A/N: Iuliel Hey, du bist ja immer noch mit von der Partie :) Das freut mich! Batmans Plan ist in der Tat clever, aber die Frage ist nur, ob er damit viel Erfolg haben wird. Der Joker ist nicht auf den Kopf gefallen. Seit Batman ihn mit seinem Sonargerät über sein Handy orten konnte, hat auch er dazu gelernt. So leicht wird er sich nicht übertölpeln lassen. Ich denke, du kannst dich noch auf viele Wendungen freuen; der Joker ist ein Garant für das Unvorhergesehene und ich freue mich, dass du immer noch mitfieberst. Wie der Joker auf Erin trifft, wirst du dann in Kapitel 17 erfahren :) Danke vielmals für deine Worte!

Und an alle eventuellen anderen Leser da draußen: Danke fürs Lesen und viel Spaß mit dem 16ten Streich!

Scar Tissue

16

Der Preis der Freiheit

Wie ein Nomade

Auf der Suche nach Zuflucht

Nirgendwo zu Haus.

In Gotham City war es alles andere als schwer, einen mehr oder weniger tüchtigen Kleinkriminellen aufzugabeln, der sich dazu hinreißen ließ, ein großes Ding zu drehen. Das Manko, das dieser speziellen Klasse von Verbrechern allerdings anheim gefallen war, war ihre schier unbegrenzte Gier nach Geld. Diese Leute waren dermaßen von dem abstrakten Gut, das die Zügel dieser verdorbenen Welt in den Händen hielt und sie auf ihren endgültigen Abgrund zusteuerte, besessen, dass sie ihre Habsucht erblinden ließ und ihren Verstand vernebelte. Derlei Gesindel eignete sich bestenfalls für kleinere Raubzüge oder Banküberfälle, plante man aber größere Coups, in denen der materielle Aufwand größer war als das, was dabei für alle Beteiligten heraussprang, war dieser Teil des gesellschaftlichen Abschaums für das Vorhaben ungeeignet. Das Problem, dem sich jedes kriminelle Genie gegenüber sah, war, dass diese wenig lobenswerte Schiene von Verbrechern gleichzeitig jene war, die am weitesten verbreitet und ausgeprägt war. Man musste sie mit Geld locken, ihnen große Gewinne versprechen, ehe sie sich dazu hinreißen ließen, das Gesetz zu brechen. Die wenigsten taten es aus Überzeugung oder geistiger Gesinnung. Kaum einer verstand, dass das, was zum Gesetz erhoben worden war, dem Menschen das Einzige nahm, was von Bedeutung war. Freiheit.

Ja, natürlich forderte Freiheit ihren Preis und die meisten Feiglinge wagten nicht, diesen zu bezahlen. Freiheit bedeutete Einsamkeit, Gleichgültigkeit und den neidvollen Hass jener, die zu ängstlich waren, nach ihr zu streben. Der Joker konnte sich nicht erinnern, jemals jemandem begegnet zu sein, der diese Erkenntnis mit ihm teilte und nach derselben Philosophie lebte wie er. Niemandem war es gelungen, so vollkommen frei zu sein, wie er es war. Und das versetzte so viele in Angst und Schrecken. Nicht unbedingt das, was er mit ein paar Fässern Benzin und Sprengstoff anstellen konnte, sondern die Tatsache, dass er sich von nichts und niemanden begrenzen und einschränken ließ. Die Schafsherde stieß jenen Eigenwilligen aus ihrer Mitte aus, der den engen Käfig aus Moral und künstlichem Regelwerk nicht länger duldete. Die Menschen hatten sich mit den bequemen Umständen ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit abgefunden, ja, begrüßten diese sogar. Solange sie also ein Spielball geordneter Verhältnisse waren, waren sie auch ein potentieller Spielball für das Chaos.

Der Joker trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Armaturenbrett des Jeeps, auf dessen Beifahrersitz er Platz genommen hatte. Normalerweise bevorzugte er es, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen, aber heute machte er eine Ausnahme. Wenn seine Kumpanen sonst nicht viel auf dem Kasten hatten, sollten sie es wenigstens beherrschen, einen Wagen zu lenken.

Aus gegebenem Anlass konnte er es sich außerdem erlauben, gefahren zu werden. Er hatte heute eine mehr oder weniger einvernehmliche Verabredung mit Fabrizio Maroni, dem Vetter und Nachfolger des ach so tragisch verschiedenen Sal Maroni, der dem Joker immer ein Dorn im Auge gewesen und daher nur allzu verdient durch die Hand des nicht mehr wieder zu erkennenden Harvey Dent dahingeschieden war. Fabrizio leitete die marode laufenden Geschäfte seines schrumpfenden Mafiaimperiums, das nur noch durch illegalen Waffenhandel brillierte. Leider weigerte er sich, mit dem Joker zusammenzuarbeiten. Wahrscheinlich lag der Widerwille zur Kooperation in der Familie. Der Joker hingegen sträubte sich, bloße Geschäfte mit Maroni zu führen und Geld in das hineinzupumpen, was er auch kostenfrei bekommen konnte – Waffen und Sprengstoff.

Er hatte dem Italiener eine Frist von zwei Tagen eingeräumt, über sein großzügiges Angebot nachzudenken, das beinhaltete, dass er die kleineren Drogengeschäfte der Maronis duldete, während er im Gegenzug die Stadt mithilfe des Waffenmonopols des Clans unter seine Fittiche nahm. Für was auch immer sich der fabulöse Fabrizio entscheiden würde, der Joker hatte seine Methoden, ihn zu der korrekten Antwort zu verleiten. Wenn die Sache erst einmal geklärt war, würde er sich bedeutend interessanteren Dingen widmen können, wie zum Beispiel seinem kleinen Häschen auf der Flucht. Ein bisschen bedauerte er ja, dass die kleine Erin so schnell den Weg nach draußen gefunden hatte, hatte er sich doch gerade erst aufwärmen können und so viel interessantere polizeiliche Ziele für die kommenden Tage herausgesucht. Na ja, aber er wollte mal nicht so sein und sich an Vereinbarungen halten. Der Commissioner würde warten müssen, aber auch er würde eine spezielle Behandlung erfahren, oh ja.

Seine vernarbten Mundwinkel zuckten in Anspielung auf ein Lächeln, das sich nicht ganz auf seinen Lippen ausbreiten wollte. Kaum dass er wieder in der Stadt war, musste sich natürlich Batman in seine Angelegenheiten einmischen. Vermisste er die Aufmerksamkeit des Jokers? Die...alleinig ihm gewidmete Zuwendung? Hatte es ihm nicht gereicht, dass der Joker sein Täubchen in die Luft entlassen hatte, so wie es nun einmal die Bestimmung eines jeden Vögelchens war? Oh doch, er hatte ihn damit getroffen, genau ins Schwarze, hatte seinen Zorn, seine Wut geschürt. Und doch hatte er ihn nicht aus Rache fallen lassen, als er die einmalige Gelegenheit dazu bekommen hatte. Batman fiel seelisch, aber nicht moralisch. Wie schade. Es hätte ihn bestimmt wesentlich lockerer gemacht, ein paar seiner so genannten Prinzipien über Bord zu werfen. Aus freien Stücken, zumindest. Aber das ließ sich vielleicht noch arrangieren.

„Boss? Wir sind gleich da!", informierte ihn die immer ein bisschen zu hastige Stimme seines Fahrers, der ein verurteilter Schlägerbursche war, aber dem Joker gegenüber so sehr speichelleckte, dass es ihn regelrecht anwiderte. Der Joker hielt nichts von Schmeichlern. Nützlich mussten seine Leute sein und kriminelles Geschick vorweisen. Wenn er Bewunderer wollte, hielt er eine ausschweifende Rede in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Der Gedanke amüsierte den Joker so sehr, dass er verhalten zu kichern begann. Sein Fahrer blickte unsicher zu ihm hin, bog dann aber in die Abfahrt zu einem unterirdischen Parkhaus ab und beließ das Verhalten seines Bosses unkommentiert. Er wusste, dass im idealsten Fall nur seine Eier daran würden glauben müssen, wenn er sich erdreistete, den Joker oder dessen geistigen Zustand infrage zu stellen. Genauso hatten er und seine Kollegen gelernt, sich zu hüten, ihn die Bezeichnung ‚Freak' hören zu lassen. Der Letzte, der das gewagt hatte, schwamm nun mit entstelltem Gesicht nach unten im Kanal.

Der Jeep kam ohne jegliche Misstöne und mit glühenden roten Rückleuchten zum Stehen, das folgende Geschwader flankierte den Wagen zu beiden Seiten. Der Joker schwang sich aus dem Auto und schlug dabei einem seiner Leute die Tür gegen das Gesicht, worauf dieser zusammenbrach und sich die blutende Nase hielt. Er hob nur die Braue und stieg über ihn hinweg, ehe er sich an einen seiner Clowns wandte, die schon länger für ihn arbeiteten: „Ihr bleibt hier. Ich rufe an, wenn es Probleme gibt. Ansonsten wisst ihr ja, was ihr zu tun habt." Der kleinere und zierlichere Mann vor ihm schob seine Maske nach oben und fragte irritiert: „Aber Boss? Soll dir keiner Rückendeckung geben, falls Maroni seine Leute auf dich hetzt?"

Der Joker griff mit der behandschuhten Rechten nach der Maske, stülpte sie wieder über das Gesicht seines Gefolgsmannes, weil er damit wesentlich ansehnlicher war, und raunte ihm zu: „Nicht nötig. Ich habe schlagkräftige und schneidende Argumente bei mir, gegen die er nichts vorzubringen wissen wird. Bleibt hier und wartet auf euren Einsatz."

Er rückte seinen Anzug zurecht, sah in die Runde aus fünf Clowns, die ihn abwartend anstarrten, sodass sich der Joker fragte, ob sie nur noch auf Befehl atmen würden, wenn er es verlangte. Sie fürchteten sich, ja, ja, fürchteten ihn, wie sie ihn auch bewunderten. Es war eine krankhafte Mischung aus Angst und Begeisterung, die sie dazu brachte, ihm zu folgen, weil keiner von ihnen, mochten sie noch so lange schon auf seiner Seite stehen, wissen konnte, wann der Joker ihrer Anwesenheit in seinem Schatten müde wurde. Genau das machte sie zu guten Gefolgsleuten. Sie waren klug genug, wenn es die Situation erforderte, aber dumm genug, ihm blind zu vertrauen.

Der Joker schlenderte durch das Treppenhaus noch eine Etage tiefer. Unter dem Parkhaus waren größere Lagerräume des nahen Einkaufszentrums verborgen, gleichzeitig dienten sie als Versammlungspunkt der Überbleibsel der Mafia, die sich nach dem Erstschlag des Jokers kümmerlich zusammengefunden hatten wie Kehricht.

