A/N: Ich glaube, es bleibt mir nichts anderes übrig, als ein demütiges, leises Danke an euch Leser loszuwerden. Es scheinen ja doch noch mehr übrig zu sein, als mein kümmerliches Auge erblicken kann. Dafür danke. Von ganzem Herzen. Jetzt aber weiter im Geschehen. Viel Spaß!!

Scar Tissue

17

Von Freak zu Freak

Man gilt als verrückt

Folgt man nicht Regeln einer

Verrückteren Welt.

Schlaf war nicht mehr als ein Nebel, dessen Konsistenz variierte. Manchmal war er so dicht, so undurchsichtig, dass er die Realität völlig verschleierte, uns vollkommen von den wirklichen Ereignissen, die sich während unserer Ruhezeit zutrugen, abschnitten. Andere Male war er nicht mehr als nur ein dünnes Wabern, nicht mehr als eine Seifenblase, die nur den Anblick unserer echten Umwelt flirrend und schillernd verzerrte. Irgendwann jedoch lichtete sich jeder Nebel und gab Stück für Stück das preis, was er zuvor verhüllt hatte, wie ein Vorhang der sich langsam lichtete, ehe die Theatervorstellung in den nächsten Akt überging. Der Schlafende war verwirrt und wusste anfangs nicht, ob er noch schlief oder wachte, während er auf dem schmalen Grad zwischen den Bewusstseinsebenen balancierte.

Auch Erin konnte nicht recht sagen, ob sie noch träumte oder ob sich das, was sie hörte, in Wirklichkeit ereignete. Nur wenige Meter von ihr entfernt hörte sie das Lachen mehrerer Kinderstimmen, ehe sie jubelten und einander Dinge zuriefen, die sie nicht recht verstand. Ein gleichmäßiges Scheppern gegen eine der Hauswände drang mit zunehmender Penetranz an ihr Ohr, war zu hartnäckig und laut, um sich nur in ihrem Unterbewusstsein abzuspielen. Obwohl ihre Lider noch viel zu schwer waren und sich vehement dagegen sträubten, geöffnet zu werden, überwand Erin ihre Müdigkeit und blinzelte. Ihr Kopf ruhte auf Scotts Federkissen, die blaue Steppdecke lag locker auf ihren Schultern. Sie musste mehrere Male blinzeln, ehe die Sicht aus ihren schlaftrunkenen blauen Augen etwas klarer wurde. Scotts Schlafzimmer war noch immer in dichte Schatten gekleidet, allerdings waren sie in der Zwischenzeit gewandert.

Erschöpft und ohne jedes Zeitgefühl setzte sich Erin auf und strich sich über das Gesicht. Ein Blick auf die Uhr überraschte sie, indem er ihr versicherte, dass es bereits 8 Uhr morgens war. Sie seufzte und schloss kurz wieder die Augen, zog die Knie an die Brust und atmete tief durch. Dass sie so lange und ohne jede Störung durchgeschlafen hatte, war einerseits ein Zeichen dafür gewesen, dass sie sehr ausgelaugt und geschafft gewesen war, andererseits hatte das Aspirin das seine dazugetan. Zumindest war sie noch immer auf freiem Fuß und es ging ihr den Umständen entsprechend gut. Die Verletzung an ihrem Oberschenkel machte sich nur noch durch ein unterschwelliges Ziehen bemerkbar, jetzt traute sie sich sogar zu, aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen. Dennoch beschloss Erin, einen Teil von Scotts Schmerzmittelvorrat mitzunehmen, schließlich lag vor ihr eine lange Reise. Auch wenn sie getrost darauf verzichten konnte, noch einmal vor der Polizei wegzurennen, musste sie damit rechnen, dass die Belastung für ihren angeschlagenen Muskel hoch werden würde.

Sie schob die Decke beiseite und betrachtete ihren Oberschenkel. Bevor sie sich in Scotts Bett gelegt hatte, hatte sie sich nur ihrer Schuhe, Socken und Jeans entledigt. Ihre Sachen lagen noch dort, wo sie sie gestern zurückgelassen hatte, säuberlich auf einem Stuhl zusammengelegt. Ihre Wunde war leicht geschwollen, aber nicht wieder aufgeplatzt, das Sportgel hatte die Haut recht gut beruhigt. Sie nahm sich vor, erneut das Gel aufzutragen und einen Verband umzulegen, erhob sich und trottete müde in das Badezimmer. Mit kaltem Wasser wusch sie die hartnäckigsten Spuren des Schlafes aus dem Gesicht, zog sich aus und schlüpfte unter die Dusche. Sie duschte kalt, um richtig wach zu werden, obwohl es sie zuerst Überwindung kostete. Ihr blieb erst der Atem weg, als das eisige Wasser über ihren Schopf und dann an ihrem Körper hinab glitt. Ihre Muskeln reagierten, indem sie sich zusammenzogen, eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem gesamten Körper aus, bis sie sich an die niedrigen Temperaturen des Wassers gewöhnt hatte. Sie atmete tief durch, genoss die Art und Weise, wie die Duschstrahlen ihren Körper massierten und sie ein wenig lockerten.

Eine Viertelstunde später drehte sie das Wasser ab, stieg aus der Duschkabine und hüllte sich in Scotts Bademantel, der ihr einige Nummern zu groß war. Sie führte den Stoff an ihre Nase und atmete den Duft tief ein. Sie bedauerte es, dass er nach Waschmittel und Weichspüler und nicht nach seinem Besitzer selbst roch. Was hätte sie dafür gegeben, wenn er mit ihr hier aufgewacht wäre und sie gemeinsam hätten frühstücken können. Erin wurde sich schmerzhaft dessen bewusst, was sie mit Scott hätte haben können, jetzt aber wohl nie erleben würde. In der Nacht im Krankenhaus waren sie sich nahe gewesen. Sehr nahe. Aber auch da hatte sich der Nebel viel zu schnell und unbarmherzig gelüftet.

Sie strich sich mit dem Baumwollstoff über die feuchten Haare und tapste auf nackten Füßen durch das Bad in den Flur zurück und in die Küche. Sie war ihm dankbar dafür, dass er ihr den Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben hatte. In einer Absteige hätte sie vermutlich kein Auge zubekommen, weil sie sich einfach nicht sicher gefühlt und in jedem Moment befürchtet hätte, dass ihr Zimmer von Polizisten gestürmt wurde. Diese vier Wände waren Erin nicht besonders vertraut, schließlich war sie nur einmal zuvor hier gewesen und das nur für einen Augenblick. Im Bademantel bekleidet kippte sie das Küchenfenster an und sah mehrere Kinder auf dem Hinterhof spielen. Sie traten abwechselnd an einen zerfledderten Fußball, von dem sich bereits das Leder löste, das in porösen Flocken bei dem einen oder anderen Schuss zu Boden rieselte. Das scheppernde Geräusch, das Erin geweckt hatte, hatte der Ball verursacht, der gegen die Mauer prallte. Sie fragte sich, warum die Kinder zu dieser Uhrzeit nicht in der Schule waren und dachte daran, dass das eine oder andere Kind von ihnen vielleicht in Le Gardien besser aufgehoben gewesen wäre.

Sie seufzte schwermütig bei dem Gedanken daran, die Kinder und das Waisenhaus vielleicht nicht mehr wiederzusehen, obwohl sie überlegt hatte, ob sie Le Gardien noch einmal aufsuchen sollte. Vermutlich rechnete Talburne nur damit, dass sie an ihre alte Wirkungsstätte zurückkehren würde und nicht nur für sie, sondern auch für alle anderen hätte ein Polizeiaufgebot Ärger bedeutet. Traurig verschränkte sie die Arme vor der Brust und fragte sich, ob die Kinder sie genauso sehr vermisste wie sie sie vermisste. Mit der Erinnerung an die vielen Stunden, die sie mit den Kleinen zugebracht hatte, überkam sie heftiges Heimweh, eine Empfindung, die sie so lange nicht mehr gehabt hatte. Mit halbherzigem Interesse füllte sie Leitungswasser in den Wasserkocher, um sich einen Tee zum Frühstück zu bereiten. Während das Wasser vor sich hin brodelte, schaute Erin durch die Gardine hindurch nach draußen, sah den Kindern, die sie auf acht bis zwölf Jahre schätzte, beim Spielen zu und lehnte mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe. Warum konnte nicht einmal ein kleiner Teil ihres Lebens nach Plan verlaufen?

Sie war fast dreißig Jahre alt und hatte nichts, das wirklich ihr gehörte. Nicht einmal das Geld und die Kleider, die sie an ihrem Körper trug, gehörten wirklich ihr. Sie hatte nichts, borgte und lieh sich nur Dinge, um mit ihnen weiterzuziehen und doch nirgendwo richtig sesshaft zu werden. Sie hatte geglaubt, in Gotham City würde ihr ein Neuanfang gelingen, Gotham City würde anders sein als all die anderen Städte, in denen sie gewesen war. Und Gotham City war in der Tat anders gewesen, wenn auch nicht in dem Sinne, wie sie es sich gewünscht hatte.

Das Brodeln des Wassers riss sie aus ihren schwermütigen Gedanken und lenkte sie ein wenig ab. Sie gab einen Pfefferminzteebeutel in ihre Tasse und schüttete das kochende Wasser darüber, ließ den Beutel darin tänzeln und wickelte ihn um den Henkel, um ihn einige Minuten ziehen zu lassen. Sie musste sich selbst beschäftigen, andernfalls würde sie nur anfangen zu grübeln und das würde letztlich nur dazu führen, dass sie sich selbst und ihre Pläne infrage stellte. Erin stapfte mit der Entschlossenheit, die ihr übrig geblieben war, in Scotts Schlafzimmer zurück, wollte sich anziehen und dann auf Matthews Beerdigung vorbereiten. Als sie an das Bett getreten war, auf dem sie fast zwanzig Stunden geschlafen hatte, löste sie den Gurt des Bademantels, um sich anzuziehen. Mitten in der Bewegung hielt sie inne, als sie etwas sah, das ihr vorher entgangen war.

Sie stutzte und rührte sich lange nicht, starrte mit wachsender Beunruhigung auf das Messer, das nur wenige Zentimeter von ihr entfernt in dem Federkissen steckte, auf dem Scott geschlafen hätte, hätte er die Nacht ebenfalls hier verbracht. Sie benötigte einige lange Sekunden, um diesen Anblick zu verdauen, der eine Kette verwirrender Fragen in ihrem Kopf kreisen ließ. Hatte das Messer eben schon dort gesteckt und sie hatte es nur nicht gesehen? Hatte es bereits aus dem Kopfkissen geragt, als sie gestern in Scotts Wohnung gekommen war? Warum war es ihr dann nicht früher aufgefallen? Ihre Hände ließen langsam von dem Stoffgürtel ab. Sie drehte den Kopf leicht zur Seite und lauschte angestrengt. Abgesehen von den Kinderstimmen draußen auf dem Hinterhof konnte sie keine auffälligen Geräusche hören. Nicht einmal das Ticken einer Uhr störte die trügerische Stille in Scotts Appartement. Erin schüttelte den Kopf über sich selbst, schloss die Augen, befeuchtete ihre Lippen und öffnete dann wieder die Lider. Das Messer bohrte sich noch immer in das weiche Polster, sie hatte es sich nicht nur eingebildet. Ein heftiger Schauer lief ihr über den Rücken, als sie daran dachte, dass ein ähnliches Messer fast genauso tief in ihrem Bein gesteckt hatte.

