A/N: Und weiter geht's mit Scar Tissue. Danke für deinen Kommentar, liebe Iuliel! Auf die Lektion des Jokers darfst du sehr wohl gespannt sein. Sie wird nicht mit einem Kapitel abgehakt sein, so viel ist sicher! Ich freue mich, dass dir das letzte Kapitel gefallen hat und hoffe, du hast auch Spaß mit diesem! Ich wünsche erholsame und schöne Ostertage :)

Scar Tissue

8

Neugierige Katzen...

Lehn dich nicht zu weit

Aus einem hohen Fenster

Der Sturz ist tödlich.

Kälte fiel wie eine Barbarenhorde über Gotham City her. Geradezu über Nacht hatte der frostige Nordwind, der seinen meilenweiten Fußmarsch über das kanadische Festland auf sich genommen hatte, die Stadt wie eine Festung eingenommen und die stählernen Häupter der Wolkenkratzer mit einer dünnen Glasur aus eisigem Zuckerguss überzogen, die mystisch das Funkeln der Stadtlichter reflektierte und den gefälschten Trugbildern den trüben Schimmer matter Edelsteine verlieh. Noch hatte es nicht geschneit, obschon die Schwere der trächtigen Wolkendecke anmuten ließ, dass der erste Schneefall nur noch eine Frage der Zeit war. Während Gotham City an der Schwelle des Schichtwechsels zwischen dem siebzehnten und dem achtzehnten November in unermüdlich nächtlicher Geschäftigkeit vor sich hinbrodelte, und der alte Clocktower mit seinen gleichmäßigen, dröhnenden Schlägen die Geisterstunde verkündete, wobei der Minutenzeiger zitternd auf seinen nächsten Sprung wartete, blickte Gothams dunkler Wächter mit wachsender Unruhe in die trügerische Friedlichkeit der entlegenen Gassen hinab. Nicht dass er über mangelnde Beschäftigung enttäuscht gewesen wäre, aber Gotham Citys Straßen waren seit jeher mit Kriminellen befallen wie ein streunender Hund mit Flöhen oder anderen Parasiten. Ein plötzlicher krimineller Kahlschlag wäre nicht nur ungewöhnlich, sondern auch verdächtig gewesen wie die trügerische, bleischwere Ruhe vor dem Sturm, die eine gefährliche Spannung generierte, die sich nur wenig später mit zerstörerischer Gewalt entlud. So sehr er sich auch anstrengte und mit dem Nachtsichtgerät mit integriertem Sonarsystem penibel jede kleinste Bewegung in den Häuserschluchten Gothams zu erfassen versuchte, ihm wollte partout nichts Auffälliges ins Blickfeld geraten. Nicht einmal ein Handtaschendieb schien seinem die Grenzen des Legalen überschreitendem Tagewerk nachzugehen. Ob es etwas, und wenn ja, was es zu bedeuten hatte, dass sich Gothams Schattengestalten wie Termiten vor einem Regenguss in ihre Löcher verkrochen hatten, musste Batman vorläufig ein Rätsel bleiben.

Seit die Polizei Jagd auf ihn machte, hatten die Kleinkriminellen, Drogendealer, Diebe und Waffenhändler ihre vorläufige Schüchternheit abgelegt und ohne die Bedrohung durch Batman des Nachts verstärkt ihren illegalen Machenschaften gefrönt. Natürlich hatte er nach wie vor dort eingegriffen und geholfen, wo es ihm möglich gewesen war, um jedoch Gordons Männer nicht unnötig verletzen zu müssen oder selbst in deren Visier zu geraten, hatte er seine Aktivität einschränken und größerer Vorsicht zugrunde legen müssen. Abgesehen davon, dass es gegen seine selbst auferlegten Grundsätze, gegen seine Menschlichkeit verstieß, einem Menschen – mochte er schuldig oder unbeteiligt sein – unnötiges Leid zuzufügen oder gar umzubringen, missfiel ihm der Gedanke, sich denen in den Weg zu stellen, die auf seiner Seite für die gleiche Sache kämpften.

Den Kontakt mit Gordon aufrecht zu erhalten war zunehmend schwerer geworden, seit er als Commissioner noch größere Aufmerksamkeit vonseiten öffentlicher Behörden genoss, und seit sein Haus in die Luft gejagt worden war und er mit seiner Familie in einem weitaus geschäftigeren Viertel der Stadt bei Verwandten untergekommen war, beschränkte sich die Gelegenheit, mit ihm sprechen zu können, auf ein Minimum. Zudem hatte Batman das nicht unberechtigte Gefühl, dass Barbara Gordon recht wenig angetan davon war, dass ihr Mann den Kontakt zu ihm aufrechterhielt. Sie wusste, dass nicht nur ihr Mann, sondern ihre gesamte Familie ohnehin schon erhöhter Gefahr ausgesetzt war, weil Jim einen so hohen Rang in der Polizei innehatte; dass er zusätzlich auch noch mit dem Rächer der Stadt Gotham City zu retten versuchte, kam dem hohen Risiko, das für alle Beteiligten bestand, nicht wirklich zugute. Alles wäre zumindest ein Quäntchen einfacher zu handhaben gewesen, säße der Joker noch hinter Schloss und Riegel. Seit seiner Flucht aus Arkham waren Verbrechen, die die Stadt wie im vergangenen Jahr in Atem gehalten hatten, zwar ausgeblieben, doch Batman schwante, dass das leider nicht sehr lange so bleiben würde. Der Joker war ein geborener Unruhestifter, und doch wusste der dunkle Ritter Gothams, dass dessen Anschläge auf das Waisenhaus nur ein Vorspiel gewesen waren ähnlich der Banküberfälle, die er im Spätsommer des vergangenen Jahres verübt hatte.

Der Mann, der sein Gesicht hinter einer Maske aus elastischem schwarzen Gummi verbarg und der durch die Machenschaften des grausamen Clowns fast alles verloren hatte, das ihm je etwas bedeutet hatte, ging langsam in die Hocke. Der mit Titaniumgewebe integrierte Stoff seines schwarzen Anzugs knirschte leise, sein weiches Cape flatterte hektisch im schneidenden Wind. Er breitete die Arme wie Schwingen aus und ließ sich in die Tiefe fallen. Die Angst vor dem Gefühl, in die Tiefe abzustürzen, hatte er längst überwunden. Die Frequenz seines Herzschlags verkürzte sich jetzt nicht einmal mehr oder schlug anderweitig bedenklich aus. Er war Eins geworden mit dem kühnen Spiel der Winde, hatte gelernt, seinen Sturzflug zu steuern und sicher abzubremsen. Abgesehen von dem Umstand, dass er nicht erblindet war, hatte er sich in der Tat den Wesenszügen einer Fledermaus angepasst. Sein Umhang raschelte ruppig im Wind, hinderte ihn jedoch nicht an einem geschmeidigen Segelflug entlang der gläsernen, abgedunkelten Fassaden der Geschäftsgebäude. Er zog eine fast kreisrunde Flugschneise durch die kalte Luft, mit der einzig sein Mund und Kinn in Berührung kamen und deren schneidende Kälte spürten. Batman überwand das flache Dach des General Hospital mühelos und landete auf der Brüstung der höchsten Fensterreihen. Von dort sprang er mit einem Satz auf die Feuerleiter, die unter der Wucht seiner Landung spastisch erzitterte. Der metallene Untergrund war mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, die ihm zum Verhängnis hätte werden können, hätten seine Stiefel nicht über die nötige Haftung verfügt, die ihn trotz des rutschigen Metallgitters auf den Füßen hielten. Er stieg über das Geländer, hangelte sich an den Fenstersimsen entlang und kletterte über einen der Notausgänge unbemerkt in das Innere des Krankenhauses. Es war halb drei Uhr morgens, und weil die Nacht halbwegs ruhig verlaufen war, herrschte nicht einmal in der Notaufnahme im Erdgeschoss die obligatorische Hektik. Batman fand den Gang verlassen vor, das türkise Linoleum schimmerte in der Mitte gelblich durch den sterilen Schein der Neonröhren, wohingegen das Grün zu linker und rechter Seite Überhand gewann. Es war als würde auf dem gummiartigen Untergrund eine smaragdene Sonne im Begriff sein, unterzugehen, aber dabei nicht wirklich erfolgreich sein. Das leise Surren der Neonlampe war das einzige Geräusch, das den leeren Korridor ausfüllte, nicht einmal Batmans bedacht gesetzte Schritte konnten das elektrische Summen übertönen, beabsichtigten dies allerdings auch gar nicht. Er bewegte sich schnell und geschickt, spähte durch das Fenster des Krankenzimmers, in dem Erin Porter untergebracht war, und presste die Lippen aufeinander.

Das letzte Mal, dass er – wenn auch noch im alten – Krankenhaus gewesen war, war in der Nacht gewesen, als Rachel gestorben war. Er hatte am Krankenbett Harveys gewacht und vergeblich versucht, die Trauer zu verarbeiten, die ihn bei Harveys Anblick überwältigt hatte. Er hätte Rachel gerettet, nicht Dent, wenn der Joker nicht bewusst die falschen Namen den angegebenen Adressen zugewiesen hätte. Rachel hätte überlebt, Dent wäre in den brennenden, explodierenden Ölfässern zu Tode gekommen, doch hätte es etwas an den Tatsachen geändert? Rachel hätte ihm vermutlich nie verziehen, dass er gar nicht erst versucht hatte, primär Harvey zu retten. Ja, sie hatte ihm in Aussicht gestellt, mit ihm zusammen zu sein, wenn er eines Tages die Fledermausmaske ablegen würde, doch hätte sie diesen Schritt auch getan, wenn sie erfahren hätte, dass er Harvey Dent, Gothams Hoffnung auf eine bessere Zukunft, bereitwillig geopfert hätte, um ihr Leben zu retten?

