A/N: Und weiter geht's :) Iuliel Danke für deinen Kommentar, hab mich echt gefreut! Keine Angst, die Joker-Abstinenz ist nicht von langer Dauer! Und ein kleiner Schmunzler hier und da hat noch keinem geschadet :) ich hoffe, du hast Spaß mit dem neuen Kapitel!
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Die reine Wahrheit
Findest du auf Umwegen
Versteckt im Dunkeln.
Das monotone Tröpfeln von Wasser hallte an den kargen, glatten Wänden wider. Die Höhe des Raums war besonders zuträglich für das gleichsam brüske Echo, das den Kühlturm des stillgelegten Axis-Werks wie eine Tropfsteinhöhle erklingen ließ. Der Turm war längst außer Betrieb und doch verirrten sich noch einige kaputte Wasserleitungen, die Wasser aus dem Gotham River bezogen, in den Schlund des großen Kondensators, sodass innerhalb des Kühlturms ein immerfeuchtes Klima vorherrschte. Der Geruch abgestandenen Flusswassers hatte sich über die Monate hinweg in den verborgenen Winkeln der altersschwachen Maschinerie eingenistet und vereinte den modernden Gestank längst abgestorbener Algen und Fäkalien zu einem ekelerregenden Parfum. Das nahezu fröhliche Pfeifen des Jokers hallte an den trichterförmigen, nach oben hin immer weiter werdenden Wänden entlang, wollte aber in seinem lustigen Klang nicht recht zu dem eher beängstigenden Ambiente passen, das sich in den Schatten des Kühlturms, an die nie ein Schimmer Tageslicht herabreichte, darbot.
Obwohl ihm der Gestank dieser Höhle zuwider war, in den sich das ranzige, stechende und die Nase beleidigende Aroma frischen Urins mengte, erfreute sich der Joker bester Laune. Der lilafarbene Mantel schwang mit jedem seiner federnden Schritte, folgte ihm auf Schritt und Tritt wie ein textiler Schatten, ein Schweif aus Samt und Seide. Seine Schuhe konnten eine neue Besohlung vertragen; die Klinge, die er darin spazieren trug, hatte das dunkelbraune Leder übermäßig strapaziert. Bald würde er genügend Geld besitzen, um sich unzählige neue Paar Schuhe zu leisten. Nicht, dass es ihm jetzt schon an finanziellen Mitteln mangelte, nein, im Grunde konnte er sich nicht beklagen, aber er hatte einige seiner...nun...chemischen Hilfsmittel aufstocken müssen und obgleich deren Preise sich noch im Rahmen des Erschwinglichen bewegten, konnte es nie schaden, den einen oder anderen Penny zurückzulegen. Wer konnte schon wissen, wozu man ihn noch gebrauchen konnte? Der Joker zückte eines seiner Messer und streckte die linke Hand aus, in der er es hielt. Die Klinge streifte die seitlich von ihm verlaufenden, waagerecht ausgerichteten Rohre, aus deren rostigen Mündungen stinkendes Wasser tropfte. Eine Melodie aus metallenem Missgesang schepperte in gleichmäßigen Schallwellen durch den weiten, leeren Raum, den eine ewige Feuchtigkeit in Besitz genommen hatte. Der bewölkte, sternenlose Nachthimmel, der wie eine offene Wunde über seinem Kopf klaffte, aus der nichts als indigofarbene Dunkelheit blutete und in undurchsichtiger Schwärze gerann, war sein einziger Zeuge. Die beiden Clowns, die in seinem Auftrag den kleinen Bengel hierher gebracht hatten, hatte er weggeschickt. Auch wenn sie schon einige „geschäftliche Aufträge" für ihn erledigt hatten, wollte er nicht, dass sie für ihn Schmiere standen. Wohlmöglich wären es sie gewesen, die erst Aufsehen erregt hätten, wenn sie sich mitten in der Nacht auf dem verlotterten Geländer der Axis Chemicals Corporation herumgetrieben hätten.
Der Joker hatte schon früh genug in seinem Leben lernen müssen, dass nur die Dinge nach seinem Wunsch verliefen, wenn er sie auch selbst in die Hand nahm. Die Hosenscheißer, die er einer Gang abtrünnig machen konnte, hatten sich schon halb dabei eingenässt, als sie sich um Alex kümmern sollten. Aber der Joker war ja kein Unmensch und hatte daher beschlossen, selbst für den größtmöglichen Erfolg in Sachen Zeugenbefragung zu sorgen. Er drehte den Kopf um die eigene Achse, was seinem Genick ein ungesundes Knacken entlockte, seufzte dann wie erleichtert und setzte seinen Weg fort. Der Innenraum des Kühlturms war nur über zwei Wege zugänglich – über die vierzig Meter hohe Leiter, die von innen an die Wand angebracht worden war, erst nach drei Metern über dem Boden des Innenraums begann und auf der im oberen Drittel fatalerweise einige Sprossen fehlten, oder über den Wartungsraum, der nordwestlich des Kühlturms gelegen und nur über zwei sehr robuste Sicherheitstüren zu öffnen war. Der Joker hatte sich durch letzteren Weg Zugang verschafft, um sich die Kletterei zu sparen. Abgesehen davon sahen die rostigen Sprossen nicht sehr vertrauenswürdig aus.
„Alex, Alex, Alex...", rezitierte er den Namen seines Opfers in maliziösem Singsang, immer noch begleitet von der kleinen, wenig harmonischen Nachtmusik, die sein Messer im Duett mit den Rohren anstimmte. Das kleine Bündel, zu dem seine Leute den Milliardärserben zusammengeschnürt hatten, zuckte aufgeregt in der wachsenden Dunkelheit. Das Panzertape, dessen silberne Färbung das nur bedingt durch den dichten Wolkenvorhang dringende Mondlicht reflektierte, blitzte hektisch auf, wann immer sich Alex Randall zappelnd bewegte. Und er zappelte schlimmer als ein Fisch am Angelhaken, der die Chance, dem Netz des Fischers zu entgehen, noch nicht aufgegeben hatte. Der Joker grinste. Es gefiel ihm, wenn sich Menschen vor ihm fürchteten. Es zollte ihm den nötigen Respekt. Schwungvoll zog er den linken Arm zurück, beendete abrupt das ohrenbetäubende, metallene Klirren, über das sich seine tiefe, zugegeben etwas schrille Stimme mühelos erhoben hatte. Ein blechernes Echo lag noch wenige Sekunden in der modrigen Luft, ehe es sich in den Weiten des Innenraums auflöste. Wasser spritzte fast bis zu seinen Knien hoch, als der Joker in eine der zahlreichen Pfützen trat, sich aber nicht weiter darum scherte. Sein Blick, und somit seine ungeteilte Aufmerksamkeit, dachte er einzig und allein dem zitternden Bündel Mensch zu, das nur noch fünf Meter von ihm entfernt mit Eisenketten an eines der wenigen intakten Rohre gefesselt war. Ein Knebel verhinderte, dass die Schreie des Jungen eine wirklich bemerkenswerte Lautstärke annahmen. Das Weiß seiner hellen Augen trat aus dem Dunkel hervor wie Elfenbein.
„Naaa?", begann der Joker grinsend und mit schnarrender Stimme, die seinem jungen Klienten sichtlich durch Mark und Bein ging. „Hast du mich schon erwartet, Mister Randall, hm?" Das S in Mister zog er so in die Länge, dass es wie das Zischen einer Schlange klang. Der Junge zerrte panisch an seinen Fesseln, als ihm gewahr wurde, dass sich der Unhold im violetten Gewand immer näher auf ihn zu bewegte. Dabei schüttelte er unwillkürlich den Kopf. „Oh doch, Alex, oh doch, ich denke schon." Er war nah genug an ihn herangetreten, um ihn mit seinen Füßen erreichen zu können.
Er versetzte dem wehrlosen Jungen einen Tritt in die Rippen, was ihn ohnmächtig aufheulen und zur Seite sinken ließ. Die Kette, die um seinen Hals gelegen hatte, spannte sich durch diese ruckartige Bewegung an und drückte Alex den Kehlkopf ab, sodass sein Winseln zu einem erstickten Schluchzen verklang. Reichlich unbeeindruckt beobachtete der Joker, wie der Junge gegen den Erstickungstod ankämpfte, bis es ihm zu langweilig wurde, er in die Hocke ging und Alex am Kragen in eine sitzende Position hinaufzerrte. Er brauchte den kleinen Bengel noch. Wenn er auch nicht zwingend notwendig war, um das beachtliche Budget seiner Eltern aufzufinden, so bedeutete das Wissen des kleinen Burschen immer noch eine rapide Abkürzung des Weges. Abgesehen davon hatte der Joker noch eine Rechnung mit ihm offen; eine Rechnung, die er nicht etwa schnell und schmerzlos zu begleichen gedachte. Der Joker fuhr sich mit der Zunge über die obere Zahnreihe und ließ, als er den Halbkreis vollendet hatte, schmatzend davon ab. Alex' Gesicht war nur noch ein weißer, nicht gänzlich vollendeter Vollmond, aus dem ihn zwei eisfarbene Saphire dumm und verängstigt anglotzten. „Du...äh...du hast doch nicht wirklich gedacht, ich würde dich damit davonkommen lassen, hm?", er tätschelte Alex mit der Rückhand grob die Wange, „Hm?", donnerte er mit dunkler Stimme auf ihn hinab, woraufhin das elfjährige Kind zusammenzuckte. „Weißt du, Alex...ich bin eigentlich ein recht umgänglicher Typ...", er schenkte dem Jungen ein breites Grinsen, das alles andere als vertrauenerweckend war, „Aber...wenn sich jemand...wenn...wenn sich jemand an meinen Sachen vergreift...", er führte die rechte Hand ganz nah an Alex Gesicht und krümmte die Finger als litte er unter starken Krämpfen, „Dann...dann werde ich schon mal ungemütlich, ja, ja, zuweilen sogar sehr ungemütlich." Er fixierte den Jungen mit seinen dunklen, schwarz umschminkten Augen und zog die Unterlippe zwischen die Zähne.
