Scar Tissue
12
Marionetten an einem Strang
Opfer der Willkür
Vergessen bald, wie es ist
Allein zu handeln.
Es hatte angefangen zu regnen. Zuerst waren vereinzelte dicke Tropfen auf die Windschutzscheibe des Volvos niedergegangen in plumpem, unregelmäßigem Staccato. Binnen weniger Minuten war das Trommeln auf die Lautstärke und Intensität eines gesamten Orchesters angeschwollen, das den Dirigentenstab des Scheibenwischers hektisch hin und her schwingen ließ, ohne dass sich die Sicht merklich verbesserte. Wie um den Niederschlag noch einmal zu ermutigen und anzufeuern, sich noch kraftvoller auf die Erde zu ergießen, spielte das Radio mit unbesonnener Fröhlichkeit ‚It's raining again' von Supertramp, das trotz seiner ausgelassenen Melodie die Insassen des Wagens nicht wirklich in beschwingte Stimmung versetzen wollte. Weder Bruce Wayne, der nachdenklich aus dem leicht beschlagenen Seitenfenster schaute und dabei zusah, wie sich der Regen in ein zunehmend weißes Gewand kleidete, noch Jim Gordon, der das Auto durch die dichte Gischt lenkte, verspürte den Drang, etwas zu sagen. Dennoch brannten Bruce so viele Fragen auf der Zunge, die er kaum auszusprechen wagte, aus Unsicherheit darüber, ob er damit vielleicht zu viel über seine geheime zweite Identität und damit einhergehende Mitwisserschaft preisgab. Zwar beschlich ihn das leise Gefühl, dass Jim Gordon eine stille Ahnung hatte, aber solange er es nicht mit Sicherheit einschätzen konnte, wollte sich Bruce besser davor hüten, sich dem Commissioner zu offenbaren. Im letzten Jahr, als der Joker Coleman Reese als Opfer eingefordert hatte, wenn ein Krankenhaus vor einer vernichtenden Explosion bewahrt werden sollte, war Bruce mit dem Lamborghini über eine rote Ampel gerast, um zu verhindern, dass ein Polizist, dessen Frau im Gotham General gelegen hatte, Reese – wie vom Joker verlangt – erschießen konnte.
Das wissende Leuchten in Gordons Augen und das leise Lächeln auf seinen Lippen, nachdem Bruce aus seinem vollkommen schrottreifen Sportwagen gestiegen war, hatten ihm mehr gesagt als alle Worte dieser Welt. Und doch wagte es Bruce nicht, die Karten auf den Tisch zu legen, obwohl Jim Gordon im Laufe der letzten Jahre ein enger Vertrauter Batmans geworden war. „Ist nicht gerade das beste Wetter für eine Motorradfahrt ins Grüne, wenn Sie mich fragen", durchbrach der Polizeichef die Stille, die einzig von dem leisen Gedudel des Radios und den beständig gegen die Frontscheibe und auf die Motorhaube prasselnden Regentropfen begleitet wurde. „Das stimmt", entgegnete der eher unfreiwillige Fahrgast; etwas Besseres wollte Bruce auf die Schnelle nicht einfallen, „gerade deshalb hab ich die Chancen gering eingeschätzt, dass mir jemand die Maschine klaut." Jim Gordon grinste daraufhin und setzte den Blinker, um kurz darauf rechts auf die Brückenauffahrt abzubiegen. Die längste Hängebrücke, die aus dem Stadtkern Gothams hinaus zum Stadtbezirk Palisades führte, musste dem dichten Berufsverkehr standhalten, der durch den heftigen Regenguss noch stärker beeinträchtigt wurde als sonst. „Sie waren nicht etwa daran interessiert, was ich in der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz verlauten würde?", Gordon drehte ihm den Kopf zu und obwohl seine Brillengläser das gleißende Licht der Scheinwerfer entgegen kommender Autos auffing, konnte Bruce in seinen Augen ablesen, dass der Commissioner die Antwort auf diese Frage bereits kannte und sie somit nur noch rhetorischer Natur war. „Ob Sie's glauben oder nicht, aber ich bin schon an den Vorgängen in dieser Stadt interessiert." Gordon lenkte seinen Blick wieder auf die Straße und nickte zunächst still, ehe er murmelte: „Das glaube ich Ihnen sogar aufs Wort." Bruce beließ diese Bemerkung unkommentiert und betrachtete nachdenklich die Lichter der Brückenseile, die von blassem Gelb zu kräftigem Orange bis hin zu dunklem Rot ineinander verschwammen, so als hätte der Regen nichts anderes getan, als Ölfarbe auf eine feuchte Leinwand aufzutragen.
„Sie verschmähen mich nicht für mein Handeln?" Wieder eine Fangfrage, nur verzichtete er diesmal darauf, sich Bruce gänzlich zuzuwenden. Er begnügte sich mit einem einzigen kurzen Seitenblick, während er sich in die richtige Spur einfädelte. „Nein", antwortete der bedeutend jüngere Mann, der Jim Gordon zum ersten Mal begegnet war, als er noch ein kleiner Junge gewesen war und gerade erst seine Eltern durch die Hand eines Verbrechers verloren hatte, „Wäre ich sonst in Ihren Wagen eingestiegen, Commissioner?"
Der Fahrer lächelte ein kurzes, humorloses Lächeln und sagte dann leise: „Ich fürchte, das Anhängsel ‚Commissioner' können Sie sich künftig sparen, Mr. Wayne." Bruce blinzelte verwirrt, woraufhin Gordon ungefragt erläuterte: „Ich bin vorübergehend vom Dienst suspendiert." Der milliardenschwere Fahrgast schluckte schwer und konnte sich nicht des übermächtigen Gefühls entledigen, zu fallen. Es war, als hätte es Jim Gordon vollbracht, ihm mit diesem kurzen Satz den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Bruce haderte mit sich, um Ruhe zu bewahren, schalt sich gedanklich, nicht zu betroffen zu reagieren. Batman traf der Verlust des Commissioners schwer, Bruce Wayne hingegen bedauerte höchstens den vorübergehenden Personalwechsel an der Spitze des Polizeirudels. Er wusste, dass jede unbeherrschte Reaktion verräterisch sein konnte. „Aber...ich dachte, Sie könnte niemand suspendieren als so hohes Tier, das Sie sind." Das entlockte Jim Gordon immerhin ein amüsiertes kurzes Lachen, ehe er langsam den Kopf schüttelte. „Der Bürgermeister kann mich suspendieren, genau wie er mich damals ernannt hat. Wenn er die richtigen Gründe vorlegt, ist das keine große Sache. Und nachdem mittlerweile ganz Gotham City weiß, dass ich Harvey Dents Verbrechen gedeckt habe, fragt bestimmt keiner mehr nach dem Warum."
In Bruce breitete sich eine griffige Kälte aus. Batman hatte einen seiner wichtigsten Mitstreiter und die Verbindung zum Polizeipräsidium verloren. Jetzt, so ganz ohne Kontaktmann, war Batman sich selbst überlassen. Zum ersten Mal seit seinen blutigen Anfängen war er fast gänzlich sich selbst überlassen. Womit er anfangs sicher keine Probleme gehabt hätte, bereitete ihm in Anbetracht des Jokers große Sorgen. Bereits in der Zusammenarbeit mit der Polizei war es ihm schwergefallen, mit dem diabolischen Clown Schritt zu halten, ja, er hatte sogar auf eine, wie ihn Lucius Fox ermahnt hatte, sehr unethische Methode zurückgreifen müssen, um ihn überhaupt aufzuspüren. Er war wie ein Nomade innerhalb der Grenzen dieser Stadt, nie schien er länger an einem Ort zu bleiben oder gar ein Quartier aufzuschlagen. Der Fußfessel, die mit einem GPS-Sender ausgestattet gewesen war, hatte er sich natürlich bei seinem Ausbruch aus Arkham entledigt, man konnte einzig und allein versuchen, den Aschespuren zu folgen, die er in einer Schneise der Verwüstung hinter sich herzog. „Was werden Sie jetzt machen?", fragte Bruce, als er bemerkte, dass das Schweigen zwischen ihnen verdächtig überhand genommen hatte. „Urlaub. Zwangsläufig", entgegnete Jim Gordon mit einem Grinsen, aus dem der Galgenhumor nur so herausstrahlte. Bruce konnte sich nicht dazu bringen, das Lächeln zu erwidern. Es wäre ihm ohnehin im Halse stecken geblieben. „Ist das Ihr Ernst?"
Jim hob halb amüsiert, halb fragend die Augenbrauen und erwiderte: „Was soll ich Ihrer Meinung denn sonst tun? Mich auf Batmans Seite schlagen und seinen dunklen Komplizen spielen? Glauben Sie mir, dafür bin ich zu sehr aus der Übung." Bruce beobachtete einige Minuten lang den stockenden Verkehr, der sich im letzten Drittel der Fahrbahn wieder ein wenig auflockerte und sagte nach einiger Überlegung: „Batman wird bestimmt nicht begeistert davon sein, dass Sie vorläufig nicht im Amt sind."
Gordon sah Bruce aus klugen blauen Augen heraus an, die sich leicht verengten, ehe er sagte: „So, meinen Sie? Was bewegt Sie denn dazu, so zu denken? Schließlich jage ich Batman. Oder habe ihn gejagt. Meinen Sie nicht, dass er eher erfreut darüber sein wird, mich aus dem Weg zu wissen?" Bruce wusste, dass ihn jedes einzelne Wort, das er jetzt von sich geben würde, verraten konnte. Jim Gordon schöpfte nicht nur Verdacht, er war auch alles andere als auf den Kopf gefallen. Wahrscheinlich war er längst hinter Bruce Waynes Tarnung gekommen, und doch wagte es keiner von beiden, das gelüftete Geheimnis beim Namen zu nennen. Jim Gordon steckte ohnehin schon in großen Schwierigkeiten. Sein Mitwissen über Batmans menschliche Identität hätte ihm noch weitaus größere Probleme bereitet, selbst wenn er es für sich behielt. Nach allem, was der Commissioner seinetwegen durchgemacht hatte, wollte Bruce ihm nicht noch mehr zumuten.
„Ich denke, es wird in seinem Interesse gewesen sein, dass Dents Ruf als Ritter von Gotham City bewahrt worden ist. Schließlich hat er Batmans Kopf aus der Schlinge gezogen, als er damals vorgab, die Fledermaus zu sein." Bruce befand, sich gut aus der Affäre gezogen und sein Argument auch mit der nötigen Ruhe vorgetragen zu haben. „Tja. Nichtsdestotrotz tut das nichts mehr zur Sache. Ich habe schließlich nie mit ihm zusammengearbeitet, ich wüsste nicht, inwiefern es ihn treffen würde, wenn ich nicht mehr im Dienst bin."