Bruce Wayne, der Mensch aus Fleisch und Blut hinter der Maske aus Kunststoff und Metall, seufzte lautlos und schüttelte den Gedanken von sich. Was half es, über verschüttete Milch zu klagen oder sich die Frage zu stellen, was gewesen wäre, wenn...? Batman hatte verloren, hätte wahrscheinlich genauso verloren, wenn Dent an Rachels Stelle gestorben wäre, jetzt aber waren die Karten neu gemischt, jetzt bestand noch die Chance, den Joker aufzuhalten, und dafür bedurfte es all seiner ungeteilten Konzentration. Er war ins Gotham General Hospital gekommen, um mit Erin Porter zu sprechen. Er wusste, dass sie stumm war, und ihm bestenfalls nur zuhören konnte, weil er von Gebärdensprache nichts verstand, aber vielleicht war der Umstand, dass sie ihm keine Widerworte leisten konnte, gar nicht so schlecht. Seit sie ins Krankenhaus eingeliefert worden war, hatte er ein Auge auf sie gehabt, hatte beobachtet, wie sie das Gebäude recht schwerfällig auf eine Krücke gestützt verlassen und die Bibliothek angesteuert hatte. Seit Donnerstag jeden Tag. Natürlich hatte er sie nicht ununterbrochen observieren können. Neben seiner Aktivität als maskierter Rächer hatte er auch den Pflichten im Vorstand von Wayne Enterprises nachkommen und an diversen Sitzungen teilnehmen müssen. Um seinen gesellschaftsfähigeren Deckmantel als Multimilliardär und Playboy Bruce Wayne aufrecht zu erhalten, war es zusätzlich vonnöten gewesen, sich das eine ums andere Mal im öffentlichen Nachtleben der Stadt zu zeigen, wenngleich er dieses alberne Schauspiel zunehmend verpönte. Als ob sein Leben als dunkler Ritter, als unschuldig gejagter Bekämpfer des Verbrechens nicht bereits anstrengend genug gewesen wäre, musste er auch noch ein Doppelleben führen, eine parallele Identität aufrechterhalten zur Tarnung, zum Schutze seines Ideals, seines Glaubens, seiner Hoffnung, Gotham retten zu können. Es war ihm lästig geworden, den arroganten Lebemann zu spielen und damit das Bild zu bestätigen, das Gothams Bevölkerung gemeinhin von ihm haben musste, wenngleich er auch aufgrund der Argumentation seines Butlers und Freundes Alfred verstanden hatte, dass es notwendig war, der Öffentlichkeit das zu geben, was sie verlangte, um von ihr in Ruhe gelassen zu werden und wirkliche Geheimnisse bewahren zu können.

Wie lange Batman allerdings noch existieren würde, jetzt, da der Joker wieder auf freiem Fuß war und möglicherweise da weitermachen würde, wo er aufgehört hatte – nämlich Gotham mit tödlicher Anarchie zu infizieren – wusste er nicht. Wenn der Joker abermals fordern würde, dass Batman seine Maske fallen ließ, weil andernfalls Menschenleben geopfert werden würden, wusste er insgeheim, dass es diesmal keinen Harvey Dent geben würde, der sich als Batman ausgeben und ihn somit schützen würde. Wenn der Joker eine derartige Forderung stellte, würde Batman folgen müssen, wenn er nicht das Blut unschuldiger Zivilisten an seinen Händen kleben haben wollte. Der Joker würde seine blutige Fährte erst dann unterbrechen, wenn alle Teilnehmer seines wahnsinnigen Spiels seine Regeln befolgten. Er hatte mehr als einmal unter Beweis gestellt, dass er ein Mann seines Wortes war. Batman schritt leise auf die Tür zu. Unter normalen Umständen musste er sich einen alternativen und wenig konventionellen Zugang zu Gebäuden beschaffen, aber hier und jetzt würde er in den Genuss kommen, eine Tür benutzen zu können. Mit dem Gedanken, dass es beunruhigend war, dass der Joker noch keinen öffentlichen Weg gewählt hatte, um zu ihm oder der Polizei zu sprechen wie es sonst seine selbstgefällige Art gewesen wäre, drehte Batman den Türknauf und trat in das abgedunkelte Zimmer. Keiner der Monitore stand auf Standby, schwarze Bildschirme, von denen ein dünner Staubfilm Besitz ergriffen hatte, glotzten ihn leer und ausdruckslos an, während er die Tür so leise wie er sie geöffnet hatte, ins Schloss zurück gleiten ließ. Er empfand es als gutes Zeichen, dass die junge Frau nicht mehr an den Geräten hing, die zwar nur zur Überprüfung ihrer Lebensfunktionen angeschaltet worden waren, aber trotzdem automatisch den Eindruck erweckten, dass sie von ihnen abhängig gewesen war. Nicht einmal der Tropf leistete ihr jetzt noch Gesellschaft und ihr schlafendes Gesicht wirkte ebenfalls erholter. Gordon hatte, als er ihm gestern Nacht einen Besuch im Polizeipräsidium abgestattet hatte, davon erzählt, was er von Erin erfahren hatte. Zudem hatte der Commissioner mit seinem fast schon symbiotisch mit seinem Körper verbundenen Kaffeebecher an den Lippen erwähnt, dass sie nach Harvey Dent gefragt hatte und den Eindruck erweckt hatte, mehr zu wissen als sie zu sagen bereit gewesen war. Dass der Joker sehr persönlich anmutende Dinge ihr gegenüber gesagt hatte, um sie einzuschüchtern, hatte sie völlig außen vorgelassen. Batman war nicht hier, um sie einem Verhör zu unterziehen, vielmehr wollte er sichergehen, dass sie besser auf sich aufpasste.

Wenn sie zweimal nur spärlich versehrt dem Joker entgangen war, bedeutete das nicht etwa, dass sie in Sicherheit war, vielmehr mochte ihr Überleben sein Interesse an ihr schüren. Batman wusste, dass es nicht zwingend Menschen mit Einfluss oder hoher gesellschaftlicher Stellung waren, die für den Joker interessante Spielgefährten darstellten, sondern im Prinzip jene Leute, die ihre eigene moralische Schwäche, ihre Fehler oder ihre Vergangenheit zu verleugnen versuchten, um sich einem gesetzesgesteuerten Gesellschaftsapparat anpassen zu können. Diese Menschen wählte er aus, brachte sie an ihre moralischen Grenzen und bewies damit, dass Ordnung, Gesetz und Ethik nichts weiter als schillernde Seifenblasen waren, die das Chaos, der Repräsentant der wirklichen Welt, lautstark und zu jeder Zeit zum Platzen bringen konnte. Um damit jedoch Einfluss auf Gotham City zu haben oder den Einwohnern dieser Stadt seine verrückte Theorie nahezubringen, musste er auf besonders gut erscheinende, tugendhafte Menschen zurückgreifen, die allerdings auch eine wichtige Rolle in Gothams öffentlichem Leben bekleideten. Wie sonst konnte er seine verstörende Botschaft an ein breites Publikum herantragen? Warum also Erin Porter, eine unscheinbare stumme Frau, die in einem Waisenhaus gemeinnützige Arbeit leistete? War sie für ihn nur ein Spaß für zwischendurch? Oder hatte er es doch nicht mehr auf sie abgesehen, war sie wirklich nur zufällig in seine Hände geraten? Vieles mochte beim Joker willkürlich und zufällig erscheinen, doch ganz gleich wie verdreht und verrückt die Gedanken des Clowns auch waren, er dachte sich öfter etwas bei seinen Taten als er vorgab.

Batman kniff die dunklen Augen zusammen und drehte den Kopf, als die junge Frau leise stöhnte und sich unruhig unter ihrer weißen Decke bewegte. Winzig kleine Schweißperlen waren auf ihre Stirn getreten und wären für ein normales menschliches Auge kaum sichtbar gewesen. Gänzlich ohne das Zutun der menschlichen Fledermaus schreckte sie plötzlich hoch und wachte aus ihrem scheinbar nicht sehr erholsamen Schlaf auf. Zuerst bemerkte sie nicht die hochgewachsene, kräftige dunkle Gestalt, die in der Zimmerecke hinter der Tür stand und sie stumm betrachtete, doch als sich der dämmrige Nebel ihres Nachtmahrs verzog und der Wirklichkeit erlaubte, ihr Umfeld, ihre Gedanken und ihre unbegründeten Ängste zu korrigieren, fiel ihr Blick aus müden blauen Augen auf ihn, den Batman. Sie zuckte heftig zusammen und hätte vor Schreck wahrscheinlich kurz aufgeschrien, wäre ihr eine Stimme vergönnt gewesen. So zog sie nur deutlich hörbar scharf den Atem ein und rutschte reflexartig rücklings gegen den Kopfteil ihres Bettes, während Batman stillschweigend und unbewegt an Ort und Stelle verblieb und ihr damit Zeit gab, sich zu beruhigen und zu erkennen, dass ihr keine Gefahr drohte. Als er merkte, dass sie ein wenig ruhiger atmete, wobei sie ihn jedoch noch immer mit weit aufgerissenen Augen taxierte als wäre er das Ungeheuer, das sie eben noch in ihren Träumen verfolgt und seine kalten, mit Krallen besetzten Klauen nach ihr ausgestreckt hatte, trat er einen kleinen Schritt auf sie zu und sagte so leise wie es ihm mit seinem dunklen, tiefen, durch ein Stimmenverstellgerät generierten Ton möglich war: „Sie müssen keine Angst vor mir haben."

Sonderlich beruhigt schien sie von seinen Worten nicht zu sein. Sie zog die Knie an ihre Brust, was wie er glaubte nicht schmerzfrei für sie sein konnte, weil die Stichwunde an ihrem Oberschenkel durch diese Bewegung in Mitleidenschaft gezogen wurde, und rutschte soweit es ihr möglich war in die Kissen zurück. Sie wagte es nicht, den Blick suchend durch den Raum gleiten zu lassen, weil das bedeutet hätte, die menschliche Fledermaus aus den Augen zu lassen. Mit den Händen tastete sie jedoch auf dem Nachttisch nach etwas, das sie zur Not als Waffe hätte benutzen können. Mehr als ein Bleistift fiel ihr dabei jedoch nicht in die Hände. Um auf dem Nachttisch Platz zu schaffen, war der gewaltige Blumenstrauß samt Vase wahrscheinlich von einigen Schwestern auf die Kommode gestellt worden, neben der Batman Stellung bezogen hatte. Er merkte ihr deutlich an, dass sie verzweifelt versuchte, Worte zu formen, die nur durch abstrakte Pantomime vage zum Ausdruck kamen.