Die Mafia war in ihren Grundfesten erschüttert worden. Batman hatte den Anfang gemacht, der Joker den Rest. Systematisch waren die ethnischen Mafiaclans zerfallen, hatten sich früher oder später dem Stärkeren beugen müssen. Ja, Darwins Gesetz des Überlebens des Stärkeren ließ sich auch auf die niedrigsten Verbrecherkreise übertragen. Entweder man war den anderen immer einen Schritt voraus, oder man fiel selbst hinter ihnen zurück. Es hatte gute Gründe, warum nicht einmal die wenigen seiner engeren Anhänger wussten, wo sich der Joker aufhielt oder wie man ihn finden konnte. Weder konnte man sein Mobiltelefon über GPS orten, noch ließ es sich von irgendwelchen anderen Suchsignalen lokalisieren. Der Joker hatte vom letzten Mal gelernt. Ein Störsignal, stark genug, um Radiofrequenzen in der Nähe zu belagern, ging von seinem Mobiltelefon aus und verhinderte jede Form der Ortung, mochte sie noch so ausgefeilt und auf dem modernsten Stand der Technik sein. Jetzt konnte man ihn nur noch durch Zufall schnappen oder wenn er es selbst beabsichtigte. Mit dem Fuß trat er gegen die Lagerhallentür, die sich ächzend öffnete. Beinahe wie einstudiert wandten sich sämtliche Köpfe der an einem großen ovalen Tisch sitzenden Männer zu ihm um.

„Hallo die Damen...", begrüßte er die schwer bewaffneten Gangster, die sofort aufsprangen, um ihn zu ergreifen. Dennoch wagten sie es nicht einmal, ihn zu umzingeln, obwohl sie nicht einmal wussten, ob er überhaupt bewaffnet war. Sie standen um diese elende Itaker-Schmalzlocke Maroni herum und richteten ihre kleinen Spielzeugwaffen auf ihn. „Ich hoffe, ihr habt noch einen Platz an eurem Bridge-Tisch frei? Ich...äh...bin sicher, der ein oder andere von euch kann die Unterstützung eines...Jokers gut gebrauchen."

Ein vorlauter Italiener wagte die Bemerkung: „Beim Bridge gibt es keinen Joker, du Freak!", was er damit büßte, dass ihn der Joker genauer in Augenschein nahm, um ihn sich für später vorzumerken. Vielleicht würde er ihn an die Hängerkupplung seines Jeeps binden und eine Runde durch Gotham schleifen, bis ihm in den Sinn kam, dass es unklug war, dem Joker so unflätig ins Wort zu fallen. Er presste die üppig geschminkten Lippen fest aufeinander, ehe der unkluge Kommentator zuerst den Blick abwandte. Dann deutete er auf die Herren mit den Pistolen in den Händen: „Wollt ihr...die nicht besser wegpacken? Eine solche Art zu verhandeln ist mir zuwider."

Galant flanierte er direkt auf den Tisch zu, in keiner Weise eingeschüchtert von den Mündungen, die auf ihn gerichtet waren. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihm eine ganze Batterie Kugeln in den Schädel zu jagen, doch keiner überwand sich, den Abzug zu betätigen. Nicht einmal der Oberboss selbst.

„Du bist nicht in der Position, Verhandlungsbedingungen zu stellen, Clown!", brachte Maroni, diese Witzfigur von einem Mafioso, mit seiner elenden quäkenden Stimme über die Lippen. Der Pate wäre vor Schande in seinem Grab rotiert. „Oh doch, das bin ich", grinste der Joker und leckte sich über die Lippen. Er lüftete seinen Mantel und präsentierte dem Mob seine eindrucksvolle Weste, die mit C4 ausgepolstert war. Während drei der Waffenhalter sichtlich zurückschreckten und ihre Pistolen senkten, gab sich Maroni nicht sonderlich beeindruckt. Er strich eine Strähne des gegelten schwarzen Haares aus seiner hohen Stirn und grinste: „Das wagst du nicht!" Seine Familie war lange genug im Land, um sich jede Form eines italienischen Akzents abzugewöhnen, und doch intonierte er so viele Wörter auf die Weise, die ihm seine Muttersprache gelehrt hatte.

„So? Wer sagt das?", fragte der Joker und zog eine verdrahtete Zündvorrichtung aus seiner Tasche. „Ich!", gab Fabrizio Maroni bemüht um eine feste Stimme zurück, „Das würde bedeuten, dass du dich selbst in die Luft sprengst, du Freak. Und das würdest nicht mal du fertig bringen!"

Der Joker kniff die schwarz geschminkten Augen zusammen. Forderte dieser Nudelfresser ihn wirklich gerade heraus? Meinte er, er, der Joker, würde um sein Leben flehen und voller Angst schlottern, wenn es in Gefahr geriet? Hielt er ihn für ein Würstchen, das sie alle waren? Diese zivilisierten Menschen, denen das Rückgrat abhanden gekommen und mit einem Besenstil der Justiz ersetzt worden war? Nein. Er stand über jeder Form von Menschlichkeit. Diese Schwäche hatte er sich schon längst abgestreift.

„Ist das so?", fragte er süffisant und legte grinsend den Kopf zur Seite, während er sich mit der freien Hand durch das fettige, strähnige und leicht krause Haar strich, „Wie, frage ich mich...", begann er und sah Maroni durchdringend an. Er konnte den Angstschweiß des Italieners über die Breite des Tisches hinweg, an dessen anderem Ende er saß, riechen. „...willst du dir dann das hier erklären?" Der Joker drückte den Knopf der Zündvorrichtung und bewirkte damit, dass alle Anwesenden panisch von den Stühlen sprangen, um vor einer Explosion in Deckung zu gehen, die nicht erfolgte.

Maroni war bemüht, die ungerührte Fassade aufrechtzuerhalten, der glitzernde Schweiß auf Stirn und Schläfen, der fast deutlicher glänzte als die Speckschwarte von einem Haarschopf, sprach jedoch Bände. „Nichts passiert", gab er bemüht locker von sich, was allerdings einen sehr gepressten Unterton annahm, „Du bluffst!"

Der Joker stieß ein hysterisches Lachen aus und schüttelte den Kopf: „Nein, tu ich nicht. Wenn ich diesen Zünder loslasse...gibt es einen Knall und dann seid ihr alle klein, schwarz und hässlich. Das heißt...", er sah mit erhobener Braue in die Runde, „...klein und hässlich seid ihr ja schon." Maroni und zwei seiner Männer, dem Körperbau nach zu schließen seine Bodyguards, sprangen auf, aber eine einzelne, nur angedeutete Bewegung seines Daumens genügte, um sie wieder brav parieren und sich setzen zu lassen, wie er es forderte: „Hinsetzen, oder verfrüht in der Hölle schmoren." Maroni unternahm einen weiteren Versuch, dem Joker einen Bluff zu unterstellen: „Nie und nimmer geht der Sprengsatz los, wenn du loslässt." Der Clown grinste, seine dunklen Augen leuchteten, weil in ihnen der Wahnsinn flackerte: „Willst du's herausfinden?" Maroni erwiderte daraufhin nichts, weswegen der Joker gelangweilt die Zunge schnalzte: „Dacht ich's mir."

Der Mafiaboss, der die Vierzig vor nicht allzu langer Zeit überschritten hatte, tupfte sich die Stirn mit einem weißen Taschentuch ab, das zusammengefaltet in der Brusttasche seines Jacketts gelegen hatte. „Wie willst du den Sprengstoff wieder loswerden? Du wirst nicht ewig diesen Knopf drücken können!" Der Joker schmunzelte amüsiert. Dieser Itaker hatte wirklich eine lebhafte Fantasie. „Nun...", er beugte sich vor und ließ die Zunge über seine Lippen tanzen, „vielleicht lass ich mir den Schalter ja mit Panzertape an die Hand wickeln. Ist die Fragestunde damit beendet und können wir endlich zum wesentlichen Teil dieser...Versammlung kommen?" Er sah in die Runde und vermittelte mittels eines eindringlichen Blickes, dass Einsprüche unangenehme Folgen mit sich ziehen würden. „Schön", sagte er in sachlichem Ton und räusperte sich, „mein Angebot kennst du, Fabrizio, mein Guter. Wie lautet deine Antwort?"

Der Vorstand der Falcone Familie tauschte verunsicherte Blicke mit seinen Männern, dann sagte er fast nur noch flüsternd: „Ich werde mich nicht auf Geschäfte mit dir einlassen. Sal hat seinen Fehler bereuen müssen und ich werde nicht das gesamte Vermögen meiner Familie in deinen geldgierigen Rachen schütten!"

Es gab genau zwei Dinge, die der Joker auf den Tod nicht ausstehen konnte. Wenn man ihn als verrückt oder ‚Freak' denunzierte, oder aber wenn man ihm Geldgier unterstellte. Seine Motive waren bedeutend höher angesiedelt. Nun, vielleicht ergab es sich ja, dass er Fabrizio zu seinem Gefolgsmann an die Hängerkupplung binden konnte.

„Aber, aber, Fabriiiiizio", dehnte der Joker den Namen seines neuen Lieblingsopfers in die Länge und fuhr mit tiefer, beängstigender Stimme fort: „Beide Seiten profitieren von einem Deal." Er stützte den Arm auf die Tischplatte, sodass der samtene, lilafarbene Stoff seines Anzugs leise auf dem glatten Holz raschelte. „Du allein profitierst davon!!", korrigierte ihn Maroni, dessen Gesicht so feuerrot wie eine überreife Tomate angelaufen war.

„Falsch. Ich...ziehe die Waffen und das Rohmaterial ein...und dafür dürft ihr leben. Klingt in meinen Ohren mehr als fair." Maroni stieß ein kurzes verzweifeltes Auflachen aus und schüttelte dann vehement den Kopf: „Du tötest, wie es dir gefällt. Du hältst dich nicht an Abmachungen!"

