Scar Tissue
15
Ein Köder am Haken
Ein zappelnder Wurm
Kann geschnappt werden oder
Fängt den großen Fisch.
Die Temperaturen an der Wegscheide der Zeit zwischen dem 25. und 26. November waren gleich der Laune Commissioner Talburnes in den Minusbereich gefallen. Das abnormal breite Vorderrad wirbelte den Schneematsch auf, der auf den unwegsamen Seitengassen Gothams von jeglichen Einsätzen des Winterdienstes verschont geblieben war, jetzt aber von den unbarmherzigen Rädern des verrücktesten Gefährts, auf dem Erin je Platz genommen hatte, zermalmt wurde.
Zunächst hatte sie es für einen Scherz gehalten, als Batman sie aufgefordert hatte, aufzusteigen, weil sie daran gezweifelt hatte, dass dieses merkwürdig umfunktionierte Motorrad, auf dem er unterwegs war, verkehrstüchtig wäre. Erins anfängliche Einwände waren nachvollziehbar. Schließlich war das Batpod eine futuristisch anmutende Konstruktion, die scheinbar widersprüchlich Elemente harmonisch miteinander verband. Die zierlichen, fast fragil wirkenden Streben aus glattem Metall hielten zwei Räder in Position, die jeder Beschreibung spotteten. Wie zwei breite, unglaublich schnell zirkulierende Ballons rollten sie über den Asphalt und bewiesen dabei eine geschmeidige Beweglichkeit, die ihr Äußeres nie und nimmer vermuten lassen hätte. Obwohl das Gefährt mit dem stolzen Gewicht eines Autos in Konkurrenz hätte treten können, überwand es mühelos kleinere Unebenheiten in der Straße, ließ sich sogar zu kleineren Sprüngen zwingen, um Hindernisse unbeschadet zu umgehen. Zwei Rohre, die sowohl Vorder- als auch Hinterrad beidseitig flankierten, waren Schussvorrichtungen großen Kalibers, die seitlich von zwei kleinen, merkwürdig normal wirkenden Scheinwerfern umgeben waren. Batman jagte es mit hoher Geschwindigkeit über die dunklen Straßen der Stadt, und doch schien diese Maschine über keinen Motor im konventionellen Sinne zu verfügen. Es gab ein stetes Surren von sich, das zum hohen Heulen eines stürmischen Windes anschwoll, wenn Batman beschleunigte.
Erin hätte nie geglaubt, auf diesem Gefährt sitzen zu können, schien es doch nur für einen Fahrer konstruiert worden zu sein, und doch hatte sie erstaunlich viel Platz, während sie vor Batman saß und sich am seicht vibrierenden Metall festhielt. Sie konnte nicht fallen, das verhinderten seine starken Arme, die notgedrungen ihre Seiten umgaben, damit er den Lenker in seiner Gewalt behielt. Dennoch war die Geschwindigkeit des Batpods atemberaubend und beängstigend, sodass Erin das Kinn so gut es ging auf ihre Brust presste, um bei dem harsch entgegenschlagenden Gegenwind normal atmen zu können. Die vorbeirasenden Häuserfassaden und Straßenlaternen, deren Licht in Form gleißender Strahlen die Fahrbahn säumte, waren auf Dauer ein schwindelerregender Anblick, an den sich der unerfahrene Batpod-Fahrgast erst noch gewöhnen musste. Wenigstens hatte das rasende Tempo dazu geführt, dass sie die vier Streifenwagen des Bezirks Downtown schnell abgehängt hatten.
Erin wagte es die ganze Fahrt über nicht, sich zu rühren, geschweige denn, eine Konversation über Zeichensprache zu starten, die Batman höchstwahrscheinlich nicht beherrschte. Seine Arme behüteten ihre Ohren davor, durch den enormen Fahrtwind Schaden davonzutragen, verhinderten jedoch nicht, dass sie fror. Wie lange sie schon auf diesem sehr gewöhnungsbedürftigen fahrbaren Untersatz durch die nur zum Schein schlafende Stadt fuhren, konnte Erin nur schätzen, hoffte aber, dass sich die Fahrt über einen nicht mehr allzu langen Zeitraum erstreckte. Ihr Herz schlug ihr noch immer bis zum Halse, so recht verdaut hatte sie die Ereignisse nicht. Auch war ihr noch nicht ganz klar, dass sie jetzt eine gesuchte Kriminelle auf der Flucht war, jemand, der untertauchen und sich versteckt halten musste. Allem voran vor dem Joker. Die Erkenntnis sollte sie jedoch früh genug treffen. Sie glaubte erst, sie würde es sich nur einbilden, doch als sich die Lichter von langen Strahlen und Schweifen in klare Punkte zurückwandelten, begriff sie, dass das Batpod wirklich an Geschwindigkeit verlor. Erin spähte zur Seite, doch wusste sowieso nicht, in welchem Teil Gothams sie sich befanden. Sie war völlig desorientiert, aber fühlte sich seltsamerweise nicht unwohl deswegen. Batmans Anwesenheit hatte etwas Beruhigendes, fast Tröstliches an sich.
„Ich bringe Sie zum Anwesen Bruce Waynes", ertönte die Stimme der menschlichen Fledermaus dicht hinter ihr. Erin war erstaunt, dass sie ihn so gut verstehen konnte, obwohl der Fahrtwind trotz gedrosselter Geschwindigkeit lautstark blies. Sie versuchte, ihm ihren Kopf zuzuwenden, wagte aber nur eine Vierteldrehung. Er brachte sie nach Wayne Manor? War dieser superreiche Jungunternehmer etwa ein Verbündeter der Fledermaus? Erin konnte sich das nicht so recht vorstellen, umso mehr Sinn schien die Sache zu machen, als Batman mit seiner sonoren Stimme hinzufügte: „Er ist für die nächsten Tage außer Haus. Sie wären also sicher."
Sie sollte sich in diesem Prunkschloss einer Villa verstecken? Nun, Platz gab es ja genug, aber Erin hatte da trotzdem so ihre Bedenken. Mit Sicherheit gab es jemanden, der auf das Anwesen Acht gab, solange Bruce Wayne nicht zu Hause war. Batman schien ihre Gedanken gelesen zu haben, anders konnte sie sich seinen Einwurf nicht erklären: „Es gibt dort einen Bediensteten. Alfred Pennyworth. Er wird Sie nicht verraten, sondern für Sie sorgen, wenn Sie etwas brauchen." Erin fasste sich ein Herz und ergriff Batmans Unterarm. Das Material seines Anzugs fühlte sich kühl und lederartig an, wie die Haut einer Echse. Zwei dünne Platten griffen ineinander über, formten eine Art Panzerung für seinen Arm. Er sah zu ihr hinab, woraufhin sie mit den Lippen ein stummes ‚Warum?' formte. Dann richtete er seinen beunruhigenden Blick wieder auf die Straße, die vor ihnen lag, lenkte dann scharf rechts ein, wo der ebene Untergrund Platz machte für einen recht steilen Anstieg. Sie hatte bereits jede Hoffnung auf eine Antwort begraben, als er plötzlich sagte: „Ich glaube an Ihre Unschuld."
Natürlich war das nicht der einzige Beweggrund für Batman gewesen. Er wollte den Wahnsinn Commissioner Talburnes stoppen und allem voran herausfinden, was der Joker von ihr wollte. War Talburnes Vermutung begründet gewesen, dass es eine Verbindung zwischen ihr und diesem psychopathischen Mörder gab? Batman war gewillt, es herauszufinden, bevor es diesem Clown gelang, sein diabolisches Spiel in die nächste Runde fortzuführen.
Einige Minuten später rollte das Batpod leise summend aus und hielt schließlich so abrupt an, dass Erin leicht gegen den Lenker gedrückt wurde. Batman stieg gelassen von seinem Gefährt, während Erin noch nicht einmal wagte, einen Fuß auf den Boden zu setzen, der mit grauweißem Kies bedeckt war. Aus Angst, vom Batpod zu fallen, hatte sie ihre Beine eng gegen die Maschine gepresst. Jetzt schmerzten sie und fühlten sich wie Pudding an. Batman hielt ihr den Arm hin, an dem sie sich dankbar festhielt und mit seiner Hilfe abstieg. Das Kiesbett knirschte leise, als es mit ihren Füßen in Berührung kam. Wayne Manor, die etwas höher lag als das übrige Stadtgebiet Gotham Citys, trug einen dünnen weißen Film frischen Schnees auf ihrem majestätischen Haupt. Trotz der finsteren Nacht leuchtete das reine Weiß ohne jede Beleuchtung.
Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie sich immer sehr auf den Winter gefreut. Stets war der Schnee in großen Mengen gefallen, die es ihr ermöglicht hatten, Schneemänner oder Iglus zu bauen und sich eine Schneeballschlacht mit Danny zu liefern, die er natürlich immer gewonnen hatte. Danny. Erin schluckte schwer. Sie musste aufhören, alten Zeiten nachzuhängen, die nur immer wieder Wunden aufrissen, die gerade im Begriff gewesen waren, zu verheilen.
„Ist alles in Ordnung?", zerriss Batman ihre Gedanken. Wollte er darauf eine ehrliche Antwort? Schließlich war in ihrem Leben nichts mehr in Ordnung. Ihr Zuhause war von kaltblütigen Verbrechern belagert worden, die Kinder, die sie betreute, extrem traumatisiert, ihr wurde ein Mord an ihrem Kollegen zur Last gelegt, von dem sie nicht einmal mit Sicherheit ausschließen konnte, ihn begangen zu haben, und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, wurde sie jetzt von Gotham Citys Polizei gejagt, weil sie gleichsam gegen ihren ursprünglichen Willen befreit worden war. Es war, als hätte sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Nichts von alldem hatte sie selbst verschuldet, oder etwa doch? Waren ihre Nachforschungen etwa schuld daran, dass ihr der Joker einen Denkzettel verpassen wollte? Dabei hatte sie doch kaum etwas herausgefunden, was ihn betraf.
„Er ist eingeweiht", mischte sich Batmans Stimme ein weiteres Mal in ihre Gedanken, sodass sie ihn zunächst verwirrt anschaute, ehe er das Missverständnis auflöste: „Pennyworth. Nur zu, Sie können sich durch die Vordertür hineinwagen. Ich glaube, es ist nicht abgeschlossen." Erin starrte die imposante Fassade der Villa an, deren höchster Turm den Nachthimmel zu überwinden und in jenseitige Sphären zu dringen schien. Als sie sich umdrehte, war Batman mitsamt seiner Maschine verschwunden. Erin blinzelte irritiert, doch ihr Helfer blieb wie vom Erdboden verschluckt und tauchte nicht etwa wie durch Zauberhand wieder auf.