„Ich bleibe nicht lang. Ich wollte mich nur erkundigen, ob es Ihnen gut geht", murmelte er, woraufhin sie ihn perplex musterte. Es war erstaunlich, fand er, wie deutlich ihre kühlen Augen aus der Dunkelheit heraus stachen, obwohl nur spärliches Licht in das Zimmer einfiel. Ihre hellblaue Iris schien die Kälte auszustrahlen, die hinter dem nur wenige Millimeter dicken Glas der Fenster vorherrschte. Die junge Frau schien keine Stimme zu benötigen; ihre Augen waren ausdrucksstark, ihr Blick intensiv. Vielleicht war es das gewesen, was den Joker dazu bewegt hatte, sie als Geisel zu nehmen. Sie war nicht zwingend notwendig gewesen, damit er das hatte erreichen können, worauf er abgezielt hatte, und doch hatte der Joker sie mit sich genommen, sie um ein Haar getötet. Die junge Frau, die ihre zierlichen Arme um ihre Knie geschlungen hatte und den Schmerz, den diese Haltung verursachte, vergebens vor ihm zu verbergen versuchte, nickte zögerlich. Ja, es ging ihr gut. Den Umständen entsprechend, natürlich. „Damit das auch so bleibt...", begann er und merkte, dass ihr die Dunkelheit seiner künstlich verzerrten Stimme Unbehagen bereitete, „...rate ich Ihnen, sich von polizeilichen Geschichten wie der Jagd nach einem Verbrecher fernzuhalten."

Sie schaute ihn unentwegt an ohne zu blinzeln, ehe sie langsam den Kopf schüttelte. Batman stutzte, hätte nach ihrer anfänglichen, deutlich spürbaren Furcht vor ihm nicht damit gerechnet, dass sie Widerwillen so bestimmt zum Ausdruck bringen würde, selbst wenn sie ihn verspürte. „Ich maße mir nicht an, Ihnen Vorschriften zu machen, Miss Porter, aber Sie begeben sich auf sehr gefährliches Terrain und das scheint Ihnen nicht ganz klar zu sein", fuhr er fort. Es war ein merkwürdiges Gefühl für ihn, nicht in einem richtigen Dialog zu sprechen, es mutete beinahe einem Selbstgespräch an. Sie schien im Gegenzug auch nicht den Wunsch zu verspüren, mit ihm zu kommunizieren. „Sie sind nur knapp dem Tod von der Schippe gesprungen. Beim nächsten Mal haben Sie vielleicht nicht mehr so viel Glück. Tun Sie sich selbst einen Gefallen und lassen Sie von Ihren Nachforschungen ab, bevor diese noch ganz anderen Gestalten als mir auffallen." Er befand es für unnötig, hinzuzufügen, dass er auf den Joker anspielte. In ihren Augen las er ab, dass sie wusste, was er meinte, doch sie schien nicht mehr das Maß Angst zu besitzen, das in ihrer Situation angebracht, ja, möglicherweise sogar lebensrettend sein konnte.

„Geben Sie besser auf sich Acht, das ist alles, zu dem ich Ihnen raten kann. Ich kann nicht immer da sein, um Ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ein wenig müssen Sie mir da schon entgegen kommen." Ob er aus ihrem fast versteinertem Gesichtsausdruck Einverständnis ablesen konnte, vermochte Batman nicht zu beurteilen. Sie schaute ihn an, das zerzauste blonde Haar umrahmte auf eine wirre, aber dennoch hübsche Art ihr Gesicht. Den Bleistift hielt sie immer noch fest in der rechten Hand umklammert, so als wäre dieser eine getarnte wirkungsvolle Waffe, wie sie Superhelden mit sich herumtrugen. Fast schlich sich ein schiefes Grinsen auf die ernsten Züge der Fledermaus. Er war hier der Mann mit der Maske und dem perfektionierten Halloweenkostüm, vielleicht konnte er Lucius Fox dazu überreden, ihm eine solche Bleistiftwaffe zu entwickeln, man konnte ja nie wissen, wofür derartige Spielereien gut sein konnten.

„Lassen Sie die Vergangenheit ruhen, Erin, und seien Sie lieber darum bemüht, sich selbst und die, die Ihnen wichtig sind, in Sicherheit zu wissen." Diese abschließenden Worte richtete er an die junge Frau, die reglos in ihrem Bett saß, wobei die schneeweiße Bettdecke über ihren Knien spannte wie ein Segeltuch, das der Wind voll und ganz beanspruchte. Obgleich sie saß, hatte sie ihre Gestalt sichtlich gestrafft und wirkte bis auf die letzte kleine Faser ihres Körpers angespannt. Der dunkle Rächer nickte ihr nur langsam zu, kaum merklich war die Bewegung seines Kopfes aufgrund der etwas steif wirkenden Maske, die sein Gesicht verhüllte.

Wenig später war er wieder in den Schatten verschwunden, die ihn zuvor heimlich, still und leise geboren hatten. Auch Batman war unter seiner Verkleidung nur ein Mensch und er war nicht fähig, jeden zu retten. Am allerwenigsten die, die nicht auch selbst gerettet werden wollten. Mit dem Gefühl, Gutes gewollt, aber nicht erreicht zu haben, schritt Batman durch die desertierten Straßen Gothams, durch die nur der einsame kalte Frühwinterwind spazierte und laut heulend beklagte, keine Gesellschaft zu haben. Das Gefühl der Ruhe vor dem Sturm verstärkte sich, ließ Batmans Nervenenden wie auf einen elektrischen Impuls hin vibrieren, und doch gab es nichts, was er dagegen ausrichten konnte. Batman war zu dem Schlimmsten verurteilt, das einem Helden widerfahren konnte: Er konnte nichts anderes tun, als hilflos abzuwarten, was geschehen würde. Genau das war es, was ihn zum Sohn Gothams machte und ihn mit jenen verbrüderte, die ihn jagten.

***

Die Leselampe in der grasgrünen Plastikfassung flackerte aufgeregt in Reaktion auf die spasmischen Wellen seichter Erschütterungen, die Gotham Citys U-Bahn, die nur wenige Meter westlich unter der Bibliothek verlief, durch die Schichten aus Gestein und Zement sandte. Irgendwo unter den hohen Sälen, die hunderttausenden von Büchern Obdach gewährten, ratterte ein brechend voller Zug durch die unterirdischen Tunnel und chauffierte unzählige arbeitende Bürger zur Rush Hour durch die Eingeweide der Stadt. Als die Glühbirne ihre Zittrigkeit verlor und wieder beständiges Licht auf den Stapel Papier warf, dessen frische Druckerschwärze noch feucht glitzerte, setzte sich Erin langsam und vorsichtig auf ihren angestammten Platz. Der Mittwochnachmittag neigte sich seinem Ende zu. Durch die breite und hohe Fensterfront der Bibliothek fiel spärliches Licht, das seinem Namen nicht wirklich gerecht wurde. Die Dämmerung setzte in dieser Jahreszeit so früh ein, dass Erin im pechschwarzen Dunkel einer früh hereinbrechenden Nacht in das Krankenhaus zurückzuhumpeln pflegte. Die ersten Schneeflocken wirbelten durch die kalte Luft und stürzten sich mit selbstmörderischer Arglosigkeit gegen die Fensterscheiben, die aufgrund des Temperaturunterschieds stark beschlagen waren, nur um auf dem kalten Glas für wenige Sekunden zu verharren, ihr kristallenes Gewand abzustreifen und in einer salzlosen Träne auf das Fensterbrett hinabzuperlen.

Obwohl sie Schnee liebte, schenkte Erin den zuckerfarbenen Flocken keine Beachtung, sondern konzentrierte sich mit gerunzelter Stirn auf die Artikel, die sie eben ausgedruckt oder zum Teil fotokopiert hatte, weil der grelle Bildschirm des Zeitungsarchivcomputers auf Dauer ihren Augen schmerzte. Seit Stunden war sie auch an diesem Tag bereits in der Bibliothek und hatte auch keine Sekunde lang gezögert, das Archiv auch heute aufzusuchen, obwohl der nächtliche Besuch der Fledermaus am Dienstag sowohl beeindruckend als auch furchteinflößend gewesen war. Wie ein zum Leben erweckter Schatten hatte er plötzlich in ihrem Zimmer gestanden und mit einer Stimme zu ihr gesprochen, die irgendwie blechern und nicht von dieser Welt geklungen hatte. Dass er sie extra aufgesucht hatte, um ihr eine ähnliche Warnung vorzutragen wie es Matthew getan hatte, hatte sie mehr verärgert als wirklich in Besorgnis gestürzt. Wenn ihr Informationen enthalten wurden, die ihr möglicherweise die Handlungsweise des Jokers erklärten, war es doch ihr gutes Recht, auf eigene Faust zu recherchieren. Nach dem jüngsten Besuch von der Fledermaus hatte sich in Erins Denken eine ‚Jetzt erstrecht' – Haltung behauptet. Die Hinweise darauf, dass offensichtlich etwas vor ihr verheimlicht werden sollte, verdichteten sich. Sie mischte sich schließlich nicht in polizeiliche Ermittlungen ein, wenn sie auf publiziertes journalistisches Material zurückgriff. So energisch wie Matthew und auch das Phantom in Schwarz auf sie eingeredet hatten, hatte es sich so angehört, als hätte sie in der Asservatenkammer herumgeschnüffelt und nicht in einem öffentlich zugänglichen Archiv nach alten Artikeln gesucht. Woher wusste diese dubiose Gestalt, die sich als Batman bezeichnen ließ, überhaupt, was Erin in der Bibliothek gesucht und gelesen hatte? Hatte er jetzt schon Spitzel ausgesandt oder überwachte ganz Gotham mit Kameras, die jedes minutiöses Detail auf ein Vielfaches vergrößern konnten? Das, was sie tat, war nicht verboten, und der Umstand, dass von mehreren Seiten versucht wurde, ihre Aktivität zu unterbinden, warf noch mehr Fragen auf. Davon, dass Gordon und voraussichtlich auch Batman etwas vor ihr verschwiegen, war Erin nahezu fest überzeugt; weswegen Matthew sie allerdings gewarnt hatte, Nachforschungen anzustellen, wollte ihr nicht ganz einleuchten. Das Argument, dass er sich als Kollege um sie sorgte, klang etwas fadenscheinig in Erins Ohren. Normalerweise lautete Matthews Devise, an die er sich mit größter Hingabe hielt, ‚leben und leben lassen'; dass er sich nun in ihre Angelegenheiten einmischte, war ihr suspekt.

Der Artikel, der jetzt vor ihr lag, handelte von dem tödlichen Unfall, der Alex' Eltern ereilt hatte. Die Ursache dafür war nicht erklärbar, weil der Wagen bis auf den letzten Rest ausgebrannt war und der Spurensicherung eine Sisyphosarbeit der Extraklasse beschert hatte. Vermutungen wurden laut, dass entweder ein Fahrfehler oder versagende Bremsen dazu geführt hatten, dass der Wagen außer Kontrolle geraten und einen Abhang hinabgestürzt war, und sich dabei mehrfach überschlagen hatte. Diese Theorie erklärte jedoch nicht den starken Brand, dem die beiden Insassen des Autos zum Opfer gefallen waren. Selbst wenn Benzin ausgelaufen wäre, hätte das Feuer nicht derartig vernichtende Ausmaße annehmen können. Mehr als eine verkohlte, beim bloßen Anblick zerbröckelnde Karosserie war jedoch nicht übrig geblieben.

