Scar Tissue

22

Hinter feindlichen Linien

Nur ein schmaler Grat

Trennt das Gute vom Bösen,

Wahrheit von Lüge.

Es war schwer, den penetranten Gestank zu ignorieren, der von einem der Clowns ausging. Er trug schäbige Klamotten in einem abgetragenen Grünton. Der Stoff strahlte eine besonders unangenehme Mischung aus ekelerregenden Ausdünstungen aus, roch wie ungewaschene Altkleidung, in der sich ein streunender Hund gewälzt hatte und über die ein Fass schales Bier ausgeschüttet worden war. Jack kam nicht umhin, den widerlichen Geruch einzuatmen, ganz gleich, ob er durch den Mund die Luft einsaugte oder durch die Nase. Tony blieb hingegen nichts anderes übrig, als durch den Mund schnaufend einzuatmen; seine Nase blutete immer noch wie verrückt, die rote Flüssigkeit lief in Sturzbächen über seinen Mund und sein Doppelkinn, besudelte den Kragen seines blauen Hemdes. Hinzukam, dass sein linkes Auge langsam aber sicher anschwoll. Jack hatte keinen einzigen Schlag abbekommen und wollte es auch dabei belassen. Selbst wenn der Joker nicht persönlich anwesend war, befanden sie sich dennoch recht nah in seinem Wirkungskreis, weswegen er es für unklug erachtete, zu vorlaut zu sein. Dennoch regte sich in ihm Unbehagen in Anbetracht dessen, dass die anderen so lange wegblieben. Es mochte an seinem fragwürdigen Zeitempfinden liegen, dass es ihm so vorkam, als blieben die anderen schon eine halbe Ewigkeit weg, oder aber es war der aufdringliche Körpergeruch der menschlichen Wachhunde, die ihn ungeduldig werden ließ.

„Wo bleiben die denn? Meinst du, da ist was faul?", fragte der kleinste der Clowns, der Tony trotzdem schätzungsweise überragte.

„Ach, bei der Liefermenge wird das eine Weile dauern, bis sie es aufgeladen haben, das ist alles."

Jack drehte den Kopf und sagte leise: „Euer Boss...wann können wir ihn sprechen?" Er hielt es für wichtig, das eigene Motiv nicht aus den Augen zu verlieren und glaubwürdig zu wirken.

„Wenn du Pech hast, früher, als dir lieb sein kann", prophezeite ein anderer, auf dessen Maske blaugelbe Borsten wie die Andeutung eines Irokesenschnitts angebracht worden waren. Er spuckte auf den Boden und schwenkte die Waffe in seiner Hand hin und her.

„Hört mal, wir wollen nur verhandeln...", fuhr Jack fort und wurde von dem Stinkenden näher in Augenschein genommen. Als er etwas an ihn herantrat, glaubte der verdeckt ermittelnde Cop für einen Augenblick, nicht mehr atmen zu können, so übelkeiterregend war der Odem, der ihm entgegenschlug.

„Verhandeln? Mit dem Joker? Ihr scheint nicht viel von ihm zu wissen, hm? Wer seid ihr zwei überhaupt?"

Tony blinzelte Jack an, schien etwas sagen zu wollen, tupfte sich dann aber doch nur die verletzte Nase mit einem Stofftaschentuch ab, das in seiner ausgeleierten Cordhose gesteckt hatte. „Man nennt mich Patch", stellte sich Jack vor und sah in die Clownsfratze, die beunruhigend leblos und leer wirkte.

„Patch? Wie einen Flicken?", amüsierte sich der Mann, der wie ein obergäriges Bierfass stank, „Wieso heißt du so?"

Jack sah fest in das ausdruckslose Maskengesicht, so als blickte er in Augen, die er nicht sehen konnte. „Weil ich Dinge wieder hinbiege, die andere versauen." Es klang nicht nur plausibel, nein, die Antwort kam auch schnell und selbstsicher genug, um darüber hinwegzutäuschen, dass er sich diese Erklärung soeben aus den Fingern gesogen hatte.

„Ist ja interessant. Ich denke, du wirst Gelegenheit haben, das unter Beweis zu stellen."

Tony verschluckte sich und begann zu husten, spie das Blut an seinem Mund auf einen der Clowns, der ihm daraufhin einen angewiderten Tritt verpasste.

„Was ist mit dir, Fettsack? Auf einmal so still?", fragte der mit dem Irokesenschnitt.

Tony schaute grimmig zu ihm auf und murrte mit nasaler Stimme: „Ich weiß aus Erfahrung, dass es klüger ist, die Klappe zu halten, wenn eine Waffe auf einen gerichtet wird."

Der Kleinste lachte daraufhin und war im Begriff, noch etwas hinzuzufügen, kam jedoch nicht mehr weit, als ein hohes, gellendes Fiepen ertönte, nur um kurz darauf von einem markerschütternden, rasselnden Scheppern abgelöst zu werden, das sich in einer gigantischen Feuerwolke verbildlichte.

Eine enorme Druckwelle riss die Männer des Jokers regelrecht von den Füßen. Selbst Jack und Tony, die auf dem kalten Beton saßen, wurden zur Seite gerissen, sodass der kräftigere Cop auf dem Neuling landete und ihn kurzzeitig unter sich begrub.

„Was zum...?", hörte Jack einen der Clowns schreien, doch dann füllte ein ohrenbetäubender Lärm seine Gehörgänge aus. Eine Rauchwolke türmte sich in den Nachthimmel auf. Jack starrte vor lauter Entsetzen den Feuerball an, in den der Frachter aufgegangen war und wurde erneut zu Boden geschleudert, als eine Hitzewand über ihn und die anderen hinwegrollte. Es war, als brannte die Luft, die er atmete, so als drückte ihn eine riesige heiße Hand ihn nach unten. Ein Blitz aus grellem weißen Licht, das in sattem Orange mündete, zuckte in den Himmel, dann ging der große Tanker, der unweit des Frachters angelegt hatte, in einem riesigen Feuerball auf. Die Hitze der nahen Explosion musste die Ladung des Tankers entzündet haben. In einem gewaltigen Feuerwerk zerbarst der Rumpf des Schiffes und schleuderte Teile seines zerrissenen Skeletts in alle Himmelsrichtungen. Ein hoher Pfeifton dominierte Jacks Hörsinn, überlagerte die Folge an lauten Knalltönen, die die Explosionen hervorriefen.

Wie ein Himmelfahrtskommando schossen Trümmerteile und brennende Fässer in die Luft, landeten wie laute Trommelschläge auf Containern oder noch halbwegs intakten Booten, die auf der anderen Seite der Kaimauer anlagen. Das helle Flirren, das seinen ganzen Kopf auszufüllen und jeden vernünftigen Gedanken zu verbannen schien, nahm einen noch schrilleren Ton an. Es war selbst dann noch mit der gleichen Intensität da, wenn er sich die Ohren zuhielt. Es war, als entstammte der Motor dieser Kakophonie seinem eigenen Gehirn. Die Hitze versengte die Haare an seinen Armen, verschonte aber seine Haut und den Stoff seines Sweatshirts. Die Welt um ihn herum schien vollkommen in Flammen aufgegangen zu sein, überall, wohin er sah, loderte es, sogar auf der Wasseroberfläche schien das züngelnde Feuer zu tanzen, sich zu drehen und zu wenden wie in einem ekstatischen Rauschzustand. Jack wurde mit einem Mal am Kragen gepackt und auf die Knie geschleift, als das Zetern des Sprengstoffs ein Ende fand und die restliche Zerstörungsarbeit der Feuersbrunst überließ.

Benommen registrierte Jack, dass auch Tony von den übrigen zwei Clowns auf die Füße gezogen wurde. Er wusste nicht, ob sie auf ihn einredeten oder sonst irgendetwas von sich gaben. Wegen der Masken, die sie trugen, konnte er nicht einmal von ihren Lippen lesen, das monotone Fiepen in seinem Kopf schloss sowieso jedes andere Geräusch aus, isolierte es aus seiner Wahrnehmung wie eine schalldichte Wand. Jack wurde nach vorn geschoben und hatte Mühe, seine Umgebung überhaupt als Realität wahrzunehmen. Einer der Clowns öffnete die Schiebetür eines Lieferwagens und stieß Jack nach vorn. Er stieß sich das Schienbein an, nahm aber den Schmerz nur unterschwellig wahr, weil der helle Pfeifton in seinem Kopf ihn nahezu in den Wahnsinn trieb.

Der junge Officer, der unter dem Namen Patch verdeckt ermittelte, landete unsanft auf der Ladefläche des Lieferwagens. Früher mochten an dieser Stelle Sitze installiert gewesen sein; die Verankerung derer ragte noch aus dem Bodenblech heraus, das mit teilweise zerrissener Auslegware bedeckt war. Jack drehte sich, nahm seine Umgebung nur noch verschwommen war. Tony, der ebenfalls auf die Ladefläche verbannt worden war, lehnte sich über ihn und redete auf ihn ein, doch in Jacks Kopf war jede seiner gesprochenen Silben nichts anderes als ein unnachgiebiges Pfeifen.

Der Clown mit dem unschmeichelhaften Körpergeruch riss Tony von ihm hinunter und zwang seine Arme auf seinen Rücken. Ein Poltern erfüllte den Lieferwagen, als sich dieser in Bewegung setzte. Die geschlossene Tür versiegelte das schwelende Licht der überwältigenden Feuerwalze vor Jacks Augen und umhüllte ihn mit Dunkelheit. Das Schaukeln des Wagens und das Gefühl, haltlos über den glatten Boden zu rutschen, ließen ihn die Orientierung verlieren und seinen Kopf schwirren. Auch Jack spürte, wie seine Arme herumgerissen und von einem schweren, langen Band umschlungen wurden. Der Lieferwagen schien eine scharfe Kurve zu nehmen, denn Jack rutschte kurz darauf gegen die Seitenwand und schlug sich den Hinterkopf an.

Das Pfeifen schien etwas leiser zu werden, beherrschte aber noch immer seinen Gehörgang. Immerhin nahm er jetzt Fetzen von Wörtern wahr, die der maskierte Verbrecher von sich gab. „...ihr gemacht habt...werdet büßen...verdammte Schweine!", tönte es an seinen geplagten Ohren, ohne dass er einen Zusammenhang oder Sinn in die gesprochenen Bruchstücken interpretieren konnte.