Die junge Frau, die im Dunkeln im grell-orangenen Overall in etwa so gut zur Geltung kommen musste wie der auf magische Art und Weise fluoreszierende Schnee, drehte sich um die eigene Achse, wandte sich in die andere Richtung um, konnte die Fledermaus aber nirgendwo ausmachen. Unentschlossen blieb sie stehen, während um sie herum nach und nach Schneeflocken wie kleine Daunenfedern zur Erde segelten. Hatte sie sich das nur eingebildet? Nur geträumt, von Batman wieder einmal aus der Patsche befreit und hierher gebracht worden zu sein? Würde sie in jedem Moment aufwachen durch die stampfenden Schritte Talburnes, die nichts Gutes zu bedeuten hatten? Ehe sie diesen Gedanken zu Ende bringen konnte, entzündete sich ein Licht im gigantischen Leib des Monstrums von einem Gebäude und wenig später wurde die zweiflüglige weiße Tür am obersten Treppenabsatz leise knarrend geöffnet. Erin erkannte die Silhouette eines Mannes darin, doch konnte sein Gesicht nicht erkennen, weil ihm das warme, einladende Licht, das den Hausflur erhellte, in den Rücken fiel und ihn zur Gänze in Schatten hüllte. Einzig eine sonnengelbe Korona zeichnete die Umrisse seiner Gestalt nach. Erin glaubte, kurzes weißes Haar zu erkennen, das sich leicht wellte. Sie kam nicht umhin, zusammenzuzucken, als die Gestalt zu ihr sprach: „Treten Sie ein, Madam. Sie müssen doch frieren." Die Stimme klang alt, aber klar und freundlich.
War dieser Mann dieser Alfred, von dem Batman gesprochen hatte? Erin drehte sich um, unsicher, ob sie wirklich hier bleiben oder nicht doch besser auf eigene Faust einen Unterschlupf suchen sollte. Der fremde Mann half ihr bei der Entscheidungsfindung: „Ein heißes Bad und frische Kleidung wartet bereits auf Sie, wenn Sie gewillt sind, einzutreten."
Sie sah, wie er den Kopf leicht schief legte und traute der Sache nicht so recht über den Weg. Alfred, offenbar ein Bediensteter Bruce Waynes, bot ihr seinen Service, sogar frische Kleidung an, obwohl sie dringende Tatverdächtige eines Mordes und auf der Flucht war? Entweder er war zu gutgläubig oder einfach nur ignorant. Oder war das nur ein mieses abgekatertes Spiel, eine Falle, in die sie blindlings hineinlief?
„Madam?", sprach er sie abermals an und brachte Erin somit dazu, eine Entscheidung zu fällen. Sie gab sich einen Ruck und ging langsamen Schrittes auf ihn zu, überwand eine schmale Treppenstufe nach der anderen. Ihre Füße, die durch die behelfsmäßig dünnen Latschen, die ihr auf dem Revier zugewiesen worden waren, durchgefroren waren aufgrund der Nässe, die durch den nicht sehr robusten Stoff gedrungen war und sich nun an ihrer Fußsohle sammelte, waren fast taub vor Kälte und spürten kaum den festen Untergrund. Je mehr sie sich der offenen Tür näherte, desto mehr Wärme strömte ihr in sanften Wogen entgegen. Wäre sie nicht so verängstigt und unsicher gewesen, hätte sie genießerisch die Augen geschlossen, als sie die letzte Stufe übertreten hatte und gänzlich von dem weichen Licht umfangen wurde.
„Ich bin Alfred, Madam. Treten Sie ein", er trat zur Seite und hielt ihr die Tür auf, worauf Erin zaghaft in den Flur trat, dessen Wände sich mehrere Meter in die Höhe erstreckten, um an der Zimmerdecke in gleichmäßigen Bögen aufeinander zuzulaufen. Mehrere Kronleuchter waren an der Decke hintereinander aufgereiht wie Perlen auf eine Schnur. Ein dunkelroter, schmaler Läufer führte von der Tür über den gesamten Flur, dessen Ende Erin nicht erkennen konnte. Sie sah den Butler an, dessen Lächeln Güte ausstrahlte und dessen helle Augen sie sowohl freundlich als auch klug betrachteten.
„Nur zu", er nickte leicht, während sie vorsichtig eintrat und nur sehr bedächtigen Schrittes über den Teppich ging. Ihr Blick heftete sich ehrfurchtsvoll an die Wandteppiche und Gemälde, die die Wände aus hellem Eichenholz verzierten, und doch achtete sie darauf, nicht auf den bloßen Boden zu treten, so als bedeutete dies, vom rechten Weg abzukommen. Alfred schloss die Türen hinter ihr und war in wenigen Sekunden wieder auf gleicher Höhe mit ihr. „Ich muss Sie bitten, mir zu folgen. Wayne Manor ist ein imposanter Bau, keine Frage, aber ich kann Ihnen nur beschränkten Zutritt gewähren. Das verstehen Sie doch sicher?"
Erin nickte hastig und als Alfred lächelte und mit einem leisen „Gut" auf den Lippen vorangehen wollte, bekam sie das schwarze Jackett seines Anzugs zu fassen und hielt ihn zaghaft daran zurück. Als er sich zu ihr umdrehte, fasste sich Erin etwas beschämt an den Kragen ihres Overalls und deutete dann auf ihren Mund. „Oh, gewiss, ich stelle Ihnen auch eine Mahlzeit bereit." Er musterte sie von Kopf bis Fuß und fügte dann hinzu: „Sie sehen trotzdem so aus, als würden Sie ein Bad und ein bisschen Ruhe gut vertragen. Kommen Sie." Alfred ging voran, doch Erin blieb noch einige Augenblicke zurück, schaute sich ungläubig um und wusste nicht, ob sie dem Frieden trauen konnte. Zu oft hatte sie sich in der letzten Zeit in trügerischer Sicherheit gewähnt, die dann wie eine Lichtspiegelung zerstoben war. Aber noch nie war sie so auf Hilfe angewiesen wie hier und jetzt. Sie fror, hatte Hunger, noch größeren Durst, Schmerzen, die sie daran erinnerten, was sie erwarten würde, wenn sie der Polizei wieder in die Hände fiel, und nicht zuletzt war sie völlig erschöpft wegen des Schlafdefizits, das ihr die letzten Tage aufgebürdet hatten. Wenn sie nicht hier blieb, wo sollte sie dann hin in ihrem gegenwärtigen Zustand?
Erin beschloss, sich auf die unerwartete Gastfreundschaft einzulassen, selbst wenn sie es später vielleicht bereuen sollte und möglicherweise so endete wie die Maus, die in ihrem Elend zu gierig gewesen und nach dem Käsestück gegriffen hatte, das auf der gespannten Falle platziert worden war.
Sie folgte Alfred, der Anstalten machte, in einen Seitengang abzubiegen und fand sich wenige Minuten später in einem geräumigen Zimmer im ersten Stock wieder. Es besaß ein Erkerfenster mit einer gemütlich wirkenden Sitzecke, ein Bett, so groß, wie Erin noch nie in einem geschlafen hatte, und eine komplette Möblierung von Schreibtisch bis hin zu einer kleinen Couch. Das Zimmer allein schien so groß zu sein wie das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Mit dem Unterschied, dass dieser Raum wesentlich luxuriöser ausgestattet war. „Dies ist eines von Master Waynes Gästezimmern. Für die Dauer seiner Abwesenheit können Sie hier unterkommen. Das Badezimmer grenzt direkt an."
Wie ein Immobilienmakler führte Alfred die junge Frau herum, zeigte ihr, wo alles war, was sie benötigte und bat sie, es sich bequem zu machen. Erin lugte nur kurz in das Bad, das nicht unbedingt groß war, aber dennoch viel Spielraum und Bewegungsfreiheit übrig ließ. Die Armaturen der mit heißem Wasser gefüllten Wanne waren stilvoll, aber nicht protzig vergoldet, flaumig weißer Badeschaum umspielte sie mit verträumter Gemütlichkeit.
„Ich lasse Sie wissen, wenn das Essen fertig ist", versprach Alfred und Erin deutete auf sich, legte die Hand an die Lippen, so als wollte sie dem älteren Herrn einen Luftkuss zuwerfen, und deutete dann auf ihn, der zu verstehen schien. „Gern, Madam", sagte er leise mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, ehe er kehrtmachte. Erin sah ihm hinterher, hörte, dass er die Tür hinter sich schloss, und atmete seufzend aus. Zumindest der Butler musste mit Batman unter einer Decke stecken, schließlich war dies hier Wayne Manor und nicht etwa ein Obdachlosenheim, das Streunern, wie sie einer war, einfach so Unterkunft gewährte. Warum riskierte Batman, dass sie von seinen Verbündeten wusste? War es, weil sie nun selbst eine Ausgestoßene war?
Das leise Rauschen des Schaums, der sich nach und nach auf dem warmen Wasser auflöste, erinnerte sie daran, das Badewasser nicht unnötig auskühlen zu lassen. Auf dem Waschbecken lagen ordentlich zusammengefaltete frische Kleidungsstücke und ein wollweißer Bademantel.
Erin konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal ausgiebig gebadet hatte. In Le Gardien hatte zwar auch die Möglichkeit bestanden, die Badewanne zu benutzen, aber wirklich erholsam waren die Bäder nicht gewesen. Sie seufzte, strich sich eine schmutzige Strähne hinter das Ohr und dachte volle Wehmut an ihr Zuhause. Wie sie wohl die Nachricht über ihren Ausbruch aufnehmen würden, sobald diese publik wurde? Würden sie sich freuen? Sich vielleicht Sorgen machen?
