Scar Tissue
18
Unter Zugzwang
Wirf eine Münze
Offen steht nur dir die Wahl
Ob Kopf oder Zahl.
Ein leises Surren lag in der kühlen, nach einem Hauch von gegossenem Blei riechenden Luft, schwoll an und klang wieder ab wie das gleichmäßige Signal eines Nebelhorns. Es stammte aus der Kühlvorrichtung der Aggregate zur Herstellung neuer Bestandteile von Batmans Kampfanzug. Lucius Fox, Ingenieur und technisches Genie, war rege damit beschäftigt, die Panzerung des Anzugs zu härten und gleichzeitig leichter zu machen. Die Forschungsabteilung von Wayne Industries bot zwar genügend Raum für neue Entwicklungen und Tests, aber nirgendwo war man so unbehelligt und sicher wie in dem Höhlenkomplex unterhalb von Wayne Manor, zu dem man nur über einen versteckten, Passwort geschützten Geheimgang Zugang fand. Den Großteil der pikanten Entwicklungsarbeiten für Batman hatte Bruce hierher verlagert. Nicht nur, weil es näher an seiner Heimstatt gelegen war, sondern weil seine Treuhänder und Geschäftspartner hier nichts verloren hatten und die Gefahr somit automatisch geschmälert war, dass Bruce und seinen Verbündeten jemand auf die Schliche kommen würde. Coleman Reese war im vergangenen Jahr gefährlich nahe an das Geheimnis gekommen, wer hinter der Maske der Fledermaus verborgen war, und so skurril es auch klang – Batman hatte es dem Joker zu verdanken gehabt, dass seine Identität geheim geblieben war, obgleich er ursprünglich im Schilde geführt hatte, ihn öffentlich zu entlarven. Die Sicherheitsvorkehrungen waren verschärft, verdoppelt und verdreifacht worden, um zu garantieren, dass Wayne Manor an der Oberfläche Herrenhaus, und unter ihr eine Festung blieb. Bruce saß an seinem Schreibtisch und betrachtete die digitale Landkarte, die auf dem Bildschirm eines Notebooks flackerte. Sie spannte ein dunkelblaues Straßennetz von Gotham City auf den Schirm und markierte wichtige Institutionen rot. Ein gelber Lichtpunkt tanzte gerade etwas außerhalb der Stadt auf der Stelle herum. Bruce rief innerhalb weniger Sekunden die genauen Koordinaten auf und blinzelte irritiert, als ihm gewahr wurde, wo sich Erin Porter gerade aufhielt. Er stellte das Mikrofon an und hörte die beseelte, melodische Stimme eines Mannes, die durch die gesamte Höhle hallte.
„Haben Sie einen Kirchensender eingestellt oder suchen Sie nur nach Ihrem inneren Frieden, Mr. Wayne?", rief ihm Fox zu, der durch eine automatische Stanzmaschine die neu gefertigten Rüstungsteile ausschnitt und anschließend in einem kalten Wasserbad zischend abkühlen ließ. Er arbeitete schon seit Tagen wie verbissen daran, eine Panzerung herzustellen, die leicht und anschmiegsam, ja, regelrecht flexibel auf die Bewegungen ihres Trägers reagierte, aber vollen Schutz garantierte. Mehrere Rottweilerattacken, Messerstiche durch den Joker und nicht zuletzt die Schussverletzung, die sich Batman in der Auseinandersetzung mit Harvey Dent zugezogen hatte, bewiesen die starke Anfälligkeit für Verletzungen, die der leichtere und bewegliche Anzug mit sich gebracht hatte. Batman mochte stark und hart im Nehmen sein, aber er war für Gotham zu wertvoll, als dass man riskieren konnte, ihn durch eine Hundeattacke zu verlieren.
„Weder noch, Lucius", sagte Bruce und tippte sacht den Bildschirm an, der sofort eine präzisere Kartierung der Region vornahm, in der sich das Signal des GPS-Senders zeigte, „ich nehme live an einer Trauerfeier teil." Fox hob die buschigen, ergrauten Brauen, die wie Aschestreifen auf seiner dunklen, kakaobraunen Haut wirkten und hakte nach: „Wem zu Ehren?" Bruce lehnte sich in seinem Stuhl zurück und stützte das Gesicht auf der rechten Faust ab, ehe er murmelte: „Matthew Dermont."
Die Erwähnung dieses Namens brachte Fox dazu, kurzzeitig seine Arbeit einzustellen und aufzuschauen. Sein verschmitztes, freundliches Gesicht nahm einen zweifelnden Ausdruck an. „Ihr kleiner Lockvogel geht auf die Beerdigung seines eigenen Opfers? Das nenne ich gewagt." Bruce drehte den Kopf und sah den Ingenieur aus dieser Haltung heraus an: „Ich glaube eher, dass sie das Opfer ist, Lucius." Er hob die Brauen und verzog skeptisch den Mund, was den dünnen Flaum des ergrauten, ins Weißliche übergreifenden Barts seltsam verschob. Fox kam zu seinem Vorgesetzten hinüber geschlendert und sah ihm über die Schulter auf den Bildschirm. „Zumindest macht sie sich zu Freiwild da draußen", merkte er in seiner ruhigen Art an, „was will sie damit bezwecken? Sie ist wie ein Truthahn an Thanksgiving da draußen."
Bruce wollte fast auf Lucius' Bemerkung hin schmunzeln, doch der Ernst der Situation missgönnte es ihm. „Deutlicher kann sie sich selbst nicht beweisen, dass sie unschuldig ist", murmelte er nachdenklich und strich sich über die glatt rasierte Wange, „andernfalls wäre sie wohl kaum so mutig gewesen, sich dort einzufinden." Fox runzelte die Stirn und merkte an: „Verwechseln Sie Mut nicht mit Dummheit, Mr. Wayne. Moralischer Idealismus in allen Ehren, aber sie scheint sich nicht bewusst zu sein, in welcher Gefahr sie da schwebt." Bruce schüttelte jedoch den Kopf und sagte: „Ich glaube, das weiß sie ganz genau." Fox betrachtete den jungen Mann einige Sekunden lang, dann entgegnete er trocken: „Wenn sie von dem gleichen Schlag ist wie Sie, was Lebensmüdigkeit angeht, dann rekrutieren Sie sie doch einfach als Unterstützung." Mit diesen Worten begab er sich zurück an die Maschinen und stellte die Temperaturen neu ein, beobachtete mit wachsamem Auge die Kontrollanzeigen und verstellte einige Hebel. Bruce beachtete ihn nicht weiter. All seine Konzentration ruhte auf dem Bildschirm und der Tonübertragung, die das in den Ohrsteckern integrierte Mikrofon lieferte.
Durch den schneidenden Wind, der sie scheinbar umgab, wurde die Tonspur gestört, manche Äußerungen des Predigers kamen nur in Fetzen unterhalb von Wayne Manor an. Bruce fügte den Polizeifunk hinzu und ortete sämtliche Streifenwagen, die in der Nähe des Gotham City Cemeterys unterwegs waren. Er konnte auf dem Bildschirm nur eine im Umkreis von anderthalb Kilometern ausmachen, aber sie fuhr über die Princeton Road weiter westwärts. Talburnes Leute schienen Erins Spur noch nicht aufgenommen zu haben, was Bruce ein wenig ruhiger werden ließ. Sein Besuch neulich beim Commissioner hatte ihm gelehrt, dass es noch wichtiger und dringlicher war, Gordon wieder auf den Posten zu setzen, als er vermutet hatte. Er hatte sich denken können, dass ihm Talburne mit Widerwillen und Abneigung begegnen würde, aber dass er aus blinder Wut gegen alles vorging, was sich, um zu helfen, über das Gesetz stellte, obwohl sich Gotham den Luxus, sich nur auf ehrbare, gesetzestreue Menschen zu verlassen, längst nicht mehr leisten konnte, war dennoch überraschend für ihn gewesen.
Bruce stellte die immer stärker störende Tonübertragung leiser, sodass sie auf ein unterschwelliges, nicht mehr als geflüstertes Begleitgeräusch reduziert wurde. Langsam überkamen ihn Zweifel, ob es der richtige Weg gewesen war, Erin ziehen zu lassen und in einen, wie Alfred so unkonventionell gesagt hatte, Köder zu verwandeln. Andererseits blieben ihm keine anderen Möglichkeiten, irgendwie an den Joker heranzukommen. Wenn der Clown wirklich an Erin interessiert war, hätte er alles daran gesetzt, an sie heranzukommen. Bruce zweifelte nicht daran, dass er sie irgendwie gefunden hätte, selbst wenn sie nicht auf Gothams Straßen unterwegs gewesen wäre. Er warf sein Netz über die gesamte Stadt, um nach Handlangern zu fischen. Wenn er sie nicht selbst fand, würde es einer seiner kleinen Fische tun. Talburnes Beharrlichkeit, zu behaupten, Erin hätte etwas mit dem Joker zu tun, schien nicht von ungefähr zu kommen. Wenn dem so war, würde der Joker nicht lang auf sich warten lassen und dann musste Batman bereit sein.
„Mr. Wayne, ich denke, Sie können den Armpanzer schon einmal anlegen und mir sagen, wie er sich trägt", riss ihn Fox' Stimme aus seinen Gedanken. Der große Mann hielt ein breites schwarzes Teil hoch und winkte Bruce damit zu sich herüber, der sich mit interessiertem Blick erhob und der Aufforderung folgte. „Es funktioniert ähnlich wie ein Schnappband. Geben Sie mal Ihren Arm her", forderte er und Bruce tat wie ihm geheißen, hielt seinem Freund den muskulösen rechten Arm hin, der dadurch, dass er nur ein schwarzes T-Shirt trug, weitgehend freilag. Fox drehte Bruce' Arm, sodass der Handrücken nach oben gerichtet war, und legte behutsam die breite Metallplatte, die ziemlich unspektakulär aussah, auf seinen Unterarm. Obwohl sie ein kühlendes Wasserbad genommen hatte, war die Oberfläche des Metalls spürbar warm und zupfte leicht an den feinen Härchen, die seinen Unterarm kaum sichtbar bedeckten. Obwohl es hart war, machte das Material einen ungewöhnlich anschmiegsamen Eindruck. „Wie ein Klappband, sagten Sie?" Fox nickte und grinste schelmisch: „Tippen Sie es etwas fester an."
Der milliardenschwere junge Mann betrachte die dünne Metallplatte, die er auf seinem Arm balancierte, und schlug sacht mit der linken Hand in etwa mittlerer Höhe auf das Material. Sofort schloss sich die Metallummantelung um Bruce' Arm und lag wie eine zweite Haut an. Fasziniert drehte Bruce seinen Arm und stellte fest, dass sich das Metall jeder kleinsten Unebenheit angepasst hatte und sich beinahe wie eine Stulpe geschmeidig jeder Bewegung, jeder Anspannung der Muskulatur anpasste. „Es fühlt sich fast wie Gummi an", sagte Bruce etwas zögerlich, noch nicht ganz von der Feuerfestigkeit dieser neu entwickelten Technologie überzeugt. „In der Tat ist Elastan in die Verarbeitung mit eingeflossen. Sie dürften kaum spüren, dass Sie überhaupt etwas am Körper tragen." Bruce drehte und wendete sich, doch was er auch versuchte, er spürte das Material kaum an seinem Körper. Es hatte sich wie eine elastische Wachsschicht um seine Haut gelegt.