Der Joker begann wild zu kichern, seine weiß geschminkten Nasenflügel tanzten im Rhythmus der schrillen Lachsalven, die ihm über die nur halb geöffneten Lippen kamen. Nur schwerlich schien er sich wieder beherrschen zu können. „Weißt du, Fab?", begann er in wesentlich geschäftlicherem Ton und deutete mit dem Zeigefinger jener Hand, die die Zündung festhielt, „Ich bin der fairste Geschäftspartner, den du kriegen kannst. Ich...verstehe ja, dass du an deinem Pizzabrötchenimperium festhalten willst, aber...betrachte es mal ein wenig realistischer. Der neue Commissioner schreckt vor keinem Mittel zurück, um Gothams Mafia endgültig zu zerschlagen. Batman war, soweit ich weiß, auch noch nie ein großer Fan von euch. Ihr...", hektisch strich seine Zunge die diagonal von seiner Unterlippe hinab gleitende Narbe nach, „ihr habt nur euch selbst. Wenn ihr meine großzügige Unterstützung ausschlagt, versteht sich." Herausfordernd blickte er in die Runde, die den Anschein erweckte, dass es ihr so gar nicht gefiel, dass der Joker Recht hatte. „Wenn ihr den Deal eingeht, leistet ihr wenigstens noch einen produktiven Beitrag im Kampf gegen Gesetz und Ordnung", argumentierte der Joker und sah mit Genugtuung, wie die italienischen Schurken nach und nach zu der Besinnung kamen, dass ihnen keine andere Alternative offen stand, als die Forderungen des Jokers zu erfüllen.

Maronis Gesicht hatte sich verfinstert, sein Mund war nicht mehr als eine schmale, weiße Linie. „Du lässt uns keine andere Wahl", presste er zähneknirschend hervor.

„Das ist nicht korrekt. Ihr könnt entweder den Freifahrtschein zu einer Direktverbindung in die Hölle lösen, odeeeer...oder ihr seid vernünftig und schlagt in den Deal ein." Die pechschwarz ummalten Augen des Jokers verstärkten nur den Eindruck, dass sein Blick magnetisierend war und es unmöglich machte, sich ihm zu entziehen.

„Also?", fragte er langsam aber sicher ungeduldig in die Runde, „Was sagt ihr?" Er wiegte die Zündvorrichtung verspielt hin und her, auf seinem Gesicht spiegelte sich weder Anspannung noch Nervosität, ganz einfach weil er nichts von beidem empfand. Er war vollkommen ruhig, obwohl ihn nur Millimeter davon trennten, mit dem Rest der Lagerhalle in die Luft zu fliegen und das Parkhaus zum Einsturz zu bringen. Er trug nicht etwa eine Maske, die seine wahren Emotionen und Gefühle vor den anderen versteckte, er war einfach völlig gefühllos und angstfrei. Es gab Schlimmeres als den Tod. Er musste es wissen. Er hatte es erlebt. Erlebt und überlebt.

„Der Deal steht. Ich...", Maroni war der Widerwille regelrecht ins Gesicht gemeißelt, „überschreibe dir die Verfügungsgewalt über meine Lieferungen." Der Joker schmunzelte diabolisch und zog mit der anderen Hand einen Bogen Papier unter seiner Weste aus C4 hervor, als wären die weiß verpackten kleinen Blöcke nicht gefährlicher als Styropor. Er schob den Zettel über den Tisch, wo er mit dem Geräusch fallenden Laubs zu liegen kam.

„Du stellst jetzt schon Verträge aus?", fragte Maroni mit erhobener Braue. Der Joker sah einfach nicht danach aus, als würde er viel von Verträgen oder Klauseln halten. Das änderte sich wahrscheinlich, wenn es um seine eigenen Angelegenheiten ging.

Maroni überflog das Blatt Papier, auf dem unter vielen unsinnigen Bemerkungen und handschriftlich darauf gekritzelten Hahas und Hohos gedruckt stand: ‚Ich überlasse meine Geschäfte dem Joker', gefolgt von einer gepunkteten Linie, auf der für die Unterschrift Maronis Platz gelassen wurde. „Das ist ein Witz, oder? Muss ich das jetzt mit meinem eigenen Blut unterschreiben?"

Der Joker grinste. „Nur, wenn du mir deine Seele überlassen willst."

Der Mafiaboss biss die Zähne aufeinander und erweckte den Anschein, den Kugelschreiber entzwei brechen zu wollen, während er seine Unterschrift auf das Dokument setzte. Man sah ihm an, dass er das Papier am liebsten zusammengeknüllt und auf den Joker geworfen hätte, mit einiger Beherrschung gelang es ihm jedoch, dem Drang zu widerstehen und das Dokument über den Tisch zu schieben, wie es der Joker vorher getan hatte. Mit aller Seelenruhe verstaute es dieser wieder unter dem Sprengstoffpaket und erhob sich, fummelte sein Handy aus einer der tiefen Manteltaschen, betätigte eine Kurzwahltaste und murmelte nur in das Telefon: „Ihr könnte jetzt...dazu stoßen." Er klappte das Telefon zu und lugte in die Runde aus wehrlosen Schwerverbrechern. „Ich wünsche noch einen angenehmen Nachmittag", sagte er und verbeugte sich galant, während seine Männer in den Raum stürmten, um nach und nach die Italiener zu entwaffnen.

Das Schauspiel war für den Joker nicht von sonderlich großem Interesse, er hatte Wichtigeres zu tun, als sich eine Rauferei mit dem kümmerlichen Mafiahäufchen zu liefern. Er zog eines seiner Messer aus der Hose und schnitt vor sich hinsummend das Verbindungskabel zwischen Zündvorrichtung und Bombenpäckchen durch, ließ dann den roten Zündknopf los, ohne dass irgendetwas geschah, und steckte ihn in seine Tasche. Maronis wutentbrannten Blick kommentierte er nur mit einem Augenzwinkern, ehe er sich trottenden Schrittes wieder auf den Weg machte. Er hatte noch einige Vorbereitungen zu treffen, bevor er sich seiner kleinen Erin widmen konnte, und das würde bald der Fall sein. Dem Joker entwich ein gackerndes Lachen. Bald, ja, ja. Sehr bald.

***

Die weiche, warme Decke schnitt Erin von der Außenwelt ab. Hier unten hörte sie weder das leise, beständige Ticken der Zeigeruhr an der Wand, noch die Schritte der Ärzte und des Pflegepersonals, das den Schichtwechsel vollzog. Nicht nur Geräusche schirmte die relativ dünne Schicht aus gewebter Baumwolle perfekt ab, auch unangenehme Gedanken und die Realität mit ihrer unbestechlichen, grausamen Wahrheit. Sie wusste, dass sie den Schleier sehr bald schon abstreifen müssen würde, wenn sie nicht entdeckt werden wollte, und dennoch wünschte sie sich nicht mehr, als dass ein Teil der Ewigkeit ihr gehören und den Moment des Abschieds herauszögern mochte. Vielleicht hielt sie auch deshalb beharrlich die Augen geschlossen, obgleich sie längst wach und die letzten Reste ihrer Träume verblasst waren wie Buchstaben, die man auf angehauchte Scheiben gemalt hatte. Sie spürte Scotts Hand in ihrem Nacken, merkte an den leichten Liebkosungen seiner Finger, dass auch er nicht mehr schlief. Sie hatten letzte Nacht nicht mehr viel geredet, aber es war auch nicht vonnöten gewesen. Scott schien zu spüren, dass Erin Gotham verlassen wollte und ihr klammheimlicher Besuch bedeutete, dass sie sich verabschieden wollte. Es gab Wichtigeres als Worte, die man austauschen konnte. Ihr Kopf war auf seiner muskulösen Brust gebettet, nicht einmal ihr blonder Schopf lugte unter der Decke hervor. Ein leises, aber penetrantes Piepsen ertönte von der Außenseite dieses schutzbietenden Kokons, zu beharrlich, um es zu ignorieren und zu störend, um es willkommen zu heißen. Erin wusste, was dieses Signal bedeutete. Scott hatte die Weckfunktion seiner Armbanduhr auf 4 Uhr gestellt, sodass ihr noch genügend Zeit bleiben würde, um sich aus dem Staub zu machen, bevor die Schwester das Frühstück brachte und die Ärzte ihre morgendliche Visite durchführten.

Erin kniff die Augen fester zusammen, so als ob die Dunkelheit hinter ihren Lidern so noch schwärzer werden könnte. Widerwillig presste sie ihr Gesicht gegen Scotts nackte Brust, als dieser langsam die Decke über ihren Kopf streifte. Sie hörte das sanfte Lächeln aus seiner Stimme heraus, als er murmelte: „Entschuldige, Erin." Seine Hand wanderte von ihrem Nacken durch ihr kurzes blondes Haar, wickelte verspielt einige Strähnen auf und entließ sie wenig später wieder. Langsam hob sie den Kopf und öffnete die Augen. Die reale Außenwelt, vor der sie sich in den vergangenen Stunden so erfolgreich abgeschottet hatte, war in bleiernes Anthrazit gehüllt, nur wenige Nuancen heller als die angenehme Dunkelheit, in der sie so viel Ruhe und Rückhalt gefunden hatte. Scotts freundliches, schönes Gesicht blickte zu ihr hinab, das gleichmäßige, ermutigende Lächeln verharrte auf seinen weichen Lippen.

„Müde?", flüsterte er, doch Erins Antwort beschränkte sich auf ein träges Blinzeln. Sacht sortierte er ihre Strähnen, die ihr wirr ins Gesicht gefallen waren, und flüsterte: „Du musst nicht gehen, wenn du das nicht willst."

Seine direkten Worte überraschten sie; der Versuch, der dahinter stand, sie aufzuhalten, bewegte sie mehr, als sie sich eingestehen wollte. Sie konnte nicht zulassen, dass sie ihre Gefühle dazu brachten, hier zu bleiben. Nicht nur sie selbst, sondern auch Scott würde dadurch in hoher Gefahr schweben und das konnte sie nicht verantworten. Sie hätte sich denken können, dass es ihr Herz sein würde, das ihr das Loslassen schwer machte.

Sie schüttelte den Kopf, zog ihre Hände unter der Decke hervor und strich damit über sein Gesicht. Sie bedurfte keiner Gebärdensprache und keines Zettelblocks, um sich ihm verständlich zu machen. Er las in ihren Augen, wie sie sich fühlte, und die Erkenntnis, die er daraus zog, stimmte ihn sichtlich traurig. „Was ist mit den anderen? Mit Nell und Pat? Sie haben nie den Glauben an dich verloren, Erin, was auch geschehen ist...in keiner Sekunde haben sie an dir gezweifelt."

Sie glaubte ihm. Sie hätte das Küchenmesser noch in der Hand halten können, von dem das Blut ihres Opfers tropfte, und doch hätten die beiden Frauen hinter ihr gestanden. Erin richtete sich ein wenig auf und streifte den Träger ihres Büstenhalters, der abtrünnig geworden war, wieder über ihre Schulter. Mit den Lippen formte sie Matthews Namen und verlieh ihrem Gesicht einen fragenden Ausdruck. „Seine Beisetzung?", fragte Scott, woraufhin sie kurz nickte. „Sie ist am Freitag. 14 Uhr auf dem Gotham City Cemetery. Willst du...?", er sah sie überrascht an. Erin richtete sich gänzlich auf, sodass die Decke auf ihre Hüfte hinab glitt. Mit der einbadagierten Hand strich sie sich eine Strähne hinter das Ohr und atmete seufzend aus, sah dann Scott durchdringend an, bevor sie ins Leere zeigte und winkte.

