine Wangen wirkten ein wenig eingefallen, aber das kühle, nicht recht hell erscheinen wollende Licht mochte in dieser Hinsicht täuschen. Er lächelte, als er Erins Blick bemerkte und deutete mit der Hand auf sie. Die junge Frau kommentierte diese kleine Geste mit einem eifrigen Nicken und wurde von ihrem schmerzenden Bein daran erinnert, dass es sträflich war, sich zu hastig zu bewegen. In ihrer Überraschung, ihrer Freude über Scotts Besuch hatte sie sich zu enthusiastisch aufzusetzen versucht und beinahe den Tropf mit sich gerissen. Erwartungsvoll beobachtete sie, wie sich der halbkugelförmige, dunkelblaue Knauf ihrer Tür drehte und nur wenig später Scott seinen dunklen Schopf ins Zimmer steckte. Sein Besuch kam einem Lichtstrahl gleich, der in das Dunkel einer verschütteten Höhle hineinleuchtete, nur dass das Dunkel aus Erins belastenden Erinnerungen bestand und in winzige Partikel zerstob, als Scott gänzlich eintrat und die Tür hinter sich schloss.
Erin streckte die Arme nach ihm aus, so als wollte sie durch eine Berührung herausfinden, ob er wirklich hier bei ihr oder nur ein Produkt ihrer erschöpften Fantasie war. Lächelnd kam er ihrer Aufforderung nach und trat an ihr Bett, beugte sich über sie und schlang den gesunden rechten Arm um ihren zierlichen Körper, sodass Erins Kopf an seiner rechten Schulter zu liegen kam. Erin sog den Duft seiner Haut ein, der betörend frisch und leicht süßlich war, so ganz anders als Danny, der giftig und herb männlich nach Zerstörung und Chaos roch. Sie kniff die Augen zusammen, verdrängte den schauderhaften Gedanken an das tödliche Aroma, das sich ebenso in ihre Erinnerung eingebrannt hatte wie der Anblick des knisternden, in sich zusammenbrechenden Dachbalkens der Gordons, der von dem gierigen Zungenschlag sprühender Funken in den stinkenden Schlund aus Ruß und Asche gerissen worden war. Scott legte seine Hand in ihren Nacken, streichelte besänftigend über ihr blondes Haar, das im bleichen Licht des Morgens einen merkwürdig äschernen Farbton angenommen hatte. Diese kleine Geste, so vertraut und zärtlich, ließ alle Dämme brechen, jede auferlegte Kraft ruckartig schwinden und Erins Herz zusammenkrampfen. All die Angst, die sie in den vergangenen Stunden durchgemacht hatte, der Schmerz, die Hilflosigkeit, die Gewissheit, zu sterben, brachen über sie zusammen und schwemmten über sie hinweg, sodass sie nur noch darauf hoffen konnte, sicher in Scotts Armen zu stranden. Erin konnte nichts dagegen tun, dass Tränen hinter ihren Lidern aufwallten und wie Sturzbäche über ihre Wangen rollten. Sie versuchte mit aller Macht, ein stummes Schluchzen zu unterdrücken, das ihren ganzen Körper erzittern und deutlich beben ließ.
Scotts Arm schlang sich augenblicklich fester um ihren Rücken. Es waren seine leisen, sanft gesprochenen Worte, die jede Form von Erins Selbstbeherrschung endgültig zerbersten ließen: „Ssshhh...es ist vorbei...es ist alles vorbei. Du bist in Sicherheit." Wie gern wollte sie ihm glauben und hielt seine Worte für einige wenige Sekunden, in denen sich ihre gequälte Seele nach nichts anderem als Ruhe und Frieden sehne, für wahr. Die Geborgenheit, die sie in seiner Nähe empfand, die Wärme, die er ihr durch eine so kurze und flüchtige Berührung schenkte, war das ganze Gegenteil von dem, was sie in den letzten Tagen durchgestanden hatte. Nie hatte sich Erin mehr verloren und allein gefühlt, nicht einmal, als ihr Vater sich an ihr vergriffen hatte. Und jetzt hielt Scott sie einfach fest, schenkte ihr so viel Trost wie sie brauchte und anzunehmen bereit war. Sie sank ihm entgegen, tat ihm vermutlich dabei weh, als sie seinen Oberarm streifte. Wenn dem allerdings so war, so ließ es sich Scott nicht anmerken. Erin atmete hastig, zitterte heftig, sodass Scott langsam und vorsichtig über ihren Rücken streichelte, um sie damit zu beruhigen. „Er kann dir nichts mehr tun. Er wird dir nichts mehr tun...das verspreche ich...ich pass auf dich auf!", versprach Scott leise in ihr Ohr flüsternd, während seine Bartstoppeln über ihre wund geweinten Wangen kratzten. Erin presste die Lippen aufeinander, öffnete die Augen und starrte mit tränenverschleiertem Blick auf seine Kehle, sah wie sich sein Adamsapfel regte, als auch er schwer schluckte. Erin atmete schwer aus, sah, wie sich eine winzig kleine Gänsehaut auf Scotts empfindlicher Haut bildete, als ihr Atem seine Kehle streifte.