„Wie resistent ist es gegenüber Angriffe durch Waffen?", äußerte Bruce in einem nicht ganz zweifelsfreien Tonfall.
„Ich könnte auf Ihren Arm schießen und es überprüfen, Mr. Wayne, wenn Sie sich trauen." Er grinste Fox an und ließ die Hand hin und her schwenken: „Nicht, solange ich drin stecke." Lucius grinste breit und erklärte dann: „Die Elastanfasern sind mit stark komprimiertem Kohlenstoffstaub verbunden. Das macht das Material hart, widerstandsfähig, aber gleichzeitig flexibel." Bruce strich mit der Hand über die dunkle Platte an seinem Arm: „Kohlenstoffstaub? Sie meinen wie bei einem..." Lucius nickte und kam ihm zuvor: „Wie bei einem Diamant. Vor ein paar Jahren haben Wissenschaftler in Deutschland auf künstlichem Wege so genannte Nano-Diamanten hergestellt. Durch eine Presskraft von fünftausend Tonnen wurde der Kohlenstoffstaub zu dem bis dato härtesten Material der Welt komprimiert. Die Pressdauer hierfür liegt bei mehreren Tagen und sonderlich rentabel ist es für den Privatgebrauch nicht."
Bruce zwinkerte Lucius zu und meinte grinsend: „Ich habe Ihnen ja das nötige Taschengeld für Ihre Experimente gelassen." Fox nickte lächelnd und klopfte auf Bruce' Arm. Er nahm die Berührung kaum wahr. „Wie gesagt, es ist das härteste Material, das es gibt. Damit könnten sie Kerben in Ihre Diamanten schlagen, wenn Ihnen danach sein sollte." Bruce sah von seinem Arm auf und fragte: „Haben Sie es schon getestet?" Fox nickte: „In kleineren Mengen. Dennoch ist es sicher ratsam, eine fertig ausgestattete Rüstung vor dem Gebrauch noch einmal auszutesten."
Der junge Mann strich sich mit der linken Hand durch das dichte braune Haar und merkte dann an: „Es ist sehr leicht. Irgendwo muss doch der Haken an der Sache sein." Lucius lehnte seitlich gegen das Pult mit den vielen Armaturen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn Sie im Chemieunterricht aufgepasst hätten, Mr. Wayne, wüssten Sie, dass Diamanten verbrennen können. Schließlich bestehen sie aus Kohlenstoff. Für einen gewöhnlichen Diamanten genügen schon weniger als 1500 Grad Fahrenheit, um zu verbrennen. Mit einer Lötlampe könnten Sie Diamant simpel verbrennen. Bei höheren Temperaturen, Luftabschluss und dem nötigen Druck wird das Material plastisch verformbar und wandelt sich in Graphit um, aber bis dahin sind Sie längst an einer Kohlendioxidvergiftung gestorben", plauderte Lucius Fox, als würde er über das Wetter reden, „und dabei spreche ich von reinem Diamant. Der Nano-Diamant mag fester sein, ist durch das Elastan jedoch noch hitzeempfindlicher. Der Nano-Diamantanteil liegt bei circa achtundfünfzig Prozent." Bruce nickte und verstand: „Ich sollte mich also nicht gerade in einem Schmelzofen aufhalten."
Fox erwiderte daraufhin trocken: „Nur, wenn Ihnen extremes mediterranes Klima bekommt."
Der jüngere Mann fuhr mit der Hand über die Schiene, die sich eng an seine Haut geschmiegt hatte. „Wenn ich einer extrem heißen Umgebung ausgesetzt bin, fange ich Feuer und vergifte mich auch noch?" Lucius nickte abermals: „Zusammengefasst könnte man es so sagen, ja." Bruce schwieg und dachte an die Anteile, die die Panzerung an seinem Kampfanzug einnahm. Es waren weit mehr als fünfzig Prozent. „Das Risiko, zu verbrennen, hatte ich auch mit dem alten Anzug. Ich denke, ich kann damit leben."
Fox wandte sich der riesigen Presse zu, die das Material in die vorgesehenen Formen stanzte und stemmte die Arme lässig in die Seiten. „Es gibt einfach kein tadelloses Material, das Ihren Ansprüchen gerecht wird, sich frei und schnell bewegen zu können, aber auch ausreichenden Schutz zu bieten."
Bruce verzog den Mund: „Bei meinem explosiven Gegner gibt es kein einzelnes, perfektes Gegenmittel. Gegen Kugeln und Messerklingen mag mich auch diese Rüstung schützen, aber seine giftigste und gefährlichste Waffe ist immer noch seine Zunge." Schweigend musterte ihn Lucius Fox von der Seite. Jene Sorge fand sich in seinem Blick wieder, die er empfunden hatte, als Batman sein Sonarkonzept auf sämtliche Mobiltelefone der Stadt übertragen hatte. Die menschliche Fledermaus musste zu drastischen Mitteln greifen, um den Joker aufhalten zu können. Fox hoffte inständig, dass er dabei die Grenzen des Menschlichen und ethisch Tragbaren nicht überschritt. „Ich stehe Ihnen mit allem zur Seite, was Sie brauchen, Mister Wayne. Aber auch ich habe meine Grenzen." Der Milliardär drehte sich gänzlich zu ihm um und sagte: „Jeder hat Grenzen. Das ist das Gesetz der Menschlichkeit." Fox drehte den Kopf und deutete auf einen der Bildschirme, die die letzten Fernsehbotschaften des Jokers in Zeitlupe abspielten, wieder und wieder. „Hat er auch Grenzen?" Bruce folgte Fox' Blick und betrachtete eine Weile schweigend den Monitor, ehe er seufzte: „Wer weiß, vielleicht hatte er einmal welche. Er scheint darum bemüht zu sein, sie immer wieder zu überschreiten."
Der Ingenieur senkte den Blick, heftete seine dunkelbraunen Augen auf die Spitzen seiner Schuhe und sagte: „Ich hoffe, Mister Wayne, dass Sie darauf verzichten können, ihm in dieser Hinsicht nachzueifern." Dann sah er ihn aus den Augenwinkeln an. Bruce begegnete seinem Blick, dann lenkte er das Gespräch auf ein anderes Thema: „Dieses High-Tech-Teil...wie werde ich es wieder los?" Fox drehte sich zu ihm um und hob die linke Hand: „Mit Hammer und Meißel", als Bruce die Brauen hob, fügte er hinzu, „oder Sie wählen den kostengünstigeren Weg und ziehen es ab." Der Jüngere blinzelte überrascht: „Abziehen?" Fox nickte: „Ja, wie ein Pflaster." Die Testperson drehte den Arm und befühlte die glatte Oberfläche. Er konnte keinen Ansatzpunkt finden, der sichtbar machte, wo das anschmiegsame Material einen Falz bildete. „Sie müssen schon ein bisschen intensiver tasten", riet ihm Lucius, den es amüsierte, seinem Auftraggeber bei der Pfriemelei zuzusehen. Schließlich bekam Bruce eine Kante zu fassen und zog mit recht großem Kraftaufwand daran. „Das geht ziemlich schwer."
Der Ingenieur räumte einige Protokolle und technische Zeichnungen von dem Pult und ordnete sie. „Sie wollen ja aber auch bestimmt darauf verzichten, dass Sie jeder dahergelaufene Unhold pellen kann wie ein gekochtes Ei!"
Bruce lächelte schief, als sich das Material endlich von seinem Arm löste und sofort wieder die ebene, rechteckige Form annahm, die es ursprünglich besessen hatte. „Ich möchte aber auch nicht, dass mir Alfred beim An- und Ausziehen behilflich sein muss." Als hätte er geahnt, dass man über ihn sprechen würde, ertönte zu Bruce' und Lucius' Überraschung Alfreds Stimme aus nächster Nähe: „Das habe ich vor langer Zeit schon getan, Master Wayne, und scheue mich auch nicht davor, Ihnen abermals diesen Dienst zu erweisen." Der Schalk leuchtete in seinen graublauen Augen, während er sich zu seinen Verbündeten gesellte. „Nimm's nicht persönlich, Alfred, aber das erledige ich dieser Tage lieber allein. Was bringt dich zu uns?" Alfred kramte einen Bogen Papier aus seinem Jackett und hielt es Bruce mit den Worten hin: „Ein Fax vom Sicherheitsdienst der Gotham Mall an das Polizeirevier. Auf den Überwachungsbändern wurde gestern Morgen die tatverdächtige Erin Porter gesichtet."
Er nahm das Fax entgegen und las es mit gerunzelter Stirn durch. Fox sah derweil skeptisch von einem zum anderen und kommentierte: „Dazu benutzen Sie also mein unsichtbares Datenverkehrverfolgungssystem." Bruce lugte kurz zu Fox auf und meinte beschwichtigend: „Es dient einem guten Zweck."
Fox hob nur kurz die Braue und spähte dem Milliardär über die Schulter. „Das hab ich früher auch immer gesagt, wenn ich die Telefonate meiner großen Schwester bespitzelt habe", murmelte er sinnierend. Alfred hob seinerseits die schneeweißen, etwas spärlichen Brauen und hakte nach: „Sie haben das Telefon Ihrer Schwester angezapft?"
Mit einem trockenen „Früh übt sich" beendete Fox diesen Seitendialog und widmete seine Aufmerksamkeit dem Schriebs, den Wayne in den Händen hielt, während Alfred noch einige Sekunden lang etwas bedröppelt aus der Wäsche schaute. „Sie hat einen Wagen gestohlen?", Bruce schaute verdutzt auf. „Ich dachte, Sie hätten ihr einen Sender verpasst, wieso wissen Sie dann nichts davon?", fragte Fox naseweis nach. „Weil ich sie nicht rund um die Uhr beschatten kann", entgegnete Bruce und schenkte Alfred einen allessagenden Blick. Dieser hob abwehrend die Hände vor die Brust und sagte nur: „Ihr Haushalt regelt sich nicht von allein, Sir." Fox grinste und verbarg es hinter der zur Faust geballten rechten Hand. „Schon gut. Wahrscheinlich hätten wir sowieso nicht verstanden, was sie getan hat, wenn wir Ohrenzeuge gewesen wären." Fox konnte sich einen etwas sarkastischen Unterton nicht verbeißen, als er einwarf: „Beim nächsten Mal entwerfe ich eine Modeschmuckreihe mit integrierter, hoch auflösender Kamera." Bruce konterte: „Gute Idee!", und reichte das Fax zurück an seinen ältesten Freund: „Alfred, ich möchte, dass du das registrierte Kennzeichen überprüfst, damit wir feststellen können, ob der Wagen überhaupt gestohlen gemeldet wurde."