Als Jack die Augen schloss, sah er dahinter das orangefarbene Feuer, das noch immer auf seiner Netzhaut loderte. Im Lieferwagen mochte es stockdunkel sein, doch hinter seinen Lidern war es taghell. Taghell und laut. Die Erschütterung der Explosion hallte in seinem Kopf wider, die Wucht der Detonation hatte Spuren in jeder Faser seines Körpers hinterlassen. Ihm war, als flatterten seine Muskeln und Nervenenden jetzt noch in Reaktion auf die heftige Druckwelle. Jack stöhnte leise, drehte sich, das Schwindelgefühl in seinem Kopf nahm zu und plagte sein Bewusstsein. Er schnappte noch ein geknurrtes „zum Boss" vonseiten des Clowns auf, dann umfing ihn eine gnädige Dunkelheit, die die beständige Rotation in seinem Kopf ausblendete und das monotone Pfeifen in der Zwischenzeit verstummen ließ. So angenehm ihm seine Ohnmacht auch erscheinen mochte; Jack sollte sich noch wünschen, nie das Bewusstsein verloren zu haben.

***

Wasser war wohl eine der erstaunlichsten Materien, die diese Welt zu bieten hatte. Der Mensch konnte in ihm befindlich nicht ohne Hilfsmittel atmen, sich wohl aber darin bewegen, sogar in ihm sehen und hören, wenngleich beide Sinne ein wenig verzerrt und verhindert zum Einsatz kamen. Wasser war für den Menschen lebenserhaltend, aber nur, wenn dessen Salzgehalt niedrig war. Andernfalls tötete es, anstatt ein Leben zu retten. Wie es mit Batman verfuhr, war noch recht unsicher. Er spürte, wie er langsam tiefer nach unten gedrängt wurde. Das Gewicht des Stahls, der selbst im Wasser zu glühen schien, zwang sich ihm übermächtig auf. Hier unten im Hafenbecken Gothams, in dem Dank des kühlen Nass jede Bewegung federleicht von der Hand zu gehen schien, war er gleichzeitig all seiner Kräfte beraubt. Es erschien ihm unmöglich, das massive Stahlteil von sich zu schieben. Der Frachter, der sich irgendwo rechts von ihm noch nicht so recht entscheiden konnte, ob er kentern oder doch lieber verbrennen sollte, gab ein knarrendes Jaulen von sich, das anhörte wie das groteske Wehklagen eines urzeitlichen Monstrums.

Die massige Konstruktion brannte lichterloh, verlieh dem umliegenden Wasser einen gelbstichigen Farbton, so als wäre es pures Gift, in dem er zu ertrinken drohte, ein Bad aus flüssigem Schwefel.

Batman aktivierte das Notrufsignal an seinem Gürtel, das Alfred sofort darüber informierte, wenn er in Schwierigkeiten steckte. Bislang hatte er nur einmal Gebrauch davon machen müssen, aber es war stets gut zu wissen, Hilfe in der Hinterhand zu haben. Ob er ihm aus dieser misslichen Lage helfen können würde, war allerdings zu bezweifeln. Er konnte ja nicht einmal in den Empfänger sprechen und sagen, was ihm fehlte. Er konnte sich einzig und allein darauf verlassen, dass der Sender seinen korrekten Aufenthaltsort verriet und es Alfred ermöglichte, Vorkehrungen zu treffen. Retten konnte er sich aber nur allein. Batman drehte sich unter der stählernen Platte, versuchte, diese von sich zu schieben, als er rücklings auf dem Grund des Hafenbeckens aufschlug. Das Metall bohrte sich tief in seinen Hals, drückte ihm zusätzlich die spärlich verbliebene Luft in seinen Lungen ab. Hier unten im Wasser waren seine Kräfte nicht mehr als eine Illusion. Die Verdrängung des Wassers und der Sog des in sich zusammenbrechenden Frachters taten ihr Übriges dazu, um seine Bemühungen, freizukommen, zu zerschlagen. Was für ein Ende würde nur auf ihn warten? Batman, der dunkle Ritter Gothams, würde elendig ertrinken. Kein sehr nobles Ende für einen Mann, der die Hoffnung aller rechtschaffenen Bürger dieser Stadt verkörperte.

Batman biss die Zähne aufeinander und konzentrierte all seine Kraft auf seine Arme. Nicht auszudenken, wie hilflos er gewesen wäre, hätte er noch seinen allerersten Kampfanzug getragen. Er wäre regelrecht geliefert gewesen, weil allein das Gewicht der Rüstung seine Bewegungsfreiheit gehemmt hätte. Das neue Material aus in Textilfasern verarbeiteten Nano-Diamanten hingegen gab ihm das Gefühl, keinen überflüssigen Ballast zu tragen. In der Hitze der Explosion hatte er allerdings den Eindruck gewonnen, als zöge sich das Material unangenehm um seine Haut zusammen, und dabei war der kritische Temperaturbereich längst noch nicht erreicht. Ehe er aber eine dahingehende Beschwerde bei Lucius würde einreichen können, musste er sich aus seiner gegenwärtigen misslichen Lage befreien. In Anbetracht der ihm ausgehenden Atemluft erschien dieses Vorhaben schwieriger als es den Anschein hatte. Künftig würde Batman Sauerstoffflaschen seiner Ausrüstung beifügen, sofern es ein künftig geben würde.

Jeder unnötige Gedankengang war aus seinem Denken verbannt, all seine Aktivitäten beschränkten sich auf den Drang, das eigene Leben zu retten. Die Luft wurde knapp, viel Zeit würde ihm nicht mehr bleiben, bis das Volumen seiner Lungen ausgeschöpft und er jämmerlich ertrinken würde. Batman kreuzte die Arme über der Brust und gewann durch beachtlichen Kraftaufwand ein wenig Freiraum unter der Platte. Er musste einen Weg finden sich von diesem Gewicht zu befreien und ertastete schließlich das Gewehr, mit dem er Zeitsprengsätze über größere Distanzen abfeuern konnte. In Hongkong war es ihm damals ein sehr nützlicher Helfer gewesen, als er Lau abgefangen hatte, jetzt würde es ihm möglicherweise das Leben retten. Den magnetischen Enterhaken einzusetzen, barg zu große Risiken. Hier unten bestand alles aus Metall. Anstatt sich an die Oberfläche retten zu können, bestand die Gefahr, dass er sich an eines der Trümmerteile saugte und erstrecht nicht mehr davon loskam.

Mit wachsender Not und brennenden Lungen justierte er den Zeitzünder auf wenige Sekunden, betete, dass das Wasser der Waffe nichts anhaben konnte, und feuerte zweimal ab, worauf sich zwei kreisrunde Sprengsätze an der schweren Platte über ihm festsetzten. Er wusste, dass er sich großer Gefahr aussetzte, so unmittelbar in Detonationsnähe zu sein, aber ihm blieb keine andere Wahl. Fox' neuer Anzug würde beweisen müssen, dass er in der Tat hitzeresistent war, andernfalls war es gut möglich, dass ihn der eigene Sprengsatz zerfetzte.

Die roten Ziffern zählten von fünf an rückwärts, ein Zeichen dafür, dass das Material keinen Schaden genommen hatte. Batman schloss die Augen und drehte den Kopf so weit es ihm möglich war zur Seite. Nur wenige Sekunden später zersprang das Teil der Schiffswand mit so einer Wucht, dass Batman meinte, sich in allen Einzelteilen auf dem Grund des Hafenbeckens wiederzufinden. Die Explosion selbst wurde durch das Wasser erstickt, nur die Druckwelle sprach von den Kräften, die durch sie wirkten, kein Knall, kein Lärm erschütterte das Wasser. Einzig eine Kolonie von Luftblasen stürmte in Richtung Oberfläche, um das Nass schäumend aufzuwirbeln. Er spürte stechende Schmerzen an vielen Teilen seines Körpers.

Die zersplitterte Platte hatte sich in winzige Partikel pfeilschnell aufgelöst, mindestens fünf von ihnen steckten in Batmans Körper, eine davon in seinem ungeschützten Kinn. Aufgrund der enormen Geschwindigkeit, die ihnen die Wucht der Explosion verliehen hatte, hatten sich einige von ihnen sogar durch das widerstandsfähige Gewebe seines neuen Anzugs gebohrt. Trotz der Schmerzen empfand Batman die Zerstörung des Hindernisses als Befreiung. Kein übermächtiges Gewicht drückte ihn länger zu Boden, das Gefühl, dass seine inneren Organe unter dem Druck zerreißen oder versagen würden, fiel mit einem Mal von ihm ab, als er plötzlich wieder im Wasser schweben und sich bewegen konnte, ohne dass es übermäßige Anstrengung erforderte.

Batman stieß sich ungeachtet der Schmerzen vom Grund des Hafenbeckens ab und schwamm mit kraftvollen Zügen der Wasseroberfläche entgegen, die mit jedem Meter, den er zurücklegte, schwerer zu erreichen zu sein schien. Als er das dünne, wabernde Gewebe des Wassers überwand und endlich wieder Luft in seine Lungen saugen konnte, schien ein Sternenmeer vor seinen Augen zu explodieren. Sein Brustkorb zog sich krampfend zusammen, die Panzerung des Anzugs zog sich fast strangulierend um seine Glieder. Dennoch lebte er, wenngleich er angeschlagen war. Sein schwarzes langes Cape war vollgesogen und schwer, drohte ihn wieder nach unten zu ziehen. Batman schwamm inmitten eines lodernden Sees, in den immer wieder Trümmerteile stürzten und das Feuer unruhig aufflackern ließen. Der Frachter brannte lichterloh, vom Tanker war nicht mehr viel übrig geblieben. Die Flammen leckten über das stählerne Gerüst des schwimmenden Riesen, brannten es bis auf seine metallenen Knochen ab. Wie viele Fässer Öl und Benzin an Bord gewesen waren, konnte Batman unmöglich sagen. Sicher war nur, dass es genug gewesen war, um den Großteil von Gothams Hafen in Schutt und Asche zu legen. Soweit das Auge reichte, waren die Container, Verladekräne, Lastwagen und Buden des Hafens in orangerotes Licht gehüllt. Eine der Fähren war von ihrer Halterung losgerissen worden und glitt brennend und richtungslos über den gleißenden Spiegel, der die Wasserlinie war.