„Ich kann ja verstehen, dass du dich von Matthew und den anderen verabschieden willst, Erin...aber meinst du nicht auch, dass das zu gefährlich für dich ist? Bei der Beerdigung werden nicht nur die Leute aus Le Gardien sein, sondern auch seine Angehörigen. Wenn du dort entdeckt wirst, läufst du nicht nur Gefahr, verhaftet zu werden, sondern...", Scott verstummte, als Erin ihm ihre Hand auf die Lippen legte. Sie deutete auf sich und knickte dann den Zeigefinger ein, nur um die Hand nach unten wandern zu lassen. Sie musste dort hingehen, ihr Gewissen verlangte es von ihr. „Aber wenn...?", begann Scott und verstummte kurz darauf, weil er einsah, dass es keinen Zweck hatte, Erin von Gegenteiligem überzeugen zu wollen. Sie kannte die Risiken, die mit dem Besuch der Trauerfeier verbunden waren, aber trotz allem, was sich zugetragen hatte, war ihr Matthew ein Freund gewesen, von dem sie sich verabschieden wollte. Sie würde sich einen Schal oder ein Tuch besorgen und ihr Gesicht verhüllen. Wenn sie sich zudem nicht gerade in die erste Reihe zu den Hinterbliebenen des Toten gesellte, würde sie gute Chancen haben, nicht aufzufallen. Eine letzte Aufwartung wollte sie ihm aber machen. Erin hatte das Gefühl, ihm das zumindest schuldig zu sein, wenn man ihr schon nachgewiesen hatte, auf ihn geschossen zu haben, wissentlich oder nicht, er war daran gestorben.

„Ich hoffe, du weißt, was du da tust, Erin", murmelte Scott und strich mit seiner gesunden Hand über ihre Wange, „warum auch immer, aber dieser Joker-Freak hat es auf dich abgesehen. Mir wäre wohler, wenn ich wüsste, dass du in Sicherheit bist."

Ein schiefes Lächeln huschte über ihre Züge. In Sicherheit hatte sie sich schon lange nicht mehr wiegen können. Sie zeigte auf sich, spreizte dann die ersten drei Finger von ihren Händen und presste beide Hände aneinander, bewegte sie dann in einem Kreis vor sich auf und ab. Sie würde vorsichtig sein, versprach sie ihm, wenngleich sie wusste, dass Vorsicht allein nicht genügte, wenn man mit hoher Wahrscheinlichkeit den Joker auf seine eigene Fährte gebracht hatte. „Versprich es mir!", forderte Scott und richtete sich ebenfalls in eine sitzende Position auf, sodass sein Kopf wieder gleichauf mit dem ihren war. Erin legte den Zeigefinger an ihre Lippen, wie um sich selbst zum Schweigen zu bringen, öffnete dann die Hand und legte die linke Faust darunter. Sie versprach es ihm, aufzupassen, aber sah ihm an, dass ihn das nicht wirklich beruhigte. Scott konnte sie nicht beschützen; nicht, solange er im Krankenhaus war.

„Pass auf, Erin. Du musst in der Zwischenzeit irgendwo unterkommen. Brauchst du Geld, Kleidung, irgendwas?" Sie schüttelte den Kopf und dachte unwillkürlich an die Ohrstecker und das Geld, das Alfred ihr zugesteckt hatte. „Wo willst du bis zur Beerdigung bleiben? Du kannst ja wohl kaum unter einer Brücke schlafen?!" Erin legte den Kopf schief und zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung, würde aber mit dem Geld sicher eine kleine schäbige Pension finden, in der niemand Fragen stellen würde, solange sie zahlen konnte.

„Hör zu...mir ist wohler, wenn ich weiß, wo du bist und dass ich dich erreichen kann." Scott lehnte sich kurz aus dem Bett und öffnete die oberste Schublade seines Nachtschränkchens. Nach kurzem Kramen zog er einen kleinen Gegenstand daraus hervor und legte ihn Erin in die Hand. Als sie auf ihre Handfläche hinabschaute, sah sie einen schmalen silbernen Schlüssel darin liegen. „Das ist der Schlüssel zu meinem Appartement. Du kannst dort bleiben und bist dort relativ sicher. Wenn es Probleme gibt, kannst du von dem Festnetztelefon eine SMS oder auch nur ein Klingelsignal auf mein Handy schicken. Ich werde dann so schnell es geht bei dir sein."

Die junge Frau machte Anstalten, das Angebot abzulehnen, fühlte sich schuldig, Scott solch eine Bürde aufgeladen zu haben, doch er hob die gesunde Hand in einer abwehrenden Geste und sagte: „Bitte. Tu das für mich." Er wusste, dass sie ihm solch eine Bitte nicht abschlagen würde, nicht wenn er sie so ansah wie im Moment. Sie drehte den Schlüssel in ihrer Hand, so als ob mehr an ihm wäre, als das bloße Auge zu erkennen gab.

„Du weißt doch, wo ich wohne, oder?", fragte Scott leise. Sie sah ihn an, musterte das gutaussehende Gesicht, das von weichen Schatten umschmeichelt wurde. Dann nickte sie. Einmal hatte sie mit Scott gemeinsam ein paar alte Möbel aus den Kellerräumen seines Apartmenthauses geholt, welche die Kinder selbst wieder ausgebessert und bemalt hatten. Heute noch standen sie im Aufenthaltsraum als kleine Spielecke bereit. Er wohnte zwar nicht im renommiertesten Viertel Gothams, aber in einem unauffälligen. Wahrscheinlich konnte sie dort wirklich für eine Nacht sicher sein. Die Nachbarn scherten sich um ihre eigenen Probleme und solange sich Erin – wie es in ihrer Natur lag – still verhielt, lief sie nicht in Gefahr, Aufmerksamkeit zu erregen.

„Ich hab noch genug Essbares in meinem Kühlschrank und Konserven in meiner Vorratskammer, du kannst dich an allem bedienen, hörst du? Hab kein schlechtes Gewissen, ich biete es dir hiermit schließlich an." Seine Hand wanderte langsam über ihre Schulter, ihr Schlüsselbein und fiel schließlich auf ihre Taille. Erin dachte an die Verpflegung, die ihr Alfred mitgegeben hatte und wusste, dass diese zuerst aufgebraucht werden musste. Konserven oder Ähnliches konnte sie sich vielleicht einpacken, wenn sie den nächsten Zwischenstopp ihrer Flucht verließ. Sie fühlte Scotts Hand auf ihrer Hüfte, dort, wo die Decke an ihrem Körper brandete wie die Flut an einem unverwüstlichen Felsen. Sie beugte sich zu ihm vor, stahl noch einen weiteren Kuss von seinen Lippen, ehe sie sich von ihm wegdrehte und sich auf die Kante des Bettes setzte. Sie drehte ihm ihren Kopf zu, zeigte auf sich, schüttelte den Kopf und winkelte Zeige- und Ringfinger beider Hände an, ehe sie sie kraftvoll aneinander führte und auf ihn deutete.

„Mach dir darum keine Sorgen. Wenn ich in Schwierigkeiten gerate, dann aus freien Stücken. Dich in Sicherheit zu wissen, ist es mir wert. Ich komme schon klar."

Sie sah ihn lange an, ohne sich in irgendeiner Weise zu bewegen. Einzig ihre arbeitenden Züge verrieten ihm, dass sie aufgewühlt und verunsichert war. Sie fischte ihre Sachen vom Fußboden und zog sich nach und nach an, bis sie in kompletter Montur vor ihm stand. „Gib mir ein kurzes Zeichen, wenn du in meiner Wohnung angekommen bist, ja?", bat er sie leise und fing ihre Hand mit der seinen ein, drückte sie vorsichtig. Noch einmal beugte sie sich vor, küsste ihn, ließ ihre freie Hand durch sein volles, etwas wirr fallendes Haar streichen, ehe sich ihre Münder trennten. Noch immer auf Augenhöhe mit ihm verweilend, prägte sich Erin Scotts markante Gesichtszüge ein, die kräftigen, ausdrucksstarken Augenbrauen, die seine warmen, freundlichen Augen in graziösen Bögen umrahmten, die ausgeprägten Wangenknochen, die die vergleichsweise schmale Nase flankierten, und nicht zuletzt seinen sinnlichen, wohlgeformten Mund, den sie zu berühren trunken geworden war. Sie schloss die Augen, atmete tief durch und ließ dann von ihm ab.

Sie richtete ihren Zeigefinger auf sich, ließ ihn dann wie die Klaue eines Raubvogels nach unten gleiten und spreizte die rechte Hand, bevor sie deren Finger zusammenführte. Sie musste verschwinden. Je länger sie sich an Scotts Krankenbett aufhielt, desto gefährlicher würde es für sie und ihn werden.

„Okay", flüsterte er fast nur noch und küsste sie lange auf die Hand, ehe er sie aus seinem Halt entließ wie einen Vogel, den man der Freiheit des Himmels zurückgab. „Nimm die Feuertreppe. Das dürfte der sicherste und übersichtlichste Weg für dich hier heraus sein", riet er ihr, während er ihr dabei zusah, wie sie die Tragetasche um ihre Schulter schlang. Ihr kurzes Haar war noch leicht zerzaust, ihre Augen leicht geschwollen vom mangelnden Schlaf. Dennoch blieb ihr keine Zeit für derartige Eitelkeiten. Sie zurrte ihre Jacke zu und hatte sich schon zum Gehen umgewandt, als Scott sie ein letztes Mal zurückhielt: „Erin?" Über ihre Schulter sah sie zu ihm zurück, sah die Besorgnis und die Angst in seinen Augen. „Pass auf dich auf, okay?" Sie sah ihn lange an, ehe sie sich ein kleines, zaghaftes Lächeln erlaubte. Erin drehte den Zeigefinger der rechten Hand mehrmals entgegen dem Uhrzeigersinn, zwinkerte Scott dann ermutigend zu, ehe sie sich endgültig von ihm abwandte und sich auf den noch stillen Flur wagte. Immer, besagte diese Geste. Wenn sie Scotts Rat jedoch besser beherzigt hätte, wäre ihr nächstes und gleichzeitig letztes Wiedersehen vielleicht von glücklicherer Natur gewesen.

