A/N: Ich erinnere heute mal vorsichtig ans P-18 Rating *hust* Keine Panik, nix Schlimmes, ich weiß nur nicht, ob hier noch einige sehr zartbesaitete Gemüter mitlesen.

Iuliel Hach, das ist schön, dass du immer noch tapfer dabei bist *lach* Und was der Joker Erin noch antun kann...glaub mir, da kennt meine sadistische Fantasie kaum Grenzen. Aber ich will hier nicht zu viel vorwegnehmen. Dein Lob bezüglich meiner Jokerdarstellung hat mich übrigens umgehauen!! Ehrlich, das ist so ziemlich das größte Lob, das ich mir in dieser Sparte vorstellen kann, daher sei dir mein Dank gewiss!! Ich hoffe, du hast weiterhin Spaß :) Vielen, vielen Dank für deine Worte!!

Viel Spaß und allen Lesern ein schönes Pfingstwochenende!

Scar Tissue

13

Winston L. Talburne

Gib Acht, stolpre nicht

In den großen Fußstapfen

Deines Vorgängers.

Der Morgen, der am Samstag, dem 22. November anbrach, unterschied sich rein äußerlich nicht von seinem Vorgänger. Auch er war blass, auf seltsame Art und Weise so farblos, dass er fast durchsichtig wirkte, und von anhaltendem Nieselregen, der je nach Laune auch in Schneefall überging, begleitet wurde.

Obwohl sich die Witterung in nasskalter Gleichgültigkeit übte, tobte auf Gothams Straßen ein regelrechter Tumult, dessen Zentrum wieder einmal das städtische Polizeipräsidium darstellte. Die Nachricht des Jokers, die am gestrigen Abend zuerst auf CNBC ausgestrahlt worden war und dann wie ein Virus gewütet und alle anderen Stationen angesteckt hatte, lief auch am heutigen Vormittag auf allen Nachrichtensendern rauf und runter. Wieder hatte der Joker eine Forderung gestellt, die, wenn sie nicht erfüllt wurde, für noch mehr sinnloses Blutvergießen innerhalb der Stadtgrenzen Gothams sorgen würde. Ging man allerdings auf den Joker ein und gab ihm, wonach er verlangte, stellte man sich in den Dienst eines anarchistischen Psychopathen, und von da ab war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er die gesamte Stadt seinem Willen unterjochte. Winston Lawrence Talburne hatte seine liebe Mühe, aus dem gelben Taxi auszusteigen, das sich immerhin auf gute hundert Meter Entfernung zum Polizeipräsidium hin genähert hatte, ehe es von einer menschlichen Sackgasse an der Weiterfahrt gehindert wurde. Die Menschenmenge auf den Straßen weckte dunkle Assoziationen an friedliche Proteste gegen politische Maßnahmen, und tatsächlich hielten vereinzelt Leute Transparente, Schilder und Plakate hoch, die die unterschiedlichsten Dinge einforderten. Mühsam öffnete Talburne die Tür und gab darauf Acht, dass sie ihm nicht sogleich wieder gegen das Schienbein geschlagen wurde. Er zahlte dem Fahrer mehr als dieser für seine eher gewöhnungsbedürftigen Fahrkünste verdient hätte, schnappte sich seine massige Arbeitstasche und quälte sich aus dem Taxi.

Vor vier Stunden war er erst aus Chicago angereist und hatte nur eine halbe Stunde Zeit gehabt, um seine Habseligkeiten in seinem Hotelzimmer unterzubringen. Die Pflicht, zu der er erst gestern berufen worden war, forderte ihn bereits jetzt schon ganz für sich ein. Zunächst hatte er gezögert, als ihn der Anruf von Bürgermeister Anthony Garcia erreicht hatte, schließlich war Gotham City nicht gerade das, was man als Idylle zu bezeichnen pflegte. Seine Frau Vera war dagegen gewesen, dass ihr Mann vorübergehend den Posten des Commissioners übernehmen sollte, aber Talburne hatte darin nicht nur eine bessere berufliche Perspektive für sich selbst gesehen, sondern er vertrat auch den Standpunkt, dass ein Mann an seinen Aufgaben wuchs und Gotham City stellte auf jeden Fall eine Herausforderung dar, die er anzunehmen bereit war. Abgesehen davon hielt er sowieso recht wenig von der Meinung einer Frau.

Er strich seinen marineblauen Nadelstreifenanzug glatt und legte den Gurt der schweren Tasche um seine Schulter. Das kurze schwarze Haar war straff zurückgekämmt, einzig die Strähnen an seinen Schläfen waren grau meliert und gingen fast in ein geschmeidiges Weiß über. Sein Gesicht wirkte etwas unnatürlich breit, was er nicht zuletzt seinen ausgeprägten Wangenknochen zu verdanken hatte. Die vollen, breiten Lippen standen im starken Kontrast zu seinen schmalen, recht eng stehenden, stechend grünen Augen, die dem Betrachter stets das Gefühl vermittelten, aufmerksam und nicht ganz ohne Misstrauen betrachtet zu werden. Seine Augenbrauen senkten sich in dichten Bögen über seine Augen, eine breite Narbe, die etwa fünf Zentimeter maß, zerschnitt die ansonsten gleichmäßige Wuchsrichtung seiner Brauen und erstreckte sich bis auf seine Stirn. Talburne wurde von einem der vielen Journalisten und Reporter angerempelt, die sich ihm fast so aufdringlich näherten wie Paparazzi einem Star. Kaum war er als der neue Commissioner identifiziert worden, brach das reinste Blitzlichtgewitter über ihm und um ihn herum los. „Commissioner Talburne, wie gehen Sie damit um, dass Sie der Joker bereits mit der Drohung, täglich Polizisten zu töten, an ihrem ersten Tag empfängt?", plapperte ein besonders ambitionierter Jungjournalist auf ihn ein, den der Neuankömmling aus Chicago nur mit einem finsteren Blick bedachte, und ihm nur ein mehr gerauntes als gesprochenes „Kein Kommentar" zur Antwort gab.

„Commissioner...", versuchte ihn die lästige Schmeißfliege von einem Schmierfink aufzuhalten, doch Talburne, der sich in seiner langjährigen Dienstzeit ein dickes Fell zugelegt hatte, ging unbeeindruckt und mit nahezu grimmiger Stoa an ihm vorüber. „Ist es wahr, dass Sie in Chicago einige Zeit mit James Gordon zusammengearbeitet haben?" Ja, das entsprach der Wahrheit, aber was ging es die Presse an? Es tat nichts zur Sache, dass er nie sonderlich gut mit Gordon ausgekommen war, was auch daran gelegen hatte, dass er zwei Cops aus seiner damaligen Einheit bei der Internen gemeldet hatte, aber das lag mehr als fünf Jahre zurück und hatte rein gar nichts mit den Problemen zu tun, die es in Gotham City zu bewältigen galt. Talburne war Profi genug, um das zu wissen und dementsprechend zu handeln. Er ließ sich nicht einmal zu einem weiteren „Kein Kommentar" hinreißen, sondern marschierte schnurstracks durch die Menge, die sich nur dazu in der Lage sah, sich vor ihm zu teilen wie das Rote Meer vor den Israeliten. Einer der Polizisten wagte es, vor die Tür zu gehen und den neuen Commissioner in Empfang zu nehmen. Das arme kleine Männchen in der hellblauen Dienstkleidung wurde beinahe von der Herde sensationshungriger Leute niedergetrampelt und wirkte sichtlich erleichtert, als Gordons Nachfolger die Stufen erklommen hatte und sich bereitwillig von seinem niedriger gestellten Kollegen in das Polizeigebäude dirigieren ließ.

Die angestaute Wärme der Büroräumlichkeiten strömte ihm augenblicklich wohlig entgegen, hüllte ihn gleichsam wie das süße Parfum einer betörenden Dame ein und nahm ihm ein bisschen die Steifheit aus den Gliedern. Der Ansturm im Foyer des Polizeireviers ähnelte dem vor der Tür, nur dass es keine Schaulustigen, Demonstranten und Journalisten waren, sondern seine neuen Kollegen.

„Mr. Talburne, Sir...", begrüßte ihn ein recht junger Cop, der gerade erst der Kadettenkleidung der Polizeiakademie entwachsen zu sein schien.

Commissioner Talburne", korrigierte er den recht nervös wirkenden Jungspund, dessen Namensschild E. Burbank verlas. Solange ein Polizist noch jung war, war er auch formbar und würde schnell aus seinen Fehlern lernen. Der 49-jährige Cop, der jahrelang gegen Chicagos Drogenschmugglerring im Einsatz gewesen war, legte Wert auf Ordnung und dazu gehörte nun einmal auch die Fähigkeit, sich einem ranghöheren Detective unterordnen zu können. Im Prinzip war eine Polizeiwache nichts anderes als ein Rudel Wölfe. Die kleineren, schwächeren Männchen versuchten dann und wann das Alphatier herauszufordern, aber würden ihm stets unterliegen müssen, solange er seinen Status zu bewahren wusste. Gordon hatte diesen leichtfertig aus der Hand gegeben. Seine direkte Art, seine Ehrlichkeit und seine unnachgiebige Neugierde hatten ihm in seiner Zeit in Chicago ein Bein gestellt, und auch in Gotham City war er dadurch zu Fall gebracht worden.

„Entschuldigen Sie, Commissioner...", murmelte Burbank, ein dünner, milchgesichtiger Bursche mit Aknenarben auf der Wange und dichtem blonden Haar, und senkte den Blick.

„Willkommen in Gotham City, Commissioner", begrüßte ihn ein weiterer Jüngling, dessen harte Gesichtszüge im Gegensatz zu seinem Kollegen allerdings implizierten, dass er hier an der richtigen Stelle war, „Wenn Sie mögen, führe ich Sie durch den Gebäudekomplex." Doch Talburne schüttelte nur den massigen Kopf und sagte mit seiner tiefen, schneidenden Stimme: „Das wird nicht nötig sein. Ich war selbst vor zwei Jahren hier." Das Milchgesicht erlaubte es sich, sich zu räuspern und unaufgefordert einen Kommentar hierzu abzugeben: „Aber Sir, das Polizeipräsidium wurde größtenteils renoviert und umgebaut, nachdem der Joker es zu weiten Teilen in die Luft gesprengt hatte."

