A/N: Zehn Tage sind rum, Zeit für ein neues Kapitel. Vielen, vielen Dank für deine Review, Iuliel! Tja, der Joker macht vor niemandem Halt...und er hätte ihm glaub ich noch Schlimmeres antun können, aber er braucht ja den jungen Mr. Randall noch! Nun, Erin wird schon ein Weilchen in Gewahrsam bleiben, aber natürlich nicht für den Rest der Story. Wäre dann ja doch etwas langweilig und ist außerdem nicht im Sinne des Jokers :) Vielen, vielen Dank für dein Lob, ich verfall so schnell ins Labern, da hab ich immer Angst, dass es dann doch langweilt, aber ich freue mich, dass du noch nicht beim Lesen eingeschlafen bist!
Jetzt bleibt mir nur übrig, viel Spaß beim Lesen zu wünschen!
Scar Tissue
11
Das fehlende Puzzleteil
Ein Netz aus Lügen
Bremst den fallenden Helden
Fängt ihn aber nicht.
Das Sonnenlicht drang durch die feinen Vorhänge aus kostbarer, golden schimmernder Seide und malte ein sonderbares Muster auf das glänzende, makellose Parkett. Die Bänke der fast bis an die Decke hinaufreichenden Fenster waren mit weißem Leder ausgelegt. Vereinzelt lagen zusätzlich Kissen aus, die jene speziellen Sitzplätze noch gemütlicher machten. Es war ein Jammer, das kaum einer diese hübschen Sitzgelegenheiten mit Ausblick auf den großen Garten, der selbst im Winter zauberhaft schön und lebendig wirkte, nutzte.
Alfed Pennyworth balancierte das Tablett mit professioneller Routine auf einer Hand, obwohl es voll beladen und nicht gerade ein Leichtgewicht war. Ein kleines Kännchen aus weißem Porzellan fand sich in der noblen Gesellschaft eines kompletten Gedecks wieder, das ausgewogene Speisen unter kuppelförmigen Deckeln verborgen hielt. Ein Tellerchen von geringem Durchmesser trug silbernes Besteck, das auf dunkelgrünen Stoffservietten gebettet war. Alfred trug das schwere Tablett nur in einer Hand, weil er die andere dafür benötigte, die massive Tür aus Teakholz zu öffnen, die in das Schlafzimmer Master Waynes führte. Als er es tatsächlich vollbracht hatte, die Tür zu öffnen, ohne seine zerbrechliche Fracht zu einem halsbrecherischen Sprung anzustiften, und sein Blick durch das hohe Zimmer wanderte, wobei er das große Doppelbett unbenutzt vorfand, seufzte Alfred laut und schüttelte kaum merklich den Kopf. Sein schlohweißes Haar, das die Spuren des Alters deutlicher aufzeigte als sein Gesicht, durch das sich gleichmäßige Linien gruben, war mit Sorgfalt hergerichtet worden und wellte sich in einer eleganten Tolle über die rechte Seite seines Kopfes. Mit sichtlich hektischeren Schritten kehrte er um und wollte sich schon auf den Weg machen, die ausgebauten Höhlen unterhalb des Anwesens aufzusuchen, als er eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrnahm und seine Aufmerksamkeit auf eine angelehnte Tür links von ihm fiel. Dieser Raum war ursprünglich als Arbeitszimmer eingerichtet worden, doch wie der Großteil der Villa diente er hauptsächlich der Aufrechterhaltung einer nahezu perfektionierten Tarnung. Etwas außerhalb des dichter besiedelten Stadtgebiets Gotham Citys thronte das nach einem Großbrand zerstörte und wieder errichtete Anwesen Wayne Manor über die Palisades, erweckte den Eindruck der pompösen Heimstatt eines wahren Lebemannes. Wenngleich Bruce Wayne, der milliardenschwere Inhaber von Wayne Enterprises, nicht das war, was er mit seiner prunkvollen Fassade vorgab zu sein, erfüllte sein Image als Playboy einen wichtigen Zweck. Es erweckte keinen Verdacht, sondern bestätigte die Bewohner Gothams nur in ihrem abfälligen Denken über das verschwenderische Leben der Schönen und Reichen. Indem Alfreds Herr sich das ein ums andere Mal exzessive Auftritte in der Öffentlichkeit leistete, bewahrte er das stereotype Bild, das Gotham City von ihm gezeichnet hatte. So schöpfte niemand Verdacht darüber, womit Bruce Wayne in Wahrheit den Großteil seiner Nächte zubrachte.
Der betagte Butler beobachtete das Tun seines Schützlings mit immer größerer Sorge. Seit ihm der Joker Rachel genommen hatte, war er nicht mehr derselbe, so sehr er sich auch bemühte oder vorgab, es zu sein. Die Genugtuung, den Joker hinter Schloss und Riegel zu wissen, war ihm nicht sehr lange vergönnt geblieben. Das tobende Chaos war nur schwer im Zaum zu halten, wenn überhaupt. Und doch konnte Batman es nicht seinem Bediensteten Alfred nachtun und den Wald von Birma abbrennen, um einen einzelnen Verbrecher dingfest zu machen. Würde die Verhaftung des Jokers nur unter der Bedingung gelingen, dass Gotham City lichterloh brannte und zerstört wurde, würde diese Strategie diesem Verrückten nur in die Hände spielen. Er würde lachen, während man ihm eine Zwangsjacke umband und ihn in Ketten legte, würde darüber spotten, dass die, die ihn gejagt hatten, zu seinesgleichen geworden waren, weil es genau dessen bedurfte, um ihn zu fassen.
Alfred erschauderte und schüttelte diesen düsteren Gedanken ab. Er bog in das Arbeitszimmer ab, das er regelmäßig entstaubte, damit es den Eindruck erweckte, auch benutzt zu werden. Es geschah zugegebenermaßen nicht häufig, dass sich jemand von Waynes Gästen nach hier oben verirrte, aber schon Alfreds Großvater hatte ihm schon die klugen Worte mit auf den Weg gegeben, die besagten: Im Falle eines Falles ist besser fallen alles. Alfred war für fast jeden Fall vorbereitet und sorgte dafür, dass niemand in Versuchung kam, Verdacht zu schöpfen. Nur ein kleiner Kreis von Vertrauten war in Bruce Waynes Geheimnis eingeweiht. Neben ihm war es nur Lucius Fox, der begnadete Ingenieur, der für die technologischen Raffinessen in Batmans Equipment verantwortlich war. Auch Rachel hatte herausgefunden, wer hinter der Fledermausmaske steckte, hatte es aber für sich behalten. Ansonsten wusste Alfred nicht, ob vielleicht der ein oder andere etwas ahnte. Mochten es Mitglieder des Firmenvorstands sein oder Commissioner Gordon – Alfred traute ihnen allen die nötige Begabung zu, Eins und Eins zusammenzählen zu können. Dennoch lautete die Devise, dass der geringste Schaden angerichtet wurde, je weniger Leute eingeweiht waren. Wie viel hatte auf der Kippe gestanden, als der Joker Batman hatte zwingen wollen, seine Maskerade aufzugeben? Um ein Haar wäre es ihm gelungen und alles, wofür Batman stand, wäre wie eine schillernde Seifenblase geplatzt.
„Guten Morgen, Master Wayne! Oder sollte ich lieber sagen, Gute Nacht?", sagte Alfred mit freundlicher Stimme, ohne dass er den jungen Mann sehen konnte, der zu seinem Ziehsohn geworden war. Er erahnte ihn nur inmitten der zahllosen Schatten, die sich in den verborgenen Winkeln des Büros tummelten und genau dort stand er auch, trug noch seinen halben Kampfanzug und hielt die Maske in der linken Hand, schaute gedankenverloren aus dem breiten Panoramafenster, dessen Scheibe durch die winterliche Kälte leicht beschlagen war. Zuletzt hatte ihn Alfred derartig nachdenklich gesehen, kurz nachdem Rachel gestorben war. Ein ähnlich entrückter Ausdruck hatte in seinen braunen Augen gelegen, der von Ratlosigkeit und Hilflosigkeit gesprochen hatte. Am bittersten war es für Alfred gewesen, ihm nicht helfen und auch keinen Trost spenden zu können. Er war an jene Grenzen gestoßen, die Batman zum Menschen und somit verwundbar machten. Gerade weil er nie hatte wahrhaben wollen, dass Batman diese Grenzen hatte, war es umso härter für ihn gewesen, wieder auf den Boden der Tatsachen gerissen zu werden. Alfred hatte geahnt, dass dieser Tag kommen musste, hatte aber nicht damit gerechnet, dass der Schlag mit solcher Heftigkeit erfolgen würde. Gotham City jagte jenen Mann, der die Stadt retten wollte, fast so, als bettelte sie förmlich darum, in die ewige Verdammnis gestoßen zu werden.
„Morgen ist schon angebracht, Alfred. Ich zweifle nur daran, dass es ein guter sein soll", entgegnete Bruce, der sich seufzend auf den gepolsterten Bürostuhl setzte und die Maske mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch ablegte. Der Butler und gleichzeitig beste Freund, den Bruce Wayne je gehabt hatte, setzte das Tablett auf den Schreibtisch und schob es seinem Schützling zu.
„Essen Sie einen Happen, dann sieht die Welt gleich nicht mehr so grau aus", empfahl er ihm, worauf Bruce mit erhobenen Brauen zu ihm aufschaute und sich ein schmales Lächeln entrang: „Gibt es überhaupt etwas, das deine Laune trüben könnte, alter Freund?" Alfred setzte sich nicht hin, obschon er wusste, dass Bruce nichts dagegen gehabt hätte, und verschränkte die Hände hinter dem Rücken, ehe er belehrend entgegnete: „Das Attribut ‚alt' verbitte ich mir bei allem Respekt, Master Wayne." Bruce grinste und rang sich dazu durch, sich wenigstens eine Tasse Kaffee einzuschenken, wenn ihn schon sein Appetit verlassen hatte.
„In der Tat gibt es Umstände, die mir die Laune verderben. In letzter Zeit ist es vermehrt die Tatsache, dass Sie kein Auge mehr zutun, seit der Joker wieder auf freiem Fuß ist." Bruce hielt inne und hätte fast seine Kaffeetasse zum Überlaufen gebracht, weil er kein Auge mehr auf das Sahnekännchen geworfen hatte. Klirrend stellte er es wieder auf das Tablett zurück und legte den Kopf schief: „Machst du mir das wirklich zum Vorwurf? Kannst du das nicht verstehen?"