Erin gelang es, ungesehen aus dem Krankenhaus zu verschwinden. Im Vergleich dazu, hineinzugelangen, war es wirklich ein Kinderspiel, fast ein bisschen zu einfach gewesen. Da es in der Downtown für gewöhnlich nur so von Polizisten und Streifen wimmelte, befand die junge Frau es für zu gefährlich, zu Fuß unterwegs zu sein. Noch mehrere Stunden vom Sonnenaufgang entfernt an einem Wochentag, und dann schließlich mit nichts anderem unterwegs als den Kleidern und der Tasche, die sie am Leib trug, war sie selbst in einer großen und anonymen Stadt wie Gotham City verdächtig. Insbesondere natürlich seit ihr Fahndungsfoto die Runde machte.

Scott wohnte aber im Nordosten der Stadt, nicht allzu weit vom Zentrum entfernt und doch in einer verhältnismäßig ruhigen Gegend. Erin sah sich mehrfach um, um sicherzugehen, dass ihr niemand gefolgt war und sie keiner beobachtete, während sie die Fahrpläne der Linienbusse studierte. Sie erwies sich als glücklich, als der nächste Bus bereits drei Minuten später vorfuhr. Die stumme Frau zeigte dem Fahrer die Fahrkarte vor, die sie am gestrigen Tag gelöst hatte und die noch eine Stunde gültig war, ehe sie sich auf einen der hinteren Busplätze setzte. Wieder waren außer ihr nur wenige Fahrgäste an Bord, vier junge Asiaten, die offensichtlich nach Chinatown zurückkehren wollten, eine dunkelhaarige Frau, die Mühe hatte, ihr schreiendes Kind, das nicht älter als ein Jahr sein konnte, zu beruhigen, sowie zwei schlafende schwarze Kerle auf der letzten Sitzreihe. Erin ließ sich auf einen Sitz nahe der hinteren Ausgangstür fallen und sah der tristen Morgendämmerung dabei zu, wie sie ihren grauen Schleier über Gotham City ausbreitete, während der Bus gemütlich schwankend anfuhr. Ihre Fahrt dauerte etwa zehn Minuten an, zu so früher Stunde, wenn der Stadtverkehr noch nicht ganz so sehr an eine verstopfte Arterie erinnerte, war es sogar wahrscheinlich, dass sie einige Minuten bis zu ihrer Endstation gutmachen würde.

Zwei Haltestops von ihrer Station entfernt, hielt der Bus plötzlich unplanmäßig an. Wahrscheinlich, kreuzte es Erins Gedanken, wollte der Fahrer seinen Zeitplan einhalten und nicht riskieren, die Haltestellen zu früh abzufahren. Oder er wollte sich im Dunkin' Donuts auf der gegenüberliegenden Straßenseite sein Frühstück holen. Als sie allerdings das kurze, aber prägnante Heulen einer Sirene hörte und sich abwechselndes rotes und blaues Licht auf der feuchten Fahrbahn spiegeln sah, schrillten in ihrem Kopf sämtliche Alarmglocken. Zischend öffneten sich die Türen und durch die vordere stieg ein großer, aber eher schmal gebauter Polizist ein. Obwohl er nicht sonderlich laut sprach, hörte Erin den tiefen Bass seiner Stimme selbst dann, wenn sie sich nicht bemühte, ihn zu hören. All ihre Sinne aber waren verschärft, geradezu darauf ausgerichtet, jedes noch so kleine Detail aufzufassen und zu verarbeiten. Adrenalin schoss in einem unaufhaltsamen Schwall durch ihre Venen und brachte sie dazu, die Hand fester in den Gurt ihrer Tragetasche zu bohren.

„Keine Sorge, Sir, das ist nur eine Routineüberprüfung. Wir machen das mit allen Bussen, die zu so ungewöhnlichen Zeiten fahren", richtete sich der Cop, nachdem er dem Fahrer seine Marke vorgezeigt hatte, an den übergewichtigen Mann hinter dem Steuer. Erin lugte über den Rand ihres Rucksacks nach vorn, spielte mit dem Gedanken, durch die offene Seitentür aus dem Bus zu verschwinden, solange sie noch konnte, bis ihr auffiel, dass gleich zwei Streifen den Bus umstellt hatten. Pro Streife zwei Cops, beide bewaffnet und mit einer Ausbildung versehen, die sie exzellent auf den Ernstfall vorbereitet hatte. Erin hielt die Luft an, bis ihre Lungen zum Zerreißen gespannt waren und ihr Brustkorb schmerzte. Sie musste nachdenken. Schnell und so rational wie es ihr in einer solchen Situation möglich war.

Der Cop spazierte durch den Gang und bat jeden Fahrgast darum, sich mit einem offiziellen Dokument zu identifizieren. Kälte ergriff Besitz von Erins ganzem Körper, ihr Herz pochte wie eine Standbyleuchte, einzig beschränkt auf das nötigste Signal, die rudimentärste Funktion. Sie konnte sich nicht ausweisen, weil ihre Papiere noch auf dem Revier aufbewahrt waren und selbst wenn die Cops sie rein optisch nicht als eine gesuchte Mörderin erkannten, würde allein der Umstand, dass sie nicht sprechen konnte, genügen, um den Polizisten hellhörig werden zu lassen. Ihr Profil als Tatverdächtige war so außergewöhnlich, dass sie sich inmitten all dieser Menschen wie ein bunter Hund fühlte, wie jemand, den man auf Anhieb erkannte. Sie konnte sich nicht verstecken. Allein schon dadurch, dass zwei Männer auf der letzten Sitzreihe saßen, würde sich der Cop veranlasst fühlen, durch den gesamten Bus zu gehen. Erin schloss die Augen und versuchte verzweifelt, ihre Panik zu drosseln.

Für einen Bruchteil einer Sekunde versuchte sie sich sogar einzureden, dass es vielleicht gar nicht so schlimm sein würde, wenn sie sich stellte und abführen ließ, bis sie sich selbst eine mentale, schallende Ohrfeige verpasste und sich in Gedanken schalt: ‚Sei doch nicht blöd. Allein, weil du ausgebrochen bist, wird sich der Tatverdacht gegen dich erhärten. Du hast gegen Gesetz und Ordnung von Gotham City gespielt und verloren. Was ist mit Batman, der dich extra aus der Tinte geholt hat? Mit Officer Treather, der seinen Hals riskiert hat, damit du freikommst. Aus Feigheit willst du dich wieder fügen? Obwohl du unschuldig bist? Obwohl Talburne wahnsinnig ist? Obwohl der Joker wieder anfangen wird, Polizisten deinetwegen zu ermorden?'

Für Erin war es das Schlimmste, dass sie es für einige Sekunden wirklich wollte. Sie wollte aufgeben, ihrer gerade einmal anderthalb Tage andauernden Flucht ein kurzes und schmerzloses Ende bereiten. Sie war nicht geschaffen für ein Katz- und Mausspiel dieses Kalibers.

„Darf ich bitte Ihren Ausweis sehen, Ma'am?"

Die Frage war nicht an sie gerichtet, sondern an die Frau mit dem schreienden Baby, das aus Leibeskräften und mit voller Inbrunst seiner Angst und seinem Unmut Ausdruck verlieh. Erin beneidete es um diese Fähigkeit und doch wusste sie, dass dies weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunkt war, um sich selbst zu bemitleiden. Nein, sie wusste nicht, ob sie Matthew wirklich getötet hatte oder ob der Joker ihr diese Tat angehängt hatte, aber sie kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass sie nie dazu in der Lage gewesen wäre. Wenn schon kaum jemand Position für sie bezog, musste sie lernen, an sich selbst zu glauben. An sich selbst und an ihre Unschuld.

Erin hörte auf die einzige Stimme, die sie besaß. Ihre innere. Sie musste einen Weg hier raus finden, musste auf freiem Fuß bleiben. Für alle, die an sie glaubten und auch für Gotham selbst. Die Frau ein paar Reihen vor ihr kramte ihren Führerschein aus ihrer kunstledernen Handtasche und hielt ihn, das Baby im anderen Arm balancierend, dem Cop vor die Nase. Er ergriff die Karte und las sehr genau die darauf festgehaltenen Daten, verglich abschließend das Passbild mit der Frau. „Das hab ich an einem frischeren Tag aufnehmen lassen", kommentierte sie den zweifelnden Blick des Officers, der sich daraufhin mit dem Gesehenen zufrieden gab und seine Patrouille durch den Bus fortsetzte.

Jede Faser von Erins Körper war angespannt, doch trotz ihrer immensen Aufregung pochte ihr Herz gleichmäßig, nahezu stoisch. Die Kälte, die ihren Körper erfasst hatte, ging auf ihr Denken über. Emotionen wie Angst und Sorge waren kurzzeitig wie weggewischt, nebensächliche Intervalle von Gefühlen, die Erin schwächten. Dieser Zustand, obschon er nicht sehr lange andauerte, war ihr so fremd, dass sie für einen Moment meinte, wirklich nicht mehr sie selbst zu sein.

„Ma'am, Ausweis oder Führerschein. Identifizieren Sie sich bitte." Dem freundlichen, etwas unbedachten Tonfall in seiner Stimme nach zu urteilen, hatte er sie nicht erkannt. Allerdings tat sie auch ihr Bestes, damit das so blieb, hielt sie die Tragetasche schließlich so eng an sich gepresst auf ihrem Schoß, dass Kinn und Mund dahinter verschwanden. Erin reagierte nicht, fixierte mit ihrem klaren, scharfen Blick die offene Seitentür des Busses. Es waren nicht mehr als fünf Schritte. Fünf Schritte, die zwischen Freiheit und Gefangennahme entschieden. Zwischen Schuld und Unschuld. „Ma'am? Haben Sie mich verstanden?", hakte der Cop nach und Erin sah aus dem Augenwinkel, wie seine Hand vorsichtshalber zu dem Schlagstock wanderte, der an seinem Gürtel befestigt war. Sie nickte eifrig und schlug dann die obere Lasche ihres Beutels zurück, gab vor, darin nach ihren Papieren zu kramen, bis sie spürte, dass der Polizist ungeduldig wurde und näher an sie herantrat.

Erin befeuchtete ihre Lippen, die noch schwindend nach Scott schmeckten, und wusste, dass jetzt alles sehr schnell gehen musste. „Ma'am", setzte der Cop zu einer weiteren Aufforderung an, kam aber nicht mehr sehr weit damit. Erin rammte ihm mit ganzer Kraft den Ellbogen in die Magengrube, womit der Streifenpolizist nicht gerechnet hatte. Er japste röchelnd nach Luft und war kurzzeitig zusammengekrümmt, was die junge Frau entscheidend zu ihrem Vorteil nutzte. Mit der rechten, zur Faust geballten Hand verpasste sie ihm einen Haken, der ihn rückwärts straucheln und zwischen die parallele Sitzreihe fallen ließ. Im selben Augenblick bekam Erin die Lehne des Sitzes zu fassen, zog sich daran hoch und schwang sich aus dem Gang des Busses. Geistesgegenwärtig und auf die Schreie des Polizisten hin reagierte der Busfahrer und wollte die Tür rechtzeitig zufallen lassen, doch Erin rutschte flink genug über die Treppenstufen und schlüpfte durch den sich schließenden Spalt, der einen Teil ihrer Tasche einklemmte, den sie durch rabiates Ziehen jedoch befreien konnte. Der Cop hatte sich indes aufgerappelt und war zur Tür gelaufen, trommelte wütend schreiend gegen die Flügeltüren und forderte den Busfahrer auf, sie gefälligst wieder zu öffnen.