Ein einziger Blick vonseiten Talburnes brachte ihn zum Schweigen. Dann wandte sich der neue Polizeichef an den anderen Polizisten, der besser einschätzen konnte, wann man besser die Klappe hielt und wann man eine naseweise Bemerkung machen durfte. „Es genügt mir trotzdem, wenn Sie mich in mein Büro geleiten würden, Officer...Treather", sagte er, nachdem er den Namen auf der schmalen silbernen Plakette auf der Brust des Cops gelesen hatte. Treather nickte leicht und wandte sich schon zum Gehen um, als Burbank abermals auf die Idee kam, seine Gedanken willkürlich zu äußern: „Aber Sir...wie gedenken Sie, auf die Drohung des Jokers zu reagieren?" Talburne drehte sich um und erwiderte ein lässiges: „Gar nicht." Diese Antwort schien den Frischling völlig aus dem Konzept zu bringen. Er wechselte einen hilfesuchenden Blick mit Treather, der auch ein wenig derangiert ob der brüsken Antwort des neuen Vorgesetzten zu sein schien, befeuchtete sich die Lippen und stammelte dann: „Aber...aber Sir...er hat angedroht, Polizisten zu töten, wenn wir seiner Forderung nicht nachkommen." Doch der Commissioner schien unbeeindruckt zu sein und drehte nur leicht den Kopf. Allein diese Geste hatte etwas unbeschreiblich Imposantes an sich, was den recht schlaksig wirkenden jungen Polizisten zusammenzucken ließ.

„Halten Sie sich für etwas Besseres, Officer Burbank?"

Den blonden Cop schien die Frage zu irritieren. „Wieso?"

Talburnes Tonfall gewann an Schärfe, hörte sich wie ein knallender Peitschenhieb an: „Weil ein Polizist nicht mehr wert ist als ein Zivilist, den er zu beschützen versucht."

Er schaute grimmig in die Runde, als einige andere Cops verdutzt innehielten und scheinbar ihren Ohren nicht trauten. „Was ist mit diesem Haufen hier eigentlich passiert? Warum duckt hier jeder vor den Drohungen eines Geisteskranken? Es muss aufhören, dass wir mit uns spielen lassen. Es wird Zeit, dass wir diesem Freak Manieren beibringen und das kann nur funktionieren, wenn wir nicht mehr vor ihm kuschen. Erfüllen wir ihm einen Wunsch, greift er sich beim nächsten Mal noch ein größeres Stück vom Kuchen, bis er sich die gesamte Torte einverleibt hat. Ich bin nicht gewillt, das zuzulassen. Meinetwegen soll auch jeder Streifenpolizist rund um die Uhr eine kugelsichere Weste tragen und besondere Vorsicht walten lassen, aber ich werde einen Teufel tun, die eindeutige Verdächtige in einem Mordfall einfach so in die Freiheit hinausspazieren zu lassen!"

Für einige Sekunde füllte andächtige Stille den Raum, dann begannen die ersten Anwesenden, ihre Empörung kundzutun. „Der Joker zögert nicht, seine Drohungen wahr zu machen. Was er androht, hat Hand und Fuß, wollen Sie wirklich, dass er die gesamte Polizei Gothams dezimiert?"

Talburne jedoch beeindruckte das nur mäßig. Mit gebieterischem Tonfall erwiderte er: „Nein, ich will diesen Clown fassen und ihn für alle Ewigkeit hinter Gittern bringen und genau das sollte auch Ihre Motivation sein. Ich will dieser Terrorherrschaft ein Ende setzen und dazu müssen wir vielleicht Opfer bringen, Opfer, die sich allerdings auszahlen werden. Wenn Sie anderer Meinung sind, legen Sie mir getrost Marke und Dienstwaffe auf den Schreibtisch und gesellen Sie sich zu diesen Pseudointellektuellen, die sich vor unserer Tür versammelt haben und bestenfalls die Eier werfen können, die sie nicht in der Hose haben. Ansonsten halten Sie Ihren Rand und machen Sie Ihre Arbeit!"

Talburne ließ seinen strengen Blick durch die Reihen seiner neuen Kollegen wandern. Der Eindruck, der Hirte einer einzigen großen Schafherde zu sein anstelle eines Polizeichefs, verstärkte sich mit jedem furchterfüllten Gesicht, das er sah. Wenn dem wirklich so war, lag vor dem Chicagoer Polizisten mehr Arbeit als ihm lieb sein konnte. Er arbeitete nicht mit Feiglingen zusammen und erstrecht nicht für einen anarchistischen Psychopathen. Es war höchste Zeit, dass Gotham City aufgeräumt wurde und wenn Talburne dabei auf etwas verzichten konnte, dann war es die helfende Hand einer Fledermaus.

***

„Noch einen Tee, Master Wayne?" Die Monitore der verschiedenen Fernseher und Rechner strahlten das Programm unterschiedlicher Nachrichtensender aus, deren Berichterstattung sich auf zwei prekäre Meldungen beschränkte. Einerseits wurde die Botschaft des Jokers hoch und runter gespielt, andererseits live vom Polizeipräsidium berichtet, um die Ankunft des neuen Commissioners auszustrahlen. Bruce saß in einem schwarzen Ledersessel, dessen kühle, glatte Sitzfläche jede noch so kleine Bewegung mit einem zähen Knirschen kommentierte. Sein konzentrierter Blick galt dem Nachfolger Commissioner Gordons, der sich arglos an den Journalisten vorbei schob als ginge ihn das überhaupt nichts an, ein Statement abzugeben. „Nein, Alfred, danke", beantwortete er endlich die Frage des Butlers, der schon ungeduldig den Kopf schief gelegt hatte. Nicht dass es etwas Ungewöhnliches gewesen wäre, wenn Bruce völlig in Gedanken versunken manche Bemerkungen seines alten Freundes nicht hörte, aber heute stand er völlig neben sich.

„Gefällt er dir, Alfred?", fragte er und nickte auf den Bildschirm, der Talburne in Nahaufnahme zeigte, wie er mit grimmiger Entschlossenheit die Stufen zum Polizeipräsidium erklomm.

„Also sonderlich attraktiv finde ich ihn nicht, Sir."

Bruce grinste und schüttelte den Kopf, ehe er murmelte: „Ich glaube, er ist auch nicht sonderlich erpicht darauf, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen."

Er wusste, dass es wahrscheinlich falsch war, vorschnell über den neuen Mann an der Spitze von Gothams Polizei zu urteilen, und doch konnte er sich gegen den ersten Eindruck nicht erwehren, dass mit Talburne nicht gut Kirschenessen sein würde und er seine Hoffnungen auf eine Zusammenarbeit mit der Polizei endgültig begraben konnte. Bruce wandte sich seinem anderen, weitaus größeren Problem zu und murmelte mehr zu sich als zu Alfred: „Was bezweckt er damit, dass er die Freilassung von Erin Porter fordert? Erst legt er falsche Fährten und schiebt ihr gefälschte Beweise zu und dann setzt er sich für ihre Befreiung ein?!" Der ältere Herr ging vor den Bildschirmen auf und ab, ehe er sich zu seinem Schützling umdrehte und sagte: „Sie wissen doch gar nicht sicher, ob Miss Porter den ihr angelasteten Mord tatsächlich nicht begangen hat, oder?" Bruce schaute zu Alfred auf und seufzte: „Die Beweise sprechen gegen sie. Aber meine Intuition sagt mir, dass sie Opfer eines miesen Streichs geworden ist. Ich wundere mich nur, was er von ihr will. Wieso ist er so interessiert an ihr?"

Alfred folgte Bruce' Blick auf den Bildschirm, der die Videobotschaft vom Freitagmorgen abspielte, die Commissioner Gordons Suspension nach sich gezogen hatte. „Ich fürchte, Master Wayne, das müssen Sie ihn schon selbst fragen." Die Fratze des Jokers flirrte über den Bildschirm, seine grotesken, vernarbten Züge formten ein unheilvolles Grinsen. Bruce sah ihn ganz genau an, musterte ihn, beinahe so, als stünde er direkt vor ihm. Wollte er die Polizei nur vorführen? Ihre Unfähigkeit demonstrieren, indem er so mit ihr spielte und ihre Autorität, ihre Kontrolle über Gesetz und Ordnung infrage stellte? „Was meinen Sie, wird der neue Commissioner tun, wonach der Joker verlangt?", fragte ihn Alfred und Bruce strich sich nachdenklich über das markante Kinn, ehe seine Hand über seine Stirn wanderte und sich in seinem dunklen Schopf vergrub. „Ich weiß es nicht. Ich denke, dass er nicht so schnell klein beigeben wird. Dafür wirkt er zu selbstbewusst. Ich glaube, er will den Joker fassen, hat aber noch keine Vorstellung davon, wie gefährlich er wirklich ist. Ich glaube, die Frage die wir uns stellen müssen, lautet eher, wie viele Opfer Talburne zu geben bereit ist, ehe er einlenkt."

Alfed hob die Braue und merkte an: „So eine pessimistische Haltung passt gar nicht zu Ihnen."

Bruce seufzte und schloss kurz die Augen, öffnete sie wieder und sah in das hämische Grinsen des Jokers. „Die Zeiten erfordern es, Alfred." Nachdenklich wanderte sein Blick über die Monitore, zuletzt auf seine Armbanduhr: „Es ist bereits nach zwölf Uhr und Talburne hat noch immer keine Stellungnahme zu der Drohung des Jokers geäußert. Er will es offenbar wirklich drauf ankommen lassen."

Die Kamera des laufenden Programms schwenkte zu den Menschenmassen, die sogar schon mit Sprechchören forderten, dass Menschenleben nicht gefährdet werden sollte. Eines der Plakate las: „Einer für alle, aber nicht alle für einen. Lieber ein freier Straftäter als ein Dutzend unschuldig getötete Polizisten!" Bruce entrang sich ein schwaches, sehr schiefes Lächeln. Was für ein utilitaristischer Gedanke, dem Wohl der meisten Menschen dienen zu wollen. Dabei wusste Bruce wie kein zweiter, dass das Gemeinwohl das Letzte war, was den Joker zu seinen Taten anstiftete und er früher oder später anfangen würde, weitaus bösartigere Spielchen zu spielen.

Bruce war müde. Die vergangene Nacht hatte er zum Großteil schlaflos zugebracht, immer wieder quälte ihn der Gedanke, dass er ohne Gordon an seiner Seite machtlos gegen den Joker sein und Gotham City bald schon einem Tollhaus ähneln würde. Obwohl der Joker weitgehend auf eigene Faust agierte, besaß er genügend Hintermänner, die verrückt genug waren, in die Dienste dieses Wahnsinnigen zu treten. Viele von ihnen waren wahrscheinlich nur kleine Fische, Gangster, Kleinkriminelle, Geisteskranke. Bruce hoffte, dass es auch so bleiben würde und der Joker sich nicht etwa mit einem skrupellosen Verbrecher seines Kalibers verbündete. Denn dann, so fürchtete er, waren Gotham Citys Tage endgültig gezählt. „Die bringen gerade eine neue Meldung rein", bemerkte Alfred und drehte den Ton des Fernsehers lauter, der das Programm von ABC übertrug. Die Nachrichtenmoderatorin, deren schwarzes Kostüm dem Anlass der neuesten Eilmeldung geziemte, wirkte unnatürlich blass im Licht der Scheinwerfer, die auf sie gerichtet waren.

