A/N: Heute sag ich einfach mal nichts als: „Danke an alle Leser." Ich denke, ihr wisst schon, warum.

Scar Tissue

14

Unlautere Methoden

Du musst falsch spielen,

Wenn es Gerechtigkeit ist,

Nach der du dich sehnst.

Man mochte kaum glauben, dass der hektische, geschäftige Hühnerstall, in den sich die Büroräumlichkeiten, in denen das Telefon nie stillzustehen schien, verwandelt hatten, genauso Teil des Polizeigebäudes war wie die abseits gelegenen, stillen Einzelzellenbereiche, die das Hauptgebäude in einem separaten Flügel flankierten. Für Jack Treather war es eine Wohltat, dem Stimmengewirr und den aufgeriebenen Nerven seiner Kollegen für kurze Zeit entfliehen zu können. Die Stille des nur dürftig mit schwachem Licht ausgeleuchteten Korridors legte sich weich wie Samt auf seine geplagten Ohren. Er war wie viele seiner Mitstreiter seit fast 24 Stunden auf den Beinen und dementsprechend ausgelaugt. Die Erschöpfung wurde dem jungen Cop erst richtig bewusst, als er nicht mehr Teil des Aufruhrs war, der darum bemüht war, dem Commissioner die Presse vom Hals zu halten, die Videobotschaften des Jokers auf mögliche favorisierte Aufenthaltsorte des skrupellosen Psychopathen zu untersuchen und die Kollegen von der Streife davon zu überzeugen, dass sie trotz der Androhung des Jokers ihrem Dienst nachgehen sollten. Hier, im abgedunkelten Trakt der Einzelzellen, in denen entweder besonders gefährliche Verbrecher oder aber Kriminelle mit Sonderstatus untergebracht wurden, kostete er die fast behagliche Ruhe aus, nahm bewusst das Gewicht wahr, das sich auf seine müden Lider gelegt hatte, und spürte das Zittern seiner erschöpften Muskeln mit jedem Schritt, den er tat.

Commissioner Talburne hatte es geschafft, sich binnen weniger Stunden bei allen Polizeizentralen Gotham Citys unbeliebt zu machen. Ein paar Officer, wenn auch nur die kleine Minderheit, hatten tatsächlich ihre Marken und Waffen abgegeben, weil sie nicht unter Talburnes Kommando arbeiten wollten. Der Großteil, der ethisch und moralisch auch eher dazu geneigt hätte, den Job an den Nagel zu hängen, konnte es aus bestimmten Gründen nicht tun. Der eine brauchte dringend das Geld, so auch Treather, dessen Freundin im achten Monat schwanger war, weswegen er sich verpflichtet fühlte, das Brot für seine junge Familie zu verdienen; wiederum andere liebten ihren Job zu sehr und fühlten sich dem Gesetz verpflichtet, selbst in einer prekären Situation wie der aktuellen. Und dann gab es noch jene Cops, die nur auf eine Führungspersönlichkeit wie Talburne gewartet hatten und sich ihm mit Feuereifer in den Dienst stellten.

Jack war unentschlossen darüber, was er von seinem neuen Vorgesetzten halten sollte. In vielen Dingen war er aufgeräumter als Jim Gordon und versuchte eine härtere Linie durchzuziehen. Andererseits hatte der junge Officer ebenfalls den Eindruck gewonnen, dass der neue Commissioner seinen eigenen Kopf hatte, mit dem er gern mal durch die Wand zu preschen versuchte. Als leitender Polizeichef hingegen musste er lernen, sich damit anfreunden zu können, Kompromisse mit anderen Behörden und der Öffentlichkeit einzugehen. Dazu schien Talburne absolut nicht gewillt zu sein. Seine ruppige, von stoisch auf cholerisch unberechenbar umschwenkende Art hielt das gesamte Revier auf Trab. Innerhalb von zwei Tagen hatte er für mehr Wirbel gesorgt als all seine Vorgänger zusammen. Es gab etwas an Commissioner Talburne, was Jack unheimlich war. Es war etwas an ihm, das ihn undurchschaubar machte, zwielichtig und beunruhigend. Es war, als wisse man mit ihm den Wolf in der Schafsherde, der bereit war, in jedem Moment einen von ihnen zu reißen. Treather schüttelte diesen unbehaglichen Gedanken ab und schob es schlichtweg auf seine Müdigkeit, die ihn über so wirre Dinge grübeln ließ. „Was suchen wir hier unten?", fragte er auch, um sich wach zu halten, aber allem voran, weil er wirklich ratlos war, aus welchen Gründen der Commissioner ihn hierher geschleift hatte. „Antworten, Officer...Antworten", lautete Talburnes brüske Antwort, ehe er zu Treathers Überraschung das Volllicht anschaltete, das kalt und unbarmherzig grell mit einem Schlag alle Schatten aus dem Gang und den angrenzenden Zellen vertrieb.

Dem Commissioner musste bewusst gewesen sein, dass die einzige Verdächtige, die sich in dem separaten Zellentrakt aufhielt, Erin Porter war und dass sie bis eben noch geschlafen haben musste. Schließlich war es bereits nach 2 Uhr morgens und da sie auf explizite Anweisung Talburnes hin nichts davon erfahren hatte, dass der Joker ihre Freilassung zur Bedingung gestellt hatte, ehe er die wahllosen Polizistenmorde einstellte, war sie von dem vorherrschenden Trubel völlig abgeschottet geblieben. Umso kaltherziger war es vom Commissioner, das Licht so unverhofft einzuschalten und sie mehr als unsanft aus ihrem ohnehin nicht sehr ergiebigen Schlaf herauszureißen. Als Jack Treather sie jedenfalls durch die schmalen Gitterstäbe hindurch sah, wirkte sie ziemlich fertig auf ihn. Bleicher als gewohnt und mit dunklen Ringen unter den Augen, erweckte sie den Eindruck, erst vor wenigen Stunden oder gar nur Minuten erst eingeschlafen zu sein. Und Talburne hatte sie aus wer weiß was für fadenscheinigen Gründen geweckt. Gequält langsam richtete sich die junge Frau auf ihrer Pritsche auf und strich sich verschlafen das blonde, leicht strähnige Haar, dem eine Wäsche gut getan hätte, aus dem Gesicht. Sie schaute mit ihren leicht geschwollenen, blauen Augen fragend auf den ihr unbekannten Mann, ehe sie sich an Treather wandte, der sich nicht mehr sehr wohl in seiner Haut fühlte.

„Aufgewacht, Dornröschen!", donnerte Talburnes Stimme kalt und unfreundlich auf die Verdächtige nieder, die genauso verwirrt wie Jack war, als der Commissioner die Schlüssel zückte und das Gatter rasselnd aufschob, als das Schloss geöffnet war. Erin rutschte verunsichert näher an die Wand, bis ihre schmalen Schultern gegen die kalten Kalksteine stießen. Sie runzelte die Stirn und schien noch zu benommen vom Schlaf zu sein, um auch nur annähernd zu verstehen, was sich um sie herum zutrug. Ein bisschen träge und mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht streckte Erin die Hände vor sich aus, um zu erfahren, was das alles hier sollte. „Mitkommen", murrte Talburne nur ohne viel Zeit zu verschwenden, stapfte mit seinem schwerfälligen Gang in die kleine Parzelle und packte Erin so grob am Arm, dass sie vor Schreck Widerstand leistete und zu strampeln begann wie ein wildes Tier. Völlig unbeeindruckt davon, dass sie sich ihm widersetzte, verdrehte Talburne mit erschreckender Routine Erins Arme auf den Rücken und legte ihr Handschellen an. Dieser Akt grenzte an Brutalität, die Treather völlig aus der Bahn warf. Dass der neue Commissioner alles andere als zartbesaitet war, hatte er sich schon denken können, aber so ein rabiates Vorgehen war alles andere als tolerabel.

„Sir, Sie tun ihr weh!", merkte Treather so vorsichtig wie es ihm in seinem Entsetzen möglich war, während sein Vorgesetzter die junge Frau, die den Mund vor Schmerz verzogen und die Augen krampfhaft geschlossen hatte, mit sich zerrte. Sie konnte ja noch nicht einmal schreien.

„Schmerz ist der beste Lehrmeister", erwiderte Talburne kühl und zog Erin aus der Zelle, drückte sie gegen einen nahestehenden Schreibtisch, der nicht besetzt war, und zwang sie auf einen der polsterlosen Stühle. „Keine Angst, wir haben nur ein paar Fragen an Sie, die Sie uns höchstwahrscheinlich ehrlicher und besser beantworten können, wenn es die Bedingungen erfordern."

In Jacks Hals breitete sich ein Kloß aus. Dazu hatte er ihn also hier hinunter gebracht. Damit er in Ruhe Erin Porter durch die Mangel drehen konnte, während Jack ihm den Rücken freihielt. Oder war das nur ein Test? Eine Probe aufs Exempel, wie loyal der Officer wirklich war? Erwartete Talburne, dass Jack eingriff und dazwischen ging, oder dass er wirklich Schmiere stand und bei diesem wirklich unmoralischen Verhör Beihilfe leistete? Endlich ließ Talburne von Erin ab und setzte sich fast direkt vor sie auf die Tischplatte. Mit den unnatürlich verdrehten Armen auf dem Rücken musste es ihr schwerfallen, länger aufrecht zu sitzen.

„Es ist ganz einfach, Miss Porter", spie er ihren Namen aus seinem Krötenmaul wie eine unverdaute Fliege, „geben Sie mir die Antworten, die mir gefallen, steigen Ihre Chancen darauf, die Nacht ohne Handschellen verbringen zu dürfen. Wenn nicht...", er drehte den Kopf und zuckte kaum sichtbar mit den massigen Schultern, „wird das wahrscheinlich eine sehr lange und schmerzreiche Nacht für Sie werden." Treather starrte Talburne entgeistert an, legte dann die Hand auf die Schulter des Commissioners und raunte ihm zu: „Bei allem Respekt, Sir, das dürfen Sie nicht tun. Das ist Misshandlung Schutzbefohlener." Talburne wischt die Hand des Officers in einer abfälligen Bewegung von sich und hob spöttisch die buschigen Brauen: „Da hat aber jemand das Handbuch sehr genau gelesen!" Erin atmete hastig, war sichtlich aufgewühlt von dieser neuartigen, eher unkonventionellen Form des Verhörs. Jack war sich sicher, dass sie Schmerzen hatte, so grob, wie der Commissioner ihre Arme auf den Rücken gezwungen hatte. „Glaub mir, es gibt Orte, an denen es weitaus schlimmere Methoden gibt, um die Wahrheit ans Licht zu fördern", kommentierte Talburne nur sein Tun. Erin schaute entsetzt und flehend zu Treather, der sich dafür verfluchte, seine Dienstwaffe im Spind zurückgelassen zu haben, und ihrem Blick nicht lange standhalten konnte. „Wir sind hier aber nicht in Guantánamo, Commissioner." Jack straffte seine Gestalt, als sich Talburne zu ihm umdrehte und ihn mit seinen beunruhigend grünen Augen musterte. „Sehr richtig beobachtet. Deshalb gehe ich ja noch sanft vor..."

