Scar Tissue
21
Gefundenes Fressen
Nackt und gefesselt
Auf einem Silbertablett
Wirst du vorgeführt.
Ein hungriges Feuer prasselte im Schlund des breiten steinernen Kamins, der Eins mit der Wand geworden war. Auf seinem Sims tummelten sich gerahmte, aufgestellte Bilder, Porzellanfiguren und eine Schale gefüllt mit Potpourri, das nur noch schwach nach Sandelholz duftete. Die züngelnden Flammen mischten das Aroma des Öls mit einlullender Wärme, die schwer und zugleich betörend im Raum lag. Das etwas betagte Kanapee, das mit blauem, teils löchrigem Chiffon überzogen war, lehnte an der Wand und erweckte den Eindruck, als schliefe es friedlich in der wohligen Wärme des Zimmers, während draußen Schneeflocken vom Himmel fielen und sich auf dem Fensterbrett niederließen, um voller Sehnsucht und Neid in das gemütliche Innenleben Le Gardiens zu spähen. So friedlich, wie es den Anschein hatte, war es innerhalb der vier Wände des Waisenhauses längst nicht mehr. Patricia, deren graumelierte Locken in ihre von Sorgenfalten durchzogene Stirn fielen, saß an ihrem breiten Sekretär und legte seufzend die Lesebrille auf den aufgeschlagenen Hefter, der die Bilanzen Le Gardiens verzeichnete. Erschöpft rieb sie sich die Schläfe, während die Zahlen vor ihren Augen verschwammen. „Es hat keinen Zweck", murmelte die Leiterin des Waisenhauses und verbarg ihr Gesicht kurze Zeit hinter ihren Händen. „Steht es wirklich so schlecht um uns?", fragte Nell, die nahe am Kamin saß. Die Kälte machte ihr mit ihrer Arthritis sehr zu schaffen, wogegen ihr die Wärme des Feuers ein wenig Linderung verschaffte. Sie saß auf einem gepolsterten Stuhl, war in eine warme Wolldecke gehüllt und betrachtete mit besorgtem Gesichtsausdruck ihre Vorgesetzte und Freundin. Mit ihr gemeinsam hatte sie Le Gardien zu dem gemacht, was es zu seiner Blütezeit gewesen war. Gemeinsam hatten sie das Waisenhaus aufgebaut und gemeinsam würden sie auch noch bis zuletzt hier verharren, wenn das Schiff dem Untergang geweiht war. So, wie es gute Kapitäne zu tun pflegten. „Schlecht ist, so fürchte ich, gar kein Ausdruck." Patricia überflog die Einträge und schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Dadurch, dass wir von der Stadt keine Subventionen mehr gezahlt bekommen, sind wir allein von den Sponsoren abhängig und deren Gelder fließen schon seit Jahresmitte zäh. Dass ein gesuchter Massenmörder hier ein- und ausgegangen ist, eine unserer Lehrkräfte unter dringendem Mordverdacht steht und flüchtig ist, ein weiterer Lehrer tot und drei andere nicht mehr zu erreichen sind, tut sein Übriges dazu, um uns wenig schmackhaft für Investitionen werden zu lassen." Nell bewegte langsam ihre Finger, die sie unter einer Decke zusätzlich zu wärmen versuchte. Ihre Knöchel waren sichtlich geschwollen und mussten ihr große Schmerzen bereiten, doch ihre größte Sorge galt der ungewissen Zukunft Le Gardiens.
„Ich habe noch ein wenig Geld zurückgelegt, vielleicht könnte das schon ein bisschen helfen...", begann Nell, die bereits den ganzen Tag völlig neben sich zu stehen schien. Immer wieder glitt ihr Blick aus klugen grünen Augen ins Leere ab. Es war ihr anzusehen, dass sie die Situation sehr mitnahm, insbesondere in Bezug auf Erin. „Das kommt nicht in Frage, Nell. Du hast da schon mehr Geld hineingesteckt als irgendjemand sonst und von etwas musst du schließlich auch leben, wenn...", Patricia beendete den Satz nicht, doch ihre unausgesprochenen Worte lagen gewichtig in der Luft wie eine stumme Drohung. „Wenn Le Gardien die Tore für immer schließen muss?", suggerierte Nell in einem seltsamen Tonfall. Sie klang traurig, aber zugleich ungewöhnlich ruhig, fast schon resigniert. In den letzten vier Wochen hatten sich in ihrem Leben größere Katastrophen ereignet als in all den Jahren zuvor. Wenn man so viel miterlebt und durchgestanden hatte wie Nell, lernte man irgendwann beinahe stoisch mit kritischen Situationen umzugehen. Für einige Minuten erfüllte nur das hölzerne Knistern und sporadische Knallen brennender Rindenteile den Raum, weder Patricia noch Nell wussten die Stille mit Worten auszufüllen, die vermutlich sowieso nicht der prekären Lage angemessen gewesen wären. Schließlich seufzte Patricia, deren Wangen wie zwei rote Pfingstrosen auf ihrem ansonsten recht bleichen Gesicht erblühten, und schlug den Hefter zu. „Ich fürchte, mit diesem Gedanken müssen wir uns anfreunden."
Sie schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Die Dämmerung brach schon früh an am ersten Adventssonntag des Jahres. Mit den Kindern hatten sie den ganzen Nachmittag lang vorweihnachtlichen Aktivitäten gefrönt wie Plätzchenbacken, Basteln und dem Vorlesen von Weihnachtsgeschichten. Die Stimmung war nicht die schönste gewesen, aber alle hatten mitgemacht und das war schon einmal ein gutes Zeichen. Dabei hatte Patricia improvisieren müssen, als weder Scott noch Olivia erreichbar gewesen war und das Jugendamt auf die Schnelle keine zusätzlichen betreuenden Kräfte entsenden konnte.
Allein mit Nell hatte sie die nicht unbeachtliche Horde Kinder unter einen Hut gebracht, die sich nun im Spielzimmer beschäftigte. Viele hatten sich beklagt, nicht auf ihre Zimmer zu dürfen, aber wenn sie zu zweit so viele Kinder beaufsichtigten mussten, war es das Klügste, sie auf möglichst kleinem Raum zusammenzuhalten. Glücklicherweise hatte sich eine Bekannte von Patricia dazu erbarmt, die Kinder in dieser Zeit in Augenschein zu nehmen. Nell schüttelte kaum merklich den Kopf und starrte in das Kaminfeuer, dessen flackerndes orangefarbenes Licht ihrem ergrauten Schopf Farbe verlieh.
„Das ist mein Leben, Patricia. Wenn Le Gardien schließt, hat mein Leben keinen Sinn mehr." So drastisch diese Worte auch klingen mochten, Nell hatte sie in ihrem ruhigen Ton geäußert und das versicherte ihre Kollegin dessen, dass sie es ernst meinte, und konnte es ihr auch nachfühlen. Trotzdem sagte sie leise: „Sag doch so etwas nicht, Nell." Die ältere Frau drehte den Kopf nur kurz in Patricias Richtung, schüttelte dann wiederholt den Kopf und sagte fast nur noch flüsternd: „Ich meine es aber so. Was soll aus den Kindern werden, wenn sich Le Gardiens Pforten schließen?"
Die Leiterin des Waisenhauses lehnte sich in ihren ächzenden Stuhl zurück und starrte an die Decke: „Das Jugendamt wird sie an andere Heime vermitteln." Nell nickte düster und sagte erstmals mit so etwas wie einer Gefühlsregung in der Stimme: „Wo sie wieder auseinander gerissen werden, kaum dass sie sich ein vertrautes Umfeld geschaffen haben." Traurig schlug sie die Augen nieder, Kummer prägte ihre gutmütigen Züge.
„Wir können von Glück reden, dass sie nicht schon längst die Kinder geholt haben. Le Gardien hat nicht gerade gute Presse bekommen." Patricia dachte an die Schlagzeilen zurück, die über das Waisenhaus veröffentlicht worden waren, seit irgendwelche Schmierfinken herausgefunden hatten, dass Erin hier gearbeitet hatte. Seither hatte sie einige mahnende und besorgniserregende Anrufe von Gothams Jugendamt erhalten, in denen man sich erkundigte, ob in Le Gardien noch die Sicherheit für die Schutzbefohlenen garantiert werden konnte. Wahrscheinlich hatten sie es nur dem Umstand zu verdanken, dass sämtliche Kinderheime und Waisenhäuser aus allen Nähten platzten und es alles andere als einfach war, Kinder an diese Einrichtungen zu vermitteln; andernfalls wären Nell und Patricia zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht nur noch die einzigen Bewohner des großen Gebäudes gewesen.
„Vor noch einem Monat war alles in Ordnung...was ist nur geschehen?", Nell starrte ins Feuer, so als richtete sie diese Frage an die sprühenden Funken und nicht an ihre Freundin.
„Ich weiß es nicht...", entgegnete Patricia etwas hilflos. Sie hätte ihr gern etwas Tröstliches gesagt, doch die richtigen Worte wollten ihr nicht in den Sinn kommen.
„Ich habe Angst um Erin", kam es genauso unvermittelt von der Köchin, die in den letzten Wochen sichtlich abgemagert war. Gesundheitlich durch ihre hartnäckige Arthrose generell angeschlagen und dann auch noch psychisch von den erschütternden Ereignissen mitgenommen, war Nell ein einziges Bild menschlichen Elends. Ihr Herz hing an Le Gardien, hing an den Kindern und auch an der stummen Erin, die für sie wie eine Tochter gewesen war. Die Vorwürfe, die in der Öffentlichkeit gegen sie erhoben worden waren, hatten Nell schwer getroffen. Alle waren zutiefst erschüttert darüber gewesen, dass Matthew ermordet worden war; dass Erin jedoch dieser Tat verdächtigt wurde, war wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Niemand glaubte sonst so verbissen daran, dass Erin unschuldig war wie Nell. Patricia wollte diesen Glauben teilen, aber die Beweise, die in den Medien veröffentlicht worden waren, waren erschreckend erdrückend.
„Ich weiß. Ich mache mir auch Sorgen. Seit der Beerdigung von Matthew haben wir weder von Scott noch von Olivia etwas gehört...ich finde das sehr merkwürdig."
Nell ließ den Kopf hängen und murmelte: „Ich glaube, dass Scott ihr hilft. Erin war ihm schon immer wichtig. Ich glaube nicht, dass er sie hängen lässt. Er ist der Einzige, der ihr beisteht." Sie seufzte schwermütig, worauf sich Patricia erhob und ihren sperrigen Sekretär umrundete. Die Arme vor der Brust verschränkt lehnte sie gegen das Möbelstück und betrachtete Nell eindringlich. Sie sah weit entfernt von gut aus.
„Du kannst ihr im Moment nicht beistehen, so sehr du das auch willst. Ich bin mir sicher, sie weiß, dass du ihr helfen würdest, wenn du es könntest. Genauso glaube ich aber auch, dass sie dich nicht noch tiefer mit hineinziehen will." Patricia gab sich größte Mühe, einfühlsame Worte zu finden. Nell war völlig aufgelöst gewesen, als sie Erin auf der Beerdigung über den Weg gelaufen und die Situation eskaliert war. Sie hatte Olivia schlimme Vorwürfe gemacht, weil diese auf Erin losgegangen war. Nach einem lauten und lang andauernden Wortgefecht war Olivia am Freitag aus der Tür gestürmt und hatte seither nichts mehr von sich hören lassen.