Der Butler hob dazu an, etwas zu entgegnen, als ein schrilles, hohes Störsignal so ohrenbetäubend erklang, dass die drei Männer unfreiwillig zusammenzuckten und schützend ihre Hände an ihre Ohren legten. „Was ist das? Ein Feueralarm oder sowas?", brüllte Fox, dessen tiefe, markante Stimme sich nur sehr selten heben musste, um verstanden zu werden. „Hoffentlich nicht!", entgegnete Alfred so laut es ihm möglich war, doch man konnte ihn bestenfalls verstehen, wenn man von seinen Lippen ablas. Bruce lokalisierte das durchdringende, hochfrequente Pfeifen an dem Sendeempfänger neben dem Notebook, hastete an seinen Schreibtisch und stellte das Mikrofon aus. Das pfeifende Echo verharrte noch kurz wie Wasserdampf in der Luft, ehe es stufenweise abebbte und wohltuende Stille in den Katakomben hinterließ.
„Was zum Teufel war das?", fragte Fox mit noch immer lauter Stimme, weil sich seine geplagten Ohren erst noch an die plötzliche Stille gewöhnen mussten.
„Das GPS ist ausgefallen. Der gesamte Sender ist weg", stellte Bruce besorgt fest, als er anstelle der vertrauten Kartierung Gothams eine Fehlermeldung auf dem Monitor sah. „Wechseln Sie die Spur, um zu überprüfen, ob andere Übertragungen noch funktionieren", riet Fox, der seinem Arbeitgeber gefolgt war und nun an seiner Seite stand. Bruce gab einen Code in die Tastatur ein und sofort schaltete der Rechner auf Überwachungskameras in Arkham um. „Ich muss schon sagen, Sie verfügen über ein interessantes Fernsehprogramm", kommentierte der Ältere von beiden, ehe er anwies: „Jetzt schalten Sie noch einmal zurück. Manchmal tritt eine vorübergehende Störung auf." Bruce tat, wie ihm geheißen, während Alfred die leise Bitte äußerte: „Aber lassen Sie um Himmels Willen den Ton abgestellt!"
Der Bildschirm zeigte nach wie vor nur Schwärze und zentriert ein kleines rechteckiges Textfeld mit einer kompliziert anmutenden Fehlermeldung. „Immer noch nicht", Bruce schlug mit der flachen Hand auf die Oberfläche des Schreibtischs und fluchte: „Verdammt! Wir haben sie verloren." Fox trat nach vorn und hämmerte irgendetwas auf die Tasten ein, doch die Fehlermeldung wiederholte sich mit der Starrsinnigkeit eines Esels. „Nicht unbedingt", murmelte er und richtete sich seufzend auf, „ich denke, das Signal wird durch etwas behindert. Entweder wird es von einem Störsender abgeblockt oder das GPS ist beschädigt." Bruce strich sich hektisch über die Wangen und trat von einem Bein aufs andere. „Es kann nicht sein, dass sie den Sender abgelegt hat, oder?" Fox betrachtete mit gebanntem Blick die Fehlermeldung, als wäre es möglich, diese durch Hypnose verschwinden zu lassen. Dann schüttelte er bedächtig den Kopf und sagte: „Nein. Dann hätten wir noch ein Signal. Es sei denn, sie hat die Ohrstecker herausgenommen und mindestens einen LkW darüber rollen lassen."
Grimmig schaute Bruce in die Runde, unschlüssig darüber, was er tun sollte. Es war helllichter Tag, er konnte unmöglich als Batman durch die Stadt rasen, zumindest nicht, ohne Talburnes Leute auf seine Spur zu lenken. Abgesehen davon wusste er nicht, wo Erin war. Es konnte alles Mögliche geschehen sein. Vielleicht waren die Ohrstecker wirklich kaputt. Welches natürliche Signal konnte so stark sein, dass es den Sender störte? Was mochte sich zugetragen haben auf der Beerdigung? War Erin entdeckt worden? Doch wie ließ sich dann die Störung des Senders erklären? War sie in Gefahr? Vielleicht sogar in Lebensgefahr? Hatte der Joker damit zu tun? War das geschehen, was sich Bruce im Stillen erhofft hatte, wovon er sich jedoch mehr versprochen hatte? Er hatte Erin nicht in noch größere Gefahr bringen wollen, hatte gehofft, der Sender würde ihn auf ihre Fährte und möglicherweise zu diesem verrückten Massenmörder führen. Jetzt, durch den Ausfall des Senders, drohten all seine Hoffnungen mit einem Mal zu zerbrechen.
„Ich muss doch irgendetwas tun können", murmelte Bruce und taxierte angestrengt den flirrenden Bildschirm. „Ich fürchte, Sie können nur abwarten, Sir", merkte Alfred leise an und verstummte, als Bruce ein weiteres Mal frustriert die Hand auf den Tisch donnerte. „Ich hätte sie nicht gehen lassen dürfen!", sagte er mehr zu sich selbst als zu seinen beiden Helfern. „Sie hätten sie nicht aufhalten können und das wissen Sie", sagte Alfred ruhig. Wie so oft gelang es dem Butler, der Ruhepol hinter Batman zu sein, der rationale Fels in der Brandung, dem er so manchen Denkanstoß zu verdanken gehabt hatte. Nicht nur das. Alfred war der einzige echte Rückhalt, der einzige Mensch, der Bruce wirklich kannte, der wusste, was hinter der Maske steckte, die er sowohl vor der feinen Gesellschaft als auch vor Gothams Abschaum trug. Seit Rachel tot war, hatte sich Batmans Alter Ego noch mehr verschlossen, eine dunklere Maske aufgezogen und eine noch robustere Rüstung angelegt. Eine, die noch härter als Lucius' Nano-Diamant war. Darunter aber war er verletzlicher denn je, ruhelos, erschöpft, allein.
Bruce Waynes und damit Batmans letzte Hoffnung ruhte im Glauben an das Gute in Gotham, daran, dass irgendwann die Gerechtigkeit über das Böse triumphieren würde. Dafür nahm er in Kauf, gehasst und gejagt zu werden, selbst jetzt, als seine Unschuld öffentlich gemacht worden war. Jetzt hassten sie ihn dafür, dass er Dent gedeckt hatte. Solange die Menschen hassen wollten, fanden sie Gründe dafür, und Batmans Bestimmung war es, ihnen den Wunsch, zu hassen zu nehmen und ihnen den Glauben an Recht und Ordnung zurückzugeben. Solange würde er Nacht für Nacht auf Gothams Dächern Wache halten und dort sein, wo man ihn brauchte. Immer in der Nähe, aber stets im undurchsichtigen Zwielicht.
„Kommen Sie. Es gibt genug zu tun, als hier herumzusitzen und Trübsal zu blasen", versuchte nun auch Fox den jungen Mann aufzuheitern. Dieser schaute nicht wirklich überzeugt zu ihm auf und legte die glatte Stirn in Falten. „Sie können Ihre neue Garderobe anprobieren und mit mir testen", er musterte den niedergeschlagenen Bruce, der nun schon seit knapp zwei Jahren ein Doppelleben zu führen pflegte, das ihn an manchen Tagen aufzufressen schien, so wie jetzt, wenn er, all seiner Stärke zum Trotz, einen Moment der absoluten Hilflosigkeit durchlebte. „Vielleicht kommt sie ja heute noch zum Einsatz", eröffnete ihm Lucius mit einem bedeutungsvollen Blick. „Hoffen wir, dass es dann nicht zu spät dafür sein wird", flüsterte Bruce, warf schweren Herzens einen letzten Blick über die Schulter auf den nicht sehr auskunftsfreudigen Bildschirm, der Erins GPS verfolgt hatte, und folgte Fox in einen anderen Teil der Höhlen unter Wayne Manor. Die Fehlermeldung beherrschte den Bildschirm noch weitere sechsundvierzig Minuten lang. Erst dann sprang der Sender wieder an und verharrte gleichmäßig pulsierend an einem Ort wie ein schlagendes Herz. Selbst wenn Bruce den Lautsprecher angeschaltet gelassen hätte, wäre alles, was man ab diesem Zeitpunkt vernommen hätte, beunruhigende Stille gewesen.
***
Der Motor des gelben Chevrolets heulte auf, während ihn der Joker an die Höchstgrenze der erträglichen Drehzahlen trieb. Mit seiner rabiaten Fahrweise beschwor er geradezu herauf, dass man auf ihn aufmerksam wurde. Über welche Straßen er gerade fegte, vermochte Erin nicht zu sagen. Hier war sie noch nie gewesen, aber das Stadtgebiet Gothams war groß genug, sodass sich selbst Ureinwohner manchmal noch verliefen. Die Infrastruktur wandelte sich nahezu jedes Jahr. Entweder wurden neue Hochbahnverbindungen gebaut, neue Umgehungsstraßen für den Pendlerverkehr eröffnet, oder aber neue Tunnel ausgehoben. Gotham war einer einzigen, lang anhaltenden Metamorphose unterworfen, die das Stadtbild kontinuierlich veränderte. Als Sirenengeheul ertönte, sah Erin, die sich immer noch mit der einen Hand am Griff von Scotts Küchenmesser festhielt, das in ihrer Tasche steckte, über die Schulter zurück und sah mit wachsender Panik, dass sich zwei Streifenwagen an ihre Fersen geheftet hatten. Ob sie das Taxi nur wegen Gefährdung der Verkehrssicherheit jagten, oder ob sie vielleicht wussten, dass sie, die Hauptverdächtige in einem Mordfall, als Fahrgast darin saß, wusste sie nicht. Sie fragte sich, was der Joker im Schilde führte und ob er provoziert hatte, dass ihr die Cops auf die Schliche kamen. So oder so war sie geliefert.
„Aaaah, wir bekommen Besuch!", stellte er frohlockend fest und schnalzte die Zunge. „Sehr gut. Sehr, sehr, sehr gut. In der Tat." Er leckte sich die Lefzen und spähte amüsiert in den Rückspiegel: „Spätzchen...du würdest gut daran tun, jetzt in Deckung zu gehen!" Erin wusste nicht, wieso sie sich abducken sollte, aber sie hatte von ihren vorangegangenen Begegnungen mit dem Joker gelernt, dass es äußerst unklug war, ihn infrage zu stellen. Erstrecht in Situationen wie diesen, wenn jede Handlung, jede Reaktion nur eine Spannweite weniger Sekunden hatte. Als er mit der Rechten im Handschuhfach herumstöberte und kurz darauf eine großkalibrige Handfeuerwaffe herauszog, sank Erin gerade noch rechtzeitig auf die Rückbank. Der Schuss, den der Joker abfeuerte, hatte ihren Kopf nur um wenige Zentimeter verfehlt. Hätte sie noch eine Sekunde länger gezögert, ehe sie seiner Aufforderung nachkam, wäre sie jetzt die längste Zeit im Besitz eines Lebens gewesen.