Sie wusste, dass er sie nicht beschützen können würde, ganz gleich, wie sehr er sich das wünschte. Wenn der Joker sie als neues Ziel auserkoren hatte, konnte sie nur sich selbst helfen. Noch einmal auf die Hilfe des Dunklen Ritters zu hoffen, erschien ihr zu naiv, zu riskant, solange er selbst im Augenschein der polizeilichen Ermittlungen stand. Erin wusste, dass der Joker nicht davor zurückschrecken würde, ihr wehzutun, dass er es vielleicht sogar darauf absah, wenn sie erneut seinen Weg kreuzte. Zunächst, so war sie sich sicher, hatte er aber erst einmal Alex Randall im Visier, den ihm Erin trotz aller gegensätzlichen Bemühen in die Hände gespielt hatte. Erschöpft schloss sie wieder die Augen und hoffte, es möge nur ein besonders hartnäckiger Alptraum sein, der sich in ihrem Unterbewusstsein festgesetzt hatte, und aus dem sie wieder erwachen würde, wenn sie die Augen aufschlug. Natürlich blieb ihr dieser Gefallen verwehrt. Wenn auch die schrecklichen Ereignisse der letzten Tage nicht rückgängig gemacht worden waren, so fand sich Erin immer noch in Scotts Arm wieder, der ihr ein angenehmes Gefühl von Sicherheit vermittelte, auch wenn diese vielleicht nur eine Illusion sein mochte.
Langsam legte er die rechte Hand um Erins Wange, schob sie sanft von sich, um ihr in die Augen sehen zu können, die rot umrandet waren. Beschämt wich sie seinem Blick aus, doch er strich ihr langsam mit dem Daumen über die Wange, wischte eine Strähne ihres blonden Haares aus ihrer Stirn und beugte sich vor, um ihr einen sanften Kuss auf die Braue zu hauchen. Langsam setzte er sich auf den gepolsterten Stuhl, der an der rechten Seite von Erins Bett stand und für Besucher gedacht war. Scott weihte ihn ein. Er umfasste ihre rechte Hand mit der seinen und schaute sie eindringlich an. „Wie geht es dir? Du siehst sehr erschöpft aus", stellte er mehr fest als er wirklich fragte. Erin winkte mit der linken Hand ab, an der ein dünnes Infusionsröhrchen angebracht war, das sie mit dem Tropf verband. Sie wollte nicht über sich reden, wo es doch so viele andere, in ihren Augen wichtigere Dinge in Erfahrung zu bringen galt. Sie deutete mit der linken Hand auf Scotts Arm, den die Schlaufe umspannte, und sah ihn dabei fragend an.