Treather machte Anstalten, sich abzuwenden und seine Kollegen über das Szenario zu informieren, das sich hier abspielte, schließlich ging es weit über seine Polizistenehre hinaus, was sich hier zutrug. Doch Talburne erwies sich als so überzeugend, dass Jack innehielt, als er sprach: „Nanana, ich würde Ihnen empfehlen, jetzt nicht zu gehen, Treather. Was, wenn ich in der Zwischenzeit die Geduld verliere?"

Jack schloss die Augen und sah über die Schulter zurück auf Erin, die ihn verängstigt aus ihren müden, hellen Augen heraus anstarrte. „Was erhoffen Sie sich davon, Commissioner? Sie kann nicht sprechen und daran wird sich auch nichts ändern, wenn sie ihr die Arme verdrehen. Sie wird Ihnen nichts Neues sagen können", appellierte er an den Rest gesunden Menschenverstands, von dem er hoffte, dass er noch irgendwo in Talburnes grotesk breitem Kopf vorhanden sein mochte.

„Da wäre ich mir nicht zu sicher, Officer. Haben Sie schon einmal versucht, mit Handschellen an den Händen zu schlafen?" Jack presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und begegnete Talburnes amüsiertem Blick mit wachsendem Abscheu.

„Das wird Konsequenzen haben", murmelte er leise und der Commissioner warf den Kopf in den Nacken und lachte gellend. „Ja, natürlich. Wenn Sie Ihren Job loswerden wollen, wird das in der Tat Konsequenzen haben." Treathers Herz klopfte kräftig und aufgeregt gegen seine Brust. Er brauchte das Geld. Jeden einzelnen Cent. Aber er konnte doch nicht zulassen, dass sie...ja, dass sie gefoltert wurde. Talburne wandte sich ohne weiteres Interesse an dem jungen Cop zu verschwenden Erin zu und legte die kräftigen Hände auf seinem breiten Oberschenkel übereinander.

„Hören Sie, ich mache es Ihnen leicht. Ich werde Ihnen nur Fragen stellen, die sich ganz leicht mit Ja oder Nein beantworten lassen."

Jack wischte sich den Schweiß von der Stirn und murmelte: „Egal, was Sie hier erfahren, es wird vor Gericht nichts nützen. Einem Verhör muss von rechtlichem Beistand beigesessen werden. Ohne Protokoll kommen Sie da nicht weit."

Talburne drehte amüsiert den Kopf und sagte: „Verschonen Sie mich mit dem Kleingedruckten, Jungchen. Wer sagt denn außerdem, dass ich ihre Aussage vor Gericht verwenden will? Ich will den verdammten Clown schnappen, alles andere ist mir scheißegal." Jack schluckte und erlaubte sich die freche Bemerkung, die ihm wohl Ärger einhandeln würde: „Dann hätte der Bürgermeister genauso gut einen Kopfgeldjäger engagieren können." Entgegen seiner Erwartungen amüsierte die Bemerkung den Commissioner, der dröhnend auflachte und dann den Kopf schüttelte: „Ich muss schon sagen, Treather, Sie haben einen ausgeprägten Sinn für Humor. Trotzdem empfehle ich Ihnen, es der jungen Dame hier gleich zu tun, bei der es sich ganz nach dem Motto verhält, ‚Reden ist Silber und Schweigen ist Gold'."

Jack verzog den Mund und schüttelte den Kopf: „Warum tun Sie das? Und warum wollten Sie mich unbedingt dabeihaben?"

Erin schaute von einem Cop zum anderen, fühlte sich immer unwohler, je länger das Streitgespräch andauerte.

„Ich zwinge Sie zu nichts, Officer. Sie meinten nur, Sie wollten sich nützlich machen, um etwas im Jokerfall zu bewegen. Hier ist Ihre Chance. Außerdem verstärkt sich mir der Eindruck, dass Sie noch viel zu lernen haben." Jack war unentschlossen, was er tun sollte, hielt es dann letztlich für besser, dem Verhör beizuwohnen und einzuschreiten, sollte der Commissioner zu noch unlauteren Methoden greifen, als er bislang für nötig empfunden hatte. „Gut. Geht doch", meinte Talburne zufrieden und drehte sich wieder zu der jungen Frau um, die wie ein bleiches Häufchen Elend in dem etwas zu groß geratenen Overall aus grellem Orange wirkte. „Ok, Missy...Sie haben zu Protokoll gegeben, dass Sie von einem Hochhausgerüst mit über fünfzig Metern Höhe geklettert sind. Wollen Sie das so stehen lassen?"

Erin sah ihn fest an und nickte, worauf der Commissioner schief grinste und den Kopf schüttelte, auf einem Block, den er aus seiner Jacketttasche gezogen hatte, vermerkte er etwas, das sie nicht sehen konnte. „Obwohl es keine Beweise dafür gibt?" Erin nickte abermals und zwang sich sichtlich dazu, ruhiger zu atmen. „Nun gut...hatten Sie ein schlechtes Verhältnis zu Matthew Dermont?"

Sie schüttelte den Kopf und leckte sich die Lippen. Die Panik, die von ihr Besitz ergriffen hatte, hatte ihre Mundhöhle ausgedörrt und ihren Durst genährt.

„Nein, natürlich nicht. Wie komme ich nur darauf?", fragte er ironisch, „Sie haben ihn ja nur umgebracht!" Erin schluckte und sah zu Treather, doch Talburne packte sie bezwingend am Kinn und zerrte ihr Gesicht in seine Richtung. In ihrem Nacken knackte etwas ganz leise und ließ eine Gänsehaut des Ekels auf ihren Armen sprießen. „Na, hier spielt die Musik!", wies er sie zurecht, worauf Treather, der unruhig von einem Bein auf das andere trat, anhob: „Commissioner...", doch ebenso harsch unterbrochen wurde: „Kommen Sie her, Officer, machen Sie sich nützlich und lenken Sie die junge Dame nicht unnötig ab."

Treather fühlte sich elend, weil er katzbuckelte, und doch blieb ihm nichts anderes übrig. Er schämte sich dafür, so niederen Motiven erlegen zu sein und um seinen Job zu bangen, sodass er diesem Tyrann bei einem unrechtmäßigen Verhör half.

„Haben Sie Matthew Dermont getötet?", fragte Talburne weiter und Erin sah ihm ohne jede Regung in die Augen. „Was denn? Ist doch eine ganz simple Frage, oder nicht?" Er beugte sich so weit zu ihr vor, dass sie seinen nach Zigarrenrauch stinkenden Atem auf ihren Wangen spürte. Sie unterdrückte mit aller Willenskraft den Impuls, vor ihm zurückzuweichen. Ihre ohnehin überstrapazierten Arme, deren Gelenke hohl pochten, dankten es ihr. „Haben Sie Matthew Dermont getötet?"

Erin presste die Lippen aufeinander, die ersten Tränen, die aus ihrem Schmerz wie auch der Scham resultierten, nicht genau zu wissen, ob sie dieses Verbrechen begangen hatte oder nicht, rollten über ihre Wangen. Talburne ließ sich dadurch in keiner Weise beeindrucken. „Beantworten Sie meine Frage!", forderte er sie auf und schien nicht einmal im Entferntesten daran zu denken, ihr Kinn aus seinem schraubstockähnlichen Griff zu entlassen. Erin schüttelte langsam den Kopf, ohne dass diese Geste sonderlich überzeugend wirkte. Wenngleich sie nicht wusste, ob ihre Verneinung der Straftat den Tatsachen entsprach, so hörte sie dennoch auf ihr Herz, das ihr zuflüsterte, dass sie niemals zu einem Mord imstande wäre. „Sie haben ein bisschen zu lange darüber nachgedacht."

Jack fühlte sich gezwungen, einzugreifen und sagte: „Sie hat einen Filmriss. Sie konnte sich nicht an das erinnern, was sich in dieser Nacht zugetragen hat." Endlich ließ Talburne von Erin ab, seine Pranke hatte roten Striemen an ihrem Kinn und unterhalb ihrer Mundwinkel hinterlassen, die durch den blassen Ton ihrer Hautfarbe nur noch stärker zur Geltung kamen.

„Ich hab das Protokoll gelesen, vielen Dank", erwiderte Talburne schnippisch. Jack konnte sich nicht verkneifen, einzuwenden: „Dann macht Ihre Frage keinen Sinn, Sir. Sie kann sich nicht erinnern." Talburne starrte den jungen Polizisten aus seinen schlitzförmigen Reptilienaugen heraus an. Nur sehr langsam und bedächtig formte sich ein Grinsen auf den Zügen des Commissioners, das sein Gesicht noch breiter wirken ließ. „Ich wette, im Klugscheißen haben Sie in der Schule immer den ersten Platz belegt, wie? Ihre Naivität ist ja zum Schießen! Hat das Zuckerpüppchen Ihnen den Kopf verdreht, dass Sie sie so in Schutz nehmen?"

Treather verschränkte die Arme vor der Brust und entgegnete mit wachsender Selbstsicherheit: „Blödsinn. Ich stütze mich nur auf Fakten, die das psychologische Gutachten ergeben hat."

Talburne verdrehte die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung, bevor er sich wieder zu Erin vorbeugte, die den Blick auf die Tischplatte geheftet hatte, auf die ihre Tränen wie Regentropfen fielen und kleine, kreisrunde salzige Spuren auf der glatten Oberfläche hinterließen. „Sie haben ausgesagt...oder sollte ich besser ausgeschrieben sagen? Jedenfalls haben Sie geäußert, der Joker habe Sie auf das Gerüst verschleppt. Halten Sie an dieser Behauptung fest?"

Erin sah langsam zu ihrem Peiniger auf und nickte langsam. Ihre Oberarme brannten vor Schmerz. Es fühlte sich an, als stünden ihre Muskelstränge kurz davor, zu zerreißen.