Gordon wählte diese Worte in bewusst gelassenem, provokativ anmutendem Unterton. Bruce war vollkommen klar, dass ihn Gordon auf die Probe stellte. Für einen schwindend kurzen Moment war er wirklich versucht, jenem Mann die ganze Wahrheit zu erzählen, der ihm, als er noch ein Kind gewesen war, so viel Mut zugesprochen hatte und trotz all der Bürden, die er dadurch auch seiner Familie auferlegen musste, stets an Batmans Seite gestanden hatte. Und doch löste sein Verstand diesen inneren Disput zwischen Gewissen und Pflichtbewusstsein.
„Wenn Sie das sagen", er bemühte sich um ein möglichst sorglos wirkendes Achselzucken, „wird es schon seine Richtigkeit haben." In Gedanken beschloss er, Gordon noch heute Nacht einen Besuch als Batman abzustatten, an dem er wirklich Tacheles redete. Sprach er als Bruce Wayne den Joker an, konnte er sich gleich als der maskierte Rächer zu erkennen geben. „Ich habe ein hübsches Ferienhaus in der Karibik. Ich lade Sie und Ihre Familie herzlich ein, wenn Ihnen das als Urlaubszielort vorschwebt", schlug Bruce dann vor, genau wissend, dass Gordon nie und nimmer seinen Zuständigkeitsbereich verlassen würde, ganz gleich ob man ihn noch Commissioner nannte oder nicht. Er war viel zu sehr mit dieser Stadt verwachsen, ein Teil von ihr geworden, um sich wirklich tatenlos auf eine einsame Insel zurückzuziehen, während Gotham City kurz davor stand, unterzugehen. Bruce behielt Recht. „Ein wirklich verlockendes Angebot, Mr. Wayne, aber ich fürchte, ich werde meine unfreiwillige Freizeit sinnvoller investieren und nach einem neuen Zuhause für meine Familie und mich suchen. Wie Sie vielleicht gehört haben, habe ich es dem Joker zu verdanken, dass ich vorübergehend bei meinen kratzbürstigen Schwiegereltern untergekommen bin. Sie schreien nicht gerade Hurra darüber, dass ich so gehandelt habe", erklärte Gordon zu Bruce' vollster Zufriedenheit. „Sie ziehen diese Stadt einer sonnigen Insel vor?", fragte er fast schon neckend nach. „Sie doch offensichtlich auch, wie mir scheint", entgegnete Gordon gelassen, „Sie haben, wenn ich mir diese Anmerkung erlauben darf, das nötige Budget, um sich gleich ein Dutzend Karibikinseln zu kaufen, und dennoch bleiben Sie hier in Gotham." Geschickt hatte Gordon Bruce' Kommentar gegen ihn verwendet. Über fünfundzwanzig Jahre Berufserfahrung als Polizist hinterließen unverkennbare Spuren. „Nun, all meine Geschäfte laufen von Gotham aus. Hier habe ich den besten Überblick über sämtliche Transaktionen."
Doch Gordon wusste auch hierauf eine schnippische Antwort zu entgegnen: „Ich dachte, Sie hätten eine Reihe glaubwürdiger Stellvertreter in Ihrem Vorstand." Bruce drehte den Kopf und musterte den ehemaligen Commissioner mit seinen braunen Augen. „Eines hab ich über die vergangenen Jahre hinweg gelernt: Wenn du willst, dass etwas gelingt, musst du es selbst in die Hand nehmen." Jim nickte leicht und ordnete sich in die Rechtsabbiegerspur ein, die nach dem Ende der Brücke zu den Palisades, einer eher ruhigeren und von noblerer Gesellschaft besiedelten Gegend, führte. „Ist das Ihre Philosophie?", fragte er nach. Bruce musste mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen an die ersten Entwürfe seines Kampfanzugs und die ersten autonomen Versuche denken, das Verbrechen in Gotham zu bekämpfen. „Ja, könnte man so sagen."
Bruce war große Teile seines Lebens auf sich allein gestellt gewesen, seit seine Eltern einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen waren, und doch hatte es ihn nicht verbittert werden lassen. Viel eher hatte im Tod seiner Eltern sein Ansporn gelegen, Gotham City besser zu machen und von seinem Abschaum zu befreien. Natürlich hatte es zahlreiche Momente gegeben, in denen ihn Rachegefühle beinahe übermannt hätten, Bruce Wayne war auch als Batman kein Übermensch. Doch er war immer seiner humanistischen Haltung treu geblieben. Nie hatte er es übers Herz gebracht, jemanden zu töten. Nicht einmal den Joker, obwohl er Grund genug und Gelegenheit dazu gehabt hätte, es zu tun und bestimmt nicht dafür geächtet worden wäre. Dennoch hätte sich Batman solch ein Handeln niemals verziehen, das wusste er so sicher wie seinen Namen.
„Ein kluger Gedanke", durchbrach Gordon seinen Gedankengang und als Bruce den Kopf drehte, bemerkte er, dass sie die bezwingende Dichte und Enge des Stadtverkehrs hinter sich gelassen hatten und die stählernen Wolkenkratzer nach und nach Platz für weniger in die Höhe schießende Bauten machten. Vermehrt entdeckte er auch die immergrünen Grasnarben, die vereinzelt mit beharrlichen Resten des gefallenen Schnees bedeckt waren und dennoch der Winterkälte zu trotzen schienen. „Finden Sie denn, dass ich Gotham den Rücken kehren sollte, jetzt wo Sie nicht mehr für Recht und Ordnung sorgen?", fragte Bruce in lockerem Tonfall, der jedoch keineswegs so beiläufig gemeint war. „Oh, machen Sie das nicht an mir fest, Mr. Wayne. Ich habe nur einen kleinen Beitrag geleistet. Die meisten Bösewichte hat immer noch Batman geschnappt, ob mir das nun gefällt oder nicht." Bruce nickte und erwiderte leiser, als er beabsichtigt hatte: „Die meisten, aber nicht alle." Der Unterboden des Volvos schepperte ungesund, als er mit der holprigen Seitenstraße Bekanntschaft machte, in die Gordon einbog.
„Sie spielen auf den Joker an, nehme ich an?" Der jüngere Mann presste die Lippen aufeinander. Er hatte es um jeden Preis verhindern wollen, auf den Joker zu sprechen zu kommen und doch führten alle Wege zu ihm. „Er ist noch auf freiem Fuß, oder nicht?", gab Bruce ironisch zurück. „Ich würde eher sagen, dass er wieder auf freiem Fuß ist. Batman hat seinen Anteil geleistet und dafür gesorgt, dass der Clown dingfest gemacht werden konnte. Wieso sollte es ihm nicht auch ein zweites Mal gelingen, ihn aufzugreifen?" Bruce glaubte fast, in Gordons Augen die feste Überzeugung zu sehen, dass er wusste, wer hinter der Fledermausmaskierung steckte. Kein Schalk leuchtete mehr im Blau seiner Augen, keine herausfordernde Provokation ließ sich von ihnen ablesen. Es war, als würde er diese Frage an Batman selbst richten und nicht an Bruce Wayne. „Weil der Joker gerissen ist. Ich denke, man sollte ihn nicht unterschätzen. Batman allein kann keine Wunder vollbringen. Dass Sie gehen, schwächt ihn, ob Sie nun mit ihm zusammengearbeitet haben oder nicht." Gordon hielt an einer roten Ampel, doch der Volvo kam nicht auf Anhieb zu stehen. Entweder hatte der Regen Blitzeis verursacht, oder aber die Bremsen des altersschwachen Wagens, den sich der Commissioner offenbar vorläufig geliehen hatte, taugten nicht mehr viel. „Ich bin nicht der einzige Polizist, der in Gotham City für Gerechtigkeit sorgen will. Wir haben genügend willige und ehrgeizige Polizisten in unserer Einheit, die den Joker fassen wollen." Bruce konnte sich nicht beherrschen, er sagte mehr, als ihm hätte lieb sein können: „Es geht hier nicht um jugendliches Engagement, ohne Sie fehlt jemand, der ihnen den Weg vorgibt, der den Joker zu durchschauen versucht. Er vermag Menschen zu blenden, sie zu manipulieren. Er ist eine Nummer zu groß für den Polizeinachwuchs."
Jim Gordon lächelte zu Bruce' Überraschung und murmelte: „Sie haben sich scheinbar sehr intensiv mit dem Joker auseinander gesetzt, Mr. Wayne." Bruce ignorierte den wissenden Unterton seines Mitstreiters und sagte: „Er hat meine beste Freundin getötet. Wie könnte mir dann egal sein, was er als nächstes im Schilde führt?"
Der Volvo fuhr wieder an und gewann nach und nach an Geschwindigkeit, als das Verkehrslicht von Rot auf Grün sprang. Der schlimmste Schauer hatte sich wieder gelegt; die Scheibenwischer hatten nun Gelegenheit, sich in einem weniger hektischen Rhythmus einzupendeln.
„Sie tun gut daran, wenn Sie sich nicht von Ihren verletzten Gefühlen leiten lassen, Mr. Wayne. Das gleiche hat Harvey Dent getan und genau das hat dem Joker in die Hände gespielt. Machen Sie nicht den gleichen Fehler und begeben Sie sich nicht ins Fadenkreuz dieses Psychopathen." Bruce hatte nicht vor, zur Zielscheibe des Jokers zu werden. Batman hingegen war längst zu dieser geworden. Warnte ihn Gordon jetzt davor, sein bürgerliches Ich zu sehr in das Geschehen mit einzubringen? Seine überstürzte Fahrt zu der Pressekonferenz war zugegeben unüberlegt gewesen, zumal er nichts hatte ausrichten können. Bruce gedachte nicht, so bald einen öffentlichen Auftritt im Rahmen der politischen Öffentlichkeit zu wiederholen. Er würde schon auf sich aufpassen, so wie er es all die Jahre zuvor getan hatte. Er fragte sich nur, wie viele seiner Verbündeten er noch im Kampf gegen den Joker würde einbüßen müssen. Erst Rachel und Harvey, dann den Commissioner. Er konnte sich keine weiteren Verluste leisten. Ja, er war Batman. Aber er kochte auch nur mit Wasser wie jeder andere Mensch. An diesem Tag war ihm das einmal mehr schmerzlich bewusst geworden.