„Hey!", ertönte eine schrille Stimme unweit von ihr und als sie den Kopf drehte, sah sie, wie ein Cop mit gezogener Waffe auf sie zugelaufen kam. „Stehen bleiben!", forderte sie der Polizist auf, doch Erin dachte gar nicht daran und rannte, als sei der Teufel höchstpersönlich hinter ihr her, in die nächste dunkle Seitengasse. Sie verdankte es glücklichen Umständen, dass sie ins Straucheln geriet und sie der Schuss verfehlte, den der außer sich geratene Polizist auf sie abgefeuert hatte. Statt ihrer Schulter traf er eine Mauerecke, von der der Mörtel absprengte und auf Erins blonden Schopf hinabrieselte. Sie kämpfte sich, angetrieben von dem Gedanken, dass auf sie geschossen wurde, wieder auf ihre Beine zurück und rannte in die schützende Dunkelheit, stieg auf Mülltonnen und überwand mit deren Hilfe einen hohen Zaun, stieß in letzter Sekunde den Behälter mit dem Fuß um, damit man ihr nicht so schnell folgen konnte, und ließ sich auf die andere Seite fallen. In der Gasse hinter ihr ertönte das erschreckend schnelle Klappern von Schuhen, Erin schätzte sie auf mindestens drei Paar. Als sie sich umwandte, bemerkte sie, dass sie auf einen Hinterhof eines Wohngebäudes gelangt war, den zahllose kleine Gässchen mit der Hauptstraße verbanden. Hinter parkenden Autos hastete Erin über den Hof, rannte durch eine der schmalen Gassen und von dort quer über die Straße, womit sie ein Hupkonzert der Extraklasse heraufbeschwor und beinahe von einem Pickup erfasst worden wäre. Leute, die in aller Frühe auf dem Weg zur Arbeit waren oder sonstigen Beschäftigungen auf den Straßen nachgingen, drehten sich irritiert zu ihr um. Versehentlich stieß sie auf ihrer Flucht eine junge Frau an, die daraufhin beinahe ihr Kind fallen ließ. Für einen Moment hielt Erin inne, wollte nach dem Rechten sehen und überprüfen, dass es der Frau mit dem Kind auch gut ging, doch dann sah sie zwei Polizisten auf der anderen Straßenseite anhalten und sich umsehen. Einer von ihnen hatte bei seinem Sprint die Mütze verloren und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf sie, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als sich von der jungen Frau abzusetzen, die ihr empörte hinterher schimpfte.

Mit jedem Schritt, den sie tat, schlug ihr die Tasche gegen den Rücken, brannten ihre Lungen ein bisschen mehr und erschwerten ihr jeden so notwendigen Atemzug. Erin überquerte den hell erleuchteten Flur der breiten, vierundzwanzig Stunden lang geöffneten Passage des Einkaufscenters und passierte dabei den gepflasterten Weg, der zum großen Parkgelände Gotham Citys führte, der großen grünen Oase inmitten von Beton, Asphalt und Metall.

So schnell sie ihre Füße trugen und ihr erneut pochender Oberschenkel es zuließ, hetzte sie durch den Park, wissend, dass es nicht besonders gut um ihre Ausdauer bestellt war, um ihren Verfolgern zu entfliehen. Entweder würde sie rennen, bis sie keine Kraft mehr haben und zusammenbrechen würde, oder aber sie fand ein Versteck, in dem sie vorläufig sicher sein würde. Suchend schaute sie sich während ihres ermüdenden Sprints in der Umgebung um. Die Wipfel der Bäume waren wie mit feinem Puderzucker bestäubt, wohingegen der Boden, auf dem vereinzelte grüne Grasnarben der Kälte des Winters trotzten, kaum Überbleibsel des gefallenen Schnees gehalten hatte. Erin keuchte, stieß in hektischen Intervallen ihren heißen, brennenden Atem aus und befand nach langer und erschöpfender Suche das kleine Häuschen des Parkwärters für einen idealen Ort, um sich zu verstecken. Es stand nicht nur im Schutze zweier alter Weiden, sondern bewies eine komplexe Architektur mit einigen Seitentreppen und angrenzenden Schuppen für Werkzeuge wie Harken oder Ähnlichem.

Erin tauchte zwischen einem Schuppen und einem dichten Busch ab und presste sich gegen die morschen Holzwände. Obgleich sie fror und ihre Hände zu stark zitterten, um überhaupt eine vernünftige Aufgabe zu erfüllen, beschloss sie, sich ihrer Jacke zu entledigen. Wenngleich sie aus dunkelrotem Stoff war, blieb Rot immer noch eine Signalfarbe. Sie konnte nicht riskieren, durch sie unnötig aufzufallen. Sie schälte sich eiligst aus der Jacke, knüllte sie zusammen und drückte sie in ihre Tasche, als sie unweit von sich die Stimmen der Polizisten hörte. Obwohl ihre Lungen vor lauter Sehnen nach Sauerstoff spannten und schmerzten, bemühte sich Erin, so flach und lautlos wie nur möglich zu atmen. „Hast du gesehen, wo sie lang gelaufen ist?", zischte einer der Cops, der hörbar außer Atem geraten war. „Keine Ahnung. Vielleicht...", der andere schnaufte, „finden wir Spuren." Erin schloss die Augen und hoffte, dass der Boden nicht zu feucht und nachgebend gewesen war, sodass sie verräterische Fußstapfen hinterlassen hatte. Darauf Acht gegeben hatte sie in ihrer Eile nicht, hatte auch keine Zeit gehabt, um wirklich vorsichtig zu sein. Sie hoffte, sie würde es nicht zu schnell bereuen müssen. Sie presste die Tasche enger an ihren Körper und atmete schwer, wollte sich dazu zwingen, sich zu beruhigen, doch die stoische, rationale Kälte, die im Bus von ihr Besitz ergriffen hatte, war verschwunden. Erin hörte die Schritte eines Cops aus nächster Nähe. Seine schweren Sohlen knirschten auf dem kalten Erdboden, sodass Erin nicht mehr zu atmen wagte, aus Angst, es würde zu laut sein.

„Hier ist nichts", sagte der eine Polizist, der nur einen Steinwurf von ihr entfernt die Umgebung mit einer Taschenlampe absuchte. Erin kauerte sich noch enger zusammen und steckte den Kopf zwischen die Knie, als das hektische Licht sie zu streifen drohte, dann aber abschwenkte. Zum Glück war es ein schwarzer Pullover gewesen, den Alfred ihr bereitgelegt hatte. Sie spürte die Kälte, die sie umgab, und doch zitterte sie nicht ihretwegen, sondern aus innerem Aufruhr, aus Angst, entdeckt zu werden.

Sie hatte einen Polizisten niedergeschlagen! Niemals hätte sie sich das auch nur in ihren kühnsten Träumen vorstellen können. Es erhöhte nicht gerade ihre Chancen darauf, besser behandelt und in Untersuchungshaft sicher zu sein. Jetzt hatte sie sich wirklich aus eigener Kraft ein Delikt aufgebürdet, das es in sich hatte. Sie nahm nur beiläufig zur Kenntnis, dass sich ihre Hände krampfhaft um ihre Tasche geschlossen hatten und wehtaten. Blut sickerte unter dem dicken Mullverband hindurch, weil sie die verletzte Haut anspannte und dadurch die gerade verheilenden Wunden aufbrechen ließ. Ihr Bein bereitete ihr im Moment größere Sorgen. Wenngleich sie nicht wusste, ob diese alte Wunde ebenfalls aufgerissen war, weil ihre Wahrnehmung durch ihre Anspannung auf andere Dinge fokussiert war und sie keine warme Nässe über ihren Oberschenkel rinnen spürte, genügte dennoch der beständige, stechende Schmerz in ihrem Muskel, um ihr zu versichern, das etwas nicht in Ordnung war. Vor einer Woche war sie noch auf eine Krücke gestützt gelaufen und heute hatte sie ihrem Bein definitiv zu viel zugemutet, indem sie so schnell gerannt war wie noch nie in ihrem ganzen Leben zuvor. Selbst wenn sie ihren Verfolgern ein Schnippchen schlagen konnte und diese sie hier nicht entdeckten, würde sie sich bestenfalls humpelnd und hüpfend fortbewegen können und sie war noch weit von Scotts Wohnung entfernt.

Indes würde der Tag angebrochen sein und der letzte Schutz, auf den sie gebaut hatte, wäre dahin. Irgendwo in der Nähe brachen mehrere Krähen aus dem Geäst eines Baumes und erhoben sich hektisch flatternd in den Himmel, der unentschlossen darüber zu sein schien, ob er heute ein blaugraues oder doch ein freundlicheres, helleres Gewand tragen sollte. „Da drüben!", zischte der andere Cop, den Erin nicht sehen konnte, weil er die andere Seite der Weggabelung abgesucht hatte. Kurz darauf rannte der Polizist, der nur wenige Meter vor ihr gestanden hatte, in südöstliche Richtung davon. Erin wagte lange Zeit nicht die geringste Regung, selbst als die Schritte ihrer Verfolger längst verklungen waren. Sie wollte ihrem Bein ein wenig Ruhe gönnen, obschon sie wusste, dass einerseits die Kälte gefährlich für sie war und auch der anbrechende Tag immer größere Tücken für sie bereithalten würde. Etwa eine Viertelstunde brachte sie noch abwartend in ihrem Versteck zu, ehe sie damit begann, die Jacke wieder aus ihrer Tasche zu fädeln und sie sich überzuziehen. Das Material war zunächst so kalt, dass Erin glaubte, noch mehr zu frieren, wenn sie die Jacke trug, nach und nach nahm der Stoff jedoch ihre Körperwärme auf und dämmte sie ein.