„Hat er gewollt, dass Sie da oben sterben?", fragte er mit einer Gleichgültigkeit, als erkundigte er sich nach dem Wetter der nächsten Tage. Erin versuchte, mit den Achseln zu zucken, kam aber nicht weit, als ein Krampf ihren linken Bizeps erfasste und sie vor Schmerz zusammenkrümmen ließ. „Hm...wahrscheinlich nicht, oder?"

Erin konnte durch den dichten Schleier aus Tränen vor ihren Augen kaum klare Konturen ausmachen. Sie sog scharf die Luft ein, als sie Talburne am blonden Schopf packte und ihren Kopf in seine Richtung zwang. Treather sprang auf, doch erstarrte zur Salzsäule, als Talburne ohne mit der Wimper zu zucken seine Dienstwaffe zog und ihren Lauf vor das Gesicht des Officers hielt. „Setzen Sie sich wieder hin, Jungchen." Er schwenkte die Pistole leicht hin und her, um ihm durch diese Geste nachdrücklich zu bedeuten, seiner Aufforderung nachzukommen. Langsam setzte sich Jack auf den Stuhl, der seitlich zum Schreibtisch stand, und atmete erleichtert aus, als der Commissioner die Waffe wieder wegsteckte. Dieser Mann war mindestens genauso wahnsinnig wie der, den er auf Gedeih und Verderb zu stellen versuchte.

„Wussten Sie schon, dass der Joker gefordert hat, dass Sie frei kommen sollen?" Erin blinzelte den Cop aus Chicago ehrlich verwundert an und schüttelte dann zögerlich den Kopf, ließ sich dazu hinreißen, kurz zu Jack zu schauen und wurde dafür jäh mit einem schmerzhaften Ziehen an ihrem blonden Haar bestraft. „Wissen Sie, ich frage mich, warum er so an Ihnen interessiert ist. Sie sind ihm zweimal, nein, dreimal, rechnen wir diesen doch etwas unglaubwürdigen Drahtseilakt auf dem Hochhausgerüst mit ein, begegnet und haben bislang immer überlebt. Ich schätze, das können nicht viele von sich behaupten. Haben Sie eine Verbindung zum Joker?", fragte er gerade heraus.

Erin schluckte, blinzelte frische Tränen aus ihren wunden, geröteten Augen. Sie hatte noch nicht einmal Jim Gordon anvertraut, dass sie wusste, wer hinter der Maske des Jokers steckte, obgleich sie kurz davor gewesen war, es ihm zu sagen. Talburne hingegen machte ihr Angst. Er schien sich nicht im Griff zu haben und ihm schien jedes Mittel recht zu sein, seinen Willen zu bekommen. Sie würde ihm diesen Triumph, der ihn genauso wenig weiterbringen würde wie das Nichtwissen über die Identität des Jokers, nicht gönnen, würde nicht zulassen, zum Lockvogel in einem perversen Spiel um Macht missbraucht zu werden. Außerdem glaubte sie ihm nicht, dass der Joker ihre Freilassung gefordert hatte. Wahrscheinlich war das nur ein mieser Trick von Talburne, sie aufs Glatteis zu führen. Ahnte er etwas über ihr Wissen? Über ihre Vergangenheit? Ganz gleich, was er ihr auch zumuten würde, Erin wollte nicht klein beigeben. Sie sah ihm fest in die Augen und schüttelte bestimmt den Kopf.

„Ihre Antwort will mir nicht so recht gefallen, Missy", seufzte Talburne theatralisch und betrachtete sie mit gespielter Enttäuschung. „Es muss eine Verbindung zwischen Ihnen und dem Joker geben, andernfalls würde er nicht meine Leute dezimieren, damit Sie aus der Haft entlassen werden." Erin versuchte aus dem kalten und kantigen Gesicht des Commissioners herauszulesen, ob er die Wahrheit sprach oder sie nur zu täuschen versuchte. Mordete der Joker wirklich, damit sie wieder auf freien Fuß kam? Es ergab doch keinen Sinn. Er hatte sie schließlich erst in diese Situation gebracht.

Abermals schüttelte sie den Kopf und zuckte heftig zusammen, als er sie anschrie: „Sie lügen!" und mit der Faust donnernd auf die Tischplatte schlug, nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. „Commissioner", entwich es Treather mit bebender Stimme. Die Situation drohte zu eskalieren.

„Klappe halten", blaffte er und umfasste Erins Gesicht mit beiden Händen, zerrte sie zu sich, was ihre schmerzhafte Haltung nur noch verstärkte. „Er will Sie und das muss einen Grund haben. Sie wissen, was er im Schilde führt und wo er sich versteckt hält, nicht wahr?"

Erin brachte es irgendwie zustande, den Kopf zu schüttelten, schloss dann heftig die Augen, als er sie abermals anschrie und sein Speichel auf ihre Wangen troff: „Nur dass das klar ist, ich lasse Sie hier nicht eher gehen, bis ich weiß, was er vorhat und was es mit Ihnen auf sich hat. Bis dahin dürfen Sie in dem Gefühl baden, Tag für Tag immer ein Menschenleben mehr auf dem Gewissen zu haben."

Erin öffnete ihre Augen einen spaltbreit und sah aus tränenden Augen in das Gesicht Talburnes, das ihrem so nah war, dass ihr schlecht von seinem Mundgeruch wurde. Es kam einer Erlösung gleich, als er von ihr abließ und sie wieder zittrig auszuatmen wagte. Alles, was sie von dem Joker wusste, war, wer hinter der Schminke und den grässlich entstellenden Narben steckte. Wer er gewesen war. Weder wusste sie, zu was er geworden war, noch was er plante, noch wo er sich versteckt hielt. Wenn er das überhaupt tat. Selbst wenn sie es gewollt hätte, hätte sie Talburne nicht die gewünschten Informationen geben können.

„Sie sollten es sich noch einmal gut überlegen. Vielleicht frischt eine Nacht in zu engen Handschellen und ohne jede Wasserration Ihr Gedächtnis auf." Er packte sie am Arm und zerrte sie so rabiat von ihrem Stuhl, dass sie beinahe der Länge nach hingeschlagen wäre. Er schleudert sie in ihre Zelle zurück, Erin strauchelte und stieß sich den Kopf an der rauen Kalkwand an, ehe sie auf den Boden sank. Ehe Jack reagieren konnte, hatte Talburne das Gitter zugeschoben und verriegelt.

„Sir, kommen Sie doch wieder zu sich!", bat Treather so diplomatisch, wie es ihm möglich war, während sich Erin ohne Zuhilfenahme ihrer Hände aufzurappeln versuchte. Ihr Blut klebte an der Stelle, an der sie sich die Stirn eingeschlagen hatte. In einer einsamen Bahn lief es in morbidem Kontrast zu der schneeweißen Wand nach unten. Erin hatte sich mit viel Mühe auf die Knie zurückgekämpft und hatte den Oberkörper vornüber gebeugt, schnappte keuchend nach Luft, während ihr das Blut von der Stirn tropfte.

„Sollte ich Sie dabei erwischen, wie Sie ihr Wasser zukommen lassen oder auch nur auf den Gedanken kommen, ihre Handschellen zu öffnen, werden Sie die Karriereleiter bestenfalls als Reinigungskraft erklimmen. Treather, Sie sind ein guter Mann...aber Ihnen fehlt es noch am richtigen Biss. Sie dürfen sich nicht von Verdächtigen wie ihr einlullen lassen. Mag sein, dass Sie meine Methoden als zu hart erachten...aber Gothams Kriminalitätsgeschichte der vergangenen zwanzig Jahre lässt vermuten, dass genau so ein Kurswechsel dringend nötig ist, wenn die Stadt nicht im Verbrechen versumpfen soll."

Auf diese kurze Ansprache hin wusste Jack nicht, was er sagen sollte. Zu geschockt war er von dem, was er eben erlebt hatte. Er hatte von derartigen Verhörmethoden gelesen, und auch wenn es weitaus schlimmer hätte sein können, wollte er nie wieder Zeuge solcher Taten sein. Sein Blick galt Erin, die heiser hustete und die Augen gequält geschlossen hielt. Wenn man rohe Gewalt nur mit roher Gewalt besiegen konnte, hatte der Polizeijob gewaltig an Anreiz für ihn verloren.

„Machen Sie für heute Feierabend, Treather. Schlafen Sie sich aus. Sie sehen aus, als könnten Sie das vertragen. Ich will Sie morgen Mittag aber wieder auf dem Revier sehen, haben wir uns verstanden?" Der junge Mann reagierte nicht. „Officer Treather?", dröhnte der dunkle Bass der Stimme des Commissioners und zwang Jack dazu, zu ihm aufzuschauen. Ohne ein Wort an den Mann aus Chicago zu verlieren, schob er sich an dem Zellentrakt vorbei und ging Talburne voraus. Dieser warf Erin noch einen mitleidlosen Blick zu, raunte ihr ein: „Wir sehen uns morgen wieder" zu und schaltete das Licht aus, während seine kraftvollen, stampfenden Schritte in der Ferne verklangen. Einzig die Dunkelheit leistete der jungen Frau noch Gesellschaft, die nicht wusste, wie sie diesem Strudel aus Gewalt und Korruption entfliehen konnte, in den sie so unbarmherzig hineingezogen wurde.

Schluchzend gelang es ihr, den blutenden Kopf auf die Pritsche zu betten. In dieser knienden Haltung, die den Anschein erweckte, dass sie betete, brach Erin in bittere, stumme Tränen aus. Sie war wieder das kleine Mädchen, das sich auf der Schultoilette vor ihren Peinigern versteckte. Niemand nahm sich ihrer an. Sie war allein.

***

„Jim, kannst du James heute aus der Schule abholen? Ich muss mit Barbara zum Zahnarzt", ertönte die warme, aber doch leicht gehetzt klingende Stimme seiner Frau, die durch den Flur ging, sich die Haare machte und dabei immer wieder hierhin und dorthin wanderte, weil sie entweder ihren Schlüssel oder ihre Papiere vergessen hatte. Jim Gordon saß am Schreibtisch seines Schwiegervaters und nutzte dessen Mac, um im Internet zu stöbern, bekam die Geschäftigkeit seiner Gattin nur zur Hälfte mit. „Ja, sicher", entgegnete er und scrollte den Seitenbalken nach unten, um den neuesten Online-Artikel der Gotham City Times zu lesen. Erst als er das süßliche Parfum von Barbara aus unmittelbarer Nähe wahrnahm, realisierte er, dass sie sich hinterrücks über seine Schulter gebeugt hatte und einen Blick darauf warf, was ihn so zu fesseln schien. Ihr kastanienbraunes, ins Rötliche übergehende Haar wellte sich sanft auf ihren Schultern und kitzelte ihn im Nacken. „Jim", seufzte sie, „kannst du nicht einfach abschalten?"