Egal, wie nachdrücklich ihre innere Stimme in ihrem Kopf ertönte und ihr riet, sich schnellstmöglich anzuziehen und zu verschwinden – sie hätte schreien können, Erin hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Es war, als hätte sie Wurzeln geschlagen und wäre unfähig gewesen, auch nur einen weiteren Schritt zu tun. Wie lange sie in Scotts Bademantel gehüllt so dastand und auf das Messer starrte, das sich durch den schneeweißen Bezug des Kopfkissens gegraben hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Irgendwann legte sich die Starre, die von ihr Besitz ergriffen hatte, und ermöglichte es ihr wieder, sich zu bewegen.

Sie machte ein paar wackelige Schritte nach vorn, ließ sich sehr zögerlich auf der anderen Seite des Bettes nieder und erkannte erst jetzt, dass die Klinge des Messers rot besudelt war. Bevor sie den Bezug des Kissens durchtrennte, teilte sie mittig zwei Spielkarten. Erin widerstand mit aller Macht dem wirklich starken Drang, sofort zurückzuweichen und sich schleunigst davon zu machen, und schloss erneut die Augen, um sich zu sammeln. Blinde Panik würde ihr nicht weiterhelfen, sondern sie in noch größere Schwierigkeiten bringen. Sie hob den Kopf und öffnete die Augen, wandte sich dann dem Kissen zu. Langsam beugte sie sich über das Bett und legte den Stoffärmel des Bademantels behutsam um den schwarzen Griff des Messers. Die linke Hand presste sie auf das Polster und zog gleichzeitig die Klinge mit nicht unbeachtlichem Kraftaufwand heraus. Sie hatte das Kissen gänzlich durchbohrt und sich tief in die Matratze vergraben.

Erin drehte die Klinge vor ihren Augen und versuchte zu erkennen, um was es sich bei der kupferroten Flüssigkeit handelte, die an der Schneide klebte. Sie wagte es nicht, sie zu berühren, daran zu riechen oder gar davon zu kosten. Ob es Blut war? Wenn ja, wessen? Zumindest war es ein halbwegs beruhigender Aspekt, dass es kein frisches Blut sein konnte.

Erin ließ von dem Messer ab und griff sich stattdessen die Spielkarten. Obenauf lag eine Jokerkarte, die eine neckische, unheimlich wirkende Clownsfratze abbildete. Rote Flecken, wahrscheinlich Tropfen der Flüssigkeit, die an der Klinge geklebt hatte, besudelten das Blatt, auf dem in gedruckten Lettern geschrieben stand: ‚Du bist süß, wenn du schläfst.'

Erin entglitten alle Gesichtszüge.

Der Daumen, der die unterste Kante der Karte umfasst hielt, presste sich fester gegen das Papier, zitterte leicht. Sie schluckte schwer, hörte nichts als den Pulsschlag in ihrem Ohr, der wie aus weiter, weiter Ferne ertönte. Langsam, wie in Zeitlupe, streifte sie die Spielkarte darunter hervor und sah das Bild der Herzdame. Auf ihr standen unzählige Hahahas und Hohohos geschrieben, die einen einzelnen Satz umrahmten, der Gänsehaut auf Erins Armen ausbrechen ließ: ‚Willst du spielen?'

Das edle Gesicht der abgebildeten Dame war mit roten und schwarzen Stiften bekritzelt worden. Ein irres Grinsen überschritt die Grenzen, die ihr zweidimensionales Gesicht vorgab, zwei schwarze Kreise ummalten ihre Augen, entstellten das hübsche Gesicht, das einst darunter gelegen hatte. Erin ließ die Karten auf das Polster fallen.

Du bist süß, wenn du schläfst.'

Ihr wurde schlecht und schwindlig. Er war hier gewesen, als sie völlig erschöpft geschlafen hatte. Er hatte sie beobachtet. Vielleicht konnte sie sich nur nicht daran erinnern, das Messer zuvor gesehen zu haben, oder aber es war wirklich erst hier gewesen, als sie aus der Dusche zurückgekommen war. Wenn Letzteres der Fall war, war er vielleicht noch hier. Der Joker. Danny. Sie drehte sich hastig um, so als hätte er die ganze Zeit hinter ihr gestanden wie in einem schlechten Gruselfilm. Dort erblickte sie allerdings nichts anderes als Scotts Kleiderschrank und den Schreibtisch, auf dem allerlei Schreibutensilien lagen. Erin konnte regelrecht fühlen, die das Blut in kraftvollen Schüben durch ihre Halsschlagader gepumpt wurde, die sich deutlich spürbar unter der empfindlichen Haut ihres Halses regte wie ein Muskel, gefangen in einem rastlosen Zucken. Es kostete sie viel Überwindung, doch letztlich schob sie die Decke weg und lugte unter das Bett. Auch dort keine Spur. Wahrscheinlich war der Abstand zwischen dem Teppichboden und der Unterseite des Bettes ohnehin viel zu knapp, um sich darunter zu verstecken, und Erin war auch dankbar darüber. Sie sprang von dem Bett hinunter, riss die Türen des Kleiderschranks auf und, als sie darin nichts Auffälliges fand, begab sich in die anderen Zimmer, um diese ebenfalls zu durchsuchen. Wie hatte das passieren können? Woher wusste er, wo sie war? Bis auf Scott wusste niemand, dass sie sich in seiner Wohnung versteckt hielt. Wie war er außerdem hier hinein gelangt? Erin hatte zwar die Wohnungstür nicht von innen verschlossen, aber sie war ohne Schlüssel von außen generell nicht zu öffnen.

Sie sah sich zerstreut in der Wohnung um, öffnete alle Schränke, zog sämtliche Vorhänge beiseite, aber nirgends konnte sie die Spur eines Eindringlings finden. Sie drehte sich um und meinte, in jedem kleinen Schatten eine Bedrohung zu sehen, schloss das angekippte Küchenfenster, obwohl kein Mensch durch diesen schmalen Spalt gelangen konnte und überprüfte den Messerblock, der auf Scotts Arbeitstheke stand. Es fehlte kein einziges Exemplar, das Messer in seinem Kopfkissen stammte also eindeutig nicht aus dieser Wohnung.

Du bist süß, wenn du schläfst.'

War er hier drin gewesen und hatte ihr beim Schlafen zugesehen? Warum hatte er sie nicht geweckt, ihr wehgetan oder sie einfach umgebracht? Was sollte das? Wollte er makabere Spielchen mit ihr spielen, sie fertigmachen? Es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben und einen klaren Gedanken zu fassen. Fakt war, dass sie hier nicht mehr sicher war, und nicht nur das, auch Scott schwebte in Gefahr. Hatte ihm der Joker möglicherweise vorher einen Besuch im Krankenhaus abgestattet? War die geronnene Flüssigkeit auf dem Messer wirklich Blut gewesen? Vielleicht Scotts Blut?

Erin lehnte rücklings gegen die Arbeitsfläche und atmete flach. Hektisch hob und senkte sich ihr Brustkorb, ehe sie sich entschloss zu handeln. Sie würde nicht wie ein verängstigtes Häschen in ihrem Bau hocken und darauf warten, dass sich der nächstbeste Räuber an ihr bediente. Entschlossen lief sie ins Schlafzimmer zurück und zog sich rasch an, suchte in Scotts Schrank nach alten Hemden oder Shirts, die sie mitnehmen konnte, packte all diese Sachen mitsamt einigen Konserven und gefundenen Nahrungsmitteln in ihre Tasche und griff zuletzt nach dem Messerblock. Sie zog zwei Schneiden daraus hervor, eines davon ein klobiges Fleischmesser, das andere mit schmaler, nur etwa halb so langer Klinge. Sie wusste nicht mit Messern oder anderen Waffen umzugehen, aber es war ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass man sich im Notfall wehren konnte, weil man einfach über die nötigen Mittel verfügte. Erin zweifelte zwar daran, ob sie einem Menschen jemals geflissentlich wehtun können würde, Notwehr hin oder her, doch sie hätte es vor einem halben Jahr noch für unmöglich befunden, einen Polizisten niederzuschlagen und ein Auto zu stehlen. Erin hoffte, dass sie nicht so tief sinken würde, dass sie dem Wohl anderer Menschen mit ähnlichem Gleichmut gegenüberstand. Sie fügte ihrer Tasche Schmerztabletten und Verbandszeug hinzu und konnte sie danach nur mit Mühe verschließen. Zuletzt griff sie nach Scotts Telefon und tippte eine Nachricht, die sie an sein Handy schickte: „Ich weiß nicht wie, aber der Joker war in deiner Wohnung. Es ist gefährlich, kehre nicht allein dorthin zurück!" Sie überlegte, ob sie noch etwas hinzufügen sollte, befand ihre Warnung aber für aussagekräftig genug und hoffte, Scott würde sich hüten, hierher zu kommen.

Es bestand nun kein Zweifel mehr daran, dass der Joker Interesse an ihr hatte, und da es wohl kaum um der alten Zeiten willen von friedliebender Natur war, musste sie ihre Freunde da heraus halten, so gut es ihr möglich war. Was hatte sie getan, dass sein Jagdinstinkt oder sein masochistischer Spieltrieb geweckt worden war? Lag es nur daran, dass sie ein Relikt seiner Vergangenheit war und um seine Identität wusste? Wenn er fürchtete, dass sie seinen Namen preisgab, warum hatte er sie dann nicht längst getötet? Bestand die Möglichkeit, dass er sie gar nicht töten wollte? Steckte in einem Teil von ihm immer noch der alte Danny? Ihr Freund? Es fiel Erin schwer, wirklich daran zu glauben. Was auch immer ihn zu dem hatte werden lassen, was er jetzt war, es beherrschte ihn und schien alles in ihm abgetötet zu haben, was einst menschlich gewesen war. Der Gedanke tat weh, aber nur wenn sie ihren Wunsch, in ihm noch ihren ehemals besten Freund zu sehen, gewähren ließ, verlor sie jeglichen objektiven und vernünftigen Blick auf ihn und das, was er war. Nicht ihr Freund, sondern ihr Feind, ein gefallener, luziferischer Engel. Wenn sie das im Auge behielt, würde es ihr leichter fallen, sich zu wehren, wenn es denn nötig wäre. Die einzige Chance, die ihr blieb, war Gotham City zu verlassen, und das so schnell wie möglich. Er würde ihr wohl kaum folgen, dafür hing er zu sehr an diesem Sündenpfuhl von einer Stadt. Dieser Ort schien für ihn zur Besessenheit geworden zu sein, ein einzig großer Spielplatz, auf dem er sich austoben konnte. Andernorts würde er sich vermutlich zu schnell langweilen. Batman, sein erbittertster Gegner, war schließlich hier und nur hier konnte der Joker sich wirklich entfalten.