„Da wären wir", ertönte Jims ruhige Stimme und Bruce spürte, wie der Wagen allmählich anhielt, obgleich der Commissioner die Bremse voll durchgetreten hatte. Zu seiner Rechten erhob sich Wayne Manor in den mit Gewitterwolken geschwängerten Himmel. Trotz der trostlosen Umgebung verlor das Anwesen nicht an imposanter Ausstrahlung. Es war erweitert worden, nachdem es niedergebrannt war, war im Grunde zu einer regelrechten Festung umgebaut worden. „Danke für die Mitfahrgelegenheit", sagte Bruce, als er den Sicherheitsgurt löste und die Beifahrertür öffnete. „Jederzeit wieder", entgegnete Gordon und setzte hinzu, als Bruce bereits ausgestiegen war, „Passen Sie auf sich auf, Mr. Wayne." Er nickte kurz, schlug dann die Autotür zu und sah dem Volvo noch einige Minuten lang hinterher, bis seine rotglühenden Rücklichter wie die Augen eines Ungeheuers in der wieder anwachsenden Gischt versunken waren. Bruce Wayne hatte sich lange nicht mehr so allein, so hilflos gefühlt wie in diesem Augenblick und ihn beschlich das leise Gefühl, dass genau dieses Empfinden bald sein stiller Kompagnon werden würde. Vielleicht der Einzige, der ihn nicht mehr verlassen würde.
***
„Hey Kleine...na, wie wär's denn mal mit uns beiden, hm? Du siehst so aus, als könntest du mal ne richtig gute Nummer vertragen", eine eher unprofessionell gepiercte Zunge glitt über gelbe, teils faulende Zähne. Überall dort, wo er tätowiert war, wuchs ihm kein Bart mehr und das schloss den gesamten Hals mit ein. Ein rotes Kopftuch drängte seine filzigen braunen Haare zurück, hinderten sie daran, in sein kantiges Gesicht zu fallen. „Wenn sie ne gute Nummer will, wendet sie sich bestimmt nicht an dich, Gaz." Diese weise Erkenntnis stammte aus dem Mund eines eher schmächtigen Mannes mit graziler Brille auf der Nase. Ein Mann, der so gar nicht in das Klischee eines Straftäters passen wollte, und doch war Erin in keiner Weise daran interessiert, herauszufinden, was ihn hierher gebracht hatte. Im Moment war sie zur Genüge damit beschäftigt, die lästigen Sprüche der anderen, überwiegend männlichen Insassen zu ignorieren, die wie sie in einen Häftlingstransporter gesperrt worden waren und darauf warteten, aus dieser klaustrophobischen Enge wieder entkommen zu können.
Drei Polizisten mit Schlagstöcken liefen unruhig Patrouille und wiesen die Urheber derbster Äußerungen wieder und wieder in ihre Schranken. Aus Gründen, die Erin nicht ganz klar gewesen waren, waren sämtliche vor Ort inhaftierten Tatverdächtigen aus dem Polizeigebäude evakuiert worden. Natürlich waren ihnen allen aus reiner Vorsicht Handschellen angelegt worden, die unangenehm auf ihrer Haut scheuerten. Da Arkham seine freien Plätze betreffend aus allen Nähten platzte, waren auch vereinzelt bereits verurteilte Sträflinge auf der Wache untergebracht worden, nur vermochte Erin sie nicht wirklich von den harmloseren Kleinkriminellen zu unterscheiden, die vielleicht nur in eine Zelle gesteckt worden waren, um auszunüchtern. Seit einer geschätzten Stunde hockte sie nun hier wie ein Huhn auf der Stange, umringt von Schlägern, Drogendealern, Junkies und Schlimmerem, und wusste noch nicht einmal, wieso.
„Hey, Milchgesicht. Ich muss mal pissen!", plärrte ein glatzköpfiger Hüne aus der linken Ecke des geschlossenen Transporters, den einzig zwei kleine Neonröhren ausleuchteten. „Dann wirst du dir wohl in die Hose machen müssen", erwiderte der älteste der Cops kaltschnäuzig. Dabei war das Prädikat ‚alt' immer noch recht weit hergeholt, schätzte ihn Erin schließlich auf nicht älter als 30 Jahre. Wahrscheinlich fassten die jungen Polizisten den Bewacherjob als Kräftemessen oder Bewährungsprobe auf, dass sie so arrogant reagieren zu müssen glaubten. Das einzige Gesicht, das Erin auf die Schnelle zuordnen konnte, war das jenes Polizisten, der sie vor wenigen Stunden aus ihrer Zelle abgeholt und zu Commissioner Gordon geleitet hatte. Sein Namensschild behauptete, dass sein Name Treather lautete, obwohl Erin den Namen anders verstanden hatte, als Gordon ihn ausgesprochen hatte. Die junge Frau versuchte sich zu entspannen, aber die Häftlinge saßen so dicht aneinander gedrängt, dass bequemes Sitzen gar nicht mehr möglich war. Ihr Oberschenkel pochte und verlautete so sein Missfallen über die unhöfliche Behandlung.
Sie hätte gern gefragt, was denn überhaupt los war, aber einerseits konnte sie damit rechnen, dass keiner dieser Jungspunde der Gebärdensprache fähig war, und selbst wenn sie eine Stimme gehabt hätte, hätte sie es vermutlich nicht gewagt, irgendetwas von sich zu geben. Das lag einerseits an ihren nicht sehr kultivierten Zellengenossen, andererseits an den Polizisten, die alles und jeden anblafften, weil sie die Situation schlicht und ergreifend überforderte. Irgendwann, was Erin wie eine halbe Ewigkeit vorkam, breitete sich ein unangenehm stechender Gestank in der abgeschlossenen Parzelle des Innenraums des Polizeitransporters aus. Erin konnte den vertrauten, aber dennoch ekelerregenden Geruch nicht sofort zuordnen, aber einer ihrer Sitznachbarn half ihr auf die Sprünge: „Boah, dieses Arschloch mit der Platte hat sich in die Hose gepisst."
Unruhiges Geplärr und Gezeter erfüllte den gepanzerten Laderaum, bis der einzige Erin bekannte Polizist den Schlagstock zückte und diesen dreimal fest gegen die Innenwand schlug, bis wieder Ruhe herrschte, weil allen Insassen der Kopf summte. „Ich hab nur getan, was die Hackfresse in Uniform mir befohlen hat", verteidigte sich der Sträfling, der ungeniert vor allen anderen in den eigenen Overall uriniert hatte, was die kleine Kammer schnell mit bestialischem Gestank erfüllte. „Hey, mach mal halblang!", wies ihn der kleinste und augenscheinlich auch jüngste Cop zurecht, dem nur ein dünner hellblonder Flaum anstelle eines Bartes am Kinn wuchs. Erin blendete die nicht auf besonders hohem Niveau angesiedelten Unterhaltungen so gut es ging aus, die sich über eine unendlich erscheinende Zeitspanne hinweg fortsetzte.
Es war, als geschähe ein Wunder, als die Tür des Polizeiwagens geöffnet wurde und dasselbe graue Licht eines tristen, regnerischen Wintertages den Betrachter blendete. „Die Gefangenen können wieder rein", meinte ein fetter, kaugummikauender Beamter in gewöhnlicher blauer Dienstkleidung mit auffälligem Südstaatenakzent. „Sicher? Hat man denn so schnell die Bombe entschärfen können?", fragte der Flaumbärtige mit großen Augen. „Wenn es denn eine Bombe gegeben hätte, Jungchen. Absolute Fehlanzeige." Erin, die nicht recht verstand, was das Gerede von einem Sprengsatz zu bedeuten hatte, wurde von Officer Treather mit unerwarteter Vorsicht auf die Füße zurückgezogen. Nach dem mehrstündigen Sitzen fühlten sich ihre Knie steif und ihr Oberschenkel unnatürlich hart an, was sie leicht humpeln ließ. „Benötigen Sie einen Arzt, Ma'am?", fragte Treather, dem ihr unstetes Schrittmaß aufgefallen war, höflich nach. Erin schüttelte nur den Kopf und verdrehte verdrießlich die Augen, als hinter ihr eine schrille Stimme verlautete: „Was die Kleine braucht, ist n guter Ritt, mehr nicht!" Erin wurde aus dem Wagen geholfen und Treather war abermals derjenige, der sie unter seine Fittiche nahm und in ihre Einzelzelle zurückführte. „Sie haben Glück, dass Sie eine Frau sind, Ma'am, und bei längerem Aufenthalt den Anspruch auf eine Einzelzelle haben. Das sind üble Burschen, die Stunk suchen und meistens auch finden", seufzte der Polizist, der Erin freundlich, aber nicht zuvorkommend behandelte.
Er öffnete das Schloss, das das Schiebegitter zusammenhielt, und bedeutete Erin dann, einzutreten. Als er ihr die Handschellen wieder abgenommen hatte, versuchte die junge Frau, durch hastiges Winken auf sich aufmerksam zu machen. Treather hielt inne und musterte sie verdutzt, während sie den kleinen Finger und den Daumen ihrer rechten Hand abspreizte und diese an ihr Ohr presste, um ein Telefon zu simulieren. „Telefonieren?", übersetzte er ihre Geste verwundert und hob die Braue in Erwartung dessen, Erin würde ihn veralbern wollen, indem sie nickte. „Ohne Ihnen zunahe treten zu wollen, aber wie wollen Sie telefonieren?" Erin schüttelte den Kopf und überlegte kurz, wusste einfach nicht, wie sie sich dem jungen Officer verständlich machen konnte. Er kam ihr entgegen, indem er einen alten Strafzettelblock aus der Brusttasche seines Hemdes zog und ihn ihr mit der Rückseite nach oben reichte. Mit dem Kugelschreiber, den er ihr aushändigte, notierte sie: „Commissioner Gordon hat mir zugesichert, einen Anruf für mich zu tätigen, auf den ich ein Anrecht habe. Ich weiß aber nicht, ob er es getan hat."
Jack Treather las ihre Worte gründlich und strich sich dann über das glattrasierte, markante Kinn. „Wissen Sie...da gibt es ein kleines Problem. Der Commissioner...wie soll ich sagen, er...er ist für längere Zeit außer Haus und kann seinem Dienst nicht nachgehen. Wenn Sie mögen, spreche ich das aber mit dem Stellvertreter ab und erledige den Anruf für Sie." Erin nickte daraufhin eifrig, notierte schnell die gleiche Nummer, die sie Jim Gordon überlassen hatte, und sah dann dabei zu, wie der junge Polizist den Block und Kuli an sich nahm, die Zelle wieder verschloss und dann wieder seiner üblichen Arbeit nachging. Erin stellte sich an die Gitterstäbe, lehnte leicht dagegen und umfasste zwei der metallenen Stangen mit ihren Händen. Sie erhaschte nur entfernt einen Blick auf den Schreibtisch des wachehabenden Beamten, konnte aus dem Stimmengewirr, das im Revier vorherrschte, nicht wirklich etwas Verwertbares entnehmen.
Was hatte es mit dieser angeblichen Bombendrohung auf sich? Wo war Jim Gordon? Was würde jetzt mit ihr geschehen, wenn er vorerst außer Dienst war?