„Sie ist unschuldig, Patricia." Nell sah sie aus voller Überzeugung an.
„Ich glaube, das können nur die beurteilen, die in dieser Sache etwas zu sagen haben", merkte sie an und bewegte sich dann auf Nell zu, legte die Hand auf ihren Arm und musste sich zusammennehmen, damit sie nicht merkte, wie sehr sich Patricia daran erschrak, dass sie sich so dünn anfühlte.
„Die folgen der falschen Fährte. Sie hat mir unter Tränen vermittelt, dass sie Matthew nicht umgebracht hat. Hältst du Erin etwa auch für schuldig? Was ist nur passiert? Warum glaubt ihr nicht mehr an sie, nur weil alle anderen behaupten, sie hätte so eine schändliche Tat begangen?", Nell war sichtlich aufgeregt und ballte die geschwollenen Hände zu Fäusten.
„Das habe ich nicht gesagt. Aber es ist doch verständlich, dass bei so einer deutlichen Beweislage die meisten gegen sie argumentieren."
Patricia legte den Kopf schief, als Nell verbittert den Blick abwandte. Sie wirkte getroffen und verletzt, dabei hatte sie Erin doch gar nicht schuldig gesprochen. „Der Umstand, dass sie aus der Untersuchungshaft geflohen ist, war sicher auch nicht unbedingt hilfreich, wenn sie auf ihre Unschuld plädiert. Sie hätte die Sache aussitzen müssen. Ich bin sicher, dass sich das nach und nach geklärt hätte", argumentierte sie vorsichtig weiter und verzog verunsichert den Mund, als Nell ihre Hand abschüttelte und leise sagte: „Wenn sie nicht geflohen wäre, wären viele andere Polizisten durch die Hand dieses...Psychopathen gestorben."
Patricia umrundete Nell und lehnte seitlich an der Kaminmauer, schaute mit gesenktem Kopf in die unermüdlichen Flammen. „Das mag sein. Und viele haben ihre Freilassung gefordert. Aber nicht, weil sie an ihre Unschuld glauben. Sie ist unter völlig falschen Voraussetzungen auf freiem Fuß und Jagdwild. Sowohl für die Polizei als auch für diesen...Joker. So gesehen war sie in Haft nicht nur sicherer, sondern auch glaubwürdiger."
Nell schwieg daraufhin, erst nach einigen Minuten schaute sie zu ihr auf, ehrlicher Kummer war in ihren Augen zu lesen. „Sie ist zum Spielball geworden und jetzt muss sie die Schuld für alles tragen? Du weißt doch selbst, was für ein sanftmütiges Wesen sie ist. Sie könnte keiner Fliege etwas zuleide tun", beharrte die alte Frau und erhob sich langsam und zittrig von ihrem Stuhl. Als ihre Kollegin sie zu stützen versuchte, schob Nell sanft aber bestimmt ihre Hand weg und streckte sich ächzend, „Wenn wir uns beim erstbesten Verdacht dazu hinreißen lassen, uns gegen die zu stellen, die wir lieben, sind wir im Herzensgrunde alle allein." Sie streifte die Decke ab und legte sie auf den Stuhl, dann seufzte sie leise und sah Patricia in die Augen: „Werden wir wenigstens über Weihnachten noch hier bleiben können?"
Die Leiterin strich sich eine graue, gelockte Strähne hinter das Ohr und sagte: „Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es." Nell nickte kaum sichtlich und ging in langsamen Schritten auf die Tür des Zimmers zu. Als sich ihre verwachsenen Fingerknochen um den Knauf legten, drehte sie sich noch einmal kurz um und murmelte: „Den Zusatz des ‚frohen neuen Jahres' können wir uns dann wohl sparen, oder?" Darauf erwiderte Patricia nichts, entrang sich nur ein schwaches, schiefes Lächeln, das mehr ein Schatten auf ihren Zügen war als ein wirklicher Ausdruck. Le Gardien war seinem Ende nah. Wie nah ahnte jedoch selbst sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht.
***
Ein tiefes, gleichmäßiges Brummen surrte auf der nackten, glatten Tischplatte. Der Vibrationsalarm des Mobiltelefons ließ das Gerät in mehr oder weniger galantem Ballett um die eigene Achse tanzen und um Aufmerksamkeit betteln. Das eingängige Dröhnen pflanzte sich über die Maserung des Tisches fort wie die Druckwellen eines Miniaturerdbebens. Erst als es nach sechsmaliger Pirouette immer noch keine Ruhe gab, verdrehte der Joker entnervt die Augen und legte das Messer mit einem hohen Klicken zu dem übrigen Besteck auf die metallene Platte, die auf dem Beistelltischchen lag, und wischte sich die blutigen Hände an der türkisfarbenen Robe ab, die er sich im Gotham General von einem sehr generösen Chirurgen geborgt hatte. Dass dieser jemals wieder Anspruch auf dieses Kleidungsstück erheben würde, war eher unwahrscheinlich. Das Loch zwischen seinen Augen rauchte wahrscheinlich jetzt noch. Zuerst hatte der Joker überlegt, ob er den Arzt für seine Zwecke beanspruchen sollte, war aber schnell zu dem Schluss gekommen, dass er das bisschen Handarbeit noch selbst zustande brachte. Sich selbst pflegte er schließlich auch ständig wieder zusammenzuflicken.
Das Brummen riss nicht ab im Gegensatz zu seinem Geduldsfaden. Er stieß einen sehr unfeinen Fluch aus, während er nach dem sich wie ein Brummkreisel drehenden Telefon griff und den Anruf entgegennahm. Irgendwann würde er verdammt noch mal jede Form der Kontaktaufnahme zu ihm verhindern. Diese elenden Kriecher würden ihn sonst noch anrufen, weil sie nicht wussten, wie sie sich ohne Hilfe den Arsch abwischen sollten. Dabei war er gerade so schön konzentriert bei der Arbeit gewesen. „Boss?" Die nervöse, etwas schrille Stimme gehörte dem nicht ganz hellen Ryan, der sich insbesondere dadurch auszeichnete, dass er jeden noch so dreckigen Job übernahm. Er war wie ein Hund. Loyal, aber dumm. „Was ist?", grollte der Joker ungeduldig. Ryans Job war es, ein Auge auf die Machenschaften der Mafia zu behalten. Die Italiener waren zwar eingeschüchtert, aber deswegen immer noch dämlich genug, den einen oder anderen Deal unter der Hand zu wagen. Diese Frechheiten würde er den Spaghettifressern noch austreiben, aber das konnte noch warten.
„Maroni hatte noch einige Waffendeals offen. Sein Gesindel hat sich vor einigen Stunden mit zwei Kunden getroffen."
Der Joker verzog den entstellten Mund, rümpfte dann aber ohne großes Interesse die Nase: „Haben sie denen was verkauft?"
Ryans Stimme überschlug sich. Immer wenn er sprach, gewann der Joker den Eindruck, er würde sich gerade am Telefon einen runterholen. „Nein...also, sie wollten, aber...diese Made Luca...der hat denen gesteckt, dass Maroni jetzt für dich liefert und..." Der Joker kniff die Augen zusammen und bellte dann regelrecht in das Handy: „Haben die was von meiner Ware gekauft?" Musste er es noch buchstabieren, damit Ryan ihm auf das Wesentliche antwortete? Wäre dieser Idiot nicht so furchtbar nützlich, hätte er ihn längst entsorgt.
„N-n-n-nein, Boss." Ungeduldig unterbrach der Joker seinen Handlanger, der Anstalten machte, etwas hinzuzufügen. Indem er das Stottern des Kleinkriminellen nachäffte, wies er ihn in seine Schranken: „H-h-h-h-ör mir mal zu, du Dumpfbacke...ich hab dir gesagt, du sollst nur dann anrufen, wenn du auch etwas zu sagen hast und etwas passiert. Soll ich dir mal zeigen, was ich darunter verstehe, wenn etwas passiert?", flott tanzte seine Zunge über die zu einer Grimasse verzerrten Lefzen.
„I-i-ich...es ist ja nicht...er hat...Maronis Mann hat durchblicken lassen, dass Mittwochabend die nächste Lieferung ankommt. Seine Kunden haben Interesse gezeigt."
Der Joker erlaubte sich ein kurzes Zögern, was dieses Nervenbündel von einem Verbrecher unsicher nachhaken ließ: „Boss? Bist du...bist du noch dran?" Ohne auf Ryans Frage einzugehen, erwiderte er: „Was sind das für...Kunden, von denen du sprichst?" Es interessierte ihn nicht wirklich, welche verdreckten Sperlinge da versuchten, sein Nest zu beschmutzen, aber es war besser, auch kleine Fische nicht zu unterschätzen. Manche von ihnen waren giftig.
„Das weiß ich nicht."
Die mit schwarzer, verschmierter Schminke umgebenen dunklen Augen vollführten eine halbe Drehung und verharrten mit dem Blick an die Decke gerichtet. „Wa...warummm...rufst du dann an, Ryan?", fragte er betont langsam und gedehnt. Seine vernarbten Lippen schürzend stellte er sich vor, was er mit diesem Fachidioten anstellen würde, wenn er direkt vor ihm stünde und nicht am anderen Ende der Leitung hockte und schlotterte wie ein erbärmlicher Junkie auf kaltem Entzug. Der Gedanke beruhigte ein wenig und kühlte sein sich stetig erhitzendes Gemüt. „Ich find's raus, Boss. Ich...wollte es dich nur wissen lassen", er stolperte über seine eigenen Silben und schien der Länge nach hinzuschlagen. „Das hoffe ich für dich, Ryan, oooohhhh ja, das hoffe ich", lautete die gepresste Antwort des Jokers, ehe er ohne eine gestammelte Erwiderung abzuwarten auflegte. Er hasste es, wenn er gestört wurde, und noch mehr hasste er es, wenn es wegen solcher Lappalien geschah.
Ein leises Rascheln lenkte seine Gedanken auf angenehmere Bahnen. Der Joker warf einen Blick über die Schulter und sah, dass sich Erin leicht regte. Nein, wach war sie nicht, konnte sie auch nicht sein. Dafür war das Narkotikum, das er ihr verabreicht hatte, zu stark. Ihr Arm war nur zur Seite gerutscht und hatte die Decke gestreift, die er über ihr ausgebreitet hatte. Achtlos warf er das Telefon zurück auf den Tisch und drehte den Kopf wiegend in beide Richtungen, sodass seine Halswirbel zustimmend knackten. Er ließ die junge Frau in keiner Sekunde aus den Augen, während er sich wie mit Tanzschritten auf das Bett zu bewegte, in dem sie lag.