Statt ihrem Kopf zerschmetterte die Kugel die Heckscheibe des Taxis und schlug ein faustgroßes Loch durch die Frontscheibe des verfolgenden Polizeiwagens. Erin legte die Hände über den Kopf, als der Joker ein weiteres Mal abdrückte, worauf ein markerschütternder Knall so laut in ihren Ohren explodierte, dass Erin meinte, ihre Trommelfelle seien geplatzt. Ein Regen aus Glassplittern ging auf sie nieder und sammelte sich in ihrem Haar wie große Schnee- und Eiskristalle. Vom Knall des zweiten Schusses abstammend, summte ein dumpfer Pfeifton in ihrem Gehörgang, der das begeisterte, hysterische Lachen des Jokers, der das Steuer des Wagens in wildem Zickzack hin und her riss, dämpfte, aber nicht gänzlich übertönte.
Erin wurde leicht vom Rücksitz geschleudert, als er das Lenkrad zu einer 180° Drehung herumriss und plötzlich in die entgegen gesetzte Richtung fuhr. Als sie sich mühsam aufgerappelt hatte, gelang es Erin, einen Blick durch die zersplitterte Heckscheibe zu werfen, von deren beiden Einschusslöchern aus Risse im Glas abzweigten wie lauter feine Äderchen und Blutgefäße. Einer der Streifenwagen, vermutlich der, der den ersten Schuss abbekommen hatte, stand völlig verdreht auf dem Gehweg. Entweder hatte der Joker einen der Insassen getroffen, oder aber dafür gesorgt, dass der Fahrer des Streifenwagens vor Schreck das Steuer verrissen und den Wagen in seinen vorzeitigen Ruhestand gelenkt hatte. Der andere, weiter hinten folgende Streifenwagen, kam ihnen direkt entgegen. Der Joker konnte unmöglich draufhalten, ohne dass er selbst bei einem Zusammenprall entweder schwer oder gar tödlich verletzt wurde. So lebensmüde konnte er doch nicht sein, oder? So...verrückt konnte ein Mensch nicht sein. Erin wurde umgehend eines Besseren belehrt.
„Na komm!", knurrte der Joker, das unnatürlich verlängerte Grinsen auf seinem Gesicht breiter denn je. „Komm doch und zeig's mir!!", herrschte er den Streifenwagen lautstark an, obwohl ihn der Fahrer unmöglich hören konnte. Die junge Frau auf der Rückbank wollte sich abducken, wollte nicht hinsehen, wenn beide Autos miteinander kollidierten. Und doch war sie unfähig, sich auch nur leicht zu regen.
Gebannt starrte sie auf die Straße, sah dabei zu, wie der Streifenwagen mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit auf das Taxi zuraste. Der Joker lachte so heftig, dass Erin impulsartig eiskalte Schauer über den Rücken liefen. Wie konnte er es nur so witzig finden, dem sicheren Tod ins Auge zu sehen? Im letzten Moment scherte der dunkelblau-weiße Polizeiwagen nach links aus, gerade noch rechtzeitig, um einen Frontalzusammenstoß zu vermeiden. Das Taxi rammte mit voller Wucht das Heck des Streifenwagens und brachte es somit zum Drehen wie einen Brummkreisel. Der Joker lachte gellend auf und spie Speichel an die unversehrte Frontscheibe.
„Hast du...hast du das gesehen, Schätzchen?", er drehte den Kopf und sah Erin an, die kreidebleich auf dem Rücksitz saß und auf deren blondes Haar sich Glassplitter wie Perlen auf goldenem Garn auffädelten. Die braunen Augen des Jokers leuchteten regelrecht euphorisch auf. Euphorisch oder einfach nur wahnsinnig. Er strömte auch ohne seine Kriegsbemalung eine luziferische Unberechenbarkeit und Grausamkeit aus, dass sein bloßer Anblick, der alleinige Klang seiner schnarrenden Stimme oder auch nur der Duft seines eigenwilligen Parfums aus Benzin, saurem Schweiß und Blut genügte, um das blanke Entsetzen bei seinen Opfern auszulösen. „Diese...so genannten Cops", er erbrach das Wort beinahe, „haben einfach keine Eier in der Hose." Er bog scharf links ab und fuhr unbehelligt weiter. Kein einziger Streifenwagen war mehr in Sicht. „Siehst du, wenn sie einen nicht mehr über ihre tollen Satelliten orten können, sind diese kleinen Polizisten plötzlich hilfloser als Säuglinge. Wenn man ihnen die Kontrolle über etwas nimmt, und sei es nur das popelige Signal eines GPS, wissen sie nicht mehr, was sie tun sollen."
Erin atmete flach und sah durch die beiden Löcher in der Heckscheibe nach draußen. Der Joker war in eine enge Gasse eingebogen und rammte scheppernd einzelne Mülltonnen, die daraufhin einen schwerfälligen Tanz aufführten und ihren Inhalt auf die Straße ergossen. Dieser Mann wäre durch die Hölle gefahren, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Es schien nichts mehr zu geben, das er fürchtete. Angst schien ihm so fremd zu sein wie Erin das Sprechen.
„So...", machte er wieder in einigermaßen normalem Tonfall, „jetzt, da wir wieder unter uns sind...weißt du, warum ich diese kleine Scharade mit dir gespielt hab, hm?" Sie sah ihn abwartend an, während ihre Hand wieder nach dem Messer suchte, das mit der Tasche näher an die Tür gerutscht war. „Damit du lernst, wie...einfältig all diese Institutionen sind, die behaupten, für Recht und Ordnung zu sorgen. Der Mensch, der alles unter Kontrolle zu haben meint, lässt sich nicht nur leicht manipulieren, sondern...sondern von den kleinsten Trugschlüssen fehlleiten." Im Rückspiegel taxierte er sie so durchdringend, dass Erin Nervenflattern bekam. Ihre Hände begannen zu zittern, ihr Herz zu rasen. „Solange es in seinen Plan passt, interessiert es weder einen Cop, noch einen Bürgermeister, noch eine Aufsichtsbehörde, ob jemand schuldig oder unschuldig ist. Es gibt nichts in dieser verdorbenen Welt, das man nicht kaufen kann. Matthew...ja, Matthew war besonders...billig."
Er ließ den Kopf leicht hängen und lugte Erin aus dieser Haltung heraus finster an. Sie presste die Lippen aufeinander. Nein, das konnte nicht wahr sein. Matthew hatte nicht für den Joker gearbeitet. Das war unmöglich. Es war verrückt!
„Um dich zu mir zu lotsen, hat der kleine Mistkerl auch noch einen Aufpreis verlangt, kannst du dir das vorstellen?", er leckte sich schmatzend über die Lippen, „Nur wird ihm all das Geld nichts mehr nützen. Reichtum...moralische Werte...", Erin sah, wie er verächtlich den grotesk entstellten Mund verzog, „Lächerlich. Millionen auf deinem Konto helfen dir genauso wenig aus der Patsche wie der naive Glaube an Gerechtigkeit, wenn dir eine Kugel durch den Schädel gejagt wird. Weißt du, wofür diese Dinge allein gut sind?"
Sie schluckte, konnte nicht fassen, was er da behauptete. Er musste lügen. Mit Sicherheit. Hätte Matthew sie so eiskalt ans Messer geliefert? Erin wollte ihm nicht zuhören, wollte nicht in seine kranke Gedankenwelt hineingezogen werden. Und doch fesselte er sie an seine zerklüfteten, aschfahlen Lippen: „Sie geben dir die Illusion von Trost in einer trostlosen Welt. Es gibt keine Gerechtigkeit, keine Moral, kein Gewissen. Wenn es hart auf hart kommt, ist sich jeder nur selbst der Nächste. Bestes Beispiel ist der neue Commissioner..." Verächtlich schnalzte der Joker mit der Zunge, „weißt du, Eeeerin...er ist davon besessen, sich einen Namen in Gotham zu machen. Er hat in Kauf genommen, dass ein knappes Dutzend Cops elendig krepiert ist, weil er dich nicht auf freien Fuß lassen wollte. Und er hätte noch mehr Opfer riskiert, wäre nicht auf Batman", er würgte auch diesen Namen hervor, „Verlass gewesen."
Erin bekam das Messer wieder besser zu fassen und befeuchtete ihre ausgedörrten Lippen. Sie verstand immer noch nicht, was der Joker mit dieser Wahnsinnsfahrt bezweckte. „Kein Mensch in Gotham oder sonst wo ist in seinem tiefsten Herzen wirklich gut", stellte er mit tiefer, ernster Stimme fest, „auch duuu nicht", verfiel er dann in einen Singsang und grinste, „auch wenn du's furchtbar gern wärst. Du magst es nicht wahrhaben wollen, Erin, aber auch du besitzt einen Punkt, an dem du aus Selbstgerechtigkeit alles tun würdest. Selbst etwas, von dem du nie gedacht hättest, fähig zu sein, es zu tun. Das ist nicht schlecht, mein Herzchen...ganz und gar nicht. Es ist nur schlecht, wenn man sich vormacht, anders zu sein. Ich beweise nur, dass niemand die Ausnahme zu dieser Regel ist. Alle lassen sich in den Abgrund ziehen. Und weißt du auch, wieso?" Er legte eine dramatische Pause ein und drosselte erstmals seit Beginn der Fahrt die Geschwindigkeit des Taxis, „Der Mensch ist nicht zum Fliegen geboren. Und auch nicht dazu, gut zu sein. Bisher...", er schüttelte den Kopf, „hat sich noch jeder dem Chaos beugen müssen." Erins bebende Finger schlossen sich fester, entschlossener um den Griff des Messers. „Auch du wirst Entscheidungen fällen müssen, wenn dir dein Leben teuer ist, mein Täubchen. Oder...das deiner...Freunde."
Erin erstarrte, während der Joker gemütlich wie bei einer Sonntagsfahrt in umliegende Straßen einbog. „Ich kann mir vorstellen, dass du...sehr daran interessiert bist, wie es deinem Herzbuben gerade geht." Er schürzte die grässlich zugerichteten Lippen und kicherte in sich hinein, „Scotty war jedenfalls sehr daran interessiert, dass ich dir kein Härchen krümme. Jedenfalls hat er gebettelt und gefleht." Während sich Erins Züge immer stärker vor Entsetzen verzerrten, weidete er sich regelrecht an ihrer wachsenden, sichtlichen Angst. „Ich muss schon sagen, Erin...du scheinst ja ein richtiges Luder zu sein, dass er sich so für dich ins Zeug legt." Der Joker musterte sie mit einem verruchten Grinsen, das Übelkeit in ihr aufkeimen ließ. „Oder...äh...lieeebt er dich, hm?"