Er drehte den Kopf und schaute in ihr hübsches, aber besorgtes Gesicht. Die bernsteinfarbenen Augen sahen ihn durchdringend, fast bittend an. „Ich halte mich nur auf dem Laufenden, Barb. Ich häng mich in nichts hinein." Seufzend ließ sie von ihm ab und wickelte einen tanngrünen Schal um ihren schmalen Hals. Eine mit Schorf bedeckte Schramme an ihrer Schläfe erinnerte nur noch schwach daran, was sie vor wenigen Wochen hatte durchmachen müssen. „Ich wünschte, ich könnte dir glauben", seufzte sie und ehe er etwas erwidern konnte, „bis später." Ihre Schritte wurden von der Auslegware gedämpft, die sich sogar über die Treppenstufen legte, die in das Erdgeschoss führten.

Als er hörte, wie unten die Haustür geöffnet wurde und dann krachend ins Schloss fiel, setzte Jim seufzend die Brille ab und rieb sich über die brennenden Augen. Er kam überhaupt nicht damit klar, völlig untätig zu sein und der Stadt dabei zusehen zu müssen, wie sie vor die Hunde ging. Die Gotham Times hatte bereits den nächsten Mord an drei Polizisten gemeldet. Der Joker hielt Wort, was seine abscheulichen Taten anbelangte. Der öffentliche Druck auf Commissioner Talburne wuchs mit jedem Tag, da der Joker sein immer blutigeres Unwesen trieb. Er fragte sich, wann der alte Sturkopf zur Besinnung kam und einlenken würde, ehe sich kein Cop mehr auf die Straßen wagen würde. Diesmal hatte er sogar vor zwei Frauen nicht Halt gemacht. Mit einer von ihnen hatte Gordon zusammengearbeitet, noch bevor er Leiter seiner Sondereinheit geworden war. Sie hinterließ einen trauernden Ehemann und drei Kinder, das jüngste davon gerade einmal neun Jahre alt. Gordon schüttelte den Kopf und dachte daran, wie sich Barbara gefühlt haben musste, als seine Kollegen zum Schein die Meldung über seinen Tod im Einsatz überbracht hatten. Seine Berufung mutete Barbara Gordon viel zu. Er selbst verlangte viel von ihr ab. Jim konnte es ihr nicht verübeln, dass es ihr zu schaffen machte, dass er nicht einmal jetzt, als er vorläufig suspendiert war, ganz die Finger von den bösen Buben lassen konnte. Sein Blick wanderte zurück auf den flackernden Bildschirm des etwas betagten Notebooks. „Will niemand diesen Wahnsinn stoppen?", lautete die Schlagzeile. Darunter hatte man ein Bild vom letzten Tatort online gestellt. Der Joker hatte sich einen Spaß daraus gemacht, den drei Detectives von der Hafenaufsicht das Gesicht mit seiner eigenen Schminke zu bemalen, sie an einem Lastkran aufzuknüpfen und mehrere Spielkarten mit Nägeln an ihren toten Leibern zu befestigen. Insgesamt hatte er jetzt sechs Cops auf dem Gewissen, die ausgenommen, die er im letzten Jahr getötet hatte. Morgen würde sich die Summe auf zehn erhöhen, dann auf fünfzehn, und so weiter und so fort. Lange würde Talburne nicht mehr reizen können. Wenn er dachte, den Joker würde bloßes Ignorieren beeindrucken oder gar beleidigen, hatte er sich in den Finger geschnitten und das sehr tief. So oder so, der Joker hatte seinen Spaß, je mehr Widerstand ihm geboten wurde, desto perfider das Vergnügen für ihn.

Das Läuten an der Tür riss Jim Gordon aus seinen düsteren Gedanken. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es erst halb zwei Uhr nachmittags war, zu früh also für Barbaras Vater, von der Arbeit heimzukehren. Außerdem besaß er einen Schlüssel. Vielleicht hatte seine Frau auch nur etwas vergessen. In letzter Zeit war sie sehr durch den Wind. Abermals klingelte es, sodass sich Gordon seufzend erhob und „Ja, ja, ich komm ja schon" rief, während er die Treppen im Laufschritt überwand.

Hinter der mit Milchglas verkleideten Eingangstür wurden nur schwach die dunklen Umrisse eines hoch gewachsenen Mannes sichtbar, der darauf wartete, dass ihm geöffnet wurde. ‚Batman wird meinen Hinweis, doch die Klingel an der Vordertür zu benutzen nicht etwa ernst genommen haben?', schoss es ihm wirr durch den Kopf, doch als er über den abgetragenen blassroten Läufer trat, der dem Anschein nach zahlreiche Bekanntschaften mit den Krallen der dicken Perserkatze Lucy gemacht hatte, und die Tür öffnete, war er erstaunt, den jungen Officer Treather vor sich stehen zu haben. Er trug Zivilkleidung, wie sie in den letzten Tagen wohl die meisten Polizisten der Uniform vorzogen, und sah sehr mitgenommen aus. Die strammen, etwas hart wirkenden Züge waren ungesund bleich, das braune, leicht gelockte Haar fiel ihm kraft- und glanzlos in die Stirn.

„Guten Tag, Comm...", er räusperte und korrigierte sich somit selbst: „Mister Gordon, Sir." Jim Gordon verharrte noch einige Sekunden staunend ob des unerwarteten Besuchs und gewann erst langsam seine Fassung zurück. „Jack Treather. Was für eine Überraschung!", er hielt sich an der Tür fest und schaute den jungen Cop verwundert an, ehe ihm nach einigen Sekunden peinlicher Stille einfiel, „Oh, kommen Sie doch bitte herein." Er machte Platz und ließ den Nachwuchspolizisten passieren, ehe er die Tür hinter ihm schloss. „Legen Sie doch ab", empfahl ihm Gordon, doch Treather strich sich fahrig über die gerunzelte Stirn und schüttelte den Kopf: „Nein, ich...ich bleibe nicht sehr lang, ich...", er holte tief Luft und erst jetzt begriff Jim Gordon, dass sein Schützling zitterte. Er schien völlig neben sich zu stehen.

„Kommen Sie, setzen Sie sich wenigstens. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?", er lotste den aufgelösten Mann in die geräumige Wohnküche und trat an den Kühlschrank, „Vielleicht ein Bier?" Treather schüttelte wieder den Kopf und murmelte: „Nein, hab nachher noch Dienst." Gordon stellte ihm unaufgefordert ein Glas Mineralwasser vor die Nase und setzte sich ihm gegenüber an den Küchentisch. Der Polizist machte den Eindruck, einen Geist gesehen zu haben. Wahrscheinlich lagen anstrengende Stunden Einsatz hinter ihm. Außerdem konnte sich Jim Gordon vorstellen, dass einem jeden Cop seit der Drohung des Jokers die Angst im Nacken saß, der nächste zu sein.

„Comm...", begann er wieder und schüttelte über sich selbst den Kopf, sodass seinem ehemaligen Vorgesetzten ein Lächeln über das Gesicht huschte. Er legte die Hand kurz auf den Unterarm seines Schützlings und sagte: „Schon gut. Nennen Sie mich Jim, alles andere ist unangenehm." Treather schenkte ihm einen dankbaren Blick und nahm einen großen Schluck von seinem Wasser, ehe er sagte: „Jim...", ein bisschen merkwürdig schien es in seinen Ohren zu klingen, seinen ehemaligen Chef derart persönlich anzusprechen, doch dann sah er ihm fest in die Augen, „Sie müssen zurückkommen."

Gordon strich sich über den Oberlippenbart und seufzte nach kurzer Zeit: „Das ist leider nicht so leicht, wie Sie sich das vorstellen. Hören Sie, am Anfang ist es nie einfach, sich an einen neuen Vorgesetzten zu gewöhnen, aber ich bin mir sicher, dass..."

Das nachdrückliche Kopfschütteln des Officers ließ ihn verstummen. „Sie verstehen nicht. Dieser Mann ist durch und durch verrückt! Er lässt zu, dass Polizisten jeden Tag wie die Fliegen fallen, nur weil er aus falschem Stolz nicht auf die Forderungen des Jokers eingehen will." Der Ältere der beiden nickte: „Das habe ich erwartet. Er schlägt sehr unkonventionelle Methoden an, wenn es um die Verbrechensbekämpfung geht. Ich habe in meiner Zeit in Chicago mit ihm zusammenarbeiten müssen. Er ist...schwierig." Treather befand dieses Attribut für unpassend: „Er ist wahnsinnig, das ist er. Anstatt etwas zu unternehmen, versucht er aus der Verdächtigen Miss Porter irgendeine wahnwitzige Verbindung zum Joker herauszufinden. Er ist besessen davon, diesen Wahnsinnigen zu fassen und geht dabei selbst über Leichen." Jetzt bebte auch die Unterlippe des jungen Mannes, der völlig neben sich zu stehen schien.

„Eine Verbindung zwischen Erin Porter und dem Joker?", wiederholte Jim leise und Jack nickte, ballte beide Hände, die das Wasserglas flankierten, zu Fäusten, sodass die Fingerknöchel weiß hervortraten. „Er hat...gestern Nacht...", er schloss die Augen und holte tief Luft, „er hat sie schikaniert. Ich will nicht sagen gequält, aber...aber er ist handgreiflich ihr gegenüber geworden."

Jim setzte sich schlagartig auf: „Wie bitte?"

Treather scheiterte daran, den Kloß herunterzuschlucken, der sich in seinem Hals gebildet hatte. „Talburne hat mit Handschellen ihre Hände auf den Rücken gezwungen und sie nicht mehr abgenommen, als er sie in die Zelle zurückgesperrt hat. Als Denkzettel, sozusagen, weil sie ihm nicht die richtigen Antworten geliefert hat." Obwohl es Jack zu erleichtern schien, darüber zu sprechen, was er mit eigenen Augen gesehen hatte, wirkte er ausgelaugt und beschämt. „Officer, das müssen Sie der Dienstaufsichtsbehörde melden!", platzte es aus Jim Gordon heraus, doch Jack atmete gepresst aus: „Das kann ich nicht. Er setzt mich unter Druck und meinte, er würde dafür sorgen, dass ich fliege, wenn ich auch nur ein Wort gegenüber irgendjemanden verliere. Und bei allem Respekt, Sir, aber ich traue der Aufsicht genauso wenig über den Weg wie ihm. Sie hätten längst Schritte gegen ihn einleiten müssen, weil er nichts gegen die Polizistenmorde unternimmt, und doch war Bürgermeister Garcia der Einzige, der bislang bei ihm gewesen ist." Gordon benötigte einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen, dann sagte er: „Die Aufsicht agiert nicht von heute auf morgen, Officer, und auch wenn sich die Korruption in Gotham wie eine Krankheit ausbreitet, glaube ich nicht, dass alle davon betroffen sind."