„Dadam, dadam, dadam", flüsterte er dabei und ließ sich auf den kleinen dreibeinigen Hocker plumpsen, während er gleichzeitig nach dem Faden griff, den er vorhin mit dem Messer zurechtgeschnitten hatte. Er fädelte ihn mit flinken und geschickten Fingern in das Öhr der Nadel und hielt das schwarze Garn gegen das Licht der kleinen Nachttischlampe, die er auf dem Tablett platziert hatte. Dann schob er die Decke wieder weiter beiseite, die während seines unfreiwilligen Telefonats ihre Wunde zum Teil verhüllt hatte, und betrachtete ihren ziemlich geschundenen Körper. Ihre Haut fühlte sich unter seinen nicht mit Handschuhen verhüllten Fingerspitzen sogar noch besser an. Weicher, fast wie Seide. Weich, aber immer noch kalt. Fast besorgniserregend kalt, hätte er noch gewusst, wie es sich anfühlte, wenn man sich sorgte. Seit einigen Stunden war sie nun schon bewusstlos, die Narkose tat ihr Übriges dazu. Er hatte sie aus ihren nassen Klamotten geschält, die wie eine zweite Haut an ihrem Körper gehaftet hatten, und sie in alle Decken gepackt, die er hatte auftreiben können. Trotzdem wollte sie nicht so recht auftauen.
Die makellose Linie ihrer Lippen war leicht bläulich verfärbt und auch unter ihren Fingernägeln machte sich eine blau-violette Färbung bemerkbar.
„Hm...was mach ich nur mit dir, mein Täubchen?", murmelte er vor sich hin und leckte sich die Lippen, so als würde ihm das dabei helfen, zu einer Lösung für sein kleines Problem zu finden. Er betrachtete sie einige Sekunden lang neugierig, schenkte ihm sich hebenden und senkenden Brustkorb kurzzeitig besondere Aufmerksamkeit, ehe er sich der Nadel in seiner Hand besann und diese zungeschnalzend an Erins Wunde führte. Sie hatte geblutet wie ein Schwein, aber er hatte die Sauerei halbwegs in den Griff bekommen. Ob sie zu viel Blut verloren hatte, konnte er nicht beurteilen, fasste es aber als gutes Zeichen auf, dass sie gleichmäßiger atmete. Sein Spätzchen war ein starkes, resistentes Ding, so schnell gab sie nicht auf, das hatte sie ihm auf beeindruckende Weise demonstriert. Der Joker beendete seine nicht gerade meisterliche Näharbeit und schnitt den Faden durch, tastete auf der Wunde herum und hob den Kopf, als Erin leise seufzte. Hellhörig rückte er näher an sie heran und betrachtete ihr Gesicht. Ihre Lippen teilten sich leicht, aber ansonsten regte sie sich kein Bisschen.
„Ssshhh", raunte er ihr zu und fuhr mit den Fingern das Profil ihres Gesichts nach. Ihre Wangenknochen fühlten sich wie fein gehobelter Marmor an, so glatt und gleichzeitig nahezu leblos kühl. Es war, als wäre sie in Stein verwandelt worden, doch dafür war die Oberfläche ihrer Haut entscheidend zu zart. Nein, sie würde nicht aufwachen, obwohl sie sich eindeutig bewegt hatte, ja, ja. Ihre Regungen waren allerdings von sehr schwerfälliger, tranceartiger Natur, so als litte sie unter einem Alptraum. Ein finsteres und schiefes Lächeln huschte über die vernarbten Lippen des Jokers. Der richtige Alptraum würde sie erst noch erwarten, wenn sie erst einmal wieder zu sich kam. Die Wirklichkeit war es, die mit ihren fleischgewordenen Dämonen zumeist erschreckender war als die Abgründe unserer eigenen Fantasie.
Er betrachtete sie schweigend und mit der Eindringlichkeit, die sonst nur einem Kunstliebhaber zueigen war, der mit kennerischem Blick durch die Galerien von Gemälde zu Gemälde schritt. Erin war noch kein Kunstwerk. Dafür fehlte es ihr noch an Feinschliff. Aber dennoch war sie auf dem besten Weg, ein Meisterstück zu werden. Sein Meisterstück.
Wie viele seiner...nun...Klienten war Erin berechenbar für ihn. Es war, als träte sie eine Partie Schach gegen ihn an, bei der er ihr stets zwei, drei Züge voraus war, doch trotzdem war sie für ihn nicht langweilig. Um Himmels Willen, nein, alle seiner Spielzeuge waren berechenbar für ihn gewesen, selbst Batman, aber das hinderte ihn nicht daran, Spaß daran zu haben, sie und ihre so genannten moralischen Werte auf die Probe zu stellen.
Seine Hand glitt über ihr Gesicht, ihre kalte Kehle und ihren eher zierlich gebauten Rumpf. Irgendwann bekam er ihre Hand zu fassen und drehte sie um. Die Narbe, die er ihr vor so langer Zeit zugefügt hatte, war noch immer da und stach mit elfenbeinerner Deutlichkeit aus dem bleichen Rosa ihrer Hautfarbe hervor. Ja, das musste er sich eingestehen; er war überrascht gewesen, sie hier in Gotham, seinem Territorium, wiederzusehen. Eine zeitlang hatte ihn das Wissen um ihren Aufenthalt in derselben Stadt sogar ein wenig zerknirscht gestimmt, ehe er ihr Potential als mögliches Versuchskaninchen erkannt hatte. Wieder zuckte ein Grinsen einem unwillkürlichen Spasmus gleich über das üppige Rot, mit dem er seinen Mund bemalt hatte. Bislang hatte ihn sein Gespür nicht getrogen. Auch Erin gehörte mittlerweile zu dieser Sorte Menschen, die nicht verstehen wollte, dass sie anders als die anderen war. Mit Scheuklappen fügte sie sich den Regeln und Zwängen einer Gesellschaft, deren Fundament längst modrig und einsturzgefährdet war. Gleichzeitig aber hatte sie ihm bewiesen, dass sie noch lange nicht ein Teil dieser sogenannten besseren Menschen geworden war. Andernfalls hätte sie ihn an Gordon verraten, und wenn nicht an Gordon, dann an seinen fetten, krötenähnlichen Nachfolger.
Schmatzend schnellte seine Zunge hervor, verschmierte das blutrote Make-up auf die wenigen noch unbefleckten Stellen seines Gesichts, während er den Kopf drehte und mit der linken Hand ihren Schopf berührte. Nein, sie hatte es nicht getan. Hatte seinen Namen nicht verraten, ihre, wenn auch sehr kurze gemeinsame Vergangenheit unterschlagen. Diesen selbsternannten Ordnungshütern der Stadt hätte es sowieso nichts eingebracht, wenn sie seinen menschlichen, bürgerlichen Namen, den er vor vielen Jahren abgelegt hatte, in Erfahrung gebracht hätten. Gothams Einwohner und – da war er sich sicher – Menschen jenseits der Stadtgrenze fürchteten sich nicht vor seinem recht profanen Künstlernamen. Sie fürchteten sich vor ihm und das zu Recht. Ob man ihn nun den Joker rief oder als Daniel Finch bezeichnete, es tat seinem Wesen nichts ab, wenngleich es schon an seinem Image kratzte. Aber für gewöhnlich brillierte er dort, wo eben jener Ruf scheiterte.
Er griff zu dem Skalpell, das auf dem Bestecktischchen lag, und ritzte mit der scharfen Klinge vorsichtig über ihr Brustbein, schnitt kaum in die Haut und kratzte dennoch die oberste Schicht tief genug auf, um feine Blutgefäße darunter zu zerstören. Eine dünne Linie aus Scharlachrot markierte die Bahn, die er gezogen hatte, und setzte sich, obgleich er das Messer wieder abgesetzt hatte, über die Grenzen der Wunde hinaus fort. Ein dünner blutiger Striemen führte mittig zwischen ihren wohlgeformten Brüsten entlang und machte Anstalten, ihren Rippenbogen zu passieren und sich wie ein feiner Deltastrom auf ihrem Bauch zu teilen und auszubreiten. Indem er zielgerichtet seinen Zeigfinger am unteren Ende ihres Brustbeins platzierte, fing der Joker den zarten Strom aus rotem Gold auf, spürte mit unerwarteter Erregung, wie sich ihr Brustkorb in der ihm aufdiktierten Monotonie im Rhythmus ihres nun etwas geräuschärmeren Atems bewegte, und beugte sich vor, um den hauchdünnen Faden ihres Blutes mit der Zungenspitze abzufangen und seinen Zeigefinger dadurch zu ersetzen. Seine Hand lagerte auf der kleinen Kugel ihres Schultergelenks, während er sich am süßlichen Geschmack ihres Blutes gütlich tat. Sie umgab etwas, das seinen Jagdinstinkt weckte und den animalischen Trieb in ihm, sie zu bekehren und auf seine Seite zu ziehen, sie letzten Endes zu besitzen, ins Unermessliche steigerte. Sie hatte den Fehler begangen und sich in sein Revier gewagt, jetzt musste sie mit den Konsequenzen leben, dass er ihre Fährte aufgespürt hatte. Vielleicht hing es damit zusammen, dass sie ein Teil seiner Vergangenheit, seines alten Ichs war, das nicht mehr existierte. Genauso wenig, wie seine Geschichte selbst noch in irgendeiner Form lebendig war. Erin war das letzte Überbleibsel seines alten Lebens, ein Relikt, ein Fragment seiner Erinnerungen an jenen Teil seiner selbst, den er zu überwinden gelernt hatte.
Der Joker verspürte nicht unbedingt Interesse daran, sie auszuschalten, so wie er es mit dem übrigen Teil seiner Vergangenheit getan hatte, vielmehr sah er in ihrer Position als Ausgestoßene die Möglichkeit, ihr zu zeigen, worin die wahre Kunst des Lebens bestand, und diese war es nun einmal, die persönliche Freiheit nicht nur zu bewahren, sondern bis zum letzten Rest auszukosten. Er wollte sie nicht vernichten, er wollte sie nur von den Fesseln befreien, die ihr der eigene Verstand angelegt hatte. Natürlich barg dieser Vorgang Risiken und er konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es für die bezaubernder Erin nicht vielleicht das angenehmere Schicksal gewesen wäre, wenn sie vorzeitig das Zeitliche gesegnet hätte, aber das war nicht sein Problem. Er leckte sich ihr Blut von den Lippen und weidete sich erneut an dem betörenden Aroma. Aus dem kleinen Kratzer sickerte erstaunlich viel Blut, das er gerinnen zu lassen gedachte. Blut gerann, Feuer erstickte, Wunden heilten zu Narben. Das war der Lauf des Lebens, aber die wenigsten wussten sich damit zu arrangieren. Erin war auf dem besten Weg, in dieser Hinsicht zur Erleuchtung zu gelangen. Allerdings rechnete er damit, dass sie zunächst ein bisschen Schlaf vertragen konnte. Das konnte ihm nur recht sein. Schließlich hatte er noch eine Verabredung mit einem gewissen Frachtschiff und diverse Vorbereitungen zu treffen. Er mochte nicht viel von Plänen halten, aber er konnte nicht abstreiten, dass es ein gewisses logistisches und organisatorisches Geschick erforderte, um den bestmöglichen Effekt eines Feuerwerks zu kreieren. In dieser Hinsicht war der Joker bekennender Perfektionist.