„Ja, mein Arm...", begann er und seufzte, betrachtete ihn als wäre er ein lästiger Fremdkörper und nicht mehr Teil von ihm. „Ich hab wohl erst einmal die vorerst letzte Operation hinter mich gebracht, du kannst mich beglückwünschen!", er lächelte schief und Erin wusste zuerst nicht, wie sie es auffassen sollte, dann aber fügte er erklärend hinzu: „Sie haben mir ein künstliches Schultergelenk eingesetzt...mein eigenes...nun...der Clown hat ganze Arbeit geleistet. Von meinem ursprünglichen Gelenk war nicht mehr viel übrig. Die Ärzte hatten zu tun, sämtliche Knochensplitter aus der Schusswunde herauszufischen." Erin schenkte ihm einen mitleidsvollen Blick, wollte sich nicht die unsäglichen Schmerzen vorstellen, die er empfunden haben musste, als die Kugel sein Gelenk zerschmetterte. „Das Problem ist nicht das Gelenk an sich...es konnte relativ leicht ersetzt werden, weil es nur eine geringe Kontaktfläche zu Schulterblatt und Oberarm hat, wie mir die behandelnde Ärztin erklärt hat...aber die Bänder sind beschädigt und daher habe ich erstmal totales Bewegungsverbot. Erst nach und nach kann ich an einer ambulanten Physiotherapie teilnehmen."
Nachdenklich verstummte er und streichelte dabei fast beiläufig über Erins Handrücken, fuhr mit den Fingerkuppen die dünnen, L-förmigen und parallel zueinander verlaufenden Linien aus Schorf nach, die sich auf den tiefen Kratzern gebildet hatten, die sich Erin am Briefschlitz der Gordons zugezogen hatte. Jetzt sahen sie beinahe aus wie der Parcours einer unbenutzten Rennbahn. „Mal sehen, vielleicht kann ich früher nach Le Gardien zurückkehren, das wird sich erst zeigen." Erin schaute von ihrer Hand weg und zu ihm auf, zeigte mit der Hand auf Scott und führte sie dann an ihr Ohr. „Ja, ich hab davon gehört, Erin, aber mach dir bitte keine Sorgen. Niemand ist zu Schaden gekommen. Ich habe eben erst mit Nell und gestern noch mit Patricia telefoniert. Das Bombenkommando ist rechtzeitig eingetroffen, noch bevor du ins Krankenhaus eingeliefert worden bist. Viel später hätten sie allerdings auch nicht kommen dürfen. Laut Nell waren die Kinder zum Ende zu immer zittriger geworden. Sie hat am Telefon geweint, Erin. Sie war mit den Nerven völlig am Ende und hat nach dir gefragt. Aber ich konnte dich nicht früher besuchen kommen, weil mir gestern noch strikte Bettruhe verordnet worden war." Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln und winkte ab, deutete dann mit der Hand ins Leere, nur um kurz darauf erst ein O und dann ein K zu formen. Er entrang sich ein Lächeln, das aber nicht besonders glücklich wirkte.
„Patricia hat auch sofort nach dir gefragt, aber da wusste ich noch nicht, wie es dir geht. Sie und die anderen würden uns gern besuchen kommen, aber die Sekretärin, die Patricia übergangsweise eingestellt hatte, hat nach dem letzten Vorfall mit sofortiger Wirkung gekündigt. Man kann es ihr wohl nicht verübeln...jedenfalls wächst den Mädels und Matt die Arbeit im Waisenhaus auch so über den Kopf. Sie können jede helfende Hand gebrauchen...ich hab zwar nur eine, aber ich würde sie trotzdem bereitwillig geben, wenn ich schon aus dem Krankenhaus entlassen wäre. Vom Unterricht sind die Kinder vorerst befreit, allein, um die schlimmen Ereignisse zu verarbeiten. Eine Psychologin ist wohl im Haus, um die Kinder zu betreuen, aber so schnell wird, fürchte ich, keine Normalität einkehren, dafür...", er atmete tief durch, „...dafür haben sich die Ereignisse zu heftig überschlagen, denke ich...", Scott sah sie lange an und murmelte: „Stimmt es, dass er die Kinder...dass er sie wirklich...mit Granaten vertäut hat?" Erin nickte kaum sichtbar, zu sehr ließ sie der bloße Gedanke an den grausigen Anblick schaudern. „Wie...wie kaltblütig und herzlos kann man eigentlich sein? Er...macht nicht einmal vor Kindern Halt." Unwillkürlich dachte sie bei Scotts Worten an die Bemerkung des Jokers zurück, dass der Schein oftmals trog und Menschen, die wir als unschuldig oder harmlos erachteten, es faustdick hinter den Ohren hatten. Sie streifte den Gedanken hastig von sich wie eine Spinne, die im Begriff war, ihren Arm zu erklimmen, aber rechtzeitig von ihr entdeckt worden war. „Ist es wahr, dass er Alex als Geisel genommen hat?" Erin befeuchtete sich die Lippen, nickte langsam, deutete anschließend mit der Hand ins Leere, drehte dann den Zeigefinger in Kopfhöhe im Kreis, formte mit der linken Hand ein C und ließ diese wiederum in einer kreisförmigen Bewegung um ihr Auge herum gleiten. Der Joker hatte von Anfang an nach Alex gesucht, sagte diese Geste, nur deshalb war er ins Waisenhaus zurückgekehrt. „Gott steh ihm bei...dieser Teufel...er...er wird ihm doch nichts antun, oder?" Erin ließ kraftlos die Schultern sinken und richtete den Blick auf ihre Bettdecke.