Das Grinsen, das auf seinen Lippen gelegen hatte, war schlagartig verschwunden, einzig und allein die sichelförmigen, geschwulstartigen Narben malten ein künstliches, noch humorloseres Lächeln auf seine clownartig weiß geschminkten Wangen. Im spärlich einfallenden Licht wirkte die abnorme Fratze des Jokers wie der personifizierte Tod. „Du...", begann er leise und packte mit der linken Hand fest die rechte des Jungen, von der durch seinen präzisen Schuss nicht mehr viel übrig geblieben war. Alex jaulte regelrecht vor Schmerz, rang rasselnd nach Atem. Der Joker betrachtete das vor ihm sitzende Kind ohne großes Interesse an dessen Leiden. „Du...du hast scheinbar wirklich geglaubt, dass du, nur...nuuuur weil ich in Arkham eingesessen habe, sicher vor mir wärst, hm? Dass du...deine Rechnung nicht bezahlen musst, weil der verrückte Clown, der sich dieses...hübsche Unfallszenario deiner Eltern ausgedacht hat, während er in dieser bedrückend farblosen Zelle zwischen Geisteskranken gehockt hat, hinter Schloss und Riegel saß." Der Joker beugte sich so weit vor, dass nur Millimeter sein Gesicht von dem des Jungen trennten. Er musste sich mit aller Macht ein breites Grinsen verkneifen, als er das geradezu idiotische Flirren der Angst in den geweiteten Pupillen seines Opfers erkannte. „Was soll ich sagen...dir wird sicher Eines klar geworden sein...ich bin weder verrückt...noch ein Clown", er kniff die dunklen Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen, zog die Brauen tief ins Gesicht und entließ seine blutrote Unterlippe aus den Fängen seiner Zähne. „Und ich sitze auch nicht mehr im beschaulichen Arkham ein und vertreibe mir die Zeit mit Maltherapien oder anderem Blödsinn. Nein, nein...denn...ich habe weitaus Wichtigeres zu tun", er nickte bekräftigend, ohne den finsteren Blick von dem Jungen abzuwenden, und zog ein seltsam stumpf anmutendes Messer aus seiner Westentasche, hielt es Alex direkt vor die Augen.
„Eigentlich haben sich meine Jungs schon...", er schob den Zeigefinger und Daumen der linken Hand so nah aneinander, dass nur noch wenige Millimeter dazwischen frei waren, „...ein bisschen früher um dich kümmern wollen." Er wich von Alex zurück, der erleichtert ausatmete, während der Joker den Kragen seines Hemdes richtete und beinah gedankenverloren zum Nachthimmel hinaufstarrte. „Aber den Spaß wollte ich schon alleine haben", fuhr er leise fort, ließ von seinem dunklen, gepunkteten Hemd ab und packte stattdessen Alex am Kragen seines Pullovers, zog ihn ruppig zu sich, sodass sich die Kette um dessen Hals abermals gefährlich zu spannen drohte. „Du hast geglaubt, du wärst sicher...in...in...äh...Le Gardien...übrigens ein sehr schöner Name, weißt du? Ist...das französische Pendant zu...äh...‚Wächter'...", der Joker ließ sich zu einem selbstgefälligen Grinsen hinreißen, „Ein bisschen ironisch, meinst du nicht auch?" Alex versuchte sich von ihm loszureißen, zappelte erneut und versuchte sogar, mit seinen zusammengeschnürten Beinen nach seinem Peiniger zu treten. Der bekam ihn nur noch fester zu packen und brachte ihn dazu, stillzuhalten, indem er das Messer in seine Wange drängte. „Hey!", knurrte der Joker wie ein tollwütiger Hund, „Weißt du...was das ist?", er drehte die Klinge des Messers vor den weit aufgerissenen Augen des Jungen hin und her. Der Mann, der sich selbst als der Joker vorstellte, leckte sich die Lefzen und behielt sich vor, seine eigens gestellte Frage selbst zu beantworten: „Das, mein werter Mister Randall, ist ein Fischmesser. Weißt du, die Konsistenz eines Fischfilets ist...überaus zart. Es wäre geradezu barbarisch, eine Delikatesse wie ein Fischfilet mit einem scharfschneidigen Messer zu bearbeiten. Nein, nein. Man...", er ballte die Hand, die um den Griff des Messers lag, zur Faust, „...zerdrückt das weiche, köstliche Fleisch ganz sanft und schiebt es auf eine Gabel...es...es ist zwar stumpf, aber robust genug, um das Fleisch von kleineren Gräten zu befreien." So als hätte sein Monolog seinen Appetit erregt, leckte er sich abermals hektisch über die Lippen. „Wenn...wenn, wenn, wenn du mir nicht saaaagst, wo dein hübsches Erbe gelagert wird und...wie ich da herankomme, wirst du...", er drehte die flache, fächerförmige Klinge ein wenig vor und zurück und betrachtete sie mit einer nicht nachvollziehbaren Faszination, „Dann wirst du wissen, wie sich ein Fisch fühlt, das von diesem Prachtstück hier behandelt wird. Natürlich tut das Schneiden an sich weh, ist aber nur von kurzer Dauer...aber Zerquetschen...", er verzog den Mund zu einer hässlichen Grimasse und schüttelte den Kopf, während er theatralisch seufzte, „...das muss ein wahrhaft unangenehmer Schmerz sein..."
Tränen schossen aus den vor Entsetzen geweiteten Augen des jungen Erben, er wimmerte und schrie sogar auf, als der Joker sich einen makaberen Spaß erlaubte und mit dem Messer bedrohlich nah vor dem Gesicht des Jungen herumfuchtelte. Der Knebel dämpfte den Klang nackter Angst und reinen Schreckens, aber der Ausdruck in den kühlen blauen Augen des Kindes war Entschädigung genug. Der Joker lächelte triumphierend. Nein, Augen logen nicht. In ihnen ruhte immer eine Essenz Wahrheit, der Kern aller Emotionen. Der Mann, den ein kleines stummes Mädchen namens Erin Porter einst unter dem Namen Daniel Stuart Finch gekannt hatte, griff ohne lange zu fackeln nach Alex' gesunder linker Hand, löste sie aus den Fängen des Klebebands und drückte das Fischmesser an den kleinen Finger des Jungen. „Findest du nicht auch, dass das Wort...Fischstäbchen...dadurch eine ganz neue Bedeutung erhält?", grinste er finster und befreite Alex' Mund mit der freien linken Hand von dem Knebel, der durchtränkt war von seinem Speichel. „Also, Bürschchen...", sein Ton hatte all das verloren, das man noch als schalkhaft hätte bezeichnen können, tief und bedrohlich drang seine Stimme zischelnd über seine teufelsroten, spröden Lippen, „Sing deinem Onkel Joker ein schönes Lied vor, hm?"
***
„Sie müssen sich schon ein bisschen Zeit geben", belehrte sie der Physiotherapeut, der Erin aus dem Rollstuhl in ihr Bett zurück verhalf. Frustriert ließ sich die junge Frau in die Kissen fallen und sah dabei zu, wie der Pfleger, der groß und kräftig, aber nicht wirklich ansehnlich war, ihr Bein vorsichtig streckte. Ihr ramponierter Oberschenkel quittierte diese noch so kleine, ihm aufgezwungene Bewegung mit einem brennenden Gefühl als würde ihr Muskel zerrissen werden. Erin wusste, dass die Spannung, die von ihrer Wunde ausging, von den Wundnähten herrührte, die ihr im Laufe der Woche gezogen werden sollten.
Seit nunmehr einer halben Woche lag Erin im Gotham General Hospital und nur mühselig wollte sich ihr Oberschenkel an die Belastungsübungen gewöhnen. Sie wollte so schnell wie es ihr möglich war buchstäblich wieder auf die Beine kommen. Nicht nur, weil sie es leid war, von ein paar Ausflügen mit dem Rollstuhl abgesehen im Krankenbett vor sich hinzuvegetieren, sondern weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, die Zeit, die sie noch tatenlos im Krankenhaus verbringen musste, sinnvoll zu nutzen. „Sie sind schon auf einem guten Weg, aber Sie dürfen es jetzt nicht übertreiben. Ihr Muskel benötigt noch Schonung. Vielleicht können wir übermorgen einen Versuch mit Krücken wagen, aber dafür müssen Sie sich einfach noch gedulden und ihrem Bein die Ruhe zukommen lassen, die es benötigt, um sich zu regenerieren." Erin hörte der Gardinenpredigt ihres Pflegers nur mit einem Ohr zu, war gedanklich zu sehr vertieft in ihr Vorhaben und dementsprechend überrascht, als der Physiotherapeut nicht mehr im Zimmer war, als sie wieder aufschaute. Seufzend schlug sie die Decke zur Seite und betrachtete den straffen Stützverband, der ihren linken Oberschenkel umschloss. Das Fädenziehen war auf Donnerstag vertagt worden, einen Tag zuvor wollte Therapeut Andrew erste Gehversuche mit ihr starten, wenn er Wort halten würde. Erin wusste, dass sie sich in Geduld üben musste und normalerweise konnte sie das sehr gut. Die Umstände hatten sich allerdings verändert und Ruhe zu einem kostbaren Gut gemacht, das für Erin momentan einfach nicht erschwinglich war.
Scott hatte sich gestern nach einigen Tagen wieder bei ihr blicken lassen. Sosehr er sich auch nicht anmerken lassen wollte, dass sich in Erins Gegenwart eine gewisse Beklommenheit seiner bemächtigte, sie konnte es aus so vielen Details herauslesen. Scotts warme braune Augen ruhten nie länger als wenige Sekunden auf ihren, er schien deutlich unsicher zu werden, wenn Erin ihm auch nur die Hand reichte und schnitt nur recht banale Gesprächsthemen an. Auf den harmlosen Kuss, den er ihr gegeben hatte, kam er natürlich nicht zu sprechen. Erin war dankbar dafür, wenngleich sie ahnte, dass er ihre zurückschreckende Reaktion falsch interpretiert hatte und aus ihr schloss, sie hätte sich von ihm überrumpelt gefühlt. Weil er wusste, wie sehr sie Bücher liebte und dass ihr die Decke auf den Kopf fallen würde aus Mangel an Unterhaltung, hatte er ihr einige Exemplare aus der nahen Bibliothek beschafft, die sich jetzt auf ihrem Nachttisch stapelten. Das obenauf liegende Buch hatte Erin umdrehen müssen. Der Anblick des rote Covers, auf dem zwei Kinder – ein Junge und ein Mädchen – abgebildet waren, die sich an den Händen hielten, stieß ihr sauer auf. Scott hatte mit seiner Vermutung, Erin würde etwas lesen wollen, richtig gelegen, wenn sie im Moment allerdings auch andere Dinge interessierten als Fiktion. Sobald sie besser mit dem Rollstuhl umgehen konnte, plante sie der Bibliothek persönlich einen Besuch abzustatten. Wie so viele öffentliche Einrichtungen in Gotham City war die städtische Bibliothek bereits vor Jahren behindertengerecht saniert worden, sodass sie weitgehend auf Unterstützung verzichten konnte, sollte sie den Rollstuhl benötigen.