Er wischte sich den Mund mit dem Ärmel seiner geborgten Chirurgenrobe ab und umrundete Erins Bett, zog ihr die Decke bis zum Hals und schnallte sie mithilfe von zwei Gurten fest. Nicht weil er befürchtete, dass sie aufwachte, – und selbst wenn wäre sie höchstwahrscheinlich zu schwach gewesen, um auch nur den kleinsten dummen Gedanken zu hegen – sondern weil er vermeiden wollte, dass sie sich in einem unruhigen Schlaf drehte und wendete, während er außer Haus war. Wenn sie sich die frisch genähte Wunde aufriss, bestand die Möglichkeit, dass sie verblutete, während er sich um das Geschäft kümmerte, und das wäre wirklich schade gewesen. Schade um all die Mühe, die er sich mit ihr gemacht hatte. Nein, so schnell würde er nicht zulassen, dass ihn sein Vögelchen verließ. Nachdem er sie festgeschnallt hatte und sicher gegangen war, dass ihr die Decken auch so langsam aber sicher Wärme spendeten, betrachtete er seine türkisfarbene, mit Erins Blut verschmierte Kutte, die ihm ein bisschen zu weit war. Diese Ärzte hatten heutzutage auch keinen Geschmack für ansprechende Farben mehr. Da waren ihm seine maßgeschneiderten Kleider wesentlich lieber, aber nachdem seine liebreizende Erin bereits sein Jackett versaut hatte, hatte er nicht riskieren wollen, dass sie seine gesamte Garderobe systematisch ruinierte. Ja, er würde sich umziehen müssen, bevor er Gotham heute Nacht noch unsicherer machen würde, als es ohnehin schon war. Schließlich war es auch recht kalt da draußen, weswegen eine robustere Garderobe wohl angebrachter war. Er warf halbherzig seine Arbeitskleidung über, kämmte sein unbändiges krauses Haar mit einem Käsemesser zurück und befand das verschmierte, alles andere als sorgfältig aufgetragene Make-up auf seinem Gesicht für ausreichend. Mit leicht hinkendem Schritt, den er sich irgendwie angewöhnt hatte, stapfte er durch das Zimmer der abgelegenen Mietwohnung, die er vorübergehend für sich beansprucht hatte und durch deren Wohnzimmerfenster man sogar einen Ausblick auf das Polizeirevier genoss. Gewagt, ganz sicher, aber Gothams Polizisten sahen momentan den Wald vor lauter Bäumen nicht. Genauso gut hätte er sich im Keller des Präsidiums einquartieren und sich dort wohnlich einrichten können. Der Joker zog den Vorhang beiseite und sah aus dem Fenster, das glatte, schnörkellose Glas spiegelte die geisterhafte Weiße, von der sein Gesicht in Besitz genommen worden war. Gotham erweckte den Anschein, zu schlafen, doch wie so oft trog der Schein. Es wimmelte von Leben in dem komplexen Netz aus Gassen und Seitenstraßen, dunklen Winkeln und Häuserschluchten.
Der Joker spähte unbeeindruckt auf die Kulisse, die sich ihm bot. Aus der samtenen Schwärze der Nacht blitzten einige künstliche Sterne der Hochhausfassaden, Straßen- und Brückenbeleuchtungen auf. Auch diese Sterne konnten fallen, würden fallen wie Sternschnuppen. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass dem geneigten Betrachter kein Wunsch gewährt werden würde. Er sah zum Himmel auf, der freigiebig Schnee ausschüttete und damit Gothams Antlitz bestäubte wie mit geschmacksneutralem Zuckerguss. Was wohl seine Lieblingsfledermaus gerade trieb? Ob Batman, Gothams beidseitig geliebter und gehasster Rächer, gerade auf einem dieser Dächer stand und vergebens die Maschinerie aufzuhalten versuchte, die der Joker in Gang gesetzt hatte? Möglich. Sehr wahrscheinlich sogar. Aber die Fledermaus würde nicht mehr lange warten und wachen müssen, schon sehr bald würde sie alle Hände voll zu tun bekommen. Ein fröhliches Glucksen wich mit jeglicher Beschreibung spottender Dissonanz über seine Lippen, die Wahnsinn und Gewalt geformt und zum Repräsentanten seines verkommenen Charakters gemacht hatten. Dann wandte er sich von der Fensterfront ab. Es gab Arbeit zu erledigen.
***
Das Morgenrot hing am Dienstagmorgen in einem trägen Schleier noch immer am Horizont, vor dem sich schneebedeckte Bäume wie die Zinnen einer kalkfarbenen Festung in die Höhe streckten. Obwohl die Sonne längst aufgegangen war, hielt sich der blutrote Film am Himmel wie ein unwillkommener Vorbote der Apokalypse. Die Luft war vom eisigen Aroma klirrender Kälte durchzogen, in der jede noch so warme Atemwolke zu kristallisieren drohte. Dünne Eisplatten bewegten sich auf der leicht unruhigen Oberfläche des Stausees. Es war nicht kalt genug, als dass er komplett hätte zufrieren können und diesem Umstand hatten es die Ermittler der Spurensicherung zu verdanken, dass die beiden gefesselten Leichen überhaupt gefunden und nun geborgen werden konnten.
Ein älterer Mann, der jeden Morgen seinen Hund entlang der Ufer des Staudamms Gassi zu führen pflegte, war auf die beiden an der Oberfläche des Sees treibenden Toten aufmerksam geworden, als das Tier zu bellen begonnen und sich nicht mehr beruhigt hatte. Er hatte sofort die Polizei verständigt und gab gerade seine Aussage zu Protokoll, während einige der Forensiker Fotos vom Fundort schossen und ihre kleinen gelben durchnummerierten Schildchen dort aufstellten, wo sie eine Spur gefunden zu haben glaubten. Die Leichen selbst wurden gerade abtransportiert, um in die Gerichtsmedizin gebracht und dort expliziteren Untersuchungen unterzogen zu werden. Ohne DNA-Sätze überprüfen zu müssen, hatten die Ermittler bereits feststellen können, dass eines der Opfer der vermisste Alexander Randall war. Die junge Frau, die unweit von ihm entfernt aufgefunden und mit dem gleichen Panzertape gefesselt worden war, war bislang noch eine Jane Doe. Eine Jane Doe, deren Schädel mit einem Messer gespalten worden war. Der Anblick war wenig schmeichelhaft und obwohl die Mediziner vor Ort festgestellt hatten, dass die Toten nicht länger als zwei Tage im Wasser getrieben haben konnten, waren ihre Gesichter recht aufgedunsen.
Aufgrund der Unsicherheit bezüglich der Konsistenz der Zellstruktur der aufgeschwemmten Leichname hatte man es sich bisher erspart, die Klebebänder um die Münder der Verstorbenen zu entfernen. Es gab sehr hässliche Szenarien, die sich ereignen konnten, wenn fast moosig weiche Haut von klebenden Oberflächen befreit werden musste.
Commissioner Talburne hatte sich dazu herabgelassen, sich persönlich am Tatort einzufinden, da der junge Mister Randall kein unbekannter Einwohner Gothams gewesen war, auch wenn sich niemand so recht um ihn gekümmert hatte, seit seine milliardenschweren Eltern vor einiger Zeit ums Leben gekommen waren. Ein kleines Detail hatte dazu beigetragen, dass der Fund seiner Leiche Talburnes Interesse geweckt hatte. Schließlich war Alex Randall in Le Gardien zu Hause gewesen. In letzter Zeit schien dies kein gutes Pflaster zu sein. Erst starb einer der Lehrer, dann war die stumme Erzieherin zur Hauptverdächtigen ernannt worden und kurz darauf verschwand Scott Aldon spurlos, den sich der Commissioner gern einmal zur Brust genommen hätte. Randalls Leiche war nur der Tupfer auf dem I. Le Gardiens Insassen schienen wie die Fliegen zu fallen und Talburne hatte auch schon eine Theorie, wieso das so war. Die Kaltblütigkeit, mit welcher die Menschen ertränkt, beziehungsweise gepfählt worden waren, sprach von einem Hassdelikt.
Wahrscheinlich war die gnädige Miss Porter längst nicht so unschuldig und harmlos, wie sie tat. Natürlich konnte Talburne im Moment nur spekulieren. Die Autopsie würde fundierte Erkenntnisse liefern können, aber den Commissioner hätte es nicht überrascht, wenn man Spuren von Erin Porter an den Leichen finden würde. Das Wasser war kalt genug, um einen konservierenden Effekt zu haben, möglicherweise konnten Fingerabdrücke oder Fragmente derselbigen erhalten werden, wenn man das Messer erst einmal aus der Leiche entfernt und Proben genommen hatte. Dann würde er ihr mindestens einen Doppelmord zur Last legen können und diese Lämmer, die für ihn arbeiteten, wachrufen, die noch glaubten, dass es eine gute Idee war, sie um des Jokers Willen auf freiem Fuß durch die Stadt streifen zu lassen. Beide steckten unter einer Decke und er würde es beweisen. Er würde sie beide stellen und das vollbringen, das nicht einmal Batman und Gordon gemeinsam geglückt war.
Sein breiter Mund verzog sich zu einem kalten, triumphierenden Lächeln, das den ihm untergebenen Polizisten, der sich ihm näherte, sichtlich verunsicherte. Dass Commissioner Talburne gute Laune hatte, war nicht nur äußerst selten, sondern auch gefährlich und konnte nichts Gutes bedeuten. Wer betrat schon den Ort eines tödlichen Verbrechens mit einem wohl gestimmten Lächeln auf den Lippen? Entweder der Mörder selbst oder ein Psychopath, der sich an derart verstörenden Szenerien ergötzte.
„Die Spurensicherung hat das direkt umliegende Gelände abgegrast. Gregory fragt, ob das Suchgebiet auf das Waldgebiet erweitert werden soll." Talburne legte den breiten Kopf zur Seite: „Gibt es Hinweise darauf, dass dort etwas Relevantes gefunden werden kann? Vermissen wir hier etwas?" Der Cop trat unsicher von einem Bein auf das andere, so als müsste er dringend pinkeln. „Nein, aber..." Talburne winkte ab: „Der Umkreis von einer Meile sollte ausreichen, zumal wir nicht wissen, wonach wir überhaupt suchen sollen. Der Neuschnee dürfte Fußspuren, die es möglicherweise gegeben hat, feinsäuberlich beseitigt haben, da sind wir etwas glücklos." Der Commissioner rückte die Sonnenbrille zurecht, deren verspiegelte Gläser seinen Blick abschirmten, und machte Anstalten, sich an dem kleineren Cop vorbeizuschieben. Dieser jedoch hielt ihn zurück: „Äh, Commissioner, Sir...ich wollte Ihnen noch sagen, dass...", seine Augen wanderten hektisch hin und her, kamen aber nicht auf Talburnes Höhe zur Ruhe, „dass James Gordon hier ist."
Diese Äußerung ließ selbst den so selbstsicheren Mann aus Chicago kurzzeitig erstarren. Seine strengen Züge entglitten ihm für den Bruchteil einer Sekunde. „Wie bitte?" Der Cop, für dessen Namen sich Talburne nicht interessierte, duckte sich fast vor ihm zusammen und meinte im Tonfall eines Hasenfußes: „James Gordon ist hier, Sir." Talburne ignorierte die Wiederholung und trat näher an den Polizisten heran, bis sein massiger Schatten dunkle Konturen auf das Gesicht seines Gegenübers warf. „Das hab ich verstanden! Er ist nicht befugt, hier zu sein. Schicken Sie ihn gefälligst wieder weg! Da könnte ja jeder kommen." Doch der junge Cop rührte sich nicht von der Stelle und merkte zaghaft an: „Er steht hinter der Absperrung, Sir. Das ist Zivilpersonen nicht verboten."