Erin versuchte diese Gedanken wie den orangefarbenen Overall von sich abzustreifen, doch im Gegensatz zu dem Kleidungsstück, das den unangenehmen Geruch von Schweiß und Schmutz trug und sich nach und nach von ihrem Körper abschälen ließ wie die Schale einer exotischen Frucht, schwirrten diese Fragen noch lange in ihrem Kopf herum, während sie vergebens versuchte, sie mit einem Kescher einzufangen. Erin entstieg der Kleidung, die sie, sofern es an ihr war, eine solche Entscheidung zu fällen, nie wieder tragen wollte, und schaute in den beschlagenen Spiegel, wischte mit der rechten Hand über das Glas, bis die glatte Oberfläche ihr Gesicht ein wenig verschwommen reflektierte. Wie heruntergekommen sie aussah! Das war allein der Verdienst der vergangenen Wochen. Sie hatte sichtlich an Gewicht verloren, viel zu langes, strähniges Haar ummalte ihre Stirn, auf der eine hässliche Platzwunde blutverkrustet prangte, und dunkle Ringe zogen ihre Kreise unter den blauen, müden Augen. Ihre Lippen fühlten sich rau an, waren an zwei Stellen aufgeplatzt. Die Schultern waren weitaus schlimmer geprägt. Rote Striemen und eine Vielzahl kleiner blau-grüner Flecken säumten die Gelenke. Ihr Oberschenkel hatte zwar schon einmal schlimmer ausgesehen, aber die heilende Wunde nässte ab und zu noch und war ebenfalls von blau verfärbtem Gewebe umgeben. Eine hässliche Narbe würde sie bis an ihr Lebensende mit sich herumtragen und sie an ihre Bekanntschaft mit der Klinge des Jokers erinnern, die sie nur einmal zuvor geschlossen hatte. Mit dem Unterschied, dass er damals noch Danny und kein Monster gewesen war. Erin erschauderte und schüttelte den Kopf. Wie sehr wünschte sie sich, wenigstens für einen kleinen Zeitraum an nichts denken zu müssen, sich treiben lassen und abschalten zu können.
Sie stützte sich mit einer Hand am weißen Rand der Wanne ab und tauchte den großen Zeh des linken Fußes in das überraschenderweise noch immer heiße Nass, aus dem vereinzelt Dampfschwaden aufstiegen. Erst zögerlich ließ sie den gesamten Fuß eintauchen und ihr Bein folgen. Ihre geschundenen Muskeln empfingen die beruhigende Wärme des Wassers mit vollkommener Entspannung. Langsam, um ihren Körper an die hohen Temperaturen des Bades zu gewöhnen, ließ sich Erin Stück für Stück in die Wanne nieder, bis sie bis zu den Schultern im Schaum versunken war. Sie legte den Kopf in den Nacken und wagte es, für ein paar Sekunden die Augen zu schließen, nahm so intensiver das Züngeln der kleinen Wellen war, die ihren Körper umspielten. Ihre Verletzung am Oberschenkel brannte und auch ihre Schultern pochten leise, doch das war ihr gleich, denn alles in allem fühlte sie sich nach langer Zeit wieder wohl, fast wieder wie ein ganzer Mensch. Erin tauchte mit dem Kopf unter, lauschte dem dumpfen Glucksen des Wassers dicht an ihren Ohren und strich sich mit den Händen über das Gesicht. Sie verbrachte eine halbe Stunde im wohltuenden Wasser, ehe sie merkte, dass es bedeutend an Wärme verloren hatte und es klüger war, aus der Wanne zu steigen, wenn sie sich keine Erkältung holen wollte.
Der Bademantel empfing sie mit flauschig weichem Frottee, in dem sie sich sofort behaglich fühlte und enger hineinkuschelte. Das feuchte Haar hing ihr wirr in der Stirn, blond war durch die Nässe zu Braun geworden und reichte ihr bis über die Schulter. Erin betrachtete sich einige Sekunden lang im Spiegel, zog dann eines der Schubfächer des Badschranks auf und wurde nach kurzer fündig, als sie eine silbern schimmernde Schere aus dem Fach zog, auf deren Angelpunkt, der beide Schneiden verband, sich das warme Licht der Deckenlampe bündelte. Erin fühlte das Gesicht der Schere in ihrer Hand, drehte sie hin und her und sah dann abermals in den Spiegel, starrte hinein, als zeigte er das Bildnis fantastischer Welten und nicht nur ihr Ebenbild. Dann strich sie mit ihren Finger durch das feuchte Haar, schob es über ihre rechte Schulter und bündelte es zu einem Zopf, den sie mit der linken Hand umfasst hielt.
Mit der rechten hielt sie die Schere hoch, atmete noch einmal tief ein und schnitt mit bitterer Konsequenz das lange blonde Haar auf Kinnlänge ab, hielt erst inne, als das letzte metallene Klicken verlang und sie das komplett abgetrennte Büschel glitschigen Haares zwischen den Fingern hielt. Nein, sie war nicht mehr die gleiche Frau wie vorher, und das lag nicht nur daran, dass sie sich ihrer zu lang gewordenen Strähnen entledigt hatte. Erin erkannte sich selbst nicht mehr in diesem Spiegel wieder. Eine fremde Frau stand ihr umgeben vom Nebel warmen Wasserdampfs gegenüber, die mögliche Zielscheibe eines Verrückten. Vielleicht auch eine Mörderin.
Sie schloss die Augen, doch als sie sie wieder öffnete, war die Fremde, die nur vorgab, Erin zu sein, immer noch da. Sie hatte Matthews Blut an ihren Händen kleben gehabt, hatte die Finger eines Kindes in einem Rucksack mit sich herumgeschleppt und war vor den Konsequenzen einfach davongelaufen. Wie jedes verdammte Mal, seit sie Grahamsville hinter sich gelassen hatte.
Sie stützte sich mit den Händen an dem Spiegelschrank ab, umfasste mit der rechten, zur Faust geballten Hand das kühle Metall der Schere und sah nach zwei hektischen Atemzügen darauf hinab, ehe sie in einer Kurzschlussreaktion die Schere in die gläserne Fläche des Spiegels schmetterte, woraufhin das Glas zerplatzte und von der Spitze der Schere aus, die sie so tief in den Spiegel gestoßen hatte, dass blutige Glassplitter in ihrer Handkante steckten, sich wie das Wurzelgeflecht eines uralten Baumes in verschnörkelten, unregelmäßigen Rissen über die gesamte Spiegelfläche fortpflanzten. Das hohe, dennoch laute Zerbersten des Glases hallte wie ein phantomartiges Echo in ihrem Kopf fort, so unwirklich wie die bunten Formen, die Polarlichter im hohen Norden auf die schwarze Leinwand eines Nachthimmels malten. Keuchend entließ Erin den angehaltenen Atem, der die Risse und Kerben im zerstörten Spiegel für die Dauer weniger Sekunden beschlagen ließ. Mit der linken Hand noch auf den Schrank gestützt, sank die junge Frau langsam in sich zusammen. Sie zitterte, als ein tonloses Schluchzen über ihre Lippen kam und sie langsam die Hand aus dem Scherbenmeer zog. Die Schere glitt ihr aus der Hand und landete klirrend im Waschbecken, das bereits mehrere Bruchstücke des Spiegels aufgefangen hatte. Tränen, nicht nur des Schmerzes, sondern allem voran ihrer Verzweiflung, sammelten sich in ihren Augen und strömten über ihr Gesicht, als sie diese schloss, sich umdrehte und rücklings an den Schrank gelehnt zu Boden sank.
Sie hörte Schritte hinter der Tür und kurz darauf ein energisches Klopfen dagegen. „Madam? Ist alles in Ordnung?", drang die besorgt klingende Stimme Alfreds durch das dichte Holz, gefolgt von weiterem Klopfen. Was erwartete er? Dass sie sich Stimmbänder herbeizauberte und plötzlich antwortete? Der Türknauf drehte sich und wenig später stand der ältere Mann in der offenen Tür und starrte mit offenem Mund auf das Desaster, das Erin angerichtet hatte. Über den zerbrochenen Spiegel tröstete er sich schnell hinweg und ging neben der jungen Frau in die Hocke.
„Kommen Sie, lassen Sie mich helfen", bot er sich an und umfasste sanft ihre Schultern. „Kommen Sie", wiederholte er freundlich, aber bestimmt. Der Anblick der sich ihm darbietenden Szene beunruhigte ihn sichtlich, und dennoch half er Erin auf und zog sie mit sich in das angrenzende Wohnzimmer. Er setzte sie auf einem gepolsterten Hocker ab und kniete vor ihr nieder. „Lassen Sie mal sehen..." Erin ließ ihn gewähren, starrte nur verstört auf das Blut, das den weißen Bademantel besudelt hatte. Die Farbkonstellation erinnerte sie an den Joker und sein blutiges Grinsen, sodass sie krampfhaft die Augen schloss. Alfred missverstand diese Geste und zog seine Hand zurück, die zuvor ihre aufgeschlitzte Handkante vorsichtig berührt hatte. „Da sind Splitter drin, die ich Ihnen besser heraushole. Warten Sie...ich hole schnell Verbandszeug."
Er erhob sich und erst, als seine Schritte aus der Distanz ertönten, schaute Erin wieder auf. Auf dem kleinen Beistelltisch nahe dem Erkerfenster stand ein silbernes Tablett mit einem großen Teller, über den ein kuppelförmiger Deckel gestülpt worden war. Eine Tasse und eine kleine Teekanne leisteten ihm Gesellschaft. Alfred musste ihr das Abendessen nach oben gebracht haben, als er die Geräusche aus dem Badezimmer gehört hatte. Die junge Frau schaute auf ihre Hand, aus der Scherbenpartikel ragten wie Dornen einer wilden Rose, die sie zu brechen versucht hatte. Scham überkam sie genauso heftig wie Wut. Wut auf sich selbst. Wie hatte sie sich nur so gehen lassen können? Und warum war Alfred nicht wenigstens wütend geworden? Das hätte das Schamgefühl, das so fordernd Besitz von ihr ergriff, wenigstens ein bisschen gemildert.
Erin entwich ein weiteres stimmloses Schluchzen, ehe sie ohnmächtig ob ihrer eigenen Gefühle, die mit ihr durchgegangen waren, den Kopf schüttelte. Sie hasste es, sich so hilflos zu fühlen, wie sie es damals als kleines Mädchen gewesen war, als ihr abscheulicher Vater Hand an sie gelegt hatte. Sie hatte sich geschworen, es nie wieder zuzulassen, dass sie wehrlos ihrem Schicksal gegenüber stehen musste und das Opfer der Willkür anderer wurde, und doch hatte sie versagt, trotzdem war sie zum Spielball eines Machtkampfs zwischen Wahnsinn und Vernunft geworden. Erin legte beide Hände über ihr Gesicht und weinte hemmungslos. Ihre Tränen vermengten sich mit ihrem Blut, das schmerzhaft an ihrer Handkante brannte, waren Zeuge dessen, wie elend und allein sich Erin fühlte.