Treather sah den ehemaligen Commissioner lange an, dann sagte er leise: „Die Dienstaufsicht hat keine Sekunde verschwendet, Ihrer Suspendierung zuzustimmen, um etwas gegen Talburne zu unternehmen, lassen sie sich verhältnismäßig viel Zeit."

Gordon unterdrückte ein schiefes Lächeln und murmelte: „Sie geben dem neuen Commissioner Zeit, sich zu beweisen." Ein wenig aufbrausend platzte es aus Jack heraus: „Zeit, die wir nicht haben!" Gordon brachte den jungen Hitzkopf wieder zur Räson: „Beruhigen Sie sich, Treather. Es gibt nichts, was ich in meiner derzeitigen Lage für Sie tun könnte." Jack wollte das nicht auf sich sitzen lassen: „Es geht ja nicht allein um mich, sondern um die gesamte Zentrale. Und um Erin Porter, der er beim nächsten Mal wer weiß was antun wird, wenn sie nicht gesteht, dass sie mehr über den Joker weiß, als sie vorgibt." Gordon legte den Kopf schief. „Sind Sie auch der Meinung, dass dem so ist? Dass Miss Porter auf irgendeine Weise mit dem Joker verknüpft ist?"

Treather zuckte daraufhin die Achseln und drehte das Glas in seinen Händen, sodass dessen Inhalt wie eine ungestüme Brandung den obersten Glasrand zu erreichen versuchte. Das Geräusch, das es auf der hölzernen Tischplatte verursachte, war nervtötend, und dennoch ließ Gordon den Jüngeren gewähren.

„Ich weiß es nicht. Ich...halte es für weit hergeholt", er schaute seinem früheren Vorgesetzten in die blauen Augen und seufzte: „Gut, der Joker fordert ihre Freiheit, aber könnte es nicht genauso gut irgendjemand anders sein? Er stellt unsere Autorität als Institution der allgemeinen Sicherheit in Frage, ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit dieser Frau irgendetwas im Schilde führt. Selbst wenn...dann glaube ich nicht, dass sie mit ihm unter einer Decke steckt." Jim rieb sich über die Braue und schloss kurz die Augen, ehe er die Hände vor dem Gesicht faltete und sein rundes Kinn darauf stützte: „Vorstellen kann ich mir das auch nicht. Aber ich konnte mir auch nie ausmalen, dass ein geschminkter Kerl eines Tages nach Gotham City kommen und alles auf den Kopf stellen würde." Sein junger Kollege schaute ihn verwirrt an: „Sie teilen Talburnes Sicht der Dinge?" Gordon streckte die Hände vor sich auf der Tischplatte aus und sagte: „Teilen wäre zu viel gesagt. Ich weiß nur aus eigener Erfahrung, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie zu sein scheinen. Erin Porter wird des Mordes beschuldigt und alle Indizien sprechen gegen sie und doch ist es möglich, dass ihr das alles nur in die Schuhe geschoben wurde. Beweisen können wir es nicht, doch ist es genauso wenig ausgeschlossen. Das wollte ich damit nur verdeutlichen."

Jack spielte weiterhin mit dem Glas, schien aber nicht mehr die Absicht zu hegen, daraus zu trinken. „Wir müssen sie vor Talburne schützen, Commissioner." Jim machte sich nicht die Mühe, den jungen Mann zu korrigieren. Im Grunde schmeichelte es ihm auch ein wenig, dass er ihn immer noch als seinen Vorgesetzten ansah. „Das gesamte Revier steht Kopf. Alle schlottern vor Angst vor dem Joker und werden von der Presse nur so überrannt, während Talburne irgendwelche Intrigen spinnt, über die er den Joker zu ergreifen hofft. Erin Porter ist im Polizeipräsidium nicht mehr sicher."

Jim Gordon kniff die Augen zusammen: „Sie wollen sie da rausholen, hab ich Recht?" Treather nagte an seiner Unterlippe herum, die durch die Kälte ganz spröde war. „Ich...", er suchte nach den richtigen Worten, schien plötzlich sehr unsicher zu sein, „Talburne wird sie nie aus der Haft entlassen, um den Wunsch des Jokers zu erfüllen und ich kann sie nicht laufen lassen, weil er sowieso schon ein Auge auf mich geworfen hat." Er schenkte Gordon einen vielsagenden Blick, was ihn die Braue heben ließ: „Was denn, erwarten Sie von mir, dass ich ins Präsidium einbreche, Erin Porter wie Tarzan über die Schulter werfe und nach draußen renne?" Treather nahm einen nervösen Schluck aus dem Glas und stellte es unbeabsichtigt geräuschvoll ab. „Nicht Sie, sondern...", er verstummte und schien zu hoffen, dass Gordon aus seinen grünen Augen die Antwort ablesen konnte.

„Sondern?", wiederholte Jim, der ahnte, worauf der junge Cop hinauswollte, aber noch war er nicht bereit, all seine Karten auf den Tisch zu legen.

„Sie...Sie arbeiten doch mit Batman zusammen..."

Gordon wich weit zurück, sodass die Rückenlehne seines Stuhls leise knirschte. „Ich habe mit ihm zusammengearbeitet", betonte er dann und wich Treathers flehendem Blick aus.

„Bitte, Commissioner..."

Gordon sah ihn entschuldigend an und murmelte: „Ich bin nicht mehr Ihr Commissioner, Officer." Jack setzte sich mit wachsender Verzweiflung auf: „Bitte, Jim. Es kann Ihnen doch nicht egal sein, was sich hier abspielt!" Gordon rang mit sich selbst und flüsterte fast nur noch: „Ich denke, Sie überschätzen meinen Einfluss, Jack." Dass er auch den Cop beim Vornamen nannte, nahm ein wenig die Spannung aus der Konversation. „Ich kann Batman nicht einfach so kontaktieren, wie es mir passt. Ich muss darauf hoffen, dass er mich aufsuchen will. Selbst als wir damals noch mit dem Scheinwerfer operiert haben, der die Silhouette einer Fledermaus auf den Nachthimmel projiziert hatte, ist er nicht immer erschienen, wenn wir ihn gerufen und seine Hilfe benötigt haben."

So leid es ihm auch tat, dieser Umstand entsprach leider der Wahrheit. Es hätte so vieles einfacher gemacht, wenn man ihn einfach herbeiwünschen konnte wie eine gute Fee, die einem aus der Patsche half, wenn man bis zum Hals darin steckte. Aber Batman war Batman, keine gute Fee. Abgesehen davon hätte er in einem rosafarbenen Kostüm mit Glitterbesatz reichlich albern ausgesehen. Dass Batman ein Ausgestoßener, ein Geächteter war, obgleich seine Unschuld durch Gordon selbst öffentlich gemacht worden war, erleichterte den Prozess der Kontaktfindung nicht besonders.

Treather nickte resignierend und spähte auf die runde Küchenuhr, deren Zeiger in unermüdlichem Frohsinn tickten. „Ich muss jetzt zum Dienst...", er erhob sich langsam, wirkte todunglücklich, sodass es Jim in der Seele wehtat. „Es tut mir leid, Jack. Ich werde sehen, was ich machen kann, aber hegen Sie keine allzu große Hoffnung", sagte er leise und legte die Hand kameradschaftlich auf die Schulter des jüngeren und auch größeren Polizisten.

„Sie haben die Nummer meines Piepers...falls...", er holte tief Luft und betonte dann noch einmal auf Jims skeptischen Blick hin, „falls sich doch noch etwas tun sollte und ich dabei...behilflich sein kann. Das Morden muss ein Ende finden." Gordon nickte nur knapp und folgte Treather dann in den Hausflur. „Also dann...alles Gute", ermutigte er den jungen Mann, der recht niedergeschlagen dreinschaute.

„Ja...Ihnen auch", entgegnete er und trat über die Türschwelle nach draußen, um in sein Auto zu steigen und zum Polizeipräsidium zu fahren. Gordon sah ihm noch lange hinterher und war erstaunt darüber, dass er das Spiegelbild seines eigenen jüngeren Ichs in Jack Treather erkannte. Auch er war ein Idealist gewesen, ein Verfechter der Gerechtigkeit und des Guten. Er war wie Ikarus gewesen, der sich zu nah an die Sonne gewagt und sich verbrannt hatte. Seinen Sturz damals in Chicago hatte er unter anderem Talburne zu verdanken gehabt. Jim hoffte inständig, dass dieser nicht auch für den Fall des jungen Officer Treather verantwortlich sein würde. Gotham brauchte Polizisten wie ihn. In Zeiten wie diesen mehr denn je.

Am Abend brachte Gordon seinen kleinen Sohn ins Bett. Der Junge hatte noch blondes, dichtes Haar, so wie Jim es als Kind selbst gehabt hatte. In spätestens drei, vier Jahren würde aus dem durchdringenden Blond ein seidenes Braun werden, aus dem aufgeweckten, manchmal etwas verträumten kleinen Jungen ein heranwachsender Mann. „Daddy?", hörte er die noch hohe, helle Stimme seines Sohnes und wurde dadurch aus seinen Gedanken gerissen. Der Kleine trug seinen Lieblingspyjama, einen braun-grünen Scooby-Doo Schlafanzug, der glücklicherweise schon immer bei den Großeltern, die sich ab und an um ihn kümmerten, gelagert worden war und ihm bereits zu klein geworden war, gegen dessen Wegwurf er sich jedoch vehement wehrte. Spätestens wenn die Nähte an Armen und Beinen platzen würden, würde er sich jedoch von ihm trennen müssen. „Ja?", fragte Jim und strich ihm eine Strähne hinter das Ohr. Er saß auf der Kante des weichen Bettes und rückte die Decke des kleinen James' zurecht, stupste die kleine Nase an, was seinem Sohn ein Lächeln entlockte. „Wann können wir wieder nach Hause?"