Obwohl er sich an den Beweisen orientieren musste, hatte Erin stets das Gefühl gehabt, der Commissioner wolle ihr nichts Böses. Auf ähnliche Mildtätigkeit bei seinem Ersatzmann wagte sie noch nicht zu hoffen. Die nächste halbe Stunde brachte Erin damit zu, in ihrer Zelle auf und ab zu gehen, unruhiger mit jedem Schritt, den ihre Füße auf den harten Boden setzten. Sie steckte wie ein Raubtier in einem Zookäfig ihr stark eingegrenztes Revier ab, ignorierte die Schmerzen in ihrem Oberschenkel, weil sie wusste, dass sie schlimmer gewesen wären, wenn sie sich hingesetzt hätte. Hatte auch der Officer sie vergessen? Oder noch schlimmer – war Scott, dessen Nummer Erin sowohl dem Commissioner als auch Treather gegeben hatte, nicht bereit, sie zu besuchen? Er musste mittlerweile durch die Presse von den Vorfällen erfahren haben. Was, wenn er glaubte, dass Erin wirklich diesen Mord begangen hatte? Wenn er sie nicht mehr wiedersehen wollte und sie als etwas ansah, das sie nicht war? Wie würden erst die anderen in Le Gardien reagieren? Wurden überhaupt alle Details des Falls an die Öffentlichkeit getragen? Zum Beispiel, dass sie sich an Dinge, die in der errechneten Tatzeit geschehen sein mussten, nicht erinnern konnte? Erin wusste, dass es nichts brachte, sich von den nagenden Fragen zerfressen zu lassen, aber ihre Angst war so übermächtig, dass sie keinen anderen Gedanken fassen konnte.
Es kam daher einer Erlösung gleich, als Jack Treather weitere zehn Minuten später in den kleinen Zellentrakt zurückkehrte und vor Erin Halt machte: „Entschuldigen Sie bitte die lange Wartezeit, aber hier geht es gerade ein wenig drunter und drüber", sagte er, räusperte sich kurz und fuhr dann fort: „Ich habe Scott Aldon erreichen können. Wir haben hier in der Polizeizentrale keine Besuchsräume, aber wenn wir Ihnen die Handschellen umlegen und Sie unter den Augen von zwei wachehabenden Polizisten an den Schreibtisch setzen, können Sie heute noch Besuch empfangen, wenn Sie das wollen."
Ob sie das wollte? Erin glaubte, nicht recht gehört zu haben. Scott würde sie besuchen kommen? War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Erin beschloss, es als ein gutes aufzufassen und strahlte über das ganze Gesicht, hätte seit den letzten Stunden nicht mehr daran geglaubt, dazu fähig zu sein. Der Cop mit den grünen Augen ließ sich von ihrem Lächeln anstecken und sagte: „Ich habe mit ihm ausgemacht, dass er so gegen 6 Uhr herkommen kann. Bis dahin ist Schichtwechsel und dann wird wieder ein bisschen Ruhe eingekehrt sein. Hoffe ich."
Erin wusste nicht, ob er die Geste des Dankes verstand, die sie ihm zeigte, aber zumindest nickte und lächelte er, ehe er sich wieder an die Arbeit machte. Weil ihr die Uhr mit ihren anderen Sachen abgenommen worden war, hatte Erin nichts, woran sie sich orientieren konnte. Durch den Schlafmangel und die ungewöhnlichen Vorkommnisse hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren, kreiste nervös in ihrer Zelle herum wie ein Satellit, der unfreiwillig seine regelmäßige Umlaufbahn verlassen hatte. Nach einer Weile, die der jungen blonden Frau wie eine Ewigkeit vorgekommen war, trat ein stämmiger Polizist mit kurz geschorenen Haaren vor ihre Zelle und sprach mit tiefer Stimme: „Erin Porter?" Sie nickte und trat an die Gitterstäbe heran, „Besuch für Sie!" Das Herz ging ihr auf, als sie Scott sah, der hinter dem Detective in ihr Sichtfeld trat. Sein Arm war immer noch einbandagiert, aber Erin hatte den Eindruck, dass sich der Verband längst nicht mehr so straff um seine kaputte Schulter legte. Scott wirkte verunsichert und sah auch recht blass aus, ein Zeichen dafür, dass die letzten Ereignisse auch ihre Spuren bei ihm hinterlassen hatten. Trotzdem lächelte er vorsichtig und begrüßte sie mit einem leisen: „Hallo Erin!", das sich wie Balsam auf ihr verängstigt pochendes Herz legte. Der Cop öffnete die Schiebetür, die rasselnd und scheppernd zur Seite rutschte. Wenn man einen Ausbruchsversuch unternehmen wollte, eignete sich diese lärmende Tür garantiert nicht dafür. Wieder wurden ihr Handschellen angelegt, ehe sie überhaupt einen Fuß aus der Zelle setzen konnte. Dann wurden sie und Scott in eine kleine Nische an einen leeren Schreibtisch gebracht, um den sich herum zwei Cops postierten, deren Gesichter Erin nicht kannte.
Sie empfand es schon als etwas albern, dass sie sich so nah bei ihr aufstellten, doch mit dem Gedanken daran, dass sie vielleicht einen Mord begangen hatte, waren die Vorsichtsmaßnahmen der Polizisten wesentlich nachvollziehbarer. „Erin!", seufzte Scott und trat an sie heran, um sie fest in seine Arme zu schließen. Eine Geste, die Erin mehr sagte als tausend Worte. Er hasste sie nicht. Vielleicht glaubte er sogar an ihre Unschuld. „Keinen Körperkontakt, bitte!", mahnte der größere der beiden Polizisten, der einen dunklen, buschigen Schnauzbart trug, der entfernt an den von Jim Gordon erinnerte. Wahrscheinlich eiferte ihm jemand auch optisch nach.
Scott löste sich widerwillig von ihr und musterte sie eindringlich: „Geht es dir gut?" Erin nickte. Sie hatte die ganze Geschichte überlebt, dahingehend ging es ihr wirklich gut. Dass sie aufgewühlt und verzweifelt war, musste sie Scott nicht extra beibringen. Langsam setzten sie sich einander gegenüber unter den Argusaugen der beiden Cops. Erin realisierte erst jetzt, dass sie durch die Handschellen nicht in dem Maß kommunikationsfähig war, wie sie es sich gewünscht hätte.
„Erin, das halbe Krankenhauspersonal steht deinetwegen Kopf. Und Le Gardien sowieso. Wir waren alle fassungslos, als uns der Commissioner darüber informiert hat, dass du verhaftet worden bist. Was ist denn nur passiert?" Die junge Frau wusste nicht so recht, wo sie anfangen sollte und wie viel Scott bereits wusste. Sie begann ihm, soweit es ihr möglich war, darzustellen, dass sie sich noch erinnern konnte, die Bushaltestelle aufgesucht zu haben und Matthew in einem roten Pontiac vorfahren gesehen zu haben. Danach war alles schwarz. Als sie ihm die komplizierteren Zusammenhänge mit dem Rohbau des Wolkenkratzers erklären wollte, auf dem der Joker sie abgesetzt hatte, verlor Scott den Faden und wandte sich an einen der beiden Polizisten, die sich mit großen Vergnügen die Beine in den Bauch standen. „Können Sie ihr nicht wenigstens jetzt die Handschellen abnehmen? Sie ist stumm, verdammt noch mal, soll sie sich jetzt über Telepathie mit mir unterhalten?" Erin hielt inne und sah dabei zu, wie die beiden Beamten einen unsicheren Blick wechselten. „Tut mir leid, aber Vorschrift ist Vorschrift." Damit war die Debatte für sie beendet.
Scott stöhnte frustriert auf, aber seine jüngere Kollegin schüttelte den Kopf und legte die Hand, so weit es die Fesseln zuließen, kurz auf die seine, um ihn zu beruhigen. Scott strich sich mit der gesunden Hand über die Wange, das seidig schwarze Haar kräuselte und wellte sich leicht aufgrund der Luftfeuchtigkeit, einzelne Strähnen fielen ihm in die Braue und zuckten mit seinen Wimpern, wenn er blinzelte. „Ist es wahr, dass du verdächtigt wirst, Matthew getötet zu haben?", fragte er leise, fast nur geflüstert nach. Erin holte tief Luft und nickte dann. Es fühlte sich ein wenig wie ein Schuldeingeständnis an. „Ich verstehe nicht, wie das alles passieren konnte...dass er überhaupt gekommen ist, um dich abzuholen. Er hat nichts dergleichen den anderen in Le Gardien davon erzählt. Wieso er sich diesen Wagen gemietet hat, ist mir auch ein Rätsel...er kann sich das doch überhaupt nicht leisten." Sie zuckte nur ratlos die Achseln. Das Ganze war für sie ein mindestens genauso großes Mysterium wie für ihn. „Die Vorwürfe sind doch lächerlich!", schnaubte Scott abfällig und musterte Erin, die ziemlich mitgenommen wirkte, ehe er leise hinzusetzte: „Sind sie doch, oder?"
Sie streifte sich die blonden Strähnen aus dem Gesicht und seufzte. Dann legte sie die linke Hand auf ihre Brust, richtete dann die Zeigefinger beider Hände aufeinander, schob den rechten in einer schnellen Bewegung nach unten und legte die rechte Hand dann an ihre Stirn, um sie in Begleitung mit dem leisen Klirren der Kette nach unten sinken zu lassen. Sie konnte sich nicht erinnern, konnte also nicht ausschließen, es getan zu haben.
„Aber...ich meine...die müssen doch Beweise haben oder so. Die können dich doch nicht auf bloßen Verdacht hin hier festhalten." Seine warmen braunen Augen ruhten auf ihrem Gesicht und obwohl sie viel lieber diesen hoffnungsvollen Ausdruck in Erinnerung behalten hätte, wusste sie, dass sie ihn enttäuschen musste. Sie zeigte ins Leere und vollführte eine Bewegung, als würde sie einen dünnen Bindfaden zwischen Daumen und Zeigefinger klemmen und diesen aufheben. Zuletzt deutete sie auf ihre Fingerkuppen und formte dann eine Waffe mit der rechten Hand. Scott starrte sie lange an, sodass Erin zunächst glaubte, er hätte sie nicht verstanden, doch als sie die Geste wiederholen wollte, legte er die Hände auf ihre und ließ auf das missfällige Grunzen der Wärter hin wieder von ihr ab. „Aber...wie ist das möglich?" Erin fühlte sich elend. Ein Kloß wuchs in ihrer Kehle heran und erschwerte ihr das Atmen. Tränen brannten irgendwo hinter ihren Lidern, aber sie drängte sie verbissen zurück. Sie konnte nur noch den Kopf schütteln. Sie wusste es einfach nicht, konnte ja noch nicht einmal mit absoluter Sicherheit behaupten, dass sie es nicht gewesen war. „Ich glaube nicht, dass du zu so etwas fähig wärst. Weswegen solltest du es auch getan haben? Du hattest keinen Grund und eine Waffe besitzt du doch gar nicht." Erin schüttelte den Kopf und ließ ihn dann hängen. Sie wusste genauso viel, oder besser gesagt wenig, wie er.