Nach recht kurzer Zeit kehrte Alfred mit dem Verbandszeug zurück und begann damit, Glassplitter mit einer Pinzette aus der Wunde zu fischen. Als er alle Scherben entfernt hatte, beträufelte er ein Tuch mit Desinfektionsmittel und presste es auf den Schnitt, wo es schlimmer als Höllenfeuer brannte. Erin atmete gepresst aus, als Alfred den Verband angelegt und mit einem Pflaster festgeklebt hatte. Sie wünschte sich, ihm in die Augen sehen zu können, aber ihre Scham war größer als ihr Mut. Es überrascht sie, dass er, nachdem er die Utensilien wieder in die kleine Kunststoffbox zurückgelegt hatte, seine warme, leicht knochige Hand auf die ihre legte und leise sprach: „Ich verstehe, dass Sie im Moment sehr durcheinander sind." Sie schluckte, schaute dann endlich zu ihm auf und begegnete diesen gütigen Augen, die noch mehr Tränen über ihr Gesicht zwangen. „Aber Sie dürfen den Mut nicht verlieren." Erin schniefte leise und kläglich. Alfreds Mitleid war das einzige, das sie seit Langem erfahren hatte und es wühlte sie gleichermaßen auf, wie es sie auch besänftigte. Alfred drückte sanft ihre gesunde Hand und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln: „Ich hoffe, Sie mögen Pasta. Sie sehen aus, als könnten Sie einen Happen genauso gut vertragen wie eine Mütze Schlaf. Sie werden sehen, danach wird es Ihnen ein wenig besser gehen." Er erhob sich langsam und sah zum Badezimmer hin: „Ich werde derweil ein wenig...aufräumen." Erin sah ihm nicht hinterher, starrte nur nachdenklich auf die dick eingebundene Hand, bevor sie einen Blick auf das Tablett warf. Der Appetit war ihr gehörig vergangen.
***
Die Höhlen unterhalb Wayne Manor glichen dem Rachen eines riesigen Raubtieres, vielleicht dem eines Hais, dessen zahllose sich beständig regenerierenden Zahnreihen sich in Form von Stalaktiten durch das dunkle Fleisch gruben. Obwohl der unterirdische Komplex ausgebaut und gedämmt worden war, hallte jeder Schritt und jedes Wort an den nackten Wänden entlang, weswegen es Bruce Wayne vorzog, hier unten zu schweigen. Er saß an einem der vielen Schreibtische und beobachtete die stumm geschalteten Bildschirme, die das Programm aller Nachrichtensender übertrugen, in Erwartung dessen, dass sich etwas tat. Doch am frühen Morgen des 26ten Novembers war Bruce Wayne genauso schlau wie vorher. Keine Meldung des Jokers und noch keine Stellungnahme Talburnes zu den Ereignissen der letzten Nacht. Er seufzte und rieb sich erschöpft über die Stirn, als er plötzlich Alfreds Stimme von weitem hörte: „Sie sollten es sich vielleicht nicht gänzlich abgewöhnen, zu schlafen, Master Wayne. Sie haben auch schon mal frischer ausgesehen." Er trug ein Tablett mit Frühstück an ihn heran, stellte es neben Bruce auf den Schreibtisch ab, worauf das leise metallene Echo an den Höhlenwänden entlang huschte. „Wie geht es ihr, Alfred?", fragte Bruce ohne jegliche Kommentierung der Äußerung seines Freundes. „Den Umständen entsprechend, meine ich", erwiderte Alfred mit einem kleinen Seufzen, „Halten Sie es immer noch für eine gute Idee, ihr Unterschlupf zu gewähren?" Bruce sah zu ihm auf: „Du nicht?"
Alfreds Züge arbeiten kurz, dann sagte er: „Nun, Sie werden mir kleinere Zweifel erlauben nach der Aktion der letzten Nacht." Der junge Mann strich sich über die glattrasierte Wange und beobachtete die Monitore: „Es ist nicht für lang, Alfred. Ich will gern abwarten, was Talburne äußert und ob sich der Joker meldet. Sie einfach auf die Straße zu setzen, ist zu gefährlich für sie, wenn Talburne ihr immer noch auf den Fersen sein sollte." Sein alter Freund nickte: „Das ist sehr nobel von Ihnen, aber haben Sie auch an sich selbst gedacht? An die Gefahr, in der Ihre Tarnung schwebt? Die junge Dame weiß jetzt, dass ich ein Helfer Batmans bin, was, wenn sie es irgendjemanden erzählt? Dann werden nicht nur Wayne Manor, sondern allen voran Sie ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken." Bruce stibitzte sich ein Brötchen von seinem Teller und biss hinein. Als er hinuntergekaut hatte, sagte er: „Ich denke nicht, dass sie es an andere heranträgt." Der Butler hob die Braue: „So vertrauensselig kenne ich Sie gar nicht."
Bruce schenkte ihm ein verschmitztes Lächeln: „Ich denke, dass sie Geheimnisse sehr gut für sich behalten kann. Und das liegt nicht nur daran, dass sie stumm ist." Alfred setzte zur berechtigten Frage an: „Was lässt Sie das vermuten, wenn ich fragen darf?"
Sein Schützling betrachtete das angebissene Brötchen und sah dann wieder zu ihm auf: „Der Joker. Er spielt mit ihr, weil sie für ihn von Interesse sein muss...und der Joker hegt großes Interesse an Geheimniskrämern." Alfred neigte den Kopf zur Seite: „Aber ist sie dann nicht gerade eine Gefahr für uns? Gegeben den Fall, dass er sie aufgreift und mit seinen perfiden Methoden herausfindet, was sie weiß..." Er sah Bruce an, der seinen Blick ungerührt erwiderte. „Sie legen es darauf an, dass er es erfährt?" Doch der Jüngere schüttelte nur den Kopf: „So weit lasse ich es nicht kommen." Alfred war vollends verwirrt: „Wie gedenken Sie, das zu beeinflussen, Sir?" Bruce kramte in seiner Anzughose und zog zwei kleine silberne Ohrstecker daraus hervor. „Damit." Der Butler nahm einen Stecker in die Hand und betrachtete seinen Ziehsohn mit erhobener Braue: „Ist das aus dem neuesten James Bond Streifen oder aus dem Hause Fox entsprungen?" Bruce angelte sich das kleine Schmuckstück zurück und lächelte: „Letzteres. In beiden Steckern ist ein GPS-Sender und ein Mikrofon integriert. Des Weiteren zeichnen sie den Puls des Trägers auf." Jetzt fiel es Alfred wie Schuppen von den Augen: „Sie wollen mit ihr den Joker ködern?" Bruce zuckte die Schultern und murmelte: „Ich weiß nicht, ob er sich überhaupt ködern lässt. Aber wenn er mit Erin Porter in Verbindung steht, kann ich ihn über sie ausfindig machen, sollte er sie aufsuchen."
Sein Freund nickte stumm, musterte die Ohrstecker nachdenklich, ehe er leise sagte: „Sie begeben sie in größere Gefahr, als der, in der sie in Talburnes Zelle geschwebt hat." Bruce verschränkte die Finger ineinander und schüttelte dann nachdrücklich den Kopf: „Nein. Früher oder später wäre sie frei gekommen. Hätte Talburne nicht dafür gesorgt, dann der Joker. Wenn sie jetzt aber einen GPS-Sender trägt, kann Batman sie nicht nur im Ernstfall beschützen, sondern auch den Joker stellen." Alfred deutete auf die beiden Stecker und fragte: „Haben Sie vor, sie darüber in Kenntnis zu setzen?" Bruce kniff die Augen zusammen, ehe er murmelte: „Hierbei halte ich es wie meine alte Parole. Je weniger davon wissen, desto besser." Sein Butler runzelte die Stirn: „Wie wollen Sie ihr dann aber die Ohrstecker zuschieben, ohne dass sie es verdächtig findet?" Auch darauf wusste der junge Mann eine Antwort: „Ich habe dabei eigentlich eher auf deinen Charme gehofft." Sein alter Freund seufzte theatralisch und verdrehte die Augen: „Warum nur habe ich das gewusst?"
Einige Stunden später begab sich Alfred bewaffnet mit einem Frühstückstablett zurück in das Herz von Wayne Manor. Es war bereits kurz nach zehn Uhr morgens und er nahm an, dass die junge, reichlich zerstreute Dame ausgeschlafen hätte. Als er in das Zimmer trat, schlugen ihm helle Sonnenstrahlen entgegen, die durch das Erkerfenster fielen, vor dem Erin auf den weißen Polstern saß, die Knie an die Brust gezogen und den Blick nachdenklich nach draußen gerichtet. Ihr kurzer blonder Schopf stand ihr, jetzt wo er getrocknet war, überraschend gut. Sie hatte jene Kleider angelegt, die Alfred für sie hinterlassen hatte – einen schwarzen Rollkragenpullover und dunkelblaue Jeans. Die weinrote Kunstlederjacke lümmelte ungetragen über einer der Stuhllehnen. „Guten Morgen, Madam. Ich hoffe doch, Sie haben gut geschlafen?", fragte Alfred und erschreckte damit die junge Frau, die augenscheinlich derart in Gedanken versunken gewesen war, dass sein Eintreten unbemerkt geblieben war. Rasch drehte sie sich zu ihm um und nahm die Füße von dem Polster, strich sich mit den Händen über die Oberschenkel und sah fast unterwürfig zu Alfred auf. Dass sie sich grämte, war nicht zu übersehen. Er stellte das Tablett so leise wie möglich auf den Schreibtisch und blieb stehen, bedachte die junge Frau mit einem Lächeln und sagte: „Der unfreiwillige Haarschnitt steht Ihnen." Sein trockener Kommentar bewirkte, was er erreichen wollte. Sie schaute ihn zunächst perplex an, bevor sie schließlich schief lächelte. „Wie geht es Ihrer Hand?", fragte er und erst dann schien sie sich an die dick in Mull eingebundene Hand zu erinnern, die sie am gestrigen Abend in den Spiegel gerammt hatte. Sie hob sie an und drehte sie vor ihrem Gesicht, ehe sie mit den Fingern der anderen Hand zunächst ein O und dann ein K bildete. „Wir sollten Verband trotzdem noch einmal wechseln. Wünschen Sie zuvor Ihr Frühstück einzunehmen oder danach?" Erin, die recht selten in ihrem Leben mit einer derartigen Frage konfrontiert worden war, schaute ihn nur gleichgültig an, weswegen Alfred die Initiative ergriff: „Gut, dann machen wir es gleich."