Lieber wäre es ihr natürlich gewesen, auf ihren eigenen Beinen hineinzuspazieren und das zu suchen, was sie bislang so vergeblich zu finden versucht hatte: Antworten. Erin wollte helfen, war aber herb dadurch enttäuscht worden, dass Commissioner Gordon bislang noch nicht aufgekreuzt war. Entweder nahm er sie als Zeugin nicht für voll oder er hatte alle Hände voll zu tun. Dabei wollte sie herausfinden, ob Gordon überhaupt von den Absichten des Jokers wusste oder Alex' Rolle darin verstand. Weiterhin war es ihr ein Rätsel, wieso Batman in das Geschehen eingegriffen hatte und es niemand zu würdigen wusste, dass er drei Menschenleben gerettet hatte. Die Nachrichtensender hatten in den letzten Tagen immer wieder über den Anschlag auf Commissioner Gordons Haus berichtet, aber weder Barbara noch ihre gleichnamige Tochter hatten der Presse gegenüber einen Kommentar abgegeben, was das Eingreifen Batmans betraf. Stattdessen wandelten sich Augenzeugenberichte darüber, Batman am Ort des Geschehens gesehen zu haben, zu regelrechten Hetzkampagnen. Ein nicht sehr glaubwürdiger Sender wollte der menschlichen Fledermaus sogar die Schuld an der Explosion in die Schuhe schieben, bei der wie durch ein Wunder nur wenige Menschen leicht verletzt worden waren. Erin hatte seitdem darauf verzichtet, den Fernseher einzuschalten. Es war. als wäre die Welt da draußen verrückt geworden und suchte nun nach einem Sündenbock für alle Schandtaten, die in Gotham City verübt wurden. Erin kannte die Vorgeschichte um den maskierten Rächer nicht, wusste nicht, in welcher Beziehung er zu Jim Gordon oder gar dem Joker stand. Aber sie war gewillt, es herauszufinden.
Wenn noch eine Chance für Alex bestand, am Leben zu bleiben, so ahnte Erin, dass sie nicht von Dauer sein würde und daher Eile geboten war. Anderenfalls würde der Joker schneller als es Gothams Bewohnern lieb sein konnte seine Fäden über die gesamte Stadt spinnen.
Ein kurzes, aber markantes Klopfen beanspruchte Erins Aufmerksamkeit für sich. Wenig später öffnete sich die Tür und die Schicht habende Schwester machte einen etwas unbeholfenen Schritt in das Zimmer. Gänzlich schien sie Erins brüske Reaktionen auf die von ihr angebotene Hilfe nicht verdaut zu haben. „Miss Porter...Commissioner James Gordon ist hier und möchte Ihnen ein paar Fragen stellen, wenn es Ihnen recht ist." Augenblicklich setzte sich die junge blonde Frau auf und nickte eifrig. Es war als wären ihre stummen Rufe erhört worden. Die brünette Schwester machte dem Polizeichef Platz und schloss die Tür, als er eingetreten war. Jim Gordon trug nur eine gewöhnliche Jacke aus dunkelbraunem Kunstleder und eine legere Jeans. Wahrscheinlich war er privat unterwegs und nicht im Dienst, sofern es für einen Commissioner offiziell überhaupt eine dienstfreie Zeit gab. Sein ernstes, aber gleichzeitig auch gutmütiges Gesicht wirkte ungesund fahl; die Verantwortung, die auf ihm lastete, zeichnete sich in den tiefen Furchen seiner Falten und den dunklen Ringen unter den aufmerksamen blauen Augen. Die leichte Röte seiner Wangen rührte wahrscheinlich von der draußen vorherrschenden Kälte her. Die Temperaturen waren in den letzten Nächten weit unter den Gefrierpunkt gesunken, worüber sich das Krankenhauspersonal fortwährend bei Erin beschwerte. ‚Warum auch nicht', dachte sie verbittert, ‚Ich habe ja auch nichts entgegenzusetzen.'
„Guten Tag, Miss Porter", begrüßte sie der Commissioner und legte die Hand auf die Lehne des mit dunkelgrünem Stoff bezogenen Stuhls. Auch seine Hände trugen rote Spuren trockener Kälte. Dünne blaue Adernäste verzweigten sich und wanden sich um seine Fingerknöchel. „Darf ich?", fragte er nur. Erin nickte, woraufhin er den Stuhl zurückzog und sich darauf niederließ. Das Kunststoffskelett knarrte widerwillig unter dem Fliegengewicht des Commissioners, als er die Beine übereinanderschlug und die Hände ineinander verschränkt auf seinem Knie ablegte. „Wie fühlen Sie sich?", fragte er sie leise. Erin hob die rechte Hand und schwenkte sie vage hin und her. „Kann ich mir denken", entgegnete er und zog einen Block im A5-Format mitsamt eines Kugelschreibers aus seiner Jacke hervor, der es Erin ermöglichen sollte, auch ohne Gebärdensprache zu kommunizieren. Beides legte er in ihre Hände und lächelte ihr aufmunternd zu, während sie bereits eifrig zu schreiben begann. Obwohl sie schnell die Worte zu Papier brachte, war ihre Schrift immer noch leserlich. „Es tut mir leid, dass alles so schief gegangen ist. Ich musste ihm Ihre Telefonnummer überlassen, sonst hätte er die Kinder in die Luft gejagt!", las der Commissioner nur Sekunden später und lächelte sanft, als er ihr den Block zurückgab: „Geben Sie sich dafür nicht die Schuld, Erin. Es war von vornherein ein gewagtes Manöver von mir, Alex in meinem Haus unterzubringen. Aber...es gibt nur wenige Orte in der Stadt, die wirklich sicher sind. Ich hätte ihn schon mit mir auf das Revier nehmen müssen, um rund um die Uhr für seine Sicherheit zu garantieren."
Erin schnappte sich den dunkelblauen Kugelschreiber, dessen Mine leise über das glatte, dünn linierte Papier kratzte, während sie schrieb. „Verfügen Sie nicht über ein Zeugenschutzprogramm?" Jim Gordon seufzte leise und murmelte: „Schon. Aber die Bedingungen, um in dieses Programm aufgenommen zu werden, sind vielfältig. Wir konnten zum Beispiel nicht nachweisen, dass der Joker an Alex interessiert ist. Noch dazu müssten wir garantieren, dass Alex als Zeuge vor Gericht gegen ihn aussagen würde. Dafür wiederum müsste überhaupt erst ein Prozess gegen den Joker laufen." Gordon lächelte schief und traurig, als Erin die Stirn runzelte und zu einer Erwiderung zunächst die Hände hob, bis ihr einfiel, dass der Commissioner keine Gebärdensprache verstand. Hastig, beinahe fieberhaft jagte sie den Stift über den Block. „Mangelt es etwa an Anklagepunkten?"
Erins Blick aus hellblauen Augen war so ironisch, dass Jim Gordon tatsächlich auflachte. Ein ungewöhnliches Geräusch, das sich in Erins Ohren fremd und ungewohnt anhörte in Anbetracht der vergangenen Tage, die nichts mit sich gebracht hatten, das auch nur ansatzweise zum Lachen gewesen wäre. „Nein, gewiss nicht", seufzte er und räusperte sich, „Der Joker verbreitet Angst und Schrecken, nicht nur auf den Straßen Gothams, sondern ebenso auf den Polizeirevieren und den Büros der Staatsanwaltschaft. Der letzte Staatsanwalt, der den Schneid gehabt hätte, gegen den Joker anzutreten, war Harvey Dent. Er hatte es sogar gegen die gesamte Mafia Gothams aufgenommen...", traurig schüttelte er den Kopf. Erin betrachtete ihn eindringlich und schrieb auf den Zettel: „Was ist mit ihm passiert?" Jim Gordon schaute einige Sekunden lang auf den Block, ehe er langsam und bedächtig den Kopf schüttelte: „Das tut hier nichts zur Sache. Ich bin aus einem anderen Grund hierher gekommen, als über längst vergangene Geschichten zu sprechen."
Der Commissioner bemühte sich um eine feste Stimme, aber sein ausweichender Blick verriet Erin alles, was sie wissen musste. Jim Gordon hielt mit irgendetwas hinter dem Berg. „Ich möchte gern wissen, was der Joker Ihnen gegenüber gesagt hat." Die junge Frau legte die Stirn in tiefe Falten und bemühte sich darum, durch keine Regung sichtlich werden zu lassen, wie sich ihr Herz bei der bloßen Erinnerung an die peinigenden, spottenden Worte des Jokers zusammenzog. Es gelang ihr bestens, indem sie die Aufmerksamkeit des Commissioners auf den Schreibblock lenkte, den sie als Medium zur Verständigung benutzte. „Was meinen Sie?" Sie händigte dem Polizeichef den Block aus, der ihre Frage flüchtig überlas und dann prompt sagte: „Alles. Alles, was er Ihnen gesagt hat und woran Sie sich erinnern können. Jedes noch so kleine Detail könnte uns einen Hinweis darauf geben, was sein nächster Schachzug sein könnte oder was er mit Alex vorhat!" Sie strich sich nervös eine Strähne aus dem Gesicht, das trotz der letzten recht erholsamen Tage sehr mitgenommen wirkte. „Glauben Sie wirklich, er wäre so nachlässig, mir irgendwelche Hinweise zu geben?", schrieb sie ausweichend auf den Zettel. Sie hatte nicht vor, Jim Gordon davon zu erzählen, dass er sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und schikaniert hatte. Möglicherweise hatte ihm seine Frau derartiges erzählt, aber Erin war nicht bereit, solch persönliche Fakten über sich selbst preiszugeben. Nicht sie stand im Mittelpunkt dieser Untersuchung, sondern der Joker. Sie hatte nichts getan und war auch nicht zur Zielscheibe dieses Verrückten geworden, hatte demnach gar nicht erst vor, dazu zu werden. Einzig um ihr die Waffe zu entlocken, hatte er auf sie eingeredet, Erin erachtete es daher nicht als relevant, Gordon davon zu erzählen.