Alfred neigte den Kopf leicht nach vorn, eine Haltung, die väterliche Weisheit ausstrahlte und ihm angeboren sein musste. „Doch, Master Wayne, ich verstehe Sie sogar sehr gut. Mir will nur nicht ganz klar werden, wie Sie Gotham helfen wollen, wenn Sie sich selbst so herunterwirtschaften." Bruce wandte den Blick ab und drehte nachdenklich die Kaffeetassen in seinen großen Händen. „Ich weiß nicht, was ich gegen ihn unternehmen kann, Alfred. Egal, was ich auch tue, er ist mir immer einen Schritt voraus. Erst hat er den Erben der Randalls in seine Gewalt gebracht, dann einen halben Wohnkomplex in die Luft gejagt und es gleichzeitig so hingebogen, dass jetzt eine unschuldige junge Frau unter Mordverdacht steht. Ich kann nichts anderes tun als zuzusehen, wie er Gordon und mich dafür bestraft, dass wir Dents Verbrechen decken."
Alfred zog seine Hände wieder nach vorn und umschloss damit die Stuhllehne, ehe er sich darauf abstützend vorbeugte: „Sie versuchen, die Bankguthaben der Randalls zu schützen, oder nicht? Sie engagieren sich stärker für diese Stadt als irgendjemand sonst. Der Joker ist nicht berechenbar und gerade das ist es, was ihn so gefährlich macht. Sie wissen genauso gut wie ich, dass er nicht eher Ruhe geben und damit aufhören wird, unschuldige Blutopfer einzufordern, bis er das erreicht hat, was sich sein wirrer Geist zusammengesponnen hat." Bruce setzte geräuschvoll die Tasse ab, sodass der noch darin befindliche Kaffee glucksend hoch schwappte wie die Gischt einer unruhigen See. „Wenn du das alles mit so viel Sicherheit weißt, kannst du mir sicher auch sagen, wie ich ihn aufhalten kann, oder fehlen dir da die Worte?", Bruce war aufgebracht, bereute seinen harschen Tonfall aber sofort, als er Alfreds ernstes Gesicht sah. „Bitte entschuldige...", fahrig strich er sich mit beiden Händen durch das volle dunkle Haar, das daraufhin in ungleichmäßigen Strähnen wieder hinab fiel, „Ich weiß nicht, was ich gegen ihn unternehmen soll, Alfred."
Sein Butler und Freund räusperte sich leise, ehe er anmerkte: „Vielleicht lässt er sich besser kontrollieren, wenn Sie ihm das in Aussicht stellen, was er erreichen will." Bruce hob den Kopf und sah seinen Ziehvater mit einer Mischung aus Entrüstung und Hilflosigkeit an. „Wie meinst du das?" Alfred nahm die Hände von der Lehne und straffte seine Gestalt: „Der Joker versuchte bisher stets, den Menschen ihr wahres Ich zu entlocken, ihre moralische Standfestigkeit auf die Probe zu stellen, indem er sie in Extremsituationen brachte. So geschehen mit Ihnen als auch mit dem jungen Staatsanwalt oder den Leuten damals auf den beiden Fähren. Sie und der Commissioner haben die Wahrheit über Dent verschwiegen."
Bruce setzte sich auf und ließ gänzlich von der Tasse ab: „Aus gutem Grund. Harvey Dent war ein Symbol der Hoffnung, der Veränderung Gothams zum Guten. Wenn wir den Menschen diese Hoffnung nehmen, wird es nie den Tag geben, an dem Gerechtigkeit und Ordnung in Gotham einkehren und es einen Batman nicht mehr geben muss." Alfred sah den jungen Mann an, der aufgebracht vor ihm saß und voll sprühendem Idealismus das eigentliche Problem an der gesamten Situation nicht erkannte. „Ist es das, woran sie glauben wollen, Master Wayne?" Er wich dem Blick des älteren Mannes aus und stocherte mit der Gabel in dem Rührei herum, das längst ausgekühlt sein musste. „Es geht nicht darum, woran ich glauben will, Alfred, sondern darum, was Gotham glauben muss, um überhaupt eine Chance auf Rettung zu haben."
Der Butler strich sich wie in Gedanken über den dunklen Anzug und murmelte leise: „Gotham muss gerettet werden. Aber ein Mann allein kann nicht alles Böse besiegen, das sein Unwesen auf dieser Welt treibt. Nicht, wenn er selbst unschuldig zum Geächteten geworden ist. Die Hoffnung, die diese Stadt braucht, sind Sie, Master Wayne. Lassen Sie Gotham nicht länger an einen gefallenen Helden glauben." Bruce schüttelte daraufhin mit Nachdruck den Kopf: „Ich kann nicht die Hoffnung Gothams sein. Ich bin ein maskiertes Phantom, nicht mehr." Doch auch darauf wusste Alfred etwas zu erwidern: „Das war Zorro auch."
Der junge Mann, dessen markante Züge unter normalen Umständen gesund und kräftig wirkten, sah mit müden Augen aus einem Gesicht mit besorgniserregend hohl werdenden Wangen zu dem älteren Herrn auf und seufzte: „Zorro ist nur eine fiktive Gestalt. Er ist eine noch größere Illusion als ich." Das brachte Alfred zum Schmunzeln. „Nun, wenn Sie mich fragen, begeistern Illusionen die Menschen mehr als die Realität." Darauf antwortete Bruce nicht, sondern legte nur erschöpft den Kopf in den Nacken, was seinen Halswirbeln ein geflüstertes Knacken entlockte.
„Wird Zorro nicht von einer Kugel getötet?", flüsterte er fast nur noch in den Raum hinein, den das Tageslicht zunehmend mit tristem Grau ausfüllte. „Alle Helden sind sterblich, Master Wayne. Sogar die fiktiven. Tun Sie mir einen Gefallen und essen Sie das Ei auch, nachdem Sie es so hingebungsvoll zerdrückt haben." Mit diesen Worten deutete Alfred eine kurze Verbeugung an und kehrte Bruce den Rücken zu. Dieser saß noch lange in Gedanken versunken an seinem Schreibtisch und starrte ins Leere. Sein Freund hatte Recht mit seiner Warnung, dass der Joker früher oder später das einfordern würde, was er begehrte. Und das war die unverblümte, erschreckende Wahrheit. Der kleine mobile Nachrichtenempfänger, den er bei sich hatte, und der ihn während seiner Einsätze stets mit Fox und Alfred in Verbindung hielt, blinkte hektisch auf.
Mit gerunzelter Stirn las er die Botschaft, dann sprang er wie von der Tarantel gestochen auf, stieß dabei seinen Kaffee um und verließ eiligen Schrittes das Arbeitszimmer. „Alfred! Die Nachrichten!", rief er und eilte aus dem Zimmer. Er hatte nicht den kleinsten Bissen vom Rührei zu sich genommen.
***
Der Verkehrslärm drang nur dumpf durch die dichten Fensterscheiben hindurch. Die Wände des Polizeigebäudes bewiesen ein noch besseres Dämmvermögen und schlossen die geschäftige Umwelt hinter sich aus. Die Wechselwirkung war mit Sicherheit ähnlich. Bestimmt hörte man nicht einmal das kleinste Geräusch, selbst wenn man sich ein leeres Wasserglas ans Ohr presste und zu lauschen versuchte. Seit Commissioner Gordon recht harsch durch Harvey Dents Tun darauf aufmerksam gemacht worden war, dass sich Verräter in den eigenen Reihen befanden, waren die Sicherheitsmaßnahmen im Polizeipräsidium verschärft worden. Abgesehen von den Wänden, die jeden Ton mit großem Appetit verschlangen, hätte man in Jim Gordons Büro auch dann nicht den kleinsten Mucks gehört, wenn die Tür sperrangelweit offen gestanden hätte. Das lag an dem schlichten Umstand, dass keiner ein Wort sagte.
Erin saß seit unendlich lang erscheinenden Minuten noch immer auf ihrem Stuhl, war aus der Hypnose zurückgeholt worden, die in ihr das unangenehme Gefühl hinterlassen hatte, jemand hätte in etwas so Intimem wie ihrem Tagebuch gelesen. Im Prinzip war ihr Unterbewusstsein nichts anderes, nur dass es keine Erlebnisse dokumentierte, sondern vielmehr deren emotionale Auswirkungen wie ein Seismograph aufzeichnete. Da Erin selbst jedoch nicht wusste, was sie niedergeschrieben hatte, sondern nur schwache Konturen von Erinnerungsfetzen vor sich sah, wenn sie die Augen schloss, konnte sie nicht einschätzen, inwiefern die Hypnose erfolgreich gewesen war. Zumindest war es ansatzweise beruhigend, dass sie keine Bilder in Erinnerung hatte, die zeigten, wie sie jemanden erschoss. Mit wachsender Ungeduld wartete Erin darauf, dass jemand etwas sagen mochte. Gordon entschied sich jedoch dafür, weiterhin nichts von sich zu geben, sondern mit nachdenklich gerunzelter Stirn auf Erins unter Hypnose verfasste Wörter zu starren. Hatte sie in solchen Schnörkeln geschrieben, dass es nun niemand mehr entziffern konnte? Ihr kam es dunkel so vor, als hätte sie, je näher sie sich der fehlenden Erinnerung angenähert hatte, immer größere Probleme gehabt, die Fragen der Stimme zu beantworten. Dr. Crichton studierte anschließend ihre Aufzeichnungen, nickte routiniert und zog ein Gesicht, das Erin nicht gerade viel Mut machte. Andererseits schien es bei dieser Frau an ein Wunder zu grenzen, wenn sie sich zu einem Lächeln oder einer anderen emotionalen Regung hinreißen ließ.
Anwalt Barlow, der längst nicht mehr Herr seiner Schweißdrüsen war, artikulierte die Ungeduld seiner Mandantin auf jene Art, die ihr verwehrt war – verbal: „Wie lange benötigen Sie denn, um die Notizen auszuwerten?" Die Strähnen dünnen Haares, die er sich quer über die rötlich schimmernde Kopfhaut gekämmt hatte, wo sie nun fettig im unvorteilhaften Licht im Büro des Commissioners glänzten, drohten ihm in die hohe Stirn zu fallen. „Nicht sehr lang. Im Grunde sind wir fertig", murmelte Crichton, die in akribischer Handschrift einige Notizen auf einem Formular verewigte, das Erin von ihrer Perspektive aus nicht einsehen konnte. „Sehr gut", blaffte Barlow und tupfte sich die Braue mit einem Stofftaschentuch ab, das so fleckig war, dass es den Eindruck erweckte, häufiger gebraucht als gewaschen zu werden. „Da kann ich Ihnen leider nicht zustimmen", seufzte Jim Gordon und betrachtete die junge Frau, die ihm gegenüber am Schreibtisch saß und sehr verloren wirkte in diesem grell-orangenen Overall, der ihr mindestens eine Nummer zu groß zu sein schien. „Wie meinen?", Barlow hielt in seiner in Fleisch und Blut übergegangenen Bewegung inne und blinzelte den Commissioner fast vorwurfsvoll an. „Der Hypnoseversuch hat nicht sehr viele neue Erkenntnisse gebracht." Ohne auf eine direkte Aufforderung zu warten, verlas Gordon den Text, den Erin in ihrer kurzzeitigen Trance niedergeschrieben hatte.