Er hatte nicht davor zurückgeschreckt, ihm die Hand zu zerschießen, weswegen also sollte er drastischere Mittel scheuen, um an die Informationen zu gelangen, die er benötigte? Erin deprimierte der Gedanke zu sehr, sodass sie den Kopf hob, Scott fragend ansah, seine Hand drückte und mit den Lippen Annas Namen formte. Er atmete tief durch und verzog den Mund, schüttelte dann traurig den Kopf: „Ich hab sie nicht gesehen. Sie verweigert jede Form von Besuch aufs Schärfste...sie will ja nicht einmal ihre Mutter sehen. Ich...ich habe sie gesehen, als ich von einer Röntgenuntersuchung in mein Zimmer zurückgebracht wurde. Ich wurde an ihrem Zimmer vorbeigefahren. Ihr ganzes Gesicht ist mit Verbänden umhüllt, ich habe sie fast nicht erkannt." Niedergeschlagen rieb sich Erin über die Stirn, seufzte schwermütig und kämpfte um Selbstbeherrschung. Es hatte gut getan, an Scotts Schulter zu weinen, den ganzen seelischen Ballast, den sie seit Tagen mit sich herumtrug, für einen Moment loszuwerden, aber Erin wollte sich nicht selbst schwächen, nicht in einer Zeit, in der ihre Stärke mehr denn je gefordert war. „Ich...als...", druckste Scott herum und unterbrach sich seufzend. Er übte sanften Druck auf ihre Hand aus und fuhr leise fort: „Als ich gehört hab, dass du ins Gotham City General eingeliefert worden bist, da...da hab ich gedacht, du seiest...na ja, du weißt schon. Ich...ich hatte furchtbare Angst um dich." Erin sah ihn lange an, versuchte aus seinen nervösen, unruhigen Zügen, die so gar nicht zu seinem Wesen passen wollten, zu lesen, was er ihr sagen wollte. Er verschränkte seine Finger in ihre und sagte leise: „Ich hab es immer für eine abgedroschene Phrase gehalten, aber...aber die Menschen haben Recht, wenn sie sagen, dass wir erst dann realisieren, wie sehr wir jemanden schätzen...wie viel uns jemand bedeutet, wenn wir in Gefahr laufen, ihn zu verlieren", fuhr er leise fort und räusperte sich verlegen. Erin schaute ihn lange an, verfolgte ihn mit ihren Augen, als er sich leicht vorbeugte.
Seine breite Brust, die sie schon einige Male in einem durchgeschwitzten dunkelgrauen Achselshirt während seiner Sportstunden gesehen hatte, wenn sie in ihren Freistunden zugeschaut hatte, hob und senkte sich unruhig. Erin dachte daran zurück, wie gern sie ihm in den Sportstunden zugesehen oder geholfen hatte. Für einen Sportlehrer wies er eine mitreißende Art auf. Er verstand es, seine Schüler anzustacheln und ihren Ehrgeiz zu wecken, indem er am Sportunterricht aktiv teilnahm und somit dem bestehenden Vorurteil Sportlehrern gegenüber widersprach, das besagte, sie würden nur gemütlich an Sprossenwänden und Bänken lehnen und den Schülern dabei zuschauen, wie sie sich abhetzten. Scott hingegen motivierte die Kinder aber immer dadurch, dass er ihnen die Möglichkeit einräumte, den eigenen Lehrer in einem fairen Sportwettkampf zu besiegen. Ihr Gedankengang wurde jäh unterbrochen, als sie realisierte, dass er sich zu ihr vorbeugte. Sein Gesicht war dem ihren ganz nah und nur sehr langsam und zögerlich überbrückte er den übrigen Abstand zu ihr.