Erin kniff die hellen Augen zusammen, als sie die Bilder des Autowracks betrachtete und durch die übermächtige Schwärze kaum einzelne Konturen voneinander unterscheiden konnte. Etwa ein Dutzend Artikel hatte Erin über den Unfall der Randalls zusammentragen können, deren Überschriften genauso viel auszusagen wussten wie deren Inhalt: ‚Milliardenschweres Ehepaar verunglückt tödlich' lautete die erste Schlagzeile, gefolgt von ‚Ermittler stehen vor Rätsel im Randall-Fall' und ‚Zehnjähriger Waise von Großindustriellen erbt Milliardenbetrag'. Doch abgesehen von den Spekulationen bezüglich des Unfallhergangs sammelte Erin keine neuen Informationen. Der Joker musste zu dem Zeitpunkt des Unfalls noch unter Sicherheitsverwahrung in Arkham eingesessen haben, er selbst hatte das Auto also nicht manipulieren können, wenngleich ihn das noch lange nicht jeglicher Schuld am Vorfall enthob.

Hinweise darauf, dass Alex etwas mit den Ereignissen zu tun gehabt hatte, blieben ihr ebenso verborgen, sofern sie überhaupt existierten. In sämtlichen Artikeln wurde er entweder als tragisches Waisenkind dargestellt oder aber als Hoffnungsträger für die angeschlagene Firma der verstorbenen Eltern, die er mit dem Erbe übernehmen würde, sobald er mündig war. Sogar Le Gardien tauchte in einem Bericht auf, als feststand, dass Alex zumindest vorübergehend dort untergebracht werden würde, bis er volljährig war. Sie hatte geglaubt, es wäre nicht an die Presse gedrungen, doch diese Schmierfinken schienen ihre Finger überall hineingesteckt zu haben. Gut möglich also, dass der Verdacht auf einen Verräter in den eigenen Reihen falsch gewesen war.

Erin wusste, dass Patricia unter anderem deshalb zugesichert hatte, dass Alex in Le Gardien unterkommen würde, weil sein Aufenthalt im Waisenhaus einen monatlichen finanziellen Zuschuss bedeutete, der im Testament der Randalls festgelegt worden war. Le Gardiens Existenz hing an einem seidenen Faden und weil Alex spurlos verschwunden war, fürchtete Erin, endgültig alle Felle für das Waisenhaus davonschwimmen zu sehen.

Mit wachsender Müdigkeit blätterte sie durch die Kopien, rekapitulierte, was sie wieder und wieder gelesen hatte. Mittlerweile hatte sie gelernt, welche Journalisten sie als seriös erachten, und wessen Artikel sie ungelesen weglegen konnte. Viele von Gotham Citys Zeitungen ließen latent zwischen oder aber manchmal auch unverhohlen in den Zeilen durchblicken, wessen Interessen ihre Geldgeber vertraten. So wurden auch die unterschiedlichsten Meinungen bezüglich Batman gestreut. Ein Blatt feierte ihn, das nächste veröffentlichte regelrechte Schmähreden über den maskierten Verbrecherjäger, der selbst angeblich unter die Gesetzlosen gegangen war. Konkrete Beweise, dass Batman fünf Morde begangen haben sollte, waren jedoch unauffindbar. Es irritierte Erin allerdings, dass ein Protokoll einer von Commissioner Gordon gehaltenen Pressekonferenz bestätigte, dass Jim Gordon Batman öffentlich der Morde bezichtigte. Das Protokoll war nur auf wenige Tage nach der Mitteilung über die Trauerfeier zu Ehren Harvey Dents datiert. Harvey Dent. Welche Rolle spielte er in diesem Schauspiel? Erin hatte gelesen, dass auch er zwei Anschlägen des Jokers lebendig entronnen war, der zweite jedoch hatte ihn Zeitungsberichten zufolge stark entstellt. Im General Hospital liegend, war er offiziellen Meldungen zufolge beinahe einem Bombenanschlag des Jokers zum Opfer gefallen, der das Krankenhaus mit so vielen Sprengsätzen versehen hatte, dass nicht mehr viel vom ursprünglichen Gebäude übrig geblieben war, nachdem er sie gezündet hatte. Auf sein Verschwinden hin sei es angeblich Batman gewesen, der den Staatsanwalt getötet hatte. Erin strich sich über das Kinn. Was hätte so interessant an Harvey Dent für den Joker sein können, dass er auf Gedeih und Verderb dafür hatte sorgen wollen, den aufstrebenden Staatsanwalt umzubringen? Nach dem tödlichen Anschlag auf die prozessführende Richterin Surrillo war der Prozess gegen die Mafiabosse vertagt worden; das Blatt hatte sich also zugunsten des Verbrechersyndikats gewendet. Dents schwere Verletzung und das Trauma, das er erlitten haben musste, hatten den Staatsanwalt in seine Schranken gewiesen, ihn töten zu wollen schien keinen Sinn zu machen. Zumindest nicht für den Joker.

Erin verzog den Mund und schluckte. Sie hatte in seinen leeren, düsteren Augen gesehen, wie er es genossen hatte, sie leiden zu sehen, weil er sie mit seinen Worten tiefer getroffen, schwerer verletzt hatte, als es eine seiner Klingen jemals hätte anrichten können. Jemanden zu töten fiel dem Joker nicht sonderlich schwer, aber ob es ihm immer die gewünschte Unterhaltung bot, war eine andere Frage. Erin glaubte nicht daran, dass er seinen liebsten Spielgefährten einen zügigen Abgang gewähren würde, vielmehr traute sie ihm zu, dass er sich möglichst lang an ihrem Leid ergötzte.

Langsam schüttelte sie den Kopf. Nein, es ergab keinen Sinn, dass er Dent hätte töten wollen, nachdem er ihn gebrochen hatte. Der Joker war wie eine Katze, die vielmehr aus Spiel- und Jagdtrieb eine Maus in ihren Fängen hielt und quälte, anstatt sie aus wirklichem Hunger verspeisen zu wollen. Erin sah in den Handlungen nicht etwa eine Struktur oder ein Muster; beides schien er strikt abzulehnen. Das einzige System, dem er zu folgen schien, war das eines bizarren Scherbenmusters gebrochener Existenzen. Chaos. Und das nicht zu knapp. Ein ganzes Meer aus Chaos, inmitten dessen er stehen und den krachenden Wellen mit einem spottenden Lachen begegnen würde.

Erin schauderte. Nein, sie konnte sich nicht anmaßen, zu wissen, warum der Joker wie handelte, denn möglicherweise wusste er das nicht einmal selbst. Trotzdem lag ihr das vage Gefühl beständig im Magen, dass irgendetwas an Harvey Dents Tod nicht ganz stimmig zu sein schien. Hätte er einer wichtigen Person wie dem Staatsanwalt nicht einen exklusiveren Abgang gewünscht, eine Einzelshow mit Pauken und Trompeten? Und laut der Meldungen im Gotham Telegraph hatte der Joker eine Stunde zuvor angekündigt, ein Krankenhaus zu sprengen, sollten die Bürger Gothams nicht gewillt sein, Coleman Reese zu töten, der mit der Enthüllung von Batmans Identität gedroht hatte. Weshalb also war das Gotham City General erfolgreich evakuiert, aber ausgerechnet Harvey Dent von Batman getötet worden? Welchen Zweck hätte ein Mord an Dent für Batman erfüllt? Er hatte ihn doch gedeckt, hatte vorgegeben, der maskierte Rächer zu sein, hatte ihn somit sogar beschützt. Und wieso hatte der Joker nicht gewollt, dass Batmans wahre Identität ans Licht kam? Weil er es nur duldete, wenn ein Spiel nach seinen Regeln verlief. Erin schüttelte den Kopf mit einem humorlosen, schnell schwindenden Lächeln auf den Lippen. Dieser Clown war ein einziger Widerspruch in sich. Er duldete keine festgesetzten Regeln und Gesetze, erwartete aber von anderen, dass sie sich an die seinen hielten. Er hetzte die ganze Stadt gegen Batman auf und verhinderte dennoch dessen öffentliche Demaskierung. Er schien aus bloßer Willkür zu agieren, bewies allerdings planendes Genie vor der Ausführung seiner Taten.

Seufzend schloss Erin die Augen. Die wiederholte Lektüre der Artikel ließ die Schlagzeilen und Worte durch ihren Kopf schwirren, den Schneeflocken gleich wirbeln und wieder in Dunkelheit verschwinden. Ihre Recherche hatte unterm Strich noch mehr Fragen aufgeworfen, als sie hatte beantworten können. Sie breitete die kopierten Artikel auf dem Schreibtisch aus, ordnete sie chronologisch und überflog die Titelzeilen. Ihr fiel auf, dass zwischen der Explosion des Gotham General Hospitals und der Inhaftierung des Jokers sowie den Beschuldigungen gegen Batman, für den Tod von mehreren Polizisten verantwortlich zu sein, nur wenig mehr als eine Woche lag. Die kriminellen Ereignisse in Gotham City waren dafür bekannt, im wahrsten Sinne des Wortes keine Zeit zu verlieren, aber dass so prägnante Geschehnisse, die auch noch vier der fünf Personen involvierten, auf die Erin ihr Augenmerk gelegt hatte, so kurz hintereinander erfolgten, erschien ihr doch etwas kurios. Kaum war Dent tot, war der Joker in Haft und Batman Geächteter einer Stadt, die er von ihrem Unrat hatte befreien wollen. In Erins Kopf erschienen all diese Zeitungsartikel wie ein riesengroßes Puzzle, dem das entscheidende letzte Teil zur Vervollkommnung abhanden gekommen war. Sosehr sie auch suchen würde, ahnte die junge Frau, in der Bibliothek nicht fündig zu werden. Dass an der ganzen Geschichte etwas faul war, lag auf der Hand; was genau die Wurzel allen Übels war, blieb Erin jedoch verborgen.