Meine Damen und Herren, wir unterbrechen die laufende Sendung aufgrund einer dringenden Meldung über die Geschehnisse in Gotham City." Bruce setzte sich auf und das Polster gab ein obligatorisches Seufzen von sich. „Uns hat soeben die Meldung erreicht, dass Verkehrspolizist Peter Carlyle vor wenigen Minuten auf offener Straße erschossen wurde. Wegen des dichten Verkehrsaufkommens sind polizeiliche Einsatzkräfte noch nicht vor Ort, die Sanitäter, die bereits am Tatort eingetroffen sind, konnten nur noch den Tod des 32-jährigen Polizisten feststellen."

Das Mondgesicht der Moderatorin wirkte mitgenommen und betroffen. Das Passfoto des Ermordeten wurde eingeblendet und Bruce schluckte. Ein Mann kaum älter als er selbst war zur Zielscheibe purer Boshaftigkeit geworden.

Der Schütze konnte nicht aufgegriffen werden. Ob es sich bei dem Attentat auf Carlyle um die angekündigte Tat des Jokers handelt, ist noch unklar. Über den aktuellen Stand der Ermittlungen halten wir Sie natürlich auf dem Laufenden."

Damit endete der Nachrichtenflash und Bruce schüttelte den Kopf. „Auf offener Straße. Am helllichten Tag. Alfred, er schreckt vor nichts mehr zurück." Sein Freund mit dem schlohweißen, stets wohl frisierten Haar neigte den Kopf leicht zur Seite und meinte lakonisch: „Hat er das je getan?"

Bruce lehnte sich vornüber, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Ich muss ihn finden. Ich muss diesen verdammten Clown finden", murmelte er, doch Alfred kam nicht umhin, die begrenzten Möglichkeiten seines Vorgesetzten für solch ein Unterfangen aufzuzeigen: „Mr. Fox wird davon nicht begeistert sein, wenn Ihnen in den Sinn kommt, sein Sonarkonzept ein weiteres Mal auf sämtliche Funkwellen Gothams zu übertragen und Mäuschen zu spielen."

Langsam löste er die Hände vor seinem ansehnlichen Gesicht und seufzte: „Was, wenn ich ihn aber nur mit seinen eigenen Waffen schlagen kann? Wenn ich Dinge tun muss, die ich verabscheue, nur um zu verhindern, dass er weiterhin wütet und Gotham im Chaos versinkt?"

Alfred legte die etwas knöcherne und von sichtbaren Adern durchzogene Hand auf das Gehäuse eines Fernsehgeräts und betrachtete den jungen Mann, der für ihn der Sohn war, den er nie gehabt hatte, eindringlich. „Sie müssen selbst die Grenzen festsetzen, wie weit Sie zu gehen wagen, Master Wayne. Er wird früher oder später von Ihnen abverlangen, sich Ihrer eigenen Grenzen und Regeln zu entheben, denn nur dann werden Sie ihm ebenbürtig sein. Um ihn zu fangen, wird er von Ihnen erwarten, dass Sie sich jeglicher Moral widersetzen. Wenn Sie gegen Ihn gewinnen wollen, müssen Sie gleichzeitig verlieren. Sie müssen sich also fragen, ob er das wert ist."

Bruce hob den Kopf, seine braunen, wie in Bernstein getauchten Augen blickten auf. „Er ist es nicht wert. Aber Gotham ist es."

Alfred legte den Kopf schief: „Finden Sie?"

Der bedeutend jüngere Mann schwieg daraufhin, ehe er sich ruckartig erhob: „Mach bitte das Batpod startklar, damit ich, sobald es dämmert, aufbrechen kann." Sein engster und ältester Vertrauter erlaubte sich noch die forsche Bemerkung: „Aber lassen Sie es sich nicht stehlen wie ihr Motorrad!", ehe er sich aus dem Zimmer entfernte und Bruce allein zurückließ. Dieser brütete noch lange über den flimmernden Schirmen, ohne wirklich hinzusehen.

War er dazu bereit? Die Schwelle zu überschreiten und seine Prinzipien zu verraten, nur um diesen Mörder, seine Nemesis, dingfest zu machen? Nein, das war er nicht und würde er auch so schnell nicht sein. Er wagte ja noch nicht einmal zu hoffen, dass Fox in Anbetracht der sich zuspitzenden Situation noch einmal bereit dazu sein würde, sein Sonarkonzept auf sämtliche Mobiltelefone Gothams zu übertragen. Das Vertrauen seiner Freunde in Batman war nicht unerschöpflich und er hatte selbst noch zu gut in Erinnerung, wie er aus Rache um ein Haar einen Mord begangen hatte. Er war kein Übermensch, auch dann nicht, wenn er sein Kostüm trug. Daher schätzte er sich glücklich darüber, dass er noch Freunde hatte, die ihn dann und wann daran erinnerten, dass er keine absolute moralische Instanz war. Bevor er seine nächtlichen Runden drehte, würde er als Batman Jim Gordon aufsuchen und ihm ein paar Fragen stellen. Ihm juckte es in den Fingern, auch dem neuen Commissioner Talburne einen Besuch abzustatten, doch solange dieser nicht in seine Karten blicken ließ, wollte sich Bruce nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Damals hatte er sich Gordon auch nur deshalb anvertraut, weil er ihn von Kindesbeinen an kannte und wusste, dass er ein rechtschaffener Mann war, dem bekannt war, dass Gotham durch Korruption verseucht war und es daher anderer Mittel bedurfte, um die Straßen weitgehend sauber zu halten. Obwohl er nicht länger, was hoffentlich nur vorübergehend der Fall sein würde, sein Amt bekleidete und daher vermutlich nicht auf dem aktuellsten Stand war, was die Vorgehensweise des neuen Commissioners anbelangte, wollte er den Kontakt zu Gordon nicht abbrechen. Bruce konnte sich vorstellen, dass er noch einige Leute in seiner Einheit hatte, die hinter ihm standen und ihn womöglich mit Informationen versorgten. Informationen, die entscheidend sein konnten im Kampf gegen den Joker.

Die Zeit bis zum Anbruch der Abenddämmerung verging sehr schleppend. Zuvor wohnte Bruce einer Vorstandsversammlung bei, der er nur mit halbem Ohr zuhörte. Zu sehr kreisten seine Gedanken um die Veränderung, die mit dem Wintereinbruch in Gotham Einzug gehalten hatte. Vor dem Erstschlag des Jokers vor über einem Jahr hatte es noch den Anschein gehabt, als würde in Gotham City wieder Ruhe einkehren, so als stünde die Mafia kurz vor ihrer Zerschlagung und die Straßen vor einer langfristigen Säuberung. Jetzt fühlte sich die bloße Erinnerung so unwirklich wie ein Traum an.

Mehrere Stunden des jungen Abends brachte er damit zu, Gothams Gesindel aufzulauern und Verbrechen zu verhüten, so gut es ihm möglich war. Er hinderte einen Junkie daran, einen bewaffneten Raubüberfall auf einen Spätshop durchzuziehen, ließ einen Drogendeal platzen und beschattete die Mafiosifamilie Falcone, die sich seit der neuerlichen Aktivität des Jokers in eher kleinen Geschäften betätigte.

Nachdem einige Stunden verstrichen waren, erachtete es Batman als günstig, Jim Gordon aufzusuchen. Das Batpod röhrte unter ihm, als er im Schutze der fortschreitenden Nacht hoch beschleunigte und auf verschlungenen Wegen die Downtown ansteuerte, in der Gordon vorübergehend lebte. Die Stellungnahme von Talburne bezüglich des erschossenen Polizisten, die alle erwartet hatten, war ausgeblieben. Er schien von Öffentlichkeitsarbeit nicht sonderlich viel zu halten, obwohl sein ignorantes Verhalten möglicherweise dazu führen würde, dass sich die Reporter nur noch stärker an seine Fersen heften und unschöne Schlagzeilen über ihn abdrucken würden. In Chicago schienen gewisse Dinge anders gehandhabt zu werden als hier, aber lange würde sich das auch Bürgermeister Garcia nicht anschauen, mochte sein eigener Ruf geschädigt sein oder nicht, bis zu den Neuwahlen in zwei Jahren hatte er noch das letzte Wort. Batman nahm so viele Umwege wie es ihm möglich war, sobald er aber in die Nähe der Downtown kam, wurden die Schleichwege weniger und die Gefahr, gesehen zu werden, größer. Er ließ sich dadurch nicht beirren, auch nicht durch die Möglichkeit, dass Jim Gordon vielleicht gar nicht zu Hause war. Und nicht allein. Er war gezwungen, Risiken einzugehen, jetzt, am Wendepunkt der Gezeiten, wo nichts mehr so sein würde wie früher.

Barbara Gordon war nicht auf den Kopf gefallen. Batman war sich sicher, dass die Frau des ehemaligen Commissioners sehr wohl gewusst hatte, wann ihr Mann mit dem kostümierten Rächer Unterredungen an der hölzernen Treppe gehalten hatte, die zur zweiten Etage des Hauses geführt hatte, ehe sie in einem alles vernichtenden Feuersturm verbrannt war. Obgleich sie es toleriert hatte, dass ihr Mann mit Batman unter einer Decke steckte, hatte sie der menschlichen Fledermaus nie größere Sympathien geschenkt. Wahrscheinlich hatte sie vorausgesehen, was Gordons Kampf gegen das Verbrechen aus ihrer Beziehung zu ihm und ihrer Familie machen würde. Dennoch war sich Batman keiner Schuld bewusst. Der Commissioner hatte zu jeder Zeit die Wahl gehabt, ob er mit ihm zusammenarbeiten wollte, und jetzt steckte er selbst zu tief mit drin, als dass er sich den Konsequenzen entziehen konnte. Batman duckte sich leicht nach vorn hin ab, ehe er nochmals beschleunigte und einem Taxi die Vorfahrt nahm, sodass es leicht ins Schlingern geriet, aber glücklicherweise keinen Unfall verursachte, weil ihm kein anderer Wagen zu dicht aufgefahren war. Batman sorgte nicht gern für Zerstörung, obschon ihm in der Vergangenheit diverse Schmierblätter derartiges zum Vorwurf gemacht hatten. Vielmehr ließ es sich in manchen Situationen einfach nicht vermeiden, Sachschäden zu verursachen, insbesondere, wenn er es eilig hatte.