Sie wollte wegsehen, konnte sich aber seinem durchdringenden Blick nicht entziehen. Was hatte er Scott angetan? War er auf ihn losgegangen, weil er ihr geholfen hatte? Setzte er ihn jetzt als Druckmittel gegen sie ein, damit sie sich wirklich auf sein diabolisches Spiel einließ?
„Liebst du ihn?", er mimte mit seiner Stimme fast so etwas wie Mitgefühl, doch Erin zweifelte, dass er überhaupt noch in der Lage war, derartiges zu fühlen. Sofern er überhaupt noch etwas fühlte, von seiner krankhaften Freude an der systematischen seelischen Zerstörung seiner Opfer abgesehen. Erin regte sich nicht, beantwortete seine Frage durch keine noch so kleine Geste. Doch der Joker hatte nichts anderes erwartet und gluckste verhalten. „Hab dir doch gesagt, du sollst dich mir nicht in den Weg stellen, Häschen. Das hast du nun davon, dass du dich so widerspenstig hattest und mir dieses kleine Souvenir verpasst hast." Er deutete mit dem in schwarzes Leder gehüllten Zeigefinger auf die noch leicht gerötete, kreisrunde Brandnarbe neben seinem Mundwinkel, die ihm Erin vor einer gefühlten Ewigkeit mit einem Zigarettenanzünder zugefügt hatte. Egal, ob sie es vielleicht nicht getan hätte, der Joker brauchte keine Gründe, um zu handeln, wie er handelte. Sein Metier war das Chaos, schiere Unberechenbarkeit. Gründe waren nur für rationale, logikorientierte Menschen relevant. Gerade deshalb mussten so viele scheitern, wenn sie versuchten, den Joker und seine Taten zu verstehen. Reine Willkür, destruktive Besessenheit, das war es, was seinem Handeln zugrunde lag und ihn so gefährlich machte. Sie drückte den Griff des Messers so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Er überraschte sie, als er das Steuer scharf einlenkte und das Taxi zum Stehen brachte.
„Jetzt musst du auch beenden, was du angefangen hast", forderte er mit seltsam kehliger Stimme. Erin wartete ab. Jetzt, da der Wagen hielt, ergab sich eigentlich die perfekte Möglichkeit, ihn mit dem Messer zu verletzen oder aus dem Konzept zu bringen. Solange er wie ein Verrückter, der er wahrscheinlich auch war, durch Gothams Straßen gerast war, war die Gefahr zu groß gewesen, dass er wegen ihres Übergriffs einen Unfall baute und noch mehr unschuldige Menschen in diese Sache hineinzog. Jetzt aber stand das Taxi still. So eine Chance würde sich ihr so schnell nicht mehr bieten. Andererseits hatte er ihr zuvor eindrucksvoll bewiesen, wie schnell und eiskalt er die Waffe ziehen und abfeuern konnte. Erin verzog den Mund. So oder so blieb ihr keine Wahl. Entweder jetzt oder nie.
„Was hast du denn mit deinem hübschen Messerchen vor, Spätzchen?" Er sah sie unbeeindruckt über den Rückspiegel hinweg an, machte keinerlei Anstalten, sich zur Wehr zu setzen. Erin jedoch brachten diese simplen, lässigen Worte aus der Fassung. Er hatte gewusst, dass sie ein Messer in der Hand hatte und doch hatte er sie nicht einfach ausgeknipst wie eine Nachttischlampe. Traute er ihr nicht zu, dass sie von ihrer Waffe Gebrauch machte? Die wichtigste Frage, so stellte Erin in diesem Moment fest, lautete jedoch, ob sie es sich selbst überhaupt zutraute, das Messer gegen ihn zu erheben. Es bestand ein geringfügiger Unterschied zwischen einem Küchenmesser und einem Zigarettenanzünder. Gordons Waffe hatte sie an jenem Tag auch nicht abfeuern können. Sie hatte sie auf ihn gerichtet ja, und vielleicht hätte sich auch wirklich ein Schuss gelöst, wäre die Pistole nicht gesichert gewesen. Aber hätte sie ihn auch getroffen? Hätte sie ihn bewusst schwer verletzen oder gar töten können? Nein. Vermutlich nicht. Aber die Umstände waren jetzt ganz andere, oder nicht? Erin versuchte sich zumindest verbissen davon zu überzeugen. Dieser Mann auf dem Fahrersitz war nicht mehr Danny. Er war ihr fremd geworden.
„Willst du mich abstechen, Erin? Wo wirst du die Klinge ansetzen? Am Hals? Am Arm? Oder willst du besonders viel Einsatz zeigen und mir das Messer in die Brust rammen?"
Der Joker drehte sich zu ihr um und grinste. Er trug ein simples blaues Hemd unter einer geschmacklosen Jeansjacke, auf die bunte Flicken genäht waren. Beides war, genau wie die Schiebermütze, Teil seiner Tarnung. „Willst du, dass es schnell geht oder...dass ich richtige Schmerzen erleide?" Erin konnte ihren Ohren kaum glauben und starrte ihn angestrengt an. Die Aussicht, dass er in jedem Moment eine Klinge zwischen seine Rippen bekommen konnte, schien ihn in Hochstimmung zu versetzen. Sie umklammerte das Messer fester, zog es eng an sich und hielt es in Brusthöhe vor sich. Für einige Sekunden inspizierte der amüsierte Blick des Jokers die lange, breite Schneide. „Weißt du, viele fuchteln mit einem Messer herum, ohne wirklich Ahnung davon zu haben, wie man es benutzt. Töten ist eine Kunst. Genau wie das gezielte Verletzen. Es ist leicht, willkürlich eine Schneide in einen Menschen zu stecken. Aber wenn man es richtig machen will, muss man...ein gewisses Maß an Erfahrung mitbringen."
Seine dunklen, leeren Augen musterten sie ausdruckslos, sein Mund lächelte nicht. Die langen, ungleichmäßigen Narben, die sich weit über seine Wangen erstreckten, erledigten das für ihn. Er beugte sich zu ihr vor, worauf Erin instinktiv in ihren Sitz zurückwich. Seine Augen flackerten kurz auf, die Pupillen hatten sich geweitet wie die eines Raubtiers, dessen Blutdurst geweckt worden war. „Soll ich dir zur Hand gehen?", fragte er leise. Sie glaubte, sich verhört zu haben. Er hob die Brauen und nickte mehrmals eifrig. „Ja? Na dann komm!" Die junge Frau zuckte erschrocken zusammen, als seine linke Hand hervorschnellte und ihr Handgelenk unsanft packte.
Beharrlich hielt sie das Messer fest, versuchte aber vergeblich, sich aus dem groben Griff des Jokers herauszuwinden. Doch anstatt das Messer gegen sie zu richten, zerrte er an ihrer Hand, bis die Klinge gegen seinen Mund stieß. Er leckte sich über die Lippen und streifte dabei das kalte, glatte Metall der Schneide. Mit geweiteten, fassungslosen Augen starrte sie ihn an. „Wenn du willst, dass es schnell geht, musst du auch schnell schneiden. In etwa so." Zu Erins blankem Entsetzen ließ er die Spitze des Messers den Pfad entlang schneiden, den die diagonal verlaufende Narbe auf seiner Unterlippe wies. Frisches Blut sickerte aus dem empfindlichen, glatten Gewebe hervor und troff auf die Klinge, lief an ihr hinab wie eine scharlachrote Träne. „Siehst du? So", murmelte er in geschäftsmäßigem Tonfall, während ihm das Blut über das Kinn floss und von dort auf seinen Hemdkragen tropfte, um den Stoff für immer zu ruinieren. Wenn er Schmerzen verspürte, ließ er sie sich nicht einmal durch die kleinste Regung anmerken. Unverwandt bohrte sich sein Blick in ihre Augen. Er war beunruhigend leer. „Damit kannst du schnelle Denkzettel verpassen oder dich...unwillkommener Gesellschaft entledigen. Viel...effektiver, wenn du...sichergehen willst, dass dich das Opfer nie wieder vergisst...ist das langsame, tiefe Schneiden." Erin zuckte zusammen, als das Blut des Jokers über den Griff des Messers träufelte und ihre Finger benetzte, doch er ließ nicht zu, dass sie das Messer losließ. „Komm...auch damit kenne ich mich hervorragend aus." Seine Zunge glitt über die aufgeschnittene Wunde und fing das frische Blut. Der Geschmack des eigenen Lebenssaftes schien eine echte Gaumenfreude für ihn zu sein. Erin hingegen wurde bei dem Anblick schlecht. Sie versuchte ihre Hand zurückzuziehen, aber der Joker erwies sich einmal mehr als der Stärkere. „Ah, ah, ah, komm her", forderte er und presste die Klinge diesmal an seine Schulter. Erin schüttelte hastig den Kopf, versuchte, ihn mit der linken Hand von sich zu schieben.
„Nein?", fragte er gedehnt, „Du willst nicht mehr? Oh, ich bin sicher, du kannst noch richtig viel lernen. Er fing auch ihre andere Hand ab und drückte sie fest. „Überwinde dein letztes Hemmnis und erfahre vollkommene Willkür", seine Zunge jagte fahrig über seine Lippen, während er die Klinge an seine Schulter ansetzte. Erin zitterte am ganzen Körper, sie war unfähig, etwas so Grässliches zu tun. Ihre Augen tränten unter wachsendem Stress, als er ihren Arm enger an sich zog und die Klinge sein Hemd anritzte. „Tu es!", forderte er leise und strich mit den Fingern seiner rechten Hand über ihre Handinnenseite. Dann packte er zu, worauf sich seine Fingerkuppen schmerzhaft in ihre Haut bohrten. „Tu es!", flüsterte er schneidend mit seinem Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. „Stich zu!", schrie er sie an, sodass sie heftig zusammenzuckte und den Kopf von ihm wegdrehte. „Stich zu!", keifte er sie wiederholend an, sodass sein Speichel in ihr Gesicht sprühte und sie die Augen zusammenkniff. „Stich zu!" Doch Erin reagierte nicht. Sie löste ihre Finger soweit es ihr möglich war von dem Messer, das dadurch, dass der Joker seinen Griff etwas lockerte, nach unten fiel. Ehe sie irgendwie reagieren konnte, hatte er rabiat ihren kurzen Haarschopf gepackt und ihren Kopf mit voller Wucht gegen die Kopfstütze des Beifahrersitzes geschleudert.