Sein Vater lächelte schief und wünschte sich vielleicht mehr als sein Sohn, in dieser Beziehung eine genauere Prognose von sich geben zu können. „Das wird leider noch eine Weile dauern, Jimmy. Wir müssen erst ein neues Haus suchen und da ich im Moment keine Arbeit habe, können wir uns das wahrscheinlich erst einmal nicht leisten. Fühlst du dich denn nicht wohl bei Oma und Opa?" Der Blick des kleinen Jungen, der
Barbaras Augen hatte, sprach Bände.

„Du solltest jetzt schlafen. Du musst morgen früh auf den Beinen sein, kleiner Mann." Er presste einen kleinen Kuss auf die Stirn seines Sohnes und war bereits im Begriff, sich zu erheben, als James ihn abermals zurückhielt: „Daddy? Besucht dich Batman noch ab und zu?" Jim blinzelte überrascht und fragte leise nach: „Wie kommst du denn darauf?" Er hörte auf mit seinen Fingern zu spielen und schaute seinen Vater mit seltsam wissenden Augen an: „Mommy sagt, Batman würde mehr von dir haben als wir." Darauf wusste Gordon zuerst nicht zu reagieren, sondern starrte seinen Sohn überrascht an. „Das hat Mommy gesagt?" Der kleine James senkte den Blick und betrachtete den bunten Saum seiner Bettdecke, ehe er zögerlich nickte.

„Das stimmt nicht, Jimmy, hörst du? Natürlich habe ich viel zu tun, aber es ist auch zu eurer Sicherheit, weißt du?", er strich dem Jungen sanft über die Wange und brachte ihn somit dazu, wieder zu ihm aufzusehen, „Ihr seid mir wichtiger als irgendjemand sonst. Das musst du mir glauben. Mommy ist sehr traurig darüber, dass ich so selten da war, und das tut mir auch sehr leid. Du weißt doch trotzdem, dass ich immer da bin, wenn dich etwas bedrückt?!" James nickte, was sein Vater, nach dem er benannt worden war, mit einem Lächeln quittierte. „Gut. Schlaf jetzt", er strich ihm liebevoll über das Gesicht, stand auf und schaltete das Licht aus, hielt am Türrahmen noch einmal inne und sah dabei zu, wie sich James auf die Seite drehte und die Decke über die Schultern zog. Dann schloss er die Tür und atmete seufzend aus. Als er in das Wohnzimmer trat, saß Barbara auf der Couch, ein Kissen unter den Arm geklemmt, und schlief vor dem laufenden Fernseher. Ihre Mutter saß im Sessel und tat es ihr laut schnarchend gleich.

Gordon trat auf den dunklen Balkon, schaute in den bewölkten Himmel und verspürte nach Jahrzehnten der Abstinenz den übermächtigen Drang, zu rauchen. „Wo ist Batman, wenn man ihn am dringendsten braucht?", fragte er in die Dunkelheit hinein und musste sich bemühen, einen überraschten Aufschrei zu unterdrücken, als links, nur wenige Zentimeter von ihm entfernt, die unmenschlich tiefe Stimme ertönte, die Gordon auf bizarre Weise so vertraut geworden war: „Dort, wo man ihn braucht."

Hastig drehte sich Jim um, legte unwillkürlich die Hand auf die Brust und atmete erschrocken aus, linste dann durch die Glastür und wandte sich der dunklen Gestalt der menschlichen Fledermaus zu, als er sichergehen konnte, dass die beiden Frauen immer noch schliefen. „Woher...?", begann Jim, doch wurde von Batman unterbrochen: „Ich habe mir gedacht, dass Sie mich sprechen wollen." Gordon blinzelte den größeren und bedeutend kräftigeren Mann an, ehe ihm ein Gedanke kam: „Treather?" Batman antwortete nicht sofort, sondern drehte sich zur Brüstung um, ehe er leise sagte: „Er war bei Ihnen, um Rat zu suchen." Gordon kam so schnell aus dem Staunen nicht heraus. „Beschatten Sie mich?", entwich es ihm lauter als beabsichtigt. Er glaubte, für die Dauer weniger Sekunden die Spuren eines Lächelns auf dem Gesicht des maskierten Mannes zu sehen, ehe dieser antwortete: „Ich habe meine Methoden." Gordon hob die Braue: „Verstehe. Wenn ich also irgendwann in der Gotham Times ein Bild von mir entdecke, wie ich in Unterhosen vor dem Fernseher sitze und mir ein Bier genehmige, weiß ich, wem ich das zu verdanken hab."

Der Mann in Schwarz fragte in gleichgültigem Ton nach: „Sie sitzen nur in Unterhose vor dem Fernseher?"

Gordon beließ diese Frage unbeantwortet und stemmte die Hände in die Seiten. „Jack Treather befürchtet, dass Talburne noch weitere Opfer tolerieren wird. Anstatt in Betracht zu ziehen, dem Joker zu geben, was er verlangt, hat er sich wohl in den Kopf gesetzt, dass die kleine Erin Porter Dreck am Stecken hat. Laut Treather bedient er sich übler Methoden, um an Informationen über den Joker zu gelangen." Batman drehte den Kopf: „Von denen er glaubt, dass Erin Porter sie besitzt?" Er schien überrascht, ein seltener Umstand, war es doch sonst an ihm, andere zu verblüffen.

Jim Gordon zuckte die Achseln: „Anscheinend schon. Ich weiß nicht, ob sich Talburne nur etwas einbildet, oder ob da wirklich etwas dran ist. Fakt ist, dass er unfair spielt, so wie ich es nicht anders von ihm erwartet habe. Er muss handgreiflich geworden sein." Er seufzte, fühlte, wie die Kälte der Nacht den dünnen Stoff seines Pullovers durchdrang. „Treather will Erin auf freiem Fuß sehen, nicht wahr?", fragte Batman mit dieser seltsam tiefen Stimme.

„Halb Gotham will das. Doch mir sind die Hände gebunden. So gern ich ihm helfen würde, ich kann das Polizeipräsidium bestenfalls als Besucher betreten." Batman neigte den Kopf, sodass sein Kinn seiner Brust sehr nahe war. Dann sagte er leise: „Dann geben Sie Treather Bescheid und statten Sie dem Revier morgen Abend gegen 22 Uhr solch einen Besuch ab", er wandte Gordon sein Gesicht zu, die dunkelbraunen Augen schimmerten, als sie das flackernde Licht des Fernsehers reflektierten, „um den Rest kümmere ich mich." Der frühere Polizeichef wollte noch erfragen, wie Batman das zu tun gedachte, doch da schwang sich der Dunkle Ritter schon über die Brüstung und war wie vom Erdboden verschluckt. „Irgendwann", seufzte Jim Gordon, „werde ich mir diesen Trick von ihm abluchsen."

***

Das grün-blaue Karomuster des Kopfkissenbezugs verschwamm zu einem türkisfarbenen Nebel vor ihren Augen, sodass sie es vorzog, die Lider geschlossen zu halten und darauf zu warten, dass die Benommenheit nachließ. Obwohl Talburne so großzügig gewesen war, ihr die Handschellen bei seinem zweiten gestrigen Besuch abzunehmen, war er nicht besonders zimperlich mit ihr umgegangen. Ihre Schultern schmerzten, die Muskeln in ihren Armen zogen sich zu stechenden Kontraktionen zusammen, hatten die immense Überlastung von der Dauer mehrerer Stunden noch nicht verarbeitet. Erin hatte jegliches Zeitgefühl verloren, wusste weder, ob es Tag war oder Nacht, noch wie lange sie schon auf ihrer Pritsche lag und versuchte, sich an die andauernden Schmerzen zu gewöhnen. Solange sie niemand, vor allen Dingen nicht der neue Commissioner, mit seiner Anwesenheit behelligte, war Erin schon zufrieden. Sie hatte aufgehört, darüber nachzudenken, was die Anschuldigungen Talburnes zu bedeuten hatten und welche Rolle sie wirklich in diesem Theaterstück spielte. Der Durst war übermächtig geworden, hatte jeden sekundären Gedanken ausgelöscht. Zwar hatte sie drei, vier Schlucke Wasser bekommen, aber es schien schon wieder viel zu lange her zu sein. Ihre wunde Kehle sehnte sich nach dem lebensrettenden Nass, der pochende Kopfschmerz, den ihre Schläfen gebaren, war ein weiteres Symptom mangelhafter Flüssigkeitsversorgung. Sie barg die schwache Hoffnung, dass Scott sie besuchen würde, dass er kommen und sie wenigstens vorübergehend aus ihrer misslichen Lage befreien würde. Doch auch dieser Strohhalm, an den sie sich klammerte, schien ihr von Stunde zu Stunde immer weiter entzogen zu werden. Talburne würde nie genehmigen, dass sie Besuch empfing. Zumindest nicht ehe er mit ihr fertig war.

Erin zog die dünne Decke über ihre Schultern und legte ihre Hand neben ihr Gesicht. Ihr Handgelenk war geschwollen und gerötet, ein schwacher Färbungsring erinnerte an die Handschellen, die sich tief in ihre Haut gegraben hatten. Sie fror. Das Polizeipräsidium war nicht übermäßig geheizt und Talburne hatte angeordnet, dass ihre Bettdecke durch ein dünnes Laken ersetzt werden sollte. Diesmal war es jedoch nicht Treather gewesen, den er dazu genötigt hatte, sondern einen bereitwilligeren Gefolgsmann. Erin wurde schlecht bei dem Gedanken, was ihr blühen würde, wenn sie ihm nicht das gab, was er wollte, ihm nicht geben konnte, was er einforderte. Alles, womit sie hätte aufwarten können, war Dannys Kindheit, soweit Erin sie miterlebt hatte. Indes war er ihr genauso fremd und unheimlich geworden wie allen, die ihn zu Recht fürchteten. Weder wusste sie, was er plante, was ihn dazu bewegte, so zu handeln oder was ihm widerfahren war, als sich ihre Wege getrennt hatten. Damals, soviel stand fest, hatte er diese schrecklichen Narben noch nicht gehabt, zumindest nicht jene, die so deutlich sichtbar sein Gesicht entstellten.