Er hatte mit Alfreds Hilfe die vorläufige Adresse Jim Gordons herausgefunden. Barbaras Eltern wohnten in einem Reihenhaus auf der Montgomery Chapel Street, ungünstiger hätte er es wirklich nicht treffen können. Wenigstens konnte er sich glücklich schätzen, dass sein Batmobil noch nicht fertig konstruiert worden war und er mit dem bedeutend kleineren und unauffälligeren Batpod auf Gothams Straßen unterwegs war. Das Batmobil hätte er wohl kaum neben dem richtigen Hauseingang abstellen und ein gelöstes Parkticket darin hinterlegen können, wenngleich das vieles einfacher gemacht hätte. Stattdessen platzierte Batman seinen fahrbaren Untersatz im Hinterhof des Reihenhauses unterhalb der schmalen Balkons. Gedanklich machte er sich eine Notiz, Fox mit der Herstellung einer Tarnvorrichtung zu beauftragen. Vielleicht würde ihm sogar etwas einfallen, was es Batman ermöglichte, auch bei Tag unterwegs zu sein. Alfred, der missmutig auf die Vernachlässigung der personalen Tarnung als Bruce Wayne hingewiesen hatte, wäre davon mitnichten begeistert, aber wenn es denn sein musste, würde Batman Bruce Wayne vorläufig in den Urlaub schicken. Möglicherweise auf die karibische Insel, die er Jim Gordon angeboten hatte. Nachdem er das Batpod halbwegs sicher untergebracht hatte, schwang sich Batman geschickt und mit der Geschmeidigkeit einer Katze an den Balkonbrüstungen hinauf, bis er das richtige Stockwerk erreicht hatte. Irgendwo in der Nähe kläffte sich ein Hund die Seele aus dem Leib, ansonsten umhüllte ihn einzig und allein die übliche Geräuschkulisse der Großstadt – Motorengeheul, weit entfernte Sirenen und Stimmen von Nachtschwärmern.

Nahezu geräuschlos ließ er sich auf dem kleinen Vorsprung nieder und harrte einige Momente aus, ehe er sich langsam zu voller Größe erhob. Die von Schatten bevölkerte Nacht bot ihm ihren Schutz an, den er dankend annahm. Hinter der verglasten Tür des Balkons, der mit zahllosen schneenassen Kartons und verstaubtem Gerümpel zugestellt war, lag das abgedunkelte Wohnzimmer der Familie Kean. Die verglaste Oberfläche spiegelte seine dunkle Gestalt, einzig das flackernde Bild des Fernsehers warf grelle blaue und weiße Lichtpunkte in den Raum, die die dominierende Dunkelheit jedoch verschluckte. In den Sessel gelehnt saß eine recht kleine Gestalt, die Batman als Commissioner Gordon identifizieren konnte. Eine Bierdose lag in seiner Hand, sein zur Seite geneigter Kopf war auf den Fernseher gerichtet, die Augen hinter den starken Brillengläsern aber waren verschlossen. Er schien allein im Wohnzimmer zu sein. Batman hob seine rechte Hand, die in dem massiven Kampfanzug mit den Widerhaken an seinem Unterarm eher an eine Pranke erinnerte, und klopfte zweimal dumpf gegen das Glas. Keine Reaktion. Batman verzog den schmalen Mund und wagte es, diesmal mit beiden Händen und wesentlich kräftiger gegen die Tür zu schlagen. Klopfte er heftiger an, so fürchtete er, würde er auch alle anderen Bewohner des Hauses wecken und vermutlich die Scheibe einschlagen.

Gordon tat ihm den Gefallen und wachte auf, ehe sich derartige Unpässlichkeiten ereignen konnten. Erst blinzelte Jim verschlafen, nicht sicher, ob die Geräusche, die er vernommen hatte, zu seinem Traum gehörten oder der Wirklichkeit entstammten; doch dann nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung war und zuckte reflexartig zusammen, als er den mächtigen Schemen nur wenige Meter von sich entfernt hinter der Balkontür stehen sah. Durch die hastige Bewegung, die er seinem ersten Schrecken verdankte, hatte er etwas von dem Bier verschüttet. Leise fluchend stellte er die Dose auf den Beistelltisch und wischte sich die bekleckerte Hand am Saum seines dunklen Hemdes ab. Erst dann erhob er sich, drehte sich kurz um, um zu prüfen, dass auch niemand außer ihm auf war, und öffnete die Balkontür. Zu dem flackernden Fernsehbildschirm gesellten sich ausgelassene Stimmen und leises Hintergrundgelächter. Jim Gordon schaute sich gerade eine dieser albernen mitternächtlichen Talkshows an, beziehungsweise war an dem Versuch gescheitert. „Sind Sie wahnsinnig?"

Batman war auch schon einmal charmanter begrüßt worden, aber er konnte darüber hinwegsehen. „Nicht dass ich wüsste", erwiderte er ruhig und musterte den ehemaligen Commissioner eindringlich. Er wirkte müde, sein ergrautes Haar war wild zerzaust, das legere Hemd, das zum Teil in der ausgewaschenen Jeans steckt, ein ungewohnter Anblick.

„Was tun Sie denn hier? Sie hätten ja gleich an der Vordertür klingeln und um Einlass bitten können!", echauffierte sich Jim Gordon mit vom Schlaf rauer Stimme.

„Ich muss mit Ihnen sprechen", entgegnete Batman mit der verstellten, fast unmenschlich tiefen Stimme. „Gut, aber müssen Sie dafür hierher kommen? Wenn uns hier jemand sieht, sitze ich auf der Straße. Die Familie meiner Frau ist nicht gerade von Ihnen angetan." Gordon glaubte, ein Geräusch zu vernehmen und warf einen nervösen Blick über die Schulter in das dunkle, leblose Zimmer, in dem er noch vor fünf Minuten selig geschlummert hatte.

„Ihnen dürfte klar sein, dass wir uns nicht den Luxus erlauben können, uns vorher zu verabreden", sagte Batman kühl und wandte sich der Brüstung zu. Gordon warf noch einen weiteren prüfenden Blick zurück, ehe er die Tür zu sich zog, sodass sie nur noch leicht angelehnt offen stand.

„Ich nehme an, dass Sie über alles bestens informiert sind und wissen, dass ich suspendiert wurde."

Batman nickte: „Bei der Polizei, ja."

Gordon hob eine dichte Braue und erwiderte mit einem schiefen Grinsen: „Verstehe, aber aus den Diensten Batmans bin ich noch nicht entlassen, wie?" Der deutlich größere und kräftigere maskierte Mann legte leicht den Kopf schief und sagte: „Sie haben sich dem Kampf um Gerechtigkeit und Ordnung in Gotham City verpflichtet. Er endet nicht einfach damit, dass Ihnen die Dienstmarke entzogen wurde. Ich brauche Ihre Unterstützung." Gordon rückte seine Brille zurecht und sagte eine ganze Zeit lang nichts. Dann strich er sich über den Nacken und sah zu Batman auf: „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen noch helfen kann. Ich habe keine Befehlsgewalt mehr und auch keine Ermächtigung, Informationen über laufende Ermittlungen anzufordern."

Die dichten Wolken über ihnen begannen wieder, feinen Schneeregen auszuschütten, vor dem sie dank der weitfächernden Überdachung geschützt waren. „Haben Sie keine Kontaktmänner? Kollegen, die zu Ihnen halten?" Auf Batmans Frage hin schloss Gordon kurz die Augen und sah in die Dunkelheit hinaus, die vereinzelt von Lichtpunkten verziert wurde. „Doch, die gibt es. Aber ich kenne meinen Nachfolger noch gut aus meiner Zeit in Chicago. Talburne ist gefährlich und hat gern Dinge unter Kontrolle. Deshalb hat er auch noch keine Pressekonferenz einberufen, um die Öffentlichkeit über die Details von Carlyles Tod zu informieren. Er hat noch nicht einmal darauf reagiert, als die ersten Fernsehsender Großaufnahmen des Leichnams ausgestrahlt haben, auf denen das Markenzeichen des Jokers, eine Spielkarte, zu sehen gewesen sind. Um Alex Randall scheint er sich auch nicht sonderlich zu kümmern. Ist nicht prestigeträchtig genug. Die besorgten Bürger wie zum Beispiel die, die sich vor dem Präsidium versammelt haben, um friedlich zu demonstrieren, sind ihm ein Dorn im Auge und behindern seiner Ansicht nach nur die Ermittlungen. Wenn er etwas anpackt, dann ist er regelrecht besessen davon, es zu Ende zu bringen, ganz gleich, was es kostet."

Batman drehte den Kopf: „Die Polizisten, die der Joker zu töten gedroht hat."

Gordon nickte düster: „Ich fürchte, das ist erst der Anfang."

Dem maskierten Rächer fuhr ein kalter Schauer durch die Glieder. „Sie raten mir also davon ab, mich mit ihm in Verbindung zu setzen?" Gordon hob überrascht die Brauen und spie ein humorloses Lachen aus: „Wenn Sie vermeiden wollen, dass er sofort mit einer großkalibrigen Waffe auf sie schießt, ja."

Er schaute auf die nächtliche Kulisse Gothams hinaus und stieß einen Seufzer aus, der sich in der Kälte des Frühwinters in einer nebelartigen Wolke materialisierte. „Talburne lässt sich von niemandem in die Karten schauen, auch von den eigenen Kollegen nicht, geschweige denn von Leuten wie Ihnen, die auf eigene Faust gegen das Verbrechen vorgehen wollen. Sie tun gut daran, ihm aus dem Weg zu gehen. Selbst wenn Ihre Unschuld jetzt bekannt ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass er freiwillig mit Ihnen zusammenarbeiten würde. In gewisser Weise ist er wie ein Jagdhund. Wenn er einmal eine Fährte aufgeschnappt hat, verfolgt er sie gnadenlos, bis er den Urheber der Spur erlegt hat."

Batman regte sich ungemütlich. Die Dinge, die ihm der ehemalige Commissioner anvertraute, wollten ihm nicht gefallen. „Wird er so auch gegen den Joker vorgehen?" Jim Gordon kratzte sich kurzzeitig an der Braue, ehe er die Lippen schürzte. „Sehr wahrscheinlich sogar."

Die dunkle, vibrierende Stimme der Fledermaus zerschnitt die klirrend kalte Luft: „Wird er damit erfolgreich sein?" Gordon steckte die Hände in die Hosentaschen und zuckte die Achseln: „Wohl kaum. Talburne ist die Personifikation dessen, wogegen der Joker vorgeht. Er ist das Regime, die Kontrolle. Dem Joker wird es ein Spaß sein, Talburne herauszufordern. So mächtig er sich auch gibt und wie überlegen er sich auch fühlt – dem Joker ist er nicht gewachsen."