Obwohl Erin sein vermutetes Alter weit jenseits der siebzig ansiedelte, bewegte er sich ausgesprochen flink und geschmeidig, wie es scheinbar in seinem Berufsstand üblich war. Erin war noch nie von einem Butler bedient worden und diese neue Erfahrung erfüllte sie mit Unbehagen. Er forderte sie höflich auf, ihm die Hand zu reichen und machte sich anschließend daran, den alten Verband Schicht um Schicht abzutragen und ihn aufzufrischen. Die Mullbinde ziepte und zwickte unsanft, als sie von der eingetrockneten Mixtur aus Blut und Desinfektionsmittel gelöst wurde. Es offenbarte sich eine leicht geschwollene Handkante mit vielen kleinen, aber nicht allzu tiefen Einschnitten. Die Haut war dunkelrot verfärbt, ging stellenweise sogar in blasses Lila über. Alfred tupfte die Wunde behutsam mit einem in Jod getränkten Wattebausch ab, reinigte somit nachträglich die verletzte Hautoberfläche und legte den nächsten Verband um. Erin sah ihn neugierig an und als er ihren Blick auf sich ruhen spürte, spähte Alfred fragend zu ihr auf. Sie legte die gesunde linke Hand aus, runzelte die Stirn und formte ein ‚Wie' mit ihren Lippen. „Woher ich weiß, wie man Wunden versorgt?", tippte der Butler und lag mit seiner Vermutung goldrichtig, wie sie ihm nickend bestätigte.
„Ich habe fast zehn Jahre lang auf einen kleinen Jungen aufgepasst, Madam. Ich denke, Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass der Erste Hilfe Koffer in dieser Zeit zum besten Freund wird." Er entlockte ihr damit ein weiteres Schmunzeln und stellte fest, dass sie hübsch war, wenn sie lächelte. Wahrscheinlich hatte sie in der letzten Zeit selten Gelegenheit dazu gehabt. „So...haben Sie irgendwelche Wünsche für das Mittagessen?", fragte er und sah etwas beunruhigt dabei zu, wie ihre Züge ernster und ihre Miene versteinert wurden. Sie senkte den Blick und schüttelte den Kopf. „Nicht? Nun, dann werde ich mir wohl etwas einfallen lassen müssen", lächelte er, doch sie ergriff mit der Linken den Arm des Butlers und schüttelte den Kopf, ehe sie die rechte Hand über ihr Herz kreisen ließ. Alfred runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. „Sie wollen uns schon verlassen?" Erin knickte den Zeigefinger der linken Hand ein und bewegte sie nach unten. Sie musste gehen, hatte keine andere Wahl. Es war nicht etwa so, dass sie sich hier unwohl fühlte oder um ihre Sicherheit fürchtete; vielmehr trieb sie der Gedanke an, Scott zu sehen und in Erfahrung zu bringen, wann und wo Matthews Beisetzung stattfand. Sie wusste, dass es riskant war, jene Orte aufzusuchen, mit denen sie persönlich verbunden war. Talburne würde ihre Fährte wittern und sie mit der Beharrlichkeit eines geifernden Jagdhundes verfolgen, aber Erin konnte und wollte nicht auf ihr Vorhaben verzichten. Sie musste Scott sehen, musste ihn wissen lassen, wie es ihr erging. Vielleicht würde er ihr sogar helfen. Seit sie heute Morgen aufgewacht war, kreisten ihre Gedanken darum, diesen Schritt zu wagen, jene Menschen aufzusuchen, die ihr am Herzen lagen.
„Ich kann und werde Sie zu nichts zwingen", begann Alfred nach einigen Sekunden langsam, während die große Wanduhr im Flur des ersten Stocks mit einer lang anhaltenden Gongfolge ankündigte, dass die Hälfte der elften Stunde bereits angebrochen war, „aber ich kann Sie bitten, wenigstens ein wenig Verpflegung mitzunehmen." Er musterte sie von Kopf bis Fuß und fügte hinzu: „Geld werden Sie sicherlich auch brauchen?" Darauf schüttelte Erin energisch den Kopf, sie wollte keine Almosen, erstrecht nicht, nachdem sie gestern so die Kontrolle über sich selbst verloren hatte.
„Doch, Sie brauchen Geld. Wie sonst wollen Sie sich fortbewegen? Etwas essen oder irgendwo unterkommen?" Alfred beachtete sie nicht, als sie sich buchstäblich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren versuchte, dass ihr der ihr fast fremde Mann Geld und Naturalien zusteckte, obwohl sie ihm schon zur Genüge zur Last gefallen war. „Ich dulde keine Widerrede. Es ist ja kein Vermögen, das ich Ihnen mitgebe. Aber brauchen werden Sie es dennoch, glauben Sie mir." Er griff in die Innentasche seines maßgeschneiderten Jacketts und zog ein Bündel Geldscheine daraus hervor. Erin bezweifelte, dass er tagtäglich mit mehreren hundert Dollars in der Westentasche durch das Haus spazierte, um staubzusaugen. Er schien geahnt zu haben, oder es zumindest in Betracht gezogen zu haben, dass Erin Wayne Manor verlassen wollte. Der alte Herr überreichte ihr das Bündel Geldscheine, zwang es regelrecht in Erins Hände, als sie es zunächst nicht annehmen wollte.
„Ich richte Ihnen noch Wegzehrung her." Mit diesen Worten war er auch schon aus dem Zimmer verschwunden und hatte eine verwirrte Erin zurückgelassen, die ungläubig auf die Geldscheine in ihrer Hand starrte. Ohne genauer nachzuzählen, schätzte sie die Summe auf dreihundert Dollar. Damit konnte sie sich eine Greyhoundreise bis zur Westküste leisten und sich danach immer noch ein Zimmer mieten und Essen kaufen. Vielleicht, so flüsterte ihre innere Stimme, die nur sie hören konnte, sollte sie einen derartigen Schritt sogar in Betracht ziehen. Ihre zierlichen Finger schlossen sich fester um die Geldscheine, sodass das Papier leise raschelte. Ja, womöglich war es an der Zeit, einem Nomaden gleich weiterzuziehen. Sie war abgesehen von ihrer Kindheit in Grahamsville fast nie so lange an einem Ort geblieben wie in Gotham. Mit der Polizei am Hals und den lebendig gewordenen Schatten ihrer Vergangenheit auf den Fersen, war es gar keine so schlechte Idee, die Stadt zu verlassen. Jedoch wollte sie diesen Schritt erst dann wagen, wenn sie sich von jenen verabschiedet hatte, die ihre Familie geworden waren. Es würde alles andere als leicht sein, auf Wiedersehen zu sagen, und doch war es wahrscheinlich besser für Erin als auch für ihre Freunde, wenn sie verschwand, solange sie noch konnte.
Eine halbe Stunde später, als sie gerade das Frühstück hungrig wie ein Wolf verschlungen hatte, kehrte Alfred mit einer Umhängetasche zu ihr zurück, in der er laut eigener Aussage mehrere geschmierte Brote und frisches Obst verpackt hatte. Als Erin in die Jacke schlüpfte, die ihr wie angegossen saß, staunte der Bedienstete und engste Freund Bruce Waynes einmal mehr darüber, was für ein gutes Auge sein Schützling doch hatte, was insbesondere Frauen anging. Erin legte sich die Tasche um die Schulter und überprüfte, ob sie alles bei sich hatte. Als sie Anstalten machte, sich von Alfred zu verabschieden, hielt dieser sie zurück: „Warten Sie einen Moment, Madam. Ich habe noch etwas, das ich Ihnen geben möchte." Sie hielt inne, wollte sich sträuben, noch mehr von dem gutherzigen Mann entgegenzunehmen, aber dieser zog aus seiner Tasche zwei kleine Ohrstecker hervor und hielt sie Erin hin. „Keine Sorge, sie sind nicht besonders teuer, aber ich dachte, sie würden Ihnen gefallen." Sie sah ihn unsicher an und war, wie er sah, im Begriff, das Geschenk abzulehnen, sodass er ablehnend die Handflächen vor die Brust legte und sagte: „Oh nein, nein, nein, ich würde es Ihnen wirklich übel nehmen, wenn Sie mein Geschenk nicht annähmen. Sie müssen wissen, ich bin gebürtiger Brite, mein Volk ist in dieser Hinsicht sehr eigen." Erin sah ihn etwas leidend an, als er etwas näher an sie herantrat. „Darf ich?", fragte er. Mit einem knappen Nicken ließ sie ihn gewähren, als er ihr kurzes Haar hinter ihr Ohr schob, um die Stecker an ihre Ohrläppchen anzubringen. Sie fügten sich mühelos und Alfred lächelte, als er einen Schritt zurücktrat und sie betrachtete: „Dachte ich es mir. Gut sehen Sie aus." Sie lächelte und um sie vollends davon zu überzeugen, dass sie die Stecker auch stets bei sich behielt, erklärte er: „Wissen Sie, es sind keine gewöhnlichen Stecker. Wenn Sie einmal in Not geraten sollten, stehen Sie durch sie in Kontakt mit Batman."
Alfred sah sie durchdringend an, empfand es als wichtig, sie wissen zu lassen, welche Bedeutung sein Geschenk eigentlich hatte. Wenn sie die Stecker nur aus Höflichkeit angenommen und bei der nächstbesten Gelegenheit abgelegt hätte, wären weder ihr noch Batman damit geholfen gewesen.
Erin befühlte die glatte Oberfläche der Schmuckstücke mit den Fingern und sah Alfred erstaunt an. „Ansonsten", begann er und streckte ihr seine Hand entgegen, „bleibt mir wohl nichts anderes, als Ihnen alles Gute zu wünschen." Erin umfasste seine Hand, drückte sie, so gut es ihre Wunde zuließ, und rückte abschließend den Gurt der Tasche zurecht. Mit einem mulmigen Gefühl im Herzen verließ sie jenes prächtige Anwesen, in dem sie Zuwendung und Hilfe gefunden hatte. Erin ahnte nicht, dass ihr Besuch in Wayne Manor zugleich der erste und auch der letzte gewesen war und jenen Wendepunkt markierte, ab dem das Chaos erneut ihre Lebenslinie überschreiten sollte.
***
„Wie Winston Talburne heute Morgen gegen 11 Uhr Eastern Standard Time in einer Pressekonferenz verlauten ließ, brach die des Mordes an Matthew Dermont beschuldigte Erin Porter gestern Nacht aus dem Städtischen Polizeipräsidium aus. Augenzeugenberichten zufolge soll sie dabei Unterstützung von Batman erhalten haben. Von polizeilicher Seite steht eine Bestätigung dieser Meldung vorläufig aus..."
Der Fernseher, der an der oberen Ecke des Hotelzimmers hing, verstummte abrupt, als die dazugehörige Fernbedienung auf ihn zugeflogen kam. Der Aufprall bewirkte, dass der Plastikverschluss des Batteriefachs abplatzte und dessen Inhalt mit einem theatralischen ‚Plopp' auf dem Teppich landete. Talburne schob das Schinkensandwich beiseite, von dem er sich nur einen Bissen gegönnt hatte. Der Appetit war ihm vergangen.