„Versuchen Sie es. Bitte", legte ihr der Commissioner nahe und nickte ihr ernst zu. Für einen Moment schloss Erin die Augen, ließ alles Revue passieren von dem Augenblick an, als sie das Kunstzimmer betreten hatte, und griff nach einem tiefen Atemzug wieder zu Papier und Stift, schrieb eilig so viel nieder wie sie rekapitulieren konnte und zu erzählen bereit war. Sie beschrieb so ausführlich wie es ihr Gedächtnis erlaubte, was der Joker ihr gegenüber erwähnt hatte, auch, dass er Andeutungen gemacht hatte, was Alex Randalls Mitwisserschaft bezüglich des Unfalls seiner Eltern anbelangte, der vielleicht gar kein Unfall war. Die Passage, mit welchen Worten er sie gleichzeitig eingeschüchtert und provoziert hatte, ließ sie geflissentlich weg. Erin konnte sich nicht erklären, aus welchem Grund sie in erster Linie verschwieg, dass sie wusste, wer unter der Clownsschminke steckte. Vielleicht war es der Umstand, dass sie ahnte, dass auch der Commissioner seine Geheimnisse vor ihr hatte. Warum sollte sie all ihre Karten offenlegen, wenn er ihr ebenso wichtige Aspekte von Gothams Geschichte verschwieg? Erin pokerte mit der Wahrheit und war sich dessen vollkommen bewusst. Ob die wahre Identität des Jokers Gordon wirklich weitergeholfen hätte, konnte sie nicht einschätzen. Schließlich schien er seinen Namen und sein altes Leben schon eine ganze Weile zuvor abgelegt zu haben wie einen alten, ihm überdrüssig gewordenen Mantel. Bevor Erin nicht wusste, wann und aus welchen Gründen genau dies geschehen war, hatte sie nicht vor, sich einer Polizeibehörde anzuvertrauen, die ihr offenbar mit dem gleichen Misstrauen begegnete, das sie ihr entgegenbrachte, und auf die sie sich nicht hundertprozentig verlassen konnte. Wahrscheinlich würde sie nie in Erfahrung bringen können, was Danny widerfahren war, was ihn hatte zu dem werden lassen, der er jetzt war, aber es kam wie so vieles auf einen Versuch an. Solange die Erinnerungen an ihren Freund aus Kindertagen so lebendig waren, fiel es Erin schwer, loszulassen und einfach zu vergessen. Irgendwo in dieser kaltblütigen, von Verachtung gegenüber den Menschen angetriebenen Kreatur steckte der Danny, den Erin gekannt und auf ihre ganz eigene Art und Weise geliebt hatte. Es war waghalsig und vielleicht sogar verrückt, daran zu glauben und danach zu suchen, aber Erin tat es nichtsdestotrotz.
Indes hatte der Commissioner ihre Notizen gelesen und sich leicht zurückgelehnt. Das fast zufrieden klingende Seufzen der Stuhllehne ließ den Blondschopf zu ihm aufsehen. Gordon machte nicht gerade ein begeistertes Gesicht. Die Linie, die sich senkrecht über seinem Nasenrücken abzeichnete und über seine Stirn erstreckte, ließ ihn strenger und grüblerisch wirken. „Alex Randall soll für den Tod seiner eigenen Eltern verantwortlich sein?", fragte er ungläubig und musterte Erin eindringlich. Sie zuckte ratlos die Achseln und deutete mit dem Zeigefinger auf die von ihr verfasste Nachricht. Die frische Tinte verwischte leicht und hinterließ dunkelblaue Schlieren mit Teilen von Erins Fingerabdruck auf dem weißen Papier.
„Wie soll er das angestellt haben?" Ratlos hob sie die Hände, schnappte sich dann erneut den Block und schrieb darauf: „Ich habe nur wiedergegeben, was er mir gegenüber andeutete. Ob und wie viel davon wahr ist, weiß ich nicht. Mag sein, dass er alles erlogen hat." Jim Gordon nickte düster und seufzte, dann betrachtete er Erin durchdringend: „Ansonsten geht es Ihnen gut? Er hat sie doch am Bein verletzt, oder?" Sie nickte und tätschelte behutsam ihren linken Oberschenkel, den die weiße Decke verhüllte. „Hat er...Ihnen sonst noch etwas getan...der Joker ist nicht gerade dafür bekannt, zimperlich mit denen umzugehen, die sich in seiner Gewalt befinden."
Der Commissioner fragte so diskret nach wie nur möglich, doch abermals verstärkte sich Erins Eindruck, dass er mehr zu wissen schien als er vorgab. Barbara schien ihm davon erzählt zu haben. Er wollte es nur von ihrer Seite hören, wollte vermutlich herausfinden, ob der Joker ihr diese zermürbenden Fragen gestellt hatte, weil er sie kannte oder weil er einfach zufällig ins Schwarze getroffen hatte. Doch Erin blockte ab und schüttelte den Kopf. Dennoch griff sie erneut nach dem Zettel un schrieb darauf: „Aber Dank Batman sind wir halbwegs unversehrt aus der Geschichte herausgekommen." Sie musterte Gordon eindringlich, als er die Notiz las, erforschte jede noch so kleine Regung in seinem Gesicht. Auch er war sichtlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, wenngleich sich sein Mundwinkel kurz regte. Er sagte darauf nichts, doch Erin gab sich damit nicht zufrieden. Sie tippte auf den Block; zögerlich reichte ihn Gordon zu ihr zurück. „Er hat uns gerettet. Ich kann nicht glauben, dass all die schlechten Dinge stimmen, die über ihn verbreitet werden!"
Sie hielt ihm den Zettel hin und sah ihm fest in die Augen. Der Commissioner las ihre Worte und seine Züge arbeiteten angestrengt. Schließlich legte er den Zettelblock gänzlich beiseite und seufzte. „Miss Porter, Sie haben in letzter Zeit genug erlebt, um zu wissen, dass Sie Ihr Vertrauen nicht leichtgläubig verschenken sollten. Wer Sie heute rettet, stellt sich Ihnen vielleicht morgen schon in den Weg. Sie sind noch nicht lange hier in Gotham City, nicht wahr?" Erin seufzte, senkte den Blick und schüttelte trübselig den Kopf. „Wissen Sie...als ich in die Stadt kam, war ich ähnlich idealistisch gestrickt wie Sie. Ich habe an das Gute geglaubt, habe versucht, in allem eine gute Seite zu sehen...es hat nicht lang gedauert, bis ich realisiert habe, dass in manchen Menschen alles Gute verloren ist. Ich rate Ihnen nicht zu Pessimismus, Erin...aber zu Vorsicht. Diese Stadt und ihre verborgenen Helden sind vielleicht nicht ganz so nobel wie Sie es sich vorstellen."
Erin sah ihm dabei zu, wie er langsam den Block in seiner Jacke verstaute und sich erhob, die Brille auf dem Nasenrücken zurechtrückte und zu ihr hinab sah. „Ich wünsche Ihnen gute Besserung, Erin. Lassen Sie es mich wissen, wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte." Jim Gordon nickte ihr freundlich zu, was sie zögerlich erwiderte, und ließ Erin allein in ihrem Zimmer zurück. Sie schaute ihm noch lange nach, während der Regen trommelnd einsetzte und mit nahender Winterkälte gegen die Scheiben schlug, die festen Asphalt mit einer dünnen Schicht gefährlichen Blitzeises zu überziehen vermochte und straßensichere Autos ins Schlingern brachte. Schweigend, wie es in ihrer Natur lag, sah Erin dem prasselnden Regen zu, der einen undurchsichtigen Schleier bildete und die Fassaden der Nachbarhäuser in dröges Grau hüllte.
Sie lehnte sich in die Kissen zurück und griff sich das Buch, das ihr Scott aus der Bibliothek entliehen hatte. Ein unbeschriebener gelber Notizzettel diente als Lesezeichen und markierte die Stelle, an der Erin zunächst aufgegeben hatte, den ellenlangen Schachtelsätzen der Autorin zu folgen. Normalerweise konnte sie in jeder Situation lesen, ganz gleich, ob sie aufgebracht war, traurig oder müde – ein Buch hatte immer Platz in ihren Händen. In den letzten Tagen hatte sich das jedoch verändert. Erin konnte sich einfach nicht auf die Worte konzentrieren, verlor nach wenigen Sätzen den Faden, obgleich der Schreibstil nicht der schwierigste war. In ihrem Kopf stritten sich Gedankenfetzen um die Vorherrschaft über ihre Konzentration, einer schien wichtiger als der andere zu sein und sich an die Spitze drängeln zu wollen, sodass Erin oftmals erst sehr spät einschlafen konnte. Doch jetzt fasste die junge Patientin einen Plan. Entschlossen schnappte sie sich den Bleistift, den ihr eine Krankenschwester überlassen hatte, und notierte sich auf ihrem provisorischen Lesezeichen einige Namen. ‚Dent' schrieb sie in die obere linke Ecke, ‚Gordon' gegenüber in die rechte, darunter notierte sie links ‚Joker', daneben ‚Alex' und rechts ‚Batman', zeichnete um alle Namen einen zu einem Kringel verkommenen Kreis, und blickte angestrengt für einige Sekunden darauf, ehe sie ein Fragezeichen in die Mitte setzte. Was verband all diese Menschen miteinander? In welcher Beziehung standen sie zueinander? Wie waren ihre Geschichten ineinander verwoben? Erin spürte, dass sie diesen Fragen auf den Grund gehen musste, dass sie nachhaken musste, um Zusammenhänge zu verstehen, die Gordon ihr mitzuteilen verwehrte. In einem Spiel, in dem jeder mit gezinkten Karten zu spielen schien, war die Wahrheit der einzige Schlüssel zum Sieg, und Erin war mehr als gewillt, sie aufzudecken.