Eine halbe Stunde später hatte sie ihre Sachen zusammengepackt und in einen Stoffbeutel verstaut, damit die kopierten Artikel vor dem anschwellenden Schneegestöber verschont blieben. Mittlerweile hatte sie den Dreh heraus, mit der Krücke umzugehen und sich halbwegs schmerzfrei zu bewegen. Obwohl die heilende Wunde nur noch ab und zu spannte und zum Urheber eines unbeschreiblich schmerzhaften ziehenden Gefühls geworden war, das immer dann einsetze, wenn Erin das Bein anwinkelte, ging Erin äußerst vorsichtig damit um, um schnellstmöglich das Krankenhaus verlassen zu können. In Le Gardien war sie von bedeutend größerem Nutzen als in ihrem einsamen Krankenbett. Andrew hatte ihre Hoffnungen darauf, am heutigen Mittwoch entlassen zu werden enttäuschen müssen, stellte ihr aber in Aussicht, eventuell Freitag wieder ihrer Wege gehen zu können. Ein Krankenhausaufenthalt, fand Erin, musste einer Gefängnisstrafe gleichkommen, mit dem feinen Unterschied, dass an ihr Fenster noch keine Gitterstäbe angebracht worden waren. Sie freute sich jedenfalls darauf, Le Gardien, ihre Kollegen und die Kinder wiederzusehen. Erin hatte das Waisenhaus noch nie in seinem Winterkleid gesehen, malte sich aber aus, dass es ein märchenhafter Anblick sein würde, den Garten mit weißer Spitze verziert zu sehen und die Klettergerüste im eisigen Gewand für unbenutzbar zu erklären. Sie sah es einfach nicht gern, wie die Kinder auf den altersschwachen Geländern herumturnten, deren Stangen eine verdächtig dichte Rostschicht angesetzt hatten. Le Gardiens Budget war zu schmächtig, als dass neue Spielzeuge hätten gekauft werden können. Abgesehen davon stand den Kindern sicher so schnell nicht der Sinn nach Spielen und Toben. Bedrückt verzog Erin den Mund, während sie den Kragen der Jacke, die ihr Scott besorgt hatte, zum Schutz vor dem kalten, böigen Wind hochstellte. Ihr Schal lag natürlich mit ihren übrigen Sachen wohlbehalten in den Fächern ihres Schranks, sicherlich dankbar darüber, dass sein erster schneereicher Einsatz vertagt worden war. Der Schnee hatte eine dünne Decke gebildet, die jedoch durch die geschäftigen Füße vorübereilender Passanten nicht von Dauer war. Als wären sie darum bemüht, die durch Fußstapfen entstandenen Löcher in dem ausgebreiteten weißen Tuch zu stopfen, schütteten die Wolken mit zunehmender Emsigkeit frische Flocken aus, die sich in Erins blondem Haar sammelten und ihre hellen Strähnen mit glasähnlichen Perlen schmückten.

Als sie bereits das strahlende Licht der Notaufnahme vor sich sah und im Begriff war, hineinzugehen, musste sie den Schnee regelrecht von sich schütteln, so stark schneite es indessen. Sie klopfte den Schnee von der Jacke und trat ins Warme, was ihre vor Kälte roten Hände mit einem unangenehmen Prickeln und dem Gefühl tausender zeitgleich in ihre Haut stechender Nadeln quittierte. Als sie den Gang erreicht hatte, auf dem ihr Zimmer lag, hielt sie verdutzt inne, als ihr Scott entgegen kam. „Erin! Ich dachte schon, du seiest verschollen!", er lächelte warm, blieb stehen und wartete, bis sie ihn erreicht hatte. Scott schien wieder Zeit gefunden zu haben, sich zu rasieren; keine Spur von Bartstoppeln zierte länger Wangen, Mund und Kinn. Lange ruhten seine Augen nicht auf ihrem Gesicht, hektisch schaute er auf seine Füße und rieb sich über die Stirn.

„Hey, ähm...kann ich...kann ich mal kurz mit dir reden?", fragte er und atmete tief durch, ehe er sie ansah. Erin hatte nach ihrer stundenlangen Recherche in der Bibliothek zwar wenig Lust auf eine Unterhaltung, weil sie sich viel lieber ausgeruht hätte, aber andererseits wollte sie der unbehaglichen Stimmung zwischen ihr und Scott ein Ende setzen. Langsam nickte sie, schickte ein müdes, aber trotzdem ehrliches Lächeln hinterher und humpelte mit Scott im Schlepptau in ihr Zimmer zurück. Seufzend schaltete sie das Licht an und ließ sich auf das Bett nieder, lehnte die Krücke gegen den Nachtschrank, stellte den Beutel dazu und begann, ihre Jacke zu öffnen, während sich Scott langsam neben ihr niederließ. Der linke Arm ruhte noch immer in einer Schlaufe, sein Verband war gewechselt worden, saß aber noch genauso straff wie der alte. Zwischen ihm und ihr lag ein sicherer Abstand, den Erin jedoch gern überbrückt gesehen hätte. Sie hatte nicht gewollt, dass er ihre Reaktion auf seinen kleinen Kuss als Abweisung verstand, und wäre sie in der Lage gewesen, zu sprechen, hätte sich die Situation vielleicht eher aufgeklärt. So hatte er nur aus ihrer Mimik lesen und falsche Schlüsse ziehen können.

„Was treibst du nur Tag für Tag in der Bibliothek? Seit Tagen versuche ich, mit dir zu sprechen, aber du verschwindest immer. Versuchst du, dich vor mir zu verstecken?" Erin entledigte sich der Jacke, warf sie über die Lehne des Besucherstuhls und betrachtete dann Scott mit gerunzelter Stirn, deutete nachdrücklich auf sich und legte dann die Hände fragend aus, legte den Daumen in die Handfläche, krümmte den kleinen Finger und drehte die drei Finger mit der Hand in einem Kreis, bevor sie Matthews Namen mit den Lippen formte. Scott drehte den Kopf und sah auf seine Hände hinab, die er in seinem Schoß gefaltet hatte. „Ich hab mich nicht vor dir versteckt, Erin. Ich wollte nur vermeiden, dass die Situation unangenehm wird, wenn...wenn Matthew dabei ist."

Sie sah ihn nur fragend an, verzichtete auf gestikulierende Unterstützung ihrer Mimik. „Du weißt doch wie er ist...er nimmt kein Blatt vor den Mund und ich...es...es war mir einfach unangenehm, solange ich nicht mit dir gesprochen habe." Langsam sah er zu ihr auf, seine dunklen Augen musterten die ihren fragend, dann seufzte er leise und griff nach ihrer Hand.

„Erin, ich wollte dich nicht damit verunsichern, als ich...als ich dich auf die Wange geküsst hab...", forschend sah er sie an, doch Erin wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte, erwiderte nur unsicher seinen Blick. „Ich wollte dich damit nicht überrumpeln", fuhr er leise fort, verstummte aber, weil sie den Kopf schüttelte und sacht den Druck seiner Hand erwiderte. Mit der rechten Hand zeigte sie auf ihn, schüttelte abermals verneinend den Kopf, spreizte dann Daumen und den kleinen Finger der rechten Hand ab, die sie abschließend zu ihrem Kinn führte. Er hatte nichts falsch gemacht, und Erin hoffte auch, dass er diese Geste verstand. Scott musterte sie eindringlich und fragte mit einer so leisen Stimme nach, die sie aus seinem Mund so noch nie gehört hatte: „Bist du sicher?" Sie nickte, strich sich mit der rechten Hand eine Strähne hinter das Ohr und atmete ein wenig zu laut aus. „Erin...ich hab sonst wirklich nicht Probleme, so etwas einer Frau gegenüber zu sagen...", er unterbrach sich selbst mit einem leisen Lachen, ehe er kurz von ihrer Hand abließ, um sich damit mehrmals über den Nacken zu reiben. Kraftlos ließ er die Hand auf das Polster sinken und sah seine junge Kollegin an: „Ich mag dich. Ich...ich mag dich sogar sehr." Scott sah sie fest an, atmete dann fast keuchend aus, so als hätte er eine seiner anstrengenderen Sportstunden hinter sich gebracht. Erin schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln. Draußen hinter der Fensterscheibe wehte ein kalter, johlender Wind, ließ das Glas leicht in seiner Fassung erzittern. Sie schenkte den Geräuschen keinerlei Beachtung, schließlich war sie in einer Kleinstadt auf dem Land aufgewachsen, in der das Wetter weitaus schlimmer wütete als hier. Ihre Aufmerksamkeit galt ganz allein Scott, der ihr Lächeln erwiderte. Sie hatte nie vorgehabt, ihm auch nur eine Chance einzuräumen, war sich zu sicher gewesen, ihm nie das bieten zu können, was er sich vielleicht vorstellte, wusste, dass sie, sosehr sie es auch versuchte, nie so sein konnte wie andere Frauen. Aber wie bei so vielem im Leben kam es auf einen Versuch an, und wenn Scott nicht damit umgehen konnte, dass Erin in mehr als nur der Hinsicht, dass sie nicht sprechen konnte, anders als andere war, würde es wohl niemand können. Erin fasste sich ein Herz, wenngleich es sie viel Überwindung kostete. Wenn sie einen Fehler machte und doch realisierte, dass sie für Scott nicht mehr als Freundschaft empfand, würde sich das wohl oder übel auf ihr Arbeitsverhältnis ausüben. Sie wusste allerdings auch, dass sie sich nur im Klaren über ihre Gefühle werden würde, wenn sie einen Schritt nach vorn wagte, wenn sie sich dazu durchrang, alles auf eine Karte zu setzen. Scott sah sie an, schien mit den bernsteinfarbenen Augen bis in ihre Seele hinabzutauchen, um darin zu ertrinken.

Erin fand keine Worte dafür, die fähig gewesen wären, dem Gefühl Form und Farbe zu verleihen, das in ihr hoch kroch, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah. Es war kein Kribbeln, kein Zauber, wie ihn kitschige Liebesschnulzen zu umschreiben pflegten. Es war einfach nur eine angenehme Wärme, die sich ihrer Sinne bemächtigte, stilles, aber aufrichtiges Vertrauen. Es war lange her, seit Erin sich allein durch einen Blick ihres Gegenübers aufgehoben und geborgen gefühlt hatte. Sie ertappte sich dabei, wie sie den Atem anhielt, während sie sich ihm langsam und zögerlich näherte, ihre Augenlider langsam senkte. Auch Scott kam ihr entgegen, der leichte, fast fruchtig anmutende Duft seines Aftershaves stahl sich in ihre Nase, benebelte sie auf eine angenehme Art und Weise. Sie konnte bereits die warmen Züge seines Atems auf ihren Lippen fühlen, hatte die Augen vollends geschlossen, und doch sollte es nicht sein, dass sie sich küssten. Erin schreckte zurück, als die Tür zu ihrem Zimmer geöffnet wurde.