Langsam erhob sie sich und wurde kurzzeitig von nackter Panik übermannt, als sie fast wieder der Länge nach hingefallen wäre, weil ihr linkes Bein völlig taub war. Durch ihre krampfhafte Haltung war es eingeschlafen und benötigte einige Zeit, um wieder völlig belastbar zu werden. Das Prickeln tausender unsichtbarer Nadelstiche pflanzte sich von ihrer Hüfte an bis zu ihrem Knie fort und ließ ihr Bein seltsam schwer und unnütz erscheinen, wie ein totes Gliedmaß, das man nur noch mit sich herumschleppte, weil es noch an den Rest des Körpers angewachsen war. Erin zwang sich dazu, Ruhe zu bewahren und massierte den gefühllosen Muskel mit ihrer linken Hand, bis nach und nach ihre Nervenenden die Signale ihrer Berührungen weiterleitete und sie das Gefühl hatte, ihrem Bein wäre mit einem Mal wieder Leben eingehaucht worden. Sie wagte vorsichtige Bewegungen und glitt gänzlich aus ihrem Versteck hervor, streckte sich behutsam, was ihre überstrapazierten Wirbel mit einem dumpfen Knacken kommentierten. Sie sah sich um und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass weit und breit kaum jemand zu sehen war. Einige sehr disziplinierte Bürger Gothams absolvierten joggend ihr Pensum Morgensport, bevor es zur Arbeit ging, beachteten Erin aber nicht, was zum Teil an den Ohrstöpseln von ihren Mp3-Playern lag, die sie ein wenig von ihrer Umwelt abschnitten. Nie war die junge Frau so froh über ihre unscheinbare Art gewesen.

Sie verbrachte einige Minuten an Ort und Stelle und überlegte sich, wie sie auf dem sichersten Weg zu Scotts Appartement gelangen konnte. Der schnellste Weg war immer noch der Bus, mittlerweile war er allerdings auch der gefährlichste. Auch wenn Gothams Polizei zu dem Schluss kommen würde, dass Erin es nach der Kontrolle nicht mehr wagen würde, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, würden sie genügend Cops bereitstellen, die die Fahndung nach ihr fortsetzten. Zu Fuß würde sie den halben Tag benötigen, sofern ihr Bein überhaupt so lange mitmachen würde. Noch dazu musste sie Schleichwege wählen, um möglichen Polizeistreifen zu entgehen, und ebendiese Straßen waren berüchtigt für ihre Gefährlichkeit. Erin hatte keine Lust darauf, einem Vergewaltiger oder gewalttätigen Junkie in die Arme zu laufen. Oder Schlimmerem. Am besten würde sie vorankommen, wenn sie selbst einen fahrbaren Untersatz zur Verfügung gehabt hätte. Das Geld für ein Taxi hatte sie zwar auch, aber so wie sie unterwegs war, würde sie nur unnötig Aufmerksamkeit erregen. Langsam regte sich in ihr auch der Hunger. Seit Alfreds Frühstück vom Vortag hatte sie nichts mehr in den Magen bekommen, hatte die Wegzehrung aufsparen wollen. Sie wagte es nicht, draußen in aller Öffentlichkeit eine Essenspause einzulegen, und so schleppte sie sich leicht hinkend voran. Sie suchte zunächst Schutz im nahen Einkaufszentrum. Die wenigsten Geschäfte darin waren bereits geöffnet, aber Erin peilte ohnehin einen anderen Zielort an. Im darunter liegenden Parkhaus würde sie vorläufig sicher sein, etwas zu sich nehmen und, wenn ihr das Glück hold war, auch ein Auto finden, das nicht abgeschlossen war. In Gotham City waren die Menschen zwar rar geworden, die in ihren Autos die Schlüssel liegen ließen, schließlich war die Kriminalitätsrate in dieser Stadt alles andere als vertrauenserweckend, aber die Hoffnungs starb bekanntlich zuletzt.

Erin konnte es im Stillen nicht so recht fassen, dass sie wirklich über einen Wagendiebstahl nachdachte, aber andererseits hatte sie sich tief genug in Probleme hineingeritten, um zu solch unlauteren Mitteln zu greifen. Das Parkdeck war nicht sehr viel wärmer als die Stadt selbst, doch hier wehte wenigstens kein zugiger, frostiger Wind, der Urheber ihres Frierens gewesen war. Sie begab sich auf leisen Sohlen in eine abgedunkelte Ecke des Parkhauses und ließ sich müde an der Wand im Schutze eines schwarzen Mercedes nieder. Alfred hatte ihr ein paar Brote geschmiert und in Papier abgepackt. Es erschreckte sie ein bisschen, wie laut das Rascheln der Verpackung in der einsamen Stille des Decks erklang und widerhallte.

Vielleicht', dachte sie mit einem schiefen Grinsen, ‚werde ich nicht rennend auf der Flucht gestellt, sondern weil ich zu laut esse.' Herzhaft und mit einem Bärenhunger biss sie in das Brötchen, das immer noch überraschend frisch schmeckte. Es war mit Käse und Salat belegt, Mayonnaise sorgte dafür, dass es saftig geblieben war. Binnen weniger Minuten hatte sie das gesamte Brötchen verschlungen und ihren größten Hunger gestillt. Ihr Magen reagierte auf ihr hastiges Schlingen mit vagem Sodbrennen. Sauer stieß ihr die Magensäure auf, die sie eiligst wieder herunterschluckte. Sie nahm ihren rebellierenden Magen in Kauf. Ein rotierender Magen war immer noch besser als ein leerer.

Erin zerknüllte das Papier und ließ es wieder in ihre Tasche fallen. Es war zwar eher unwahrscheinlich, dass sie Gotham Citys Polizei eine Spur aus Brotkrumen legen würde wie Hänsel und Gretel, aber trotzdem wollte sie sich den Luxus von Unbedachtheit nicht leisten. Die ersten Autos wurden in das Parkhaus gelenkt und auf diversen Etagen abgestellt. Erin versteckte sich noch einige Zeit im Schatten mehrerer Wagen, achtete dabei darauf, keine der Überwachungskameras auf sich zu lenken, und hielt beobachtend Ausschau, wann immer ein neues Auto hielt. Diese waren die heißesten Kandidaten dafür, von Erin entführt zu werden. Ein frisch abgestelltes Auto bedeutete, dass der Besitzer wahrscheinlich nicht binnen der nächsten fünf Minuten wieder zurückkehren würde, was ihr einen sicheren Zeitrahmen dafür gab, einen der Wagen zu entwenden. Stets huschte sie geduckt zwischen den Autos entlang und probierte ein Türschloss nach dem nächsten, doch wie sie befürchtet hatte, waren sie allesamt verschlossen.

Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, die Erins Vermutung, bereits Stunden in diesem Käfig aus Beton zuzubringen und eine Enttäuschung nach der anderen zu erleben, bestätigte. Sie dachte schon daran, doch ihr Glück zu Fuß zu versuchen, als ein olivgrüner GMC die Einfahrt hinaufgefahren kam und nur wenige Meter von Erin entfernt hielt. Ein Mann mittleren Alters mit schwarzem stark gegeltem Haar, im Anzug und mit Aktentasche bewaffnet, stieg aus und verschloss seinen Wagen, ehe er in Richtung Treppenhaus stürmte. Auf halbem Wege machte er Kehrt und lief zurück, öffnete den Wagen wieder und holte etwas aus dem Handschuhfach heraus. Ohne ihn diesmal abzuschließen, eilte er mit dem Blick auf seine vergoldete Armbanduhr fixiert wieder zurück. Wahrscheinlich kam er gerade zu spät zu einem morgendlichen Meeting der Geschäftsführer. Was ihn zu seiner Eile antrieb, wusste sie nicht und war auch für sie nicht von Interesse. Wichtig war nur, dass der GMC offen war. Ob er den Schlüssel mitgenommen oder verlegt hatte, entzog sich ihrer Kenntnis, aber sie hatte sich bereits sehr oft bei dem alten Klappergestell von einem Auto, das dem Hausmeister gehört hatte, zu helfen gewusst, wenn die Zündung den Zündschlüssel wieder einmal nicht akzeptiert hatte. Sie stahl sich an mehreren großen Autos vorbei, bis sie sich vor dem breiten Grill des GMCs wiederfand.

Sie schlängelte sich auf die Fahrerseite und streckte die Hand aus. Was das leise Klicken, das das Öffnen der Autotür verursachte, in Erin auslöste, war nicht in Worte zu fassen. Erleichterung überkam sie so heftig, dass ihr fast die Tränen in die Augen schießen wollten, wäre sie gleichzeitig nicht viel zu aufgeregt gewesen. Die Tür war schwer und klobig wie der Rest des Wagens. Erin schlüpfte hinein und schlug sie so leise zu, wie es ihr möglich war, lehnte sich für ein paar Sekunden in den bequemen Fahrersitz zurück und atmete tief durch. Sie musste sich zusammenreißen, die Augen offen zu halten. Die Versuchung war zu groß, sich einfach eine Weile auszuruhen. Es hätte ein böses Erwachen gegeben, wenn der Besitzer des Wagens zurückgekommen wäre. So aber zwang sich Erin in eine aufrechte Sitzposition und sah sich im Innenraum des Autos um. Ihre Hoffnung, der Eigentümer hätte seinen Schlüssel möglicherweise in seiner Hektik auf dem Beifahrersitz liegen lassen, bestätigte sich nicht, aber nur dahingehend, dass er nicht auf dem Sitz, sondern auf der Fußmatte davor gelandet war, wie Erin nach kurzer Inspektion feststellte. Sie schnappte sich den Schlüssel und drückte ihn in ihrer Freude an sich, presste einen Kuss darauf und steckte den Schlüssel in die dafür vorgesehene Zündung. Wäre sie fähig gewesen, einen Jubelschrei auszustoßen, hätte sie es getan, so aber musste das willige Knurren des Automotors diese Aufgabe für sie übernehmen.

Erin, die seit langer Zeit nicht mehr gefahren war, musste sich zunächst noch mit den Armaturen vertraut machen, wobei es ihr sehr entgegenkam, dass der GMC ebenfalls über ein Automatikgetriebe verfügte, hatte sie schließlich im Laufe der Jahre verlernt, mit Gangschaltung zu fahren. Sie stellte den Rückspiegel und den Sitz auf ihre Bedürfnisse ein, schaute dann über ihre rechte Schulter und parkte den Wagen aus. Es fiel ihr schwer, zu begreifen, dass sie gerade wirklich ein Auto stahl. In ihrer Brust wütete eine unbändige Mixtur aus Emotionen. Angst vor ihren Verfolgern, Euphorie über diesen kleinen Erfolg, Sorge um ihre Freunde, Traurigkeit darüber, Scott vielleicht nicht mehr wiederzusehen. All das bündelte sich in ihr zusammen und erschwerte es ihr, einen klaren, rationalen Gedanken zu fassen. Sie wusste nur, dass sie verschwinden musste, und das schleunigst. Kaum hatte sie ausgeparkt, schlug sie das Lenkrad ein und fuhr den Wagen aus der Tiefgarage. Es war unvermeidlich, dass sie die Kameras aufgenommen hatten, doch bis der Besitzer des GMCs wieder zurückkehrte und feststellen würde, dass sein Auto geklaut worden war, hätte es Erin längst an einer Seitenstraße abgestellt und wäre ihres Weges gezogen. Es war ein ungewohntes Gefühl, bewusst gegen die Spielregeln zu verstoßen und doch erfüllte es Erin nicht mit einem schlechten Gewissen. Das hatte sie vielleicht verspürt, als sie den Polizisten geschlagen hatte, aber jetzt hatte sie seit Langem wieder das Gefühl, dass das Glück auf ihrer Seite stand und wenn es sich nun einmal dadurch ausdrückte, dass ihr ein Diebstahl gelang, so gab sich Erin damit zufrieden. Das machte sie noch lange nicht zu einem Verbrecher.