Batman kniff nachdenklich die Augen zusammen, die von so dunklem Braun waren, dass sie sich kaum von der gummiartigen Maske farblich abhoben, die seine maskulinen Züge verhüllte. „Wenn er scheitert, haben Sie Gelegenheit, sich wieder für das Amt des Commissioners zu bemühen, oder nicht?", fragte er nach einer längeren Zeit des stillschweigenden Nachdenkens. „Das hängt ganz von Garcia ab, fürchte ich", antwortete Gordon und musterte Batman stirnrunzelnd, „Was führen Sie im Schilde? Wollen Sie sich jetzt gegen die Polizei von Gotham stellen?"

Die menschliche Fledermaus schwieg zunächst bedächtig, antwortete dann aber brüsk: „Ich ziehe es in Betracht."

Jim Gordon blinzelte verdattert und drehte sich hastig um, als er die verschlafen klingende Stimme seiner Frau hörte, die fragte: „Jim? Mit wem sprichst du da?"

Gordon eilte zur Tür und stellte sich in sie hinein, ehe seine Frau, die in einen beigefarbenen Morgenmantel gehüllt war, den Raum durchqueren konnte. „Ich hab nur die Sendung kommentiert, Liebes. Die strahlen auch immer größeren Blödsinn aus. Ich bin nur eben auf den Balkon gegangen, um etwas frische Luft zu schnappen." Eine fadenscheinige Ausrede, die sie ihm nicht abkaufte, wie er von ihren rehbraunen Augen ablesen konnte. Trotzdem äußerte sie ihren Verdacht nicht, sondern nickte nur leicht, rieb sich über die Oberarme und murmelte: „Aber mach nicht mehr allzu lang, ja?" Er versicherte ihr, das zu tun und sah ihr dabei zu, wie sie langsam wieder in den Flur zurückschlurfte. Als er ganz sicher war, dass sie wieder in das provisorische Schlafzimmer, das ihre Eltern für sie, Jim und die Kinder hergerichtet hatten, zurückgekehrt war, wandte sich Gordon wieder dem Balkon zu, nur um diesen vollkommen desertiert vorzufinden. Ein leises Seufzen bahnte sich seinen Weg über die rauen Lippen Jim Gordons. Batman war in die Nacht verschwunden, lautlos, ohne Ankündigung. So, wie er es stets zu tun pflegte. Anders als sonst war Jim Gordon heute aber nicht sehr wohl dabei zumute, Batman seines Weges ziehen zu lassen.

***

Der Sonntag hielt nicht das, was sein Name versprach. Selbst am Zenit des Tages kleidete sich der Himmel in waberndes Mausgrau, das kaum heller zu sein vermochte als die Ausläufer der Morgendämmerung eines trostlosen Wintertages.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, war der Joker guter Dinge. Er hatte sich in den Räumlichkeiten eines Nachtclubs verschanzt, in den der Besitzer frühestens in einer Stunde zurückkehren würde, um die Vorbereitungen für das nächtliche Geschäft zu treffen. Bis dahin würde der Joker längst verschwunden sein und nur eine Menge Blut würde bezeugen, dass er hier gewesen war. Ja, Blut würde fließen, so reich und süß wie Wein aus einem paradiesischen Brunnen.

Ein maliziöses Grinsen zuckte über seine Lippen, ehe seine Zunge in hektischem Akkord folgte. Wie süß die beiden Schäfchen schliefen und von einer besseren Welt träumten. Die beiden Polizisten, die Rücken an Rücken gefesselt und geknebelt auf Stühlen in der Mitte des Raumes saßen, waren so einfach zu ködern gewesen wie hungrige Tölen.

Alex erwies sich eben doch als nützlicher als er erwartet hatte. Der Junge mit der verstümmelten Hand, dem kreidebleichen Gesicht, in dem zwei eisige Saphire als Augen eingesetzt waren, zog schnell die Aufmerksamkeit auf sich. Erstrecht die von zwei pflichtbewussten Streifenpolizisten. „Pflichtbewusst oder einfach nur strohdumm", murmelte er und umkreiste mit beschwingten Schritten seine noch bewusstlosen Opfer wie ein Geier, der unentschlossen war, ob und wann er sich an seiner Beute gütlich tun konnte. Er schlenderte an der Kamera vorbei, die er genau vor seinen beiden Jungs in Uniform aufgebaut hatte, machte noch einmal kehrt und stellte das Stativ ein. Er wollte schließlich nicht, dass den Empfängern des Videos, das im Begriff war, zu entstehen, auch nur irgendein Detail der Show entging. Schließlich bezahlten sie dafür. Die einen jetzt, die anderen später.

„Simsasimsasimsalabim", summte er vor sich hin und prüfte die Einstellung der Kamera, als er merkte, dass sich zumindest einer der Gentlemen regte. Seine Mundwinkel zuckten in freudiger Erwartung, als der kleinere und etwas pummelige Cop den Kopf drehte und müde gegen das schummrige Licht aus grünen und gelben Scheinwerfern blinzelte. Der Joker hätte gern noch eine Nuance Lila mit ins Spiel gebracht, aber diese Banausen konnten nur mit rotem, gelbem und grünem Licht dienen. Für den heutigen Zweck würde es genügen. Detective Pummelchen stöhnte gedämpft, der Knebel hinderte ihn daran, seinem Unwohlsein stärkeren Ausdruck zu verleihen. „Hallo, da auf dem Stuhl", begrüßte ihn der Joker, der hinter der Kamera stand und den Aufnahmeknopf betätigte. Als er die tiefe, verzerrte Stimme vernahm, drehte der Polizist den Kopf und benötigte einige Sekunden, um die Situation zu verstehen, in die er geraten war. „Hi", griente der Joker und winkte galant mit der rechten Hand, die in einem dunklen Lederhandschuh steckte. Der bloße Klang dieser bösartigen, und doch merkwürdig melodischen Stimme schien zu genügen, um den Cop in pure Agonie verfallen zu lassen. Er begann zu zappeln und an seinen Fesseln zu zerren, als gäbe es kein Morgen mehr. Wie Recht er damit nur hatte!

„Aber, aber, Detective...was wird denn das? Sie sind auf Sendung, da sollten Sie wirklich mehr Haltung bewahren", argumentierte der Joker, dessen Grinsen im leicht schummrigen Licht noch verzerrter, noch grausamer aussah. Langsam ging er an der Kamera vorbei und klappte summend eines seiner kleineren Messer auf. Es sollte ja nicht zu schnell gehen. Wo bliebe denn sonst der Spaß? Je mehr er sich ihm näherte, desto wilder panischer schlug er um sich, hätte gewiss den Stuhl umgeworfen, auf dem er saß, hätte nicht das Gegengewicht seines Kollegen dafür gesorgt, dass er buchstäblich auf dem Boden der Tatsachen blieb. Gequälte, gutturale Laute größter Angst entwichen dem Cop, neben dem der Joker in die Hocke gegangen war. „Oh, du...du...du, du willst was sagen, ja? Nur zu, begrüße Gotham!", ruckartig zerrte der Joker den Knebel aus den Mund seines Opfers, der tief furchende rote Striemen auf seinen Wangen hinterlassen hatte. Eine perfektere Schnittvorlage gab es wohl kaum.

„Du...Freak!", zischte der sichtlich verängstigte Cop dem Joker entgegen, der daraufhin so tat, als würde er sich den Speichel, den der Polizist wegen seiner feuchten Aussprache versprüht hatte, aus dem Gesicht wischen.

„Warum denn so ungehalten, Detective?", der Joker legte den Kopf schief und zog die Unterlippe zwischen die Zähne, „Hm?" Der Cop holte laut keuchend Luft und spie ihm entgegen: „Du verdammter Mörder! Du Hund! Du wirst nicht kriegen, wonach du verlangst!" Obgleich es den Joker zutiefst amüsierte, was Schweinchen Dick ihm an den Kopf warf, behielt er sich vor, dem kleinen Scheißer eine Lektion zu erteilen. Selbst wenn es gleichzeitig seine letzte sein würde.

„Das...äh...stimmt sogar, Schwabbelchen. Meine süße kleine Herzdame ist noch immer nicht auf freiem Fuß. Dir ist...äh...schon klar, dass du genau aus diesem Grunde mit deinem werten Kollegen hier bist, oder?"

Der Joker piekste dem Cop in die Anzeichen eines Doppelkinns, worauf dieser den Kopf zurückwarf und gegen den seines Freundes schlug, der noch immer im Lummerland unterwegs war. „Auch wenn du uns tötest, wirst du nicht erreichen, was du willst. Das Gesetz steht über dir. Du kannst dich nicht darüber erheben!"

Der Joker zog einen Schmollmund und nickte gleichgültig, ehe er ohne jede Vorwarnung die Hand nach vorn schnellen ließ und das runde Kinn des Mannes zu fassen bekam. Gewaltsam zerrte er es zu sich heran und beugte sich ganz nah über sein Opfer, dessen hektischer, vage nach seiner Henkersmahlzeit riechender Atem seine kalkweißen Wangen streifte und leicht kitzelte. „Wie heißt du, Fettsack?", knurrte er erbarmungslos.

„Lies...lies es selbst, du Schwein!", keuchte der dreiste Cop, „Oder kannst du nicht lesen?"

Der Joker biss die Zähne aufeinander. Da wurde jemand widerspenstiger, als es in seiner Position ratsam gewesen wäre. „Oh doch, ich kann lesen, sehr gut sogar. Und noch besser kann ich schreiben", er nickte heftig, seine dunklen Augen bohrten sich regelrecht in die leicht trüben blauen seines Opfers, „Willst du, dass ich dir was auf deinen fetten Wanst schreibe, hm? Leider...", er verdrehte die Augen, so als seien ihm die Worte entfallen, die er hatte sprechen wollen, „...leider hab ich keinen Stift dabei, aber weißt du...hiermit...", er hielt die Schneide seines Messers in Augenhöhe des Cops, „kann ich auch hervorragend umgehen."

Diesmal war es an dem Polizisten, zu schweigen.

„Weißt du, es heißt ja immer, die Feder sei mächtiger als das Schwert...", er drehte die Klinge fast anmutig hin und her, sodass sie das unterschiedlich gefärbte Licht sanft auffing und reflektierte. „Das kann nur ein verdammter Idiot gesagt haben, dem man noch nie in seinem Leben einen Schnitt zugefügt hat", schnaufend atmete der Joker aus, genoss jetzt die ungeteilte Aufmerksamkeit des uniformierten Mannes.