Erin sah ein, dass ihre Denkweise recht egoistisch war, schließlich ließ sie ihre Freunde und die Waisenkinder in einer Stadt zurück, die halb vom Terror beherrscht wurde.

Sie seufzte schwermütig und sah auf die Uhr. Ihr blieben nur noch ein paar Stunden bis zur Beerdigung Matthews und ein langer Fußmarsch stand ihr bevor. Sie durfte nicht noch mehr Zeit vertrödeln, aber es kostete sie sehr viel Überwindung, überhaupt daran zu denken, zu fliehen, nach dem, was sie im Bett entdeckt hatte. Was hatte Alfred zu ihr gesagt? Dass die Ohrstecker, die sie trug, keine gewöhnlichen waren und sie, wenn sie in Not war, mit Batman in Verbindung stand? Wie sollte das funktionieren? Wodurch konnte er wissen, dass sie in Schwierigkeiten war? Hatte er sie damit markiert wie Rotwild, ihr einen Sender zugesteckt? Und – was Erin noch viel mehr beunruhigte – stand Batman wirklich auf ihrer Seite? Dass er wusste, wo sie war, war schon bedenklich genug, aber der Joker schien sie schließlich auch aufgespürt zu haben. War es vielleicht sogar möglich, dass der Joker davon profitiert hatte, dass Erin diese Stecker trug? Wenn dem so war, konnte sie Batman überhaupt noch trauen? Sie befühlte ihre Ohren und spürte die glatte, metallene Oberfläche der Schmuckstücke. War es vielleicht klüger, sie abzulegen? Erin haderte einige Sekunden lang mit sich selbst. Wem konnte sie schon vertrauen? Die Polizei war längst nicht mehr ihr Freund und Helfer, Batman kannte sie bei weitem nicht gut genug, um ihn und seine Motive besser einschätzen zu können und wenn sie sich an ihre Freunde wenden wollte, um Hilfe zu erbitten, brachte sie sie damit nur in große Gefahr.

Erin war auf sich allein gestellt. Und obgleich der Vorfall mit dem Messer ihre Angst schürte, stürzte sie dennoch nicht Hals über Kopf aus der Stadt und verwarf auch nicht den Gedanken daran, an Matthews Beerdigung teilzunehmen.

Sie fand in einer von Scotts Schubladen einen langen, schwarzen Schal, mit dessen Hilfe sie ihr Gesicht ausreichend verhüllen konnte. Sie kam nicht umhin, sich ein wenig schäbig zu fühlen, so wie sie sich an Scotts Eigentum bediente. All ihre Sachen, ihr weniges Hab und Gut, lag noch in Le Gardien, sofern es die Polizei nicht längst beschlagnahmt hatte. Ihr Herz blutete bei dem Gedanken an das Waisenhaus, das ihre Zuflucht gewesen war. Konnte sie riskieren, es einmal wiederzusehen oder mussten die Bilder, die ihre Erinnerung geschaffen hatte, genügen, um sie nicht vergessen zu lassen? Erin beschloss, es darauf ankommen zu lassen und spontan zu entscheiden, ob sie Le Gardien aufsuchen können würde oder ob es besser war, einfach zu gehen. Sie spähte auf die Uhr, schulterte ihre Tasche, zurrte die Jacke zu und wickelte den Schal um ihren Kopf, zog den Stoff bis zu ihrer Nase hoch und setzte zu guter Letzt eine Mütze von Scott auf, ehe sie ihre Handschuhe anlegte und sein Appartement verließ. Vorsorglich verschloss sie die Tür und schob den Schlüssel in ihre Jackentasche. Die Temperaturen waren niedrig genug, um ihren Aufzug zu rechtfertigen. Über Nacht waren sie weit unter null Grad gesunken und hatten die Minusgrade in den neuen Tag hineingetragen. Erin wusste nicht, ob sie noch einmal in Scotts Wohnung zurückkehren würde, zu viele andere Gedanken wirbelten und tobten in ihrem Kopf wie ein Schneesturm, löschten alles andere darin aus. So auch den Umstand, dass der Pfefferminztee, den sie angesetzt hatte, noch immer unangerührt auf der Küchentheke stand. Erin sollte niemals davon trinken.

***

Zwei weiße, zittrige Streifen flimmerten über das schwarzweiße Bild des aufgezeichneten Videos und machten die abgebildete Sequenz unkenntlich, ehe sie mit einem Mal verschwanden, kaum dass Talburnes breiter Daumen die Stoptaste betätigt hatte, die den Rückspulmodus beendete. Er hatte nicht mitgezählt, wie oft er das Band mittlerweile schon angesehen hatte, amüsierte sich aber immer wieder von Neuem darüber. Das Band der Überwachungskameras aus dem Parkhaus unterhalb der Gotham City Mall zeigte deutlich, wie Erin Porter einen dunklen GMC ausparkte und davonfuhr. Das Komische daran war nicht etwa, dass der Besitzer nur einige Minuten zuvor den Wagen abgestellt hatte, sondern wer der Eigentümer des Autos gewesen war. Kein Geringerer als Fabrizio Maroni, seines Zeichens Erbe von Salvatore Maroni, dem Oberhaupt der sizilianischen Mafia, die in Gothams Unterwelt wie Ungeziefer herumschwirrte. Ein aussterbender Clan, ohne Frage, aber auch lästig. Maronis kleines Imperium schmuggelte illegal Waffen und Sprengstoff ins Land und trug somit gravierend zur florierenden Zahl von Gewaltverbrechen bei. Und jetzt hatte die kleine Porter einfach den Wagen des Mafiabosses geklaut. Ob sie sich dessen bewusst war, dass sie sich damit in ein gefährliches Territorium begab?

Talburne rieb sich grinsend über das breite, stark ausgeprägte Kinn und kniff die schmalen Schlitze zusammen, die seine Augen waren. Ehemaliger Profiler hin oder her, er wusste nicht recht, ob sie wissentlich den Wagen Maronis entwendet hatte oder nicht. Es war nicht unwahrscheinlich, wenn sie mit dem Joker unter einer Decke steckte, denn der erlaubte sich so manchen Schabernack mit der altehrwürdigen Dynastie Gothams ureigenster Verbrecherfamilien. Im letzten Jahr hatte er sämtliche Mafiavereinigungen um ihre gesamten Ersparnisse leichter gemacht. Er zollte der Mafia keinen Respekt, zeigte keine Furcht, wenn er sich mit ihnen anlegte, obwohl sie ihr Handwerk gut genug verstand, um für ihn zum Problem zu werden. Sollte die Porter nun auch eine ähnliche kaltschnäuzige Cleverness an den Tag legen wie der Joker?

Talburne bezweifelte es. Er hielt sie nicht für dumm, sonst wäre es ihr wohl kaum geglückt, sich so lange vor seinen Leuten zu verstecken, beziehungsweise wie ein hakenschlagender Hase vor ihnen zu flüchten. Trotzdem wirkte sie unsicher, in dem, was sie tat, schien noch nicht sehr lange mit dem kriminellen Metier vertraut zu sein. Wenn sie aber im Auftrag des Jokers gehandelt und Maronis Auto geklaut hatte, welche Rolle spielte dann diese verdammte Fledermaus in dieser Farce? Er hatte ihr geholfen, auszubrechen, oder nicht? Und dann stattet er ihm, Commissioner Talburne, einen Privatbesuch ab, um ihm zu versichern, auf seiner Seite zu stehen? Wie durchtrieben war dieser maskierte Fatzke eigentlich? Mit wem spielte er hier ein falsches Spiel? Der Commissioner presste die wulstigen Lippen zusammen und schaltete denn das polizeiinterne Fernsehgerät aus, das er sich in sein Büro hatte bringen lassen. Das Auto Maronis hatte man jenseits des Stadtzentrums säuberlich eingeparkt in einer Einkaufsmeile aufgefunden. Ohne richterlichen Beschluss war es ihm aber verwehrt geblieben, den Wagen auf den Kopf zu stellen und möglicherweise Maroni dranzukriegen. Er und sein Mafiaanwalt hatten den Wagen schneller aus dem polizeilichen Gewahrsam herausboxen können, als dem Commissioner lieb war. Manchmal fragte er sich, ob Gotham City insgeheim nicht von den kriminellen Machenschaften der Mafia und korrupten Politiker regiert wurde anstelle von Gesetz und Ordnung. Talburne hatte am eigenen Leib erfahren müssen, wie sich die eigenen Männer gegen ihn gestellt hatten. Gordon würde das schon noch büßen. Talburne würde dafür sorgen, dass er so schnell keinen Fuß mehr in das Polizeipräsidium setzen würde, komme, was wolle. Und was Officer Jack Treather anging...nun, für ihn hatte er sich auch schon etwas ausgedacht. Etwas ganz Besonderes.

Es klopfte an die Tür und Talburne lehnte sich in seinen gefederten Schreibtischstuhl zurück. Es war Freitagvormittag und nicht nur die Polizeibeamten, sondern auch der Abschaum Gothams schien dem Wochenende entgegenzufiebern. Kurzum: Es gab alle Hände voll zu tun. Wahrscheinlich war das der Grund dafür gewesen, dass sich Treather um zehn Minuten verspätet hatte. Talburne nahm es griesgrämig zur Kenntnis und war fest entschlossen, ihm seine Makel auszutreiben. „Kommen Sie rein", donnerte seine Stimme durch den Raum, dessen Tür sich wenige Momente später öffnete. Treather trat erhobenen Hauptes und in seine Uniform gekleidet in das Büro des Commissioners und schloss die Tür hinter sich. Vor dem Schreibtisch Talburnes blieb er stehen und schaute abwartend geradeaus. „Sie haben nach mir verlangt, Sir?"

Sein seltsam hart wirkendes Gesicht drückte die übliche Entschlossenheit aus, aber die bläuliche Verfärbung unterhalb seines linken Auges prangte an ihm wie ein Schandmal und erinnerte daran, dass er eine unliebsame Begegnung mit Batman hinter sich gebracht hatte. Dass diese nicht so unfreiwillig gewesen war, wie Treather behauptete, konnte sich Talburne denken. Er musste sich eingestehen, dass er solch ein Verhalten nie von dem jungen Polizisten erwartet hätte. Umso mehr traf es ihn, dass er sich so deutlich gegen Talburnes Anweisungen gestellt hatte. Offiziell hieß es, er hätte den Ausbruch verhindern wollen, aber der Commissioner und der Nachwuchspolizist wussten es beide besser. Es war an der Zeit, genau das zur Sprache zu bringen.