Sowohl ihr behandelnder Arzt als auch Andrew platzten ohne Vorwarnung in den Raum und blieben genauso schnell wieder stehen wie sie eben noch hineingestürmt waren. Der dürre Arzt, dessen Namen sich Erin einfach nicht merken konnte, weil er slawischen Ursprungs zu sein schien und ziemlich viele unaussprechliche Zungenbrecher beinhaltete, war der Erste, der die betretene Stille durchbrach, indem er sich räusperte. „Oh...pardon, wir wussten nicht, dass...", er verlor auf halbem Wege den Faden und schaute nur abwechselnd von Scott auf Erin, die bemüht war, ihre Verlegenheit zu überspielen, indem sie ihre Schultern straffte und die Finger über ihrem Oberschenkel ineinander verschränkte. „Das geht schon in Ordnung", winkte Scott ab, um dem allgemein vorherrschenden Unbehagen ein Ende zu setzen. Andrew, dessen kräftige Gestalt vergebens versuchte, Haltung zu bewahren, und dabei doch nicht über die Plumpheit eines Kartoffelsacks hinausreichte, wähnte sich im Besitz verdächtig zuckender Mundwinkel, die Erin so gut es ging ignorierte.

„Gut, ich denke aber, dass der Grund, weshalb ich Sie störe, Miss Porter, ein angenehmer ist. Ich darf Ihnen mitteilen, dass wir uns Ihre Blutwerte eingehend betrachtet haben und Mister Wallace hier hat ebenfalls grünes Licht bezüglich ihrer Fortschritte in Sachen Physiotherapie gegeben. Lange Rede, kurzer Sinn, wenn Sie sich dazu in der Verfassung fühlen, können Sie morgen das Gotham General verlassen."

Diese simple Aussage genügte, um Erins Augen wie auf Knopfdruck zum Leuchten zu bringen. Sie legte den Zeigefinger an die Lippen und führte ihn dann gerade ausgestreckt von sich weg. Arzt und Pfleger wechselten einen irritierten Blick, doch Scott half dolmetschend aus und versicherte ihr: „Ich denke, dass er das wirklich ernst meint, Erin." Er lächelte, aber sie sah ihm an, dass er die Unterbrechung durch den Arzt und den Therapeuten sehr bedauerte. „Ja, durchaus, in solchen Fragen scherze ich nicht", lächelte der Arzt mit dem merkwürdigen Namen ein recht ausgemergeltes Lächeln, das unterschwellig verriet, dass er generell nicht zu scherzen pflegte, oder wenn, dann nur mit mäßigem Erfolg, umspielte seine Lippen. Erin klatschte in die Hände und hätte bestimmt laut gejubelt, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre. „Glückwunsch, Erin", zwinkerte ihr Andrew zu, der die vor der breiten Brust verschränkten Arme löste und ihrer einladenden Geste ausgestreckter Hände folgte, um sie zu umarmen. Andrew hatte ihr die schweißtreibenden und des Öfteren völlig demotivierenden Bewegungsübungen versüßt, indem er schonungslos Gardinenpredigten gehalten und Erin somit davor bewahrt hatte, vorzeitig das Handtuch zu werfen. Das Kuriose daran war stets der Umstand gewesen, dass Andrew keinerlei Kenntnisse der Gebärdensprache hatte und immer nur aus den Gesichtszügen und der Körperhaltung der jungen Frau erschlossen hatte, was sie dachte. Hinzukam, dass er über mehr als zehnjährige Berufserfahrung verfügte, und daher sicher einige Fälle frustrierter Patienten gehabt hatte, die Erins ähnelten.

Langsam entließ er sie aus seinen Armen, nur um lachend dabei zuzuschauen, wie sie stürmisch Scott um den Hals fiel, weil sie sich so sehr freute. Er legte den gesunden, nicht in einen Verband gewickelten Arm um sie und zog sie an sich. „Ich hab's dir doch gesagt. Es wird alles wieder gut", sicherte er ihr murmelnd zu und strich ihr durch den blonden Schopf. Die Geste hatte etwas Vertrautes, wenn auch Zaghaftes an sich, das mehr auszudrücken wusste als alle Wörter dieser Welt. „Möchten Sie, dass wir Ihnen ein Taxi rufen oder werden Sie abgeholt? Bis drei Uhr nachmittags sollten Sie spätestens abreisefertig sein, wir brauchen jedes Bett, das wir kriegen können...", hakte der Arzt recht unbeeindruckt von der sich ihm darbietenden Szenerie nach, „...Grippeepidemie", fügte er erläuternd hinzu, „Jedes Jahr die gleiche Geschichte. Die Leute lassen sich einfach nicht im Voraus impfen."

Erin schenkte der Klage des Doktors keine größere Beachtung, sondern löste sich von Scott, um ihn fragend anzusehen. Allein das schien zu genügen, um sich ihm verständlich zu machen und ihn wissen zu lassen, was sie ihn fragen wollte. „Ich kann leider noch nicht fahren...zumindest wäre das eine recht waghalsige Angelegenheit. Aber wenn du magst, ruf ich in Le Gardien an und frage nach, ob dich jemand abholen kann. Ein Taxi wirst du dir bestimmt nicht leisten können." Erin schüttelte den Kopf und deutete nach draußen, wo ein großer Busparkplatz zu sehen war, den ein orangefarbener Räumlastkraftwagen des Winterdienstes mit kreisenden, hektischen Rundumleuchten gerade von seiner eisigen Deckschicht befreite. „Du willst den Bus nehmen?", fragte Scott mit sichtlicher Verwunderung, „Ich bin sicher, dass es für unsere Leute kein Problem wäre, dich zu holen." Aber Erin schüttelte nachdrücklich den Kopf. Ihre Kollegen hatten auch so beide Hände voll zu tun ohne dass sie sie auch noch aus dem Krankenhaus abholten. Viel wichtiger war es, dass sie jetzt alle für die Kinder da waren, Erin war schließlich alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Außerdem erforderte es keinerlei sprachlicher Fähigkeiten, um ein Busticket käuflich am Automaten zu erwerben. Weder verfügte sie über schweres Gepäck noch hatte sie einen weiten Weg zu Fuß zurückzulegen, der ihr übermäßig viel Kraft abverlangt hätte. Hinzukam, dass sie noch einmal der Bibliothek einen Besuch abstatten wollte, weil sie so schnell nicht mehr in die Nähe des Archivs kommen würde, wenn sie erst einmal wieder in Le Gardien war. „Falls Sie noch Fragen haben sollten, bin ich mir sicher, dass Andrew Sie Ihnen beantworten kann", mischte sich der Arzt mit dem osteuropäisch klingenden Namen wieder in das Gespräch ein, ehe er auf sie zutrat und ihr die Hand hinhielt, die Erin langsam schüttelte. „Ansonsten bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen eine gute Besserung zu wünschen. Sie sind mir doch nicht böse, wenn ich auf ein ‚Auf Wiedersehen' verzichte; das dürfte genauso wenig in Ihrem Interesse liegen wie in meinem", zwinkerte der hagere Mann, dessen schmächtige Statur den Eindruck erweckte, er wäre nur ein Skelett, dem zur Tarnung menschliche Haut übergezogen worden war. Er hüstelte sich leise, was vermutlich ein Lachen hatte werden sollen, und kehrte Erin dann den Rücke zu, um den Raum wieder zu verlassen.

„Eigentlich sollten wir deinen letzten Abend hier gebührend mit ungenießbarem Krankenhauskaffee ausklingen lassen, meinst du nicht auch?", grinste Andrew, auf dessen kräftigen Armen, die er in die Seiten gestemmt hatte, mehr dunkle Haare wucherten als auf seinem Kopf. Angewidert streckte die junge Frau die Zunge heraus, was ihre männlichen Besucher lachen ließ. Erin fuhr sich mit einer schnellen, ruckartigen Bewegung mit der rechten Hand über die Kehle, um zu verdeutlichen, dass sie nur über ihre Leiche freiwillig das ekelerregende Gebräu aus der Krankenhauscafeteria zu sich nehmen würde. „Oh, du weißt das ja gar nicht zu schätzen. Wir bieten kulinarische Genüsse im Vergleich zum Metropolitan Hospital im West End, das kannst du mir glauben", behauptete Andrew, der keine Gelegenheit ungenutzt ließ, um auf den qualitativen Unterschied zwischen dem Gotham City General Hospital und seinem ärgsten Konkurrenten im Westbezirk der Stadt hinzuweisen. Kurzzeitig ergriff eine selige Stille Besitz von Erins Krankenzimmer, und als der Pfleger noch einen Blick auf Scott und seine Patientin warf, räusperte er sich leise und merkte an: „Gut. Falls du noch Fragen haben solltest, ich bin noch den ganzen Abend über in der Stadt." Er zwinkerte schelmisch, verabschiedete sich dann von den beiden und ließ Erin allein mit Scott zurück, der sich kurzzeitig am Hinterkopf kratzte und das volle schwarze Haar somit in leichte Unordnung versetzte. „Schön, dass du wieder nach Hause kannst. Ich wünschte, ich könnte mich dir schon anschließen, aber der verdammte Arm macht einfach nicht, was er soll." Scott seufzte schwer und strich sich behutsam mit der rechten Hand über das in zahllose Verbände gewickelte Schultergelenk.

„Die Gelenkpfanne am Schulterblatt hat sich entzündet und solange die Entzündung nicht abgeklungen ist, kann ich keine zu intensiven Übungen mitmachen, geschweige denn den Arm normal belasten. Sie verabreichen mir Antibiotika, sodass ich vorerst auf mein morgendliches Glas Milch verzichten muss, kannst du dir das vorstellen?", mit humorvoller Theatralik hob er die dichte Augenbraue, was Erin schmunzeln ließ. „Du brauchst gar nicht so zu grinsen, es wäre das gleiche wie wenn man dir Schokolade verbieten würde." Die blonde junge Frau kommentierte Scotts Vergleich nur mit einem gleichgültigen Achselzucken. „Wie, du kannst ohne Schokolade überleben?", entrüstete er sich und schüttelte ungläubig den Kopf, als seine Kollegin auf Anhieb nickte. „Ok, du bist wirklich eine außergewöhnliche Frau. Was ist...wenn man dir verbieten würde, Schuhe zu kaufen?" Erins Braue wanderte unbeeindruckt in die Höhe. Sie hatte sich nie einen eitlen Lebensstil unterhalten können und daher auch keine besondere Vorliebe für das Einkaufen entwickelt. „Du schaffst mich echt", lachte Scott, „Es muss doch etwas geben, ohne das du nicht leben kannst. Etwas, das du so sehr magst, dass du nicht darauf verzichten willst oder es nur widerwillig tust, wenn es dir auferlegt wird." Erins breites Lächeln, das sich auf ihre Lippen gelegt hatte, weil Scott gelacht hatte, gefror ein wenig wie die Wassertropfen an der Regenrinne, die parallel zum Dach des Krankenhauses verlief und eisige Reißzähne ausgebildet hatte. Wieder hob sie nur kurz die Schultern an, strich sich dann eine Strähne aus dem Gesicht und wich Scotts Blick aus.