Mit der festen Absicht, bereits am nächsten Morgen der Bibliothek und ihrem großen Zeitungsarchiv einen Besuch abzustatten, ganz gleich, ob der tiefe Schnitt, der unzählige Stränge ihres Muskels hatte reißen lassen, Probleme bereiten würde oder nicht, legte Erin den Zettel zurück zwischen die Seiten und klappte den Wälzer mit einem staubigen Ächzen zu. Das Titelbild betrachtete sie für einige Momente, dann drehte sie das Buch auf die andere Seite und legte es auf den Stapel zurück.
Die Vergangenheit als solche zu akzeptieren, erfordert mehr als bloße Überwindung. Ständig versuchen wir, sie auszuschmücken, oder manche Kapitel wegzulassen, wie in einem uninteressanten Buch zu überblättern, weil sie uns unangenehm sind. Letzten Endes holt sie uns doch immer wieder ein, zwingt uns dazu, uns ihr zu stellen und anhand ihrer Fingerabdrücke abzulesen, zu was wir durch Leugnung und Verrat an uns selbst geworden sind.
Erin versuchte nicht etwa, vor den Schatten zu fliehen, die ihre eigene Geschichte auf den Weg warf, den sie noch zu beschreiten hatte; vielmehr war sie daran interessiert, die nicht lupenreine Weste des einen oder anderen Protagonisten dieses morbiden Theaterstücks einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, um ihre eigene Position in diesem Verwirrspiel zu verstehen.
Ihrem Vorhaben zum Trotz durfte Erin erst auf eigene Faust das Krankenhaus verlassen, als ihre Fäden gezogen wurden. Obwohl sie Andrew mehrfach zu verstehen gegeben hatte, dass es ihr gut ging und dass er doch ein gutes Wort bei den behandelnden Ärzten für sie einlegen sollte, hatte sich ihr Therapeut vehement gegen die bloße Vorstellung gesträubt, Erin allein in der Bibliothek herumgeistern zu lassen. „Sie haben doch Ihren netten Kollegen, der für Sie außer Haus gehen und Besorgungen machen kann, warum sind Sie denn so erpicht darauf, allein zu gehen?" Natürlich hatte Erin auf diese Frage hin keine explizite Erklärung abgeliefert. Wie sah es denn auch für das Krankenhauspersonal aus, wenn sie über einige der fragwürdigsten Gestalten in der Geschichte Gotham Citys Recherche anstellen wollte und daher um Freigang bat? Gerade weil Batman, vom Joker ganz zu schweigen, ein heikles Thema war, vermied es Erin erstrecht, Scott damit zu betrauen. So musste sich Erin notgedrungen in Geduld üben, die deprimierenden Gehversuche hinter sich bringen, die sie ohne eine Krücke nie und nimmer stehend überstanden hätte, und das unangenehme Fädenziehen über sich ergehen lassen.
Die ersten Tage, die sie in der Bibliothek unterwegs gewesen war, hatte sie im Rollstuhl zubringen müssen. Leise hatten die Räder gesummt, als sie über den dünnen, dunkelgrünen Filzteppich gefahren war, der erstaunlich gut Schritte und Stimmen zu absorbieren verstand. Auch am Samstagmorgen, an dem sie mit großer Anstrengung und noch größerer Erschöpfung auf eine Krücke gestützt das Foyer humpelnd durchschritt, lag eine fast klösterliche Stille in der nach altem Papier und Leder duftenden Luft der weiten, nur spärlich beheizten Räumlichkeiten. Kaum ein störendes Geräusch hallte an den dicht an dicht mit Bücherregalen zugestellten Wänden entlang, kein Flüstern erreichte die mit einer imposanten Kuppel gekrönte Decke des großen Lesesaals, auf der in jeder Himmelsrichtung ein bronzener Schriftzug verewigt war. Auf der Nordseite formten die Lettern ‚Weisheit', im Osten schimmerten die bronzenen Buchstaben beinahe golden im Morgenlicht der kampferprobten Sonne, die sich ihren Weg mit viel Mühe durch das Wolkendickicht schlug, und verlasen mit prunkhaftem Stolz ‚Wahrheit'. Die Südseite der Kuppel, deren graziles Oberhaupt aus lichtdurchlässigem Glas beschaffen war, verkündete ‚Gerechtigkeit', die Westseite, die in Erins Rücken lag, da der Haupteingang genau dort gelegen war, schloss den Kreis aus Tugenden, indem sie ‚Hoffnung' proklamierte. Dass es sich bei den vier Worten um Auszüge ritterlicher Tugenden handelte, war Erin nicht bewusst, doch sie empfand die in der Bibliothek bestehende Atmosphäre stets als erhaben, respekteinflößend und ehrfurchtgebietend. Dennoch war das große Gebäude nicht gerade ideal architektonisch geplant und umgesetzt worden. Erin musste den gesamten Lesesaal durchqueren, um in das Zeitungsarchiv zu gelangen, das ihr angestrebtes Ziel war. Weil die Weihnachtsferien nur noch wenige Wochen entfernt waren und den Studenten Gotham Citys der nächste Schwung vernichtender Klausuren blühte, war der Großteil der Arbeitsplätze von beim Lernen Blut und Wasser schwitzenden jungen Leuten belegt. Erin beneidete sie nicht gerade um den Stresspegel, dem sie zurzeit ausgesetzt waren. Obwohl sie ihr eigenes Studium geschmissen hatte, erinnerte sie sich noch gut genug an die langen Nächte, die sie lernend und nur mit der loyalen Unterstützung starken Kaffees durchgestanden hatte. Und wofür hatte sie sich mehrere Semester lang mit einem wirklich unliebsamen Fach abgeplagt? Um für einen Hungerlohn in einem Waisenhaus zu arbeiten, das regelmäßig von Geisteskranken frequentiert wurde.
Mit dem sarkastischen Gedanken, sich die Oberschenkelverletzung vielleicht als Arbeitsunfall anrechnen zu lassen, humpelte Erin auf ihrer Krücke in das abgegrenzte Archiv. Der Zutritt war ausschließlich den Benutzern gestattet, die vom Zeitungskatalog Gebrauch machen wollten. Büffelnde, sich unter Büchern vergrabende Studenten suchte man hier vergebens. Zur Benutzung des Katalogs schob Erin ihre Kundenkarte in den Scanner eines der zahlreichen Rechner, tippte ihr Passwort ein und genoss wenige Sekunden später direkten Zugriff auf alle Publikationen der vergangenen fünf Jahre. Für ältere Zeitungsartikel hätte sie eine Bestellung an der Rezeption aufgeben und dann im schlimmsten Falle mehrere Stunden darauf warten müssen, aber da sich Erins Interesse auf ganz bestimmte Ereignisse der letzten beiden Jahre beschränkte, wurde sie von dem lästigen Prozedere verschont. Ein halbes Jahr hatte Erin in den vergangenen beiden Tagen bereits durchforstet. Sie war von früh bis spät in der Bibliothek gewesen, was ihr einigen Ärger eingehandelt hatte, weil das Krankenhauspersonal schon vermutet hatte, Erin hätte sich aus dem Staub gemacht. Zuerst hatten sie ihr einen Pfleger als Aufpasser zur Seite stellen wollen, wogegen sie jedoch erfolgreich Protest erhoben hatte.
Seufzend lehnte sie sich an die Stuhllehne, die ein klein wenig unter ihr nachgab und ihren Rücken leicht federnd gegen das Polster drückte. Erin war froh, ihrem Bein eine kurze Auszeit erlauben zu können. Obwohl das Gotham City General nur einen verhältnismäßig kurzen Fußmarsch von der Bibliothek entfernt war, flatterte ihr geschundener Muskel wie der Vorbote eines Krampfes deutlich spürbar unter dem Stoff ihrer Jeans. Die Zähne zusammenbeißend gab Erin ihr Bestes, das unangenehme Ziehen zu ignorieren und sich auf den Artikel zu konzentrieren, der die ersten Augenzeugenberichte über Batman und an Hysterie angrenzende Meldungen über eine neue Modedroge, ein gefährliches Nervengift, enthielt. Die Berichterstattung beschränkte sich jedoch auf sehr vage Vermutungen, die keine neuen Erkenntnisse mit sich brachten. Reißerische Überschriften wie „Batman – Segen oder Fluch?", „Fledermaus verursacht Sachschaden in Millionenhöhe" oder „Wer hinter der schwarzen Maske steckt" erregten zwar Erins Aufmerksamkeit, stellten sich aber schließlich doch als nicht gerade relevant heraus.
Die Diskussion, ob Batman nun ein Held oder ein dingfest zu machender Verbrecher war, hatte ihre Wurzeln bereits in den ersten Berichten über seine Sichtung geschlagen und erstreckte sich über die folgenden Monate und Jahre. Auf einem Notizblock hatte Erin Stichworte niedergeschrieben, Fakten festgehalten, die sie stutzig gemacht hatten und die sie als wichtig erachtete. Auch am Samstag hatte sie eine Vielzahl von Gedanken aufgeschrieben. Beginnend bei dem Abstieg des Doctor Crane, der einen Giftanschlag auf Gotham Citys Trinkwasserversorgung geplant haben soll, über den Großbrand, der Wayne Manor in Schutt und Asche gelegt hatte, bis hin zu Staatsanwalt Harvey Dent, der für Wirbel gesorgt hatte, indem er sämtliche Mafiabosse vor Gericht gezerrt hatte. Die Nachrichten von Gotham City waren voll von Kuriositäten, merkwürdigen Ereignissen, die der Bezeichnung Verbrechen fast schon neue Dimensionen eröffneten. Die Stadt schien der reinste Sündenpfuhl zu sein, und das weit vor den ersten Aktivitäten des Jokers. Dieser übertraf sich geradezu selbst und seine Kollegen natürlich um ein Mehrfaches. Obgleich sich Erin im Laufe des Samstags nur bis zu den ersten Auftritten des mörderischen Clowns, der mit brutalen Banküberfällen auf sich aufmerksam machte, vorgekämpft hatte, ahnte sie, dass dies erst der Anfang gewesen war. Müde, aber ohne später in ihrem Krankenbett wirklich Kraft tanken zu können, weil ihr die gedruckten Worte vor dem inneren Auge vorüber zogen wie eine Schar aufgescheuchter Vögel, wartete Erin ungeduldig auf den Sonntag, der dunkler als seine Vorgänger dämmerte.