Erin hörte Schritte irgendwo am anderen Ende des Gangs. Wenn es Talburne war, würde wieder das grelle, in den Augen schmerzende Licht anspringen und ihre Tortur von Neuem beginnen. Immer wieder dieselben Fragen, auf die sie keine Antwort wusste, was Talburne jedoch nicht tolerierte. Sie versuchte sich ganz klein zu machen, zog die Knie nah an ihre Brust, obwohl es wehtat, und presste das dünne Laken enger an ihren Körper. Sie wusste, dass sie sich nicht verstecken konnte. Das hatte damals schon nicht funktioniert, als sie vor ihrem Vater weggelaufen war, und würde jetzt noch weniger gut gehen, weil sie eingepfercht war wie Vieh. Die Schritte kamen näher, aber waren nicht so stampfend, so gewichtig wie die des Commissioners. Wäre es Talburne gewesen, wäre das klinisch weiße Licht garantiert schon angesprungen. Erin wartete mit klopfendem Herzen ab, lugte unter der dünnen Decke hervor wie ein Kind, das im Bett liegend voller Grausen bemerkte, dass die Schranktür im abgedunkelten Kinderzimmer offen stand, obwohl sie kurz vorher noch verschlossen gewesen war. Ihr Blick richtete sich auf die weiße Kalkwand, an deren linker Seite noch immer die kupferfarbenen Überreste ihres Bluts klebten. Die Platzwunde an ihrer Stirn war nicht desinfiziert worden und juckte und schmerzte abwechselnd, während sich eine dünne Schicht Schorf darauf bildete. Erin musste immer dem natürlichen Drang widerstehen, sich zu kratzen, was eine echte Herausforderung war, wenn der Juckreiz besonders heftig zuschlug.

Die Schritte erklangen nun aus unmittelbarer Distanz, vielleicht noch vier, fünf Meter von ihr entfernt. Reflexartig schloss die junge Frau die Augen, formte mit ihren trockenen Lippen stumme, ungehörte Gebete, dass sie diesmal davon verschont bleiben würde, in die Mangel gedreht zu werden. „Miss Porter?", ertönte eine leise, flüsternde Stimme, die sie kannte, aber in ihrer Angst nicht einordnen konnte. Zumindest war sie nicht laut, polternd und beängstigend. Abgesehen davon hätte Talburne sie nie so angesprochen. Erin öffnete langsam die Augen, versuchte, aus den Augenwinkeln über ihre Schulter zu spähen, ohne den Kopf bewegen zu müssen, doch natürlich konnte sie so nicht viel erkennen.

„Miss Porter...bitte...", die Stimme nahm einen dringlicheren, bittenden Tonfall an und erst jetzt identifizierte Erin sie als die Jack Treathers. Ihr verspannter Nacken tat weh, als sie den Kopf drehte und tatsächlich den Officer vor dem Schiebegitter stehen sah, der einige Jahre jünger als sie war, worüber seine maskulinen, ausgeprägten Gesichtszüge jedoch hinwegtäuschten. Seine Haltung sowie sein Blick, der immer wieder über seine Schulter schweifte, um ihm zu versichern, dass er unbeobachtet war – oder aber gerade beobachtet wurde – verrieten ihr, dass er nervös war. War Talburne wieder im Anmarsch und wollte er sie nur warnen, oder was hatte die Anwesenheit des jungen Polizisten zu bedeuten? Erin hätte alles für eine Stimme gegeben, mit der sie derlei Dinge hätte erfragen können, obgleich sie aufgrund der ausgedörrten und rauen Beschaffenheit ihrer Kehle vermutlich nicht viel mehr als ein Flüstern über die Lippen gebracht hätte.

„Bitte stehen Sie auf...aber sein Sie so leise wie möglich." Der Polizist sah sie bittend an und Erin verstand nicht auf Anhieb, was er vorhatte. Dennoch tat sie wie ihr geheißen. Etwas anderes blieb ihr sowieso nicht übrig, und wenn es auf diesem Revier noch jemanden gab, dem sie so etwas wie Vertrauen entgegenbrachte, dann war es Jack Treather. Er hatte ihr nicht nur den Besuch von Scott ermöglicht, sondern sich auch für sie eingesetzt, als Talburne ihr seine erste Stippvisite abgestattet hatte, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg.

Sie setzte sich auf und hörte nur dumpf das Knarren der harten Federn ihrer Pritsche, die sich an der einen oder anderen Stelle bereits durch die dünne Matratze gefressen hatten. Ihr war kalt und schwindlig, weswegen sie einige Sekunden benötigte, ehe sie sich auf ihre Füße wagte. Mit der linken Hand stützte sie sich an der Kalkwand ab und tastete sich daran so weit vor, bis sie in den Schattenkreis des jungen Mannes trat. Treather beugte sich sehr nah vornüber, sodass seine schmale Nase fast durch die Gitterstäbe hindurchragte. Die Worte, die er an sie richtete, waren leise und klar und deutlich. Er umfasste die Hand, die sie an einen der Gitterstäbe gelegt hatte und drückte sie sacht.

„Hören Sie, Erin. Ich kann nicht viel für Sie tun. Wir haben nur diese eine Chance. Es muss schnell gehen. Ich weiß, dass Sie Schmerzen haben und es Ihnen nicht gut geht, aber versuchen Sie bitte, schnell, leise und stark zu sein." Erin wusste noch immer nicht, was er meinte, doch als er letztlich einen Schlüsselbund von seinem Gürtel löste und hochhielt, dämmerte es ihr. Er wollte sie befreien, ihr beim Ausbruch behilflich sein. Ein Cop. Wenn Talburne Wind von der Sache bekommen würde, wäre Treather die längste Zeit seines Lebens Polizist gewesen. Warum tat er das? Ihretwegen? Oder weil an der Drohung des Jokers vielleicht doch etwas dran war und der Commissioner nicht nur ein Lügenmär aufgetischt hatte, um sie unter Druck zu setzen?

Erin hob die Hände und schüttelte den Kopf. Wie sollte sie denn entkommen? Sie hatte ja noch nicht einmal eine Jacke, kein festes Schuhwerk, ganz zu schweigen von einem fahrbaren Untersatz oder einem Ort, an dem sie sich verstecken konnte. Sollte sie so wie sie war durch Gothams Straßen rennen und sich im Schutz dunkler, zwielichtiger Gassen davonschleichen? In einem grell-orangenen Overall, der sie als Geächtete brandmarkte! Genauso gut hätte sie mit einem Schild um den Hals, auf dem „Fangt mich, ich bin eine gesuchte Mörderin" stand, vor das Polizeirevier stellen können.

„Haben Sie keine Angst, jemand wird Ihnen helfen", versicherte er ihr, zog dann einen von den vielen Schlüsseln hervor und schob ihn in das Schloss, das mit einem metallischen Klicken aufsprang. Darauf achtend, das Gitter möglichst langsam aufzuschieben, damit es so wenig Lärm wie nur irgend möglich produzierte, hielt Jack Treather angespannt die Luft an. Erins Herz schlug ihr bis zum Hals. Das musste alles ein Traum sein, nur konnte sie sich nicht entscheiden, ob es sich um einen guten oder einen schlechten handelte. Sie konnte sich ja kaum auf den Beinen halten, wie sollte sie dann eine Flucht durchstehen? Selbst wenn ihr jemand half, würde er auch keine Wunder vollbringen können. Treather bekam ihren Arm zu fassen und zog sie vorsichtig, aber dennoch unerbittlich aus ihrer Zelle. Ihre Knie zitterten und drohten, einfach nachzugeben. Ähnlich hatte sie sich gefühlt, als sie wieder festen Boden unter ihren Füßen gespürt hatte, nachdem sie Stunde um Stunde an einem vereisten Stahlgerüst hinabgeklettert war. Es erfüllte sie mit Wut, dass Talburne diese Aussage als Scherz abgetan hatte. Natürlich klang es ungewöhnlich, aber an den Haaren herbeigezogen waren Angst und Panik, die sie in luftigen, einschneidend kalten Höhen zugebracht hatte, mitnichten. Sie hatten nur allzu deutliche Spuren in ihren Träumen hinterlassen, aus denen sie das ein ums andere Mal schweißgebadet hoch geschreckt und beinahe von ihrem schmalen Bett gefallen war.

„Er wird sich vorerst um Sie kümmern, Sie müssen sich nicht fürchten", redete Jack auf sie ein.

Er? Von wem sprach er da? Ihre Frage beantwortete sich fast von selbst, als sich ein großer, mächtiger Teil der Schatten wie durch Zauberhand löste und auf sie zuschritt. Erst als er in das trübe Licht der Notausgangsbeleuchtung trat und sich seine Konturen schärfer vom undurchsichtigen Schwarz abzeichneten, mit dem er verschmolzen gewesen zu sein schien, erkannte Erin Batmans große, breitschultrige Gestalt, die plötzlich den gesamten Raum ausfüllte. Die wie eine Panzerung wirkenden Platten seines Kampfanzugs ließen seine Brust noch breiter erscheinen als sie eigentlich war. Die pechschwarze Maske, hinter der warme, dunkle Augen auf Erin hinabschauten, erweckte den Eindruck, nahtlos in das lange Cape überzugehen, das seinen starken Körper umhüllte. Es war schwer, sich nicht von dieser Erscheinung beeindrucken zu lassen, von dem Mysterium und dem Rätselhaften, das sie ausstrahlte. Erin realisierte erst, dass sie ihn nahezu ehrfürchtig anstarrte, als er den Kopf drehte, wie um sie fragend zu mustern. Sie war ihm bereits zweimal zuvor begegnet – einmal war sie kurz davor gewesen, zu verbluten und an eine Bombe geschnallt, das andere Mal hatte er ihr einen mitternächtlichen Besuch im Krankenhaus abgestattet, der ihr einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. Und jetzt war er hier, um ihr bei einem Gefängnisausbruch zu assistieren? Nun gut, das hier war nicht Arkham, sondern das Polizeipräsidium, in dem seit Talburnes Ernennung zum neuen Commissioner einiges drunter und drüber zu gehen schien, doch trotzdem kam ihr die Absicht des dunklen Ritters bizarr vor.

„Gordon kümmert sich um Talburne. Er ist die beste Ablenkung, die wir haben, aber ich weiß nicht, wie lange er ihn bei der Stange halten kann. Sie hätten sehen sollen, wie der Commissioner aus der Wäsche geschaut hat, als Gordon aufgetaucht ist und ihm eine Standpauke gehalten hat. Talburne ist überhaupt nicht damit klargekommen, dass der Großteil der Sympathien unter den Kollegen auf Gordons Seite steht", erzählte Treather angeregt. Wahrscheinlich war es seine erste Begegnung mit dem Phantom, das sich in das Kleid einer Fledermaus hüllte, in seinen grünen Augen glaubte Erin jedenfalls aufgeregte Entzückung zu erkennen.

„Gut. Wir sollten keine unnötige Zeit verlieren."