Erin hielt die Luft an, als sich seine weichen Lippen zu einem kleinen, zärtlichen Kuss auf ihrer Wange schlossen. Zunächst sehr langsam und zögerlich, dann mit wachsender Entschlossenheit presste er seine Lippen auf ihre weiche Haut, legte so viel Sanftheit und Gefühl in diese Geste, dass Erin vor Überraschung erstarrte. Er löste sich wieder von ihr, wesentlich bedächtiger und reservierter als er sich genähert hatte. Erin schaute ihn bestürzt an, was nicht gerade sein Selbstbewusstsein stärkte. „Ich...", begann er und verlor sich für einen Moment in ihren fragenden, eisblauen Augen, die ihm die Stimme zu rauben schienen. Verlegen und durcheinander senkte Erin den Blick. „Ich lass dich dann erst einmal in Ruhe...die Schwester kommt bestimmt gleich und bringt dir dein Frühstück und...", langsam löste er seine Hand von der ihren, ließ dabei die Fingerspitzen noch einmal über ihre weiche, zierliche Hand streichen, die immer ein bisschen zu kalt war. „Wenn...wenn du...", er räusperte sich und Erin versuchte sich fieberhaft an eine Situation zu erinnern, in der er ähnlich nervös gewesen war wie hier und jetzt. Ihr wollte keine in den Sinn kommen. „Wenn du wieder aufstehen darfst...das heißt...überhaupt aus deinem Zimmer kannst, dann...dann könnte ich dir Gesellschaft leisten...natürlich nur, wenn du magst. Ich könnte dir die kleine Grünanlage zeigen, die das Krankenhaus umschließt und...", Erin schaute immer noch nicht zu ihm auf, was seine ihm so untypische Unsicherheit nährte, „Frische Luft soll ja bekanntlich Wunder bewirken...ich...komme später noch vorbei, ja?" Sie nickte nur sehr schwach, kaum merklich, versunken in ihren tobenden Gedanken, die seine Worte schon gar nicht für voll genommen hatten.
„Bis dann, Erin...", sagte er zögerlich und ließ ihre Hand frei, ehe er sich leise erhob und den Stuhl dabei knarrend zurückschob. Er strich ihr sacht über die Schulter und verließ auf leisen Sohlen ihr Zimmer. Erst als einige Minuten verstrichen waren, nachdem er die Tür lautlos hinter sich geschlossen hatte, schaute sie wieder auf. Es war nicht der bloße kleine Kuss gewesen, der sie durcheinander gebracht hatte, es war vielmehr die Art, wie und wo er ihn platziert hatte.
Erin war von einigen Männern geküsst worden, doch sie hatten üblicherweise den direkteren Weg gewählt, um ihr ihre Zuneigung zu bekunden. Nur einmal zuvor in ihrem gesamten Leben war Erin auf diese vertraute, unaussprechlich intime Weise auf die Wange geküsst worden. Umso intensiver versetzte Scotts Geste sie nun in die Vergangenheit, die sich wie weiß schäumende Gischt einer unruhigen See in ihrem Unterbewusstsein festgesetzt hatte. Plötzlich war Erin so als röche sie den süßlich-schweren Duft blühenden Flieders, der seine violetten Blütenstauden in der leichten Frühlingsbrise hin- und herschaukeln ließ, während er das warme Sonnenlicht in sich aufsog. Sie spürte wieder, wie der Wind ihr zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenes blondes Haar liebkoste. Damals war es noch eine Spur heller, fast goldgelblich gewesen. Erst im Laufe der Jahre hatte sich ihr Haar ein wenig abgedunkelt. Erin erinnerte sich genau an diesen Tag, erinnerte sich daran, dass sie weggelaufen war, weil...weil Mommy und Daddy schon wieder gestritten hatten. Daddy hatte das Geld, das Mommy so mühsam erarbeitet und zurückgelegt hatte, damit Erin eines Tages aufs College gehen konnte, innerhalb weniger Tage versoffen. Und wenn Daddy trank, vergaß er sich oft und wurde ausfällig. Erin war vor dem Geschrei geflohen, von den fliegenden Tassen und Tellern, die scheppernd an den Wänden zerbarsten und in porzellanenen Puzzleteilen auf dem Teppich verstreut landeten. Anstelle eines ‚Happy Birthdays' waren Geschrei und Schimpfwörter für sie angestimmt worden. Ihre Eltern hatten bei ihrer Auseinandersetzung ganz vergessen, dass ihre Tochter heute acht Jahre alt wurde. Enttäuscht, traurig und verängstigt lief das kleine Mädchen über die kleine, nur spärlich asphaltierte Landstraße, kletterte über den hölzernen Weidezaun und rannte so schnell es ihre kleinen Beine zuließen über die üppig bewachsene Grasfläche, vorbei an grasenden Kühen, die ihr neugierig hinterher schauten, nur um dann in gewohnt träger Manier ihrem Tagwerk nachzugehen.