Sie atmete keuchend aus, ehe sie auf den Fußraum der Rückbank zusammensank. Vor ihren Augen verschwamm alles, während ein stechender Schmerz hinter ihrer Stirn explodierte. Sie hielt die Hände vors Gesicht und krümmte sich, nahm für betäubend lange Sekunden nichts anderes wahr als diesen unbändigen Schmerz. Ein anhaltender Pfeifton beherrschte ihren Gehörgang, ihr Blick war vernebelt, ihr Tastsinn völlig sekundär. In ihrem Mund sammelte sich ihr eigenes Blut, weil sie sich durch den unerwarteten Schlag des Jokers auf die Zunge gebissen hatte. Sie hustete benommen, spuckte Blut auf ihr Kinn und japste nach Luft, während sich vor ihr alles drehte. Irgendwo wie aus weiter Ferne ertönte ein metallisches Scheppern, das das Taxi kurzzeitig schaukeln ließ. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und blendend grelles Tageslicht strömte in die Fahrgastzelle. Es schmerzte Erin in den Augen und ließ sie gequält aufstöhnen. Der Joker trat in das Licht. Seine Silhouette schirmte das weiße Licht vor ihr ab, aber sein Gesicht war in Schatten gehüllt, bis er sich zu ihr hinabbeugte. Blut lief noch immer über seine irren Züge, ersetzte die fehlende scharlachrote Schminke. Er hatte die Mütze abgenommen und achtlos irgendwohin geworfen, sodass das krause, fettige blonde Haar schlaff zu beiden Seiten seines entstellten Gesichts hinab hing. Er legte den Kopf schief und musterte sie mit einem nicht deutbaren Ausdruck in den kalten Augen. Dann schüttelte er sich wie ein Hund, dessen Fell ungewollt nass geworden war. Erin blinzelte ihn angestrengt an, obwohl es ihr wehtat, die Augen offen zu halten. Sie durfte es sich nicht leisten, in der Gegenwart dieses Psychopathen, den sie einst zu kennen geglaubt hatte, ohnmächtig oder auch nur in einer Sekunde unaufmerksam zu werden. Nicht dass sie sich hätte wehren können, wenn er geplant hätte, ihr irgendetwas anzutun, aber sie wollte sich selbst nicht einfach so aufgeben.
„Erin, Erin, Erin", murmelte er und schüttelte den Kopf, „du wirst an deiner Entschlossenheit arbeiten müssen, wenn du auch nur eine Runde meines kleinen Spielchens zu gewinnen gedenkst."
Er packte sie beim Jackenkragen und zerrte sie zu sich hoch, woraufhin sie kurzzeitig nach Luft japste. In ihrem Kopf drehte sich alles so schnell, so als säße sie auf einem außer Kontrolle geratenen Karussell. Es kostete sie viel Kraft, nicht einfach die Augen zu schließen und zuzulassen, was auch immer er mit ihr vorhatte. „Denn letztlich wirst du die Entscheidung darüber fällen, ob dein Herzchen weiterleben darf oder nicht", raunte er ihr zu, leckte sich mit der Zunge über den Mund, die ein Lächeln auf seine Züge malte. Er hielt Erin etwa auf Brusthöhe hoch und beugte sich zu ihr hinab. Sie nahm seine Worte nur gedämpft war, wie die undeutliche Lautsprecherdurchsage auf einem überfüllten Bahnhof. Sosehr sie sich auch konzentrierte, es fiel ihr schwer, seine Worte zu verstehen und ihre weitreichende Bedeutung zu begreifen. Er schien es von ihrem Gesicht ablesen zu können und sagte in spontan sanftem Singsang: „Ah, dein Köpfchen schmerzt bestimmt, oder? Keine Sorge...wenn du hier und jetzt nicht alles mitbekommst, was später von...äh...äußerster Wichtigkeit sein wird, hat dir dein herzallerliebster Scott auf sein eigenes Band gesprochen." Erin atmete flach, glaubte, an dem giftigen Parfum, das der Joker aufgetragen hatte, ersticken zu müssen, wenn er sie länger so nah bei sich hielt.
„Ssshhh", murmelte er und strich ihr grob mit dem von dunklem Leder bedeckten Handrücken über die Wange. So kalt und glatt, wie sich der Stoff des Handschuhs anfühlte, war seine ganze Art. Erin blieb nur übrig, unter seiner Berührung zu erschaudern. Kraftlos hob sie mit aller Anstrengung ihre Hände und presste sie gegen den Jeansstoff seiner entliehenen Jacke, deren Besitzer für dieses Kleidungsstück – oder für irgendein anderes, was das betraf – keine Verwendung mehr haben würde, um wenigstens einen kleinen Abstand zwischen ihrem Körper und dem seinen zu schaffen. Ihm so nahe zu sein, war, als würde man selbst auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Rationalität balancieren und jeden Moment abstürzen.
Der Joker spähte auf ihre Hände hinab und hob dann eine Braue. Ihr fiel auf, dass eine kleine, keilförmige Narbe von seiner Braue abzweigte und bis zu seiner Schläfe hinabreichte. Wie viele Narben verbarg er erst unter seiner Verkleidung, allein nur unter seinen Handschuhen? Er ließ mit der Linken von ihrem Kragen ab und ergriff ihre rechte Hand, bog sie soweit es ihm möglich war zurück, ohne ihre Hand zu brechen und rieb mit dem Daumen fest über jene Narbe, die er ihr einst zugefügt hatte, als sie noch ein kleines Mädchen und er auch noch nicht mehr als ein bemitleidenswerter kleiner Wurm gewesen war. Gebannt und den hämmernden Schmerzen zum Trotz, die sich systematisch von ihrer Stirn zu ihren Schläfen fortzubewegen schienen, sah sie ihm in die Augen. Was sie genau in ihnen suchte, wusste sie nicht. Vielleicht einen Anhaltspunkt, dass der Mann, der er einmal gewesen war, noch nicht in ihm gestorben war.
„Tut sie manchmal noch weh, Erin?", fragte er leise und hätte er keinen so belustigten Ausdruck in den Augen getragen, hätte man seinen Tonfall fast für Besorgnis halten können. Sie sah ihn so teilnahmslos an, wie es ihr möglich war und hatte es ihrem schwirrenden Kopf zu verdanken, dass es ihr auch ein bisschen gelang. Der Schnitt, der ihre Lebenslinie kreuzte, pflegte immer dann unangenehm und manchmal sogar richtig schmerzhaft zu pochen, wann immer größere Wetterumschwünge bevorstanden. Ob sie es wollte oder nicht, ihr Körper zwang sie beständig dazu, sich zu erinnern.
„Es wird nicht deine einzige bleiben", sagte er, so als wäre es keine bloße Mutmaßung, sondern ein Versprechen. Wie Recht er damit hatte, hatte sie ihm schließlich auch schon die breite Narbe auf ihrem Oberschenkel zu verdanken gehabt. Sie schluckte schwer, als seine Hand von ihrer abließ und wieder zu ihrem Gesicht wanderte. Reflexartig schloss sie die Augen, während seine vom kalten Leder verdeckten Finger die Konturen ihres Profils nachfuhren. Sie spürte seinen unerwartet hektischen Atem auf ihrer Haut, als er sich noch näher vorbeugte. Die rechte Faust, mit der er noch immer ihren Kragen umfasst hielt, bohrte sich schmerzhaft in die kleine Kuhle zwischen ihren Schlüsselbeinen. Es war, als trüge er keine Handschuhe, sondern angeraute Schlagringe. Erin kniff die Augen noch fester zusammen, was kleine rote Stichflammen hinter ihren geschlossenen Lidern aufflackern ließ.
„Ich habe...noch viel mit dieser Stadt vor...", flüsterte er so nah an ihren Wangen, dass sie beinahe seine zerklüfteten Lippen auf ihrer Haut spürte und jeden Moment damit rechnete, das warme Blut, das noch immer aus dem frischen Schnitt sickerte, auf ihre Wangen tropfen zu spüren. „ich werde sie zu meiner Stadt machen. Du, meine liebliche Erin, könntest dabei äußerst...nützlich sein. Vorausgesetzt natürlich, dass du dich als würdig erweist, an meiner Seite zu stehen."
Seine Worte waren nicht mehr als gewisperte, kaum hörbare Silben, und doch umfingen sie Erins Denken wie warmer, schwerer Balsam. Er wich ein wenig zurück, fasste grob ihr Kinn und zerrte es zu sich. Seine Finger gruben sich wie Klauen in ihre Wangen, vermittelten ihr den stummen Befehl, ihn anzusehen. Ihr beschleunigter Herzschlag hämmerte im sich überschlagenden Takt ihrer Kopfschmerzen durch ihre Venen, brachte ihren Kreislauf an den Rand des Zusammenbruchs. „Schon bald wird es sich zeigen, ob du deine erste Lektion gelernt hast", sagte er und ließ so urplötzlich von ihr ab, dass die junge Frau haltlos zu Boden ging und auf dem schmutzigen Asphalt der Seitengasse landete, in die der Joker das entführte Taxi gelenkt hatte.
Er stand vor ihr und äugte gleichgültig zu ihr hinab: „Wenn ich...wenn ich dir einen Rat geben darf...", begann er, zog Erins Tasche von der Rückbank, warf sie auf die am Boden liegende Frau und schlug abschließend die Autotür zu, „ruh dich nicht zu lang aus. Im harmlosesten Fall könntest du dich erkälten." Er nickte einige Male vor sich hin und rutschte dann über den Beifahrersitz hinweg wieder hinter das Steuer. Ohne lange zu zögern, schmiss er den röhrenden Motor des Chevrolets an. Benommen realisierte Erin, dass neben den roten Rückleuchten auch ein grelles weißes Licht an den Flanken des Taxis aufleuchtete, und der Joker den Rückwärtsgang eingelegt hatte. Sie hatte es ihren Reflexen zu verdanken, dass sie sich gerade noch rechtzeitig zur Seite drehte und mit dem Körper gegen die Mauerwand stieß, andernfalls wäre er einfach über ihre Beine gerollt.
Das aus immer weiterer Entfernung ertönende Heulen des überstrapazierten Motors hallte in ihren Ohren, als sie sich keuchend in eine sitzende Position aufrappelte. Sie durfte nicht einschlafen, auch wenn ihr gequälter Kopf und ihr kollabierender Kreislauf danach verlangten. Hier draußen herrschten Minusgrade vor und sie war im Moment zu desorientiert, um sich wirklich in Sicherheit wiegen zu können. Letzten Endes war es der Impuls, dass irgendetwas mit Scott nicht stimmte und er womöglich in großer Gefahr schwebte, der Erin dazu brachte, sich wieder aufrappeln zu wollen. Leise und lautlos stöhnend drückte sie ihre durch die Behandlung Talburnes immer noch geschundenen Schultern gegen das Mauerwerk und zwang sich dazu, ihre wackeligen Knie durchzudrücken und sich aufzurichten. Sie spuckte einen Schwall des eigenen Blutes auf den Boden, weil es ihren Magen vor Übelkeit erzittern ließ, wenn sie es herunterschluckte. Einige mit Blut vermengte Speichelfäden klebten an ihren Mundwinkeln und ihrem Kinn, aber sie verspürte nicht einmal den Drang, sich diese unwillkommene Mixtur abzuwischen. Für Eitelkeiten war jetzt wirklich keine Zeit.