Talburne biss die Zähne aufeinander, sodass diese deutlich hörbar knirschten, knurrte ein „Das weiß ich" und passierte den Polizisten. Und in der Tat erspähte der Commissioner seinen Vorgänger etwa fünfzig Meter von ihm entfernt hinter dem gelben Sperrband. Die Hände waren in die Taschen seines Tweedmantels vergraben und ein dicker, grau-beige karierter Schal war um seinen Hals gewickelt, versteckte jedoch nicht zur Gänze das weiße Hemd und die dunkle Krawatte. Hinter den recht kräftigen Brillengläsern lugten seine kühlen blauen Augen hervor. Talburne wollte der selbstgefällige Ausdruck auf dem Gesicht seines ehemaligen Kollegen nicht gefallen. Zurückzustecken lag ihm allerdings nicht im Blut. Wer eine Auseinandersetzung mit ihm suchte, sollte sie bekommen und im Nachhinein sehen, ob die Idee so klug gewesen war.
Mit festem, stampfendem Schritt walzte er über den schneebedeckten Untergrund auf die Absperrung zu. Noch weit von Gordon entfernt rief er ihm zu: „Was haben Sie denn hier verloren? Wollen Sie Profis bei der Arbeit zuschauen? Ich denke, das ist spannender, als Enten im Park zu füttern." Provokativ baute sich Talburne vor seinem Vorgänger auf, der ihn ruhig musterte und in leisem Tonfall sagte: „Guten Morgen, Commissioner." In diesen wenigen Worten lag keine Provokation, keine Schärfe, aber sehr wohl stille Verachtung. Talburnes schwulstige Lippen verzogen sich zu so etwas, das ein Lächeln gewesen wäre, hätten sich seine Mundwinkel dabei bewegt. Gordon, dieser Wurm, bewahrte so lange seine diplomatische Maskerade aufrecht, bis er genügend Mittel zur Verfügung stehen hatte, um hinterrücks den Dolch gegen die eigenen Reihen zu erheben. In Chicago war er bereits in Ungnade gefallen, doch hier in Gotham würde ihm das nicht noch einmal gelingen. Nicht, solange er vom Dienst suspendiert war und wenn es nach Talburne ging, würde das noch sehr lange so bleiben.
„Sie haben hier nichts verloren, Gordon. Warum gehen Sie nicht nach Hause und spielen Bingo?" Er war nahe genug an die Trennlinie getreten, dass sein Atem Gordons Wange streifte, doch dieser zeigte noch immer keine deutliche Reaktion. „Winston, ich bitte Sie. So ein Niveau haben wir beide nicht nötig." Talburne hielt inne und kniff die Augen zusammen, die durch die buschige Übermacht seiner Brauen noch schmaler und schlitzförmiger wirkten. Gordon fuhr die diplomatische Schiene, doch zu welchem Zweck?
„Was wollen Sie hier?", sprach er ihn ohne Umschweife an und stemmte die Arme in die Seiten.
„Ich wollte nur mal vorbeischauen", behauptete Gordon im Plauderton, „und schauen, wie Sie sich so machen." Der Commissioner fuhr mit der Zungenspitze die Reihe fast gleichmäßig flacher Zähne entlang und verkniff sich somit eine unfeine Entgegnung.
„Dies ist ein Tatort", merkte Talburne an und Gordon nickte: „So viel hab ich in meiner aufgezwungenen Freizeit noch nicht verlernt, als dass ich das nicht erkennen würde." Ein humorloses Lächeln huschte für den Bruchteil einer Sekunde über das Krötenmaul des Polizeichefs, ehe er sagte: „Daran zweifle ich nicht. Was ich Ihnen damit sagen möchte, ist nur, dass Sie nicht befugt sind, hier zu sein. Oder hat die Behörde vergessen, dass Sie einen Mord vertuscht haben, und schickt Sie mir nun als Verstärkung?" Talburnes Vorgänger rümpfte nur kurz die Nase, doch schon diese minimale Reaktion zeigte ihm, dass er längst nicht so gelassen und ausgeglichen war, wie er nach außen hin vorgab. „Das haben sie nicht", erklärte Jim Gordon leise.
„Woher wissen Sie dann, dass hier Ermittlungen in einem Tötungsdelikt laufen? Hören Sie illegal den Polizeifunk ab oder hat es Ihnen die Fledermaus Ihres Vertrauens zugeflüstert?" Gordon bewegte endlich seine Hände und rückte die Brille mit der linken Hand zurecht.
„Sie sind nicht sonderlich dezent in Ihrer Vorgehensweise", erklärte er simpel, „und wenn ich das schon mitbekomme, werden Sie auch kein Schlitzohr vom Kaliber des Jokers mit einem Polizeispitzel übers Ohr hauen können." Talburne sah den kleineren und schmächtigeren Kollegen mit blitzenden Augen an.
„Verstehe. Hat der kleine Jack Treather Ihnen also polizeiinterne Informationen zugesteckt, ja? Er scheint noch nicht verstanden zu haben, dass Sie nicht mehr sein Vorgesetzter sind, sondern ich." Jim Gordon legte den Kopf leicht schief und entgegnete: „Ich denke, das weiß er sehr wohl." Der kräftige Mann innerhalb des abgesperrten Bereichs trat von einem Bein auf das andere wie ein unruhiges Raubtier.
„Ich muss nur mit dem Finger schnippen und er ist weg vom Fenster. Ob er das will?", sagte er mehr zu sich selbst als zu Gordon, der jetzt auch aus seiner fast stoischen Haltung ausbrach und nach vorn trat, sodass das gelbe Band, das den Tatort markierte, an seinem Jackett rieb.
„Reicht es Ihnen nicht, dass Sie ihn der Mafia wie auf dem silbernen Tablett serviert haben?" Auch die andere Hand wich aus seiner Jackentasche, ein Zeichen des Aufruhrs, den das ehemalige Oberhaupt der Polizei nicht länger verbergen konnte. „Ich habe ihn zu nichts gedrängt, Gordon. Er hat sich bereit erklärt, den Job zu übernehmen, ich bin mir keiner Schuld bewusst", erwiderte Talburne kühl. Es war weniger die Gelassenheit, mit der er das sagte, sondern vielmehr der Umstand, dass er es auch noch ernst meinte, was Gordon so entrüstete.
„Der Junge wird an dem Einsatz zu Grunde gehen, und das wissen Sie ganz genau!", er musste sich sichtlich bemühen, um nicht ausfällig zu werden oder zu laut zu sprechen, aber es gelang ihm zunächst auch. „Haben Sie Cops in Ihrer Zentrale beschäftigt oder Weicheier?", entgegnete der Commissioner, ließ Gordon jedoch nicht die nötige Zeit, um zu antworten, ehe er fortfuhr: „Darf ich Sie daran erinnern, dass Treather es Ihnen und Ihrem zwielichtigen Freund zu verdanken hat, dass er überhaupt in dieser Situation ist?" Gordons Züge arbeiteten angestrengt, dann sagte er deutlich gepresst: „Bestrafen Sie den Jungen nicht dafür, dass er an das Gute in Gotham glaubt!" Talburnes buschige Augenbrauen zuckten in die Höhe, ehe er ein dumpfes, tiefes Lachen ausstieß: „Um Himmels Willen, Jim, glaubst du immer noch, dass Gotham eine Seele hat?" Die plötzlich persönliche Ansprache vonseiten Talburnes überraschte Gordon nicht.
„Ich kann nicht zulassen, dass Sie über Leichen gehen, um an den Joker zu gelangen", erwiderte er tonlos nach einigen Sekunden, in denen andere Polizisten in Hörweite befindlich waren.
„Und ich kann nicht zulassen, dass du dich ständig in Angelegenheiten einmischst, die dich einen feuchten Dreck angehen. Dent hast du decken können, aber bei Erin Porter lasse ich das nicht zu." Talburne war ein wenig ungehalten geworden und ärgerte sich im Stillen darüber. Emotionale Reaktionen zeugten von Schwäche, und er, der Jim Gordon gegenüber von seiner reinen Stellung her überlegen war, durfte sich derartige Aussetzer nicht erlauben.
„Erin Porter ist unschuldig!", beharrte Jim Gordon impulsiver als beabsichtigt.
„Sagen Sie mir das nochmal, wenn ich ihr erst einmal den Mord an Alex Randall und einer unbekannten Frau nachweisen kann!" Talburne sog den Anblick seines verdatterten Kollegen genüsslich in sich auf, bevor er sich umdrehte und durch den Schnee zurückstapfte. Er spürte Gordons Blick auf sich ruhen und lächelte grimmig. Dieser Narr! Legte all seine naive Hoffnung in das Gute im Menschen. Dabei musste er besser als jeder andere wissen, dass der Mensch niemals gut war. Er war und blieb ein Mensch und allein dieser Umstand machte ihn fehlerhaft, schwach und manipulierbar. Erin Porter war da keine Ausnahme, und er, Winston Lawrence Talburne, würde ihre Fehler, ihre Schwäche und die Manipulation, der sie ausgesetzt wurde, aufdecken und sie für ihre Taten zur Verantwortung ziehen. Der Joker war das lukrative Extra, der Bonus an der Jagd nach der jungen Frau. Talburne war überzeugt davon, dass, wenn ihm Erin ins Netz ging, der Joker bald folgen würde. Dass sie jedoch dem Joker bereits ins Netz gegangen sein konnte, kreuzte seine ausgeklügelten Gedankengänge nicht.
***
Die Docks lagen verlassen im Dunkel der Nacht, die nur von einem schwach durch die Wolken blitzenden Mond mäßig erleuchtet wurde. Der beständige Schneefall, der für ein mittelschweres Chaos auf Gothams Straßen verantwortlich gewesen war, gönnte sich im Moment eine kleine Pause. Der Beton war von weißen Schlieren bedeckt, die einzig und allein von Reifenspuren durchbrochen wurden. Am Kai war keine Menschenseele zu sehen. Wahrscheinlich war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Gotham Citys Hafengelände tagsüber den Arbeitern gehörte und nachts, in den kurzen Stunden um Mitternacht den zwielichtigen Gestalten. Die Plätze, an denen sie ihre kleinen illegalen Deals durchziehen konnten, waren rar und weitaus übersichtlicher geworden, und nicht zuletzt war es sein Verdienst gewesen. Batman saß hoch oben auf einem der Lastkräne und überblickte das desertierte Gelände. Vier Großraumfrachter lagen an der westlichen Kaimauer, ein enormer Tanker wartete auf der Nordseite darauf, früh am Donnerstagmorgen leer gepumpt zu werden und kleinere Boote, nicht eindrucksvoll genug, um als Schiffe bezeichnet zu werden, flankierten die Riesen, die in Gotham ihre Nachtruhe zubringen wollten. Batman wartete, obwohl er nicht wusste, worauf.