Batman hustete und stellte entrüstet fest, dass der Stimmenversteller in Mitleidenschaft gezogen worden war. Anstelle der tiefen, fast schon bedrohlichen Stimme Batmans ertönte die vergleichsweise sanfte und ruhige Stimme Bruce Waynes, als er einen leisen Fluch ausstieß. Er hoffte, dass in der Zeit, die er benötigte, um zurück nach Wayne Manor zu gelangen, nicht in die Situation geraten würde, sprechen zu müssen. Sprechen zu können war manchmal ein Fluch, vor dem Erin Porter verschont geblieben war. Wasser war in sein Ohr geraten und füllte es mit einem unangenehmen Anflug von Taubheit aus. Nie war er dem Wesen einer Fledermaus so nahe gewesen wie jetzt.

Aus weiter Ferne hallten Sirenenschreie durch die Nacht. Das Feuer, das sich wie eine gigantische Spirale meterhoch über Gotham in die Luft geschraubt hatte, konnte nicht lang unbemerkt geblieben sein. Batman spuckte das Wasser aus, das sich in seinen Mund gestohlen hatte. Es schmeckte bitter und scharf wie Petroleum, war verunreinigt durch die ausgetretenen Chemikalien des Tankers. Mit einigen Zügen trieb er in Richtung Kaimauer. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Feuerwehr und die Polizei vor Ort eintreffen würden und er hatte nicht vor, dann noch hier zu sein.

Er unternahm den Versuch, sich mit den Armen an der Kaimauer abzustützen und auf den festen Untergrund zu stemmen, sein linker Arm knickte jedoch schmerzhaft ein und ließ ihn beinahe wieder in das Wasser zurückrutschen. Ein Splitter hatte sich genau zwischen seiner Schulterpanzerung und dem Übergang zu seiner Brustplatte in seine Haut gebohrt und offenbar eine Sehne verletzt. Batman verlagerte sein Gewicht auf seine rechte Körperhälfte und zog sich unter großem Kraftaufwand zurück an Land, wo er einige Sekunden liegen blieb und nach Luft schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen. Pfeifend ging ein Ölfass in nächster Nähe in die Luft und segelte mit mangelhafter Ästhetik über das Hafengelände, nur um krachend auf dem steinernen Untergrund aufzuprallen und blechern und hohl in Begleitung des eigenen Feuerschweifs darüber zu rollen.

Ein Unbeteiligter hätte meinen können, die explosive Kettenreaktion wäre durch die unvorsichtigen Schüsse der Mafiosi ausgelöst worden, doch Batman wusste es besser. Eine Zündvorrichtung war in einem todbringenden Countdown abgelaufen und hatte dieses feurige Spektakel angerichtet. Jemand musste gewusst haben, dass heute Nacht ein Waffendeal stieg und die Ware entfernt haben. Jemand, der dumm und waghalsig genug war, um sich mit dem Joker anlegen zu wollen, oder aber der Meister des Chaos selbst. Wieso aber sollte er so etwas tun und seine eigenen Leute ins Jenseits befördern? Was konnte ihn bewegen, die Quelle seiner Lieferungen in die Luft zu jagen. Es ergab keinen Sinn. Zumindest nicht für Batman.

Dieser rappelte sich auf etwas wackelige Beine und sah sich um. Für zwei der Wagen wäre die Bezeichnung ‚Schrott' noch schmeichelhaft gewesen, ein anderer schien noch fahrtüchtig zu sein, während die Flammen sich nach und nach den anderen Fahrzeugen näherten. Eines fehlte, und so auch jede Spur von den Clowns, die Treather und dessen Kollegen in Schach gehalten hatten. Batman wusste nicht, ob er sich darüber freuen, oder aber sich um Jack sorgen sollte. Einerseits war er der übermächtigen Feuerwalze offensichtlich entkommen, andererseits war ihm das aller Wahrscheinlichkeit nach nur mit den Gehilfen des Jokers gelungen, die ihn früher oder später ihrem Boss vorführen würden. Verärgert ballte Batman die Hand zur Faust. Wäre er nur in Jacks Nähe geblieben, dann hätte er ihn vor einer Entführung bewahren oder vielleicht sogar die Spur des Jokers aufnehmen können. So aber hatte er nur Blessuren und eine beschädigte Ausrüstung ernten können, keine sehr große und erfolgreiche Ausbeute. Wenn der Joker dieses Komplott wirklich geplant hatte, so verfügte er über die gelieferten Waffen, die in seinem Besitz verheerenden Schaden anrichten konnten.

War es ein unbekannter Gegenspieler, der so dreist gewagt hatte, den Joker auszuspielen, so konnte man auch damit rechnen, dass dieser nicht unbedingt viel Skrupel besaß und nicht allzu noble Motive verfolgte. Batman konnte aber nicht so recht glauben, dass sich hinter dem Anschlag jemand anderes als der Joker verbarg, und wenn doch, so war es ein ernstzunehmender Gegner. Denn wer den Joker nicht fürchtete und ihm nicht mit dem nötigen Respekt begegnete, musste noch verrückter und gefährlicher sein als er selbst. Aus einer der großen Lagerhallen platzten die Fensterscheiben aus den Rahmen und gaben unter dem gewaltigen Druck der Hitze nach. Klirrend lösten sich die ebenmäßigen Scheiben in kleine Eisbrocken auf und gingen wie gefrorener Schnee zu Boden. Das Bild, dass eine Feuersbrunst Schneekristalle entstehen lassen konnte, war so surreal wie der Gedanke, dass jemand da draußen vielleicht noch psychotischer und gefährlicher als der Joker war.

Gotham Citys Hafen hatte sich in eine schwelende Außenstelle der Hölle verwandelt. Die Flammen färbten den undurchdringlichen Nachthimmel mit seinen flaumartig wirkenden Wolken tiefrot und violett, kleideten ihn in die Farben der Apokalypse. Der bloße Anblick war grauenerregend, obgleich es sich dabei nur um eine optische Täuschung, bewirkt durch den magischen Effekt des Feuers, handelte. Das Geheul von Sirenen schallte lauter, aus deutlich näherer Distanz zu ihm hinüber und als sich Batman umdrehte, sah er in der Tat den ersten Feuerwehrleiterwagen in das Hafengelände einbiegen. Höchste Zeit, von hier zu verschwinden.

Er überprüfte seine Ausrüstung, stellte fest, ob sein Funkkontakt noch bestand und als die grüne Standbyleuchte des Geräts noch intakt schimmerte, stellte er eine Verbindung zu Alfred her, die diesmal nicht nur das unterirdische Glucksen verdrängender Wassermengen zu Ohren bekam, sondern die Stimme seines Schützlings: „Alfred?", fragte er leise, während er sich im Schutze brennender Container aus dem Schussfeld bewegte. Erst jetzt spürte er auch ein beharrliches Stechen in seinem Fuß, das durch die Schrecksekunden wohl unbemerkt geblieben war. Er hinkte leicht und kämpfte sich auf die andere, weitgehend unberührte Seite des Hafens. Blaulicht und Sirenen stoppten irgendwo hinter ihm. Er konnte Autotüren zuschlagen und einige Feuerwehrmänner ihre Leute mit Rufen antreiben hören. Zum Glück hielt sie das Feuer und das unregelmäßige Staccato kleinerer Folgeexplosionen in ihrem Bann, sodass er sich unbemerkt vom Ort des Geschehens entfernen konnte.

„Alfred?", fragte er noch einmal, als ihm einzig ein leises Rauschen als Antwort gereicht wurde.

Dann atmete er erleichtert aus, als er die etwas raue, aber noble Stimme seines Butlers und Freundes am anderen Ende vernahm: „Master Wayne! Ich bin erfreut und dachte erst, es hätte Ihnen die Sprache verschlagen!"

Batman lächelte milde und murmelte: „So ähnlich. Hast du meinen Notruf empfangen?" Durch das Krachen des Feuers und die auseinanderbrechenden Schiffsteile fiel es ihm schwer, Alfred zu verstehen, aber je weiter er sich vom Explosionsherd entfernte, desto besser wurde die Übertragungsqualität.

„Das habe ich, Sir, ich habe nur nicht begriffen, was genau vorgefallen ist. Ich bin auf dem Weg zu Ihnen, es hat ein bisschen gedauert, bis ich die Limousine startklar hatte."

Bruce hob die Brauen unter der Maske, die sich durch die Feuchtigkeit eng an sein Gesicht schmiegte, fast schon daran klebte. „Du holst mich mit der Limousine ab?", fragte er verdutzt nach, worauf Alfred trocken konterte: „Das Batpod ist in meiner Führerscheinklasse leider nicht enthalten." Der Gedanke daran, dass sein alter Freund auf dem recht futuristisch angehauchten Zweirad durch Gothams Straßen raste, war so amüsant, dass Bruce fast schon wieder lächeln konnte, obwohl das eben Erlebte ihm nicht gerade Anlass dazu bereitete.

„Wo bist du?", fragte er und bewegte sich schneller abseits des Hafengeländes. Alfred durfte mit der schwarzen Limousine nicht vorfahren, das hätte zu viel Aufsehen erregt und für Probleme gesorgt.

„Ich fahre gerade über den Jeffersonian Boulevard, ein bisschen werden Sie sich noch gedulden müssen. Sind Sie verletzt?"

Besorgnis mischte sich in seinen sonst so gelassenen Tonfall, aber Bruce konnte Entwarnung geben: „Nur ein paar Schrammen, nichts Weltbewegendes."

Alfred kommentierte das mit einem: „Das würden Sie selbst dann noch sagen, wenn Ihnen Arme und Beine abfallen würden."

Bruce grinste schief, worauf sich der Splitter in seinem Kinn zu Wort meldete. Vorsichtig ließ er die behandschuhte Hand darüber streichen und zuckte ob des stechenden Schmerzes zusammen. Sobald er nach Hause kam, würde er sich ein Rendezvous mit einer Pinzette gönnen müssen. Seine Freude darüber hielt sich in Grenzen.

„Hör zu, Alfred, halte irgendwo an der achtzehnten Straße. Hier ist die Hölle los. Du kannst nicht zum Hafen kommen", beharrte Batman, dessen Arm- und Brustpanzerung ihn noch immer wie im Würgegriff umfasst hielt. Er musste dringend aus dieser Rüstung heraus, aber musste wohl noch warten, bis er in Wayne Manor war.

„Ich hab schon gehört. Der Polizeifunk meldet eine Tankerexplosion im Hafen? Was haben Sie denn nur da wieder angestellt?"

Batman schmunzelte und hoffte, dass er den Tag nie erleben musste, an dem Alfred seinen Sinn für Humor verlor. Denn dann, so wusste er, war die Zeit gekommen, da alle Hoffnung ein Ende gefunden hatte. „Ich hab nichts getan!", erwiderte Batman im Plauderton, während wenige Meter hinter ihm die Rettungskräfte vergebens gegen die übermächtige Feuerwand anzukämpfen versuchten.