Sie wagte einen vorsichtigen Blick in ihre Umwelt, die immer noch unstet und schwammig wirkte, so als erblickte sie sie durch rotierendes Milchglas. Seufzend legte Erin den Kopf in den Nacken, als sie aufrecht an der Wand lehnte und ihre zitternden Hände an dem glatten Mauergestein nach Halt suchten. Er hatte ihr doch nur diesen einen gezielten Schlag verpasst, indem er ihren Kopf gegen die Stütze geknallt hatte, warum brauchte sie so lange, um wieder richtig klar denken zu können? Weil er sein Handwerk verstand, so einfach war das.
Wahrscheinlich hätte sie das Bewusstsein verloren, wäre durch ihre Adern nicht beinahe ausnahmslos Adrenalin geschossen. Adrenalin, der lebensrettende Wirkstoff, der ihre Sinne geschärft und ihre Kraftreserven mobilisiert hatte und somit verhinderte, dass ihr Körper in eine todbringende Ohnmacht fallen konnte. Er forderte nun seinen Preis. Erin schwitzte und fror gleichzeitig durch die frostigen Temperaturen, eine krampfartige Gänsehaut befiel ihren Körper in rhythmischen Intervallen. Sie musste sich bewegen, wenn sie nicht riskieren wollte, in irgendeiner Seitengasse zusammenzubrechen und der Willkür eines jeden Dahergelaufenen ausgesetzt zu sein. Ihr Gleichgewichtssinn schien stark geschwächt zu sein. Bei jedem einzelnen Schritt hatte sie das Gefühl, auf dem Deck eines bei hohem Wellengang auf offenem Meer schwimmenden Boots zu gehen. Nur schwerlich klarte ihr Blick auf, während sich ihre Mundhöhle wieder mit Blut füllte. Ihre Zunge hatte es ihr offensichtlich immer noch nicht verziehen, dass sie recht herzhaft hinein gebissen hatte.
Mit der rechten Hand tastete sie sich an der Wand entlang, den Tragegurt der Tasche, die plötzlich zehn Kilogramm mehr zu wiegen schien, hatte sie in der linken Armbeuge gebettet. Das Gewicht drohte sie nach jedem zurückgelegten Meter zu Boden zu ziehen. Sie schaute nach oben zu dem dicht bewölkten Himmel. Einzelne Wäscheleinen waren zwischen den benachbarten Häusern über ihrem Kopf gespannt worden. Daran, dass bei diesem Temperaturen Wäschestücke daran hingen, die alles andere als sauber wirkten, konnte sie erkennen, dass sich die Bewohner dieser Häuser entweder um derartige Kleinigkeiten wie saubere Wäsche nicht scherten, oder aber dass sie ihr vorübergehendes Domizil verlassen hatten. Die Mauer aus rotbraunem Backstein ging nach und nach in ein metallenes Gitter über, hinter dem ein verlassener Streetballplatz dem Unmut der Zeit ausgesetzt worden war. Einer der noch intakten Körbe hing so schief in seinen Angeln, dass sein Anblick dem eines hängenden, traurigen Kopfes nicht unähnlich war. Zerknüllte Papiertüten und Getränkedosen tummelten sich auf der verblassenden gelben Feldmarkierung, raschelten hier und da würdelos, wann immer der Wind Gefallen daran fand, sie wie Spielfiguren auf einem Schachbrett hin und her zu schieben. Erin seufzte und sah sich um. Langsam gewann dieser Ort etwas Vertrautes zurück, wenngleich sie nicht genau sagen konnte, woran das lag. Ihre Finger suchten Halt in dem metallenen Gitter, das sich kalt und scharfkantig in ihre Haut bohrte.
Als sich plötzlich ein mächtiges Gewicht gegen ihren Körper warf und sie fast wieder zu Boden riss, zog Erin, eines Besseren belehrt, ihre Hand zurück. Ein Rottweiler von stattlicher Größe und kräftigem Bau war gegen das dünne, nur wenige Zentimeter breite Gitter gesprungen, das ihn von der jungen Frau trennte. Er sprang immer wieder hoch, fletschte die respekteinflößenden langen Zähne und bellte so ekstatisch, dass Erin Mühe hatte, sich von dem gehörigen Schrecken zu erholen. Nach einigen Sekunden, in denen sie sich versichert hatte, dass es dem Hund nicht gelingen würde, durch das Gitter hindurch zu brechen, wagte sie es, den Blick von der kläffenden Töle zu nehmen und sich umzusehen. Der Rottweiler bewachte ein recht altes Fabrikgelände, das nicht danach aussah, als wäre es noch in Betrieb. Einige verrostete Schilder wiesen mit teils abgeblätterten Schriftzügen darauf hin, dass der Zutritt für Unbefugte untersagt und strafrechtlich verfolgt werden würde. Als sie das recht niedrige, aber lang gestreckte Gebäude sah, das an eine Fertigungshalle erinnerte, leuchtete ihr ein, wo sie sich befand. Sie hatte die Halle vor einigen Stunden nur von der anderen Seite gesehen, deswegen hatte sie einige Minuten gebraucht, um sich orientieren zu können. Der Joker hatte sie nur wenige hundert Meter von Scotts Apartmenthaus entfernt wieder sich selbst überlassen. Sie verzog den Mund und blieb unentschlossen an Ort und Stelle stehen, das wütende Gebell des Rottweilers nahm sie gar nicht mehr zur Kenntnis.
Sie dachte an das Messer und die beiden auf Spielkarten gedruckten Botschaften zurück, die sie heute Morgen neben sich im Bett gefunden hatte, erinnerte sich an die Worte des Jokers und spürte, wie ihr Herz sank. Hatte Scott ihre Nachricht überhaupt erreicht, in der sie ihn davor gewarnt hatte, in seine Wohnung zurückzukehren? In der sie ihn vor dem Joker gewarnt hatte? Oder hatte sie zu diesem Zeitpunkt schon der Joker in Empfang genommen und sich köstlich über ihr Bemühen amüsiert, während Scott...ja, während Scott was? Erin wollte diesen Gedanken nicht zu Ende führen. Hatte er ihn gefoltert? Ihn aufgeschlitzt? Sein krankes Temperament an ihm ausgelassen? Lebte Scott überhaupt noch?
Die betäubte, trügerisch friedliche Stille in ihrem Kopf wurde von dem Rottweiler durchbrochen, der abermals seinen massigen Schädel gegen das Gatter rammte, woraufhin dieses nur kurz erbebte, dann aber unbeeindruckt den Bemühungen des aggressiven Tiers standhielt. Ein Schwindelgefühl beherrschte noch immer ihre Reaktionen und Bewegungen, aber Erin stapfte dennoch schnurstracks durch die Gasse, mit dem beständigen Ziel vor Augen, Scotts Wohnung zu erreichen, dort nach dem Rechten zu sehen und schnellstmöglich einen Hilferuf abzusetzen. Wenn sie Batman schon nicht erreichen konnte oder er nicht – wie Alfred es suggeriert hatte – aufgetaucht war, als sie in Schwierigkeiten war, musste sie einen anderen Weg finden, um irgendwie herauszufinden, ob Scott noch wohl auf war. Vielleicht würde Gordon bereit sein, ihr zu helfen, obwohl er nicht mehr das Amt des Commissioners bekleidete.
Mit dieser schwachen, aber dennoch existenten Hoffnung im Herzen, zwang sich Erin zu einer stetig steigenden Schrittgeschwindigkeit, erlaubte sich keine Verschnaufpause, obwohl sich ihr Schwindelgefühl wieder verstärkte. Sie allein hatte es zu verantworten, wenn Scott jetzt in Gefahr schwebte. Mit großer Angst, die beständig zunahm, je mehr sie sich dem Haus näherte, wünschte sie sich, nie Scotts Hilfe gesucht zu haben. Sie hatte ihn in den ganzen Schlamassel hineingezogen, hatte aus egoistischen Motiven seine Nähe aufgesucht und von seiner Hilfsbereitschaft profitiert, obwohl sie sich hätte denken können, vermutlich sogar hätte denken müssen, dass sie, solange sie von Talburnes Leuten und dem Joker gesucht wurde, eine Gefahr für ihre Freunde darstellte.
Wenn sie die Augen nur kurz schloss, um zu blinzeln, hatte sie Scotts Gesicht vor sich, die warmen Augen, die aussahen, als hätte man sie in Bernstein gegossen, die markanten Wangenknochen, auf denen das Sonnenlicht weiche Schatten zu werfen pflegte, und nicht zuletzt die sinnlichen, weichen Lippen, deren Lächeln sie immer wieder für sich gewonnen hatte. Der bloße Gedanke an ihn ließ sie noch schneller gehen und jede Achtsamkeit schwinden. War sie vor wenigen Stunden noch darauf erpicht gewesen, von niemandem gesehen zu werden oder Aufmerksamkeit zu erregen, repräsentierte sie nun das ganze Gegenteil von dem, was sie sich auferlegt hatte. Mit blut- und speichelverschmiertem Mund, angeschlagener, roter Stirn, wirrem kurzem blondem Haar, verschmutzter Kleidung, zerbeulter Tasche und schlurfendem, aber dennoch schnellem Gang, war sie nicht gerade eine unauffällige Erscheinung. Es kam ihr zugute, dass sie in einem Viertel unterwegs war, in dem man vor derartig zugerichteten Menschen aus Angst um die eigene Sicherheit lieber einen weiten Bogen machte, anstatt sie irgendjemandem zu melden. Erin passierte einen nicht abgegrenzten Hinterhof, erkannte die schmale Mauer wieder, gegen die die Kinder heute Morgen in aller Herrgottsfrühe einen Fußball getreten hatten, und tastete in ihrer Jackentasche nach Scotts Schlüssel. Als sie ihn nicht auf Anhieb fand, verfiel sie in Panik, wühlte mit den Händen in ihren Taschen herum, zog das Futter daraus hervor und schluchzte heiser, als der kleine silberne Schlüssel mit einem hohen, metallenen ‚Klick' auf dem Treppenabsatz landete, der zur Haustür des Apartmentkomplexes führte.
Sofort fiel sie auf die Knie und tastete mit bebenden Fingern danach, bekam ihn zu fassen und presste ihn fest an ihr Herz. Sie schaute auf zu dem Gebäude, das sich im fahlen Licht des endenden Novembers nahezu bedrohlich vor ihr auftürmte, und spürte die warmen Tränen, die über ihre Wangen rannen, erst, als sie auf ihren Lippen landeten und salzig darauf brannten.