Im Zuge des wachsenden Bedarfs an Nachschlagewerken und Lernräumen vor dem beginnenden Prüfungszeitraum, hatte die Bibliothek seit Anfang November auch sonntags geöffnet und Erin war gewillt, diese Möglichkeit beim Schopfe zu packen und ihre Recherche weiterzuführen. Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen und über Harvey Dent nachgedacht. Was ihm zugestoßen war, hatte Erin noch nicht herausfinden können, weil sie sich chronologisch durch den übermächtigen Berg an Zeitungsartikeln gekämpft hatte.
Was auch immer ihn gestoppt hatte, Erin glaubte zu wissen, dass der Joker dahinter steckte. Es war ihm zuzutrauen, dass er einen derart ambitionierten Staatsanwalt wie es Harvey Dent gewesen war mit Vorliebe beseitigt gesehen hätte. Ganz gleich ob sich der Joker mit den Verbrechern, die Gothams Straßen zu einem unsicheren Pflaster hatten heran gedeihen lassen, identifizierte oder nicht, er war genauso ein Gesetzesbrecher wie sie, wenn nicht gar schlimmer, und konnte in einer Institution, die Recht und Ordnung zu bewahren im Sinn hatte, nur einen Feind sehen. Eine Meldung über Morde, die Batman begangen haben sollte, hatte Erin ebenso wenig bislang aufspüren können, hoffte aber, dass sich bald ein wenig Licht ins Dunkel verirren würde. In jeder Geschichte schlummerten Geheimnisse der unterschiedlichsten Ausmaße. In dieser jedoch beschlich Erin das Gefühl, dass sie einem entscheidenden Rätsel auf der Spur war, dessen Lösung ihr die Motive der Protagonisten in diesem kranken, düsteren Verwirrspiel möglicherweise erklären konnte. Ihre Erkenntnisse würden ihr wahrscheinlich nichts über die Ziele des Jokers verraten. Niemand schien fähig zu sein, sich in seine Denkweisen hineinversetzen zu können, und wenn Erin gründlicher darüber nachdachte, wollte sie das auch nicht. Was er tat, war verstörend genug, was jedoch in dem Geist eines solchen Menschen vor sich ging, konnte niemand nachempfinden, der noch bei gesundem Menschenverstand war. Sie hielt den Joker – Danny – nicht für verrückt, nicht für dumm. Es wäre zu einfach gewesen, ihn als Irren abzustempeln, sein unmoralisches Handeln als Folge einer Geisteskrankheit darzustellen. Dafür verhielt er sich zu clever, zu geschickt, zu gewandt. Vielmehr schien es ein unbändiger Hass gegen die bestehenden Strukturen dieser Welt zu sein, in die er unfreiwillig geboren worden war, der ihn antrieb, der sein Streben nach Zerstörung nährte. Erin wusste nicht, wer ihm gelehrt hatte, Gefühlsregungen wie Mitleid, Empathie und Gnade völlig abzuschalten, wohlmöglich zu vergessen; wer dafür gesorgt hatte, dass das einzig Menschliche an ihm nur noch seine körperliche Gestalt war. Sie wusste nur, dass es eines Teufels bedurfte, um einen anderen Dämon zu schaffen, und einer unaussprechlichen Gewalt, um des Teufels Ebenbild zu formen.
Der Regen, der seit einigen Stunden die Überhand gewonnen hatte und in gleichmäßigem Staccato gegen die Fensterscheiben trommelte, schien nicht abzuebben. Seufzend schlug sie die Decke zurück, griff nach der Krücke mit dem dunkelgrünen Griff, die an ihrem Nachttisch lehnte, und stieß sich mühsam von der Bettkante ab. Alles in diesem verfluchten Krankenhaus schien entweder von klinischem Weiß oder sattem Grün zu sein, sodass jeder Versuch der farbigen Neugestaltung des wieder aufgebauten Krankenhauses letztlich doch in bedrückender Monotonie gemündet war. Ihr linkes Bein knickte in einer Geste der Hilflosigkeit ein und drohte sie zu Boden zu reißen, hätte der Gehstock sie nicht daran gehindert. Ächzend klammerte sich Erin daran, räumte ihrem Muskel, der gegen jede unnötige Bewegung Protest aussprach, eine kleine Verschnaufpause ein, und humpelte dann zu ihrem Fenster.
Der November hatte fast alle Bäume endgültig ihres Kopfschmucks beraubt. Nackt und kahl ragten die knöchern wirkenden Äste der Laubbäume, die den Hinterhof des Krankenhauses in einer wenig prunkvollen Allee säumten, wie die Finger eines Skeletts in den Herbsthimmel, der sämtliche Facetten und Nuancen grauer Farbtöne zu erkunden schien und sich in Neutralität gegenüber Schwarz und Weiß übte. Erin seufzte, als sie auf die Digitalanzeige der Funkuhr schaute, die auf ihrem Nachttisch platziert worden war. Es war bereits nach neun Uhr morgens und sie musste die Visite der Ärzte abwarten, ehe sie in die Bibliothek zurückgehen konnte. Ungeduldig sah sie dabei zu, wie ihr wertvolle Arbeitszeit unter den Fingern zerrann. Ihre Hand wanderte unbewusst zu der Wunde an ihrem Bein. Heute pochte das sich nur schwerlich bildende Narbengewebe besonders stark, verströmte ein brennendes Ziehen über ihren gesamten Körper. Angeblich sollte die Witterung und die sich erhärtende Kälte an ihrem Befinden nicht unschuldig sein, wenn sie Andrew Glauben schenken durfte. Der Wetterbericht sagte in den nächsten Tagen einen zunehmenden Abfall der Temperaturen und sogar den ersten Schneefall des bevorstehenden Winters an. Bald schon würden die Fenster und Straßen Gotham Citys in freudiger Erwartung des ersten Advents in genau zwei Wochen mit Lichterketten geschmückt sein, doch in Erin wollte keine vorweihnachtliche Stimmung aufkommen.
Ein kurzes, dafür aber prägnantes Klopfen brachte sie dazu, sich überrascht umzudrehen. Ärzte klopften für gewöhnlich nicht an, wenn sie zur morgendlichen Visite kamen. Und selbst wenn sie größeres Feingefühl an den Tag gelegt hätten, hätte Erin nicht äußern können, dass sie keinen Eintritt wünschte. So blieb ihr auch in dieser Situation nichts anderes übrig als darauf zu warten, dass sich die Tür öffnen und sich ihr Besucher zeigen mochte. Sie war überrascht, Matthews rotblonden Schopf zu sehen, der sich behutsam durch die Tür schob und zaghaft in ihre Richtung lugte. Langsam breitete sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus, während sich gleichzeitig ein riesiger bunter Blumenstrauß in Erins Sichtfeld stahl. „Guten Morgen, Erin!", begrüßte er sie auf seine gewohnt fröhliche Art und trat langsam ein, versetzte der Tür einen leichten Stoß mit seinem Ellbogen, worauf diese mit einem leisen, etwas beleidigtem Klick! ins Schloss fiel.
„Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen, aber Le Gardien wünscht dir gute Besserung!", er grinste schelmisch, als Erin ungläubig den großen Strauß betrachtete, in dem sie Gerbera aller warmen Farben, Margariten und auch drei Sonnenblumen entdeckte. „Wenn du eine Vase bei der Hand hast, würd ich ihn dir gern auf den Nachttisch stellen", zwinkerte Matthew amüsiert. Nichts, aber auch gar nichts schien je seine Stimmung zu trüben und es war erstaunlich, wie er es verstand, selbst Erin zumindest für ein paar Minuten von ihren bedrückenden Gedanken zu befreien. Sie konnte sogar fast wieder ehrlich lächeln und deutete auf den unteren Teil ihres Nachtschranks, über dem zwei Schubfächer mit ihren persönlichen Dingen und Kleidungsstücken gefüllt waren. Matthew öffnete die Tür, zog eine große Vase daraus hervor und machte sich darin, diese mit Wasser zu befüllen. Dabei hatte er ordentlich mit dem üppigen Blumenstrauß zu kämpfen, der ihm mehr als einmal aus der Hand zu rutschen drohte. Erin erbarmte sich, humpelte mit ihrer Krücke auf ihn zu und nahm ihm den Strauß für einige Sekunden ab. „Danke!", schmunzelte er vergnügt und nahm ihr den Strauß wieder ab, um ihn in die Vase gleiten zu lassen.
Die junge Frau wusste nicht, woran es lag, aber in Matthews Gegenwart fühlte sie sich so, als wäre sie nur wegen eines kleinen Arbeitsunfalls ins Krankenhaus eingeliefert worden und nicht, weil ein humorloser Clown versucht hatte, sie umzubringen. Im Gegensatz zu Scott verströmte Matthew regelrechten Frohsinn. Dass er immer zu den enthusiastischsten Optimisten gehört hatte, war für Erin nichts Neues, aber dass er nach allem, was geschehen war, so gute Laune versprühte, fasste sie als besonders gutes Zeichen auf. Le Gardien und seinen Bewohnern schien es wieder einigermaßen gut zu gehen, andernfalls wäre Matthew nicht hierher gekommen, um ihr im Namen der Belegschaft einen Besuch abzustatten. „Es ist schön zu sehen, dass du wieder auf den Beinen bist", lächelte er, sodass der Dreitagebart auf seinen Wangen erblühte.
Erin erwiderte sein Lächeln, ehe sie auf sich deutete, beide leicht gekrümmten Hände in einer fließenden Bewegung von sich schob und abschließend die rechte Hand an den Mund legte, um letztlich die Hand zur Faust zu ballen und nur den ausgestreckten Daumen rechts von sich hoch zu halten. „Das höre ich gern", erwiderte Matthew und unterzog sie einer eindringlichen Musterung, „Weißt du schon, wann du entlassen wirst?" Erin schüttelte den Kopf, wagte aber, eine vage Vermutung zu äußern, indem sie Zeige-, Mittel- und Ringfinger spreizte, den Daumen an den Mittelfinger legte und ihre Hand in dieser Haltung zweimal in einem unsichtbaren Kreis drehte. „Mittwoch?", tippte Matthew mehr als dass er verstand und grinste gleich ein bisschen stolz, als Erin bestätigend nickte. Sie streckte beide Hände aus, sodass die Handflächen nach oben zeigten und bewegte beide Hände abwechselnd nach oben und unten so als imitierte sie eine aus dem Gleichgewicht geratene Waage. Vielleicht, sagte diese Geste. Sie wusste es schlicht und ergreifend noch nicht sicher, würde abwarten müssen, was ihr die Ärzte raten würden. Andrew hatte ihr jedenfalls recht deutlich gesagt, dass sie ein gesundes Mittelmaß zwischen Ruhe und Anstrengung finden müsse, um dem Muskel bei seinem Heilungsprozess entgegen zu kommen. Zu wenig Bewegung war genauso schädlich wie zu viel, daher empfand Erin ihre Ausflüge zur Bibliothek als gute Option, Andrews Rat zu befolgen. Er hatte ihr in Aussicht gestellt, vielleicht gegen Mitte nächster Woche wieder nach Hause zu können.