„An mir wurden schon mehr Messer gewetzt als an einem verdammten Schleifstein. Willst du...willst du wissen, wie es sich anfühlt, wenn...das kalte Metall in deine Haut dringt? Millimeter...für...Millimeter?", langsam ließ er die scharfe Schneide über den Adamsapfel seines Opfers gleiten, das gar nicht mehr zu atmen wagte. „Die Klinge ist nur am Anfang kalt. Sie wird...ganz warm, wenn sie tief genug in lebendiges Blut getaucht und ein Teil von dir wird", die Zunge des Jokers schnellte wie die eines Salamanders zwischen seinen Lippen hervor und befeuchtete die leuchtend rot bemalte Geschwulst, die sein Mund war, „aber was erzähl ich dir das überhaupt?", der Joker runzelte die Stirn und hob dann abrupt die Brauen, was komisch gewirkt hätte, hätte er nicht so eine Teufelsfratze besessen, „Du wirst es ja gleich selbst erfahren!", prustete er los und hatte Mühe, die Fassung wiederzuerlangen.

„Mein Opfer wird dir nichts einbringen!", versprach ihm der Mann mit dem letzten Bisschen Mut, das er aufbringen konnte. Seine weinerliche Stimme genügte, um den Joker wissen zu lassen, dass das Dickerchen hier vor ihm auf dem Stuhl nicht einmal halb so tapfer war, wie es vorgab zu sein.

„Das würde ich dann Pech für dich nennen", säuselte der Joker zur Antwort und ließ die Messerspitze in der kleinen Kuhle zwischen den Schlüsselbeinen des Polizisten ruhen. „Also, Ferkelchen", fuhr der Joker fort und verzog die Lefzen zu einem absonderlich verzerrten Grinsen, „wie soll ich schneiden? Von links nach rechts? Von rechts nach links? Von oben nach unten oder andersrum? Vielleicht sogar diagonal?", er beobachtete die angstvollen Regungen in den Augen des Mannes, die geweiteten Pupillen, die hektisch ihren Fokus wechselten. Schließlich endete der Joker seine Ausführungen mit: „Du hast sozusagen die Wahl der Qual!", er gluckste laut und riss sich dann nur mit Mühe wieder zusammen. Der Polizist vor ihm schlotterte vor Angst. Seine Drüsen sonderten so viel Angstschweiß ab, dass der Gestank selbst dem Joker zu viel zu werden drohte. „Hm? Keine Meinung zu dem Thema? Oder...willst du alles mal ausprobieren?"

Die Augen des vorlauten und ebenso schnell wieder verstummten Schweinchens weiteten sich verloren, bis es dem Joker zu langweilig wurde: „Kannst du haben", versicherte er ihm und ließ dann beinahe ekstatisch die Klinge auf und niederfahren, strich seine Hand, die das Messer mit mörderischer Routine führte, kreuz und quer über die aufgeschlitzte Kehle des Polizisten und überhörte dabei die letzten gurgelnden, bluterfüllten Atemzüge seines Opfers. Er hörte erst mit dem Schneiden auf, als der Hals des Polizisten nicht mehr als solcher zu erkennen war. Das Blut des Mannes war ihm zum Teil ins Gesicht gespritzt, doch so wirklich störte er sich nicht daran. Es gehörte nun einmal dazu. Er spürte, wie sich ein Tropfen des fremden Blutes an seiner Nasenspitze sammelte und von dort auf das besudelte Hemd des Cops tropfte.

Der Joker erhob sich zu voller Größe, betrachtete das noch blutende, aber tote Opfer mit einem genießerischen Lächeln und drehte sich dann langsam zu der Kamera um, trat an sie heran und streckte sein Gesicht der Linse entgegen. „Ich...äh...hoffe doch, Sie haben sich das alles sehr genau angesehen, Ladies und Gentlemen und auch wahrgenommen, dass noch ein zweites Schweinchen auf dem heutigen Schlachtplan steht."

Er wischte die Klinge an einem Tuch ab, das er aus seiner Manteltasche gezogen hatte, und verstaute dieses dann wieder an derselben Stelle. „Commissioner Talburne scheint mich nicht sonderlich ernst zu nehmen. Also habe ich beschlossen, meinen...Einsatz zu erhöhen. Für jeden Tag, den die holde Erin Porter nicht aus den dunklen, grausigen Fängen der Haft entlassen oder aber anderweitig befreit wird, stirbt ein Polizist mehr. Das heißt, da wir heute schon den zweiten Tag haben, an dem nichts passiert ist, müssen zwei Bullen dran glauben. Morgen dann drei, übermorgen vier...und wenn irgendwann kein Cop mehr da ist...werden noch unschuldigere Menschen dafür bluten müssen", er starrte ohne zu blinzeln in die Kamera und brach dann in schallendes Gelächter aus, ehe er eine Regung hinter sich vernahm und sich leicht räusperte, „Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss mich noch meinem zweiten Gast widmen."

Er klappte das Visier der Kamera nach unten, schaltete somit die Aufnahme aus und rückte anschließend die mit Blut besprenkelte Krawatte zurecht. Auch wenn er sein zweites Meisterwerk nicht auf Video aufnahm, würde man die Leiche des anderen Polizisten ebenfalls hier vorfinden. Für den zweiten konnte er sich nicht mehr so viel Zeit nehmen, schließlich musste er noch genügend Kopien des Bandes anfertigen, damit er auch alle Fernsehsender und auch das Polizeibüro mit vorweihnachtlicher Post beglücken konnte. Liebend gern hätte er auch Batman ein Video zukommen lassen, aber der stand ja leider nicht im Telefonbuch und auch nicht in den Gelben Seiten.

Der Joker betrachtete aus seiner Perspektive belustigt, wie der andere Cop den Kopf drehte, aber nichts von der Sauerei ahnte, die zum Teil an seinem Rücken klebte. Einzig der schwere, metallene Geruch gerinnenden Bluts ließ möglicherweise erahnen, was sich ereignet hatte, oder zumindest, dass es nichts Gutes zu bedeuten hatte. Der Joker zückte die gesäuberte Klinge und umrundete mit ein paar wenigen Schritten die Stuhlkonstruktion, auf der sich nur noch einseitig etwas regte. Er baute sich vor dem schmaleren, aber dennoch muskulösen Cop auf, der benommen zu ihm hinauf starrte.

„Hi", begrüßte er auch ihn nonchalant und deutete eine Verbeugung an. Dieses Exemplar war bedeutend ruhiger und starrte ihn nur angespannt an. Wie gut, dass er den unterhaltsameren seiner beiden Kandidaten zum Fernsehstar befördert hatte. „Heute ist dein Glückstag", versicherte ihm der Joker, „du kannst dir aussuchen, wie du sterben möchtest." Sein Gegenüber schien das nicht ganz so lustig zu finden wie er und begann nun auch zu zappeln wie ein Fisch im Netz. Obwohl er sich nicht an Zeitpläne hielt und nur ungern danach richtete, befand er, dass er noch genug Gelegenheit haben würde, seinen Spaß mit den so genannten Gesetzeshütern zu haben. Er erledigte den zweiten wehrlosen und gefesselten Polizisten mit kurzem Prozess, schlitzte ihm die Halsschlagader auf und nahm sich nicht einmal mehr die Zeit, ihm bis zum Ende beim Verbluten zuzuschauen. „Ich...äh...muss leider schon wieder weiter. Termine, Termine...Sie wissen ja, wie das ist. Ach ja, nach zu starkem Blutverlust könnte Ihnen kalt werden." Er zog eine weiße Tischdecke vom Empfangstresen und breitete sie über dem tödlich verwundeten Cop aus, sodass nur noch die Bewegung des dünnen Stoffes durch das rasselnde Atmen daran erinnerte, dass er noch lebendig war.

„So...das dürfte erledigt sein", er leckte sich über die Lippen, verstaute sein Werkzeug in seiner Westentasche und baute summend die Kamera ab, die zumindest einen von zwei Morden aufgezeichnet hatte. Zuletzt steckte er beiden Cops jeweils eine Jokerspielkarte hinter die Ohren und verließ ebenso gut gelaunt, wie er gekommen war den Ort des Verbrechens. Liebend gern hätte er noch der Reaktion des glücklichen Finders beigewohnt, aber wie hieß es so schön? Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Manchmal, so wie in seinem Job, konnte man sogar das eine mit dem anderen verbinden.

Er bediente sich an den Küchenvorräten des Clubs, zu dem er sich über einen Junkie Zutritt verschafft hatte, der sich bereits das halbe Gehirn weggekokst hatte, füllte seine Manteltaschen und auch die mitgebrachte kleine Reisetasche mit den Filmutensilien mit diversen Leckereien auf, überprüfte auf seinem Rückweg, ob den zweiten Bullen mittlerweile auch wirklich das Zeitliche gesegnet hatte, und verließ, als dem auch so war, den Club über einen Hintereingang, der in einen privaten Wohnbereich führte. Er fühlte sich vom engstirnigen Commissioner Talburne, dessen breite Visage ihn an das Maul eines bissigen Kampfhunds erinnerte, nicht etwa bedroht. Vielmehr war der Mann eine Herausforderung für den Joker, denn auch Talburne schien über Leichen gehen zu wollen, um sein Ziel zu erreichen. Die Frage war nur, wer von ihnen beiden zuerst einlenken würde, während beide mit Vollgas auf den Abgrund zusteuerten.

***

Die grauweiße Asche der Zigarre schwelte gemächlich vor sich hin, bis sie zu schwer wurde und ihr fragiles Skelett unter dem Federgewicht zerbrach. Sie zerbröselte in viele kleine Flocken, die im gläsernen Auffangbehälter des Aschenbechers landeten und dort auskühlten. Das Büro des Commissioners war seit Jim Gordons Dienstzeit ein Nichtraucherzimmer gewesen, Winston Talburne hatte sich das Vorrecht erlaubt, das Büro mit dem penetranten Geruch kalten Rauchs auszufüllen. Das fahle Licht der Schreibtischlampe warf einen blassgelben Kegel auf den Aktenstapel, der sich vor dem älteren Mann auftürmte.

Talburne machte im Augenblick nicht den Eindruck, als würde ihn der Arbeitsaufwand übermäßigem Stress aussetzen. Er lehnte sich in seinen Stuhl mit der federnden Rückenlehne und schien entrückt ins Leere zu schauen, doch der Anblick täuschte. Talburne dachte sehr intensiv und lange darüber nach, wie er den Clown zur Strecke bringen konnte, der ihm sein Revier streitig zu machen versuchte. Dabei machte er sich keine Gedanken darum, einen Kompromiss mit diesem Geisteskranken zu finden oder ihm etwa zu geben, wonach er verlangte. Er würde diesem Spaßvogel zeigen, wer hier das Sagen hatte. Talburne kniff die schmalen Augen zusammen und verzog den breiten Mund, der ihm das Aussehen einer Kröte verlieh. Er klemmte die Zigarre zwischen seine Zähne und blätterte die Akte des Jokers durch, die die vielen Straftaten dokumentierte, die er begangen hatte, aber kaum verwertbare psychologische Gutachten enthielt. Weder beeindruckte Talburne die Kaltblütigkeit der vorliegenden Verbrechen, noch die Art und Weise, wie clever er aus Arkham ausgebrochen war. Er hatte vielen Kriminellen das Handwerk gelegt, die sich für genial gehalten hatten. Gegen ihn zogen sie alle früher oder später den Kürzeren.