Es war ihm ein Gräuel gewesen, die Meldung an die Presse durchzugeben, und doch hatte er keine andere Wahl gehabt. Ihm waren die dreistesten Fragen gestellt worden, die er geflissentlich ignoriert hatte, was natürlich für Empörung unter den Schmierfinken gesorgt hatte. Sollten sie nur auf ihn schimpfen und versuchen, ihn in Verruf zu bringen, er selbst würde dafür sorgen, dass sie ihm die Füße küssten, sobald er den Joker gefangen hatte. Bis dahin musste sich natürlich noch gewaltig was ändern, aber Talburne war davon überzeugt, dass er die Zügel in die Hand nehmen und den Wagen in eine andere Richtung lenken würde. Jeder Amtswechsel brachte die eine oder andere Schwierigkeit mit sich, aber so leicht würde er sich nicht abspeisen lassen von Gordon und seiner Schikane, die er mit diesem Fatzken im Fledermauskostüm eingefädelt hatte. Nein, er würde Erin Porter aufspüren, genau wie er den Joker erlegen würde. Er war listig wie ein Fuchs, das musste er ihm lassen, aber Talburne war ein guter Jägersmann, der sein Handwerk verstand. Letztlich würde er ihn kriegen und ihn dann seiner Trophäensammlung hinzufügen.
Mit unverhohlener Selbstgefälligkeit erhob er sich von seinem Bett und stapfte durch den Raum in Richtung Balkon. Die weißen Vorhänge, die wie die schlaffen Segel eines Bootes beide Seiten des Fensters drapierten, wölbten sich ihm entgegen, als er die Tür öffnete und den eisigen Atem durch den seidigen Stoff wehen ließ. Talburne schob sie beiseite wie lästige Fliegen und trat nach draußen in die Kälte. Er wusste, dass nicht viele auf seiner Seite standen und Garcia, sobald ein wenig Zeit ins Land gegangen war, mit Hingabe seinen Stuhl absägen würde. Nicht, wenn er ihm zuvorkommen konnte. Talburne lächelte grimmig in sich hinein, hielt das breite, mächtige Kinn mit dem Ansatz zu einem Zwillingsbruder stolz in die Luft gereckt und atmete den Gestank Gothams ein. Chicago roch nicht sehr viel besser, so viel war klar, dennoch schien der faulende Zahn des Verbrechens alles andere an Düften zu übertünchen.
Talburne hörte ein leises Klopfen aus nächster Distanz. Als er den massigen Kopf zur Seite drehte, sah er eine schwarze Gestalt, so kräftig und unheimlich wie ein lebendig gewordener Wasserspeier, die sich langsam zu voller Größe aufrichtete. Die zwei schmalen, etwas albern wirkenden Ohren, die sich vom Kopf des Schemens absetzten, entlarvten den Fremden als keinen Geringeren als Batman selbst.
Talburne tastete hastig nach seinem Gürtel, wo er seine Dienstwaffe zu tragen pflegte, musste aber voller Unmut erkennen, dass er sie abgelegt hatte. Wahrscheinlich lag sie nutzlos und unverrichteter Dinge in der mittleren Schublade unter seinen Hemden, wo er sie nach Dienstschluss öfter unterbrachte. Er stieß einen unflätigen Fluch aus und wich zurück, soweit es ihm der begrenzte Platz auf dem Balkon gestattete.
„Mach, dass du wegkommst, du elender Freak!", grollte Talburne, was die große Fledermaus nicht besonders beeindruckte. Anstatt sich auf und davon zu machen, schien er Gegenteiliges vorzuziehen und näherte sich langsam. „Gut, wenn du's lieber so haben willst...komm her und hol dir deine Packung ab!", Talburne war nicht wirklich begabt, was Nahkampftechniken anbelangte, aber sein breiter, unförmig wirkender Körper hatte schon so manches Mal einschüchternd auf potentielle Gegner gewirkt. Er stürzte auf Batman los, war im Begriff, ihm einen Leberhaken zu verpassen, scheiterte jedoch auf ganzer Linie. Mit nur zwei pfeilschnellen Bewegungen wich Batman dem unbeholfenen Angreifer aus, zwang den Arm, mit dem Talburne zum Schlag ausgeholt hatte, gewaltsam auf den Rücken seines Gegenübers und drückte den übereifrigen Commissioner mit dem Gesicht gegen die Brüstung. Sein Zappeln und Bemühen, sich aus dem Griff Batmans zu befreien, erwies sich als so fruchtlos wie eine Aussaat im tiefsten Winter.
„Lass mich los, du verdammter Bastard! Ah!", Talburne biss sich auf die Unterlippe, als Batman ihn fester gegen die Brüstung presste und sich das kalte Metall in sein Gesicht bohrte.
„Ich beabsichtige nicht, Sie anzugreifen, Commissioner", ertönte Batmans tiefe Stimme, die nicht einmal außer Atem geraten war, während Talburne keuchend in den Seilen hing.
„Dann lass mich los!", forderte er mit zusammengebissenen Zähnen. Batman packte den älteren Mann am Handgelenk und schob ihn von sich. Talburne prallte gegen die Wand und rieb sich mit wutverzerrtem Gesicht über den Arm. „Du kannst von Glück reden, dass meine Pistole im Schrank liegt!", drohte Talburne und setzte hinzu, „Ich würde dich fertigmachen." Batman war schließlich auch nur ein Mensch und somit anfällig für kernige Ironie. Er erwiderte gelassen: „Natürlich. Ich bin aber nicht hier, um mich mit Ihnen anzulegen." Schnaufend rappelte sich Talburne wieder auf, seine stechenden Katzenaugen bohrten sich in die in Schwarz gehüllte Gestalt. „Sondern?", krächzte er giftig.
„Ich denke, wir haben ein gemeinsames Interesse", verkündete Batman und richtete seinen Blick aus dunklen Augen auf das krötengleiche Gesicht von Gordons Nachfolger.
„Wohl kaum!", blaffte dieser und ließ seine Augen kurz über die Balkontür wandern, berechnete den Abstand, den er überbrücken musste, um in das Zimmer zurückzuhasten und die Waffe zu holen, und befand dieses Wagnis unter den momentanen Umständen für zu groß.
„Ich nehme an, Sie wollen den Joker zur Strecke bringen. Genau wie ich."
Stimmengewirr ertönte von einem der Nachbarbalkons, auf dem mehrere sturzbetrunkene junge Menschen unverständliche Parolen in die Nacht hinausschrien. Es schienen Asiaten zu sein, ihr starker Akzent ließ es jedenfalls vermuten. „Wenn du den Joker hinter Gitter bringen willst, warum spielst du dann gegen mich, hm? Wieso hilfst du Erin Porter dabei, auszubrechen und lässt mich wie einen Vollidioten dastehen?" Batman zögerte nicht lange, eine Antwort folgen zu lassen: „Ich wollte im Gegensatz zu Ihnen nicht länger dabei zuschauen, wie unschuldige Polizisten abgeschlachtet werden." Talburnes wulstige Unterlippe bebte vor Groll, als er ihm entgegen spie: „Ich war drauf und dran, etwas aus der Porter herauszubekommen und du hast mir die Tour gehörig vermasselt!" Batman drehte den Kopf und gab ungerührt zurück: „Folter ist nicht die richtige Methode, um an Informationen zu gelangen!" Talburne schnaufte daraufhin nur abfällig, während einer der Asiaten über ihnen eine Bierdose hinunter fallen ließ.
„Folter! Dass ich nicht lache! Ich hatte sie soweit, zu gestehen und damit hätte ich den Joker festnageln können!" Impulsiv ballten sich seine Hände zu Fäusten, doch einen erneuten Angriff wagte er nicht. Auch Talburne schien dazu fähig zu sein, aus seinen Fehlern zu lernen.
„Was lässt sie so sehr daran glauben, dass Erin eine Verbindung zum Joker hat?"
Hinter der Maske kniff Batman die Augen zusammen. Talburne hingegen beunruhigte es, aus diesem dunklen Blick nicht lesen zu können. „Das werde ich ausgerechnet dir sagen!", knurrte der Commissioner wie ein getretener Hund.
„Ich bin auf Ihrer Seite!", erinnerte ihn Batman.
„Ich bin aber nicht auf deiner!", hielt Talburne dagegen und stampfte der menschlichen Fledermaus entgegen, die in keiner Weise beeindruckt zu sein schien. „Wo ist Erin Porter?", zischte er und versuchte, dennoch Haltung zu bewahren, obwohl er Batman nur ein Stück weit über die Schulter reichte und der bloße Anblick lächerlich anmutete.
„In Sicherheit", entgegnete Batman brüsk.
„Sie ist nirgendwo in Sicherheit, solange dieser Psychopath in Clownsmaske nach ihr sucht und das tut er, darauf wette ich." Der maskierte, selbsternannte Rächer überbrückte den letzten Abstand zu Talburne und sah ihm finster in die Augen. „Sie ist da draußen sicherer als in Ihrer Obhut, das haben Sie eindrucksvoll bewiesen."
Talburne kniff die grünen Augen zusammen und leckte sich über die Lippen, was ihm eine unfreiwillige Ähnlichkeit zum Joker verlieh. „Du bist mir das erste und gleichzeitig das letzte Mal in die Quere gekommen, Freundchen. Warum beschützt du sie?"
Die Asiaten, die mehrere Stockwerke über ihnen ausgelassen feierten, stimmten ein sehr disharmonisches Ständchen an, dessen Misstöne durch die klare, kalte Nachtluft weit über die Straßen hinweggetragen wurden. Der unangenehm schale Geruch von verschüttetem Bier und Frittierfett breitete sich in der Luft aus. „Dieser Mord ist ihr nur angelastet worden."
Talburne hob die Braue und grinste hämisch, gab nur ein ironisches „Ach" von sich, ehe er sich wieder umwandte und mit lässigerem Schritt als zuvor auf die andere Seite des Balkons stapfte, „Und kannst du das auch beweisen?" Selbstgefällig stellte er sich breitbeinig hin und verschränkte die Arme vor der Brust. Batman zögerte lange, ehe er langsam antwortete: „Beweise kann man manipulieren, Fakten aber nicht." Talburne streckte beide Arme aus und stieß eine kurze Lachsalve hervor: „Ah, ich nehme an, so wie die Beweise in Dents Fall vertuscht wurden, nicht wahr? Du hast schon einmal falsch gespielt. Ich werde dich jagen, aber dir niemals über den Weg trauen. Ich bin nicht so naiv wie Gordon oder Treather oder wie deine Marionetten noch alle heißen." Je mehr er sich aufregte, desto hektischer tanzte sein Atem in kleinen Wölkchen vor seinem Gesicht, ehe sich die Dunkelheit ihrer annahm.