Die Reifen des GMCs quietschten laut, als dessen junge Fahrerin etwas abrupt Gas gab und die Räder kurz durchdrehten. Schon bald aber fügten sie sich ihrem gewöhnlichen Rhythmus und flossen elegant über den Asphalt. Auf Gothams Straßen hinauszufahren und das gleißende Sonnenlicht im Gesicht zu spüren, hatte etwas unaussprechlich Befreiendes an sich. Dass sie vor Erleichterung nun doch Tränen vergoss, merkte Erin erst, als die salzigen Tropfen von ihrem Kinn perlten und auf dem Lenkrad landeten. Sie machte sich nicht die Mühe, sie aus ihren Augen zu wischen, sondern lachte vor überschäumendem Herzen. Zwar war sie dazu verdammt, stumm zu lachen, aber das Gefühl, wie sich ihr Zwerchfell immer wieder sanft zusammenzog und ihr Mund ein strahlendes Lächeln formte, war entschädigend genug. Erin passierte eine Kreuzung entschied sich dafür, die Schnellstraße zu nehmen, um den bald schon lahmenden Verkehr der Innenstadt zu umgehen. Für einen Moment schoss ihr durch den Kopf, hier und jetzt mit diese Wagen einfach auf dem Highway in Richtung Westen zu fahren; so lange, bis sie entfernt am Horizont die Linie des Pazifiks begrüßen würde.

Dieser nur Sekunden andauernde Höhenflug wurde von ihrem einschreitenden Verstand jäh beendet. ‚Ich kann nicht gehen, ohne Matthew zu verabschieden. Nicht, ohne Nell noch einmal gesehen und umarmt zu haben. Nicht nach allem, was passiert ist.'

Erin wünschte sich von Nell und Patricia keine Absolution, keine Freisprechung von ihrer Schuld, denn dazu wären sie ohnehin nicht fähig gewesen. Jetzt zu gehen, obwohl es vielleicht der cleverste Weg gewesen wäre, wäre herzlos und undankbar gewesen. Es wäre dem gleichgekommen, was sie Danny damals angetan hatte, obschon die Entscheidung darüber im Gegensatz zu jetzt nicht in ihrer Hand gelegen hatte. Scott hatte ihr zwar davon abraten wollen, dort aufzutauchen, aber Erin wusste einfach, dass sie es mit ihrem Gewissen nicht hätte vereinbaren können, Le Gardien und dem Zuhause, das dieser Ort für mehrere Monate für sie gewesen war, selbstgerecht den Rücken zuzukehren. Es mochte naiv und dumm sein, aber wenn Erin wirklich dort aufgegriffen und wieder Talburne vorgeführt wurde, dann wusste sie sich wenigstens frei von jeglicher Schuld. Auf dem Weg zur Auffahrt der Schnellstraße passierten sie zwei Streifenwagen Gothams, doch weil es auch dabei blieb, behielt Erin die Nerven und fuhr zielgerichtet nordwärts. Als sie sich einige Minuten später in die richtige Abfahrt einfädelte, machte sie sich erstmals Gedanken darüber, wo sie den gestohlenen Wagen abstellen konnte. Es war nicht gerade ein Luxusauto, aber dennoch zu gut und protzig, um es in jener Gegend abzustellen, in der Scott lebte. Möglichweise fand sich neutraler Boden, auf dem sie den Wagen abstellen könnte und wo er keine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Eine geschlagene Stunde später fand sie diesen Ort nahe einer weiteren Einkaufspassage, an die ein Wohngebiet der Mittelklasse angrenzte. Sie stellte den Wagen ab, packte ihre Tasche, verstaute den Schlüssel hinter der Blende und stieg aus, ehe sie sich in den Menschenstrom begab, der gemütlich an den Geschäften entlang schlenderte. Es waren hauptsächlich alte Menschen, die zu dieser Stunde unterwegs waren, nur einige wenige Erwerbstätige drängelten sich hier und da vorbei und störten den ansonsten fast trägen Fluss, der mit der Gemütlichkeit eines Donnerstagvormittags vor sich hinplätscherte. Inmitten der mit Krücken bewaffneten und krumm gehenden Menschen fiel ihr Humpeln gar nicht weiter auf. Trotzdem beneidete sie alle, die einen Gehstock hatten, auf dem sie sich abstützen konnten. Obwohl sie seiner Wohnung ein bedeutendes Stück näher gekommen war, fühlte es sich für Erin wie ein endlos langer, kompliziert gewundener Weg an, der noch vor ihr lag. Die Schmerzen in ihrem Bein waren dabei alles andere als zuträglich, dass sich ihre Lage verbesserte. Sie hoffte, Scott würde in seinem Badschrank noch ein paar Aspirintabletten und frisches Verbandszeug lagern, das sie um ihre Hand wickeln konnte. Fast zwei Stunden später gelangte das Gebäude, in dem Scott wohnte, endlich in Sichtweite.

Auf ihrem Weg zu seinem Viertel hatte sie einige Hindernisse überwinden müssen, hatte sich über Hinterhöfe schleichen müssen, um von einer Polizeistreife unentdeckt zu bleiben. Wenigstens war ihr ein weiterer atemraubender Spurt erspart geblieben. Nun lehnte sie an der Hauswand aus rotem Ziegelstein, wie ihn Erin nur von den Universitätsgebäuden im Nordosten des Landes her kannte, und beobachtete den Hauseingang, wartete auf den richtigen Moment, um möglichst leger auf das Haus zuzugehen, um andere Nachbarn keinen Verdacht schöpfen zu lassen. Es verlangte ihr alles ab, nicht zu humpeln. Nur mit zusammengebissenen Zähnen brachte sie noch die wenigen Meter hinter sich, die sie vor dem sicheren Hafen trennten. Die Haustür erwies sich als etwas renitent, doch als sich Erin mit ganzer Kraft dagegenstemmte, gab sie ihren zwischenzeitlichen Widerstand auf und öffnete sich. Das Treppenhaus, das schon lange keinen fegenden Besen oder Lappen gesehen hatte, war vom modrigen Gestank nasser Tapete erfüllt, unter der der Schimmel wie in seinem zweiten Frühling wucherte und sich auf die Haut des gesamten Hauses übertrug.

Angewidert legte Erin die rechte Hand vor den Mund. Ihre Hand roch zwar auch nach Schmutz und Blut, aber diese Geruchskombination war weitaus erträglicher als der faulende Geruch, der ihr entgegenschlug. Scott wohnte im dritten Stock, daher blieb sie von einem übermäßig anstrengenden Aufstieg der hohen Treppenstufen verschont. Zweimal hatte sie das Gefühl, dass jemand im Treppenhaus wäre oder sich eine Tür öffnete, doch nie erhaschte Erin einen Blick auf etwaige Nachbarn. Ihre sensibilisierten Sinne schienen eine Paranoia zu nähren, die ihr fremd war und sie beunruhigte. Umso erleichterter war sie, als sie die richtige Etage erreicht hatte und Scotts Schlüssel abermals benutzen konnte. Schnell fiel sie in den Flur seiner Wohnung und ließ die Tür ins Schloss gleiten.

Mit dem Rücken lehnte sie daran und atmete tief durch. Scotts Korridor war in Schatten gehüllt und wurde einzig dadurch beleuchtet, dass eine offene Wand in die Wohnküche führte, durch die das Tageslicht seine Fühler auch in den Gang erstrecken konnte. Seitlich vom Flur zweigten zwei weitere Zimmer ab, eines musste das Badezimmer, das andere Scotts Schlafzimmer sein. Erin stattete dem Bad den ersten Besuch ab, verrichtete ihr Geschäft, legte den Verband ihrer Hand ab, wusch diese und suchte in den Schubladen nach brauchbarem Material. Sie wurde fündig. Nicht nur eine neue Bandage und schmerzlinderndes Sportgel fielen ihr in die Hände, sondern auch eine ganze Packung Aspirin, von der nur wenige Tabletten fehlten. Mit zwei Tabletten in der Hand humpelte sie in die Küche, schenkte sich ein Glas Leitungswasser ein und spülte damit die Schmerztabletten herunter. Sie würde Scott eine Nachricht mit seinem Telefon schreiben, sich hinlegen, nur für ein paar Stunden. Dann etwas essen, vielleicht ihre Vorräte aufstocken. Duschen, oh ja, duschen würde sie auch. Der Freitag und damit Matthews Beerdigung würde früh genug kommen und sie aus ihrem so mühsam aufgesuchten Domizil vertreiben. Sie aus Gotham City vertreiben.

Die Wehmut, die sich ihren Weg in ihr bahnte, schüttelte sie nur mit Mühe ab und rang sich dazu durch, Scott nur eine Nachricht zu schicken und ihn nicht anzurufen. Selbst wenn sie sowieso nichts hätte sagen können, hätte sie so wenigstens noch einmal seine Stimme gehört, genau wie die Versicherung, dass alles wieder gut werden würde. Denn obwohl sie sicher hier angekommen war, war Erins Herz schwer vor Sorge im Bezug darauf, wie es weitergehen sollte. Was für eine Zukunft wartete auf sie, wenn sie Gotham erst einmal hinter sich gelassen hatte? Würde sie landesweit gesucht werden und sich an den Zustand gewöhnen zu müssen, auf der Flucht zu sein, oder gelänge es ihr, sich irgendwo eine neue Existenz, vielleicht unter einem anderen Namen, aufzubauen? Erin konnte es nicht sagen, nicht einmal eine vage Prognose in den Raum stellen. Sie wusste nur, dass eine harte Zeit auf sie zukommen würde.

Was sie nicht wusste, war, dass sie diese harte Zeit nicht etwa irgendwo auf der Straße in Richtung Westen erwartete, sondern hier in Gotham City. Denn es war leichter, in diese Stadt zu gelangen, als aus ihr auszubrechen.