Er nahm die Zigarette kurz aus dem Mund, um den Rauch auszuatmen, ehe er sie wieder an ihren angestammten Platz in seinen rechten Mundwinkel legte und den roten Hefter unter all den Dokumenten hervorzog. Was hatte es mit dieser Erin Porter auf sich? Wer war sie und warum pochte der Joker darauf, sie in Freiheit zu sehen? Talburne entließ schmatzend die Havanna, legte sie vorübergehend auf den Aschebecher ab und zog beide Akten auf gleiche Höhe. Die des Jokers links, die der jungen Dame rechts. Welche Verbindung bestand zwischen diesen beiden? Und wenn es keine Verbindung gab, inwiefern war dieses blonde, verschüchtert dreinschauende Mädchen von Interesse für diesen Wahnsinnigen? Das Problem bestand darin, dass über den Joker nichts bekannt war, abgesehen von seiner kriminellen Aktivität und seinem beunruhigend kurzen Aufenthalt in Arkham. Keine Identität, keine Sozialversicherungsnummer, keine ärztliche Dokumentation, noch nicht einmal normale Alltagskleidung, die auf seine Einkäufe hätte Rückschlüsse geben können. Gut, dieser Paradiesvogel schien es sowieso nicht zu pflegen, auf zivile Art und Weise Waren und Kleidung zu erstehen.

Die kleine Porter war also vielleicht der Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels. Er blätterte ihre Akte durch und las ihre Personalien. 1980 in einer Kleinstadt geboren und auf dem Land aufgewachsen, ab dem zehnten Lebensjahr mit der Mutter durch diverse Städte gezogen, Schulabschluss 1998, danach begonnenes, aber wenig später abgebrochenes Studium der Sozialwissenschaften und Pädagogik, flüchtige Nebenjobs, letzte bekannte Beschäftigung am Le Gardien Orphanage im Stadtgebiet Gotham City. Talburne verzog den breiten Mund und schnalzte mit der Zunge. Ein beeindruckender Lebenslauf sah anders aus. Immerhin waren vor ihrem offensichtlichen Mord an ihrem Kollegen Matthew Dermont keine kriminellen Aktivitäten in ihrer Akte dokumentiert. Er befeuchtete die Spitze seines Zeigefingers und blätterte durch die Ermittlungen, die im Falle Erin Porter durchgeführt worden waren. Zwei schriftliche Zeugenaussagen, ein psychologisches Gutachten, die forensische Beweislage...und mehr brauchte man auch nicht, um das kleine Blondchen vor Gericht zu zerren. Es war nicht einmal nötig, in diesem Waisenhaus einzufallen und nach der Beziehung zwischen dem Toten und der sehr wahrscheinlichen Täterin zu fragen, die bestimmt sowieso als ausgezeichnet präsentiert werden würde. Nein, die Beweislage war erdrückend und solange niemand eindeutigere Beweise für ihre Unschuld vorlegen konnte als ein schwammiges Gutachten, dass die Gedächtnislücke der Verdächtigen auf Alkohol- oder Drogenmissbrauch zurückzuführen war (den sie zudem gut selbst begangen haben konnte), würde das hübsche Täubchen in den Knast wandern. Talburne überlas ihre Zeugenaussage und hob die Brauen, ehe er in sich hinein murmelte: „Natürlich, Schätzchen, du hast von nichts eine Ahnung gehabt und hast Spiderman gemimt, als du von einem sechzig Meter hohen Gerüst geklettert bist. Hat dir Batman dabei geholfen, hm?"

Er schüttelte verächtlich den Kopf. Sie wollte scheinbar alle für dumm verkaufen. Die Bemerkung, der Joker habe sie da hinaufgebracht, wunderte ihn nicht wirklich. Der Joker war zweimal zuvor in Le Gardien eingefallen, hatte die Porter beim zweiten Mal sogar entführt. Was läge da näher, als die nächste Misere ebenfalls diesem Clown in die viel zu großen Schuhe zu schieben? Selbst wenn er getan hatte, was sie zu Protokoll gegeben hatte, enthob sie das nicht ihrer Schuld. Die Spuren waren eindeutig gewesen. In Wirklichkeit interessierte Commissioner Talburne auch nicht, ob sie schuldig zu sprechen war oder nicht, für ihn war es viel wichtiger, inwiefern sie hilfreich dabei sein konnte, den Joker aufzuspüren. Sein Interesse an ihr war schließlich nicht von der Hand zu weisen.

Talburnes Konzentration wurde wenige Sekunden später abrupt gestört, als die Tür zu seinem Büro aufgerissen wurde. Üblicherweise arbeitete zu so später Stunde keine handelsübliche Einheit mehr, aber seit dem neuerlichen Anschlag des Jokers auf zwei Polizisten war jeder Cop mehr denn je bemüht, den Clown in seine Kiste zurückzustecken. Außerdem, so kam es Talburne vor, fürchteten sich viele, das als halbwegs sicher geltende Polizeipräsidium zu verlassen. Sein momentaner, nicht gerade willkommener Besuch stammte jedoch nicht aus den eigenen Reihen, sondern vom dubiosen Bürgermeister Garcia persönlich. Das gepflegte schwarze Haar fiel ihm hektisch in die Stirn, der leichte Latinoeinschlag seines Teints war unnatürlich blass, was möglicherweise auch auf die eher spärlichen Lichtverhältnisse in Talburnes Büro zurückzuführen war.

„Sind Sie von allen guten Geistern verlassen, Talburne?", herrschte ihn das Stadtoberhaupt mit gezieltem Verzicht auf jegliche Höflichkeitsfloskel an, während die Tür hinter ihm ächzend ins Schloss fiel.

„Ihnen auch einen schönen guten Abend, Bürgermeister Garcia", erwiderte der Commissioner stoisch und zog an seiner Zigarre, bevor er sich wieder den Akten widmete und den aufgebrachten Garcia ignorierte.

„Sie müssen der Presse ein Statement geben. Sie können nicht einfach dabei zusehen, wie dieser Verrückte unsere Polizeieinheiten dezimiert. Was, wenn er auf die Idee kommt, dass ein Cop mehr pro Tag nicht genügt und er anfängt, die Anzahl seiner Opfer zu potenzieren?" Gelassen blickte Talburne aus seinen fast schlitzförmigen grünen Augen auf und hob unbeeindruckt die dichte Braue: „Dann gratuliere ich ihm zu dieser mathematischen Glanzleistung." Garcia schlug empört mit der Faust auf den Schreibtisch, worauf das metallene Namensschild des Commissioners ein melodisches Summen anstellte.

„Ich habe Sie nicht aus Chicago hierher berufen, damit Sie sich zurücklehnen und Ihre Eier schaukeln! Ich erwarte von Ihnen Aktivität und dass Sie diesem Wahnsinn ein Ende bereiten!"

Talburne nahm einen weiteren Zug von der Havanna und blies dem Bürgermeister den unangenehm riechenden Rauch ins Gesicht. „Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, dass ich genau daran arbeite?" Garcia verzog den Mund in Abscheu, Zorn funkelte in seinen dunklen Knopfaugen und die Hand, die immer noch zur Faust geballt war, zitterte verhalten. „Und wie? Agieren Sie jetzt unsichtbar? Schlagen Sie den Feind mit Ihren paranormalen mentalen Fähigkeiten?"

Der Bürgermeister war außer sich, doch trotzdem gab ihm das nicht das Recht, sich über Winston Talburne lustig zu machen. Niemand genoss dieses Vorrecht, zumindest niemand, der wirklich etwas zu melden hatte.

„Sie müssen eine Pressekonferenz einberufen und Stellung nehmen. Die Leute auf der Straße drehen sonst noch durch und werden versuchen, Erin Porter zu befreien, indem sie mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet das Polizeipräsidium stürmen." Talburne ließ sich dazu hinreißen, wenigstens seine lümmelnde Haltung aufzugeben. Er setzte sich auf und stützte sich mit den Ellbogen auf die Arbeitsfläche ab, lehnte sich provokativ zu dem Bürgermeister vor, der vor seinem schweren Sekretär stand und ihn wutentbrannt musterte.

„Erstens glaube ich, dass Ihre Ansichten einer bürgerlichen Revolte recht überholt sind und zweitens werde ich nicht vor diesem...Joker...kuschen. Da könnte ja jeder kommen." Er stippte die sehnigen, schraubenartig verdrehten Überhänge der Zigarrenasche in den dafür vorgesehenen Behälter und kratzte sich, die Zigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand geklemmt, mit dem Daumen an der Wange.

„Sie können ihn nicht einfach ignorieren", zischte Garcia gepresst. Er schien sichtlich mit der Situation überfordert zu sein, dass seine Autorität nicht als solche anerkannt wurde. Aber in seinem Büro war nun einmal Talburne der Platzhirsch, selbst Seine Heiligkeit der Papst hätte um einen Sitzplatz bitten müssen. „Doch kann ich. Ich verspreche Ihnen, Bürgermeister...", er sprach die Amtsbezeichnung Garcias absichtlich spottend aus, „was der Joker erreichen will, ist Aufmerksamkeit. Er will, dass alle durchdrehen und das Chaos ausbricht, über das er Herr ist. Ich bin nicht bereit, ihm zu geben, was er will. Ich verspreche Ihnen; er wird so gar nicht damit klarkommen, dass ihn niemand erhört. Dann wird er beginnen, Fehler zu machen. Ich habe genügend Irren seinesgleichen in Chicago das Handwerk gelegt. Verbrecher seines Schlags sind nichts anderes als arrogante, aufgeblähte, von sich selbst eingenommene Taugenichtse, die genauso stolpern und fallen wie alle anderen auch. Ich weiß nicht, wer diesen albernen Clown zum Gott der Unterwelt erhoben hat, aber Fakt ist, dass ich mich von ihm nicht einschüchtern lassen werde."

Der Bürgermeister schien nach entsprechenden Widerworten zu suchen, war aber zu erzürnt, um nicht ausfällig zu werden. „Wie viele Polizisten wollen Sie sterben lassen, bis der Joker Ihrer Meinung nach patzt?", fragte er dann leise, Verachtung schwang mit jeder Silbe stärker mit. Ihm war anzusehen, dass er seinen Schachzug, Gordon zu suspendieren und Talburne für ihn einzusetzen, bereute und nicht mehr für so klug befand, wie es am Freitag noch den Anschein gehabt hatte.