Natürlich hatte auch Erin etwas so gern, dass sie es nicht missen wollte, und auf was sie doch so lange hatte verzichten müssen. Es war nichts so Banales wie Schokolade oder ein geliebtes Hobby; es war das Gefühl, ein Zuhause zu haben. Als sie damals Danny kennen gelernt hatte, hatte sie trotz ihres kaputten Elternhauses und ihrer Einsamkeit in ihm eine Art Halt gesehen, eine Zuflucht, der sie sich stets zuwenden konnte, wenn sich der Rest der Welt gegen sie verschworen hatte. Er hatte ihr auch nicht helfen können, war doch selbst nur ein wehrloser kleiner Junge gewesen, und doch hatte allein seine Nähe genügt, um wenigstens für kurze Zeit eine Illusion von Geborgenheit zu schaffen, die Erin mit der Vorstellung von Zuhause assoziierte. „Ist alles in Ordnung? Hab ich was Falsches gesagt?", fragte Scott leise nach, als er sah, wie ihr Lächeln verblich und schließlich gänzlich aus ihren Zügen verschwand. Erin schüttelte den Kopf, benötigte aber noch einen kurzen Moment, ehe sie ihn wieder ansehen und sich ein beschwichtigendes Lächeln entringen konnte. „Bist du sicher?" Scott schaute sie sichtlich verwirrt an, doch Erin winkte ab, woraufhin er leise seufzte und ihren Blick somit auf sich lenkte.

„Erin, ich will dir nichts Böses...aber ich habe das Gefühl, ständig in Fettnäpfchen zu treten, wenn ich mit dir rede, dich unabsichtlich zu treffen, wenn ich dich ganz normale persönliche Dinge frage. Ich will doch nur vermeiden, dass ich dir wehtue, weil ich manche Sachen über dich einfach nicht wissen kann." Ihre Züge arbeiteten angestrengt, die leicht gewölbte Stirn war gerunzelt, ihre hellblauen Augen voller Unsicherheit. Scott hatte Recht. Er wusste kaum etwas über sie, konnte nicht nachvollziehen, warum sie manchmal reagierte, wie sie reagierte, und doch kostete es Erin mehr Überwindung, ihm alles anzuvertrauen, als sie im Moment aufbringen konnte. Es gab niemanden, der ihre ganze Geschichte kannte, nicht einmal Nell hatte sie sich anvertrauen können, obgleich sie wie eine Mutter zu ihr war. Zu tief lag der Schmerz verwurzelt, zu lebendig durchlebte sie selbst nur sehr flüchtige Erinnerungen an ihre Kindheit, die keine Kindheit gewesen war. Sie war in der Lage gewesen, sich Danny anzuvertrauen, ja. Aber da war sie auch noch ein kleines Mädchen gewesen, hatte die Dimensionen noch nicht verstanden, die die Untaten ihres Vaters angenommen hatten, hatte nicht geahnt, wie hoch die Wellen sein würden, die diese emotionale Flut geschlagen hatte. Erin seufzte, drehte dann die rechte Faust über ihrem Herz im Kreis, um auszudrücken, wie leid ihr das eigene Unvermögen tat, Scott von all dem zu erzählen. Abgesehen davon, dass er gar nicht genügend Gebärdensprache beherrschte, um sie verstehen zu können, fühlte sich Erin nicht fähig, es auch nur niederzuschreiben. „Nein, Erin...du musst dich nicht entschuldigen. Ich will nur, dass du weißt, dass ich dir nie absichtlich wehtun würde. Ich weiß nicht, was du erlebt hast oder was dich derart beklemmt, dass du manchmal ohne jede Vorwarnung völlig entrückt erscheinst, als wärst du gar nicht mehr Teil dieser Welt...aber ich respektiere es, wenn du es mir nicht erzählen willst. Du sollst nur wissen, dass ich da bin, wenn du eines Tages vielleicht doch dazu bereit bist. Okay?", Scott bemühte sich zu lächeln, obwohl Erin von seinen Augen ablesen konnte, dass es ihn traurig machte, ihr nicht helfen zu können. Sie wiederum bedrückte es, sich einfach nicht öffnen zu können. Es war wie ein Knoten, der sich immer fester um ihr Herz zog und es abschnürte, es von seiner Umwelt abtrennte und unnahbar machte.

Langsam nickte sie und schluckte, als er ihr mit dem Handrücken sacht über die Wange strich, fühlte eine plötzliche Kälte in ihrem Inneren Einzug halten, als er plötzlich aufstand, seinen Pullover glatt strich und leise sagte: „Möchtest du, dass ich für dich Le Gardien anrufe und Bescheid gebe, dass du morgen zurückkommst? Ich bin sicher, dass sie sich alle sehr freuen werden." Erin schaute auf und nickte zögerlich, ließ sich anschließend von Scott umarmen und sah ihm dann dabei zu, wie er aus ihrem Zimmer ging. Ihr Blick wanderte zu dem Stoffbeutel, in dem all ihre Rechercheunterlagen und Artikelkopien lagen. Seufzend lehnte sie sich auf ihr Bett zurück, starrte an die in ihrer Monotonie perfektionierte weiße Decke und versuchte sich vorzustellen, wie es sein würde, morgen in das Waisenhaus zurückzukehren, in ihrem eigenen Bett zu schlafen, und ihre Freunde sowie die Kinder wiederzusehen. Die Menschen, die in so kurzer Zeit zu ihrer Familie geworden waren, und die sich Scott und Matthew zufolge so sehr darauf freuten, sie wieder in ihre Arme schließen zu können.

Was Erin am Abend des Wintereinbruchs in Gotham City noch nicht ahnte, war, dass ihr doch kein so schnelles Wiedersehen mit ihren Schützlingen vergönnt sein sollte.

***

Sosehr sie sich auch bemühten, es wollte den Temperaturen selbst zur wärmsten Zeit des Tages nicht gelingen, den Gefrierpunkt zu überwinden und über diesen Fixpunkt hinauszuklettern. Es war, als wären sie von ihrer eigenen Kälte eingefroren und unfähig, sich auch nur um Millimeter in die Höhe zu bewegen. Im Gegensatz dazu schien es wesentlich leichter zu sein, sich einfach fallen zu lassen. Erin zurrte die Jacke enger um ihren Körper, als sie durch eine Schneewehe hindurchstapfte, die die Gehwege auf dem Gelände der Bibliothek neckisch blockiert hatte. Sie musste sich eingestehen, die Wirkung der Witterung unterschätzt zu haben, während sie gleichzeitig die Belastungsfähigkeit ihres Körpers überschätzt hatte. Die enorme Kälte machte ihr zu schaffen, ließ ihre heilende Verletzung kühl pochen, so als wäre ein großer, eisiger Glassplitter in ihr Bein gerammt und nicht mehr daraus entfernt worden. Zudem glitt ihre Krücke ein ums andere Mal auf den gefrorenen runden Pflastersteinen aus, denen die Witterung sichtlich zugesetzt hatte, und brachten die junge Frau mehr als einmal fast zu Fall. Erin wusste nicht, ob sie sich ohne fremde Hilfe würde wieder aufrappeln können, wenn sie denn wirklich stürzen sollte, konnte sie ihr Gewicht schließlich immer noch nur auf ihr rechtes Bein verlagern, und die Krücke war längst nicht so biegsam und flexibel wie ein Kniegelenk. Über Nacht hatte verstärkt Schneefall eingesetzt und den Zuckerguss über Gothams Dächern um einige Zentimeter verdickt. Der Winterdienst der Stadt war überraschend gut gewappnet und beschränkte das allgemeine Chaos auf den Straßen auf die üblichen Ausmaße.

Erin hatte ihren Rucksack geschultert und ihren ersten Nachmittag in wiedererlangter Freiheit damit zugebracht, in der Bibliothek ein paar weitere Artikel zu kopieren und zu lesen, hatte sich nach langer Zeit der Entbehrung einen starken Kaffee gegönnt und befand sich nun auf dem Weg zur Bushaltestelle. Sie hatte ins Auge gefasst, den 36er Bus zu nehmen, der zwar nicht den schnellsten Weg an den Stadtrand Gothams abfuhr, aber womöglich weniger überfüllt sein würde. Auf Höflichkeit und Rücksichtnahme in Gothams öffentlichen Verkehrsmitteln wollte sich Erin nicht verlassen. In diversen Linien lief sie eher Gefahr, dass ihr die Krücke gestohlen, anstatt dass ihr ein Sitzplatz angeboten wurde. Sie zog den Kopf ein, verbarg ihren schmalen Hals so weit es ging hinter dem Kragen der Jacke, die ihr ein bisschen zu groß war und ihre Hände ganz verschluckte, wenn sie die Arme ausgestreckt zu ihren Seiten hinabbaumeln ließ, und stellte sich neben das kleine Bushäuschen. Sie hätte sich vermutlich lieber untergestellt, wären die schmalen überdachten Sitzgelegenheiten nicht mit laut grölenden Jugendlichen besetzt gewesen, die sich gegenseitig beschimpften und provozierten, um einander zu Gewalttaten anzustacheln. Erin hatte die Kinder in ihrer eigenen Klasse damals gehasst, weil sie sie schikaniert und regelrecht gequält hatten; aber sie wusste auch genauso gut, dass ihre eigenen gesammelten Erfahrungen nichts im Vergleich zu dem waren, was Außenseitern dieser Generation in den Schulen blühte. Damals waren es kleine Schlagstöcke gewesen, heute schmuggelten viele Jugendliche Waffen in die Klassenzimmer, um sich auf dem Pausenhof zur Wehr setzen zu können. Im harmlosesten Fall handelte es sich dabei um Messer, gegen die Erin erst kürzlich eine heftige Allergie entwickelt hatte.