„Setzen Sie sich, Junge!" Es war mehr ein Befehl als eine Bitte, dem Jack ohne zu zögern nachkam. Er zog die Mütze von seinem Kopf und platzierte sie auf seinem Schoß, legte die Hände auf die Krempe, um so ein unruhiges und nervöses Zappeln seiner Hände zu unterbinden. Talburne rückte mit seinem Stuhl näher an den Schreibtisch heran und obwohl er kleiner als Jack war, wirkte er durch seinen breiten, massigen Körper nicht nur kräftiger, sondern auch gefährlicher. Jack war die langbeinige Libelle, Talburne hingegen die Kröte, die sich auf den schmackhaften Fang freute.

„Ich habe Sie herbestellt, weil ich eine spezielle Aufgabe für Sie in Betracht ziehe, die mich vielleicht über ihren Fauxpas vom letzten Dienstag hinwegsehen lassen wird, wenn Sie sich gut genug anstellen." Treather schenkte ihm einen ausdruckslosen, abwartenden Blick. Er war Talburne gegenüber nicht nur reservierter, sondern auch vorsichtiger geworden, gerade, was Widerworte anbelangte. Ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, warf der Commissioner eine Mappe auf den Tisch, der Treather zunächst nur einen zögerlichen Blick zuwarf, ehe er sie aufschlug. „Sie sollten sich die Berichte sehr gründlich durchlesen", riet Talburne in beiläufigem Tonfall.

Jack schlug die Mappe auf und blätterte durch den Ordner. Zunehmend legte sich seine Stirn in Falten, je intensiver er den Inhalt des Hefters studierte. Talburne beobachtete die vielfältige Regung seiner Mimik mit selbstgerechter Genugtuung, während er sich in den Stuhl zurücklehnte und die nikotinverfärbten Finger auf seiner Brust ineinander verschränkte. „Das ist der Falcone Fall", stellte Jack leise fest und sah langsam von den Aufzeichnungen auf.

„Ganz recht." Talburne erlaubte sich ein humorloses Krötenlächeln und nickte dem Officer zu: „Ein wirklich dicker Fisch." Jack begegnete dem Blick des Commissioners mit abwartender Ruhe, doch Talburne konnte sich denken, dass es unter seiner harten Fassade brodelte. „Obwohl weithin bekannt ist, dass der Falcone-Clan kriminelle Nebentätigkeiten pflegt, haben die Beweise nie für eine Anklage ausgereicht", fasste Talburne zusammen, was in der Aktensammlung geschrieben stand, „Die sizilianische Mafia ist so ziemlich die einzige, die sich nach den Ereignissen des letzten Jahres behauptet hat und noch immer auf Unruhe in Gotham sorgt. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu früher. Damals hatte sie weitaus größeren Einfluss auf Gotham City. Trotzdem ist sie mir ein Dorn im Auge und ein potentieller Verbündeter des Jokers oder zumindest Mittel zum Zweck für ihn. Wenn wir schon nicht über Erin Porter an ihn herankommen, dann vielleicht über die Mafia. Ich bin mir sicher, dass er diesen Trumpf noch ausspielen wird und genau dann schlagen wir zu."

Treather konnte dem Commissioner sichtlich nicht folgen und hob die Hand, ehe er sagte: „Moment. Niemandem, nicht einmal Batman, ist es gelungen, nah genug an die Mafia heranzukommen. Wie wollen Sie herausfinden, wann sie sich wo versammelt und ob der Joker überhaupt mit ihr verkehrt?"

Die Naivität des Jungspunds brachte Talburne zum Schmunzeln. „Verdeckte Ermittlungen", lautete dann seine prompte Antwort, ehe er sich seufzend aus dem Stuhl erhob, der unter dem Verlust des nicht unerheblichen Gewichts deutlich hoch federte. „Sie wollen jemanden in die Mafia einschleusen?" Talburne spazierte hinter seinen Stuhl und legte die breiten Pranken auf die Lehne, auf der er sich abstützte. „Nicht irgendjemanden, mein Sohn", versprach er in heuchlerischem Ton, „sondern Sie."

Der Anblick, wie dem jüngeren Cop jegliche Farbe aus dem Gesicht wich, belustigte den Mann aus Chicago ohne Ende.

„Mich??" Das Entsetzen in seinen Augen konnte unmöglich gespielt sein. Umso mehr erfüllte es Talburne mit hämischer Freude. „Ja", erwiderte er nur und hob eine buschige Braue. „Aber...", begann Treather atemlos und schien gar nicht zu wissen, welches Gegenargument er zuerst vorbringen sollte, „wir reden hier von der Mafia und nicht von einer gewöhnlichen Gang. Da kann man nicht einfach so hineinspazieren und sich als neues Mitglied eintragen lassen!" Der Commissioner empfand den aufmüpfigen Tonfall des Frischlings für unangebracht. Er würde seine ständigen Widerworte schon noch bereuen. Auf die eine oder andere Art. „Ohne ihre Handlanger ist selbst die größte Mafiavereinigung ein Nichts. Man muss sich hocharbeiten, Treather. Was ist? Trauen Sie sich diese Aufgabe nicht zu?" Herausfordernd blitzten die grünen Augen aus dem aufgeschwemmten Gesicht hervor.

Jack biss die Zähne zusammen, weil er wusste, dass diese Aktion die Quittung dafür war, dass er einer Mordverdächtigen geholfen hatte, zu entfliehen. Obgleich es offiziell hieß, Batman habe ihn übermannt, wusste Treather mit Sicherheit, dass er Talburne nichts vormachen konnte. Der Mann war ein Schlitzohr und als ehemaliger Profiler sowieso eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Er wusste, dass Treather gegen ihn gespielt hatte und nun wurde er dafür auf die Strafbank versetzt. Dass Talburne jedoch zu solch drastischen Mitteln greifen würde, hätte selbst Jack, nach allem, was er gesehen hatte, nicht für möglich gehalten.

„Es geht nicht darum, ob ich mir eine solche Aufgabe zutraue oder nicht", erhob er Widerworte gegen seinen Vorgesetzten, auf dessen seltsam verzerrten Zügen das Lächeln festgefroren zu sein schien, „ich bin erst seit einem Jahr als Polizist auf der Straße und weiß nicht, ob ich die nötigen Qualifikationen mitbringe, um so eine wichtige Position zu bekleiden."

Talburnes Mundwinkel zuckte in einem willkürlichen Spasmus zusammen, als er hörte, wie gewählt sich das Bürschchen ausdrückte, um über seine steigende Nervosität hinwegzutäuschen. „Ich denke doch", widersprach ihm der Commissioner grinsend, „Sie haben meiner Meinung nach hervorragend unter Beweis gestellt, dass Sie fähig sind, unverblümt Märchen zu erzählen und vorzugeben, jemand zu sein, der Sie nicht sind." Talburnes Lächeln war kein Lächeln mehr. Sein Mund war eine grotesk verzerrte Linie, Ausdruck kühl berechnenden Kalküls. Treather hielt tapfer dem beunruhigenden Blick des Älteren stand, wenngleich er wusste, dass er gegen Talburne nicht ankommen würde. Er gehörte jener Sorte Mensch an, die durch ihre bloße Anwesenheit einschüchterte und selbst den selbstsichersten Mann dazu brachte, kapitulierend den Blick zu senken.

„Hören Sie...ich weiß, dass vieles zwischen uns schief gelaufen ist, aber ich wollte mich Ihnen nie widersetzen." Dass sich dieses Würstchen von einem Polizisten erdreistete, ihm so unverschämt ins Gesicht zu lügen, ließ Zorn in schwelenden Wogen durch seine Blutbahnen rasen und dennoch bewahrte er Contenance. Treather würde dafür büßen, bei Gordons kleiner Rebellion gegen ihn mitgemacht zu haben, aber er würde einen Teufel tun und sich dabei selbst die Hände dreckig machen.

„Dafür, dass Sie das nie wollten...haben Sie das bravourös hinbekommen", gab Talburne ironisch zurück. Der Blick des Officers ergab sich endlich dem stechenden Grün der Augen seines Gegenübers und wanderte hektisch über die Mappe in seinen Händen. „Ihre Methoden habe nicht nur ich als fragwürdig empfunden, Commissioner. Es tut mir leid, wenn ich Ihre Ermittlungen behindert habe, aber strafen Sie mich deshalb nicht damit, so einen gefährlichen Job zu übernehmen. Meine Frau ist..."

Talburne machte von seinem Vorrecht als Oberhaupt der Polizei Gebrauch und unterbrach den Cop, der rangmäßig weit unter ihm stand: „Gefährlicher Job? Treather, wenn Sie der Meinung sind, der Sinn des Lebens eines Polizisten besteht darin, Donuts zu essen, ab und an mit dem Streifenwagen unterwegs zu sein und mit der Dienstmarke einen auf dicke Hose zu machen, haben Sie sich gewaltig getäuscht. Ein Maulwurf in Maronis Bau und wir hätten Informationen über seine kleinen hässlichen Deals, könnten möglicherweise den Joker selbst liefern. Sie sollten meinen Vorschlag als Chance betrachten, sich zu beweisen, Junge. Wenn Sie nicht zustimmen, werde ich Sie wegen wiederholter Dienstverweigerung unbezahlt beurlauben. Langfristig."

Treathers so harte, wie aus Papier geschnittene Züge entglitten ihm endgültig und auch nach den richtigen Worten suchte er vergeblich. „Das...", brachte er fassungslos hervor, „das können Sie nicht machen!" Talburne stemmte seine wuchtigen Arme auf seinen Schreibtisch und lehnte sich weit zu dem Jungspund vor. „Und wie ich das kann", herrschte er ihn an, sodass die Tischplatte unter dem unerbittlichen Dröhnen seiner Stimme leicht vibrierte, „und ich werde auch nicht davor zurückschrecken, diesen Schritt zu tun."

Treather griff sich den letzten Strohhalm, der sich ihm darbot und presste hervor: „Die Dienstaufsichtsbehörde..." Talburne schnitt ihm brüsk das Wort ab: „Ist voll von alten Freunden von mir. Aber nur zu, versuchen Sie Ihr Glück." Jacks Vermutung, dass die Dienstaufsicht nicht ganz astrein war, bestätigte sich in diesem Moment voller Bitterkeit. „Ich brauche den Job. Ich habe eine Familie zu ernähren", appellierte er ohne große Hoffnung an die Menschlichkeit seines Vorgesetzten, die irgendwo in diesem sonderbaren Krötenkörper noch vorhanden sein musste.

„Dann ist es klug, wenn Sie Ihre Chance wahrnehmen."