In der Vergangenheit hatten hier viele Waffendeals der Mafia stattgefunden, doch merkwürdigerweise waren diese in den letzten Tagen deutlich abgeebbt. Entweder hatten sie ihren Handel an einen anderen Ort verlagert, oder aber es gab Lieferungsprobleme. Zuletzt hatte er hier im Hafen zugegriffen, als der verrückte Dr. Crane sein Halluzinogen geschmuggelt hatte. Seither hatte er die Deals der Mafia still beobachtet und nach und nach die Käufer der Ware andernorts gestellt, bevor sie mit den erworbenen Gütern anderen Menschen Schaden zufügen konnten. Seit Salvatore Maronis tödlichem Unfall jedoch hatte die Aktivität der italienischen Mafia kontinuierlich abgenommen. Batman drehte den Kopf und betrachtete seine neue Ausrüstung. Fox hatte ihm demonstriert, wie resistent der neue Anzug gegen Schusswaffen und andere Handgreiflichkeiten war, aber im direkten Nahkampf hatte er ihn noch nie testen können. Wahrscheinlich war das der Grund gewesen, weswegen er sich heute Nacht aufgemacht hatte.
Er verfügte in seinem Labor und seiner...nun...ausgebauten Tiefgarage über die nötige Technologie, um Polizeirufe abzufangen und Talburnes Leute zum Teil zu observieren, doch ein entscheidender Faktor bei seinen Einsätzen war sein Instinkt. Batman hatte gelernt, sich auf sein Gespür zu verlassen und sich in die Machenschaften der Kriminellen hineinzudenken. Er wusste nicht mit Sicherheit, ob heute Nacht ein Deal stieg oder ob er sich geirrt hatte, aber das merkwürdige, intuitive Gefühl, dass er hier genau richtig war, ließ nicht von ihm ab. Hätte er Alfred von dieser Ahnung erzählt, die ihn beschlichen hatte, hätte er ihm sicher einen seiner naseweisen Sprüche gedrückt. Vielleicht so etwas wie: „Wenn Sie jetzt in die Zukunft sehen können, Master Wayne, warum schulen Sie dann nicht um auf Wahrsager in Polizeidiensten?"
Ja, das hätte ihm ähnlich gesehen. Batman hangelte sich von der obersten Strebe hinab und hockte sich einige Meter tiefer auf die Führung des Krans. Zweifelsohne wäre es interessanter gewesen, heute Nacht den Staudamm zu untersuchen, an dem sich laut Fernsehberichten des vorangegangenen Abends ein Doppelmord zugetragen haben sollte. Allerdings wusste Batman, dass Talburnes Leute an der Sache dran waren und der Commissioner hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er die Gelegenheit beim Schopfe packen würde, sollte Batman ihm einmal in die Schusslinie geraten. Er hatte daran gedacht, Gordon aufzusuchen und mit ihm Rücksprache zu halten, was es mit dem Mord am alten Staudamm auf sich hatte, war dann aber zu dem Schluss gekommen, dass Jim möglicherweise auch nicht mehr wusste. Außerdem hatte er ihn in den letzten Tagen so oft behelligt, dass er sich sicher war, dass Barbara Wind von der Sache bekommen hatte.
Alex Randall war gefesselt in das eiskalte Wasser geworfen worden, eine Frau um die dreißig, die noch nicht identifiziert worden war, war ebenfalls im Staudamm ertränkt worden, mit dem Unterschied, dass man ihr zur Sicherheit noch ein Messer in den Kopf gerammt hatte. Batman verzog den Mund. Dieses Verbrechen trug nicht unbedingt die Signatur des Jokers. So viel Aufwand machte er sich selten, um sich seiner Opfer zu entledigen. Andererseits hatte die letzte Spur von Alex Randall mit der Entführung durch den Joker geendet. Batmans bis dato größter Widersacher schien wieder seine Finger im Spiel zu haben und es wurmte ihn über alle Maßen, dass er keine Verbindungsleute im Polizeipräsidium hatte, die ihm Details zum Stand der Ermittlungen preisgeben konnten. Er wollte nur helfen, doch diese Bereitschaft wurde ihm mit einem Kugelhagel gedankt. Warum hatte der Joker so einen umständlichen Weg gesucht, Randall zu töten? Und wer war die Frau, die am selben Abend den Tod gefunden hatte? Er seufzte leise und schüttelte den Kopf. Je mehr Macht der Joker zurückerlangte, desto verworrener und undurchsichtiger wurden seine Züge. Seine einzige Chance, ihm auf die Spur zu kommen, hatte in Erin bestanden, doch die hatte die Ohrstecker, mit denen er sie lokalisieren konnte, abgelegt. Weswegen nur hatte sie die Zusammenarbeit mit ihm verweigert? War sie wirklich so waghalsig und versuchte sich dem Joker ganz allein zu stellen? Aus welchem Zweck?
Batman kam zu keiner klaren Antwort. Er hatte in den letzten Tagen wieder und wieder Scott Aldons Wohnung aufgesucht, doch er hatte sie dort nicht antreffen können. Dass das Appartement stets so vorzufinden gewesen war, wie er es zurückgelassen hatte, bestätigte nicht gerade seine Hoffnung, dass darin noch jemand hauste oder zumindest ab und an einen Besuch abstattete. Antworten würde er vielleicht nur über Aldon selbst in Erfahrung bringen können, doch der war spurlos verschwunden. Alfred hatte für ihn in herausfinden können, dass er im Krankenhaus nicht mehr als Patient aufgelistet war.
Ein Anruf im Gotham General hatte die Erkenntnis gebracht, dass Scott mehrere Tage unangekündigt verschwunden war. Lange hatte man im örtlichen Krankenhaus nicht gefackelt. Freie Betten waren in Zeiten wie diesen Mangelware und nach über drei Tagen ungemeldeter Abwesenheit hatte Aldon den Anspruch auf fortführende Behandlung verwirkt. Was hatte ihn bewegt, auf die Rehabilitationsmaßnahmen im Gotham General zu verzichten? Ihm war ein neues Schultergelenk eingesetzt worden und er war längst noch nicht völlig genesen. Wenn er zudem nicht in seinem Krankenbett lag, wieso war er dann nicht zu Hause? War er entführt worden? Hatte er vielleicht sogar etwas mit dem Mordfall zu tun? Batman sah sich außerstande, eine Erklärung für die Geschehnisse zu finden. Was er auch tat, immer hinkte er einen Schritt hinterher. Diesmal hatte er auch nicht die Gelegenheit, den Joker selbst in die Mangel zu nehmen und herauszufinden, was er mit Aldon angestellt hatte. Dass der Clown auch damit etwas zu tun hatte, bezweifelte Batman in keiner Sekunde. Scott Aldon hatte Erin nahe gestanden, hatte ihr sogar Unterschlupf gewährt, obwohl ihre Unschuld nie ganz bewiesen worden war.
Im Prinzip hatte der Joker wieder einmal nur den Spieß umgedreht. Batman hatte Erin als Köder für den Joker einsetzen wollen, aber dieser war clever genug gewesen, Erin selbst in eine Falle zu locken. Die menschliche Fledermaus hatte nun keinen einzigen Anhaltspunkt mehr, um die junge Frau aufzuspüren und herauszufinden, was der Joker mit ihr im Schilde führte. Das hieß, sofern sie überhaupt noch am Leben war. Die tristen Gedanken des Mannes im Fledermauskostüm wurden jäh unterbrochen, als das Geräusch veralteter Dieselmotoren durch die klare, tragende Luft zu ihm hinaufhallte. Eine Kolonne bestehend aus vier silbernen Lieferwagen fädelte sich hintereinander in die Spur ein, passierte die Kaimauer, auf die der große Tanker seinen monströs anmutenden Schatten warf, und hielt unweit von der Verladestelle tadellos aufgereiht.
Batman setzte sich leicht auf und betätigte die in seiner Maske integrierte Zoomfunktion, die wie ein Fernglas funktionierte. Wie bei einem Nachtsichtgerät kartierte sie die Umgebung in einem grüngelblichen Farbton und zeichnete das Gesehene in einer detaillierten Auflösung auf. Er erkannte sechs der Männer, die aus den Lieferwagen stiegen, wieder. Es waren kleine Fische, die die Drecksarbeiten für Maronis Nachfolger erledigten, nur hatte Batman noch nie so viele von ihnen auf einem Haufen gesehen. Entweder stand viel auf dem Tagesplan und erforderte die Hände vieler Helfer, oder aber die Mafia verspürte den enormen Drang, stark gerüstet bei einer Verabredung anzutreffen. Aus dem Kofferraum holte einer der Schurken eine Maschinenpistole heraus, die er sich umlegte und dann in Anschlag vor sich hielt. Drei andere sahen sich unruhig, fast schon nervös um, während ein weiterer telefonierte. Batman veränderte den Frequenzbereich seines Empfängers und verstärkte die Tonaufnahme, bis er deutlich hören konnte, was der Mann da unten ins Telefon sprach. Er unterhielt sich mit keinem Geringeren als Fabrizio Maroni, dem jetzigen Oberhaupt des Mafiaclans. Abwartend beugte er sich vor und lauschte dem Gespräch. Der Handlanger hatte einen starken slawischen Akzent, ein Beweis dafür, dass sich die letzten Überbleibsel der Mafia zusammengehortet hatten und ein Grund, weswegen Maroni nicht italienisch mit ihm sprach. „Wir warten noch auf seine Leute. Dann werden wir die Ware prüfen", sagte der Mann aus Osteuropa. „Was ist mit den Interessenten?", Maroni klang genervt und unruhig, scheinbar waren die Zeiten offiziell vorüber, in denen die Mafia mit Gelassenheit ihren Geschäften nachgehen konnte. Ein Umstand, der Batman eigentlich hätte freuen sollen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass der Joker auf freiem Fuß war, war die Freude über die Einschüchterung der Mafia getrübt.
„Noch nicht da. Vielleicht haben sie den Schwanz eingezogen." Batman kniff die Augen zusammen. Von wem sprach der Russe? Wer war der Kunde und wer der zweite Interessent? Erpicht darauf, es herauszufinden, balancierte er über den Auslauf des Krans und erhöhte die Lautstärke des Empfängers.
„Verübeln kann man es ihnen sicher nicht", erwiderte Maroni leise. Batman stutzte. War es möglich, dass der Kunde der Joker selbst war? Hatte er sich noch einmal auf die Mafia eingelassen oder besser gesagt andersherum? Aber zu welchem Zweck? War ihm die Allianz mit der altehrwürdigen Linie organisierter Verbrecher nicht zu langweilig, zu profan gewesen? Er hatte einen gegen den anderen ausgespielt, systematisch das Netz der Mafia zerrissen und jetzt machte er mit dem Überbleibsel gemeinsame Sache? Wenn dem so war, dann ergab sich hier und jetzt vielleicht die Chance, den Clown zu ergreifen. Eine übermächtige Nervosität ergriff Besitz von ihm, sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Selten war er dem Joker so nah auf den Fersen gewesen und die Ahnung, in seinem Windschatten nach ihm zu jagen, ließ seinen Puls in die Höhe schießen. Er bekam eventuell jetzt die Möglichkeit, all dem ein Ende zu bereiten, das wahllose, kaltblütige Morden zu stoppen, dem wütenden Wahnsinn Einhalt zu gebieten.