Erin hatte, obwohl ihr zielloser Hakenlauf anderes vermuten ließ, ein festes Ziel im Auge. Die alte Weide, die ihren knorrigen, massiven Körper etwa eine halbe Meile von ihr entfernt am Rande eines gemütlich vor sich hinplätschernden Bachs in beachtlicher Höhe thronen ließ, war ein inoffizieller Treffpunkt für Erin und Danny geworden. Sie kannte ihn noch nicht allzu lang, erst vier Monate nach ihrer Einschulung war sie ihm begegnet, und angefreundet hatten sie sich erst noch einmal zwei Monate später. Doch trotzdem hatte sie eine sonderbare, spezielle Bindung zu ihm aufgebaut. Zu ihm konnte sie immer laufen, wenn sie es zu Hause nicht mehr aushielt, er akzeptierte sie in seiner Nähe, obwohl sie anders war. Manchmal brachte er sie sogar zum Lachen, wenn sie bereits geglaubt hatte, nie wieder auch nur lächeln zu können. Nun erschien der große alte Baum endlich in ihrem Sichtfeld, und Erin beschleunigte noch einmal ihre Schritte, obgleich ihr Weg über unebenen Untergrund führte. Sie trat in ihrer Hast in ein undurchsichtiges kleines Loch, stauchte ihren Knöchel dadurch, ließ sich davon aber nicht abhalten. Sie hatte gesehen, dass Danny tatsächlich da war. Seine Beine lugten aus dem dicht bewachsenen, wie Haar hinabhängendem Blätterdach hervor, schaukelten abwechselnd im Rhythmus der Melodie, die der leichte, angenehme Wind angestimmt hatte, als er rauschend die Blätter streifte. Erin drohte ein zweites Mal zu straucheln, weil ihr Blick nach oben gerichtet war, während sie ihre Füße unermüdlich weiter trugen. Das Geräusch, das die langen Grashalme erzeugten, als Erin durch sie und über sie hinweg lief, erinnerte an das Zitherspiel des Windes, wenngleich es bedeutend unrhythmischer und ungelenk erklang. Danny wurde aufmerksam auf sie, kletterte geschwind und geschickt wie ein Affe über den dicken Ast, auf dem er sich niedergelassen hatte, und lehnte sich vor, um ihr aufzuhelfen.
Er bekam sie an ihren zierlichen Ärmchen zu fassen und zog sie mühelos zu sich auf den Baum, klopfte abgeschabte Rinde und Blätter von seiner Hose und setzte sich wieder an seinen angestammten Platz zurück. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und schauten den wogenden, dünnen Ästen zu, die ihnen die Sicht versperren wollten. Danny fragte Erin nicht, ob etwas vorgefallen war. Er tat dies nicht aus Taktlosigkeit, sondern vielmehr, weil er wusste, dass sich im Hause Porter hässliche Dinge abspielten und Erin müde war, davon zu erzählen. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und schaute mit entrücktem Blick hinaus auf das Feld, auf dem es sich viele der Kühe gemütlich gemacht hatten und sich von der warmen Sonntagnachmittagssonne umschmeicheln ließen. „Hier, nimm eine!", riss Danny sie aus ihren Gedanken. Als sie ihm den Kopf zuwandte, entdeckte sie eine Schale voll Kirschen in seiner linken Hand. Fasziniert von dem Spektrum an roten Farben, die sich im Sonnenlicht auf der dünnen Haut der süßlichen Frucht brachen, hielt Erin sie einige Sekunden lang vor sich, schaute dann fragend zu Danny, der nur wissend grinste. Manchmal verstanden sie sich blind, ohne dass Erin Gebärdensprache anwenden musste. Es war manchmal ein bisschen unheimlich, wie gut er sie verstand.