Erin humpelte um ihr Bett herum und setzte sich auf die Kante, nahm die Vase mit dem Blumenstrauß in die Hände und atmete den betörend süßen Duft der Blumen ein, die für diese Jahreszeit äußerst ungewöhnlich und nur für einen sehr hohen Preis zu erwerben waren. Ein bisschen irritierte es sie, dass ihre Kollegen so viel Geld aufgebracht hatten, um ihr eine Freude zu machen, aber das tat ihrer Freude darüber nichts ab. Erin legte die Fingerspitzen an ihre Lippen wie um einen Luftkuss darauf zu hauchen, und streckte die Hand dann aus. „Nichts zu danken", winkte Matthew ab und setzte sich ihr gegenüber auf den Stuhl, der unter seinem Gewicht sichtlich nachgab. Im Vergleich zu Scott konnte man Matt schon eher in die Gruppe der Schwergewichtler einordnen. Er war nicht etwa korpulent oder vierschrötig, vielmehr verfügte er bei seiner Körpergröße über eine sehr muskulöse Statur. Erin rieb die Knöchel ihrer Finger aneinander und deutete dann auf eine leere Stelle. „Oh, es geht allen soweit gut. Würde Nell nicht für die ganze Meute kochen müssen und Pat den Laden schmeißen, hätten die beiden dich schon längst besucht", er rutschte auf dem Stuhl hin und her, was dessen hölzernes Skelett leise knarren ließ.
Dann faltete er die Hände im Schoß zusammen, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und beugte sich zu Erin vor. „Aber sag mal...ist bei dir und Scott alles in Ordnung?" Sie blinzelte ihn verdutzt an und ließ von der orangefarbenen Gerberablüte ab, an der sie zuvor noch herumgespielt hatte. Sie runzelte die Stirn und legte die Hände in Brusthöhe aus, deutete dann auf Matthew und hob die linke Hand, tippte deren Handfläche mit Zeige- und Mittelfinger der rechten an, spreizte die beiden Finger und tippte noch einmal darauf. „Na ja, ich hab eben bei ihm noch reingeschaut und ihn gefragt, ob er mitkommen möchte, um dich zu besuchen. Scott hat sich richtig komisch benommen. Klang so, als würde er sich eine Ausrede ausdenken, um nicht mitkommen zu müssen. Er meinte, er hätte gleich noch eine Kontrolluntersuchung oder sowas...klang aber nicht sehr überzeugend, wenn du mich fragst."
Erin hielt bemüht Matthews fragendem Blick stand und strich sich geistesabwesend über den Verband, der nur noch stützend und zur Infektionsvorbeugung ihre Wunde verhüllte. „Habt ihr euch gestritten?" Der Blondschopf schaute zu ihm auf und schüttelte hastig den Kopf. Nein, gestritten hatte sie sich nicht mit ihm. Eher das ganze Gegenteil. Dieser kleine Kuss war im Grunde eine so beiläufige, wenn auch vertraute Geste gewesen, und doch hatte er dafür gesorgt, dass das Verhältnis zwischen ihr und Scott einen beklommenen Charakter angenommen hatte. Sie hatte ihm nicht das Gefühl geben wollen, dass sie sich gegen einen Kuss von ihm sträubte, hatte ihm nicht wehtun wollen, indem sie einfach nicht darauf reagiert hatte. Zu verwirrend waren ihre Erinnerungen gewesen, ihre Gedanken an Danny, der vielleicht gar nicht mehr Danny war. Erin runzelte die Stirn und starrte finster auf ihre Hand, die auf dem Verband ruhte.
„Nicht? Was denn dann?" Als Matthews laute, kräftige Stimme erklang, schaute sie zu ihm auf. „Irgendwas ist doch zwischen euch", er kniff die Augen zusammen und grinste amüsiert. Erin spürte augenblicklich, wie geballte Hitze in ihre Wangen schoss und diese sicherlich feuerrot verfärbten. Matthews Grinsen wuchs ein wenig in die Breite, Erin konnte sein Amüsement jedoch nicht teilen.
„Ahaaa...", machte Matthew naseweis und schlug die Beine übereinander. Was bei Jim Gordon elegant ausgesehen hatte, wirkte bei ihm eher grobschlächtig. „Habt ihr beiden was miteinander?" Erin schenkte ihrem Kollegen einen alles sagenden Blick, der ihm vermittelte, dass ihn das überhaupt nichts anging. Abgesehen davon hätte sie nicht gewusst, was sie ihm hätte antworten sollen. Ein ‚Ja' wäre falsch gewesen, mehr als ein flüchtiger Kuss war schließlich nicht geschehen, ein ‚Nein' wäre zu endgültig gewesen. Sie mochte Scott und dass sie ihm auch alles andere als egal war, hatte er eindrucksvoll bewiesen. Sie wollte sich ihm nicht versperren, brauchte seine helfende Hand vielleicht dringender als sie sich im Augenblick eingestehen wollte. Auch wenn die Umstände, in die sie beide gestürzt worden waren, alles andere als romantisch waren, und Erin im Moment ganz andere Sorgen hatte, als sich mit ihren zerstreuten Gefühlen auseinander zu setzen, wollte sie Scott als Freund nicht verlieren, und sich noch weniger vor Matthew für etwas rechtfertigen, das noch gar nicht geschehen war. „Schon gut, du musst mir nichts erzählen, geht mich ja nichts an", Matthew grinste wieder und bleckte dabei fast die komplette obere Zahnreihe. Erin kratzte sich am Hinterkopf, wobei sich eine lange blonde Strähne an ihrem Finger verfing und sie daran erinnerte, dass sie einen kürzeren Haarschnitt gut hätte vertragen können. Sie legte die Hände abermals flach vor der Brust aus, zeigte auf Matthew und brachte ihre Hände in die anfängliche Position zurück, nur um sie gleichzeitig erst zu heben und dann zu senken.
„Ich bin in der Stadt, weil ich...ein paar Einkäufe erledige. Weißt schon, Lebensmittel und so nen Kram. Nell kann bei der Witterung ja keine großen Sprünge machen wegen ihrer Arthritis und da der Unterricht immer noch ausfällt, wollte ich mich anderweitig nützlich machen", Matthew gehörte zu der Sorte Mensch, die leidenschaftlich mit ihren Händen redete. Bei seinen Ausführungen über seine Beweggründe, in die Stadt gefahren zu sein, stieß er mit dem Handrücken gegen den Bücherstapel, der auf Erins Nachttisch thronte und auf den leichten Hieb hin in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus. Der Notizblock, den sie in die Bibliothek mitgenommen hatte und der zwischen den Büchern gelegen hatte, fiel aufgeblättert zu Boden und entblößte einige von Erins Stichpunkten. Matthew bückte sich, um den Stapel aufzuheben, die junge Frau jedoch konnte ihm aufgrund ihrer Verletzung so schnell nicht folgen und ihn daran hindern. „Entschuldige bitte...", posaunte er und legte die Bücher achtlos auf den Tisch zurück, ehe er den Block ergriff und für einige Sekunden inspizierte.
„Wow...was ist das? Bist du während deiner Abwesenheit von Le Gardien unter die Journalisten gegangen?", er fuchtelte mit dem Block herum und zog ihn rechtzeitig weg, bevor ihn Erin zu fassen bekommen konnte. Sie drückte die Fingerspitzen der rechten Hand aneinander und führte diese von Matthew zu sich zurück, legte dann die linke Hand flach aus, um mit der rechten zweimal darüber zu streichen. Als er nicht reagierte, weil er sie nur mit einem Auge angesehen und den größeren Teil seiner Aufmerksamkeit ihren Aufzeichnungen geschenkt hatte, griff Erin kurzerhand nach seinem rechten Arm. „Oho! Batman! Seit wann hast du denn einen Faible für maskierte Männer?", er wedelte mit dem Notizblock herum und las flüchtig über Erins Notizen, ignorierte ihre Versuche, nach den Zetteln zu greifen. „Wow...Erin...was tust du da?" Matthew sah sie mit erhobener Braue an und gab ihr endlich den Block zurück, als sie abermals danach griff. Sie zögerte, legte den Block hinter sich auf das Bett und streckte dann die linke Handfläche schräg aus, um zweimal hintereinander ihre Fingerspitzen mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand anzutippen. „Lesen? Hm...mit Verlaub, aber das sieht aber schon so aus als würdest du dich intensiver damit auseinandersetzen." Erin reagierte nicht darauf, sondern sah ihren Kollegen fest an. Dieser fuhr sich durch das volle, rotblonde Haar, das nachher noch wilder von seinem massigen Kopf abstand, und redete mit seiner lauten Stimme auf Erin ein. Sie fragte sich, ob er überhaupt in der Lage war, zu flüstern. „Gut, das geht mich ja auch nichts an, wenn du dich ein bisschen kundig machen willst, aber...Erin...wenn du das nur machst, weil dieser Psychopath in Le Gardien eingefallen ist...", er musterte sie eindringlich und schüttelte den Kopf, ehe er seufzend fortfuhr: „Ich weiß nicht, was er mit dir angestellt hat...und es tut mir auch leid, wenn dich das so sehr beschäftigt, aber Erin...glaub mir...es ist besser, wenn du deine Nase nicht in Angelegenheiten steckst, die dir drei Nummern zu groß sind. Lass die Polizei ihre Arbeit machen, die versteht ihr Handwerk. Du kannst nichts gegen so einen Verrückten ausrichten. Es ist besser, wenn Leute wie du und ich sich da raushalten", legte er ihr nahe.