Das Gefühl, etwas sehr Intimes mit jemandem teilen zu müssen, den man kaum kannte, verstärkte sich automatisch und breitete sich wie ein Ausschlag prickelnd auf ihrer Haut aus. Insgeheim war die stumme Frau dankbar darüber, dass sie nicht zu ihrer Kindheit befragt worden war. Die tat hier nichts zur Sache und sollte daher auch dort bleiben, wo Erin sie hinverbannt hatte. In die dunklen, lichtlosen Winkel ihres Herzens. Durch die Worte des Jokers, durch Dannys Worte, um genau zu sein, war das Schloss, das den Riegel vor den Käfig der Monster ihrer Vergangenheit geschoben hatte, um ein Haar geknackt worden. Es saß locker und konnte durch den leichtesten Stoß vernichtet werden, wenn Erin nicht besser darauf Acht gab.
„Jetzt ist es definitiv, dass Miss Porter am besagten Abend Kontakt zu dem Mordopfer gehabt hat", schloss Jim Gordon und rückte die Brille auf seiner Nase zurecht. „Kontakt zu jemandem zu haben, heißt aber noch nicht, ihn umgelegt zu haben, Commissioner", bemängelte Barlow die scheinbare Denkweise des Polizeichefs, der nicht wirklich den Anschein erweckte, den übernervösen Anwalt ernst zu nehmen. „Das habe ich auch nicht gesagt. Es ist dennoch bedauerlich, dass wir nur recht mangelhafte Informationen gewinnen konnten." Erins Pflichtverteidiger schien sich herausgefordert zu fühlen und rieb sich energisch mit dem Daumen über das formlose Kinn, ehe er erwiderte: „Als mangelhafte Information würde ich die gewonnenen Erkenntnisse nicht bezeichnen. Dermont hat meine Mandantin von der Bushaltestelle abgeholt, obwohl sie den Bus nehmen wollte. Offenbar lag keine Verabredung vor. Dass er nicht zu dem gewünschten Ort gefahren ist, zeigt deutlich, dass sich eine mögliche Konfliktsituation zwischen meiner Mandantin und Mr. Dermont angebahnt hat." Commissioner Gordon suggerierte: „Die sie dann mit ihrer Waffe gelöst hat?" Erin sah getroffen zu dem Polizeichef hin, der sie jedoch ignorierte. „Das sind Unterstellungen...Mutmaßungen, die nicht belegt sind", platzte es aus dem Anwalt hervor, der die nicht sehr schmeichelhafte Angewohnheit hatte, beim Reden zu spucken, wenn er sich echauffierte.
Jim Gordon hingegen blieb ganz ruhig, streckte beide Hände von sich und erwiderte: „Das ist Ihre Theorie von einer Konfliktsituation ebenfalls. Es gibt keine klaren Beweise dafür, dass es überhaupt zu einer Streithandlung gekommen ist." Erst jetzt sah er Erin wieder an, in seinen blauen Augen konnte sie keinen feindseligen Ausdruck ausmachen.
„Können Sie sich wieder etwas besser erinnern? Hat Ihnen die Hypnose vielleicht eine Tür geöffnet?" Erin konnte auf die Frage des Commissioners hin nur unsicher die Achseln heben. „Wissen Sie, ob es einen Streit zwischen Ihnen und dem Opfer gegeben hat?" Sie versuchte darüber nachzudenken, doch nach wie vor verschwammen die Bilder ihrer vagen Erinnerung zu undurchsichtigen Schlieren; Stimmen und Geräusche waren verzerrt, so als hätte man sie mit einem Tonbandgerät stark verlangsamt abgespielt. Letztlich schüttelte sie den Kopf. Sie wusste es einfach nicht. Ebenso fremd war ihr der Gedanke, dass Matthew einen roten Pontiac gefahren hatte, war doch das einzige Auto, über das Le Gardiens Personal dauerhaft verfügen konnte, der alte klapprige Wagen von Hausmeister Turner, der an dem Tag beigesetzt worden war, an dem Erin erste Belastungsübungen mit ihrem angeschlagenen Oberschenkel durchgeführt hatte. Sie hielt die Hand auf, um anzudeuten, etwas aufschreiben zu wollen. Viel lieber wäre es ihr gewesen, ein Dolmetscher hätte sie den Anwesenden verständlich gemacht, war sie doch viel zu aufgewühlt, um ihre Gedanken erst zu ordnen und dann aufs Papier zu übertragen. Jim Gordon reichte ihr den Stapel gelben Papiers, den sie in ihrem hypnotischen Zustand mit blauer Tinte beschrieben hatte, die sich den Gesetzen des Farbkreises beugte und sich leicht grünlich verfärbte. Die Tatverdächtige überlas die Aussagen, die Gordon kurz zuvor laut vorgelesen hatte, dann schrieb sie mit einem andersfarbigen Stift, den ihr Barlow auf eine hektische Handbewegung ihrerseits hin lieh: „Soweit ich weiß, hat Matthew keinen roten Pontiac besessen. Den hätte er sich nie leisten können."
Sie setzte dem schwarzen Fineliner die Kappe auf, die mit einem leisen Klicken einrastete, und hielt dem Commissioner und der Psychologin, die sich neugierig zu Ersterem vorgebeugt hatte, den Zettel hin. Er sah zu ihr auf und fragte: „Wie sicher sind Sie sich dabei?"
Erin hielt beide Handflächen einander zugewandt in Kopfhöhe und schob sie dann in einem großen Bogen auseinander. Obschon keiner der Anwesenden kundig in Gebärdensprache war, verstand jeder einzelne diese Geste, gerade weil sie diese mit so viel Nachdruck präsentiert hatte. Sehr. Erin war sich sehr sicher. Jim Gordons Züge arbeiteten nachdenklich, dann murmelte er nur: „Ich werde das überprüfen", ehe er sich erhob und an das große Fenster trat, dessen Glas im letzten Monat durch kugelsicheres ausgetauscht worden war infolge eines glücklicherweise fehlgeschlagenen Anschlags auf den Commissioner. Die Täter waren schnell gefasst worden; es hatte sich dabei um jugendliche Straftäter gehandelt, die es als Mutprobe empfunden hatten, einen Schuss auf das Oberhaupt der Polizei abzufeuern. Natürlich hätte es buchstäblich ins Auge gehen können, doch Gordon war ein alter Hase in seinem Job und hatte gelernt, professionell mit solchen sehr tiefschürfenden Ereignissen umzugehen. Auch wenn Barbara es nie verstehen können oder wollen würde; ihr Mann hatte sich daran gewöhnt, dass er manchmal im Einsatz, manchmal aber auch an ganz normalen Tagen, an denen er nichts anderes als Büroarbeit erledigte, sein Leben riskierte. Sein gut ausgeprägtes Gespür für Gefahren und natürlich seine Erfahrungen, die er in seinem Berufsleben gesammelt hatte, waren Garanten dafür, dass ihm so schnell nichts passierte. Des Weiteren konnte er sich auch dahingehend sicher fühlen, weil der dunkle Wächter über diese Stadt immer ein Auge auf ihn hatte. Wie lange das noch so sein würde, hing allerdings ganz vom Tun des Jokers ab.
Obschon es nur ein unterschwelliges Gefühl war, das den Commissioner beschlich, konnte er sich der Ahnung nicht entledigen, dass er und Batman zwar auf derselben Seite standen, aber ihre Methoden von so unterschiedlicher Natur waren, dass es früher oder später vielleicht zu einer Trennung kommen würde. Gordon presste die Lippen zusammen, was seinen ergrauten Bart ein wenig verschob. Er hoffte inständig, dass der Tag, an dem Batman und er getrennte Wege gehen mussten, noch eine Weile auf sich warten lassen würde.
„Meine Mandantin hat zu Protokoll gegeben, dass das Opfer eine Entschuldigung geäußert hat. Wenn Sie mich fragen, deutet das sehr wohl auf eine Konflikthandlung hin", rollte Barlow sein vorangegangenes Argument wieder auf. Jim Gordon, der ihm den Rücken zukehrte, rollte die Augen. ‚Ich hab Sie aber nicht gefragt', schoss es ihm durch den Kopf, ehe er sich zu ihm umwandte, die Hände im Rücken verschränkt und die Augenbrauen fragend erhoben. „Der Kontext, in dem diese Worte gesprochen worden sind, kann uns nicht klar sein. Die Erinnerungen, die die Hypnose wiederhergestellt hat, sind Bruchstücken. Ein Puzzle, das wir ohne die fehlenden Teile nicht vervollständigen können." Der Commissioner vergrub die Hände in seinen Hosentaschen und seufzte, ließ die verhältnismäßig schmalen Schultern trostlos sinken.
„Wiederholen Sie die Hypnose. Vielleicht können wir dann mehr erfahren", suggerierte Barlow, als wäre die Prozedur so simpel, wie eine Datei von einem Computer auf ein externes Speichermedium zu ziehen. Dr. Crichton räusperte sich verhalten und machte den Anwalt mit den realen Tatsachen vertraut: „Hypnose ist ein komplexer Vorgang, der nicht einfach wiederholt werden kann. Erinnerungen sind wie Aufzeichnungen auf einem Tonband. Man kann sie abrufen, indem man zurückspult, wiederholt man das jedoch zu oft, werden Teile des Bandes beschädigt, sodass die Qualität der Aufzeichnung darunter leidet", versuchte es die Dame im dunklen Hosenanzug mit einem bildlichen Vergleich, „Je öfter man das Band abspielt, desto mehr Details fallen einem auf, neue Fakten werden aber nicht hinzukommen. Wir können davon ausgehen, dass Miss Porter unter Hypnose alles mitgeteilt hat, was im Zusammenhang mit der Tatnacht in ihrem Unterbewusstsein abgespeichert war. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Gedächtnislücke mit dem Konsum starker Rauschmittel begründbar ist. Andernfalls wären die Fakten klarer, die Schriftführung, die den Grad der Erinnerungsschärfe repräsentiert, ausgeprägter. Ich habe Miss Porter nur deshalb aus der Hypnose zurückgeholt, weil sie nicht mehr auf meine Stimme reagiert hat."