„Was geschieht jetzt?", fragte er leise und Erin formte mit beiden Daumen und Zeigefingern kleine Os, von denen sie die übrigen Finger abspreizte, ehe sie diese abwechselnd zueinander hoch und hinunter bewegte. Sie rechnete damit, dass eine weitere Anhörung erfolgen würde, bis der Fall der Staatsanwaltschaft übergeben und er vor Gericht zu einem Ende gebracht werden konnte. Solange wie die Bearbeitungsprozedur andauerte, würde sie entweder hier festsitzen oder aber gegen eine der Schwere der Anschuldigung angemessene Kaution zumindest in Gotham auf freiem Fuß sein.
„Kann ich etwas für dich tun?", fragte er unsicher, wollte wieder nach ihrer Hand greifen, besann sich dann aber rechtzeitig, dass dies nicht gestattet war. Erin brachte ein schiefes Grinsen zustande und kreuzte die Handgelenke, um sie dann so schwungvoll, wie es die kurze Kette zuließ, wieder auseinander zu ziehen. Er konnte in der Tat etwas für sie tun, er konnte ihr beim Ausbruch behilflich sein. Scott erwiderte ihr Lächeln. „Du weißt, ich würde es tun, wenn ich könnte", sagte er dann traurig, worauf Erins Lächeln sanfter wurde. „Sobald die Gerichtsmedizin seinen Leichnam freigibt, wird Matthew beigesetzt", merkte er tonlos an und schüttelte den Kopf, während er wie in Trance ins Leere starrte. „So richtig hab ich noch nicht begriffen, was da passiert ist. Ich dachte, alles würde wieder gut werden, als du aus dem Krankenhaus entlassen worden bist und dann...wird all dem noch einer oben drauf gesetzt. Hast du Schmerzen? Wirst du medizinisch versorgt?" Erin rieb sich über die Wange und schüttelte den Kopf, machte eine wegwerfende Handbewegung. Ihr lädierter Muskel hatte eine waghalsige Kletterpartie ohne Netz und doppelten Boden überstanden, da glich der Aufenthalt in dieser winzigen Zelle vergleichsweise Ferien auf einem Ponyhof. „Nell hat mich angerufen noch bevor es Officer Treather getan hat. Sie war völlig aufgelöst und hat von den Fernsehberichten erzählt. Hast du das mit dem Joker mitbekommen?"
Erin wurde automatisch hellhörig. Ihr Herz krampfte sich kurz zusammen, nur um dann energischer das Blut durch ihren Körper zu pumpen. Sie schüttelte irritiert den Kopf. „Er hat gedroht, halb Gotham in die Luft zu jagen, wenn die Polizei die Vorwürfe gegen Batman nicht zurückzieht. Es lief den ganzen Vormittag hoch und runter. Es war unglaublich." Erin setzte sich aufrecht hin, schaute Scott mit offenem Mund an, ehe sie ins Leere deutete und dann Daumen und Zeigefinger beider Hände gleichzeitig aneinander führte. „Ja, Commissioner Gordon hat eine Pressekonferenz abgehalten, in der er hat verlauten lassen, dass Harvey Dent angeblich die Morde begangen haben soll, die Batman in die Schuhe geschoben worden sind. Kannst du dir das vorstellen? Die Polizei hat ein schwerwiegendes Verbrechen vertuscht. Der Skandal macht schon den ganzen Tag die Runde." Erin wusste nicht, wie sie die Neuigkeiten aufnehmen sollte. Jetzt wurde ihr zumindest klar, warum sie und die anderen Häftlinge vorübergehend in einen Transporter umgesiedelt worden waren und warum der Commissioner derzeit indisponiert war. Was das für ihren Fall bedeutete, konnte sie nicht einschätzen.
„Die haben angeblich schon einen Bullen aus Chicago für den Posten des Commissioners herangezogen. Was daran wahr ist, weiß ich allerdings nicht", teilte ihr Scott mit. Ein neuer Commissioner! Erin biss sich in die Unterlippe. Ihre Chancen, einer schwerwiegenden Anklage zu entgehen, würden beachtlich schwinden, wenn es nicht mehr Gordon war, der in Gotham City das Sagen hatte. Jim Gordon war allein schon skeptisch gewesen, was die Beweislast gegen Erin anbelangte, aber er war ihr persönlich zumindest wohl gestimmt gewesen. Das konnte sie nicht von einem wildfremden neuen Polizeichef behaupten, der vor allen Dingen nicht mit den Taten des Jokers vertraut war. Scott schien zu ahnen, dass die Neuigkeiten ihr Unbehagen bereiteten. „Hör zu, Erin...ich glaube an deine Unschuld und Le Gardien steht geschlossen hinter dir. Du musst das nicht allein durchstehen." Sie lächelte ein schmales Lächeln, weil sie begriffen hatte, dass bei aller mentalen Unterstützung und allem Beistand aus ihrem Freundeskreis letztlich die Jury vor Gericht entscheiden würde. „Wie hoch ist die Kaution?", fragte er, woraufhin sie ihn verblüfft anschaute und den Kopf schüttelte. Nein, niemand aus ihrem Freundeskreis würde die horrende Summe aufbringen können, die sie zwischenzeitlich bis zur endgültigen Verhandlung auf freien Fuß setzen würde. Abgesehen davon konnte und wollte sie es nicht von ihnen abverlangen. „Aber...Erin, wir wollen dir helfen. Keiner von uns glaubt daran, dass du...", er senkte die tiefe Stimme ein wenig, schien nach den richtigen Worten zu suchen und fügte dann an, „...dass du Matthew getötet haben sollst. Wir stehen alle noch unter Schock und die Kinder fragen wohl schon nach dir und ihm."
Erin lief es kalt den Rücken hinunter. Die Kinder. Die hatte sie fast völlig vergessen in dieser Bredouille, in der sie steckte. Was, wenn sie Wind von der Geschichte bekamen? Würde eine Heimkehr für sie immer noch dasselbe sein, wenn noch immer die Anschuldigungen gegen sie ihre langen Schatten über sie warfen? War wirklich jeder auf ihrer Seite oder herrschte auch Skepsis vor? Erin beschlich mit Grausen der Gedanke, dass ihr Zuhause womöglich nie wieder das sein würde, was sie in Erinnerung behalten hatte, sofern sie je wieder einen Schritt in Freiheit tun würde. Das Gefühl, nicht mehr willkommen zu sein, ähnelte dem tiefschürfenden Schmerz, den sie empfunden hatte, als sie damals Danny in Grahamsville zurückgelassen hatte. Erin kam nicht umhin, zu glauben, dass sie zum zweiten Mal in ihrem Leben ein Zuhause verloren hatte.
„Was hast du? Hey...", redete Scott auf sie ein und vergaß beinahe das Verbot, sie zu berühren. Sie schaute wieder zu ihm auf und konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich zuletzt so elend gefühlt hatte. Tränen rollten in dünnen Bindfäden über ihre Wangen, sammelten sich an der kleinen Kuhle in ihrem Kinn und perlten von dort ab. „Erin...", Scotts Stimme war leise, betroffen und so traurig, dass sie glaubte, ihr Herz würde für den nächsten Schlag aussetzen. Sie hätte ihn so gern umarmt, hätte ihn festgehalten, ja, hätte ihn geküsst, hätten die Wärter nicht bereits erwartungsvoll neben ihr gestanden, um derartige Gedanken bereits in ihrem Keim zu ersticken.
„Ich glaube, die Besuchszeit ist zu Ende", merkte der ältere der beiden Polizisten an, dessen ergrauender Haaransatz nicht zu übersehen war. „Was denn, jetzt schon?", platzte es ungehalten aus Scott heraus, dessen Hilflosigkeit mit jeder Träne Erins wuchs. „Dass Sie Miss Porter überhaupt besuchen konnten, verdanken Sie dem Umstand, dass sie keine Telefonanrufe tätigen kann und unserem Entgegenkommen. Es ist keinesfalls selbstverständlich." Die junge Frau wusste nicht recht, ob die Worte des Cops entschuldigend gemeint oder schlicht und ergreifend von Arroganz über seine Lippen getrieben worden waren. Ohne rechte Verlegenheit zu empfinden, wischte sich Erin mit den Handkanten die Wangen trocken und erhob sich. Scott tat es ihr gleich. Ihr fiel auf, dass er die Hand des einbandagierten Armes zur Faust geballt hatte. „Kann ich sie morgen noch einmal besuchen kommen?", fragte er leise, deutliche Verärgerung schwang in seinem Tonfall mit, aber gleichzeitig realisierte er, dass Trotz und Forderungen hier fehl am Platze waren. Wenn er etwas erreichen wollte, dann nur, indem er sich den Polizisten beugte, die Hahnenkämpfe darum zu veranstalten schienen, wer bis zur Ankunft des neuen Commissioners das Sagen auf der Wache hatte. „Das können wir jetzt nicht allein entscheiden", lautete die Antwort des ergrauten Cops. Erin nahm sich vor, Officer Treather noch einmal um einen Gefallen zu bitten und hoffte, dass er sich nicht gerade für dieses Wochenende frei genommen hatte.
Scott nickte verdrießlich. Seine Züge wurden etwas weicher, als er sich der blonden, wesentlich kleineren Frau zuwandte, und murmelte: „Ich komm so schnell wieder wie ich kann, Erin. Sei solange stark", er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und streckte die Hand aus, um ihr nur sehr sanft über die Wange zu streichen. „Keinen Kör...", hob der jüngere Polizist an, doch Scott erlaubte sich, ihm ins Wort zu fallen: „Keinen Körperkontakt, schon verstanden." Er zog die Hand zurück, seufzte dann schwer und sagte: „Wenn Miss Porter irgendetwas braucht, bitte ich Sie, mich zu verständigen. Auch über mein Mobiltelefon", er händigte den Polizisten eine Visitenkarte aus und bedachte seine Kollegin mit einem durchdringenden Blick, ehe er die Jacke schloss und sich zum Gehen umwandte. Ihm dabei zuzuschauen, wie er sie zurückließ, hatte etwas seltsam Endgültiges an sich, eine gewisse Essenz von Hoffnungslosigkeit. Ohne sich dessen recht bewusst zu sein, fragte sich Erin, ob sich Danny ähnlich gefühlt hatte, als sie gegangen war.