Seine Stimme trug einen besorgten Unterton, aber Erin nahm sich von seinen Worten nicht viel zu Herzen. Matthew wusste weder, dass es möglicherweise lebenswichtig für sie selbst und auch Alex sein mochte, dass sie gewisse Dinge in Erfahrung brachte, noch dass sie den Mann kannte, der hinter dem Make-up steckte und unter dem Deckmantel einer Spielkarte sein mörderisches Unwesen trieb. Ehe Erin ihm jedoch irgendetwas entgegnen konnte, öffnete sich – wie gewohnt ohne vorangehendes Anklopfen – die Tür zu ihrem Zimmer. Ein schlaksiger Mann in einem weißen Kittel und einem Klemmbrett unter dem Arm, dem eine Horde junger Ärzte im Schlepptau folgte, betrat den Raum und hielt verdutzt inne, als er Matthew erblickte. „Oh...tut mir leid, Sie stören zu müssen, aber die Besuchszeit beginnt erst offiziell nach der Morgenvisite", gab sich die Bohnenstange diplomatisch und rückte die randlose Brille auf der schmalen, langen Nase zurecht. Matthew erhob sich, bedachte Erin noch mit einem eindringlichen Blick, ehe er den Saum seines gestreiften Hemdes zurechtzupfte und sich dem Arzt zuwandte. „Ist in Ordnung. Ich...war sowieso auf dem Sprung", er zwinkerte Erin zu und lächelte, doch aus irgendeinem Grund wollte ihr diese Geste nicht so recht gefallen. „Ich schau bald wieder vorbei. Pass solange auf dich auf, damit ich dich bald wieder nach Le Gardien mitnehmen kann!", sagte er, beugte sich zu der auf der Bettkante sitzenden Erin vor und umarmte sie freundschaftlich. Sie wusste nicht, woran es lag, aber sie war auf eine merkwürdige Art und Weise erleichtert, als er seine kräftigen, breiten Finger wieder von ihr nahm und sich zum Gehen umwandte.
***
Ein Lichtermeer erstreckte sich unter seinen Füßen. Der Wayne Tower türmte sich wie ein gewaltiger Riese in den wolkenverhangenen Nachthimmel, der fahl und milchig das schillernde Licht der Brücken, Hochhäuser und Straßenlaternen spiegelte. Beinahe verträumt ließ er seine Füße über der Stadt baumeln. Über seine Stadt. Das quirlige Karo aus Rot, Violett, Gelb und Grün, das sich auf seinen Socken willkürlich wiederholte, trat trotz der Schatten, in die er sich hüllte, immer noch leuchtend bunt hervor. Bei Nacht war Gotham City eine wahre Schönheit, gar keine Frage. Schwarze Seide, auf der leuchtende Pailletten aufgestickt waren, stand ihr hervorragend und täuschte darüber hinweg, wie hässlich blass und aufgedunsen sie im unvorteilhaften Licht eines Frühwintertages aussah. Er und Gotham, ja, sie waren füreinander bestimmt, und wenn er sein Budget erst einmal aufgestockt hatte, würde es eine prächtige Hochzeit geben. Unter einem gewaltigen Feuerwerk der unterschiedlichsten Farben würde er eine Bindung mit dieser Stadt eingehen, die nahezu legendär sein würde. Und all diese kleinen Schäfchen, die Bewohner dieser Stadt, würden geladene Gäste sein. Er und Gotham. Gotham und er. Der Joker. Er gluckste amüsiert bei der bloßen Vorstellung und schaukelte furchtlos auf dem fast lose schwebenden Stahlträger herum, der in siebzig Meter Höhe an einem der Kräne angebracht war, die an der Konstruktion eines neuen Wolkenkratzers beteiligt waren. Unmittelbar unter ihm wuchs das stählerne Gerippe des Gigantensprösslings in den Himmel empor.
Der Joker atmete tief ein und spie eine kleine Wolke heißen Atems in die vor Kälte klirrende Nachtluft hinaus. Sein lilafarbener Mantel hüllte ihn in wohlige Wärme, machte ihn resistent gegen die Minusgrade, die das Thermometer erreicht hatte. Es war kalt, durchaus, ja, ja, und der kleine Alex Randall fror sich bestimmt gerade den Allerwertesten ab. Wenigstens musste er jetzt nicht mehr befürchten, dass ihm die Finger abfrieren würden. Ein schrilles Lachen platzte aus dem Joker heraus, sein Echo schien bis auf den Grund der Häuserschluchten hinabzureichen, wenngleich es der Verkehrslärm, der auch des Nachts kaum Einhalt gebot, mit Sicherheit übertönte. Er leckte sich fahrig über die rot geschminkten Lippen und starrte aus dunklen Augen über das Relief der Stadt, das sich ihm darbot.
Alex Randall hatte sich als recht zäh erwiesen dafür, dass er noch ein kleiner Hosenscheißer war. Aber letztlich hatte er ihn gebrochen. Schlussendlich vermochte er jeden zu brechen, ganz gleich wie stark sein Wille und sein ehrenhaftes Gemüt auch sein mochten. Immerhin hatte der kleine Bastard zwei Finger gelassen. Gut, geschrien und gefleht hatte er schon, als der erste noch nicht ganz ab gewesen war. Anschließend hatte er auch einige relevante Fakten bezüglich dessen von sich gegeben, an wie vielen Orten das Geld seiner Eltern deponiert worden war, einige Guthaben davon waren sogar in Europa angelegt worden. Den Zugang, so hatte das Bürschchen unter ersticktem Schluchzen gestanden, konnten ihm jedoch nur die Nachlassverwalter gewähren. Allerdings war es vonnöten, dass Alex selbst Anspruch auf das Geld erheben würde, dass er also am Leben bliebe. Was daran wirklich der Wahrheit entsprach, interessierte den Joker nicht wirklich. Sollte ein Fingerabdruckscan notwendig sein, hatte er ja nun das nötige Werkzeug dafür in seiner Manteltasche, und sogar noch ein anderes in Reserve. Wieder schwoll hämisches Gelächter in seiner Kehle an und forderte prustend Freigang. Ja, ja, Alex. Hatte er wirklich geglaubt, er würde aufhören, seine kleinen Fingerchen zu bearbeiten, nur weil er einen Teil der Informationen von sich gegeben hatte? Nicht doch. Solange er nicht das gesamte Lied gesungen hatte, sondern nur die Refrainzeile, würde der Joker ihn nicht in Ruhe lassen. Außerdem hatte er noch Buße abzuleisten für seinen dreisten Versuch, ihn übers Ohr zu hauen. Das war eine wirklich dumme Idee vom jungen Mister Randall gewesen und der Joker war davon überzeugt, dass diese Erkenntnis so langsam zu ihm durchsickerte wie sein Blut, das seine Kleidung in so einem starken Schwall benetzt hatte, dass es nachher beinahe den Anschein erweckt hatte, er würde in seinem eigenen Blut baden. Nur dass es ihn nicht unverwundbar machen würde. Ja, es war eine ganz schöne Sauerei gewesen, aber zum Glück hatte er von dem Mafiageld, das er dem pseudokriminellen Immigrantenpack abgeluchst hatte, mehrere Anzüge dieser Machart maßschneidern lassen, sodass es keinem Desaster gleichkam, wenn er sich bei der Arbeit doch den ein oder anderen ruinierte.
Seufzend lehnte er sich vor und ließ sich von dem störrischen Wind, der hier oben sein Revier um jeden Preis abzustecken versuchte, leicht hin und her wiegen. Sein Blick fiel auf das Gotham General Hospital, dem er im vergangenen Jahr schon einen...nun ja...explosiven Besuch abgestattet hatte. Die Einfahrt für Krankenwagen war hell erleuchtet, wohingegen die oberen Etagen, in denen die Patientenzimmer untergebracht worden waren, im schummrigen, notdürftigen Schein grüngelblicher Nachtbeleuchtung kaum zur Geltung kamen. „Erin, Erin, Erin...", murmelte der Joker mit einem verwegenen Grinsen auf den von Narben zerklüfteten Lippen, „...du bist ein echtes Glückskind, mein Häschen."
Er schüttelte sich so als würde er erschaudern und starrte mit bedeutend weniger Schalk in den düsteren Augen auf das Krankenhaus, das in einen seligen Schlummer hinübergegangen war. „Aber jede Glückssträhne hat einmal ein Ende", schloss er leise in sich hineinmurmelnd. Seine grausig entstellten Mundwinkel zuckten kurz, ehe sie sich zu einem breiten, diabolischen Lächeln streckten. Nein, Glück war es wahrlich nicht, auf das man sich verlassen durfte. Es verließ einen oftmals schneller als es einen erreicht hatte. Batman konnte nicht überall sein, nein, nein, denn die Fledermaus würde noch genug von ihm zu tun bekommen. So edel es auch anmuten mochte, dass er Dents Untaten auf sich genommen hatte, um den Ruf des Staatsanwalts unbefleckt zu wahren und Gotham eine falsche Hoffnung vorzusetzen, so dumm war es auch gewesen. Zuvor hatte er noch Gordons nette kleine Einheit im Rücken gehabt. Jetzt aber stand die menschliche Fledermaus allein da. Mutterseelenallein. Hatte der Joker es ihm nicht genauso prophezeit? Dass sie ihn fallen lassen würden, sobald sich Gelegenheit dazu bot und er nicht mehr nach ihren Vorstellungen agierte?
Jeder normal denkende Mensch wusste, dass es Batman bei seiner harten Schale und dem ach so weichen Kern nie übers Herz gebracht hätte, einen Menschen, so bösartig er auch sein mochte, um sein Leben zu erleichtern. Gothams Bürger waren stets auf der Suche nach einem Sündenbock, einem Schuldigen, ganz gleich, ob die Anklagepunkte gerechtfertigt waren oder nicht. Die Zeit war gekommen, Gotham eine neue Lektion zu erteilen. Eine Lektion, die die Stadt nie vergessen würde und die bis auf den letzten popeligen Bürger einwirken würde. Allen voran natürlich auf seine liebliche Erin.
Das schallende, schrille und furchteinflößende Gelächter, in das er ausbrach, tönte ungehört über die Wipfel des Großstadtdschungels, der noch nicht ahnen konnte, dass seine Abholzung unmittelbar bevorstand.