Jack starrte Talburne fassungslos an. Das Blut pochte wegen seines beschleunigten Pulses in schmerzhaften Stößen durch den Bluterguss an seinem Auge, während er auf die Mappe in seinem Schoß hinabblickte. Maulwurf bei Maroni? Warum trug man ihm nicht gleich auf, den Joker zu fangen? Treather presste die Lippen zusammen. Warum wurde jeder bestraft, der für das Gute in Gotham City einstieg? Wieso hetzten die Bürger heute Hassparolen gegen den verstorbenen Harvey Dent, der ihnen so viel Gutes gebracht hatte? Wieso war Batman trotz allem ein Geächteter, obwohl er keinem ein Leid zu gefügt hatte? Oder wieso musste Jim Gordon seinen Posten abgeben, nur weil er Gothams Hoffnung hatte aufrecht erhalten wollen? Jack kam zu einer sehr bitteren Erkenntnis. Das Gute war in dieser Stadt nicht willkommen; weder in den obersten Reihen der Bürokratie, noch auf den Straßen. „Sagen Sie zu oder ich unterschreibe den Suspendierungsantrag, auf dem Ihr Name steht", bedrängte ihn Talburne.

Jack zögerte und sah sich einer Sackgasse gegenüber. Er konnte nur zwischen zwei Übeln wählen. Jobs lagen in Gotham nicht gerade auf der Straße herum. Zumindest nicht solche, die respektabel waren und ein Gehalt einbrachten, von dem man leben konnte. Seine Freundin und er waren überglücklich gewesen, als er nach seinem Abschluss in Gotham übernommen worden war. Wenn er jetzt ausschied, würde Talburne mit Sicherheit dafür sorgen, dass in seiner Dienstakte unvorteilhafte Einträge erschienen, die ihm eine Bewerbung bei anderen Polizeipräsidien unmöglich machte. Er war kein simpler, launischer Mann, sondern ein wahrer Tyrann mit Beziehungen, die ihn noch gefährlicher machten. „Sehen Sie, es ist ja nicht so, dass Sie ganz auf sich allein gestellt wären...die Sonderkommission ist schon seit Jahren an diesem Pack dran, die werden Ihnen hilfreich zur Seite stehen", behauptete Talburne. Ja, in der Tat war eine Sonderkommission damit beschäftigt, die Mafia Zelle für Zelle auszuschalten. Leider konnte man den Cops in dieser Einheit nicht über den Weg trauen, geschweige denn, ihnen sein Leben anvertrauen. Es ging das Gerücht um, dass gegen einige von ihnen wegen Bestechungsverdächtigungen bereits intern ermittelt worden war. Was, wenn Maroni einige dieser Cops gekauft hatten?

Jacks Mission würde nicht lang von Erfolg gekrönt sein, wenn die richtigen Informanten den Mafioso über sein doppeltes Spiel in Kenntnis setzten. Dennoch hörte er sich selbst wie aus weiter Ferne sagen: „Ich tu es." Blieb ihm etwas anderes übrig? Mit einer Verweigerung setzte er nicht nur seine eigene Zukunft, sondern auch die seiner Familie leichtfertig aufs Spiel. Des Weiteren wollte er nicht als Feigling dastehen. Die einzige Option, die ihm blieb, bestand darin, seinen Job so gut wie möglich zu machen und durchzuhalten. Erfolg bedeutete in diesem Falle, am Leben zu bleiben.

„Gut", lautete Talburnes bloße Antwort, die wie ein Peitschenknall durch das Büro hallte, „dann schlage ich vor, dass Sie sich mit Ihrer neuen Truppe auseinander setzen. Erste Einsatzbesprechung ist in zwei Stunden. Am besten, Sie machen sich derweil mit den Fakten vertraut." Treather blieb unentschlossen auf dem Stuhl sitzen und wurde das Gefühl nicht los, einen Pakt mit dem Teufel eingegangen zu sein. Erst Talburnes kommandierender Tonfall riss ihn aus seiner Trance: „Guten Tag, Officer." Mit einer winkenden Handbewegung bedeutete ihm der Commissioner, sein Büro zu verlassen, und kehrte dem jungen Polizisten dann den Rücken zu. Jacks Blick verharrte einige Sekunden auf dem breiten Kreuz des Mannes, an dessen Schultern das graubraune Jackett leicht spannte, dann klemmte er sich Polizeimütze und die Mappe unter den Arm und ließ Talburne in seinem eigenen kleinen, nach kaltem Zigarrenrauch riechenden Reich zurück.

Hätte der Commissioner ihm nicht den Rücken zugekehrt, dann hätte Jack auf seinem breiten Gesicht ein noch breiteres Grinsen gesehen, das alles andere als freundlich war. Winston Lawrence Talburne war ein Pläneschmieder, wie er im Buche stand. Und er liebte es, wenn einer seiner Pläne funktionierte.

***

Friedhöfe hatten den schlechten Ruf, ein unheimlicher, trister Ort der Vergessenheit zu sein. Gedenktafeln reihten sich zwar dicht an dicht aneinander, aber ihre Inschriften waren derart üppig mit Moos überwuchert, dass sie niemand mehr hätte entziffern können, selbst wenn er es darauf anlegte. Oder der Stein war nach Jahrzehnten, manchmal gar Jahrhunderten sichtlich verwittert und trug die Zahnabdrücke der Zeit auf seiner rauen Haut. Irgendwann, wenn Gräber zu sehr verwilderten, beseitigte man sie und schuf so Platz für eine neue Generation Verstorbener. In Gotham City wurde solcher Platz dringender benötigt als in vielen anderen Städten. Der Gotham City Cemetery, der in einem ruhigeren Teil und etwas abseits der Stadt gelegen war, erfüllte dieses nicht sehr schmeichelhafte Klischee. Erin, die hinter einer Baumreihe beobachtete, wie sich die ersten in Schwarz gekleideten Trauergäste zu Matthews Beerdigung einfanden, empfand die Atmosphäre auf diesem Friedhof als bedrückend. Zwar brach ab und an das Sonnenlicht durch die dichte Wolkendecke und ließ die mit Frost überzogenen Grashalme, die glatten Oberfläche der Grabsteine und die bunten Fenster der St. Catherine's Chapel in allen Farbtönen glitzern, aber sie richtete nichts dagegen aus, dass dieser Ort verlassen und tot wirkte.

Erin rieb die Hände aneinander. Selbst durch den Stoff der Handschuhe hindurch fror sie. Traurig stellte sie fest, dass sie es niemandem wünschte, in so einer trostlosen Gegend begraben zu werden. Obwohl Matthew, wenn sie dem psychologischen Gutachten, das im Zuge ihrer Hypnose erstellt worden war, Glauben schenken konnte, vermutlich nicht ganz unschuldig an ihrer Entführung durch den Joker gewesen war, so hegte sie dennoch keinen Groll gegen ihn. Wahrscheinlich beruhte dies auch darauf, dass sie nichts davon ahnte, dass er über lange Zeit ein falsches Spiel auf der Seite ihres wohl gefährlichsten Gegners getrieben hatte. Sie spürte den Impuls in sich aufsteigen, wieder kehrtzumachen, als sie zwei ältere Leute auf dem schmalen Weg hinaufgehen sah. Wahrscheinlich waren das Matthews Eltern.

Erin zog reflexartig den Schal ein Stückchen höher, sodass fast ihr ganzes Nasenbein unter dem weichen Stoff verschwand. Sie wollte abwarten, bis alle Gäste versammelt waren, sodass sie sich unauffällig in der letzten Reihe anschließen konnte. Solange wartete sie im Schutze der Bäume, während mehr und mehr Menschen entweder in einem Taxi oder mit ihren eigenen Wagen herbei gefahren kamen. Matthew hatte Zeit seines Lebens durch seine redselige, aufgeweckte Art immer sehr viele Freunde gehabt. Heute machten sie ihm ihre letzte Aufwartung. Je mehr Zeit verstrich und je mehr Leute auf den Friedhof strömten, desto nervöser schaute sich Erin um. Tief in ihrem Unterbewusstsein erwartete sie fast schon, dass eine Polizeistreife eine Schleife um das Gelände der Ruhestätte drehte, um nach ihr Ausschau zu halten. Dieser Anblick blieb ihr glücklicherweise erspart, ganz gleich, wie oft sie sich umdrehte. Entweder hielten es Gotham Citys Cops und allen voran Commissioner Talburne selbst für unwahrscheinlich, dass eine Mörderin zur Beerdigung ihres Opfers aufkreuzte, oder aber sie glaubten nicht, dass sie noch in der Stadt war. Ganz gleich, was von beidem zutraf, Erin konnte es nur recht sein, wenn die Gesetzeshüter von hier fern blieben. Unruhig hielt sie Ausschau nach ihren Freunden und Kollegen aus Le Gardien. Ob der ein oder andere hier auftauchen würde? Die Kinder konnten schließlich nicht allein gelassen werden, also würde wohl kaum die gesamte Belegschaft Matthew die letzte Ehre erweisen. Trotzdem hoffte Erin, wenigstens einen ihrer Freunde zu sehen und herauszufinden, wie es den anderen erging.

Ein eisiger Wind trieb die letzten braun-orangenen Blätter, die so beharrlich jeder Witterung getrotzt hatten, von dem kargen Geäst schweigsamer Pappeln. Raschelnd seufzend küssten sie den unterkühlten Erdboden und streiften Erins Stiefelspitzen. Sehr langsam setzte sie sich in Bewegung, wollte die Distanz ein wenig überbrücken, um in der Menschenansammlung vielleicht ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Mittlerweile hatten sich etwa vierzig Leute eingefunden, die den aufgebahrten Sarg stehend umringten. Mit Sicherheit hätte die Möglichkeit bestanden, Sitzreihen aufzustellen, doch bei den ungemütlichen Temperaturen waren wahrscheinlich alle daran interessiert, die Angelegenheit so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen.

Mit ein wenig Abstand zu den anderen Trauernden begab sich Erin weiter in die Nähe, ständig an ihren Sachen zupfend, um die Maskerade aufrechtzuerhalten, und einen Blick über die Schultern werfend, um zu prüfen, ob jemand Verdacht ob ihrer Anwesenheit schöpfte.

Sie war Matthew nicht nahe genug gewesen, um seine Freunde außerhalb Le Gardiens zu kennen, wusste allerdings auch nicht, ob seine Freunde untereinander kannten oder ob sie es gewohnt waren, ein paar fremde Gesichter zu sehen. Erin hoffte, dass sich einfach niemand dafür interessieren würde und die Gedanken eines jeden allein Matthew galten. Zwei ältere Männer gesellten sich abschließend zu der Runde, dann räusperte sich der Pfarrer und sprach an die stillschweigende Menge gerichtet: „Liebe Trauergemeinde." Er sah in die Runde und schaffte es, jedem ins Gesicht, doch keinen wirklich anzusehen, ehe er weiter sprach: „Wir haben uns heute hier versammelt, um gemeinsam Abschied von unserem Sohn, Bruder, Cousin, guten Freund und auch Kollegen Matthew zu nehmen." Erin hatte ihren Blick zu Boden gerichtet und sah sich aus dem Augenwinkel heraus in der Menge um, ohne den Kopf zu heben. Wenn der Prediger ansprach, dass Matthew für einige der hier anwesenden ein guter Kollege gewesen sei, so war es nicht unwahrscheinlich, dass wirklich Mitarbeiter des Waisenhauses hier versammelt waren. Die junge Frau hatte bisher nur noch niemanden entdecken können, schöpfte aber durch die Bemerkung des Pfarrers neuen Mut, ein vertrautes Gesicht zu erblicken.