Sie richtete ihren stechenden Blick auf Erin und fragte: „Haben Sie über das, was sie aufgeschrieben haben, hinaus noch etwas gesehen?" Die blonde Frau rieb sich die Schläfen, war verwirrt von den schnellen Wortwechseln und konnte nach kurzer Überlegung den Kopf schütteln. Auf den Zettel, den sie sich herangezogen hatte, schrieb sie: „Nichts. Da war nur Schwärze, als ob jemand das Licht ausgeknipst hätte." Dr. Crichton nickte selbstgefällig, weil sie sich offenbar in ihrem Standpunkt bestätigt fühlte. „Miss Porter hat aber die Einnahme von Rauschmitteln geleugnet", mahnte Gordon und Erin kam nicht umhin, es zu hassen, dass über sie in der dritten Person gesprochen wurde, obwohl sie anwesend war, „und auch in ihrem Blut konnte nichts nachgewiesen werden, was auf Drogenmissbrauch geschlossen hätte."
Die Psychologin setzte sich noch gerader hin als Erin es für möglich gehalten hätte. Ihre Wirbelsäule formte ein regelrechtes Hohlkreuz, während sie die Schultern straffte, die durch die kleinen Polster ihres Blazers besonders zur Geltung kamen. „Die meisten Rauschmittel werden schon innerhalb weniger Stunden im Körper abgebaut, abhängig natürlich von Häufigkeit und Ausmaße des Konsums. Es ist durchaus möglich, dass Ihr Blut wieder ‚sauber' war, als Sie auf dem Revier angekommen sind", nickte sie Erin zu, die dankbar dafür war, dass sich wenigstens die Psychologin noch daran zu erinnern schien, dass die Person, über die gesprochen wurde, noch im Raum war. „Wir müssen weiterhin in Betracht ziehen", fuhr die ältere Dame fort, die zuerst den Eindruck erweckt hatte, nicht sehr gesprächig zu sein, „dass Sie das Mittel, das Ihnen eingeflößt wurde, nicht wissentlich zu sich genommen haben. Oder dass es Ihnen gewaltsam zugeführt worden ist."
Anwalt Barlow, der mittlerweile begriffen hatte, dass die gefundenen Erkenntnisse seiner Mandantin doch kein allzu schlechtes Blatt in die Hand legten, befand den Moment für günstig, um sich in das Gespräch einzuschalten: „Wo wir wieder bei der Konflikthandlung wären." Jim Gordon kam nicht umhin, über diese Witzfigur von einem Anwalt unverhohlen die Augen zu verdrehen. „Schön und gut, dass all diese Schlüsse, zu denen Sie gekommen sind, im Bereich des Möglichen sind, aber beweisen können wir davon nichts. Selbst wenn Ihr Gutachten aussagen wird, dass Miss Porter unter Rauschmitteleinfluss stand und in erster Linie nicht zurechnungsfähig war, eine solche Tat zu begehen, beziehungsweise diese vielleicht gar nicht begangen hat, haben wir keine wasserdichten Beweise, die Ihre Diagnose unterstützen würden. Hätten wir eine Blutprobe, in der deutlich Narkotika oder Ähnliches nachweisbar gewesen wären, könnte das natürlich entlastend wirken. So aber überzeugen Sie vor Gericht keine Jury, fürchte ich."
Bei aller Rationalität, mit der der Commissioner diese Worte gesprochen hatte, schien er dennoch betroffen zu sein, dass die Beweislage so immens gegen Erin sprach, die hilflos von einem zum anderen schaute. „Dennoch ist es ein Anfang, diesen Fall aufzurollen. Es wäre wesentlich hilfreicher, wenn wir den besagten roten Pontiac ausmachen könnten, von dem Sie berichtet haben", hielt Dr. Crichton dagegen. „Schon, aber dann müssten wir darin Spuren finden, die möglichst auf Dritte rückschließen lassen, damit die Beweislast gegen Miss Porter gemindert werden könnte. Ihre Fingerabdrücke auf der Waffe, die Schmauchspuren an ihren Händen, das Blut des Opfers an ihren Fingern...dagegen kann so schnell nichts ankommen." Der Commissioner vollendete den kleinen Kreis, den er zu Fuß abgesteckt hatte, und rieb sich emsig über die Stirn. „Was ist mit den abgetrennten Fingern, die in Miss Porters Rucksack gefunden wurden?", streute Barlow ein, wie um nach einem Strohhalm zu greifen, doch Gordon schüttelte missmutig den Kopf: „Keine Spuren, keine DNA-Übereinstimmung. Wir wissen nicht, zu wem sie gehören..." Barlow brüstete sich wie ein Löwe, der im Begriff war, sich seine Mähne zu verdienen, und sagte: „Also können sie auch meiner Mandantin untergeschoben worden sein."
Der Commissioner nickte und drehte die Hand in einer ‚Wo ist Ihr Punkt?' – Bewegung und seufzte: „Leider ist der Fund der Finger ein Rätsel und für den Anklagepunkt bedeutungslos. Weder verstärken, noch vermindern sie Beweislage dafür, dass Miss Porter Matthew Dermont erschossen zu haben scheint." Barlow hatte schon ein großes ‚Aber' auf den Lippen, als es nur sehr kurz an der Tür klopfte und jemand galant auf das Warten auf eine Antwort verzichtend die Tür zum Büro aufriss.
Barlow und Erin, die mit dem Rücken zur Tür gesessen hatten, drehten fragend den Kopf, als der junge Polizist, der Erin kurz zuvor abgeholt hatte, in das Zimmer stürmte. „Officer Treather, ich muss doch sehr bitten!", tadelte der Commissioner den übereifrigen Jungspund, der sich für diese Aktion bestimmt keine Auszeichnung in Sachen Höflichkeit verdient hatte. Bedröppelt ließ dieser kurz den Kopf hängen und sagte dann hastig und mit sichtlicher Aufregung: „Entschuldigen Sie bitte, Commissioner, aber...schnell, das müssen Sie sehen, der...", er holte laut Luft, schien den Weg zum Büro rennend hinter sich gebracht zu haben, „...der Joker!"
Allein diese beiden Worte genügten, um Gordon alarmiert die Hände aus den Taschen reißen zu lassen. Seine Krawatte vollführte einen aufgeregten Tanz, als er sich mit den Händen auf dem Schreibtisch abstützte und sich darüber beugte. „Was ist mit dem Joker?", hakte er donnernd nach, als sich Treather eine zu lange Atempause erlaubte. Der junge Officer keuchte angestrengt und fuhr dann mit sich überschlagenden Worten fort: „Er hat eine öffentliche Ankündigung über CNBC verlauten lassen. Eine Videobotschaft. Das müssen Sie sich ansehen!" Gordon, der es beherrschte, seine Emotionen in prekären Situationen weitgehend unter Kontrolle zu halten, war aschfahl geworden und folgte Treather eiligen Schrittes, ohne Erin, Dr. Crichton und Rechtsanwalt Barlow offiziell aus dem Gespräch zu entlassen. Jim Gordon hastete so schnell es ihm seine Füße erlaubten hinter dem jüngeren und auch schnelleren Polizisten her und nahm dabei gar nicht wahr, dass sämtliche Kollegen, die er im Laufschritt passierte, einen völlig entrückten Gesichtsausdruck bargen. Über eine schmale Treppe gelangte der Commissioner in das kleine Foyer des Hauptquartiers, das mit einem winzigen Wandfernseher ausgestattet war.
Seit er denken konnte, hatte Gordon den kleinen Raum noch nie so überfüllt gesehen. Cops, gleichsam zusätzlichem Personals wie Reinigungskräfte oder auch Sekretärinnen, starrten an die Wand, so als würde der Fernseher die zehn Gebote verkünden wie einst Mose auf dem Berg Sinai. Das, was der Bildschirm zeigte, hatte wenig mit dem Befreier der Israeliten zu tun, und als gottgesandt konnte man die Fratze auch nicht gerade bezeichnen, die da in Schwarz und Weiß über den Schirm flirrte und flimmerte. Vielmehr verkörperte der Joker, der nach langer Abstinenz wieder einen Fernsehsender mit einer seiner verrückt anmutenden Drohungen behelligt hatte, das blanke Gegenteil, den gefallenen Erzengel Luzifer, den tödlichen Hochmut und das Verhängnis des Menschen.
Halb verwirrt, halb entsetzt beobachtete Jim Gordon, mit was für einer bestürzten Faszination seine Leute auf den Monitor starrten. Natürlich fürchteten sie sich vor ihm, aber den Commissioner beschlich das äußerst beunruhigende Gefühl, dass sie ihm gleichsam mehr Respekt zollten, als er verdient hatte. Oder verdienen sollte. Einige Beamte traten erst für ihn zur Seite, als er sich etwas grob durch die Menge schob. Er war nicht immer Mittelpunkt des Interesses, aber ihm galt zumindest dann Aufmerksamkeit, wenn er einen Raum betrat. Jetzt war er nur einer von vielen und stellte fest, dass ihn die Präsenz des Jokers auf dem Bildschirm genauso in ihren Bann zog.
„Wir haben das aufgezeichnet", sagte Officer Treather neben ihm und betätigte unter vereinzeltem Protest die Fernbedienung, um das Band zurückzuspulen. Als er es wieder abspielte, zeigte das Bild eine dunkle Szenerie, bis die Kamera angehoben wurde und das clownartige Gesicht des Jokers präsentierte. Jim Gordon bemerkte auf Anhieb, dass das Video am helllichten Tag aufgenommen worden war und fragte sich, ob der Joker noch irgendwelche Hemmungen besaß oder sich je im Besitz solcher hatte wähnen können. Er schien auf einem Hausdach zu stehen, jedenfalls ragten nicht weit von ihm entfernt die Wayne Towers in den hellen Himmel hinauf wie zwei gigantische Finger eines Riesen. Irgendetwas an diesem Anblick, dieser Perspektive, war Gordon merkwürdig vertraut, und doch ergründete er so schnell nicht, was der Grund dafür war.
„Guten Morgen, Gotham...", begrüßte die tiefe und gleichzeitig schrille Stimme des Jokers sein größtenteils unfreiwilliges Publikum. Die Kamera zitterte kurz, als er sie über seinen Kopf hob und hineingrinste, böswilliger und grausamer als jemals zuvor. „Ist es nicht schön, dass...dass wir...uns als alte Bekannte...nach kurzzeitiger Unterbrechung wiedersehen?" Er bleckte die Zähne, die, obgleich sie menschlich und gleichmäßig waren, im Commissioner Assoziationen an die Fänge eines Raubtieres weckten. „Ich habe sogar, großzügig wie ich bin...ein kleines Willkommensgeschenk für euch parat. Das...äh...das Feuerwerk gab es ja gestern schon", maliziös senkten sich die Brauen über seine dunklen Augen, die sich kaum von der Schwärze der Schminke, die sie umgab, unterschieden. Die Mundwinkel zuckten in Erwartung eines ekstatischen Lachanfalls, der vorerst ausblieb. Vereinzelt tönten durch das Foyer gezischte Verfluchungen wie „Dieser Bastard!" oder „Verdammter Hurensohn", aber der Commissioner ahnte, dass das Grinsen auf den zerlüfteten Lippen des Jokers nur noch in die Breite gewachsen wäre, hätte er diese unflätigen Bemerkungen über seine Person vernommen.