„Das haben Sie schon immer als kleiner Junge gern behauptet, Master Wayne", erinnerte ihn Alfred mit einem naseweisen Unterton.

„Diesmal ist es aber keine Ausrede. Wo werde ich dich finden?", schwenkte er wieder zum eigentlichen Gesprächsthema zurück.

„Ich werde ein schattiges Plätzchen finden, ich orientiere mich an den Seitenstraßen, damit Sie unbemerkt einsteigen können."

Batman beschleunigte seine Schritte, obwohl sein Fuß sich eindeutig dagegen aussprach. Die achtzehnte Straße war weit genug ab vom Schuss, um Alfred nicht in die Bredouille zu bringen, die sich am Hafen ereignete, gleichzeitig bedeutete dies aber auch einen längeren Weg für einen angeschlagenen Batman. „Danke, Alfred", sagte er gehetzt und fügte kurz darauf an, „ach und gib doch bitte Lucius Bescheid, ich habe ein Problem mit dem Anzug."

Der Butler schien sich daraufhin nicht verkneifen zu können: „Schon wieder ein Rottweiler, Master Wayne?"

Batman kletterte geschwind auf eine der intakten Lagerbuden am Rande des Hafens und blieb einen Moment auf dem Wellblechdach stehen, um zurückzusehen. Der Ankerplatz war in einem regelrechten Inferno untergegangen. Noch immer verpufften Überreste des Sprengstoffs und brachten Rauchschwaden dazu, sich zu den üppigen Wolken am Nachthimmel zu gesellen. So schnell würde kein Tageslicht die niedergebrannte Anlegestelle berühren, und wenn es das doch tat, dann würde es eine Einöde aufdecken, die niemand am Rande einer Stadt wie Gotham City vermutet hätte. Das hieß, sofern die Löscharbeiten bereits bis zum Morgengrauen abgeschlossen sein würden. „Master Wayne?", hakte Alfred nach und lenkte Bruce' Aufmerksamkeit von der gigantischen Brandfläche ab.

„Nein, kein Rottweiler", murmelte er, worauf sein Freund hinterfragte: „Sondern?" Batman blickte einen Moment lang schweigend auf das glühende Chaos vor ihm, dann sagte er leise: „Feuer" und setzte sich in Bewegung.

***

Kälte war etwas Schreckliches. Sie fror sämtliche Glieder ein, drang durch alle Schichten, die wir schützend um uns legten, machte uns gefährlich müde, je länger wir ihr ausgesetzt waren. Kälte war alles, was Erin wahrnahm, als sie anfing, ihre Umgebung bewusster zu erleben und den Schleier nach und nach abzustreifen, den ihr der schier ewig währende Schlaf umgelegt hatte.

Sie öffnete ihre Augen nicht, sondern überließ es ihren anderen Sinnen, nach und nach Orientierung zu gewinnen. Weder wusste sie, wo sie war, noch was sich zugetragen hatte. Für einen Moment glaubte sie sich sogar in Le Gardien zurück und meinte, in ihrem Bett zu liegen und vergessen zu haben, das Fenster richtig zu schließen, sodass die unbarmherzige Winterkälte zu ihr vordrang. Vielleicht war auch nur ihre Decke verrutscht. Bei all den Varianten, die ihr erschöpftes Unterbewusstsein durchspielte, wollte ihr dennoch nicht ganz klar werden, warum sie sich so fühlte, als käme die Kälte von innen, als erfröre sie unter ihrer eigenen Haut.

Sie versuchte den Kopf zu drehen, aber ihr Nacken war steif und schmerzte. Ein weiches Kissen fing ihre Wange auf, als sie den Kopf erschöpft darauf bettete, noch immer die Lider geschlossen haltend. Einige Strähnen ihres Haares kitzelten sie an der Wange, aber Erin war zu müde, um sich wirklich daran zu stören, geschweige denn die Kraft aufzubringen, die blonden Haare hinter ihr Ohr zu streichen. Nur gemächlich sickerte der Schmerz durch ihre benebelte Wahrnehmung. Zunächst ganz leise und langsam, wie das zaghafte Trommeln unerfahrener Regentropfen, welche die Vorboten eines lang anhaltenden Schauers waren, dann immer intensiver, aufdringlicher. Trotzdem schafften sie es nicht, Erin gänzlich wachzurütteln. Ein dichter Film der Trägheit hatte sich über ihre Muskeln und Sehnen gelegt und schien es zu einem unmöglichen Unterfangen zu machen, dass sie ihre Augen öffnete.

Sie atmete seufzend aus und realisierte, dass ihre Brust schmerzte, wann immer sie zu tief Luft holte. Ein Zittern kroch entlang ihrer Wirbelsäule und breitete sich auf ihren Blutbahnen in ihren ganzen Körper aus. Es war, als flössen eiskalte Stromstöße durch ihren Körper. Erin versuchte, sich zu drehen, stellte aber überrascht fest, dass sie etwas zurückhielt. Es fühlte sich an, als legten sich Schnüre um ihren Oberkörper, die ihre Arme auf die Matratze drängten. Auch ihre Beine, von dem das linke insbesondere stark pochte, schienen von etwas umwickelt zu sein. Erst dann kam ihr der Gedanke, dass sie vielleicht doch nicht in Le Gardien und wohlbehütet in ihrem Bett lag und dass die Schmerzen nicht von einem anstrengenden Sporttag mit den Kindern oder einer sich anbahnenden Grippe herrührten.

Es kostete sie mehr Kraft, als sie für möglich gehalten hätte, doch schließlich öffneten sich ihre Lider einen Spalt breit. Das, was sie zunächst sah, war von einem milchig trüben Schleier verhüllt, der vom Schlaf herrühren musste. Sie öffnete den Mund, spürte, wie zäh ihre Lippen durch getrockneten Speichel aufeinander klebten und hätte vermutlich gestöhnt oder leise etwas gesagt, hätte sie Stimmbänder ihr Eigen nennen können. So aber wich nur der raue Atem über ihre Kehle, die sich trocken und wund anfühlte, so als hätte sie stundenlang geschrien, was schlichtweg unmöglich war. Erin hatte Durst, aber er war nicht akut genug, um sie dazu zu bewegen, sich aufzusetzen oder dies zumindest zu versuchen. Sie blinzelte mehrfach, aber ihre Umgebung wurde nicht zwingend deutlicher, was zum Großteil auch am eher schummrig gehaltenen Licht liegen mochte. Es war nicht wirklich dunkel, aber angenehm, nicht zu grell, sodass es den Augen schmerzen konnte. Sie glaubte aus den Augenwinkeln Rollläden aus lichtundurchlässigem Stoff zu sehen, die über breite Fenster gezogen worden waren. Verwirrt blinzelte sie erneut, konnte aber ganz gleich, wie sehr sie sich bemühte, keine Assoziation herstellen und ausmachen, wo sie sich befand. Kurzzeitig kam ihr der wirre, im ersten Augenblick für sie unbegründbare Verdacht, bei Scott untergekommen zu sein, doch auch dieser verlor sich, als sie rein gar nichts Vertrautes ausmachen konnte. Das Zimmer war viel größer, steriler eingerichtet. Erin konnte eine breite Kommode erkennen und eine große Tür daneben, die verschlossen war. Links von ihr stand ein kleiner Tisch, auf dem ein silbernes Tablett mit diversen Instrumenten lag, die sie nicht so recht erkennen konnte, vielleicht auch nicht erkennen wollte.

Sie schloss die Augen. Ihr Kopf tat nicht wirklich weh, aber er schien zu schwer für ihren übrigen Körper zu sein. Erin versuchte sich an etwas zu erinnern, aber alles, was ihr in den Sinn kommen wollte, war diese übermächtige Müdigkeit gepaart mit der Eiseskälte, die ihren geschundenen, trägen Leib ausfüllte. In ihren Ohren pochte ihr Herzschlag, ein gleichmäßiges Tock-tock, das im Gegensatz zu ihrem Geist nie müde zu werden schien. Fast schon kam es ihr so vor, als driftete sie wieder in den Schlaf ab, als ihr so war, als hörte sie Schritte. Tatsächlich huschte ein gleichmäßiges Stapfen über den Untergrund. Es schien von hinter der Tür zu stammen und lauter zu werden. Jemand näherte sich dem Zimmer, in dem sie lag. Erin bekämpfte angestrengt den Drang, einfach auf den Schlaf zu warten, der sich garantiert nicht allzu lange hätte bitten lassen, und lauschte den Geräuschen, die hinter der weißen Tür zu ihr durchdrangen. Jemand war hier. Vielleicht dieser Jemand, der sie hierher gebracht und in dieses Bett gesteckt hatte. Möglicherweise war dieser Jemand auch schuld daran, dass sie sich so völlig schlapp fühlte und es kaum vollbrachte, die Augen offenzuhalten. Der letzte Gedanke war es, der ihr half, wach zu bleiben. Was auch immer ihr zugestoßen war, es konnte nichts Gutes gewesen sein und solange sie fähig war, bei Bewusstsein zu bleiben, würde sie auch alles daran setzen, dass sie alles mitbekam.

Die Schritte entfernten sich kurzzeitig von der Tür, doch Erins Herzschlag beruhigte sich nicht, schien dem Frieden nicht zu trauen. Sie versuchte sich abermals aufzurichten, was ihr das Gefühl gab, sie versuche tonnenschwere Steine von sich zu schieben. Sie warf einen kurzen Blick auf ihren Körper. Mehrere warme Decken hüllten sie ein und schienen doch nichts zu bewirken, so sehr fror sie. Zwei Lederriemen waren über die Decke hinweg über ihre Brust geschnallt, ein anderer um ihre Füße. Sie war buchstäblich an das Bett gefesselt worden.