„Was, wenn die doch noch kommen? Sollen wir vermitteln?", die Stimme des Osteuropäers riss Batman aus seinen wirbelnden Gedanken. Maroni ließ ein wenig auf seine Antwort warten, dann sagte er bestimmend: „Nein. Lass das mal die Sorge des Jokers sein." Da. Es war also wirklich so. Der Joker verhandelte mit der Mafia und eine dritte Partei war an einem Deal interessiert. Wer waren diese Dritten? „Geht klar, Boss. Ich melde mich, wenn der Deal gelaufen ist."
Damit endete das Telefongespräch und fast gleichzeitig bog ein schwarzer CUV in die Hafeneinfahrt. Einer der vorderen Scheinwerfer war beschädigt und flackerte schwach, während sein Zwillingsbruder mit voller Kraft die Fahrbahn ausleuchtete. Als die Lieferwagen der Mafia in seinem Leuchtkreis auftauchten, schaltete der Fahrer des kompakten Wagens das Licht aus. Er drehte einen kleinen Bogen und hielt dann leise quietschend an.
Nur zwei Männer saßen in dem Wagen und als sie aus ihm ausstiegen, erstarrte Batman kurzzeitig. Einer von ihnen kam ihm bekannt vor. Mit einer Baseballmütze auf dem Kopf und der Kapuze eines grauen Pullovers darüber gezogen, fiel es ihm zuerst schwer, ihn zu erkennen, dann aber traf ihn die Erkenntnis recht unvorbereitet. Da unten war Jack Treather, der junge Officer, der ihm geholfen hatte, Erin zu befreien, und den der neue Commissioner undercover auf die Mafia gehetzt hatte. Dass er heute hier sein würde, hatte er nicht erwartet, aber so ergab sich für ihn die Gelegenheit, nicht nur dem Joker auf die Schliche zu kommen, sondern auch Jacks Sicherheit zu gewährleisten. Batman kletterte über den Lastkran und wartete an dessen Spitze ab. Zu früh durfte er sich nicht zeigen. Der untersetzte, vierschrötige Mann neben Treather schien die Redeführung zu übernehmen. Im Nu waren die beiden Männer vom Gesindel der Mafia umstellt und wurden untersucht. Als sie für sauber befunden worden waren, schien man sich mit Verhandlungen zu befassen, die wiederum nicht lang andauerten, weil zwei weitere kleine Autos über das Hafengelände gefahren kamen. Batman beugte sich vor, fokussierte sich auf die Neuankömmlinge und bewunderte im Stillen Fox' Genie für die Entwicklung seines neuen Kampfanzugs. Er war so geschmeidig, dass er gar nicht das Gefühl hatte, überhaupt etwas auf der Haut zu tragen. Batman hatte beschlich der Gedanke, dass sich heute zeigen würde, ob die diamantfaserige Panzerung auch wirklich das hielt, was sie versprach. Die Türen wurden geöffnet und aus ihnen heraus traten pro Auto vier maskierte Männer. Clownsfratzen in verschiedensten Farben verhüllten ihre Gesichter. Dass es Handlanger des Jokers waren, war nicht mehr zu widerlegen. Im Gegensatz zu den anderen traten sie auch gleich bis zum Hals bewaffnet aus dem Auto heraus und machten keinen Hehl um irgendeinen Anstandskodex unter Verbrechern.
Batmans Augen jagten von einem Halunken zum nächsten, doch alle trugen richtige Masken, keiner von ihnen schien geschminkt zu sein. Sein ohnehin wild bemaltes Gesicht hinter einer Maske zu verstecken schien untypisch für den Joker zu sein. Konnte es sein, dass er das Geschäft seinen Leuten überließ und gar nicht anwesend war? Batman verzog den Mund. Wenn er schon nicht den Joker selbst zu fassen bekommen würde, dann wenigstens einen seiner Gehilfen. Irgendeiner von ihnen würde wissen, wo er sich aufhielt und irgendeiner würde es ihm auch verraten. Früher oder später machte er aus dem verschwiegensten Bastard eine regelrechte Quasselstrippe. Er kannte entsprechende Mittel und Wege.
„Hey, was sind das für Witzfiguren?", rief einer der maskierten Männer aus, dessen schwarzes schulterlanges Haar unter der Maske hervorblitzte. Mit seiner vollautomatischen Waffe deutete er auf Treather und seinen Kollegen. Seine Stimme war zu hoch und zu nervös, um dem Joker zu gehören, aber allein dadurch, dass er eine Waffe trug, war er gefährlich genug. „Sie sind interessiert an einem Geschäft mit deinem Boss, du Clown! Und jetzt nimm die Waffe runter, damit wir uns ums Wesentliche kümmern können", entgegnete der Mann mit dem slawischen Akzent gelassen. Er betrachtete die Clowns, die zwar in der Minderheit waren, aber bis an die Zähne bewaffnet waren und mit Sicherheit nicht davor zurückschreckten, den Abzug zu betätigen.
„Wer hat denn gesagt, dass mein Boss Geschäfte machen will? Er hat kein Interesse an Unterhandel." Die Plastikmaske dämpfte seine Stimme ein wenig, tat aber der Schärfe seiner Worte nichts ab.
„Das würde ich gern von ihm selber hören!", warf Treathers Kollege selbstsicher ein. Batman hob den Kopf und sah mit an, wie der Wortführer der maskierten Clowns auf den kräftigen, ihm unbekannten Cop zumarschierte. Er schlenderte selbstgefällig vor dem vorlauten Mann auf und ab und nahm ihn in Augenschein. Der Umgang mit dem Joker schien ihm Flügel verliehen zu haben, die ihm eine gewisse Arroganz zueigen haben werden lassen.
„Weißt du eigentlich, mit wem du hier redest?" Mit erhobener Waffe trat er so nah an den dicklichen Mann heran, der recht unbeeindruckt wirkte.
„Mit einem Feigling, der es nötig hat, sich hinter einer albernen Maske zu verstecken?", suggerierte er und kassierte dafür einen heftigen Schlag mit dem Lauf der Schusswaffe ins Gesicht, worauf er zurückstolperte und mit dem Rücken gegen einen Container stieß, dessen Blech ob der unerwarteten Kollision festlich und etwas hohl schepperte.
Der Geschlagene hielt beide Hände an sein Gesicht, verbarg die blutende Nase dahinter. Als sein erster Schreck verflogen war, spie er Blut und Rotz auf den Boden und wischte sich fluchend das Gesicht mit dem Ärmel seiner Jacke ab. Batman konnte von seiner Position aus erkennen, dass Treather den Impuls unterdrücken musste, seinem Kollegen zu helfen. Unbeholfen stand er umringt von den Clowns da und bemühte sich, sein Pokerface aufrechtzuerhalten.
„An deiner Stelle würde ich mir die große Schnauze wirklich verkneifen, du Schwanzlutscher!", tönte der Kriminelle und richtete die Waffe dann auf Jack, fast so, als erwartete er, dass er auf ihn losgehen würde. Doch Treather bewahrte einen kühlen Kopf und zuckte nicht einmal mit der Wimper, als der Ganove sich vor ihm aufbaute und großspurig meinte: „Und? Willst du auch einen geistreichen Beitrag von dir geben und deine Packung abholen?!" Er schwenkte die Waffe vor Jacks Gesicht hin und her, doch dieser blieb ganz ruhig und sagte nichts. „Was ist, hast du deine Zunge verschluckt?"
Er packte Jack beim Kragen und hätte ihm sicherlich auch einen Schlag verpasst, hätte sich nicht einer der Italiener eingeschaltet: „Hey, Mann, bist du zum Pöbeln hier, oder um die Lieferung abzuholen? Ob dein Boss mit den beiden verhandeln will oder nicht, ist mir scheißegal. Wir haben hier einen Deal und wenn du und deine Kollegen die Ware nicht haben wollt, könnt ihr euch gleich wieder verpissen."
Einer der anderen Clowns, ein großer, hagerer Kerl, der sich etwas schlaksig bewegte, brummte: „Mach mal halb lang, Spaghettifresser. Es war vereinbart, dass der Deal nur zwischen euch und uns stattfinden wird. Zuschauer sind nicht erwünscht." Die rot bemalten Augen auf dem weißen Plastik glotzten den Mafioso ausdruckslos an. Obgleich die Drucke auf den Masken humoristisch angehaucht waren, wirkten ihre Züge in der Dunkelheit verzerrt und unheimlich, wenn nicht gar gefährlich.
Er zog ebenfalls eine Waffe aus seinem Jackett und richtete sie auf Jack und seinen Kollegen. „Wir schauen uns jetzt an, was ihr geliefert habt. Solange habt ihr ein Auge auf die beiden", befehligte der Große drei seiner Kumpanen, die daraufhin auf die beiden verdeckten Ermittler losgingen, sie zu Boden stießen und die Waffen auf sie richteten.
„Was soll denn das?", fragte Treathers Kollege mit nasaler, merkwürdig verstopft klingender Stimme. Das Blut rann aus seiner gebrochenen Nase und hatte sich bereits bis auf sein Kinn verteilt. „Wir wollen mit eurem Boss verhandeln, mehr nicht. Kein Grund, so paranoid zu sein." Seine Aufmüpfigkeit wurde ihm augenblicklich zum Verhängnis, als einer der drei Maskierten ihm einen weiteren Schlag verpasste und ihn somit zum Schweigen brachte.
„Paranoia bewahrt dich vor so etwas", kommentierte der dürre Clown, der seinen anderen Leuten zunickte, „und jetzt will ich die Ware sehen!"
Das wollte Batman auch. Er überlegte zunächst, ob er eingreifen sollte, da es möglich war, dass die Clowns ihre Behandlung den beiden Cops gegenüber zu intensivieren beabsichtigten, befand es dann aber für wichtiger, herauszufinden, woran der Joker interessiert war. Er schwang sich rücklings von dem gelben Kran, landete auf einigen Holzkisten, die auf einem Container gestapelt worden waren, und hastete im Schutze der massiven Behälter schneller als ein flüchtiger Schatten den anderen voraus. Der neue Anzug erlaubte ihm geschmeidigere und vor allen Dingen lautlose Bewegungen und ermöglichte es ihm, unentdeckt zu bleiben, während die Vertreter der italienischen Mafia gefolgt von dem maskierten Kommando des Jokers die Verladeplattform aufsuchten. Die Waffen befanden sich offensichtlich an Bord eines der großen Frachtschiffe. Der dunkelrote Rumpf des Frachters, auf dessen Flanken mit großen weißen Lettern der Name ‚Psyche' geschrieben stand. Ein an der griechischen Mythologie angelehnter Name, der im Kontext mit der Fracht schon recht dubios und morbide erschien. Batman beobachtete, wie die Gruppe von Kriminellen den Steg erklomm und über einen sicher nicht ganz legalen Weg nach und nach auf das Schiff kletterte. Erst als er sichergehen konnte, dass der letzte der Clowns – ein recht plumpes und unsportliches Exemplar, das nicht besonders im Klettern geübt zu sein schien – an Bord angelangt war, zückte Batman seinen Magnetenterhaken, peilte ihn sorgfältig an, ehe er ihn abschoss und die oberste Kante der Außenwand des großen Frachters traf. Mit einem dunklen Klicken saugte er sich an das Metall fest und rastete ein, sodass Batman nur einen Hebel umlegen musste, damit sich die gespannte Kette wieder einfädelte und ihn somit nach oben an die Schiffswand zog. Geschwind überwand er die Reling und duckte sich hinter einem etwa brusthohen metallenen Kasten ab.