„Es...äh...dürfte für euch ja nicht wirklich etwas Neues sein, dass...ich unzufrieden bin, was den Zustand dieser...Stadt angeht." Er verzerrte den einzigen Vokal in ‚Stadt' so stark, dass es einen höhnischen Missklang annahm. „Wieso lasst ihr euch alle so...einschränken? Ihr meint doch alle, selbstständig denken zu können, oder nicht?", er hob spöttisch die Braue und leckte die sich die Lippen, ehe er wieder grinste, „Wieso, liebe Einwohner Gothams...lasst ihr euch dann so übers Ohr hauen, hm?" Das Lächeln gefror auf seinen vernarbten Zügen, die Kamera bebte erneut und begab sich auf Augenhöhe mit dem Joker.
„Wisst iiiiihr...", er verdrehte die Augen, so als hätte er vergessen, was er sagen wollte, bevor er seine Ansprache fortsetzte: „dass ich immer viel ehrlicher zu euch war als eure lieben von euch gewählten Vertreter des Volkes? Wie wäre es zum Beispiel mit Bürgermeister Garcia, der nicht all eure Steuergelder für das investiert, was er euch vorgaukelt? Ich bin sicher, die großen Tageszeitungen Gothams reiben sich schon freudestrahlend die Hände über die Bilder von eurem Bürgermeister, wie er Hobbys frönt, deren Finanzierung ein klitzekleines bisschen über seinem normalen Einkommen liegen dürfte", er stieß eine gackernde Lachsalve aus, die das Bild schwanken und erbeben ließ, sodass es schwerfiel, es lange anzuschauen, ohne von einem benommenen Schwindelgefühl übermannt zu werden. „Daaann...gibt es ja auch noch den ehrwürdigen James Gordon, Polizeichef und immer der Gerechtigkeit auf den Fersen", der Joker formte einen Kussmund und löste diesen schmatzend wieder auf. Die Kamera verlor kurz ihren Fokus auf den Joker und zeigte die unmittelbare Umgebung des Gebäudes, auf dem er sich befand. Jim Gordon stockte der Atem, als er das Umfeld erkannte. Der Joker hatte auf dem Dach des Polizeipräsidiums gestanden und dieses Video aufgenommen? Wann? Es musste heute gewesen sein, andernfalls hätte er sich nicht auf die Explosion beziehen können, die eine stündlich wachsende Anzahl von Todesopfern eingefordert hatte. Auf dem Video war es schon helllichter Tag. Dieser Bastard musste sich die Dreistigkeit erlaubt haben, direkt über den Köpfen hunderter von Polizisten herumzustolzieren wie ein eitler Hahn, während Gordon zur selben Zeit nur wenige Stockwerke darunter der Hypnose von Erin Porter beigewohnt hatte.
Die schnarrende Stimme des Jokers lenkte den Blick des Commissioners wieder auf die Mattscheibe, vor der sich mehr und mehr Menschen wie aus pervertierter Schaulust versammelten. „Er...wisst ihr...er proklamiert Gerechtigkeit...aber gerade sperrt er ein unschuldiges kleines Vögelchen hinter Gitter."
Gordon erstarrte, spürte, wie sich einige Köpfe zu ihm umdrehten, reagierte aber nicht darauf, taxierte nur den Fernseher so als wäre der Joker darauf lebendig. „Wisst ihr...das...das hat er schon mal gemacht", er nickte hastig, sodass die schmutzigen Strähnen seines blonden Haares neckisch um sein weiß geschminktes Gesicht flogen, „Jajajaja, nur nicht mit einem Vögelchen, sondern mit einer Fledermaus." Der Unterkiefer des Commissioners wollte mit aller Macht nach unten sinken, aber er hielt ihn zunächst erfolgreich zurück. Die Köpfe, die ihm zugewandt waren, vermehrten sich.
„Wie kommt es, dass ihr kleinen Bürger bei all eurer gepriesenen Intelligenz nie hinterfragt habt, ob Batman wirklich fünf Menschen auf dem Gewissen hat, hm? Also...so richtig auf dem Gewissen, nicht nur passiv", er nickte zittrig, fast so, als stünde er unter Strom, „wenn...wenn er doch noch nie zuvor jemanden getötet hat?", seine Stimme hatte den unschuldigen Tonfall eines Kindes angenommen, das einem Erwachsenen ohne Skrupel eine dick gedruckte Lüge auftischte. „Waaaa...Wawawarum sollte Batman plötzlich morden? Hm? Und dann auch noch Polizisten, denen er so viel Arbeit abgenommen hat? Er hat ja noch nicht einmal miiiich getötet, obwohl er Gelegenheit dazu hatte. Oh ja, die hatte er." Wieder huschte die Zunge wie die einer gierigen Echse über seinen Mund, ehe er direkt in die Kamera sah und seine Züge einen so ernsten Ausdruck annahmen, dass sein Blick nur noch als furchteinflößend zu bezeichnen war.
„Habt ihr euch stattdessen einmal gefragt, was wirklich mit Harvey Dent passiert ist? Ich habe ihn nicht mit dem Krankenhaus in die Luft gejagt, nein, nein, nein...das würde ich doch nie tun...", bestärkend schüttelte er den Kopf, „nein, und das habe ich auch nicht getan. Ganz im Gegenteil. Ich hab ihn da rausgeholt, bevor ihm die Sache buchstäblich zu heiß werden konnte, und ich kann euch sagen...der war sauer. Sauer auf den guten Jimmy Gordon, der nicht gewusst hat, wie viele korrupte Hälse er unter seiner Fuchtel hatte. Natürlich würde das Jim Gordon nie zugeben, nein...nein, da wäre ja seine ganze Glaubwürdigkeit dahin. Aber er wird es zugeben müssen, wenn er nicht will, dass ich in genau einer Stunde sämtliche wichtige Behörden und...Schulen...von Gothams Landkarte radiere. Denn genau diese... Institutionen sind es, die erst Lügen in euer Leben streuen und euch an der Nase herumzuführen versuchen. Sie schreiben euch vor, wer gut und wer böse ist, während sie sich mit ihren korrupten und eigensinnigen Machenschaften alles unter den Nagel reißen, was niemandem gehört, und euch ihre Pläne und Weltanschauungen aufdiktieren als wärt ihr alle willenlose Idioten!", der Joker schien etwas Unsichtbares mit seiner linken Hand zu packen und diese dann zur Faust zu ballen, ehe er tonlos weiter sprach: „Erst wenn Gordon die falsche Schuld von Batmans Schultern genommen hat, werde ich in Betracht ziehen, auch die Schuld von dem kleinen Vögelchen zu nehmen...und eventuell auf das unterhaltsame Inferno zu verzichten, das sich andernfalls ereignen wird. Es liegt an Ihnen, Commissioner...wenn Gotham City nicht bereit für die Wahrheit ist, ist es nur noch bereit für seinen Untergang."
Daraufhin brach er in schallendes Gelächter aus, als hätte er seine Drohung nur scherzhaft gemeint, ehe er abschließend unter impulsartigen Lachsalven anmerkte: „Verschwenden Sie nicht zu viel Zeit mit der Analyse des Videos oder der Suche nach meiner Wenigkeit. Die Uhr tickt!"
Damit endete die Videoaufzeichnung, die das Foyer des Polizeipräsidiums in einem lauten Stimmengewirr zurückließ. Commissioner Gordon hatte seine liebe Mühe, das daraufhin ausbrechende Chaos unter Kontrolle zu bekommen. Plötzlich war er wieder zum Zentrum des gemeinen Interesses geworden, die Sonne, um die sich dieser Zwergplanet drehte.
„Dieser Spinner! Dieser Verrückte. Wir müssen sofort alle Schulen evakuieren", tönte es aus einer Ecke und hier und da wurde bereits panisch zu den Telefonen gegriffen, andernorts wurden Rufe laut, dass der Aussage des Jokers gemäß auch im Polizeipräsidium eine Bombe versteckt sein musste, was wiederum zu den ersten überstürzten Fluchtversuchen führte. Jim Gordon realisierte, dass seine Leute an ihn glaubten, obgleich der Joker angedeutet hatte, dass die Autorität des Polizeioberhaupts zu hinterfragen wäre. Wahrscheinlich sahen sie die Ankündigung des Jokers als Provokation, den öffentlichen Behörden Gothams ein Eingeständnis von Schwäche zu entlocken, und übersahen dabei, dass der Clown die Wahrheit sprach. Gestand Gordon nun, dass er in der Tat Beweise vertuscht hatte, um Harvey Dents Andenken zu bewahren, gewann der Joker, so verkorkst es auch klang, jene Glaubwürdigkeit, die der Commissioner im selben Augenblick verlor.
Während seine Kollegen auf ihn einredeten und sich anboten, den Evakuierungsbescheid an sämtliche Ämter und Schulen weiterzuleiten, schossen ihm Pro und Contra eines Schuldeingeständnisses durch den Kopf. Wenn er das tat, was der Joker einforderte, würde er nicht nur seine Glaubwürdigkeit, sondern womöglich auch seinen Job verlieren und ein Verfahren an den Hals bekommen. Aber somit rettete er unzähligen Menschen das Leben. In weniger als einer Stunde war es schier unmöglich, alle Behörden und Schulen des gesamten Stadtgebiets Gothams zu evakuieren, ohne dass eine Massenpanik ausbrach, ganz zu schweigen von dem immensen Sachschaden, der angerichtet werden würde, sobald der Joker den Zünder für eine seiner Bomben betätigte. Wenn Gordon nicht tat, was der Joker verlangte, würde er nicht mehr aufhören, die Stadt mit seinen Gewalttaten zu überschwemmen, würde so lange zerstörerisch in Gotham toben, bis sein Wille geschah. Andernfalls würde er dem Joker einen triumphalen Sieg eingestehen, wenn er das Rätsel um Harvey Dent auflösen würde, das Erin Porter so verbissen versucht hatte herauszubekommen.