„Von Wollen kann da keine Rede sein, Bürgermeister. Es wäre mir lieb, wenn kein aufrechter Cop in Gotham City mehr diesem ausgebrochenen Zirkuskomiker zum Opfer fiele."

Garcia strich sich mit der Hand über den Mund, schüttelte den Kopf, stemmte die linke Hand in die Seite und drehte sich halb zur Tür hin. „Dann unternehmen Sie Gott verdammt noch mal etwas dagegen!" Talburne nickte ruhig: „Das tue ich bereits. Nur auf meine Weise."

Garcia presste die Lippen aufeinander. Er kam nicht gegen den neuen Commissioner an und aus dem Dienste entlassen konnte er ihn genauso wenig. Gordon galt unter den Bürgern Gothams als Verräter und Lügner und Garcias eigener Ruf war auch nicht mehr das, was er einmal gewesen war, ein übereilter Personalwechsel würde ihn in die Bredouille seiner so hoch gelobten Öffentlichkeit bringen. Er schien aus Talburnes Gesicht herauslesen zu können, dass er so dachte und damit Recht hatte, und verzog vor lauter Missfallen den Mund, ehe er den Zeigefinger auf ihn richtete wie ein Lehrer, der einem seiner vorlauten Schüler eine Schelte zukommen ließ: „Lange sehe ich mir das nicht mit an. Wenn Sie nächste Woche immer noch nichts mit Ihrer so genannten Taktik erreicht haben, werde ich Schritte gegen Sie einleiten. Falls das überhaupt nötig ist. Die Leute würden Ihnen ohnehin jetzt schon liebend gern den Hals umdrehen!"

Talburnes Mundwinkel arrangierten sich neu zu einem Lächeln, das rein gar nichts Freundliches an sich hatte: „War das eine Drohung, Bürgermeister?" Garcia hielt kurz inne, stützte sich dann mit beiden Händen auf den Sekretär ab und beute sich zu Talburne vor: „Nein. Nur der Stand der Dinge. Gotham City ist kein Spielplatz, auf dem Sie Ihre Kinder herumtoben lassen können, während Sie auf der Parkbank sitzend den Sonnenschein genießen!" Der Bürgermeister schien zu glauben, mit seiner lobenswerten Metapher Oberwasser gewonnen zu haben, doch Talburne nickte nur knapp und deutete mit dem beachtlich heruntergebrannten Stummel seiner Zigarre auf Garcia, ehe er anmerkte: „Ihre hübsche Krawatte nimmt ein Bad in meinem Aschenbecher."

Das Gesicht des Bürgermeisters war kurzzeitig dermaßen verblüfft und verwirrt, dass es Talburne beinahe ein Auflachen entlockt hätte. Darum bemüht, Haltung zu bewahren, richtete sich Garcia wieder zu voller Größe auf und strich die Asche von der roten Krawatte und dem weißen Hemd, auf das sie gefallen war. „Ihnen wird das Grinsen noch vergehen", versprach der Bürgermeister und wandte sich dann zum Gehen um. Als er schon fast zur Tür hinaus war, rief ihm der Commissioner hinterher: „Ach, Bürgermeister Garcia?" Der Angesprochene drehte sich in Erwartung eines weiteren dreisten Kommentars um und wurde nicht enttäuscht: „Klopfen Sie das nächste Mal an, wenn Sie mich sprechen wollen."

Dieser simple Satz brachte das Fass zum Überlaufen und den Bürgermeister dazu, lautstark die Tür hinter sich ins Schloss zu donnern, sodass die Wucht ausgereicht hätte, den maroden Putz von der Decke rieseln zu lassen.

Talburne schüttelte grinsend den Kopf und blätterte in gelangweilter Manier durch die Hefter vor seiner Nase. Er war fast zehn Jahre lang Profiler in Chicago gewesen, ehe er sich in den Polizeidienst gestellt hatte. Auch wenn bereits viel Zeit seither verstrichen war, hatte er seine Fähigkeiten nicht verlernt, oh nein. Stattdessen musste er sich von einem dahergelaufenen Fatzke im Anzug, der wohl die größte Fehlbesetzung als Bürgermeister war, die sich eine Stadt vorstellen konnte, sagen lassen, was er wie und wann zu tun hatte. Spätestens wenn er den Joker am Haken zappelnd arretieren würde, würden Garcia die vorlauten Parolen vergehen. Talburne erhob sich leise seufzend aus dem viel zu bequemen Bürostuhl und trat mit auf dem Rücken verschränkten Händen an das hohe Fenster heran, hinter dem nasskalter Schneeregen über Gotham City niederging. „Wo auch immer du bist...was auch immer du im Schilde führst...ich werde dich kriegen", versprach Talburne der schemenlosen Dunkelheit, die ihn ausdruckslos anglotzte.

Es klopfte zaghaft an die Bürotür, die auf Talburnes gebelltes „Ja" zögerlich geöffnet wurde. Der Commissioner drehte sich nicht um. Er musste nur auf das Fensterglas schauen, in dem sich die athletische Gestalt Jack Treathers spiegelte. Der junge Mann sah erschöpft, aber nicht wehleidig aus. Wahrscheinlich wurde ihm das erste Mal, seit er die Polizeiakademie verlassen hatte, gezeigt, was es hieß, Polizist zu sein. „Entschuldigen Sie bitte die Störung, Commissioner." Talburne winkte ab und murmelte, noch immer der Fensterfront zugewandt: „Schon gut, Jungchen. Was gibt es denn?"

Treather räusperte sich leise und blieb noch immer vor der wieder verschlossenen Tür des Büros stehen. Es war offensichtlich, dass man dem Commissioner mit vorsichtigem Respekt, teils vielleicht sogar Angst begegnete. Es sollte ihm recht sein, so kam wenigstens keiner auf die Idee, seine Methoden öffentlich in Frage zu stellen. „Das letzte Video des Jokers ist soeben auch auf NBC über den Bildschirm gelaufen. Wie es scheint, hat er Kopien an alle verteilt. Oder das Band wurde von anderen Sendestationen entliehen."

Talburne schwieg daraufhin und wartete, dass Treather noch etwas hinzufügte, was er nach kurzem Warten auch tat: „Was ich damit sagen will, ist, dass der Druck auf uns wächst, Sir. Die Gotham City Times fragt schon seit Stunden an, wie Sie auf die neue Ankündigung des Jokers reagieren werden. Bisher haben wir sie mit einem „kein Kommentar" abgespeist, doch ich bin mir nicht ganz sicher, ob das noch lange effektiv sein wird." Der Commissioner schwieg immer noch, ließ nicht einmal durch die kleinste Regung zeigen, dass ihn die Sorgen des jungen Officers in irgendeiner Weise berührten.

„Sir, die Leute in den eigenen Reihen werden nervös. Jeder, der eine Marke trägt, muss um sein Leben fürchten und die Wahrscheinlichkeit, dass es uns erwischt, steigt mit jedem Tag." Jetzt drehte sich Talburne zu ihm um und fragte mit seinem tiefen Bariton nach: „Weswegen haben Sie sich dazu entschlossen, Polizist zu werden, Officer?" Treather schien verwirrt ob der scheinbar zusammenhangslos gestellten Frage zu sein, fing sich aber recht schnell wieder. „Ich habe einmal mit angesehen, wie ein Mann vor meinen Augen beinahe zu Tode geprügelt wurde. Ich konnte nichts anderes tun, als zusehen und darauf warten, dass die angeforderte Polizeieinheit anrücken würde. Als sie endlich eintraf, war der Mann halbtot, die sechs Täter längst geflohen. Ich wollte mich nie wieder so hilflos fühlen müssen. Deshalb bin ich in die Akademie eingetreten."

Talburne nickte schwach und zog dann die Hände hinter dem Rücken vor, um sie vor der Brust zu verschränken: „Tun Sie das jetzt, Treather? Fühlen Sie sich jetzt nicht mehr hilflos?"

Der junge Cop schluckte, als ihn der Commissioner mit seinen stechend grünen Augen prüfend musterte. „Ich...ich weiß es nicht. In manchen Situationen...wie in dieser hier...kann ich nur warten und zusehen, was passieren wird." Wieder nickte Talburne und stellte eine Fangfrage: „Das missfällt Ihnen, nicht wahr?" Der junge Mann überlegte sehr genau, was er entgegnen sollte und befeuchtete sich mit wachsender Nervosität die Lippen. „Ja, Commissioner. Das missfällt mir." Die Haltung des Officers spannte sich reflexartig an, als der kräftigere und größere Talburne wie ein gemütlich wirkender, in Wahrheit aber gefährlicher Grizzly auf ihn zuschritt. „Dachte ich mir schon", sagte der Ältere von beiden leise. Das Lächeln auf seinen Lippen wollte nicht dazu beitragen, dass sich der Jungspund wesentlich besser fühlte. Es hatte etwas Beunruhigendes, etwas Falsches an sich wie eine Maske, die zum Karneval getragen wurde.

„Hätten Sie Lust, etwas an Ihrer misslichen Lage zu ändern?", bot er ihm mit dieser schrecklich künstlich wirkenden Freundlichkeit an. Jack Treather verfolgte den Commissioner, der vor ihm langsam auf und ab ging, mit seinen wachen, grünen Augen, regte sich aber ansonsten nicht.

„Ja, Sir. Wenn ich etwas tun kann, bin ich bereit."

Talburne nickte zufrieden und Treather musste sich zusammennehmen, um nicht zusammenzuzucken, als ihm der Commissioner beinahe väterlich gegen die Schulter schlug. „Sehr gut. Diese Antwort habe ich erwartet", sagte er dann und trat hinter den Officer, um die Tür zu öffnen. Treather sah es zunächst als Aufforderung, zu gehen, doch als er über seine breite Schulter schaute, war der Commissioner zu seiner Verblüffung aus dem Büro auf den von Schatten bevölkerten Flur getreten und ging in gemächlichem Gleichschritt weiter den Korridor hinab. „Kommen Sie, Junge. Ich weiß, wie Sie sich nützlich machen können", rief er ihm zu, woraufhin Jack nicht wusste, ob er wirklich erfreut sein, oder sich besser fürchten sollte. Mit einer Mischung aus beidem setzte er dazu an, seinem Vorgesetzten zu folgen. Dieser jedoch erinnerte ihn ohne sich noch einmal umzudrehen: „Seien Sie so gut und schließen Sie die Tür zu meinem Büro, Junge."

Treather zögerte, tat dann aber wie ihm geheißen und folgte dem Commissioner durch das Polizeigebäude, das des Nachts noch nie so geschäftig gewesen war wie heute. Mit der Hoffnung im Herzen, etwas Gutes und Rechtes zu tun, folgte er seinem Vorgesetzten in die unteren Etagen. Dorthin, wo der Trakt mit den wenigen Einzelzellen lag.