***
Michael Bryntowsky rückte seine sonnengelbe Krawatte zurecht, während er seine ehrwürdigen Gesichtszüge in der Spiegelwand über den Waschbecken der Herrentoilette genau betrachtete und wieder einmal feststellte, dass ihn das fortschreitende Alter nur noch ansehnlicher machte. Sicher, hier und da durchzog eine graue Strähne das dünner werdende dunkelbraune Haar, und auch die ein oder andere Falte zeichnete seine strengen Züge, aber weder das eine noch das andere ließen ihn in irgendeiner Weise unattraktiv erscheinen. Er wog kein Gramm zu viel, hatte für seine 52 Jahre eine beachtlich gut erhaltene Figur und jetzt schon ausgesorgt. Mehr interessierte den Bryntowsky, den Nachlassverwalter von Jonathan und Claudia Randall, herzlich wenig. Die Bank, deren Vorstand er angehörte, schrieb schwarze Zahlen und hatte bislang jede wirtschaftliche Talfahrt ohne größere Einbußen überstanden. Es gab also absolut nichts, was seine Stimmung hätte trüben können. Er richtete seine Frisur, rieb polierend mit dem Zeigefinger über die vorderste Reihe seiner Zähne und wusch sich dann die Hände. Es war an der Zeit, für heute Feierabend zu machen. Die Ereignisse des heutigen Tages hatten Bryntowsky zwar nicht kalt gelassen, aber auch nicht im Übermaß schockiert. Es hatten sich viele Dinge bewahrheitet, die er ohnehin schon längst vermutet hatte. Dass Polizeichef Gordon nun öffentlich zugegeben hatte, mit gezinkten Karten gespielt zu haben, bestätigte nur noch seinen eigenen Eindruck vom Commissioner, der vor einigen Tagen tatsächlich versucht hatte, an das Guthaben der Randalls heranzukommen. Unter dem Vorwand, dieser verrückte Verbrecher, der sich wie ein Clown vor seinem Auftritt schminkte, hätte ein Auge auf das Erbe des einzigen Sohnes der Randalls geworfen, hatte er auf ihn eingeredet, sodass es Bryntowsky schnell bereut hatte, ihm einen Termin zugesichert zu haben. Er hatte alles Nötige gesagt, um den seiner Meinung nach viel zu neugierigen Bullen zu beruhigen. Das Guthaben war in der unterirdischen Safeanlage sicher und durch ein einen zehnstelligen Zahlencode geschützt, den nur er kannte. Bei falscher Eingabe verriegelte sich der Tresorraum und sendete ein automatisches Notrufsignal an die Polizei. Abgesehen davon, dass jeder Cent, der in der Dexter & Brentowsky Bank of Gotham City gelagert wurde, sicherer als sonst irgendwo auf der Welt war, glaubte das alternde Seniorratsmitglied nicht daran, dass irgendetwas an Gordons Befürchtungen Hand und Fuß hatte.
Dieser Joker hatte schon lange damit aufgehört, Banken zu plündern, wahrscheinlich war es ihm zu eintönig geworden. Ganz egal, was sein Beweggrund gewesen war, andere Ziele anzupeilen, Bryntowsky interessiere sich nicht dafür. Alles was zählte, war das eigene Geschäft. Sein Mobiltelefon fing an zu klingeln, doch ehe er es aus der Jacke seines Jacketts gefischt hatte, war es auch schon wieder verstummt.
Er runzelte die Stirn und stieß einen leisen Fluch aus, als unweit von ihm eine merkwürdig verzerrte, in Mark und Bein übergehende Stimme ertönte: „Da hat sich bestimmt einer...äh...verwählt." Der Bankier drehte den Kopf und nahm erst jetzt bewusst wahr, dass am anderen Ende der Waschbeckenreihe, die in dem Ausgang der Herrentoilette mündete, ein großer Mann in einen langen lilafarbenen Mantel mit Schwalbenschwanz lehnte und mit so etwas, das ihn an einen Lippenstift erinnerte, die breite, groteske Sichel von einem Mund blutrot nachmalte, ehe er sein Kunstwerk im Spiegel bestaunte und mit skurriler Eitelkeit den schmutzigen und krausen Schopf mit seinen Fingern zu kämmen versuchte. Er drehte ihm den Kopf zu und bleckte die gelben Zähne durch das verstörend humorlose Lächeln, das sich weit bis auf seine weiß bemalten Wangen erstreckte. Bryntowsky versuchte zu schlucken, aber nicht einmal das wollte ihm so recht gelingen. Der Joker, der wohl meistgesuchte Verbrecher, der je in Gotham City sein Unwesen getrieben hatte, stand nur circa fünf Meter von ihm entfernt auf dem Gang der Herrentoilette und frischte seine Kriegsbemalung auf. Wäre er dazu in der Lage gewesen, hätte sich Bryntowsky selbst gekniffen, doch er war nur dazu fähig, sein Gegenüber bedröppelt anzustarren. „Hi", grüßte ihn der Clown auf der anderen Seite des Raumes und hob spöttisch die rechte Hand, die in einem dunklen Lederhandschuh steckte. Zwischen dem Saum des Handschuhs und des Mantelärmels wurden durch diese Bewegung wenige Zentimeter menschlicher Haut sichtbar, die absurd und unheimlich im Anbetracht der Kostümierung dieses kaltblütigen Verbrechers wirkten. Der Gedanke, dass ein Teil – und noch dazu ein nicht unbeachtlicher – dieses Ungeheuers, das da nur wenige Meter von ihm entfernt auf ihn lauerte, tatsächlich menschlich war, schien seltsam unwirklich. Der Banker brachte eine weitere Minute damit zu, den Joker fassungslos anzuglotzen, der sich hingegen nur amüsiert über die frisch geschminkten Lippen leckte. Erst dann schien die Lähmung, die von all seinen Gliedern Besitz ergriffen hatte, abzuebben. „Wie...wie sind Sie hier reingekommen?", er war bemüht, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen, scheiterte allerdings kläglich an diesem Versuch.
„Wie...wiewiewie ich hier reingekommen bin?", wiederholte der Joker und legte den Kopf schief: „Durch die Tür, schätze ich. Genau wie Sie", er zeigte mit dem Finger auf ihn und kniff die braunen Augen zusammen, sodass sie gänzlich in den schwarzen Mulden aus Farbe zu versinken schienen, die sie umgaben. Bryntowsky zwang sich dazu, ruhig zu bleiben, was in dieser Situation mehr Kraft erforderte, als er sich je zu erträumen gewagt hatte. „Sie haben hier nichts verloren", versuchte er es dann mit einer kleinen Portion Mut, obwohl er gleichzeitig spürte, wie ihm der Schweiß auf den Schläfen ausbrach. Es war eine Sache, die wirren Bekanntgaben des Jokers im Fernsehen zu sehen, in Wirklichkeit und Farbe hingegen sah das ganz anders aus. „Oh, ich denke doch. Jaaa, ich denke doch, doch, doch." Der Joker schürzte die Lippen und musterte den Banker abschätzend von oben bis unten. Die dunklen, ausdruckslosen Augen erweckten den Eindruck, sie gehörten zu einer Bestie, die ihr nächstes Opfer genauestens prüfte, bevor sie darüber herfiel.
„Was wollen Sie?", Bryntowsky widerstand dem übermächtigen Drang, sich den Schweiß mit einem Taschentuch von der Schläfe zu tupfen, was seinem Gegenüber seine Schwäche und Angst verraten hätte. Dem Finanzexperten war nicht klar, dass dies ein wirklich armseliger Versuch war, dem Joker etwas vorzumachen. Dieser nahm die beklommene, angespannte Haltung des Bankiers mit einem schmalen Grinsen zur Kenntnis, ehe er langsam damit begann, mit unerwarteter Eleganz auf ihn zuzuflanieren. Instinktiv wich er zurück und stieß mit den Schultern gegen die kalten Fliesen der Toilette. Ein Mundwinkel des Jokers wanderte boshaft nach oben, verwandelte seine linke Wange in eine Furche eines umgegrabenen Ackers. „Was wollen Sie, verdammt nochmal?", schrie der Bankier hinaus, als der Joker nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war und ein Messer mit geriffelter Klinge zückte. „Was ich will? Nun...iiiich...möchte ein Konto eröffnen", Bryntowsky hielt den Atem an, als er die Schneide des Messers an seiner Kehle spürte, „übrigens...", fuhr der Joker gedehnt fort und richtete seine düsteren Augen auf die vor Angst geweiteten Pupillen des Nachlassverwalters, „...haben Sie eine Lebensversicherung abgeschlossen?"
Vier Stunden später saß der Joker in dem schattigen Winkel eines schlicht möblierten Raumes auf dem durchgesessenen Polster eines alten Sessels und zählte ohne große Präzision die Hundertdollarnoten, auf denen er saß, schnippte ab und an eine in Alex' Richtung, der auf dem löchrigen weinroten Teppich des vorübergehenden Domizils des Jokers saß und apathisch ins Leere starrte. Eine fleckige grüne Decke, an die er sich klammerte, lag auf seinen Schultern ohne dass sie ihm wirklich viel Wärme zu spenden vermochte. Gelangweilt von den vielen abstrakten Zahlen, die ihm im Kopf herumflogen, setzte sich der Joker auf und betrachtete seine bloßen Hände im Licht der schummrigen Lampe, die weit genug von den mit dunklen Decken zugehängten Fenstern stand, sodass niemand wirklich erkennen konnte, dass sich jemand in der kleinen Einzimmerwohnung aufhielt. Genauso wenig wie irgendjemand wusste, dass ihr eigentlicher Eigentümer gerade mit dem Gesicht nach unten flussabwärts schwamm. Seine Fingernägel waren mit geronnenem Blut verkrustet, das er gedankenlos vor sich hinsummend abpulte und zu Boden rieseln ließ, ähnlich wie es die Wolken draußen mit dem Schnee veranstalteten, dessen sie überdrüssig geworden waren. Der Blick des Jokers fiel auf den kleinen fingerlosen Bastard, dessen verstümmelte Hand provisorisch mit weißem Leinen umwickelt war. Zwei bunte Kinderpflaster hielten den Verband zusammen, der zumindest nicht mehr blutdurchtränkt war wie in den letzten Tagen. Wenigstens quengelte er nicht mehr. Seit er aufgehört hatte, zu heulen und um sein Leben zu betteln, schien es, als sei er ganz verstummt.