Hin- und hergerissen zwischen den beiden wenig verlockenden Optionen, die sich ihm anboten, stand Jim Gordon einige Sekunden tatenlos in einem Raum, der nur noch an einen Hühnerstall erinnerte, in den ein tollwütiger Fuchs eingefallen war. Im Grunde war der Joker auch nichts anderes. Tollwütig, besessen und wahnsinnig vor Wut und Hass, die von ihm Besitz ergriffen hatten, und dabei gerissen und schlau wie ein Fuchs. Eine gefährliche und explosive Mischung.
„Commissioner, wir können die Evakuierung von mindestens fünf Schulen innerhalb der nächsten zehn Minuten organisieren, ich habe schon...", wandte sich eine übereifrige junge Polizistin mit langem, zu einem Zopf zusammengebundenen blonden Haar und einem Klemmbrett in der Hand an ihn, doch Jim Gordon schmetterte ihren Vorschlag ab, indem er mit lauter Stimme verkündete: „Hier wird niemand evakuiert."
Ihm galten darauf Blicke, die im Stillen suggerierten, er habe den Verstand verloren, ehe sich Jack Treather an ihn wandte und die Hand auf seine Schulter legte: „Commissioner, wir müssen schnell handeln, uns bleibt nicht mehr viel Zeit." Gordon hob beide Hände und rief mehrfach ein bloßes „Hey" in die Menge, bis sich der größte Tumult wieder etwas gelegt hatte und er sichergehen konnte, dass er sich wieder Gehör verschafft hatte. „Sue, rufen Sie sofort eine Pressekonferenz ein, informieren Sie alle größeren Nachrichtenstationen und Tageszeitungen. Sie haben den Officer gehört. Wir haben nicht viel Zeit." Verwirrung und Ärger wurde laut, kaum dass er diese Worte an die Pressesprecherin gerichtet hatte, die zunächst zögerte, dann aber die Anweisungen ihres Vorgesetzten befolgte. „Sir, Sie können diesem Verrückten doch nicht geben, was er will. Sie würden lügen und an Glaubwürdigkeit einbüßen."
Wie es ihm gelang, konnte sich Jim Gordon nicht ganz erklären, aber er brachte ein gutherziges Lächeln zustande und legte die Hand um den Arm des jungen Polizisten: „Das habe ich schon getan, mein Sohn. Lieber lege ich die Karten auf den Tisch und gehe das Risiko ein, zu verlieren, als dass ich zulasse, dass halb Gotham in Feuer und Asche versinkt." Treather wirkte bestürzt und fassungslos ob der Worte des Commissioners, der soeben inoffiziell eingeräumt hatte, tatsächlich gelogen zu haben, was den Verbleib Harvey Dents und die fünf begangenen Morde vor einem Jahr anbelangte. Der Anblick der Enttäuschung und Resignation war für Gordon härter als jeder Schmähruf, der ihm entgegenschallen würde, wenn die Katze erst einmal aus dem Sack war. Und der Commissioner würde viele Bürger Gothams noch heute dazu bringen, so enttäuscht auf ihn hinabzusehen wie Jack Treather es in diesen Sekunden tat. Er hatte keine andere Wahl und auch nicht mehr die Gelegenheit, mit Batman Rücksprache zu halten. Dass die Fledermaus nicht gerade begeistert von diesem Schritt sein würde, konnte er sich denken. Aber Jim Gordon war nicht bereit, noch einmal so viele Menschenopfer in Kauf zu nehmen, damit eine Illusion fortbestehen konnte. Er würde diesem diabolischen, falschen Abgott keine weiteren Blutopfer bringen. Wenn der Joker schon triumphieren musste – und das würde er so oder so, ganz gleich, zu was sich Gordon durchringen würde – dann auf seine Kosten und nicht auf die unschuldiger Menschen.
„Commissioner, was hat das alles zu bedeuten?", die Stimme klang aufgebracht und war ihm bestens vertraut. Er drehte sich um und sah in das perplexe Gesicht des Bürgermeisters, dessen dichte, leicht buschige schwarze Brauen sich fragend über seinen dunklen Knopfaugen wölbten. Er trug einen dunklen Anzug und einen karierten, langen Schal, der seinen Hals zweimal umwickelte. Einzelne Überreste von Eierschalen, die in seinem dunklen Haar klebten und an denen der Dotter in glänzenden Fäden hinabtropfte, teilten Jim Gordon ungefragt mit, dass bereits Sonderausgaben der großen Tageszeitungen wie dem Gotham Chronicle im Umlauf waren und viele der Bürger jenes Bild zu Gesicht bekommen hatten, das Garcia dem Commissioner nun vor die Nase hielt. Es zeigte den Bürgermeister in eher fragwürdiger Gesellschaft, umringt von leicht bekleideten Damen in einem nicht sonderlich diskret erscheinenden Gebäude in einem anrüchigeren Viertel der Stadt. Das Foto war aus einiger Entfernung mit einem Teleobjektiv aufgenommen worden.
„Was das zu bedeuten hat, weiß ich nicht. Wenn Sie aber meinen, was es mit der Pressekonferenz auf sich hat, die ich einberufe, kann ich Ihnen sagen, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen einen terroristischen Anschlag auf Gotham City verhindern will." Diese Antwort des Commissioners schien auch den Bürgermeister aus der Bahn zu werfen, Gordon hatte jedoch herzlich wenig Zeit, sich expliziter dem Oberhaupt der Stadt zu erklären; seit der Erstausstrahlung des Bandes waren bereits fünfzehn Minuten vergangen, wertvolle Zeit, die ihm durch die Finger rann wie feinkörniger Sand, der über Leben und Tod hunderter Menschen entschied. Es war einzig an Jim Gordon, die Sanduhr wieder umzukippen.
***
Der winterlich kalte Wind, der durch die enorme Fahrgeschwindigkeit mit noch größerer Schärfe in sein Gesicht blies, weil er sich nicht die Mühe gemacht hatte, sich einen Helm aufzusetzen, rauschte schmerzhaft laut an seinen Ohren vorbei. Die Stoffhose flatterte aufgeregt um seine Knöchel, während er das Motorrad noch einmal hochbeschleunigte, sodass es sich beinahe unter ihm aufbäumte wie ein Pferd, dessen Temperament mit ihm durchgegangen war und es dazu bewegte, das lästige Anhängsel von einem Reiter abwerfen zu wollen.
Um ein Haar wäre Bruce Wayne in seiner halben Batmanmontur aufgebrochen, hätte ihn Alfred nicht darauf aufmerksam gemacht, dass er auf einen Normalsterblichen den Eindruck erwecken würde, in einem halbfertigen Halloweenkostüm auf der Straße unterwegs zu sein. In Windeseile hatte er sich seines Anzugs entledigt und sich hastig Zivilkleidung übergeworfen. Alfred hatte ihm zwar immer noch zweifelnde Blicke geschenkt, weil er aussah als hätte er sein Hemd auch zum Schlafen getragen und noch nicht einmal die Zeit gefunden, sein Jackett zu richten, aber Bruce hatte nicht die Nerven gehabt, um die Tarnung bis ins kleinste Detail wiederherzustellen. Nicht einmal um sicherere Motorradkleidung hatte er sich bemüht. Am liebsten hätte er sich einfach die Maske übergezogen und das Batpod genommen, um noch schneller ins Polizeipräsidium zu gelangen, wo, so verkündeten es die Nachrichten, Jim Gordon eine Pressekonferenz in Reaktion auf die Ankündigungen des Jokers einberufen hatte. Wieder war es Alfred gewesen, der in seiner gelassenen Art hinterfragt hatte, was sein Herr damit bezweckte, Batman am Tage agieren zu lassen, war doch die Nacht sein sicheres Metier. Wenn er es nicht darauf anlegen wollte, in seinem Übermut von Polizisten oder fanatischen Verbrechern erschossen zu werden, so hatte Alfred argumentiert, sollte er lieber als Bruce Wayne an Ort und Stelle aufkreuzen, wenn er der dringenden Meinung wäre, seine Anwesenheit wäre von Relevanz.
Bruce gab es nicht gern zu, aber wieder einmal hatte sein ältester Freund Recht gehabt. Er würde Gordon nicht aufhalten können, wenn dieser sich dazu entschlossen hatte, die Wahrheit zu verkünden, die Batman zwar entlastete, aber Gotham all seines Glaubens an das Gute beraubte. Weder Batman noch Bruce Wayne würden an den Umständen viel ändern können. Er presste die schmalen Lippen zu einer dünnen, weißen Linie zusammen und drehte die Maschine an das Maximum ihrer Kräfte hoch. Er war hilflos und hasste dieses Gefühl, den Geschehnissen ausgeliefert zu sein, keine Kontrolle über den Verlauf der Dinge zu haben und nur zuschauen zu können, wie alles zugrunde ging. Wieder einmal war es dem verdammten Joker gelungen, den Spieß umzudrehen. Mit der Beweislast gegen Erin Porter hatte er nur gespiegelt, was Gordon und Batman getan hatten, um die Taten Harvey Dents zu vertuschen. Da die junge Frau aber nur eine kleine Statistenrolle in diesem Spiel einzunehmen schien, und sich vermutlich niemand weiter darum geschert hätte, ob sie einen Mord begangen hatte oder nicht, hatte der Joker einen weitaus größeren Einsatz auf den Tisch legen müssen, um genügend Druck gegen Jim Gordon aufzubauen.
Dabei tat es nichts zur Sache, ob Batman offiziell ein Geächteter war oder nicht. Die, die ihn hassten, würden ihn auch weiterhin verfluchen und sich gegen ihn stellen. Ganz gleich, was Gordon nun tat; er und seine Verbündeten konnten nur verlieren. So, wie es die Spielregeln des Jokers aufdiktierten. Bruce neigte sein Körpergewicht erst zur einen, dann zur anderen Seite, um dem mörderischen Verkehr bestmöglich ausweichen zu können. Ihm wurden empörte Ovationen in Form von wildem Hupen und einigen geschrienen Flüchen entgegengebracht, doch Bruce blendete alles andere aus, konzentrierte sich nur darauf, schnellstmöglich zum Polizeipräsidium zu fahren, wo vermutlich noch größere Panik herrschte als auf den Straßen.