„Ich hab sie vom alten Stevenson geklaut", gestand er frei heraus und zerkaute eine der Kirschen. Erin schaute ihn bestürzt an, was ihn laut auflachen ließ. Es war ein ungewöhnlicher, aber schöner Klang. Vielleicht gerade, weil sie ihn so selten von ihm hörte. „Ja, der Stevenson. Hat mich natürlich dabei ertappt und ist mit seiner Mistgabel hinter mir her gerannt. Aber hat mich nicht gekriegt." Natürlich hatte er ihn nicht eingeholt. Danny rannte wie der Wind. Bewundernd schaute sie zu ihm auf und stellte abermals fest, dass er kein hübscher Junge war, aber seine klaren Züge etwas Anmutiges, etwas Starkes an sich hatten. Danny spuckte einen Kern aus, der durch die feingliedrige Barriere aus dünnem Gezweig drang und irgendwo im dichten Gras landete. Erin lächelte, was Danny nicht entging. „Probier's auch mal. Ist ganz leicht!", forderte er sie auf und Erin nahm die Frucht endlich in den Mund, war verblüfft, wie süß sie schmeckte, obwohl ihre Erntezeit noch nicht gekommen war, und kaute, bis nur noch das steinerne Herz der Kirsche auf ihrer Zunge lag. Danny demonstrierte derweil noch einmal, wie sie spucken musste. Erin spie den Kern aus, der theatralisch gegen das Blätterdach schlug, nur um davon abzuprallen und eher unspektakulär zu Boden zu trudeln. Danny brach in schallendes Gelächter aus, das Erin einfach mitriss, obwohl sie schon ein wenig enttäuscht ob ihrer zu wünschen übrig lassenden Spuckkraft war. Sie lachte, wenn auch unhörbar, aber dafür trotzdem innig und ehrlich wie Danny. „Das musst du noch üben, Zwerg!", zwinkerte er ihr verschwörerisch zu. Sein Blick blieb für recht lange Zeit auf ihr haften, was Erin dazu bewegte, ihm den Kopf zuzuwenden und ihn fragend zu mustern. „Alles Gute zum Geburtstag, Zwerg", murmelte er letztlich und überraschte Erin damit, dass er sich langsam zu ihr vorbeugte. Gespannt hielt sie den Atem an und schaute in seine dunkelbraunen, unergründlichen Augen. Seine Lippen tupften nur einen kleinen, sanften Kuss auf ihre Wange, doch die Vertrautheit dieser Berührung ließ ihre Haut warm und wohlig prickeln. Für einen Moment ertappte sie sich dabei, wie sie die Augen schloss, als ob diese Geste dabei helfen würde, das Gefühl für immer einzufangen und zu bewahren. Als sie langsam die Augen aufschlug, schaute Danny wieder in Gedanken versunken hinaus auf die Weide, so als hätte er eben nichts Besonderes getan. Für Erin jedoch war dieser erste, kleine Kuss auf die Wange, den sie je von einem Jungen bekommen hatte, etwas so Besonderes, dass sie es nie mehr vergessen würde…
Und sie hatte es nie vergessen, hatte das Gefühl bewahrt, das sie für den verdorbenen Geburtstag entschädigt und ihr Trost gespendet hatte. Nur langsam ebbten die stürmischen Wogen ihrer Erinnerung ab und machten Platz für die Realität. Nur einer hatte sie so geküsst, wie es Scott getan hatte. Es war Danny gewesen. Danny, bevor sein Herz zu Stein geworden war. Bevor er ihr absichtlich wehgetan hatte. Bevor er versucht hatte, sie umzubringen.
Erin übermannte die Übelkeit so schlagartig, dass es nur Glück war, dass sie sich rechtzeitig drehen konnte, um sich auf dem Linoleumboden zu erbrechen, der sein Schicksal mit der größtmöglichen Würde trug, die er aufbringen konnte.