Dem Joker konnte es nur recht sein. Er hatte in Erfahrung gebracht, was er wissen wollte und konnte es eigentlich kaum erwarten, sich des kleinen Anhängsels zu entledigen. Alex war ihm ein Klotz am Bein. Er war wie ein lästiges Haustier, an dem man bereits nach zwei Tagen jegliches Interesse verloren hatte, bei dem man aber dennoch dazu gezwungen war, sich darum zu kümmern. Allerdings konnte der Joker Alex noch nicht entbehren. Klar, er hatte seinen Spaß mit ihm gehabt, hatte ihm gezeigt, dass es der höchsten und schwerwiegendsten Kategorie von Dummheit angehörte, ihn übers Ohr hauen zu wollen, doch er ließ ihn nicht deshalb am Leben, weil er mit seiner Lektion noch nicht fertig war. Alex hatte noch eine Rolle in seinem kleinen Stück zu spielen, doch damit der zweite Akt überhaupt eingeleitet werden konnte, musste sich der Joker erst einmal um die kleine Erin kümmern. Gordons Suspension war ein guter Anfang gewesen, keine Frage, obwohl er gern später noch einmal auf den guten Commissioner zurückkommen wollte. Es hatte ihn über alle Maßen amüsiert, dass sie kopflos seine Drohung ernst genommen hatten, dabei hatte er bei weitem nicht so viele Bomben deponiert wie er angekündigt hatte. Grundlegend hatte er testen wollen, wie viel Gotham aus seinen früheren Fehlern gelernt hatte und mit wachsender Genugtuung hatte er festgestellt, dass mehr und mehr Leute dazu bereit waren, nach seiner Pfeife zu tanzen. Dass sie den Commissioner in Frage gestellt hatten, jetzt seine Autorität anzweifelten und somit selbst einen der wenigen Cops, die dem Joker gefährlich werden konnten, aus dem Verkehr zogen, zeigte nur, wie besessen und erpicht diese zivilisierten Menschen darauf waren, einen Sündenbock zu haben, auf den sie all ihre Fehler und Schwächen projizieren konnten.
Erin erwies sich allerdings als wesentlich interessanteres Spielzeug. Sie hatte ihn schon ein klein wenig beeindruckt mit ihrem Überlebenswillen und ihrem Trotz gegen die Höhenangst. Sehr gut. Damit hatte sie bewiesen, dass sie sich für eine größere, ja, vielleicht sogar für die Hauptrolle in seinem finsteren Spiel eignete, wenngleich sie davon jetzt noch nichts ahnte und bestimmt todunglücklich war. Ja, im Moment war sie mit Sicherheit verzweifelt. So sicher des Mordes beschuldigt wie Batman der Geschwindigkeitsübertretung mit seinem monströsen, seiner Meinung nach ziemlich albernen Gefährt, würde Erins Angst, ihre Sorge, die Verzweiflung, ihre Wut prächtig gedeihen wie eine Pflanze am besten Platz unter der Sonne. Sie erlebte gerade am eigenen Leib, wie falsch und wie ungerecht diese Welt wirklich war, die sich als tugendhaft und gut verkleidete, unter ihrer Maske aber nur Frevel und Tücke verborgen hielt. Erin war noch nicht soweit. Sie hielt noch zu sehr an ihren Prinzipien, ihrer Moral und ihren Gefühlen fest. Doch sie musste sich darum keine Gedanken machen, denn er, der Joker, würde höchstpersönlich dafür sorgen, dass sie aufwachte und realisierte, dass sie immer dann das Opfer und die Gefangene sein würde, wenn sie sich der Diktatur sogenannter Gerechtigkeit und Demokratie unterwarf. Ein Grinsen, das fast schon an ein Lächeln anmuten wollte, huschte über seine rauen Lippen, deren rote Farbe schon wieder leicht verblasste. Seine kleine Erin. Sie würde noch ihr blaues Wunder erleben.
Er neigte den Kopf nachdenklich zur Seite und spielte mit der Schneide eines seiner Messer. Das glatte, scharfkantige Metall drängte sich in seine Finger, die übersät waren mit lauter kleinen Schnitten, Narben und Wundmalen, die nie so ganz verheilt waren. Nur eine dieser Narben hatte er sich selbst zugefügt. Sie kreuzte seine Lebenslinie fast genau mittig. Das orange-gelbliche Licht, das die Lampe an die Umgebung abstrahlte, liebkoste die Klinge des Messers, wanderte an ihr auf und ab, wann immer der Joker die Schneide bewegte.
„Hey,...äh...Alex?", sprach er dann ohne den Blick von der Klinge zu nehmen, die geschmeidig in seiner Hand lag, so als wäre sie ein Teil von ihm. Der Bursche reagierte nicht, bis der Joker wahllos hinter sich griff und ein leeres Glas nach ihm warf, das der Wohnungsinhaber auf dem kleinen Beistelltisch vergessen hatte. Eine dunkelrote Substanz hatte sich am Boden des Glases abgesetzt, die süßlich schwer nach abgestandenem Rotwein roch. Das Glas verfehlte Alex nur knapp und landete mit lärmendem Scheppern auf dem harten, mit schiefrigen Dielen ausgelegten Boden, rollte wenig anmutig über das altersschwache Parkett und blieb letztlich antriebslos liegen. Es war durch den Aufprall nicht ganz kaputt gegangen, sondern hatte nur einen langen, schiefen Riss behalten. Eine Narbe.
Der Joker grinste, als Alex endlich zu ihm schaute. In seinen Augen lag tief sitzende Angst, die sein apathisches Starren überwand und ihn dazu zwang, seinem Peiniger gefälligst Respekt zu zollen. Langsam drehte sich der Joker, setzte seine schuhlosen Füße auf den Teppich ab und stützte die Arme auf die Knie, während er sich vorbeugte. Das leicht gelockte Haar fiel ihm in die Stirn, aber er machte sich nicht die Mühe, es aus seinem vernarbten Gesicht zu streichen. „Was hältst du davon, wenn wir deiner lieblichen Kunstlehrerin Miss Porter...einen...sagen wir...Freifahrtsschein ausstellen, hm?" Alex reagierte nicht, glotzte ihn nur ausdruckslos aus seinen beunruhigend blauen Huskyaugen an. Im Prinzip war er auch nichts anderes als ein jämmerliches Hündchen, das alles über sich ergehen ließ, was seinem Herrchen vorschwebte. „Du...äh...du willst doch auch, dass sie wieder frei kommt, oder? Schließlich...ist sie unschuldig", er nickte emsig; Alex hingegen starrte ihn zutiefst verängstigt an, ähnelte einmal mehr dem verschreckten Kaninchen im Angesicht der Schlange. „Wenn...wenn sie freikommt, Alex, dann", er holte tief Luft, so als würde er in jedem Moment auf Tauchgang gehen, „dann wirst auch du bald frei sein."
Der Junge schaute ihn unverwandt an, schien herauszufinden wollen, ob der Joker die Wahrheit sprach. Und oh ja, das tat er. Die Frage war nur, wie man die Wahrheit auslegte. Alex sagte immer noch nichts und der Joker war versucht, ihm die nutzlose Zunge herauszureißen, hielt aber sein Temperament im Zaum, weil er eigentlich gute Laune hatte. Wieso auch nicht? Schließlich hatte er mit links eine halbe Bank ausgeräumt. Gut, der Pfad, den er hinterlassen hatte, war mit der einen oder anderen Leiche gepflastert gewesen, aber die Damen und Herren waren selbst schuld gewesen, wenn sie gemeint hatten, sich ihm unbedingt in den Weg stellen zu müssen. Er legte es nicht unbedingt darauf an, eine Lebenskerze auszupusten, aber wenn er etwas nicht leiden konnte, dann war es, wenn man ihn und seine Motive unterschätzte. Wer ihn nicht ernst nahm, musste genauso bluten wie die, die ihm zu viel Vertrauen schenkten. Er war das Chaos, nicht korrumpierbar, durch nichts zu erweichen außer durch sich selbst. Letzteres war noch nie vorgekommen. Er lächelte grimmig und fischte das Mobiltelefon aus der Tasche seines Mantels, der über der Armlehne lag und wohl erst einmal in die Reinigung musste. In seinem Job konnte man diverse Flecken einfach nicht vermeiden. Er löste den obersten Knopf seines grün-orange gescheckten Hemdes, das er sich erst kürzlich angeschafft hatte, um seine Garderobe ein wenig zu erweitern, und lockerte die dunkelrote Krawatte, ehe er sich zurücklehnte und es sich bequem machte. Schließlich hatte er jetzt Feierabend und nach getaner Arbeit sein gutes Recht, die Füße hochzulegen.
Er hatte nur wenige Nummern auf seinem Telefon, dessen GPS Sender er lahm gelegt hatte, und suchte nun nach der Rufnummer des größten Fernsehsenders in Gotham City. In weniger Minuten liefen die Nachrichten an und vielleicht kam der Joker ja in den Genuss, als Sondermeldung eingespielt zu werden. Er stellte sich dann immer vor, wie die Zuschauer vor den Fernsehgeräten ausrasteten, vor Angst schlotterten und alle auf Vernunft ausgelegten Sensoren in ihren kleinen niedlichen Köpfen durchbrannten. Es war zu leicht, die so säuberlich gehegte und gepflegte Ordnung dieser Menschen zu zerstören, ihre bezaubernden Welten, in denen sie lebten, aus den Fugen geraten zu lassen. Erst wenn der Mensch der Ungerechtigkeit dieser Welt gewahr wurde, vielleicht indem er verlor, was ihn zu einem Mitglied dieser anerkannten Gesellschaft machte – sei es Vermögen, der gute Ruf, seine Moral oder auch die ach so große Liebe – konnte er sich über ihre Schlechtigkeit erheben und das zurückerlangen, was sie ihm genommen hatte. Freiheit.
Er rutschte auf dem alten Polster herum und versuchte, eine möglichst bequeme Position zu finden, legte die Beine über die linke Armlehne, wobei er seinen Kopf in die weiche Nische zwischen Rücken- und Armlehne der anderen Seite platzierte. Wie gut, dass er schon morgen weiterziehen würde. Das nächste Mal würde er sich ein besser möbliertes Appartement aussuchen, in dem er sein Quartier für ein paar Tage, wenn es gut lief, auch Wochen, aufschlug. Er begutachtete das Display seines Telefons und drückte die Wahltaste, als er mit dem Cursor auf der entsprechenden Nummer gelandet war. Mit einer diebischen Freude und einem gewissen Maß an freudiger Aufgeregtheit wartete er die Ruftöne des Telefons ab. Mit jedem unbeantworteten Hupen wuchs seine Vorfreude. Wenn niemand auf der anderen Seite der Leitung den Anruf beantwortete oder ihn möglicherweise sogar abwimmelte – was, zugegeben, noch nie vorgekommen war – würde er sich halt einen anderen Sender aussuchen, dem er seine Bekanntgabe zukommen ließ. Letztlich rissen sich diese Reporter immer um hohe Einschaltquoten. Egal, was sie verursachte, es war willkommen, mochte es noch so schrecklich sein. Es war faszinierend, wie sehr sich diese sogenannten guten Menschen von entsetzlichen Bekanntmachungen in den Bann ziehen ließen, wie viel Profit Sendestationen aus der Übertragung von Bildern oder Dokumentationen erschütternder Ereignisse schlugen. Dieses innere Lechzen nach Katastrophen, nach Sensationen auf Kosten anderer Menschenleben, wohnte in jedem von ihnen da draußen inne. Nur zugeben würde es kein einziger freiwillig. Sie fanden es schließlich auch nur dann unterhaltsam, solange sie nicht selbst Teil der Show waren. Armselig. Ja, das waren sie alle mit ihrer illusorischen Weltanschauung, ihr Leben im Griff zu haben, mit ihren permanent kreisenden Gedanken, dass ihnen so etwas nie zustoßen würde, was in den Abendnachrichten hoch und runter lief. Mit dem kleinen Wohnungsbrand im Südosten der Stadt hatte er einigen von ihnen einen kleinen Vorgeschmack gegeben, was es hieß, unfreiwilliger Protagonist in einem willkürlichen Abenteuer zu sein, und er musste sagen, dass sie sich alle mehr oder weniger gut geschlagen hatten, diese Marionetten, die sie waren.