War sie in einer psychischen Anstalt gelandet? Erins Verstand war alarmiert, doch es gelang ihm nicht, zu dem tauben, geschwächten Körper vorzudringen. Das Zimmer sah nicht sehr nach der Innenausstattung einer Anstalt aus. Erin hatte zwar noch nie eine Psychiatrie von innen gesehen, aber ihre Vorstellung von einer dortigen Patientenunterkunft war doch eine andere. Was mochte geschehen sein, dass sie jemand in so eine Einrichtung eingeliefert hatte? Nein, Erin konnte und wollte nicht glauben, dass ihr etwas Derartiges zugestoßen war. Die Option, die ihr noch verblieb und nicht viel tröstlicher war, war der Gedanke, in die Hände eines Verrückten gefallen zu sein. Hektisch fiel ihr Blick zurück auf das silberne Tablett auf dem Beistelltisch. Ihr Blick, nun etwas klarer und sorgfältiger, erkannte ein Skalpell, diverse blutige Tupfer, ein braunes zugepfropftes Fläschchen und mehrere metallene Instrumente, welche die Form von Brieföffnern besaßen und deren Zweck Erin besser nicht in Erfahrung bringen wollte. Sie starrte entgeistert auf die Ansammlung nicht gerade vertrauenerweckender Gerätschaften und versuchte, an ihren Fesseln zu rütteln, stellte aber frustriert fest, dass sie nicht einmal dazu fähig gewesen wäre, aufzustehen, selbst wenn sie nicht an das Bett geschnallt gewesen wäre.

Gerade als sie einen weiteren fruchtlosen Versuch starten wollte, drehte sich der vergoldete Türknauf entgegen dem Uhrzeigersinn. Erin erstarrte und schaute gebannt auf die weiße Tür, die sich zunächst nur einen schmalen Spalt breit öffnete, durch den man nicht erblicken konnte, was hinter ihr verborgen lag. Dann schlug etwas dumpf gegen die Tür, das diese in ihren Angeln leise quietschen und vollends aufschwingen ließ. Die junge Frau zog scharf die Luft ein, als sie den Mann ansah, der da auf der Schwelle stand und dessen bloßer Anblick genügte, um all ihren tot geglaubten Erinnerungen Leben einzuhauchen. Erinnerungen, die besser für alle Ewigkeit im Land der Vergessenen geruht hätten.

„Ah, Häschen, du bist aufgewacht! Gerade rechtzeitig, in der Tat!"

Er hielt ein Tablett in der Hand, auf dem allerlei Zeugs stand, dem Erin keinerlei Beachtung schenkte. Ihr Blick aus müden, blauen Augen war auf ihn gerichtet, den Joker, ihren Peiniger, ihrer Nemesis, ihren vertrautesten Freund aus Kindertagen und zugleich größten Gegenspieler. Vergebens versuchte sie einen klaren Gedanken zu fassen, aus seinen Augen zu lesen, deren schwarzes Make-up, in dem sie gebettet waren, in wirren Schlieren verlaufen war. Darin gab es nichts, das sie hätte lesen können; zumindest nichts, das sie hätte lesen und verstehen können. Hinzukam, dass die üppige Gesellschaft der Schatten, die sich in diesem Zimmer versammelt hatte, sein Gesicht halb verhüllte. Wie eine gefährliche Warnung schimmerte das satte Rot, mit dem er seinen asymmetrisch verstümmelten Mund nachgemalt hatte, aus dem vergleichsweise weichen Samt der dunklen, gnädigerweise vieles andere verhüllenden Schatten. Kurzzeitig gewährte er ihr Einblick in den etwas helleren Flur, ehe er mit dem Fuß gegen die Tür trat, worauf diese in ihr marodes Schloss geschmettert wurde.

Der Joker trug nur ein dunkelgrünes Hemd, dessen Muster bei längerer Betrachtung wirr im Kopf machte. Spiralen und Kreise drängten sich zu optischen Täuschungen aneinander und machten den Stoff seiner Oberbekleidung zu einem einzigen Verwirrspiel für den Betrachter, der vergebens nach einem System oder Ordnung in dem Aufdruck suchte. Auf seine Weste, die ledernen Handschuhe und den Mantel hatte er verzichtet, was für Erin, die schrecklich fror, ein Rätsel war. Sein Make-up wirkte liederlich, sein Haar, das sie fettiger in Erinnerung hatte, fiel in krausen, unbändigen Locken in sein Gesicht und fast bis auf seine Schulter. Sein Geruch setzte sich jedoch aus derselben, zu Erins Leidwesen altbekannten Mixtur zusammen. Die Schärfe von Kraftstoff band das fast saure Aroma von Schweiß und herber Männlichkeit aneinander, komponierte mit einer Essenz aus exotisch anmutender Süße ein unvergleichliches Parfum. Je mehr er sich ihr näherte, desto intensiver nahm sie seinen Duft wahr. Er bewegte sich in einem merkwürdigen Schleichen, das mit kleineren Hüpfern untersetzt war, die wiederum die Passagiere des Tabletts klappern und klingen ließen, auf sie zu. Der Impuls, vor ihm zurückzuweichen, war groß, aber nicht ausführbar, wäre selbst dann nicht realisierbar gewesen, wenn sie nicht gefesselt gewesen wäre.

Erin verfluchte die Taubheit und Lethargie ihrer Muskeln, die es ihr sogar zu einer anspruchsvollen Aufgabe machten, zu denken. Egal, welchen Gedanken sie fasste, er war nur von flüchtiger Natur und meist schon vergessen, bevor er richtig zu Ende gedacht worden war.

„Hast du gut geschlafen, mein Spätzchen?", fragte er in fast freundlichem Singsang und einem Lächeln auf den Lippen, das ihn bis zum Ende seines Lebens begleiten würde. Das Tablett setzte er mit einem scheppernden, aber nicht übermäßig lauten Geräusch auf dem Beistelltisch ab und schob die Ablage der fragwürdigen Instrumente damit beiseite. Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden, er zog sie auf eine krankhafte Art und Weise in seinen Bann und schien sich dessen auch bewusst zu sein. Seine zerschlissenen Mundwinkel zuckten kurz nach oben, während er sich zu ihr vorbeugte und sie aus Reflex zusammenzuckte. Er lehnte sich wieder zurück und zog gleichzeitig einen Stuhl heran, auf dem er sich niederließ.

„Du siehst...müde aus", stellte er fest und stützte die Arme auf den schmalen Oberschenkeln ab, während er sich wieder vorbeugte. Nur wenige Zentimeter trennten sein Gesicht von ihrem. Allein der Umstand, dass sie seinen Atem auf ihren Wangen spüren konnte, ließ sie die Augen schließen. „Und du bist müde...ich kann es dir nicht verdenken, nein, nein", drang seine auf skurrile Weise melodisch klingende Stimme an ihre Ohren.

Sie spürte, wie er eine Hand auf ihre Wange legte und war überrascht darüber, wie warm sie sich anfühlte, oder kam es ihr nur so vor, weil sie selbst fror? Langsam sah sie wieder zu ihm auf, verbittert, erschöpft, gekränkt und wütend, wenngleich sie viel wütender auf sich selbst war, weil sie nicht einmal über die Kraft verfügte, ihre Emotionen mit einem einzigen Blick auszudrücken. Sein Daumen streichelte unerwartet sanft über ihren Wangenknochen und sie hasste sich dafür, dass sie diese kleine Geste als tröstlich empfand.

„Frierst du, Erin?", fragte er im umgänglichen Plauderton, so als hätte er sie nie gezwungen, einen Menschen für das Leben eines anderen zu töten.

Hatte er das getan? Sie war sich nicht mehr sicher, all das schien eine halbe Ewigkeit lang her zu sein, war ihr so fern, als hätte sie das alles nur geträumt. Ihr Körper widersprach dieser Theorie jedoch vehement. Zu lebendig war das Gefühl, nichts als Wasser einzuatmen und zu ersticken, zu lebhaft hatten sich Bilder in ihrem Gedächtnis eingebrannt, die ihr vor Augen hielten, was sie getan hatte. Olivia, die sich in verzweifelter Agonie an sie geklammert und Erin beinahe mit sich in den Tod gerissen hätte, hätte sie ihr nicht das Messer in den Leib gerammt. Sie hatte Olivia auf dem Gewissen und das Wissen über diese Schuld konnte nicht verdrängt werden, auch nicht vom tiefsten Schlaf. Was hatte sie nur getan? Und zu welchem Preis?

„Weißt du, du warst fast auf unter dreißig Grad Körpertemperatur runter", erzählte er ihr beiläufig und nickte bestätigend, „ich kann also verstehen, wenn dir ein bisschen frisch um die hübsche Nase ist."

Er zog die Hand weg und Erin ertappte sich erschrocken dabei, wie sie das bedauerte. Ihr war so kalt, so unmenschlich kalt und seine Hand war beruhigend warm. „Ich werde schon dafür sorgen, dass dir bald wieder...äh...warm ums Herz sein wird", versprach er ihr und wandte sich dem Tablett zu.

Erst jetzt gelang es Erin, sich seinem Anblick zu entziehen und in Augenschein zu nehmen, was er an ihr Bett herangetragen hatte. Sie war erstaunt, eine Schüssel zu sehen, in die eine dampfende heiße Flüssigkeit abgefüllt worden war. Sie roch deftig nach Hühnchenfleisch und Kräutern. Hatte er eine Suppe für sie gekocht?

Des Weiteren entdeckte sie eine Tasse, aus der ebenfalls warme Dampfschwaden entstiegen, sowie ein Glas Orangensaft. Verwirrt blinzelte sie ihn an und sah, dass er eine Spritze in der Hand hielt, die er gerade mit einer klaren Flüssigkeit auffüllte. Als er kurz darauf ihren Arm ergriff und Anstalten machte, die Nadel an ihre Vene zu führen, begann sie, sich unter ihm zu winden. Die Gurte ließen ihr nicht viel Freiraum und sein Griff war bezwingend und fest.

„Nanana, Erin, warum denn so widerspenstig? Das hier...", er schüttelte die Spritze in seiner rechten Hand, „...ist flüssiges Antibiotikum", er schnalzte kurz mit der Zunge und ließ den Kopf für einen Moment hängen, atmete hörbar aus und sagte dann in nonchalantem Tonfall: „Wenn du's nicht haben willst, bitte...iiich an deiner Stelle würde nicht nein zu einem lebensrettenden Cocktail sagen."

Sie starrte ihn an, linste dann auf ihre Armbeuge, in der schon mehrere Einstiche sichtbar waren. Wenn er ihr das Zeug schon vorher verabreicht hatte, ohne dass sie es mitbekommen hatte, konnte sie gegen eine mögliche schädliche Wirkung nichts ausrichten. Sie gab ihren Widerstand auf, den sie sowieso nicht lange hätte aufrechterhalten können. Ihr Brustkorb pochte schmerzerfüllt und all ihre Muskeln schienen ihren Dienst verweigern zu wollen. Sie entspannte ihren Arm, konnte nichts anderes tun, als es geschehen zu lassen.