„Abschied von einem so jungen Menschen zu nehmen, fällt nicht leicht. Doch noch schwerer zu ertragen sind die Umstände des Ablebens einer geliebten Person, wenn diese gewaltsam aus unserer Mitte gerissen wurde." Erin schluckte und starrte auf ihre Füße, die auf dem hart gefrorenen Boden keine Spuren hinterließen. Ja, Matthew war gewaltsam aus dem Leben gerissen worden. Von ihr selbst? Sie wusste es nicht. Schuldgefühle überkamen sie und gaben ihr das plötzliche Gefühl, dass alle Anwesenden wussten, wer sie war und sie verurteilten. Nur zögerlich sah sie auf, nur um zu erkennen, dass sich niemand für sie, die am Rande stand, interessierte, sondern alle den Worten des Pfarrers lauschten oder sich die ersten Tränen aus den Augenwinkeln tupften. „Matthew Dermont war kein vermögender Mann, aber dennoch hat er unser aller Leben bereichert", fuhr der Prediger fort.

Erin sah nach links und erstarrte, als sie einen vertrauten grauen Haarschopf etwas abseits der Menge erkannte. Der Dutt, zu dem das silbrige Haar zusammengebunden war, spähte unter einem schwarzen Hut mit schmalem Schleiernetz hervor. Neben ihr konnte Erin eine große, schlanke Frau mit dunklen Haaren erkennen, der Blick auf ihr Gesicht blieb ihr allerdings verwehrt. Sie schätzte, dass es sich um Olivia handelte, war sich aber nicht ganz sicher. Schnell senkte sie wieder den Blick, um nicht zu riskieren, dass ihre neugierigen Spähversuche Aufmerksamkeit erregten. „Gerade bei solchen schwer traumatisierenden Ereignissen stellen sich die Hinterbliebenen oftmals die Frage: Warum? Warum gerade dieser Mensch, den wir in unser Herz geschlossen haben?"

Der Pfarrer legte eine dramatische Pause ein, während die Frau, die Erin als Matthews Mutter vermutete, laut schluchzte. „Eine Antwort auf dieses ‚Warum' wird uns nicht ereilen. Und wenn es doch Begründungen gibt, so wollen sie uns nicht logisch, nicht gerechtfertigt erscheinen. Liebe Trauergemeinde, Matthews Leben war von tragischer Kürze, und dennoch ereignisreich."

Der Pfarrer begann, Abschnitte aus Matthews Leben zu rezitieren. Seinen Werdegang an der Schule, seine gemeinnützigen Arbeiten in einem Hilfswerk für Obdachlose, sein Engagement, mit Menschen zusammenzuarbeiten – all das fand Erwähnung in der Ansprache des Geistlichen. Erin hörte nur mit einem Ohr zu, zu sehr nahm sie das anschwellende Schluchzen und Weinen von Matthews Mutter mit. Ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Jetzt erst begriff sie richtig, dass Matthew tot war. Sie würde ihn nur auf Fotos wiedersehen und in ihren Erinnerungen. Seine Stimme würde irgendwann verklingen, sein Bild verblassen. Erin fürchtete sich davor, ihn irgendwann zu vergessen. Doch würde ihr das so leicht fallen? Wahrscheinlich würde er sie eher wie ein Phantom verfolgen, ihr eine ewige Schuld aufbürden. Egal ob wissentlich oder nicht, ob absichtlich oder nicht, sie hatte auf ihn geschossen, hatte ihn vermutlich getötet. Diese Last war nicht so einfach abzustreifen.

„Matthew Dermont war ein Mensch voller Lebensfreude und Leidenschaft. Mit seinem Fehlen klafft eine große Lücke in unseren Herzen, die nur das Gut der Erinnerung auszufüllen vermag. In unserer Erinnerung lebt er fort und solange wir es zulassen, dass wir uns erinnern, ist er immer noch lebendig." Erin wischte sich die Tränen mit dem Stoff des Handschuhs aus dem Gesicht und schniefte leise. Wie hatte es nur so weit kommen können? Vor einem Monat noch hatten sie gemeinsam gespaßt und die Halloweenparty in Le Gardien vorbereitet und jetzt würde Matthew gleich in den gefrorenen Schoß der Erde hinabgelassen und endgültig aus dem Leben verabschiedet werden. Es war surreal. Es war verrückt. Zu sehen, wie ein Freund gleichen Alters aus dem Leben schied, war eine entsetzliche Erfahrung, weil man zwangsläufig realisierte, dass man selbst nichts anderes war als ein flackerndes Kerzenlicht, das sich gegen einen übermächtigen Wind zu behaupten versuchte. Jederzeit konnte es ausgeblasen werden. Alle Träume und Wünsche, die man mit knapp dreißig Jahren noch hatte und zu verwirklichen gedachte, zerfielen mit einem Wimpernschlag zu Staub. Der Gedanke, wie nichtig man als Mensch wirklich war, war deprimierend.

Erin hatte den Rest der Rede nicht mitbekommen, sondern hatte gedankenverloren auf den stabilen Holzsarg gestarrt, der nun an vier robusten Kordeln Zentimeter für Zentimeter in die ausgehobene Grube hinabgelassen wurde. Der bloße Anblick war herzzerreißend. Ihre Umgebung verschwamm vor ihren tränengefüllten Augen und blieb hinter einem dichten Schleier aus Salz und Wasser verborgen.

Erin atmete gepresst aus, während der weiche Stoff des Schals ihre Lippen umspielte. Sie hatte das alles nicht gewollt. Trug sie, selbst wenn sie nicht den Abzug betätigt hätte, die Schuld an Matthews Tod, weil sie sich in ihrer Neugier zu weit nach vorn gewagt hatte? War sie dem Joker zu nahe gekommen? Dabei hatte sie doch keinerlei Geheimnisse aufgedeckt, sondern nur mithilfe der Artikel die Verbrechen des Clowns und auch die Unterstellungen Batman gegenüber rekapitulieren können. Oder hatte der Joker ohnehin geplant, sie in sein perfides Spiel mit hineinzuziehen, kaum dass er sie erkannt hatte?

Willst du spielen?', fiel ihr die auf einer Spielkarte verewigte Botschaft ein und ließ sie erschaudern. Es war längst keine Frage des Wollens mehr, ob sie sich auf seine kranken Schachzüge einließ. Ihr blieb keine andere Wahl, außer vielleicht die Stadt zu verlassen. Von Gotham City aus fuhren mehrere Greyhounds in Richtung Westen. Obwohl sie riskieren musste, dass die Cops nicht nur in Gotham, sondern auch der umliegenden Region sämtliche Überlandbusse überprüfen würden, war es die einzige Chance, die ihr noch blieb, der Stadt den Rücken zu kehren. Nur so konnte sie verhindern, noch tiefer in den Strudel aus Gewalt und Angst gezogen zu werden.

Matthews Sarg war auf dem Erdboden angelangt. Seine Angehörigen und Freunde warfen nacheinander einzelne Blumen, eine Handvoll Blütenblätter oder kleinere Sträuße auf den Sarg, sprachen letzte Abschiedsworte und wandten sich meist weinend von der Grabstelle ab. Erin wäre gern nach vorn getreten und hätte etwas hinterlegt, am liebsten noch ein paar Worte gesprochen, die niemand hätte hören können. Aber sie durfte nicht riskieren, entdeckt zu werden. Es erfüllte sie mit Abscheu, so eigensinnig und taktlos handeln zu müssen, aber sie ahnte, dass Matthews Angehörigen alles andere als begeistert gewesen wären, wenn sie die stille Fremde als Mörderin ihres Schützlings entlarvt hätten. Sie wollte die stille, schmerzerfüllte und fragile Atmosphäre der aufrichtigen Trauer nicht zerbrechen, wollte, dass der Tag allein Matthew gebührte und nicht etwa ihr. Deswegen blieb sie abseits der anderen stehen und verfolgte mit den kühlen blauen Augen jede Bewegung der älteren Dame, die sie für Nell hielt. Mittlerweile hatte sich auch ihr Verdacht bestätigt, dass es Olivia an der Seite der betagten Dame war. Alles, was sich Erin wünschte, war die Gelegenheit, sich den beiden zu erkennen zu geben und Abschied von ihnen zu nehmen.

Scott hatte gesagt, all ihre Kollegen, allen voran Nell, sorgten sich um sie und glaubten an ihre Unschuld. Erin hoffte, dass sie seinen Worten Glauben schenken konnte und keine Gefahr befürchten musste. Sehr langsam, aber beständig setzten sich die Trauernden in Bewegung, um sich auf einer Trauerfeier noch einmal zusammenzufinden. Die Beerdigung an sich war abgeschlossen.

Erin fror, doch nicht nur, weil ihr der Wind seinen eisigen Atem ins Gesicht blies, sondern auch weil sie innerlich zu erfrieren drohte. Sie starrte auf den mit Blüten und Blumen bedeckten Sarg, der tief in die Erde hinabgelassen wurde, und fühlte, dass das alles nicht richtig war. Die Gewalt und der Wahnsinn des Jokers, die nicht nur den Tod ihres Freundes verursacht hatte, drohten zu eskalieren, sofern überhaupt jemals jemand Kontrolle darüber gehabt hatte. Und sie? Wo sollte sie jetzt hin? Konnte sie eine Rückkehr in Scotts Wohnung wagen oder wäre es klüger, schnellstmöglich die Stadt zu verlassen? Konnte sie Le Gardien wiedersehen, vielleicht sogar dort unterkommen? Sie zweifelte im Stillen an letztere Option. Es würde zu viel Aufruhr erregen, wenn sie sich dort blicken ließ. Wenn Talburne nicht ohnehin schon eine Streife nahe dem Waisenhaus postiert hatte, war es zu gefährlich. War ihr nur ein Mensch nicht wohl gestimmt oder glaubte, dass sie wirklich die Schuld an Matthews Tod trug, würde sie sich eigenhändig den Löwen zum Fraß vorwerfen. Erin straffte ihre Gestalt, wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht und suchte die Menge nach Nell ab. Kaum dass sie sie gefunden hatte, machte sich die junge Frau auf, ihre Freundin einzuholen. Da Nell und Olivia etwas seitlich versetzt der Menge folgten, bot sich Erin eine gute Gelegenheit, sie auf sich aufmerksam zu machen. Auf leisen Sohlen folgte sie ihren Freunden und griff sich schließlich ein Herz, streckte die Hand aus und berührte Nell am Arm. Diese hielt verdutzt inne und drehte sich um. Ihr leidgeprüftes und von Trauer gezeichnetes gutmütiges Großmuttergesicht schaute sie für wenige Sekunden fragend an, bis ihre Augen aufleuchteten und sie flüsterte: „Erin?! Bist das wirklich du?"