„Ich arbeite nicht gegen Sie. Allein haben Sie gegen den Joker keine Chance, genauso wenig wie ich. Ich will Ihnen helfen!", unternahm Batman einen letzten Versuch und machte einen großen Schritt nach vorn; gleichzeitig rückte Talburne ein Stück zurück.
„Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich arbeite nicht mit Verbrechern zusammen!"
Batman legte den Kopf schief und lächelte grimmig: „Dann müssen Sie bei der Suche nach den passenden Mitarbeitern wirklich wählerisch sein."
Talburne kniff die ohnehin sehr schmalen Augen zusammen, sodass es den Anschein erweckte, er hielte sie völlig geschlossen. „Wenn du nicht willst, dass ich gleich die Hotelsecurity rufe oder dir meine Jungs auf den Hals hetze, solltest du dich jetzt besser aus dem Staub machen!"
Die menschliche Fledermaus sprang mit einem lockeren Satz auf die Brüstung und wiederholte in spöttischem Ton: „Ihre Leute, Commissioner?" Ehe Talburne auch nur irgendetwas entgegnen konnte, hatte sich das dunkle Phantom in die Luft geschwungen und war einfach von der Brüstung gesprungen. Talburne stieß gegen die Brüstung, als er ihm hinterher eilte, und sah ihm nach, bis das flatternde Cape in Form einer Fledermaussilhouette im Herzen der Dunkelheit untertauchte.
„Verdammt!", schrie ihm der Commissioner hinterher und schlug mit der Faust auf das kalte Metall der Balkonabdeckung. Über ihm brachen die Chinesen oder Thais – was sie genau waren, konnte er nicht sehen und hätte das auch nicht auseinander halten können, wenn er sie bei hellstem Tageslicht auf Augenhöhe vor sich gehabt hätte – in aufgeregtes Geplapper aus und zeigten mit ihren Händen in die Richtung, in die Batman verschwunden war. Sie lehnten sich weit über die Brüstung und starrten auf Talburne hinab, fragten ihn irgendwas in ihrer Muttersprache, wahrscheinlich, ob er gesehen hatte, was sie soeben beobachtet hatten. Der Commissioner ignorierte das besoffene Pack der oberen Stockwerke, schaute noch einige Sekunden lang in die Finsternis, die keine Antworten für ihn bereithielt, und ging dann mit einem Fluch auf den Lippen in seine Unterkunft zurück. Die Balkontür schloss er zur Sicherheit gleich doppelt ab.
***
Erin lehnte mit dem Kopf an der kühlen Scheibe und lauschte den gedämpften Klängen des Radios, das der Busfahrer offenbar angeschaltet hatte, um sich selbst davon abzuhalten, am Steuer einzuschlafen. Die Nachtlinie verkehrte einzig und allein in Richtung Stadtzentrum, für Erin also die Höhle des Löwen, und trotzdem steuerte sie bewusst Gothams Herz an, die Downtown, in der das Gotham General lag. Sie hatte einen großen Teil der Strecke zu Fuß hinter sich gebracht, war über Schleichwege den üblichen Routen der Polizeistreifen ausgewichen und hatte sich erst dazu entschlossen, den Stadtbus zu nehmen, als ihre Füße in dem neuen, für sie noch nicht ausreichend eingelaufenen Schuhwerk zu schmerzen begonnen hatten. Eigentlich hatte sie tunlichst vermeiden wollen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, schließlich lief ihr Fahndungsfoto in den Medien rauf und runter, aber die etwas unfreiwillige Veränderung ihres Äußeren schien dazu beizutragen, den Schein zu wahren. Sie saß im hintersten Drittel des Busses auf einem jener alten und ausgesessenen Sitze, die nach einer Fahrtdauer von spätestens drei Minuten damit begannen, unbequem zu werden. Erin war auf dem Sitz so weit nach unten gerutscht, dass ihre Knie, die gegen den Vordersitz drückten, auf ihrer Augenhöhe befindlich waren. Das leise Brummen des Busmotors und das beruhigende Schaukeln des Fahrzeugs sorgten dafür, dass sie leicht schläfrig wurde. Zwar hatte sie in Wayne Manor ausschlafen können, doch gerade die seelischen Strapazen waren es, die sie auszehrten und die meiste Kraft von ihr einforderten.
Ein schmales Pflaster klebte auf ihrer Stirn und verdeckte die Platzwunde, die sie sich in einer der Zellen auf dem Polizeirevier zugezogen hatte. Hätte sie sich nicht ab und an gedankenverloren eine lästige kurze Strähne aus dem Gesicht gewischt und dabei den weichen Stoff des Pflasters gestreift, hätte sie diese Verletzung vergessen. Viel stärker machten sich hingegen die Schnittverletzungen an ihrer Handkante bemerkbar, deren Verband sie glücklicherweise durch die schwarzen Handschuhe, die sie in der Umhängetasche gefunden hatte, vor neugierigen Blicken verbergen konnte. Wann immer sie ihre Finger zu spreizen oder einfache Handgriffe ausführen wollte, erinnerte sie ein brennendes Ziehen der empfindlichen Haut an ihren eigenen Aussetzer.
Der Bus bog nach links ab und drängte Erin näher an den Gang heran. Das weiße Gebäude der Bibliothek war mit warmem, goldenem Licht erhellt und bereits von Weitem zu erkennen. Die junge Frau erhob sich und ihre Tasche wurde durch das beherzte Ruckeln des Busses wie ein Pendel hin und her geschwungen, als sie mit der linken Hand nach einer Haltestange griff, diese zu fassen bekam und die Haltewunschtaste drückte, sodass ein bestätigendes neonrotes Licht auf der länglichen Anzeige erschien. Zwei andere Fahrgäste, die mit Erin die einzigen waren, die dem Fahrer Gesellschaft leisteten, lugten desinteressiert aus rot umrandeten, entzündet wirkenden Augen zu ihr hin, ehe sie sich wieder in ihre Sitze lümmelten und sich dem Trip hingaben, auf dem sie offenbar waren. Der Bus bremste ab und kam schnaufend zum Stehen, die beiden Flügeltüren, die sich nach innen hin öffneten, quietschten leise und gummiartig. Mit gemischten Gefühlen stieg Erin aus dem zwar unbequemen, aber dafür wohlig warmen Bus hinaus auf den Gehweg, von wo aus sie sich erst einmal orientieren musste. Ihr Ziel war das Gotham General, das gerade zwei Krankenwagen mit Sirenengeheul ansteuerten. Sie sah den beiden Wagen hinterher, die, kaum dass sie abgebremst hatten, vier Sanitäter ausspien, die bemüht darum waren, Patienten auf Rettungstragen schnellstmöglich in das Krankenhaus zu transportieren.
Ursprünglich hatte Erin einen leisen, unauffälligen Weg ins Gotham General finden wollen, aber vielleicht kamen ihr auch die Hektik und die damit einhergehende Unaufmerksamkeit der Ärzte, Schwestern und Sanitäter entgegen. Zweifelsohne war es riskant, sich in das Rampenlicht der Notaufnahme zu wagen, genauso riskant wie ihr Vorhaben im Allgemeinen war. Doch Scott hatte keinen Moment gezögert, um sie zu sehen, war bei ihr gewesen, obwohl sie nicht darauf zu hoffen gewagt hatte. Es war nur fair und das Mindeste, wenn sie ihm wenigstens einen letzten Besuch abstattete, ehe sie ihr Vagabundendasein einläutete.
Schnellen Schrittes marschierte sie auf die Krankenwagen zu, hielt ihren Kopf leicht nach vorn geneigt und schob sich zwischen verängstigten Angehörigen, helfenden Krankenschwestern und Pflegern sowie heranrückenden Ärzten hindurch und wurde sogar von einem schwarzen Sanitäter angesprochen, ob sie eine Angehörige der eingelieferten Patienten sei. Erin nickte nur knapp und wurde von dem Helfer auf die Warteräumlichkeiten und die Cafeteria hingewiesen, ehe die allgemeine Hektik seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zog.
Erin atmete angespannt aus. Hier war sie so anonym wie im Pulk eines Musikfestivals, doch trotzdem fiel es ihr schwer, sich zu entspannen. Ihr Herz sank für einen unglaublich lang erscheinenden Moment, als sich ein Cop der Security in ihr vorbei schob, um den nächsten Kaffeeautomaten aufzusuchen. Weil er sie versehentlich angerempelt hatte, hatte er sich noch einmal zu ihr umgedreht und sich bei ihr entschuldigt, woraufhin Erin vor Schreck den Atem angehalten hatte. Aber der Mann vom Sicherheitsdienst schien sie entweder nicht erkannt, oder aber die Fahndungsfotos noch nicht gesehen zu haben. Er gab sich mit einem sehr zittrigen Nicken der jungen Frau zufrieden und zog seines Weges, während Erin mehr als nur ein Stein vom Herzen fiel.
Sie begab sich in den Strom herbeieilender Ärzte und anderem Personal und bog so schnell es ihr möglich war in das Treppenhaus ab. Ärzte und Pfleger neigten aus Bequemlichkeit und auch Schnelligkeit dazu, den Fahrstuhl zu nehmen, im Treppenhaus hingegen erhoffte Erin, bedeutend weniger Leuten über den Weg zu laufen. Es wäre in jeder Hinsicht problematisch gewesen, hätte man sie hier ertappt. Einerseits bestand die Gefahr, dass sie erkannt wurde, andererseits hatten Besucher zu dieser späten Stunde auf den oberen Etagen des Krankenhauses nichts verloren. Sie verlor ihren Mut, als sie nach wenigen Stufen Stimmen oberhalb von ihr hörte, die durch die fast widerstandsfreie große Räumlichkeit von einem leichten Echo begleitet wurden. Sie erstarrte in ihrer Bewegung, hielt sich am mit schwarzem Kunststoff bedeckten Geländer fest und schaute mit klopfendem Herzen nach oben. Erin erkannte zwei Ärztinnen, die treppab liefen und sich in einer lebhaften Diskussion über einen Kollegen lustig machten. Als sie nur noch zwei Stockwerke von der Plattform entfernt waren, auf der die junge Frau stand, intensivierte sich Erins vorübergehende Lähmung und wurde von kontinuierlichen Schüben wachsender Panik begeleitet. Sie musste verschwinden, musste auf die Flure des Krankenhauses zurückkehren, obgleich das die Chancen erhöhte, dass sie ertappt wurde, und doch rührte sie sich keinen Millimeter.