Erin war hilflos und ihm ausgeliefert. Es wäre ein beängstigender Gedanke gewesen, wäre sie dazu fähig gewesen, ein emotionales Spektrum abzurufen, das breit genug war, um Angst einzuschließen. Doch sie fürchtete sich nicht einmal richtig vor ihm, was wohl ihrem körperlichen Zustand und dem Mittel zu verschulden war, das er ihr verabreicht hatte. Was, wenn er sie mit Drogen abfüllte und sie es einfach zuließ? Wenn er sie abhängig und somit gefügig machte? Sie schaute auf ihren Arm und atmete hörbar ein, als er die Nadel an ihrer Vene platzierte. Der kurze Stich ließ sie unwillkürlich verkrampfen, woraufhin er die linke Hand auf ihren Unterarm legte und murmelte: „Ist ja gleich vorbei. Ich weiß, wie sehr du Spritzen hasst, mein Spätzchen, aber diese hier ist notwendig und wird nicht mehr lange wehtun."

Erin sah ihn an und fühlte sich auf groteske Weise in ihre Kindheit zurückversetzt. Wann immer sie als kleines Mädchen Impfungen bekommen hatte, hatte sie sich schrecklich davor gefürchtet. Ohne dass sie es ihm jemals beigebracht hatte, hatte es Danny gewusst und an den Tagen, an denen sie einer weiteren Spritze ins Auge blicken musste, hatte er immer etwas gefunden, um sie nachher aufzuheitern. Einmal hatte er der alten Mrs. Flick einen frischgebackenen Apfelkuchen, der zum Auskühlen auf dem Fensterbrett gestanden hatte, geklaut, weil er wusste, wie gern sie ihn aß. Ein anderes Mal hatte er seinem Hund ein paar alte Blechdosen an den Schwanz gebunden, worauf sich dieser um die eigene Achse gedreht hatte, um das lästige Anhängsel zu erwischen. Natürlich waren seine kleinen Aufmerksamkeiten nicht immer astrein gewesen, aber die Geste hatte gezählt und sie als Kind immer zum Lachen gebracht. Selbst wenn es ein stummes Lachen gewesen war.

„So, das war's schon", riss sie seine tiefe Stimme aus ihren Gedanken. Er zog die Nadel aus ihrer Vene und presste einen Tupfer auf die Stelle, aus der frisches Blut drang. Sie sah ihm gebannt dabei zu, so als führte er eine komplizierte Operation durch. Er fing ihren Blick auf und legte den Kopf schief: „Woran...äh...woran denkst du, mein Engelchen, hm?" Er löste den Tupfer von ihrer Armbeuge, entfernte die Gurte und winkelte ihren Arm an, legte ihn so über ihre von mehreren Decken verhüllte Brust. Mit dem Stuhl rückte er näher an sie heran und zupfte mit den Fingern den Saum der obersten Decke zurecht, der über ihre Schultern reichte. Sie bemerkte, dass seine Finger teilweise mit weißer Farbe verschmiert waren, wahrscheinlich, weil er sich in unachtsamen Momenten über das Gesicht strich. Wie es sich wohl anfühlte, diesen vernarbten, entstellten Mund zu berühren? Ob er es wohl selbst vermied, es zu tun?

„Engelchen!", seine Stimme hatte an gestellter Sanftheit verloren und schallte wie ein Peitschenhieb auf sie hinab. Der Fokus ihres Blicks wanderte von seinen schrecklichen Narben zu seinen Augen, in denen sie so etwas wie Verärgerung zu lesen glaubte. „Ich habe dir eine Frage gestellt." Das letzte Wort artikulierte er Silbe für Silbe mit der Präzision und Schärfe eines Messers, die keine Widerworte duldeten.

Erin wandte den Blick von ihm ab, worauf sie ihn schnaufen hörte und kurze Zeit später seinen kraftvollen Griff zu spüren bekam, als seine Hand vorschnellte und gewaltsam ihr Kinn zur Seite riss. „Dass du...so starrst, muss ja wohl einen Grund haben...", sagte er hörbar ungehalten, während seine Zunge in gewohnter Routine über seine Lippen jagte. Erin fragte sich, ob diese Geste seine Unruhe ausdrückte, konnte sich aber andererseits nicht vorstellen, dass der Joker wirklich so etwas wie Unruhe oder Nervosität verspürte.

Zaghaft schüttelte sie den Kopf und senkte den Blick. Er schien etwas ruhiger zu werden, als er kurz darauf in beherrschterem Tonfall sagte: „Es...äh...sind die Narben, nicht wahr?" Erin wagte es nicht, sich überhaupt zu regen, aus Angst, er würde jede unbedachte Kleinigkeit falsch interpretieren und ausrasten. „Es sind immer die Narben...", lamentierte er und drehte ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen musste, „...diese...Menschen...erachten Äußerlichkeiten als sooo wichtig." Er spreizte die Finger von seiner Hand ab, die Erins Kinn umfasst hielt, und ließ sie kurzzeitig wild in der Luft zappeln. „Und bei diesen Narben...wissen sie nicht, was sie empfinden sollen", er lachte kurz auf, sodass es vielmehr einem Schluchzen ähnelte. Sie vergaß die Kälte, die von ihr Besitz ergriffen hatte, im Zuge der Angst, die nach und nach in ihr auftaute und sich ausbreitete. „Weißt du...manche sind...angewidert", er setzte sich kurz auf und richtete den Kragen seines Hemdes mit der freien Hand, während er missbilligend die Augen verdrehte, „andere haben Angst..." Die bloße Art, wie er dieses Wort betonte, ließ Erins Nackenhaare wie Langenspitzen hochschnellen. „wiederum andere...haben Mitleid." Er erbrach dieses Wort vielmehr, als dass er es sprach. „Die Frage, die sich mir dabei stellt...ah, hier spielt die Musik", er drehte ihr Kinn wieder zu sich, als sie sich von ihm abwenden wollte, „...die Frage ist, wie man Mitleid mit jemanden haben kann, wenn man gar nicht weiß, woher er diese Narben hat?"

Schweigend betrachtete er die junge Frau, die vor ihm im Bett lag und sich selbst dann nicht hätte regen können, wenn sie es versucht hätte. Ihre blauen Augen waren angsterfüllt geweitet, weil sie nicht wusste, wohin sein Monolog führen würde. Wenn er sich in Rage redete, würde sie die Leidtragende sein, soviel war Erin klar. Er atmete hektischer, wirkte aufgebrachter, obwohl seine Züge einen ruhigen Eindruck machten.

„Man ist nicht immer das Opfer, nur weil man Spuren eines Kampfes davongetragen hat", sagte er langsam und gedehnt, „möchtest du wissen, woher ich diese Narben habe, hm?", er sah sie durchdringend an und Erin nahm ihren ganzen Mut zusammen und schüttelte vorsichtig den Kopf. Nein, sie wollte es nicht wissen, zumindest nicht hier und jetzt, wo es ihn wütend zu machen schien und sie nicht in der Lage war, sich zur Wehr zu setzen.

„Nein?", fragte er mit gespielter Überraschung, die seine Augenbrauen in die Höhe zucken ließ. Sein schnaufender Atem streifte ihr Gesicht in ungleichmäßigen Intervallen. „Warum nicht? Hast du Angst, es könnte dir nicht gefallen?"

Seine Finger bohrten sich mittlerweile schmerzhaft in ihren Unterkiefer und hinterließen mit Sicherheit Abdrücke, sobald er losließ.

„Ich sag dir was; es wird dir garantiert nicht gefallen", seine Stimme hatte einen solchen Groll angenommen, dass Erin angst und bange wurde und sie sich wünschte, ihn nie so gedankenlos angestarrt zu haben. Sie glaubte nicht so recht, dass sie einen wunden Punkt erwischt hatte, zweifelte, dass er überhaupt noch im Besitz eines solchen war, aber zumindest hatte sie dazu beigetragen, dass er gerade ein wenig die Contenance verlor, was im Falle des Jokers eine verhängnisvolle Angelegenheit war.

Sie sah ihn an, während er ihren Kiefer so fest drückte, dass sie fürchtete, er würde in jedem Moment brechen. Sie blinzelte, weil ihre Augen tränten, öffnete den Mund, um besser Luft zu bekommen und schaute ihn gequält an. Was es genau war, das ihn daraufhin zurückweichen und seine Hand zurückziehen ließ, wusste sie nicht, sie war einzig und allein dankbar dafür. Ihr schwerer Kopf sank in die Kissen zurück, hustend rang sie nach Atem, was ihren Brustkorb unter stechenden Schmerzen erbeben ließ. Der Joker war mittlerweile aufgestanden, seine Arme hingen locker an seinen Seiten hinab, sein Blick aus leeren Totenkopfaugen haftete auf ihr. Erin nutzte ihre wiedergewonnene Bewegungsfreiheit und rollte sich träge auf die Seite. Ein stechender Schmerz fuhr daraufhin durch ihren Oberkörper und zwang sie mit seinen rabiaten Methoden dazu, sich wieder auf den Rücken zu legen.

„Es hat schon einen Grund, warum ich dich festgebunden hab, mein Häschen...damit...du dir nicht wehtust." Er stand noch immer neben ihrem Bett und schaute unbewegt auf sie hinab. Erins Hand glitt unter die Decke und tastete nach der schmerzenden Stelle. Erst als ihre Finger ihre bloße Haut streiften, realisierte sie, dass sie nackt war. Erschrocken zog sie die Hand zurück und entdeckte Blutstropfen auf ihren Fingerspitzen.

Der Joker betrachtete die sich ihm darbietende Szenerie mit einem gelangweilten Schmatzen. „Kaum lässt man Menschen wie dich gewähren, tun sie sich selbst und anderen weh", philosophierte er, „und alles nur, weil sie nicht einsehen wollen, was das Beste für sie ist." Erins Hand zitterte, als sie sie vor ihr Gesicht hielt und den Blutstropfen dabei zusah, wie diese zäh wie Sirup über ihre langen, geschmeidigen Finger rollten. Wie hatte sie nur die Wunde vergessen können, die er ihr zugefügt hatte? Der Schnitt, der ihr beinahe das Leben gekostet hatte. Warum hatte er sie gerettet und sie hierher gebracht? Warum hatte er den Aufwand betrieben und sie von ihrer nassen Kleidung befreit, um einer stärkeren Unterkühlung vorzubeugen? Warum das Antibiotikum und die Suppe? Erin glaubte nicht an einen tugendhaften, selbstlosen Akt vonseiten des Jokers. Er hatte sich etwas dabei gedacht, soviel stand fest, und Erin bezweifelte, dass das etwas Gutes für sie bedeutete.