Olivia drehte sich um und bedachte ihre ehemalige Kollegin mit dunklen Augen, in denen im Gegensatz zu Nells nicht gerade Euphorie aufblitzte. Sie nickte knapp und wurde dann so heftig von Nell umarmt, dass ihr kurzzeitig die Luft wegblieb. Nell fasste sie bei der Hand und zog sie zur Seite, schaute sich vorsichtig um, ob sie von jemand anderem bemerkt worden waren, und, als dem nicht so war, wandte sich wieder Erin zu: „Mein Mädchen!", sanft strich sie ihr über die feuchte Wange und flüsterte: „Was machst du denn für Sachen?" Die blonde Frau ließ ihre rechte Faust über ihrem Herzen kreisen, kam aber nicht weit genug, um sich zu entschuldigen, weil Nell abermals die Arme um sie schloss.

„Geht es dir gut?!", fragte sie und umfasste ihre Oberarme. Erin nickte, zeigte dann auf sich und legte Zeige- und Mittelfinger beider Hände an ihre Mundwinkel, um sie anschließend wie zum Gruß von sich zu strecken. „Das weiß ich doch, Erin. Scott hat mir alles erzählt. Niemand von uns glaubt, dass du schuldig bist."

Diese wenigen Worte bedeuteten für Erin die Welt. Schwer atmend fiel sie ihrer Freundin um den Hals, genoss es, von ihr umarmt zu werden und mit aufrichtiger Zuneigung bedacht zu werden. Es tat gut, zu wissen, dass noch jemand an sie glaubte.

„Niemand? Na ja, ich denke, Matthews Eltern sehen das ein bisschen anders!", ertönte plötzlich Olivias Stimme. Kühl musterte sie Erin, die sich langsam von Nell löste. „Olivia, bitte...", begann sie, doch wurde von ihrer jüngeren Kollegin unterbrochen: „Du hast es doch auch in den Nachrichten gesehen! Eindeutige Beweise haben sie ihr zuordnen können, aber nur weil sie der Liebling von allen ist, kann es natürlich gar nicht sein, dass sie die Schuld trägt. Ich hab es so satt! Ihr würdet alle noch an sie glauben, wenn ihr mit eigenen Augen sehen würdet, wie sie jemanden umbringt!"

Selbst wenn Erin über eine Stimme verfügt hätte, wäre sie wohl in diesem Moment vollkommen sprachlos gewesen. Olivias Mundwinkel bebten vor Zorn, ihre Stimme hatte eine Lautstärke angenommen, die niemand mehr überhören konnte. „Scott ist so naiv! Ich will gar nicht wissen, was du mit ihm getan hast, dass er dir so hinterher lechzt. Und dabei merkt er gar nicht, wie du ihn ausnimmst!" Sie spie ihr jedes Wort feindselig entgegen, woraufhin Erich zurückwich. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass Olivia so von ihr dachte. Dass sie schon immer eifersüchtig auf sie gewesen war, hatte sie von Anfang an gespürt, aber dass sie solch einen Groll gegen sie entwickelt hatte, überraschte und erschreckte sie.

„Olivia!", versuchte Nell abermals, die aufgebrachte junge Frau zu beruhigen, doch die hatte sich gerade erst in Rage geredet: „Es heißt, sie würde gemeinsame Sache mit dem Joker machen! Mit dem größten Psychopathen, den Gotham je gesehen hat. Wie sonst hatte er so leicht in Le Gardien einfallen können? Sie war eine der wenigen, die unversehrt aus der Sache herausgekommen war, ist das nicht verdächtig?" Die Anschuldigungen, die Olivia ihr an den Kopf warf, waren bitter und schwer zu ertragen. Warf sie ihr wirklich vor, den Joker wie einen tollwütigen Hund auf Le Gardien losgelassen zu haben oder resultierte diese Schuldzuweisung aus Frustration und Verärgerung darüber, dass Erin stets das bekommen hatte, wonach sich Olivia selbst gesehnt hatte?

„Olivia, Erin hat damit nichts am Hut. Hast du schon vergessen, dass er sie entführt und sie fast getötet hat??", auch Nell hob nun ihre Stimme und die junge Frau, die unfreiwillig zum Thema einer hitzigen Diskussion geworden war, bemerkte mit sinkendem Herzen, wie immer mehr Leute auf sie aufmerksam wurden. „Wobei die Betonung hierbei wieder auf ‚fast' läge. Ist doch komisch, dass sie ihm so leicht entwischt ist, oder nicht?" Olivia verschränkte die dürren Arme vor der nicht wirklich vorhandenen Brust. „Und jetzt besitzt sie sogar die Unverschämtheit, auf Matthews Beerdigung aufzutauchen und sich einzumummen!" Mit diesen Worten holte Olivia aus und riss Erin, die fast schon mit einer schallenden Ohrfeige gerechnet hatte, den Schal aus dem Gesicht, sodass er nur noch lose um ihren Hals lag. „Schämst du dich nicht für alles, was du diesen Menschen hier angetan hast??"

Das brachte die ersten Neugierigen dazu, sich den drei Frauen zu nähern und als jemand rief: „Das ist die Mörderin, die von der Polizei gesucht wird!" und dabei mit dem Zeigefinger auf sie deutete, sah sich Erin einem Kampf gegen Windmühlen gegenüber. „Erin, du musst verschwinden!", sagte Nell, die den sich zusammenbrauenden Ansturm gegen ihren stummen Schützling bemerkte.

„Ja, und jetzt ermutige sie auch noch, stiften zu gehen!", keifte Olivia erbost und packte Erin am Ärmel ihrer Jacke, bevor sie die Flucht ergreifen konnte.

„Komm zu dir und lass sie ziehen. Sie hätte uns niemals aufgesucht, wenn sie uns nicht vertrauen würde und nicht wüsste, dass sie unschuldig ist!", wandte sich Nell an die spindeldürre Frau, deren schwarzes, leicht gewelltes Haar vom kalten Wind umspielt wurde, während immer mehr Trauergäste Anstalten machten, zu Erin aufzuschließen.

„Sie hat einzig und allein in eure Naivität und Dummheit vertraut! Warum ist sie ausgebrochen und auf der Flucht, wenn sie unschuldig ist? Das glaubst du doch alles selbst nicht."

Die blonde stumme Frau versuchte sich aus Olivias klammerndem Griff zu befreien, aber es gelang ihr erst, als Nell Olivia eine Ohrfeige verpasste, die diese derart irritierte, dass sie für den Bruchteil einer Sekunde von Erin abließ.

„Lauf!", rief ihr Nell noch hinterher und die junge Frau sah noch einmal über die Schulter zurück, sah noch einmal Nell an, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein würde, dass sie die Frau, die wie eine Mutter für sie gewesen war, zu Gesicht bekam. Die ersten Hände griffen nach ihr, einige riefen nach der Polizei und zückten bereits ihre Mobiltelefone, andere schrien ihr Schmährufe hinterher, die mit nichts vergleichbar waren, was Erin in ihrem jungen Leben bereits über sich ergehen lassen musste. Eine Hand griff nach ihrer Tasche, aber mit einem kraftvollen Ruck entriss sie sich den Klauen der wütenden Menge. Sie rannte, als hinge ihr Leben davon ab, sprintete über das Friedhofsgelände mit einigen Leuten auf den Fersen, die sie als Erin Porter erkannt und sofort verurteilt hatten, und näherte sich der Straße.

Sie wusste nicht, wohin, sie wusste nur, dass ihr Wohin weit weg von hier sein musste. Sie hatte doch niemandem etwas Böses gewollt und jetzt wurde sie gejagt wie ein streunender Köter, verachtet, als hätte sie die Pest in die Welt gesetzt. Ihre Augen tränten vor Kälte, aber auch vor seelischem Schmerz und schwelender Wut. Olivia hatte sie um ein Haar ans Messer geliefert, jetzt, wo Erin eine Ausgestoßene war. All die Zeit zuvor in Le Gardien hatte sie gute Miene zum bösen Spiel gezogen. Während sie keuchend davonlief und heftiges Seitenstechen von ihr Besitz ergriff, fragte sie sich, wie sie so naiv hatte sein können, dass sie nicht bemerkt hatte, dass Olivias Abneigung ihr gegenüber so stark angestiegen war. Vielleicht unterstellte sie ihr auch nur, eifersüchtig gewesen zu sein, weil sie selbst nicht wahrhaben wollte, dass ihre eigenen Leute glaubten, sie habe Matthew getötet. Die Straße war hier nicht so dicht befahren, aber mehrere gelbe Taxis standen dicht an dicht gereiht nahe dem Gehweg, weil sie durch die Trauergäste ein florierendes Geschäft zu erwarten schienen. Erin wollte nur fort von hier und das so schnell wie möglich. Dafür war sie auch bereit, in Kauf zu nehmen, vielleicht von einem der Taxifahrer erkannt zu werden. Alles war besser, als einer Meute wütender Angehöriger ausgeliefert zu sein.

Sie war im Begriff, ein Taxi anzusteuern, als plötzlich ein anderes aus der Reihe hinter ihm ausscherte und sich in die Lücke drängte, auf die Erin zusteuerte. Sein Kollege kommentierte das damit, anhaltend auf die Hupe zu drücken, die Fensterscheibe herunter zu kurbeln und den Kopf aus dem Seitenfenster zu stecken, um zu brüllen: „Hey, du Arschloch! Vordrängeln ist nicht!"

Erin gab auf den anderen Fahrer keine Acht. Es war ihr egal, wer sie von hier wegbrachte, und so riss sie die Tür des schräg parkenden Taxis auf, schlüpfte auf den Rücksitz und zog scheppernd die Tür hinter sich zu. Ohne darauf zu warten, dass sein Fahrgast einen Wunschzielort äußerte, trat der Fahrer, der eine dunkle Schiebermütze trug, auf das Gaspedal und fuhr derart rasant los, dass Erin beinahe auf den anderen Rücksitz geschleudert wurde. Sie sah durch die von außen getönte Heckscheibe zurück und stellte nicht wirklich erleichtert fest, dass ihr niemand so schnell folgen konnte. Sie atmete tief durch, strich sich mehrmals über den Oberschenkel, der protestierend pochte. Ihre Wangen, die eisig aufgrund der draußen vorherrschenden Kälte gewesen waren, kribbelten und stachen leicht, als sich die weiche Haut an die Wärme im Taxi gewöhnte. Sie entledigte sich ihrer Handschuhe, lehnte sich kurz zurück und schloss die Augen. Sie hätte auf Scott hören und nie zu dieser Beerdigung kommen sollen. Sie korrigierte sich selbst in Gedanken: Nein, sie hätte hierher kommen, aber sich nicht erkennen lassen sollen. So war ein Abschied von ihren Freunden zu einer Demütigung ausgeartet, die sich Erin niemals hätte träumen lassen. Eine einsame Träne kullerte über ihre Wange und wurde verärgert von ihrer Hand weggewischt. Leise schniefte sie und schnäuzte sich in ein Taschentuch, das sie aus ihrem Tragebeutel gezogen hatte. Auf einen kleinen Zettelblock, den sie von Scotts Schreibtisch hatte mitgehen lassen, schrieb sie mit einem Kugelschreiber die Adresse des Bahnhofs von Philadelphia auf. Alfreds Geld sollte genügen, um sowohl Taxi als auch den Greyhound Bus zu bezahlen, der von Philadelphia abfahren würde. Erin hielt es für zu riskant, in Gotham mit dem Bus zu starten, gerade wenn Matthews Angehörige vermutlich der Polizei meldeten, dass sie sie auf der Beerdigung gesehen hatten.