Sie schaute zu dem kostümierten Mann auf, dessen künstlich verstellte Stimme eine Gänsehaut auf ihre Arme zauberte. Mit ihm sollte sie gehen? Ihm vertrauen? So wie er werden, eine Geächtete auf Gothams Straßen, die die meisten lieber hinter Gittern sehen wollten? Er würde sie nicht ewig beschützen oder gar beherbergen können und dann war Erin endgültig auf sich allein gestellt. Wie würden ihre Freunde in Le Gardien auf ihren Ausbruch reagieren? Und wie erst Matthews Angehörige, die bestimmt nicht daran glaubten, dass Erin unschuldig war?

„Kommen Sie mit", wies Batman die blonde Frau an, die recht wackelig auf ihren Beinen stand, und fasste sie beim Arm. Obwohl er nicht sonderlich fest zugriff und bestimmt nicht beabsichtigte, ihr wehzutun, zuckte sie heftig zusammen, als sich der brennende Schmerz ihrer wunden Handgelenke über ihren gesamten Unterarm fortsetzte.

„Äh...bitte warten Sie", hielt Officer Treather Batman zurück, der über einen recht ungewöhnlichen Weg über die Feuertreppe die Flucht anzutreten gedachte. Die menschliche Fledermaus wandte sich dem jungen Cop zu, der unsicher auf die offene Zelle starrte und sich dann zu ihm umdrehte: „Es sieht so aus, als hätte ich Ihnen geholfen. Würde...würde es Ihnen etwas ausmachen, es so aussehen zu lassen, als hätten Sie mich überwältigt? Ich glaube, mit der Schande kann ich leben." Er betrachtete Batmans durchtrainierte Gestalt mit einem schiefen Grinsen und versteifte sich ein wenig, als er von Erin abließ und auf ihn zutrat. „Bitte nicht direkt auf meine Nase, wenn das geht?", fragte er leise, was Batman nur mit einem gelassenen „Können Sie haben" quittierte, ehe er mit der Rechten ausholte und ihm einen recht harten Schlag gegen das Jochbein verpasste, der den jungen Cop regelrecht von den Füßen warf. Er geriet ins Straucheln und fiel rücklings zu Boden, schlug sich dabei den Hinterkopf an und blieb regungslos liegen. Erin trat entrüstet an den am Boden liegenden Officer heran, wurde aber von einer großen, kräftigen Hand zurückgehalten, die sich um ihre Schulter legte und ihr somit unwissentlich Schmerzen zufügte. „Er ist in Ordnung. Kommen Sie", forderte er sie abermals auf und zog sie endgültig mit sich hinaus in die Nacht, die Gotham City erobert hatte, hinaus in die Freiheit.

Erins Flucht durch Batmans Unterstützung hätte sich um keine weitere Minute verzögern dürfen. Ein weiterer Cop, der die Nachtschicht mit Treather teilte, patrouillierte den Zellentrakt, weil er seinen Kollegen vermisste, der sich vor geraumer Zeit aus den Büroräumen gestohlen hatte, wo fast alle Polizisten überrascht darüber gewesen waren, den früheren Commissioner Gordon empfangen zu dürfen. Als er Jack mit blutender und beachtlich angeschwollener Wange besinnungslos am Boden liegen und die Zellentür offenstehen sah, alarmierte er sofort die gesamte Zentrale.

Jim Gordon würde diesen, für ihn sehr genussvollen Moment noch lange im Gedächtnis tragen, als er das Gesicht Talburnes bei der Verkündung der Flucht Erin Porters erblicken durfte. Zuvor hatte er sich, wie mit Batman vereinbart, im Präsidium eingefunden, um einen gestellten Streit mit dem Commissioner vom Zaun zu brechen, ihm Vorwürfe an den Kopf zu werfen, dass er seinen Job nicht richtig machte und zudem noch das Leben seiner Kollegen leichtsinnig aufs Spiel setzte. Die Plattitüden, die ihm sein weniger geschätzter Kollege aus den alten Chicagoer Zeiten an den Kopf geworfen hatte, hatten ihn mehr amüsiert als wirklich beleidigt. Gordon hätte die Leine seiner Hunde zu lose in der Hand gehalten, dass sie ihn selbst gebissen hätten, und so weiter und so fort. Als schließlich vermeldet wurde, dass eine Mordverdächtige entkommen war, war es für Gordon wie ein vorgezogenes Weihnachtsfest gewesen.

Er hatte sich wirklich alles an Selbstdisziplin auferlegen müssen, das er besaß, um nicht wissend in sich hineinzugrinsen. Talburne, ein Hai wie er im Buche stand, witterte jedoch Blut, wenn welches vergossen wurde. Ganz besonders, wenn es sein eigenes war. Er hatte Gordon mit seinen schmalen Schlitzaugen angestarrt und nur ein gepresstes „Sie...das waren Sie..." von sich gegeben, das Gordon mit erhobener Braue und wenigen Worten zu dem Amüsement der meisten Beistehenden kommentiert hatte: „So tief bin ich noch nicht gesunken, dass ich vom Commissioner zum Sträflingshelfer werde. Und wenn ich es Ihrer Meinung war, mit wem haben Sie dann die ganze Zeit über Nettigkeiten ausgetauscht?"

Talburne hatte ihn mit funkelnden, moosgrünen Augen taxiert und dazu angehoben, etwas zu sagen, das ihm letztlich doch nicht über die Lippen kommen wollte. Stattdessen hatte er sich wutentbrannt schnaubend von ihm losgemacht und Anweisungen an alle Streifen im Umkreis von einem Kilometer gegeben, eine flüchtige Verbrecherin dingfest zu machen. Gordon, der mehr als nur eine unfreiwillige Kostprobe von Batmans eher destruktivem Fahrstil erhalten hatte, glaubte fest daran, dass der dunkle Rächer mit Erin längst über alle Berge war.

Jetzt stapfte Talburne außer sich durch das Revier, blökte hier und da etwas von Verrat und Folgen, die das für Gordon haben würde, der jedoch in Anwesenheit der meisten Polizisten die ganze Zeit über im Foyer der Zentrale gewesen war, während sich der Ausbruch ereignet hatte. Selbst wenn der Commissioner etwas ahnte, konnte er Gordon nichts anhängen. Zumindest nichts, was auch zu beweisen gewesen wäre. „Wir müssen den Ausbruch an die Presse weiterleiten", wurden die ersten Stimmen laut. Die des wagemutigen Ersten stammte von Officer Burbank, dem eher schmächtig gebauten weißblonden Milchgesicht, der es sich mit Talburne gleich ganz zu Beginn verscherzt hatte. „Auf keinen Fall!!!", schaltete sich Talburne dazwischen, „Nicht, solange wir sie wieder ergreifen können. Das wäre doch gelacht!" Doch keiner der Cops schien den Enthusiasmus seines Vorgesetzten zu teilen, vielmehr erweckten die Männer und Frauen den Eindruck, froh darüber zu sein, dass dem Polizistenmorden des Jokers wohl vorerst der Riegel vorgeschoben war. Sofern sich dieser an die Vereinbarung hielt, verstand sich. „Ich will niemanden dabei erwischen, wie er mit der Presse spricht, ist das klar? Das erledige ich morgen früh selbst, sollten wir sie bis dahin nicht in Gewahrsam genommen haben!", blaffte er in die Runde, sein grimmiger Blick haftete zuletzt an Gordon, ehe er sich Treather zuwandte, der langsam wieder zu sich kam.

„Sie...", knurrte er guttural, doch kam nicht dazu, eine Drohung zu äußern, als die Kollegen des Officers Partei für Jack ergriffen. „Er hat sich offenbar dem Täter in den Weg gestellt. Wollen Sie ihn dafür etwa bestrafen?", wurde Burbank mutiger, der auf Talburnes Liste der abzuschießenden Cops mittlerweile einen Logenplatz ergattert haben musste.

„Officer Burbank hat Recht", pflichtete Gordon bei, noch immer mit sich kämpfend, nicht zu lächeln, „der junge Mann braucht einen Arzt und keine Gardinenpredigt."

Zum ersten Mal seit seinem imposanten Amtsantritt fand sich Talburne auf der unterlegenen Seite wieder. Ein Umstand, den er, wie Jim Gordon gut wusste, nicht lange dulden würde. Er öffnete den breiten Krötenmund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann wieder unverrichteter Dinge und krähte nur ein „Niemand wendet sich an die Presse" zur Erinnerung in die Menge, ehe er auf seine grobschlächtige Gangart den Korridor in Richtung Foyer verließ.

Jim Gordon überreichte Jack einen Eisbeutel, den eine ältere Kollegin aus dem Erste Hilfe Kasten herbeigeholt hatte und wagte es endlich, seine Lippen von einem kleinen Lächeln umspielen zu lassen. „Da hat Sie aber jemand hart erwischt, Treather", sagte er, während Jack den Eisbeutel stöhnend an sein dickes Jochbein drückte, „brauchen Sie einen Arzt?"

Der junge Cop sah zu Jim Gordon auf, der, obwohl er nur einige Monate unter seiner Leitung im Dienst gewesen war, zum Vorbild des Nachwuchspolizisten avanciert war, und schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Keinen Arzt. Ich glaube, ich brauche künftig einen guten Leibwächter." Einige seiner Kollegen stießen ihn daraufhin an oder klopften ihm auf die Schulter, doch als Jim Gordon einen Blick mit dem Officer wechselte, war ihm klar, dass er diese Bemerkung gar nicht so scherzhaft gemeint hatte, wie es den Anschein erweckte.

Jack Treather hatte gezielt gegen Talburne gearbeitet und auch wenn ihm das niemand nachweisen konnte, war sich Gordon sicher, dass sein Nachfolger clever genug war, Eins und Eins zusammenzuzählen. Auf Jack kam möglicherweise eine härtere Zeit zu, als er sich vorstellen konnte. Aber er hatte sich aus freien Stücken dafür entschieden, diese Last zu tragen und das machte ihn zu einem der wenigen Verbündeten, denen Jim Gordon zu vertrauen bereit war. Vertrauen. Es war zu einem raren Gut in Gotham City verfallen. Umso mehr musste man es hüten, wenn man es wie einen Schatz entdeckte. Schließlich wollte es das unumstößliche Gesetz dieser Welt, dass auf eine kostbare Perle hundert Elstern kamen. Diebische, räuberische Elstern, zu deren Heimstatt Gotham City geworden war und gegen die eine einzelne Fledermaus in den Kampf zog. Tag für Tag, Nacht für Nacht.