Endlich wurde das gleichmäßige Hupen am anderen Ende durch eine hohe, etwas piepsige Stimme unterbrochen, die den Joker amüsierte. Wenn sie noch eine Oktave höher sprach, würden nur Hunde und Fledermäuse wie Batman die von ihr moderierte Sendung verstehen können. „CNBC, der Sender für Gotham und den gesamten Nordosten, Sie sprechen mit Mary-Kelly Rogers, was kann ich für Sie tun?" Mary-Kelly. Wie hübsch. Wahrscheinlich stammte sie aus dem Süden, wie ihr leichter Akzent, den sie bemüht war, zu unterdrücken, vermuten ließ, war strohblond und trug rosa Schleifchen in ihrem Haar. Es fehlte nur noch der bullige Freund, der nur deshalb ein Collegestipendium erhalten hatte, weil er es hervorragend verstand, sich beim Football verprügeln zu lassen und selbst auszuteilen. Der Joker streifte diesen etwas stereotypen Gedanken beiseite und räusperte sich, ehe er sagte: „Hallo Schätzchen." Am anderen Ende herrschte kurz ein nachdenkliches Schweigen, ehe die vorsichtige Frage ertönte: „Wer ist da?"
Der Joker leckte sich die Lippen und erlaubte sich einen kleinen Spaß: „Der Nikolaus, wenn du magst. Oder vielleicht doch eher der Grinch." Alex drehte den Kopf und starrte den Joker angsterfüllt an. ‚Wahrscheinlich hat er ganz andere Spitznamen für mich auf Lager', schoss es ihm durch den Kopf, während sich die Verwirrung der jungen Dame am Telefon steigerte. „Mit Scherzanrufen sind Sie hier an der falschen Adresse", versuchte sie vergeblich, ihrer Stimme, die an zerbrechliches Glas erinnerte, Autorität zu verleihen. „Oh, ich mache keine Scherze, mein Schätzchen...zumindest nicht solch banaler Art. Ich rufe an, weil ich eine Ankündigung machen möchte." Normalerweise formulierte er sein Anliegen nicht auf so förmliche Weise, aber heute war er guter Dinge und erlaubte sich selbst, sich ein klein wenig zu amüsieren. „Wer sind Sie?" Wenn ein bisschen Sicherheit in der puppenhaften Stimme gelegen hatte, so war diese nun völlig abhanden gekommen. „Ich, Schätzchen, bin dein schlimmster Alptraum. Also sei so gut und leite mich an die Sendezentrale weiter, wenn du nicht möchtest, dass ich dich aufspüre und mich eines Nachts in deinem Wandschrank verstecke." Diese durchaus ernst gemeinten Worte wurden leider von der unfreiwilligen Gesprächspartnerin nicht ganz so ernst genommen, oder aber sie fürchtete sich vor ihm. Jedenfalls realisierte der Joker erst wenige Sekunden später durch das einsetzende monotone Hupen, dass es diese kleine Schlampe doch tatsächlich gewagt hatte, aufzulegen. „Kannst du dir das vorstellen, Alex, hm? Mary-Kelly hat einfach so das Gespräch unterbrochen. Das...äh...das können wir doch nicht auf uns sitzen lassen, oder? Was meinst du?" Kalte, ausgebleicht wirkende blaue Augen fixierten ihn, doch der schmale rote Mund öffnete sich nicht, um die Frage des Jokers zu beantworten. Aber er nahm es dem kleinen Schmarotzer nicht übel, weil sie sowieso rhetorisch gemeint gewesen war. Gelassen drückte er auf Wahlwiederholung und lauschte dem langgezogenen Tuten in der Leitung. Abermals begrüßte ihn das feine Stimmchen mit: „CNBC, der Sender für Gotham und den gesamten Nordosten, Sie sprechen mit Mary-Kelly Rogers, was kann ich für Sie tun?" Eines musste man ihr lassen, sie hatte ihren Text wirklich fleißig und gewissenhaft gelernt.
„Äh...ja, ich nochmal", meldete sich der Joker und rieb sich über das Kinn, sodass die weiße Farbe auf seinen Fingerkuppen haften blieb. „Lassen Sie da...", begann sie, doch der Joker mochte es nicht, wenn man ihn nicht aussprechen ließ, weswegen er ihr harsch das Wort abschnitt wie sonst nur den Lebensfaden seiner Opfer: „Hör zu, Miststück. Du sitzt gerade auf mehreren Hundertliterfässern Nitroglycerins. An deiner Stelle würde ich wirklich lieber die Klappe halten und darauf hören, was dir dein Onkel Joker zu sagen hat, wenn du nicht gerade das dringende Bedürfnis hast, dich selbst in ein Puzzle mit über 10 000 Teilen sprengen zu lassen." Am anderen Ende wurde deutlich hörbar nach Luft geschnappt. Der Joker grinste wissend und rieb sich mit dem Daumen über den Fingernagel des Zeigefingers. Blut hinterließ wirklich lästige Flecken. Wenn alles nach seinen Wünschen verlief, gönnte er sich nachher vielleicht mal wieder ein Bad. Das letzte war zugegebenermaßen schon etwas länger her.
„Was...wer...wer sind Sie?", fragte sie wieder ihre dumme Standardfrage. Vermutlich war sie noch nicht lange beim CNBC, andernfalls hätte sie gleich gewusst, mit wem sie hier Frage und Antwort zu spielen versuchte. „Es erschüttert mich, dass du mich nicht kennst, Spätzchen. Aber ich will nicht so sein und mich artig vorstellen. Man nennt mich den Joker, wenige andere, deren bemitleidenswertes Dasein nicht länger andauert, haben mich auch Freak genannt, aber wenn dir an deinem hübschen Stimmchen etwas liegt, würde ich dir raten, mich nicht als solchen zu bezeichnen. Also, mein Zuckerschnütchen...jetzt, wo wir das geklärt haben...kann ich davon ausgehen, dass du dieses Telefonat aufzeichnest?"
Mary-Kelly, die in ihrem gesamten Leben wohl noch nicht als Miststück bezeichnet worden war, rang um Fassung und quiekte mit ihrer leisen Stimme: „Ja, aber wenn Sie das...wenn Sie das wünschen, kann ich es auch abschalten." Der rechte Mundwinkel des Jokers verzog sich zu einer irren Schräge, ein ausgetrocknetes, wild auswucherndes Flussbett auf der Ebene seiner Wange. Na bitte. Und schon hatte er sie dort, wo er sie haben wollte. Ein gefügiges kleines Mäuschen. Dabei war die Geschichte mit dem Nitroglycerin noch nicht einmal gelogen, obschon er die Fässer im letzten Jahr dort angebracht hatte und nicht erst kürzlich. Manchmal musste man eben wie ein Eichhörnchen von seinen Vorräten zehren, um zu überwintern. „Nein, nein, Mary-Kelly...lass nur die Aufnahme an. Das ist es ja, weswegen ich anrufe. Ich...äh...möchte sozusagen einen Zuschauerkommentar veröffentlichen, den du gern gleich an die Sendezentrale der Nachrichten weiterleiten kannst. Würdest du das für mich tun, Süße?", fragte er mit gespielt charmantem Unterton. Menschen ließen sich leichter lenken als Vieh, das man vor einen Karren spannte. Sobald er denjenigen, den er ins Auge gefasst hatte, entlarvt hatte, war es ein Leichtes, dessen Emotionen zu steuern und vorherzusehen. In seiner Laufbahn hatte es bisher nur wenige Ausnahmen gegeben, die ihn tatsächlich überrascht hatten. Menschen konnte man in ihrem Kern alle über einen Kamm scheren.
„Ja...ja, ich mache, was Sie wollen", bot ihm Mary-Kelly an, was ihm ein entzücktes Grinsen auf die Lippen zauberte. Ob die junge Dame wusste, wie gefährlich es war, so ein Versprechen zu geben? „Sehr gut...eine seeehr lobenswerte Einstellung, wenn du mich fragst. Kommen wir zum Wesentlichen. Ich möchte bekannt geben, dass es mir missfällt, wie...hinterhältig die Polizei Gotham Citys mit ihren Bürgern umgeht. Es ist ja nicht nur so, dass sie über ein Jahr einen Mörder gedeckt hat, sondern dass sie sich viel zu leicht lenken lässt und sich nicht einmal die Mühe macht, um die Ecke zu denken. Was glaubt Gotham, wie viele Menschen unschuldig hinter Gittern gelandet sind, hm? Und da ist es ganz egal, ob Gordon das Zepter in der Hand gehalten hat oder Loeb...es ist an der Zeit, dieser polizeilichen Willkür ein Ende zu bereiten. Und darum fordere ich, dass Erin Porter umgehend aus der Untersuchungshaft entlassen und auch nicht wieder verhaftet wird. Nicht einmal eine alberne Fußfessel soll ihr umgelegt werden. Wenn meine Forderung bis morgen Mittag, 12 Uhr, nicht erfüllt wird, stirbt jeden Tag ein Polizist, bis sie auf freiem Fuß ist."
Er legte ohne ein Abschiedswort auf und schaltete den Fernseher ein. Mal sehen, wie lange die gute Mary-Kelly brauchte, um seinen Wunsch weiterzuleiten. Ein Glucksen entwich seiner Kehle und lenkte einmal mehr Alex' Blick auf ihn. „Na, wie hab ich das gemacht, hm?" Er sagte nichts. Was für eine Überraschung. Alex Randall, milliardenschwerer Erbe eines ausgestorbenen Clans Großindustrieller, war eine kaputte Marionette. Bald schon würde sich der Joker seiner Gesellschaft entledigen und das stumme Püppchen mit einem anderen ersetzen. Allein der Gedanke versprach unheimlich viel Spaß.