Mit noch leicht zittriger Hand hielt sie dem Fahrer den Zettel hin. Er betrachtete sie zunächst im Rückspiegel mit dunklen, wissenden Augen. Bevor er sich umdrehte, glaubte Erin, er hätte sie erkannt und würde sie der Polizei überlassen, dann aber drehte er ihr seinen Kopf zu und grinste breit. Zwei tiefschürfende, geschwulstartige Narben verlängerten seine Mundwinkel auf unnatürliche Weise. Eine weitere glitt schräg über seine Unterlippe und verlief fast bis zu seinem Kinn hinab.

„Hallo Spätzchen!", begrüßte sie eine schnarrende, kehlige und zugleich unbeschreiblich eingängige Stimme, die ihr – wenn auch auf eher unfreiwillige Art und Weise – vertraut war. Wie erstarrt blieb sie sitzen, hielt noch immer lächerlicherweise den Zettel in der Hand und starrte wie gebannt in diese dunklen und gleichzeitig kalten braunen Augen. Er trug kein Make-up. Der Joker hatte auf seine Kriegsbemalung verzichtet, doch das machte ihn nicht weniger furchteinflößend. Erst jetzt, ohne jegliche Schminke, kamen seine tiefen, klobigen Narben richtig zur Geltung. Wie Krebsgeschwüre wucherten sie aus seiner ansonsten makellosen, glatten Haut heraus und entstellten sein Gesicht zu einer grässlichen Fratze. Nur die Augen...sie waren immer noch die gleichen, die Erin damals geliebt hatte und die sie jetzt fürchtete. Er riss ihr den Zettel aus der Hand und verschwendete dann wieder einen Blick auf die Straße, um ein entgegen kommendes Auto auf die Gegenspur zu zwingen, wenn es nicht mit ihm kollidieren wollte.

„Bahnhof in Philadelphia, hm? Tut mir leid, ich glaube, ich kann nicht verantworten, dass du Gotham City verlässt. Sonst bliebe ja der ganze Spaß auf der Strecke, den wir zwei noch miteinander haben werden." Er behielt sie im Rückspiegel im Auge und Erin glaubte zu sehen, dass sich sein boshaftes Grinsen in seinen Augen spiegelte. Sie wusste, dass es nicht viel Sinn haben würde, lehnte sich aber dennoch scharf zur Seite und versuchte die Tür aufzustoßen. Wäre sie nicht von innen verschlossen gewesen, hätte sie jedoch der Sturz bei so hoher Fahrgeschwindigkeit oder Gegenverkehr getötet.

„Tatata", machte der Joker und schüttelte den Kopf. Als er den Zeigefinger hin und her schwenkte, sah sie, dass er schwarze Lederhandschuhe trug. Egal, ob er seine Maskerade aufgab, er schien stets darauf erpicht zu sein, seine Hände zu verhüllen. Erin fragte sich nach dem Warum, ohne dass es ihr in den Sinn kam, dass es vielleicht gar kein Warum gab. Zumindest nicht für den Joker. Sie glaubte nicht, dass er sie trug, weil er fror. Das wäre zu menschlich für ihn gewesen. „Shhh, mein Mäuschen...wieso...entspannst du dich nicht einfach, hm? Lehn dich zurück, genieß die Spritztour...ich lass dich schon wieder raus, keine Angst..." Er zwinkerte ihr verspielt über den Rückspiegel zu.

Erin hielt beide Hände mit den Handflächen nach oben, bewegte sie hektisch hin und her, zeigte dann auf ihn, schob beide Hände nach vorn und zog sie wieder gegen ihren Körper. „Was ich...was ich will?", gluckste er und lenkte scharf nach links, sodass er nur durch viel Glück keinen anderen Wagen rammte. „Ich...", er leckte sich über die Lippen, eine Geste, die ohne das schauderhafte Make-up fast noch unheimlicher wirkte, „ich will...mich nur ein bisschen mit dir unterhalten, hm?" Erin starrte ihn gebannt an. Egal, wie sehr sie es auch versuchte, sie konnte sich diesen Augen nicht entziehen. Es war gefährlich, ihn aus den Augen zu lassen. Gefährlicher jedoch mochte es sein, sich auf ihn einzulassen. Unwillkürlich wanderte ihre linke Hand zu ihrem Ohr und fühlte die glatte Oberfläche ihres Ohrsteckers. Wo war die versprochene Hilfe, wenn sie sie brauchte?

„Weißt du, woher ich...gewusst habe, dass du zu Mattys kleiner Cocktailparty erscheinen würdest?" Er sah sie grinsend an, schien sich nicht an ihrer Angst und ihrer Verzweiflung satt sehen zu können. Ihre Hand wanderte zu ihrer Tasche. Möglicherweise gelang es ihr, einen Notruf an Gordon abzusetzen. „Menschen handeln alle mehr oder weniger nach dem gleichen Muster, weißt du? Es gibt dabei natürlich verschiedene Kategorien...doch im Kern denkt jeder nur an sich. So auch du, mein Häschen. Du wolltest dein Gewissen beruhigen, nicht wahr? Wolltest...Absolution für deine Schuld..." Erins Hand fischte ihr Handy heraus und aus den Augenwinkeln suchte sie nach Gordons Nummer. „es gibt keine Absolution. Man kann die Dinge nicht rückgängig machen, nicht einfach ausradieren, was einem nicht passt. Nein, nein...das kann. Man. Nicht. Auch Harveys kleiner Fanclub musste das lernen..." Sie war bemüht, ruhig zu atmen, während ihre Finger über die Tasten glitten. „Aber...bei deinem jämmerlichen Versuch hast du wenigstens gleich noch eine Lektion gelernt." Sie versuchte, ihn zu ignorieren, aber seine Stimme brannte sich in ihr Denken ein wie ein glühendes Eisen, und hinterließ dort schmerzende Narben. „Ach übrigens...solange du hier bei mir Fahrgast bist, wird es dir nicht gelingen, ein Notsignal an irgendjemanden zu senden. Siehst du den kleinen Kasten hier?"

Der Joker klopfte auf ein kleines Gerät, das auf dem Armaturenbrett befestigt worden war. „Diese wundersame Schöpfung der Wissenschaft sendet einen permanenten Störsender. Weder kann man uns hier belauschen, noch orten, noch irgendwelche anderen Raffinessen veranstalten, die dir aus der Patsche helfen würden. Abgesehen davon...bist du hier bei mir wesentlich sicherer als irgendwo sonst in Gotham", er lachte laut auf, als hätte er den Witz des Jahres gerissen. Seine Schultern bebten wie von Krämpfen durchzuckt, und Erin erfüllte es mit Grausen, dass er mit seinen Worten Recht behielt. Niemand hatte den Joker bisher finden, geschweige denn stellen können; nirgendwo sonst war es so sicher und gleichzeitig so tödlich wie in seinem Windschatten. „Ist kein...äh...schönes Gefühl, gehasst zu werden, oder? Du...äh...du bist das ganz sicher nicht gewöhnt." Aus seinem Tonfall war jegliches Amüsement wie weggewischt. Gefährlicher Ernst hatte dessen Stelle eingenommen.

„Das Gute ist, dass man sich daran gewöhnt, sobald man das Prinzip dieser Welt verstanden hat..." Wieder klebte sein Blick förmlich an dem Rückspiegel. Erin, die in der Tat mit ihrem Telefon keinerlei Empfang besaß und daher jede Hoffnung auf einen Notruf begraben hatte, hielt sich mit beiden Händen an dem Sitzpolster fest. Die rasante, grobschlächtige Fahrweise des Jokers war nicht für zartbesaitete Gemüter mit einem empfindlichen Magen geschaffen. „Die Leute da...diese...guten Menschen...sie waren grausam zu dir, nicht wahr? Haben...dich ihre Verachtung spüren lassen."

Der Joker nickte, obwohl Erin nichts anderes tat, als sich festzuhalten und den Blick gesenkt zu halten, solange dieser Höllenritt andauerte. „Weißt du, für was sie dich jetzt halten? Wofür sie dich vielleicht schon immer gehalten haben?" Er machte sich diesmal sogar die Mühe und spähte über die Schulter zu ihr zurück. „Für einen Freak. Allein deshalb, weil du nicht so bist wie sie. Nicht so sein kannst oder nicht so sein willst wie sie. Aber...", er schlug das Lenkrad hart nach rechts ein, sodass die Reifen des Taxis ohrenbetäubend quietschten und blockierten, als er die Kurve schnitt, „ich sag dir was...von Freak zu Freak..." Wieder huschte seine Zunge über seine Lippen, die ungeschminkt seltsam lederartig und grau wirkten. „Es sind letzten Endes immer die Freaks, die zuletzt lachen." Und damit brach er abermals in schallendes Gelächter aus, das die Fahrerkabine und Erins Ohren ausfüllte, in Mark und Bein überging und eine Gänsehaut auf ihrem Nacken ausbrechen ließ, die so schnell nicht wieder verschwinden wollte. Immer noch lachend trat er das Gaspedal an seine Grenzen durch und jagte über Gothams Straßen, rammte Autos, Hydranten, überfuhr um ein Haar unvorsichtige Passanten und schien mit jeder Faser seines kranken Geistes die Angst jener zu genießen, die seinen Weg kreuzten.

Erin wusste, dass es nur zwei Wege gab, diesen Wahnsinn zu beenden. Entweder, sie hoffte darauf, dass er Wort halten und sie gehen lassen würde – woran sie aber tief in ihrem Herzen nicht zu glauben wagte – oder aber sie wusste sich selbst zu helfen. In Erins Tasche blitzte die Klinge von Scotts Küchenmesser auf wie ein Leuchtstreifen der Hoffnung an einem Horizont, an dem die Dunkelheit dämmerte. Ihre rechte Hand löste sich von dem Polster und wanderte in ihre Tasche zurück, wo sie den Griff des Messers ertastete.

Sie war kein Freak. Aber sie würde vielleicht trotzdem zuletzt lachen.