„Ich hab dich so gut es ging zusammengeflickt, mein Spatz, aber du musst auch etwas dafür tun, wenn du wieder...gesund werden willst." Er setzte sich wieder und betrachtete sie mit seinem unnatürlichen Grinsen, das wie eingemeißelt auf seinen Wangen war. Sein linker Mundwinkel verschob das klaffende, geschwollen wirkende Narbengewebe nach oben, als er sie mit einem unheilvollen Schimmern in den Augen musterte.

„Du hast fast vier Tage verschlafen, Liebes...es wird Zeit, dass du etwas zu dir nimmst." Er beugte sich vor und betätigte einen Hebel, um den Kopfteil ihres Bettes anzustellen und sie somit in eine sitzende Position zu verfrachten. Erins Decken rutschten ein Stück von ihr hinunter, sodass sie die Arme fest darüber verschränkte, obgleich es ihr Schmerzen bereitete. Dies entlockte dem Joker ein selbstgefälliges Grinsen: „Keine Sorge, Püppchen, du versteckst darunter nichts, was ich nicht schon gesehen hätte." Das ordinäre Schmatzen, das er folgen ließ, erfüllte die junge Frau mit Ekel. Beschämt wandte sie den Blick von ihm ab, als sie der Gedanke beschlich, dass er sie ausgezogen hatte, während sie besinnungslos gewesen war und mit dem Tod gerungen hatte. Er hatte sie angefasst, ihren nackten Körper berührt und wer weiß was für andere Dinge mit ihr getan. Ihr schauderte sichtlich, was den Joker dazu brachte, mit unverhohlenem Amüsement zu sagen: „Oh, keine Angst...ich hab...fast gar nicht hingesehen", er verdrehte die Augen, „nur ein kleines bisschen...vielleicht...auch ein klitzekleines bisschen mehr", er zeigte die etwaige Größe des besprochenen Bisschens mit Zeigefinger und Daumen an und leckte sein diebisches Grinsen mit der Zunge nach.

Erin presste die Decke enger an ihren Körper, so als könnte sie damit ungeschehen machen, was er getan und gesehen hatte. Der Joker quittierte diese unbeholfene Geste des Selbstschutzes mit einem nasalen Lachen, ehe er die Hand um Erins nackte Schulter legte und ihr zumurmelte: „Du musst dich nicht schämen, Erin. Nein...musst du nicht. Du nicht. Wirklich nicht!" Er sah sie mit vor Ernst versteinertem Gesicht an und sie versuchte vergeblich, herauszufinden, ob er sich einen Spaß erlaubte. „Du bist zu einer wirklich...wunderschönen Frau herangewachsen", sagte er und jeglicher Schalk war aus seiner tiefen, etwas kehligen Stimme verschwunden.

Seine Hand wanderte über ihre Schulter zu ihrem Schlüsselbein und fuhr dessen leicht geschwungene Linie nach. Der Knochen zeichnete sich sichtbar unter ihrer kühlen, weichen Haut ab, und doch wirkte Erin nicht unnatürlich dürr. Als er an der kleinen Kuhle, die den Übergang von einem Schlüsselbein zum anderen markierte, angelangt war, wich sie schreckhaft zurück. Es lag nicht an der Berührung an sich, sondern vielmehr an der Verwirrung, die sie auslöste.

„Na!", knurrte er und fasste sie wieder grob bei ihrem runden Kinn, „Warum denn so schüchtern, hm?" Seine Zunge absolvierte einen weiteren Probelauf auf dem kraterübersäten Untergrund, der seine blutrot geschminkten Lippen waren. „Warst du...warst du bei Scott auch so schüchtern, hm?", seine rechte Hand glitt von ihrem Schlüsselbein nach unten und streifte den Saum der Decke, seine Finger gruben sich darunter, sodass sie sich wie unter Qualen zu winden begann. Es war zwecklos, er hatte sie in seiner Gewalt. „Du hast ihn mit deiner zurückhaltenden Art bestimmt angeheizt, hm? Oh ja, das kann ich mir gut vorstellen." Sein Gesicht war dem ihren zu nah, als dass sie ihn richtig hätte ansehen können. Alles, was sie sehen konnte, waren die verschmierten Akzente aus Rot, Schwarz und Weiß auf seiner Haut, die sich irgendwo auf Höhe seines Wangenknochens vermengten. Seine Hand schob die ihre mühelos weg und glitt unter die Decke. Erin zuckte heftig zusammen, legte die Hände um sein Handgelenk, um ihn von sich zu schieben, doch es gelang ihr nicht.

„Sag mir, Erin...", seine Stimme war ein heiseres Flüstern, das wie der heiße Hauch eines Wüstenwinds über ihr Gesicht strich, „...hast du ihn an dich rangelassen, hm? Ihn...unanständige Dinge mit dir tun lassen?"

Seine Hand packte grob ihre linke Brust, worauf sie stockend ausatmete vor Schock, Scham und Schmerz. Es war offensichtlich, dass er sich an ihrem Schmerz und ihrer Demütigung weidete, ihre emotionale Talfahrt genoss.

„Ahhh, shhhh", murmelte er und strich mit dem Handrücken über ihre Wange, „du kannst es mir ruhig sagen, hm?" Seine rechte Hand massierte das empfindliche Gewebe ihrer Brust, der Nagel seines Daumens kratzte über ihre Brustwarze, die sich unter der Berührung leicht erhärtet hatte. Erin schloss die Augen und schluckte schwerfällig. Heiße Tränen lösten sich aus ihren Wimpern und rollten wärmend über ihre kalten, spannenden Wangen. Der Joker fing die salzigen Perlen auf, sah nahezu fasziniert dabei zu, wie die Tränen die weiße Farbe von seinen Fingerspitzen wuschen.

„Oder hast du ihn zappeln lassen, deinen...Scotty?" Sein Daumen grub sich tief in ihr Fleisch, sodass Erin den Mund verzog und schluchzte. „Hm? Er hat...auf mich den Eindruck gemacht, dass er recht...bedürftig gewesen ist." Erin atmete keuchend aus, als er ihre geschundene Brust aus seinem Griff entließ. „Kann aber auch daran gelegen haben, dass er ein bisschen...Angst hatte, weil ich ihn eine meiner Klingen hab spüren lassen."

Er zog die Hand unter ihrer Decke hervor und entließ sie aus seinem Griff, dennoch ließ sie das Gefühl nicht los, dass seine Berührung weiterhin an ihr haftete wie ein Schmutzfilm. Sie zog die Decke höher und senkte beschämt den Blick. „Weißt du, was Scotty noch zu mir gesagt hat?" Erin widerstand dem Drang, zu ihm aufzusehen, obwohl es ihr schwerfiel. „Er...", begann der Joker und sie hörte, wie er mit den Gegenständen auf dem Tablett herumhantierte.

Der Appetit, sofern sie je welchen verspürt hatte, war ihr gehörig vergangen.

„...er hat gesagt, dass er dich lieeeeebt..." Sehr zögerlich hob sie den Kopf und sah zu ihm auf. Sein Blick ruhte abschätzend auf ihr und sie wusste genau, dass er aus jeder noch so kleinen Regung, dem Ausdruck in ihren Augen, einer kleinen Veränderung in ihrer Mimik las, was sie fühlte. Er war wie ein Vampir, der von ihren Emotionen zehrte. „Ist das nicht...süß?"

Ausdruckslos sah sie ihn an, während er die Suppenschüssel nahm und hineinpustete, mit einem Löffel darin herumrührte. „Er hat mich auch gebeten, dir nicht wehzutun", erzählte er im fröhlichen Plauderton, so als plapperte er über das Wetter und nicht über Scott, den er irgendwo in Gewahrsam hatte. Das hieß, wenn er noch lebte. Der Joker zog die dunkelroten Lippen zwischen die Zähne, sodass ein Teil der Schminke auf seine vergilbten Zähne abfärbte. „Als ob ich dir wehtun wollen würde!", spie er fast beleidigt aus, so als wäre es das Absurdeste, das ihm jemals vorgeworfen worden war. Sie sah ihn an, doch er spielte sein Spielchen mit ihr. Jetzt, da er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit genoss, tat er so, als wäre es nie seine Absicht gewesen, dies zu erreichen. Er rührte in der Suppe herum und schmeckte sie ab, um zu prüfen, ob sie auch gut temperiert uns somit essbar war.

Erin, die ihn fragend anstarrte und auch ihre Hände von der Decke gelöst hatte, erfuhr von ihm keinerlei Beachtung. Schließlich wurde es ihr zu bunt. Sie wollte wissen, was mit Scott war und ob er sich an die Vereinbarung gehalten hatte, die ihr aufgezwungen worden war. Sie hatte Olivia den Todesstoß versetzt – primär um ihr eigenes Leben zu retten, wie sie zu ihrer eigenen Schande gestehen musste – und dafür hatte er Scott am Leben lassen müssen. Das hatte ihn aber vielleicht nicht daran gehindert, ihm Schmerzen zuzufügen. Nicht sterben zu können, konnte eine Qual sein. Ihre eigenen Gedanken bestürzten sie, erinnerten sie aber an die Gefahr, in der sie schwebte. Das hier war kein kleines Katz- und Mausspiel, das nach einer Runde Machtkampf beendet sein würde und wenn sich Erin nicht an die Regeln hielt, die ihr der Joker aufdiktierte, riskierte sie das Leben des Mannes, in den sie sich verliebt hatte, und auch das ihrer Freunde. Sie war der impulsgebende Dominostein und wenn sie fiel, fielen Unzählige mit ihr.

Sie fasste sich ein Herz und legte die Hand auf seinen Arm. Der Stoff seines Hemdes fühlte sich glatt und geschmeidig an, fast schon edel. Wo auch immer er sich die Kleidung hatte anfertigen lassen; es waren Menschen gewesen, die etwas von ihrem Handwerk verstanden.

Als er den Kopf drehte, zog sie die Hand zurück und formte Scotts Namen mit ihren Lippen, sah ihn dabei flehend an. Der Joker hob seine linke Braue, die schwarze verschmierte Schminke war auf seine Schläfe verlaufen, das weiße Make-up auf seiner Stirn war von gleichmäßigen, hautfarbenen Linien durchzogen, die wie ein permanentes Stirnrunzeln wirkten. Doch er wirkte recht entspannt und überhaupt nicht nachdenklich und hielt ihr plötzlich die Schüssel hin.