Kaum war die unheilvolle Verkündung des Jokers über die Fernsehbildschirme geflimmert, waren Eltern von ihrer Arbeit losgestürzt, um ihre Kinder aus den Schulen zu holen; viele versuchten, potentiell gefährdete Gebiete wie das Stadtzentrum, in dem sowohl Rathaus, Finanzamt, Polizeibehörde geballt beieinander standen, zu umfahren, doch mussten letztlich feststellen, dass kein einziger Fleck in ganz Gotham City mehr sicher war. Überall gab es Schulen und mindestens ein Meldeamt für die separaten Stadtbezirke, der Universitätscampus mit seinen abertausenden Studierenden stand ebenfalls in Verdacht, in ein Minenfeld verwandelt worden zu sein. Alle Verbrechen, die der Joker seit jeher begangen hatte, schienen lachhaft zu sein im Vergleich zu dem, was er jetzt androhte. Er konnte ganz Gotham in Flammen aufgehen lassen, wenn ihm der Sinn danach stand. Selbst wenn er die Brandsätze nicht entzündete, wären sämtliche Bombenkommandos mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen damit ausgelastet, die Sprengsätze zu finden und anschließend zu entschärfen. Dass der Joker bluffte, davon konnte man nicht ausgehen. Oder zumindest hatte die Vergangenheit gelehrt, dass der Clown bei all seinem irrwitzigen Auftreten keinesfalls zu scherzen beliebte. Ihn nicht ernst zu nehmen, kam Arroganz und selbstmörderischem Leichtsinn gleich. Als er in Gotham City zu wüten begann, hatten er und die Polizei diesen Fehler begangen, den Joker als keine übermäßig große Gefahr einzustufen und sich stattdessen auf die Mafia zu konzentrieren. Der todbringende Clown hatte sich daraufhin einfach der Mafia bedient, die einzelnen Familienclans gegeneinander ausgespielt und am Ende bewiesen, dass er, ein einzelner Mann, weitaus gefährlicher war als der altehrwürdige Mob, der inoffiziell über Jahrzehnte die Stadt kontrolliert und regiert hatte.
Wenn Gordon seine Forderung erfüllte, würde der Joker einen weiteren Trumpf zugespielt bekommen und sich die Ordnungshüter der Stadt gleich mehreren Problemen gegenüberstehen sehen. Zum einen dem Verlust der Glaubwürdigkeit des Commissioners, zum anderen ihrer extremen Machtlosigkeit gegen das wütende Chaos.
Energisch legte sich Bruce in die Kurve. Seine Maschine wäre fast ins Schlingern geraten, doch es gelang ihm, sie in der Spur zu halten. Es hatte einen gravierenden Nachteil, dass er wieder seinen Landsitz Wayne Manor bezogen hatte – er benötigte deutlich mehr Zeit, um im richtigen Augenblick am richtigen Ort einzutreffen, gerade, wenn er auf seine andere Identität und die damit einhergehenden Bequemlichkeiten verzichten musste. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, die er schon durch die verpfropften Straßen Gothams raste und eine Verkehrsregel nach der anderen brach. Bruce Wayne hielt man vielleicht an und verpasste ihm einen Strafzettel oder sogar Fahrverbot, auf Batman hingegen hätte man leichthin geschossen. Seinen Vorwand, für fünf Morde verantwortlich zu sein, hatten die Bewohner der Stadt mit Vorliebe geschluckt, es war geradezu so gewesen, als hätten sie nur auf einen besseren Grund gewartet, um ihn zu hassen. Das nach all dem, was er für sie getan hatte. Bruce wollte sich dagegen wehren, einzugestehen, dass der Joker ihm genau das prophezeit hatte, als er ihn im Verhörraum des Polizeipräsidiums vor mehr als einem Jahr in die Mangel genommen hatte, aber er kam nicht umhin, dass mehr als nur ein Körnchen Wahrheit in seiner Prognose gelegen hatte. Und doch gab es bei all den vielen Menschen, die ihn verfluchten, auch einige, die an ihn glaubten. Sie waren es, die seinen Glauben an das Gute im Menschen aufrecht erhielten. Den anderen konnte und wollte er auch keinen Vorwurf machen. Sie waren verängstigt in dieser Welt, die nur noch aus Terror, Korruption und Gewalt zu bestehen schien, und machten sich nicht mehr die Mühe, Fakten zu hinterfragen. Bruce wollte diese Haltung nicht gutheißen, aber er konnte sie durchaus verstehen.
Er bog an der einunddreißigsten Straße scharf nach links ab, rammte dabei fast ein bananengelbes Taxi, dessen Fahrer mit scheinbar slawischer Herkunft ihm Verwünschungen in einer fremden Sprache hinterher rief. Von weitem konnte Bruce bereits das Polizeihauptquartier ausmachen. Nicht etwa, weil das Gebäude von besonders auffälliger Architektur war, sondern weil sich davor Menschenmassen bis auf die Straße hinaus tummelten. Eine nervöse Anspannung lag leise knisternd in der Luft, die Bruce trotz der lautstark ertönenden Rufe und Stimmen des zahlreich erschienenen Publikums wahrnehmen konnte. Vielleicht war es auch nur seine eigene Unruhe, die ihn so empfindlich seiner Umwelt gegenüber machte.
Bruce war gezwungen, sein Motorrad mehrere hundert Meter vor dem Polizeigebäude abzustellen. Wäre er auf meterhohen Stelzen unterwegs gewesen, hätte er sich vielleicht bis vor die Haustür durchkämpfen können; mit seiner bulligen Maschine hingegen war er schon früh zum Absteigen genötigt. Nur wenige erkannten ihn, als er sich durch die Menge drängelte. Ein paar wenige, die sich empört zu ihm umdrehten, um ihn zurechtzuweisen, dass er anzustehen hatte wie jeder andere, so als wäre das die örtliche Kantine und nicht das Polizeihauptgebäude, weiteten überrascht die Augen, als sie ihn als den Milliardär Bruce Wayne erkannten, der sich unter das einfache Fußvolk gemischt hatte. Alfred hatte Einwände geäußert, dass die Anwesenheit von Bruce Wayne zu viele Fragen aufwerfen würde, aber Bruce hatte dagegen gehalten, dass er damals auch bei Harvey Dents Pressekonferenz gewesen war, wenngleich ihn andere Umstände zu diesem Schritt bewegt hatten. Nur weil er sich selbst ständig als Playboy der Extraklasse präsentieren musste, der im Geld schwamm, hieß das nicht, dass er seinem Alter Ego nicht auch ein öffentliches Interesse zuschreiben konnte.
Bruce gelang es, einen flüchtigen Blick auf Commissioner Gordon zu erhaschen, der dicht umgeben von seinen Kollegen an das Rednerpult trat, das trotz der kalten Witterung draußen aufgestellt worden war. Einerseits mochte es daran liegen, dass so vermieden werden sollte, dass sich die Leute im dagegen eher klein wirkenden Foyer der Zentrale ertrampelten, andererseits musste man davon ausgehen, dass der Joker in diesem Gebäude möglicherweise eine Bombe platziert hatte. Dass Gordon nichtsdestotrotz hier die Pressekonferenz abhielt, obgleich eine Explosion zahllose Opfer eingefordert hätte – was sensationslustige Menschen nicht daran hinderte, wie Pilger auf einer Wallfahrt zur Polizeizentrale zu strömen – hatte den simplen Grund, dass er nirgendwo sonst so schnell eine offizielle Konferenz hätte einberufen können. Gleichzeitig wurde Bruce nun aber auch mit Gewissheit klar, dass sich Gordon tatsächlich dem Willen des Jokers zu beugen bereit war. Wohl kaum hätte er eine solche Versammlung einberufen und auf Evakuierungsmaßnahmen verzichtet, wenn er das Geheimnis um Harvey Dent bewahren wollte. Bruce sank das Herz. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der Joker sich wieder ihm, Batman, in den Weg stellen würde und auf das spuckte, was er mit so viel Mühe zu etablieren versucht hatte. Zweifelsohne würde es diesem Psychopathen eine diebische Freude bereiten, dass Gordon gezwungenermaßen nach seiner Pfeife tanzte und doch sah auch Bruce keinen anderen Weg, den Tod so vieler unschuldiger Bürger und die Zerstörung halb Gothams zu verhindern.
Das Mikrofon gab einen schrillen, ohrenbetäubenden Pfeifton von sich, sodass der Commissioner hastig die Hand darum legte und den Verstärker neu justierte, ehe er sich räusperte und um Ruhe bat. Genauso gut hätte man in einem Footballstadion zum Superbowl als Hotdogverkäufer um ungeteilte Aufmerksamkeit bitten können. Nur langsam beruhigten sich kleinere Teile der Menge und nur dank des Mikrofons gelang es Jim Gordon, seine Stimme über die große Menschenansammlung zu erheben.
„Meine Damen und Herren...ich möchte Sie um Aufmerksamkeit und Ruhe bitten. Beides liegt in Ihrem eigenen Interesse", Gordon stützte sich mit beiden Händen auf dem Pult ab, sein Gesicht erstrahlte sporadisch im flackernden Blitzlicht, mit dem sich unzählige Reporter einen guten finanziellen Zuschuss erhofften, sollten sich die Worte des Commissioners als geschichtsträchtig erweisen. „Weswegen ich diese Pressekonferenz einberufen habe, sollte jedem klar sein, der vor einer halben Stunde die Nachrichten gesehen hat. Ich möchte Stellung zu den Anschuldigungen nehmen, die der Joker gegen meine Person erhoben hat."
Bruce wurde angerempelt, konnte sich aber noch auf den Beinen halten. Er fragte sich, ob Barbara Gordon, die als eine der wenigen Menschen davon wusste, dass Dent diese Morde begangen hatte und ihr Mann mit ein paar vertrauenswürdigen Kollegen versucht hatte, all dies zu vertuschen, die bevorstehende Schmach ihres Mannes vor dem Fernseher verfolgte. Wenn ja, hatte sie bald noch mehr Gründe dafür, Batman zu hassen. Gordon erblickte Bruce in der Menge und für einige wenige Sekunden genügte der Blickkontakt zwischen beiden, um den Commissioner verstummen zu lassen. Er nickte kaum merklich, vielleicht bildete sich das Bruce auch nur ein. Dann richtete er sich wieder erhobenen Hauptes an die Menschenmenge, die ihn umgab, als wäre er ein Popstar, dessen Autogramme überaus begehrt waren.
„So gern ich auch Gegenteiliges behaupten wollen würde, muss ich hiermit gestehen, dass die Anschuldigungen des Jokers berechtigt sind." Die Leute hielten teils aus Schock, teils aus bestätigter Vorahnung den Atem an. Möglicherweise kam es Bruce nur so vor, aber er meinte, in dem ein oder anderen Reportergesicht sogar Genugtuung zu erkennen. „Harvey Dent ist nicht bei dem Anschlag auf das Gotham City General ums Leben gekommen", sprach der Commissioner mit fester Stimme, doch seine Körpersprache konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er angespannt war und wusste, was ihm blühen würde, wenn er die ganze Wahrheit verkündete. „Harvey Dent ist es gewesen, der die Morde an meinen Detectives sowie Salvatore Maroni und dessen Fahrer verübt hat. Die Waffe, mit der er diese Taten begangen hat, ist sichergestellt und kann ihm zweifelsfrei zugeordnet werden." Der Commissioner unterbrach sich selbst, als die ersten Wogen der Entrüstung auf ihn einbrachen. Direkt neben Bruce schrie eine Frau aus Leibeskräften: „Lügner! Verleumder! Batman sollte Sie für diese Dreistigkeit strafen!"