Um sich vor der Kälte abzulenken, die selbst durch den relativ dicken Stoff der Jacke drang, schwelgte Erin gedanklich in dem, was sie wenige Stunden zuvor gelesen hatte. Die Erkenntnisse, die sie gewonnen hatte, hatten zwar nicht wie erhofft das fehlende Teil des Puzzles gebildet, aber sie hatten ihr das Fürchten gelehrt. Sie hatte über den Mann recherchiert, den sie einst zu kennen geglaubt hatte, und realisierte, wie viel Glück sie gehabt hatte, ihm entkommen zu sein. Der Joker war nicht einfach nur ein brutaler Psychopath, sondern ging bei allem, was er tat, mit einer Genialität zu Werke, die ihn zu einem noch gefährlicheren Gegner machte. Ihr gingen die Warnungen vonseiten Matthews und auch Batmans durch den Kopf, die sie nur mühsam verdrängen konnte. Beide schienen in ihr eine mögliche Zielscheibe für den Joker zu sehen, auch ohne dass sie wussten, dass sie einen gemeinsamen Vergangenheitsabschnitt mit ihm teilte. Hätte das jemand gewusst, wäre Erin wahrscheinlich längst dazu geraten worden, die Stadt zu verlassen. Dass der Polizeischutz nicht mehr das war, was ihm einst seinen Namen verliehen hatte, hatte sie daran gesehen, wie schwer es Commissioner Gordon gefallen war, Alex in Sicherheit zu bringen. Erin atmete schwer aus, entließ eine kleine Wolke verbrauchten Sauerstoffs in die klirrende Kälte des schwindenden Tages. Sie wusste, dass sie allein schon deshalb ein potentielles Ziel für den Joker war, weil sie seine Identität und somit seine Menschlichkeit und Verwundbarkeit preisgeben konnte. Gleichzeitig wusste sie aber auch, dass sie längst tot gewesen wäre, wenn sie sich Gordon anvertraut hätte. Sie war keinesfalls so naiv zu glauben, dass sie sich nicht länger im Fadenkreuz des Jokers bewegte, traute aber niemandem, der ihr vielleicht helfen konnte, ausreichend über den Weg. Was sie in den vergangenen Tagen über Gotham gelesen hatte, hatte sie einsichtig werden und ein bewusstes Misstrauen entwickeln lassen. Nichts schien in dieser Stadt so zu sein wie es den Anschein hatte, jeder schien ein zweites, dunkleres Ich, ein Tier hinter den Gitterstäben des eigenen Brustkorbs zu halten, dem gelegentlicher Auslauf gewährt wurde. Sodom und Gomorrha waren ein zweites Disneyland im Vergleich zu Gotham City, und das eigentliche, inoffizielle Oberhaupt dieser Stadt war der Teufel in Menschengestalt. Erin ballte die Hände zu Fäusten, um so ihre Finger halbwegs warmzuhalten. Für ein Paar Handschuhe hätte sie im Moment alles gegeben, war die Kälte, die Gotham City in ihrem frostigen Griff hatte, schließlich eine besonders durchdringende. Sie legte sich wie ein eisiger Film über Erins Gesicht, färbte ihre Wangen und Nase rot, und schläferte die feine Muskulatur, die ihre Mimik erst lebendig machte, kribbelnd ein.

Unwirklich kam es ihr demnach vor, als ein schrilles und markerschütterndes Hupen nicht weit von ihr ertönte und die eisige Luft wie ein eleganter Schwerthieb zerschnitt. Sie hörte das elektrische, leicht widerwillige Summen und Quietschen eines Fensterhebers, drehte aber erst den Kopf in die entsprechende Richtung, als sie eine bekannte Stimme vernahm, die nach ihr rief: „Erin! Hey!" Das abermalige Hupen, das ertönte, galt nun dem Autofahrer, der am Straßenrand Halt gemacht hatte und den Verkehr somit hinter sich ausgebremst hatte. Sie war mehr als nur erstaunt, Matthew am Steuer eines roten Pontiacs zu entdecken, der stinkende, schwarze Qualmwolken aus seinem Auspuff in die schneidende Kälte abgab. Matthew hatte die Scheibe auf der Beifahrerseite heruntergelassen, sich hinübergelehnt und winkte Erin eifrig zu. „Hey, komm! Ich nehme dich gleich mit! Du musst doch nicht mit dem Bus fahren!" Sie versuchte immer noch, sich von der übermächtigen Verwunderung zu erholen, die ihr der Anblick von Matthew beschert hatte. Mit so einem Wagen hatte sie ihn noch nie gesehen; auch er begnügte sich für gewöhnlich mit dem klapprigen Wagen des verstorbenen Hausmeisters. „Was ist nun? Bist du festgefroren?", lachte er und riss Erin damit aus ihrer Lethargie. Ein wiederholtes Hupen des empörten Hintermannes brachte sie schließlich dazu, sich so schnell es ihr verletztes Bein zuließ auf den fremden Wagen zuzubewegen und einzusteigen. Die Tür schlug mit einem metallenen Rülpsen hinter ihr zu, und während sie nach dem Sicherheitsgurt tastete, bewegte sich die Scheibe des Seitenfensters mit kriechender Langsamkeit nach oben. Während sich Matthew wieder in die Spur einfädelte, sah Erin ihn fragend an, deutete auf ihn und malte dann einen Kreis in die Luft.

„Ja, ich bin hier, weil ich ein paar Einkäufe erledigen wollte. Den Wagen hab ich mir gemietet. Gefällt er dir? Hat für sein Alter einiges unter der Haube", verlor er sich in den für ihn so typischen Redeschwall, „Ich dachte, ich halte mal Ausschau nach dir und siehe da, ich hab dich entdeckt. Ich hätte dich auch gleich abgeholt, Mädchen. Ist doch kein Problem und so sparst du dir das Geld und die Drängelei im Bus. Als Scott Pat am Telefon sagte, dass du den Bus nehmen willst, hab ich mich schon gewundert. Ist doch schön, dass ich dich abgepasst hab, oder? Wird die anderen positiv überraschen, wenn du schon bedeutend früher wieder daheim bist." Erin hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, zu sehr war sie damit beschäftigt, ihre Krücke bei der etwas ruppigen Fahrweise ihres Kollegen nicht zu verlieren, und ihre Hände an der wohlig warmen Heizungslüftung am Armaturenbrett aufzutauen. Auch wenn sie vielleicht nicht mehr lange auf den Bus hätte warten müssen, war sie doch dankbar dafür, dass Matthew sie aufgegabelt hatte. Ihr Bein pochte dumpf vor Kälte und Anstrengung, und der Beifahrersitz eines Autos erwies sich immer als bequemer als die Sitznischen eines Busses. „Du freust dich bestimmt schon auf zu Hause, oder?", fragte ihr Kollege und schaltete durch die verschiedenen Radiosender auf der erfolglosen Suche nach guter Musik. Erin sehnte sich fast ein bisschen wehmütig danach zurück, als sie mit Scott gemeinsam in die Stadt gefahren war, um Erledigungen zu machen. Er war nicht nur ein sicherer Fahrer als Matthew, sondern besaß auch die seltene Gabe, einfach still sein zu können, ohne dass es ihm oder Erin unangenehm gewesen wäre. Matthew hingegen konnte es manchmal nicht laut genug sein, zudem hörte er sich selbst so gern reden, dass es für ihn immer ein besonderer Genuss sein musste, mit Erin zu sprechen, weil diese nicht wirklich viel entgegenzusetzen hatte. „Den Kindern geht's übrigens wieder einigermaßen gut, da wird der Schnee einen beachtlichen Anteil daran haben. Die toben wie verrückt auf dem Gelände herum und bauen eine ganze Armee aus Schneemännern. Ich glaub, so langsam fangen sie an, die unterrichtsfreie Zeit so richtig zu genießen."

Erin bewegte jeden einzelnen Finger und spürte, wie sich so langsam die Starre aus ihren Gelenken löste. Etwas entspannter lehnte sie sich zurück, verfolgte dabei mit den Augen, wie die schneebedeckten Häuser an ihr vorüber zogen, weil sie mit der Geschwindigkeit des Pontiacs nicht mithalten konnten und dazu verdammt waren, dieses Rennen zu verlieren. Sie sah von weitem schon die Kreuzung, deren rechter Abzweig nach Le Gardien führte, und spürte, wie sich Vorfreude in ihr regte. Sie freute sich schon auf ein ausgiebiges Bad und ihr Leibgericht, das Nell bestimmt für sie zubereiten würde, obwohl sie selbst Armen Rittern mit Vanillesoße wenig abgewinnen konnte. Umso mehr verwirrte es Erin, dass Matthew geradeaus weiterfuhr und die Kreuzung hinter sich ließ, ohne langsamer zu werden.

Zuerst vertröstete sie sich mit dem Gedanken, dass er wohl mit seinen Besorgungen noch nicht ganz fertig geworden war und daher einen anderen Weg nahm; als er allerdings auch den nächsten Abzweig überfuhr, der über eine andere Straße an den Stadtrand hinausführte, legte Erin eine unstete Hand auf seinen rechten Unterarm, um ihn so dazu zu bewegen, sie anzusehen. Matthew tat dies jedoch nicht, sondern schaute stur auf die Fahrbahn, selbst als Erin den Druck ihrer Finger so sehr verstärkte, dass es ihm fast schon Schmerzen bereiten musste. Ehe sie aber fähig dazu war, drastischere Mittel in Erwägung zu ziehen, um ihn auf sich aufmerksam zu machen, schoss wie aus dem Nichts ein Arm von hinten um ihren Hals, der ihr die Luft abdrückte und ihren Kopf brutal gegen die Stütze zwang, sodass sie nach Atem ringend röchelte. Matthew fuhr weiter als wäre nichts gewesen, schaute sie nicht einmal an, während eine zweite Hand nach vorn schoss und ihr ein mit Äther getränktes Tuch auf Mund und Nase presste. Erin konnte nur dazwischen wählen, entweder zu ersticken oder aber der betäubenden Wirkung des Narkotikums nachzugeben. Ihr Überlebenstrieb fällte die Entscheidung an ihrer statt.

Bevor Erins Sinne schwanden und ihr Körper infolge des inhalierten Mittels erschlaffte, nahm sie wie aus einem Traum Matthews Stimme wahr, so leise, wie er noch nie gesprochen hatte. „Es tut mir leid, Erin...es tut mir leid. Er hat gesagt, entweder ich oder du...es tut mir leid...", sagte er, ehe alle Geräusche aus ihrer Wahrnehmung auf unbestimmte Zeit verbannt wurden und sie eine samtene, allgegenwärtige Schwärze umfing.