Batman lauschte den Stimmen der anderen und spähte am Rand des Kastens vorbei, als sie immer leiser zu werden schienen. Er sah gerade noch, wie der kräftige Anhänger des Jokers mit der grünblauen, etwas zu schmal für sein Gesicht wirkenden Maske auf einer Treppe verschwand, die nach unten in den geräumigen Frachtraum führte. Schnell huschte er geduckt über das Deck. Dass viele der Clowns auf das Schiff gekommen waren, bedeutete nicht, dass die anderen im Hafen nicht auch ein genaues Auge auf den Frachter haben würden. Dass es zu einer handgreiflichen Konfrontation kommen könnte, war Batman durchaus bewusst, aber er hatte gelernt, dass die erfolgreichsten Kämpfe jene waren, die man selbst initiierte. Die Luke zum Frachtraum stand noch offen, eine Nachlässigkeit, die der Joker niemals geduldet hätte, soviel war sicher. Batman hingegen würde sich nicht darüber beklagen. Schnell und mit der Geschicklichkeit einer Raubkatze schwang er sich in den Frachtraum und landete auf einer der fast bis an die Decke gestapelten Holzkisten. „Was war das?", ertönte die hohe Stimme des Clowns, der die Nase von Treathers Kollegen blutig geschlagen hatte. Er drehte sich um und die schmucklose Maske mit einem verzerrten Grinsen auf den künstlichen Lippen schaute in Batmans Richtung. Er hatte es dem Umstand zu verdanken, dass der Frachtraum nicht völlig ausgeleuchtet wurde, sodass er unentdeckt blieb.
„Gar nichts. Das Schiff ist schon ein bisschen älter, da ist so ein Knarren schon normal", winkte ein anderer ab und ließ Batman erleichtert ausatmen. Der Clown, der Verdacht geschöpft hatte, blieb jedoch noch wie angewurzelt stehen und hob seine Waffe, richtete sie auf das Nichts und machte Anstalten, sicherheitshalber ein paar Kugeln abzufeuern.
Der Große brachte ihn jedoch rechtzeitig zur Räson: „Spinnst du? Waffe runter! Wir sitzen hier auf einem Pulverfass, also baller hier gefälligst nicht rum!"
Die Mafiosi tauschten beunruhigte Blicke, als sie realisierten, dass die maskierten Schurken auch ohne ihren großen und berüchtigten Anführer gefährlich verrückt zu sein schienen. Nur zögerlich nahm der Skeptische die Waffe hinunter und folgte seinen Kollegen tiefer in das Herz des Schiffes. Batman, alarmiert durch seine beinahe Entdeckung, folgte auf leisen Sohlen. Das Innere des Frachtraums war kühl, und dennoch war die Luft recht muffig und trug den Geruch von Sägespänen.
„Hier ist die Ware", verkündete der Russe, der etwas deplatziert im Kreis der italienischen Mafia wirkte, sich dort jedoch einen Namen gemacht zu haben schien. Mit einer Hand deutete er auf acht sperrige Kisten unterschiedlicher Größe. Sie alle waren mit einem roten Zahlencode markiert, der den Inhalt der Bestellung zuordnete.
„Aufmachen!", forderte der große Clown und musste nicht von seiner imposanten Schusswaffe Gebrauch machen, um sich den nötigen Respekt zu verschaffen. Der Russe nickte seinen Kumpanen zu, worauf der eine ein großes Hebeleisen hervorzog und dies an den Deckel einer Kiste anlegte. Im Nu hatte er die Kiste von ihrer hölzernen Abdeckung befreit und gab den Blick auf deren Inhalt frei. Zwei der Clowns traten näher heran und auch Batman gewann einen Einblick in den Inhalt. Er hatte sich an den hohen Stahlträgern entlang gehangelt und saß auf einer Querstrebe, von wo er perfekte Sicht auf den Inhalt der Kiste genoss. Er sah nichts als Sägespäne, vermutete darunter jedoch entsprechende Waffen. So schien es auch den Clowns zu ergehen, denn sie begannen mit beiden Händen in dem fein gehobelten Holz zu wühlen, jedoch ohne Erfolg.
„Willst du mich verarschen?", polterte der Große, der sich jeglichem diplomatischen Tonfall entledigt hatte. Nun entsicherte er doch die eigene Waffe und hielt sie dem Russen vor die Nase, die so krumm war, dass sie verriet, schon mehrfach in diversen Auseinandersetzungen gebrochen worden zu sein. Der Mafioso wirkte selbst völlig perplex und starrte auf die leere Kiste. Erst ein Faustschlag des Clowns brachte ihn dazu, zu ihm aufzuschauen.
„Ich verstehe nicht...", begann er und sein Akzent schien sich durch seine wachsende Nervosität nur noch zu verstärken, „das sind die markierten Kisten. Hier muss die Ware drin sein!" Ein anderer Clown hatte indes dem Italiener die Stange entrissen und machte sich daran, die übrigen Kisten zu öffnen.
„Siehst du hier irgendwo die geforderte Ware, Arschloch?", fuhr ihn der dürre Clown an, als sich der einzige Inhalt der anderen Kisten ebenfalls als mangelhaft erwies. Auch sie waren nur mit Sägespänen gefüllt.
„Wo ist die Ware?", brüllte der Anführer der Maskierten ungehalten, worauf der Russe zurückwich, wo ihn jedoch zwei weitere Clowns unfreundlich in Empfang nahmen.
„Ich schwöre, ich weiß es nicht!", beharrte der Russe und fing sich dafür einen unangenehmen Tiefschlag ein, der ihn röchelnd zusammensinken ließ. Die Situation drohte daraufhin zu eskalieren. Vier der Italiener stürzten nach vorn und balgten sich mit den Gesandten des Jokers; beschränkte man sich zu Anfang noch mit bloßen Faustschlägen, löste sich bald darauf der erste Schuss, der an den hohen Wänden entlang hallte und das Todesurteil für einen vorschnellen Mafioso bedeutete. Die Zeit für halbwegs friedliche Verhandlungen gehörte der Vergangenheit an. Die Clowns, die sich um die Lieferung für den Joker betrogen fühlten und dementsprechend seine schlechte Laune fürchten mussten, prügelten sich mit Maronis Leuten, die sichtlich irritiert ob der verschwundenen Ware waren. Batman unterdrückte den Impuls, einzugreifen, zumal beide Parteien seine Feinde waren und er nicht wusste, ob er dem ersten Einsatz seiner Ausrüstung gleich ein Kreuzfeuer zumuten sollte. Die Frage, die ihn bewegte, war, wohin die Lieferung für den Joker verschwunden war und wer so dreist sein konnte, sich mit ihm anzulegen.
Einer der Italiener wurde gegen eine hölzerne Absperrung geschleudert, die krachend unter seinem nicht unbeachtlichen Gewicht zusammenbrach. Zum Vorschein kam ein großes Paket, in dem viele kleine weiße kompakte Bündel lagerten, die die Rauferei der beiden kriminellen Parteien für einen Bruchteil unterbrach. „Was zum Teufel ist das? Ist das die Lieferung?", hallte die hohe Stimme des schießwütigen Maskierten durch den Bauch des Schiffes.
„Hier drüben ist noch mehr davon", meinte ein anderer Clown, dessen Maske schon reichlich zerbeult aussah. Jene von Maronis Männern, die nicht zu Brei geschlagen am Boden lagen, sahen sich irritiert um.
Der Russe, der sich etwas aufgerappelt hatte, betrachtete die Bündel und sagte kaum verständlich: „Nicht die Bestellung. Hab das noch nie gesehen."
Die Stimmen gerieten durcheinander und auch Batman wusste nicht so recht, was er von dem neuerlichen Fund halten sollte. Erst als einer der Clowns ausstieß: „Das ist eine Falle! Scheiße, ein Hinterhalt! Da ist ein automatischer Zeitzünder!" wurde Gothams Beschützer hellhörig. Jemand schoss den Russen nieder, der daraufhin endgültig regungslos liegen blieb.
„Ihr verdammten Schweinehunde!"
Alle Vorsicht wegen des Sprengstoffs war vergessen, der nervöse Clown richtete einen nach dem anderen im Kreise der Mafia nieder. Batman befand es für klüger, schnellstmöglich den Rückzug anzutreten. Die Menge an C4, die in kleinen Päckchen verstaut worden war, würde genügen, um den gesamten Frachter in die Luft gehen zu lassen.
Wie viel Zeit ihm blieb, wusste er nicht, weil er in der anbrechenden Hektik und der Schießerei den Zeitzünder nicht zu Gesicht bekam. Er wusste nur, dass Eile angebracht war. Nicht länger darauf Acht gebend, ob ihn irgendjemand entdeckte, kletterte er über die Luke hinauf, während hinter ihm Schüsse ertönten. Kaum war er an Deck und wieder auf den Füßen, spürte er noch, wie eine immense Erschütterung den Boden vibrieren und binnen weniger Sekunden erhitzen ließ. Ihm gelang noch ein blinder Hechtsprung über die Reling, als sich der Frachter in unmittelbarer Nähe seltsam nach außen zu wölben begann, ehe er in einer nie gesehenen Feuersbrunst auseinanderflog wie ein Modellboot. Batmans Aufprall in das Wasser war nicht kalt, wie er es vielleicht erwartet hätte, sondern heiß, heiß wie die Hölle selbst. Nach wenigen Sekunden, in denen er unter Wasser getaucht war, realisierte er auch, woran das lag. Die Explosion des Frachters, deren lauter, markerschütternder Knall seine Ohren für einige Zeit hatte taub werden lassen, hatte den Tanker in Mitleidenschaft gerissen. Öl und andere brennbare Materialien, die er geladen hatte, nährten das anfangs kleine Feuer und ließen den Himmel über Gothams Hafen in einem gewaltvollen Stakkato aus ohrenbetäubenden Paukenschlägen erzittern.
Die Wasseroberfläche über ihm fing Feuer, weil das Öl ausgetreten war und Feuer gefangen hatte. Alles um ihm herum brannte und zerschellte scheppernd unter der Wucht neuerlicher Explosionen. Der Frachter war nur ein Dominostein gewesen, der umgestoßen worden war und den gesamten Hafenkomplex niederzureißen drohte. Trümmerteile fielen ins Wasser, eine gewaltige Schiffsschraube rotierte brennend durch das Wasser. Nie hatte Batman einen skurrileren Anblick ertragen müssen.
Irgendwo links von ihm knallte es erneut; das Wasser dämpfte die Lautstärke der Explosion. Dann drückte sich etwas Großes mit ganzem Gewicht auf ihn und drängte Batman in die Tiefe, fast bis auf den Grund des Hafenbeckens. Ein massives Teil der Schiffswand hatte ihn erwischt und drückte ihn zu Boden. Die Wasseroberfläche unzählige Meter weit über ihm leuchtete spottend, lockte ihn vergeblich.
Batman konnte sich nicht bewegen. Batman war gefangen.