Bruce konnte nur fassungslos dabei zusehen, wie regelrechte Sprechchöre gegen den Commissioner an Substanz gewannen. „Harvey Dent kam bei einem Sturz ums Leben. Ich war dabei, als es geschah und kann...", es fiel ihm zunehmend schwerer, gegen die Rufe der Missbilligung anzukommen, die gegen ihn ertönten, und doch führte Gordon diese Pressekonferenz zu Ende, „...ich kann sagen, dass Mister Dent seine Taten bereut hat." Bruce hätte gern diesen Glauben geteilt, war sich in diesem Punkt allerdings nicht so sicher wie es bei Gordon den Anschein hatte. „Mörder! Sie haben einen Mörder gedeckt!", brüllte jemand von einer hinteren Reihe. „Harvey Dent hat für diese Stadt nur Gutes gewollt. Er stand für die Hoffnung ein, die kaum einer mehr im Herzen hatte. Er hat den Bürgern Gothams den Glauben an das Gute zurückgegeben."
Doch Gordons Argumentation fand kaum Zustimmung in den Reihen jener Menschen, die sich um ihn versammelt hatten. „Er war ein gottverdammter Lügner, genau wie Sie einer sind!" Diese verächtlichen Worte waren bedeutend mitreißender als Gordons Versuch, Harvey Dents Ruf zu retten. Unzählige Menschen schrieen ihre Zustimmung hinaus, verfluchten und denunzierten Dent und den Commissioner. Als die ersten Gegenstände auf das Pult geworfen wurden und Jim Gordon nur um Haaresbreite verfehlten, gingen Jack Treather und seine Kollegen dazwischen, umstellten ihren Vorgesetzten schützend und lotsten ihn sichtlich gegen seinen Willen von dem kleinen Podium hinunter, um ihn in Sicherheit zu bringen. Bruce bewunderte den Mut des Commissioners, solch ein Schuldeingeständnis vor aufgebrachten Bürgern abzulegen und öffentlich einzugestehen, Beweise manipuliert zu haben. Sein Geständnis änderte nichts mehr an den Tatsachen und aufgrund von Dents Tod erübrigte sich gleichfalls die Frage nach der Bestrafung des Schuldigen. Aber das Vertrauen der Leute in jene Instanz, die sich dazu verpflichtet hatte, für Recht und Ordnung auf Gothams Straßen zu sorgen, war durch Gordons öffentliche Richtigstellung immens geschwächt, wenn nicht gar in Gefahr, gänzlich abhanden zu kommen. Der Commissioner entschwand durch die Eingangstür in ein benachbartes Gebäude. Das Bestreben der Zuschauer, ihm zu folgen und möglicherweise handgreiflich ihm gegenüber zu werden, wurde durch die umstehenden Polizeibeamten unterbunden, die darum bemüht waren, den Aufruhr möglichst schnell zu zerschlagen, bevor es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen konnte.
Bei all der Entrüstung, die der Vertuschung von Harvey Dents Verbrechen galt, schienen viele vergessen zu haben, weswegen der Commissioner diesen Schritt der Bloßstellung getan hatte. Niemand hatte mehr die rege tickenden Zeiger der Uhr im Sinn, die langsam aber sicher die vom Joker auferlegte Gnadenfrist mit ihren steten Sprüngen verstreichen ließen. Wer sagte denn, dass der Joker wirklich Wort halten und sich an seine eigenen Bedingungen halten würde? Er war nur dann eine ehrliche Haut, wenn es sich auch für ihn lohnte, das hatte er folgenreich damit bewiesen, als er Batman gegenüber bewusst die Aufenthaltsorte von Dent und Rachel vertauscht genannt hatte. An ihm war nichts Ehrbares, es existierte kein Kodex, an den er sich hielt, er unterwarf sich keinen Regeln, nur seinen Launen und seiner Begierde danach, zu zerstören. Wenn er also entgegen der stillen Vereinbarung beschloss, Gotham City trotzdem dem Erdboden gleichzumachen, hätten Batman und seine Verbündeten gleich doppelt verloren. Vielleicht sogar endgültig. Alle schienen sich auf das Wort des Jokers zu verlassen, ihm mehr Glauben zu schenken als ihm zustand. Diese Naivität, die von den Leuten ausging und darin begründet war, dass sie diesen kaltblütigen Verbrecher schlicht und ergreifend unterschätzten, nicht erfassen zu schienen, wie gefährlich und unberechenbar er war, alarmierte Bruce. Musste Gotham erst lichterloh brennen, bis jemand erkannte, dass man den gemeinsamen Feind nur dann in die Knie zwingen konnte, wenn man an einem Strang zog? Stattdessen fielen sie über den Commissioner her wie hungrige Hyänen.
Bruce warf einen Blick auf seine Uhr. Es waren nur noch zwei Minuten, die Gotham City von der womöglich größten Katastrophe trennten, die der Stadt je zugestoßen war, und die hier versammelten Menschen hatten keine anderen Sorgen als Jim Gordon in Schimpf und Schande zu reden. Entweder begriff niemand, dass die Chancen hoch waren, dass das Polizeipräsidium wie durch Zauberhand in weniger als zwei Minuten in einem großen Feuerball hochgehen würde, oder die Zuschauer waren zu entsetzt über die jüngsten Geständnisse, dass ihnen die Drohung des Jokers ganz aus dem Sinn gewichen war. Batman hätte etwas unternehmen können, hätte die Menschen von dem Polizeigebäude weglocken können, womöglich hätte er sogar verhindert, dass sich jemand dem potentiellen Brandherd zu nähern wagte, aber als Bruce Wayne mochte er zwar ein Milliardär sein, war aber gleichzeitig nur ein gewöhnlicher Mensch aus Fleisch und Blut, ohne Kampfanzug, ohne Maske, ohne überlegene Technologie. Er war einer von ihnen, von der Schafherde, die nichts anderes tun konnte, als hilflos ihrem Ende entgegen zu sehen.
Bruce versuchte sich aus der Menge zu befreien, den Weg zurückzugehen, über den er hierher gefunden hatte, doch der Rückweg gestaltete sich als herausfordernder als der frühere Kampf in die vordere Reihe. Er bereitete sich gedanklich schon darauf vor, die Hände schützend über den Kopf zu legen und sich zu Boden zu werfen, sobald mit einem alles übertönenden Knall die wütende Feuerbrunst über die Zentrale hereinbrach.
Doch es geschah nichts. Der Minutenzeiger war beharrlich vorangeschritten, hatte den Nullpunkt des Countdowns überwunden, ohne dass das Feuer der Inquisition über die Stadt hinweggefegt war.
Bruce wich einem Ellbogen aus, der sich von einem anderen drängelnden Zuschauer in sein Gesicht verirren wollte, und runzelte die Stirn. Der Joker verpasste nie den richtigen Moment. Er war dafür bekannt, den Paukenschlag harmonisch zu dem von ihm selbst vorgegebenen Rhythmus zu setzen. Entweder war er aufgehalten worden, oder aber er hatte in der Tat Wort gehalten. Wahrscheinlich wollte er sich die große Show für später aufheben. Das sah ihm zumindest ähnlich. Dennoch kam Bruce nicht umhin, sich zu wundern. Irgendwie schaffte er es, sich einige Minuten später aus dem Andrang von Menschen zu befreien und wieder tief durchatmen zu können. Dass er in der späten Novemberwitterung fror, wurde ihm gar nicht recht bewusst. Seine Gedanken, die darum kreisten, wie er und Gordon gegen den Clown ankommen sollten, jetzt wo jede Glaubwürdigkeit, jede Unterstützung unter der Bevölkerung dahin war, waren übermächtiger als die nagende Kälte. Festen Schrittes begab er sich zurück auf die Straße, auf der unzählige Menschen aus ihren Autos ausgestiegen waren und sich darüber wunderten, dass die Apokalypse offenbar vertagt worden war. Die ersten Fernsehteams rückten in ihren großen Transportern ab und feierten wahrscheinlich die Einschaltquoten, die sie mit dieser exklusiven Berichterstattung erbracht hatten. Die ersten Radiosender unterbrachen ihre Programme für die Vermeldung von Gordons Eingeständnis, andere schimpften auf den Commissioner, ohne einzusehen, dass er es gewesen war, der sie alle gerettet hatte.
Bruce wusste, dass sie es sich alle zu leicht machten, zu schnell urteilten und noch schneller zu vergessen schienen, dass es der Joker war, dem sie eigentlich ihre Verachtung schenken sollten, nicht Jim Gordon. Er schüttelte den Kopf, versuchte, seine wirbelnden Gedanken zu ordnen, als er kurz darauf realisierte, dass sein Motorrad nicht mehr an Ort und Stelle stand, wo er es hinterlassen hatte. Suchend marschierte er die Strecke mehrmals ab, falls er die Maschine doch an einer anderen Stelle zurückgelassen hatte, als er jedoch keine Spur von seinem Motorrad ausmachen konnte, ließ er die Schultern sinken. Was für ein Tag. Erst spann der Joker ein geschicktes Mordkomplott um eine unschuldige Frau, dann zwang er den Commissioner dazu, das Geheimnis um Harvey Dent zu lüften und zu guter Letzt hatte irgendein Kleinkrimineller sein Motorrad geklaut.
„Sieht so aus, als könnten Sie eine Mitfahrgelegenheit gebrauchen", ertönte eine vertraute Stimme zu seiner Rechten und als sich Bruce umwandte, erkannte er den Commissioner, der eine Polizeimütze tief in sein Gesicht gezogen hatte, um nicht von den tobenden Massen erkannt zu werden. Er saß in einem grauen Volvo und rollte in Schrittgeschwindigkeit über den Asphalt. „Ja, sieht ganz so aus", murmelte Bruce, der sich nicht ganz sicher war, wie er den Blick des Commissioners zu deuten hatte. „Springen Sie rein", forderte dieser ihn nur auf und richtete dann seinen Blick wieder auf die Fahrbahn, die langsam wieder ein wenig freier wurde. Bruce zögerte einen Moment, kam zu dem Schluss, dass der Commissioner nach dieser Aktion vielleicht auch ein Fünkchen Wahrheit verdiente, von der er ohnehin schon mehr zu ahnen schien als Bruce lieb sein konnte, und stieg in den Wagen ein.