Mühsam kämpfte sie sich auf ihre Füße zurück und stolperte mehr als dass sie ging in das Haus hinein. Im Treppenaufgang war jeder ihrer Schritte von einem hohen Echo begleitet, das ihr Kommen in den obersten Etagen des Gebäudes ankündigte. Wie im Wahn legte Erin den Weg über die Treppen zurück, die sich in einer runden Spirale in die Unendlichkeit zu erstrecken schienen. Einmal blieb sie mit der Fußspitze an einer Kante hängen und schlug um ein Haar der Länge nach hin, konnte sich gerade noch rechtzeitig am Geländer abfangen. Die nächste Hürde stellte sich ihr, als sie endlich vor Scotts Wohnungstür angelangt war und den Schlüssel in das Schloss zu manövrieren versuchte. Ihre kalten, zitternden Hände hatten Mühe, den Schlüssel richtig festzuhalten. Ihn in das Schloss zu schieben, stellte eine noch viel größere Herausforderung dar. Ihr seelisches Befinden, die Angst, die auf ein unerträgliches Maß in ihr hoch kochte, und das Wissen um die Dringlichkeit ihres Handelns trugen nicht gerade dazu bei, dass sich der Vorgang des Aufschließens beschleunigte. Es kam einer Erlösung gleich, als ein gewispertes Knarren verkündete, dass sich das Schloss in der Tür gedreht hatte und diese wenig später aufging.
Die Küche, die ostwärts ausgerichtet war, lag aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit in unheilvollen Schatten, die ihr Gezweig bis über den Flur erstreckt hatten. Erin schloss die Tür hinter sich und lehnte mit dem Rücken dagegen, versuchte neben dem beständigen, heftigen Pulsieren ihres Blutes durch ihre Ohren noch irgendetwas anderes wahrzunehmen. Womit sie rechnete, konnte sie sich selbst nicht so recht erklären. Dass etwas anders war als vorher, realisierte sie fast auf Anhieb. In Erwartung, in jedem Moment Schritte auf den seufzenden Dielen in Scotts Wohnung zu hören oder gar eine Stimme, die um Hilfe bat, verharrte Erin einige nervenaufreibende Minuten mit dem Rücken zur Tür. Sie starrte in die Schatten, glaubte in jeder kleinen Bewegung, die die kahlen, im Wind verträumt hin und her wiegenden Baumwipfel vor den Küchenfenstern in den Raum geworfen hatten, eine neue Bedrohung zu erkennen.
Erst als einige Minuten verstrichen waren, in denen sie tatenlos im Flur gestanden und ins Nichts gestarrte hatte, hielt sie ihre innere Stimme dazu an, gefälligst zu handeln. Scott wäre schließlich nicht geholfen, wenn sie sich in Selbstmitleid badend in seiner Wohnung verschanzte und mit wachsender Paranoia Gespenster zu sehen glaubte. Mit der dennoch angebrachten Vorsicht ging Erin bedächtig durch den Flur in Richtung Küche, blieb in der Tür stehen uns sah sich um. Die Schränke und übrigen Möbel erweckten keinen verdächtigen Eindruck. Es war nur das leise, anhaltende Tröpfeln des Wasserhahns, das in Erin Zweifel weckte. Natürlich konnte sie unmöglich sagen, ob sie den Wasserhahn fest zugedreht hatte, nachdem sie den Wasserkocher für ihren Tee befüllt hatte. Genauso gut konnte der Wasserhahn generell lecken und nach eigenem Gutdünken anfangen, die Wasserperlen aus seiner Mündung zu entlassen.
Aber dann stach Erin das entscheidende Detail ins Auge. Ihre Tasse, in die sie heute Morgen Pfefferminztee gegeben hatte, stand nicht mehr auf der schmalen Brüstung zwischen Spüle und Arbeitsfläche. Sie war verschwunden. Erin widerstand dem Drang, nach dem einen Messer zu greifen, das ihr nach der unfreiwilligen Rundfahrt mit dem Joker noch geblieben war, und zwang sich selbst zur Ruhe. Wenn sie schon vergessen hatte, den Tee überhaupt zu trinken, hatte sie vielleicht auch vergessen, ihn woanders hingestellt zu haben. Ihre Fantasie versuchte sie zu verunsichern, ihr einen Streich zu spielen. Langsam trat sie in die Küche und erstarrte unter dem Stöhnen der Diele. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Das kleinste Geräusch hätte genügt, um sie panisch die Flucht antreten zu lassen. Sie sammelte sich, schluckte und zwang sich dazu, an Scott zu denken. Er hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sie in Sicherheit zu bringen und jetzt tickte sie beinahe aus, nur weil eine lächerliche Teetasse nicht mehr am gleichen Platz stand, an dem sie sie zurückgelassen zu haben glaubte. Nein. Nicht glaubte. Wusste. Erin bewegte sich bedächtig durch den Raum, sah ab und an über ihre Schulter zurück, wann immer sie ein Geräusch gehört zu haben glaubte, nur um nichts anderes als die schattigen Konturen von Scotts Flur zu erblicken, die entgegen ihrer Erwartungen noch kein Eigenleben entwickelt hatten.
Als sie sich der Arbeitsfläche genähert hatte, bestätigte sich ihr stiller Verdacht. Jemand war hier gewesen und Erin wusste auch schon, wer. Wer sonst hinterließ schon Visitenkarten in Form von Spielkarten? Die junge Frau betrachtete mit bemerkenswerter Ruhe, die auch sie verwirrte, die Jokerkarte, die wie ein Deckel auf ihrer Teetasse lag, die wiederum in der Spüle stand. Sie beugte sich leicht vornüber und las den Text, der darauf abgetippt war. ‚Danke für den Tee, Spätzchen.' Sie blinzelte, atmete tief durch. Er war hier gewesen, kaum dass sie die Wohnung verlassen hatte. Und dann war er ihr gefolgt. Wie konnte es sein, dass er sich wie ihr Schatten stets in ihrer Nähe aufhielt und sie es erst bemerkte, wenn es zu spät war? Erin überwand sich und fischte die Karte zwischen Zeige- und Mittelfinger aus der Spüle hervor. Sie roch nach ihm. Zwischen Ekel und beängstigender Faszination hin- und hergerissen, drehte sie die Karte in ihrer Hand und entdeckte erst jetzt, dass auch die Rückseite beschrieben war. Seinem selbstbewussten Ego schien es nicht zu behagen, sich kurz zu fassen. Die Nachricht auf der Rückseite lautete: ‚Scott war so nett, dir etwas auf dem AB zu hinterlassen.' Langsam drehte Erin den Kopf und schaute in den Flur zurück, in dem nichts als gähnende Schwärze lauerte. Sie drückte kurz die Karte in ihrer Hand zusammen, steckte diese dann in ihre Tasche und begab sich in Richtung Schlafzimmer. Was auch immer der Joker mit Scott angestellt hatte, sie ahnte, dass sie es erfahren würde, wenn sie den AB, der in seinem Schlafzimmer stand, abhören würde. Mit klopfendem Herzen eintretend, wurde sie auch schon von der emsig flackernden roten Leuchte des Aufnahmebandes begrüßt, die sie beklommen innehalten ließ. Für einen kurzen Augenblick irrationaler Panik überlegte sie, die Nachricht ungehört zu löschen und einfach ihres Weges zu ziehen, nicht mehr zurückzusehen, sondern zu verschwinden. Gleichermaßen wusste sie, dass sie dazu nie in der Lage gewesen wäre. Zumindest nicht ohne sich selbst dabei zu verraten. Außerdem hätte sie, wenn sie weggerannt wäre, dem Joker eingestanden, dass er Recht hatte und jeder Mensch ab einem bestimmten Punkt nur noch sich selbst gerecht werden und den eigenen Ansprüchen genügen wollte. Wenn Scotts Sicherheit bedeutete, dass sie ich auf das Spiel des Jokers einließ, dann sollte es so sein. Die Münze war geworfen worden, jetzt würde nur noch über die Platzwahl entschieden werden.
Erin atmete tief ein, gab sich einen Ruck und drückte auf die Abspieltaste des Anrufbeantworters. Nachdem die mechanische Bandstimme den Eingang einer Nachricht vermeldet hatte, erfüllte leises Rauschen den Lautsprecher, sodass Erin zunächst glaubte, der Joker hätte einen üblen Scherz mit ihr getrieben. Doch dann erklang Scotts Stimme, und die Art, wie sie sich anhörte, ließ Erin das Blut in den Adern gefrieren. Wenn man Todesangst hörbar werden lassen konnte, dann war es mit Scotts Stimme gelungen. Seine ansonsten so feste, tiefe Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern. Sie bebte so heftig, dass er einige Endungen, Silben oder gar Wörter verschluckte. Während er sprach, ballte sich Erins Hand, in der noch immer die Jokerkarte lag, zu einer zitternden Faust. Als die Nachricht verklungen war, lauschte sie noch einigen Sekunden dem Summen der Maschine, ehe sie abermals auf ‚Abspielen' drückte. Diesmal setzte sie sich auf den Fußboden neben das Beistelltischchen, auf dem der AB stand, und spürte, wie ihre wunden Wangen unter der neuerlichen Flut salziger Tränen heiß brannten, obwohl sie innerlich fror.
Scotts Stimme meldete sich wieder zu Wort, doch war die Nachricht dieselbe: „E...Erin?" Er atmete gepresst aus, klang so, als würde er unter Schock stehen, „Wenn du...wenn du das hier hörst, Erin, dann...dann bin ich wahrscheinlich schon nicht mehr hier...", wieder übernahm ein undeutliches Rauschen das Kommando, dann klang es, als würde Scott zögerlich von einem Blatt Papier ablesen: „Wenn du...dich nicht... nicht am Samsta... um Mitternacht am alten Staudamm einfindest...nd...ch...dein...Prüfung stellst, wird er...er mich töten. Erfüllst du die...forderun...n nicht, werde ich auch sterb..."
Erins Gesicht arbeitete. Sie atmete hektisch und mit wachsender Verzweiflung, je mehr Scotts abgehackte, gestammelte Wörter von seiner Angst preisgaben, „...er...meint es ernst. Aber du...darfst nicht auf ihn hören. Du darfst dich nicht auf ihn ei...", hier verstummte Scotts Stimme endgültig und wurde von einem lauten Knall unterbrochen. Kaum dass dieser verhallt war, erklang die schneidende Stimme des Jokers, die die letzte Botschaft verkündete: „Ah, ah, ah, Erin...ein moralisch so guter Mensch wie du würde so einen dummen Rat doch nicht beherzigen, hm? Oder könntest du verantworten, dass dein geliebter Scotty hier vorzeitlich ablebt? Zeig's mir, Spätzchen. Und lass dir lieber nicht allzu viel Zeit, um darüber nachzudenken. Morgen Mitternacht am Staudamm. Ach...und was der gute...Scott...hier vergessen hat zu erwähnen...wenn du auf die Idee kommen solltest, deine dir wohl gestimmte Fledermaus auch nur in die Nähe des Treffpunkts zu bringen, oder dir anderweitig Hilfe zu holen gedenkst, sei dir gesagt, dass auch dann Scott nicht mehr lange unter uns weilen wird."
Damit endete die Nachricht und begann gleichzeitig ein Spiel, von dessen Tragweite Erin nicht die leiseste Ahnung hatte.