„Er erzählt mir etwas von Kompetenzen und kann noch nicht einmal ohne Assistenz intubieren. Hallo? Ich meine, wie sexistisch kann man eigentlich sein?", echauffierte sich eine der Damen und Erin stellte mit verstärktem Entsetzen fest, dass die Stimmen der beiden Ärztinnen nur noch wenige Meter über ihrem Kopf ertönten. Gleich, in jeder Sekunde, würden sie sie sehen und erwischen, doch anstatt die Beine in die Hand zu nehmen, bohrten sich Erins Finger nur fester in das Geländer, so als würde es ihr nicht nur Halt, sondern auch Schutz gebieten. Jeden Muskel ihres Körpers zum Zerreißen angespannt, starrte sie hinauf in das nach oben hin offen erscheinende Treppenhaus, das einem Trichter alle Ehre machte. Ihr Puls trommelte in ihren Ohren und erschwerte es ihr, die Stimmen der beiden Frauen wahrzunehmen, die sich ihr langsam aber sicher näherten. Erin rechnete schon damit, dass sie in jedem Moment die Treppe erreichten, auf deren Fuß sie reglos stand, als zu ihrer Überraschung das Quietschen einer widerspenstigen Tür ertönte und die Ärztinnen das Treppenhaus eine Etage über ihr verließen. Es verstrichen noch einige Sekunden, bis Erin wieder zu atmen wagte.
Seufzend lehnte sie sich einen Moment gegen das Geländer und schloss die Augen. Das war haarscharf gewesen und sie würde gut daran tun, ihr Glück nicht überzustrapazieren. Auf leisen Sohlen schlich sie sich die Treppen hinauf, bis sie im fünften Stock angelangt war. Ihr blieb zu hoffen, dass Scott nicht mittlerweile entlassen oder in ein anderes Zimmer verlegt worden war. All ihre Bemühungen wären in diesem Falle für die Katz gewesen. Auf der richtigen Etage angelangt, öffnete sie nur langsam die Tür und spähte auf den Flur, um zu prüfen, ob die Luft rein war. Sie erblickte eine Nachtschwester, die am anderen Ende des Gangs herumstand, ehe sie schließlich in die Schwesternstation zurückkehrte und den Flur sich selbst überließ.
Erin zog die Unterlippe zwischen die Zähne und achtete darauf, die Tür zum Treppenhaus lautlos ins Schloss gleiten zu lassen. Mit dem beständigen Gefühl, etwas Falsches zu tun oder sich wie ein Einbrecher unbemerkt über den Korridor zu stehlen, schlich sie voran, bei jedem Knirschen, jeder Stimme oder jedem Rasseln von einer rollenden Liege zuckte sie wie schuldbewusst zusammen und bereute mittlerweile ihr Vorhaben. Als sie das Zimmer erreicht hatte, in dem Scott zumindest noch geschlafen hatte, als sie selbst Patientin im Gotham General gewesen war, sah sie sich noch einmal unsicher um, ehe sie die Tür öffnete und in den abgedunkelten Raum hineinschlüpfte. Leise schloss sie die Tür und sah über die Schulter zu dem Bett, das auf der anderen Seite stand.
Erleichtert atmete sie aus, als sie Scott erkannte, der auf dem Rücken lag und den Kopf zur Seite geneigt auf dem großen weißen Federkissen bettete, auf dem sein schwarzes, seidiges Haar einen scharfen Kontrast bildete. Wie dunkle Tinte ergossen sich seine weichen Strähnen auf dem dünnen Stoff, die langen Wimpern, die seine braunen Augen umrahmten, zuckten gemeinsam mit seinen Lidern, unter denen sich unruhig die Augäpfel im Zuge eines lebhaften Traumes regten. Der einbandagierte Arm lag zwangsläufig angewinkelt auf seinem breiten Brustkorb, der sich in einem friedlichen Rhythmus hob und senkte. Mit dem Rücken an die cremeweiße Tür gelehnt, schaute Erin ihm einige Minuten einfach beim Schlafen zu und war sehr unsicher, ob sie ihn wirklich wecken sollte. Er brauchte seinen Schlaf, hatte schon viel zu viel ihretwegen durchmachen müssen. Vielleicht sollte sie ihm eine Notiz auf dem Nachttisch hinterlassen und auf eine wesentlich einfachere Art Abschied nehmen, einfach gehen, ohne sich umzudrehen. Sich umdrehen hieß, jenen ins Gesicht zu sehen, die man zurückließ und dies erforderte mehr Mut, als Erin zu träumen gewagt hätte. Nur sehr zögerlich und langsam setzte sie sich in Bewegung, ließ Scott dabei in keiner Sekunde aus den Augen. Als sie die Seite seines Bettes erreicht hatte, blieb sie stehen und sah auf ihn hinab. Warum hatte erst so viel geschehen müssen, bis Erin begriffen hatte, wie wichtig er für sie war? Warum musste sie erst gehen, damit sie sah, dass sie die ganze Zeit über in greifbarer Nähe gehabt hatte, wonach sie sich in all den Jahren so sehr gesehnt hatte? Weswegen hatte sie es nicht zugelassen? Aus Angst? Oder gar aus Arroganz? Hatte sie sich mit den Gedanken an ihre Vergangenheit eine mögliche Zukunft verbaut, Scott zu lange misstraut, ihn zu lange für das abgestempelt, was er nicht war?
Erin schämte sich dafür, ihn für einen Charmeur und Schürzenjäger gehalten zu haben. Sie hatte zu viele schlechte Erfahrungen gesammelt, um sich völlig unvoreingenommen einer neuen Beziehung zu öffnen. Das hatte sie jetzt davon. Jetzt endete etwas, bevor es auch nur eine Chance gehabt hatte, zu beginnen. Traurig betrachtete sie den schlafenden Mann, der vor ihr im Krankenbett lag. Was er wohl träumte? Erin streckte die linke Hand aus, hielt aber wenige Zentimeter vor seinem Gesicht inne. Ihre Finger waren trotz der Handschuhe bestimmt kalt. Er würde es merken, wenn sie ihn berührte, egal wie sanft sie es auch tat. Langsam zog sie die Hand zurück und kämpfte gegen Tränen an. Wie sie es hasste, zu weinen! Sie fühlte sich so schwach, so armselig und nutzlos, wann immer sie sich von ihrer Traurigkeit übermannen ließ. Danny hatte es immer gehasst, wenn sie weinte, und genau diesen Selbsthass hatte sie von damals übernommen. Sie schniefte leise und wischte sich die Tränen aus den Augen, noch bevor sie die Gelegenheit bekamen, verräterisch über ihre Wangen zu rollen. Mit der linken, nun leicht zitternden Hand, näherte sich Erin Scotts vollem, dunklem Schopf. Seine schwarzen Haare fühlten sich sagenhaft weich an, wie der Flaum einer Daunenfeder. Sie strich ihm eine Strähne aus der Stirn, die im Gegensatz zu ihren Fingern so angenehm warm war. Ja, vielleicht hätte sie sich in ihn verlieben können, wenn die Umstände andere und das Schicksal ihr wohler gestimmt gewesen wäre. Vielleicht hätte er die klaffende Lücke in ihrem Herzen ausfüllen können, die Danny in ihr hinterlassen hatte, die immer dann tiefer aufriss und zu bluten begann, wann immer sie sehen musste, was aus ihm geworden war. Erin schluckte schwer. Sie hatte sich so sehr gewünscht, nie wieder Abschied von jemandem nehmen zu müssen, den sie liebte oder möglicherweise noch lieben konnte, und doch fand sie sich in einer Situation wieder, die ihr ungewollt vertraut geworden war.
Ihre Fingerkuppen strichen zärtlich über sein Schläfenbein, machten an seinem Wangenknochen Halt und glitten dann vorsichtig über die Wange, auf der sich dunkle, dichte Bartstoppeln gebildet hatten. Erin tat sich keinen Gefallen damit, Scott zu berühren, und obschon sie sich dessen bewusst war, konnte sie nichts dagegen ausrichten. Es tröstete sie gleichermaßen, wie es ihr auch wehtat, seine Haut unter ihren Fingerspitzen zu spüren. Gerade als sie die Hand endgültig zurückziehen und für immer gehen wollte, schlug Scott vorsichtig die Augen auf. Mit einer Mischung aus Scham, Angst und stiller Freude schaute sie dabei zu, wie er unter ihrer Berührung aufwachte, wie sich seine Augen an das Sehen im Dunkeln anpassten und sich sein wohlgeformter Mund überrascht öffnete, ehe er sich zu einem zaghaften Lächeln verformte. „Erin?", fragte er mit heiserer, rauer Stimme, die die erste Silbe ihres Namens unterschlug. Er klang irritiert, fast so, als fragte er sich, ob er nur träumte, dass sie hier an seinem Bett stand. Sie unterdrückte ein bewegtes Seufzen und nickte langsam. Das Herz war ihr so schwer, dass ihr Brustkorb unfähig zu sein schien, es länger in sich aufzubewahren. Zittrig atmete sie aus, als er den gesunden Arm hob, um ihr mit der Hand durch das gekürzte blonde Haar zu streichen.
„Bist du wirklich hier?", flüsterte er kaum hörbar, doch Erin verstand und nickte leicht. Scott richtete sich langsam unter ihr auf, bis er fast aufrecht in seinem Bett saß, Erins Arm mit dem seinen zu fassen bekam und sie an sich zog, sein Gesicht an ihrer Schulter vergrub und murmelte: „Ich hatte solche Angst um dich! Die haben mich nicht mehr zu dir gelassen und als dann die Nachricht umging, du seiest geflohen...", Erin löste sich leicht von ihm und legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen, brachte ihn somit zum Schweigen. Lange sah sie ihm in die Augen, sah darin so viele unbeantwortete Fragen, so viel Sorge, auf skurrile Weise vermischt mit Glück. Langsam beugte sie sich vor, zog gleichzeitig ihre Finger von seinem Mund zurück, nur um sie mit ihren Lippen zu ersetzen. Er erwiderte den sanften Druck ihrer Lippen, streckte sich ihr entgegen, verschloss ihren Mund sanft und vorsichtig mit dem seinen. Es war nicht mehr als ein Kuss, den sich Kinder gaben, und doch voller Gefühl, voller Wärme und Geborgenheit. Scott zog Erin näher an sich, während er gleichzeitig seinen Mund von ihr löste und ihr teils in Schatten gehülltes Gesicht betrachtete.
„Bleib bei mir", bat er sie leise, „bitte geh nicht." Sie sah ihn lange an, unfähig, auch nur auf irgendeine Art und Weise zu reagieren. Eine ähnliche Bitte hatte sie vor über zwanzig Jahren gehört und hatte sie ignorieren müssen. Heute oblag die Entscheidung ganz allein ihr. Sie suchte erneut seine Lippen und ließ zu, dass Scott sie zu sich zog. Erin wollte bleiben. Wenn auch nur für eine Nacht.