„Du musst hungrig sein, Spätzchen, hier, iss einen Happen. Hab ich extra für dich...äh...aufgewärmt." Er drückte ihr die Schüssel in die Hand, in die Erin verdutzt blinzelte. Es war dem Duft nach zu urteilen eine Hühnersuppe, und als sie den Löffel darin bewegte, bestätigte sich ihr Verdacht. „Ich hoffe, du bist in der Zwischenzeit nicht zum Vegetarier geworden." Sie hielt die Suppenschüssel in ihren Händen und schaute ihn verständnislos an. Dass er ihre stumme Frage nach Scott ignorierte, war fast zu erwarten gewesen. Er machte sich einen Spaß aus ihrer verzweifelten Situation.

Sie streckte die Hand ein weiteres Mal aus und berührte ihn, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte. Wieder und wieder malte sie mit ihren Lippen Scotts Namen, doch er sah sie nur mit einem unbeweglichen Grinsen an und hatte nur ein „Deine Suppe wird kalt" für sie übrig.

Erin presste die Lippen aufeinander und sah ihn verbittert an. Er hatte mit Andeutungen bezüglich Scotts ihre Sorge um sein Wohlergehen angestachelt und ließ sie nun bewusst in der Schwebe der Ungewissheit hängen. Die blonde Frau betrachtete ihn eindringlich, aber er tat so, als würde er die Beschaffenheit seiner Fingernägel wesentlich interessanter finden als sie. Erin starrte ihn unverwandt an. Bitte, wenn er das aussitzen wollte, sollte er es so haben, sie würde jedenfalls nichts von dieser Suppe anrühren, bis sie wusste, was mit Scott geschehen war. Obwohl sich ihr Magen vor Gier verknotete, als das herzhafte Aroma der Suppe in ihre Nase strömte, hielt sie sich zurück. Es war eine Frage, wer zuerst nachgeben würde, sie oder er. Sie war sich dessen bewusst, dass er alle Vorteile auf seiner Seite hatte, aber Erin würde sich nicht so einfach abspeisen lassen. Klirrend ließ sie den Löffeln gegen das Porzellan der Schüssel stoßen und gewann dadurch endlich eine Reaktion von ihm, auch wenn sich diese nur auf eine erhobene Braue und vor der Brust verschränkte Arme beschränkte. Erin hob die rechte Hand, spreizte den Zeigefinger ab und schüttelte sie abrupt hin und her, ehe sie die zur Faust geballte Hand an die Stirn legte, diese in Brusthöhe sinken ließ und ausstreckte, bevor sie ins Leere zeigte.

Der Joker musterte sie nur gelangweilt, zeigte ansonsten keine Reaktion, sodass sie diese Geste wieder und wieder wiederholte, die die Frage formulierte, wo Scott abgeblieben war. „Du solltest die Suppe wirklich essen, solange sie noch heiß ist", kommentierte er ihre Bemühungen und schleckte sich die Lippen ab, so als wären sie mit rotem, süßem Sirup und nicht mit gewöhnlicher Schminke bedeckt, „du musst zu Kräften kommen." Er nickte enthusiastisch, ehe er sich mit einem verruchten Grinsen vorlehnte und suggerierte: „Oder hast du es lieber, wenn ich dich füttere?"

Angewidert und betroffen klammerte Erin die Hände um die Schüssel. Es war vielmehr eine Kurzschlussreaktion als überlegtes Handeln, als sie die Schüssel packte und einen Teil ihres Inhalts auf ihn kippte. Die Suppe besprenkelte sein Hemd und Teile seines Kinns und seiner Kehle, doch er zuckte nicht einmal zusammen, obwohl die Flüssigkeit noch heiß sein musste. Gemüsestückchen und Fleischwürfel benetzten das frische Hemd, vervollkommneten das wirre Muster. Als würde er etwas Großes zerkauen, malmten seine Kieferknochen beständig aufeinander, während er mit den Augen das Elend auf seinem gewöhnungsbedürftigen Kleidungsstück begutachtete.

Erin realisierte erst jetzt, was sie getan hatte. Sie hatte ihm ihre Suppe über den Latz geschüttet, weil er nicht auf ihre Bitten reagiert hatte. Sie hätte ihm keine bessere Einladung dazu geben können, wütend zu werden und jeden Anflug von Mildtätigkeit abzustreifen. Erin saß im Bett und wartete nur darauf, dass er explodieren und ihr wehtun würde, dass er ausrastete und sie bestenfalls mit einem blauen Auge davonkommen würde. Doch er saß ganz ruhig da, hob irgendwann wie in Zeitlupe seine Arme und schüttelte in einer beinahe routinierten Manier sein Hemd aus, sodass einige Spritzer der Suppe auf ihrem Bett landeten, wiederum andere ihr Ende auf dem Fußboden fanden. Erin behielt ihn genau im Auge, erwartete, dass er jeden Moment auf sie losgehen würde wie ein tollwütiger Hund. Aber er schien auf merkwürdige Art und Weise damit gerechnet zu haben, dass sie sich vergessen würde. Zumindest trug er seine unfreiwillige Taufe mit Hühnersuppe mit Fassung, so als passierte ihm so etwas ständig. Er pickte ein Fleischwürfelchen mit seinen Fingern aus der Knopfleiste seines Hemdes und schnippte es zurück in Erins Schüssel.

„Weißt du...", begann er in gefährlich ruhigem Ton, „du hättest mir auch einfach sagen können, dass Hühnersuppe nicht zu deinen Leibgerichten zählt."

Mit klopfendem Herzen starrte sie ihn an, ihre immense Müdigkeit, die noch vor wenigen Minuten verhindert hatte, dass sie sich auch nur selbstständig aufrichten konnte, fiel im Zuge wachsender Angst beiseite. Die Kälte jedoch blieb.

„Scott hätte sich jetzt sicher über ein heißes Süppchen gefreut. Der Ärmste muss bei diesen widrigen Temperaturen bestimmt ordentlich frieren", plapperte er nachdenklich vor sich hin und verdrehte die Augen, seufzte theatralisch, während seine Finger hektisch über seinen Oberkörper glitten, um die Suppeninhalte aus seinem Hemd zu entfernen.

Erins Mund war mit einem Mal staubtrocken. Wie dumm von ihr! Sie hatte sich von ihm provozieren und sich dazu hinreißen lassen, die Geduld zu verlieren. Damit hatte sie sich die Chance gewaltig verspielt, irgendwelche Forderungen stellen zu können oder auf sein Entgegenkommen zu hoffen.

Er griff hinter sich und bekam ein weißes Leinentuch zu fassen, das wie ein in kleinere Stücke geschnittenes Bettlaken aussah. Er funktionierte es zu einer Serviette um und tupfte sich damit in aller Seelenruhe das Kinn und den Hals ab. „Deine Lektion in Sachen Dankbarkeit musst du wohl noch lernen, mein Spätzchen. Vielleicht entsinnst du dich daran zurück, was es heißt, dankbar zu sein, wenn ich dich noch ein bisschen auf das nächste Menü warten lasse, hm?"

Sein Gesicht drückte Gelassenheit aus, aber seine dunklen Augen funkelten beunruhigend. „Ja, ich denke, das ist eine gute Maßnahme", sinnierte er und packte Erins Arme mit unerwarteter Kraft, streckte sie aus und zwang die Gurte wieder darum, zurrte sie so fest, dass sie sich in ihre Haut schnürten, wenn sie einen unvorsichtigen Versuch unternahm, sich zu bewegen. Um ihre Beine befestigte er auch die übrigen Schnallen, sodass ihre Frist in Freiheit nur kurz währte. Erin versuchte, sich unter ihm zu winden, doch es hatte keinen Zweck, ihr Körper war zu geschwächt, zu ausgezehrt, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen.

Der Joker stand neben dem Bett und blickte auf sie hinab, warf achtlos das Tuch auf das Tablett und stöhnte beleidigt: „Deinetwegen muss ich mich extra umziehen...aber was für eine Autorität verströmt es denn bitte, wenn ich nach Hühnchen rieche, hm?"

Erin sah ihn an, wusste, dass er selbst ohne jegliches respektheischendes Utensil seine Überlegenheit zu demonstrieren wusste. Wer ihn nicht fürchtete, war entweder dumm oder hatte noch nie Bekanntschaft mit seiner Kunstfertigkeit im Umgang mit Messern gemacht. Es hatte nichts mit Mut zu tun, ihm furchtlos gegenüber zu stehen, sondern mit fehlender Vorsicht.

Er platzierte die noch halbvolle Schüssel auf das Tablett und seufzte genervt, als sein Telefon klingelte. „Du entschuldigst mich kurz, ja?", er kramte das vibrierende Handy aus seiner Tasche und wanderte in die andere Ecke des Zimmers. „Was?", blaffte er hinein, offenbar nicht sehr begeistert über die Störung. Es war Erin nicht möglich, das Gespräch zu belauschen, das er anscheinend mit einem seiner Untergebenen führte. Dafür stand er zu weit weg und die Stimme am anderen Ende war zu leise, als dass sie Wortfetzen hätte aufschnappen können. „Oh, tatsächlich? Wer würde denn sowas machen?" Seine Stimme war eine einzige Parodie, über die allerdings nur er zu lachen vermochte. „Aha...hm...", machte er kurz darauf und drehte sich halb im Kreis, sodass er vor den verhüllten Fenstern stand und Erin sein Profil zu Gesicht bekam.

Er war recht schmal gebaut, wirkte dabei aber nicht schmächtig. Die liederlich aufgetragene Schminke ließ sein Gesicht merkwürdig verzerrt wirken, der unbändige Schopf verstärkte den Eindruck einer Löwenmähne. Seine Haltung war aufrecht, was Erin verwunderte. Sie hatte ihn sonst immer nur vornüber gebeugt stehen und gehen sehen, selten so gestreckt und gerade. Wahrscheinlich war seine Haltung, ähnlich wie sein leicht hinkender Gang ein Markenzeichen, ein Teil der Show, die er gern hin und wieder neu durchchoreographierte. Was wohl dahinter steckte? Ob überhaupt noch etwas anderes dahinter steckte?

„Ah, ah, ah, reiß dich gefälligst zusammen. Ich arbeite nicht gern mit Hosenscheißern zusammen, die vor den entsprechenden Maßnahmen zurückschrecken...", sagte er drohend in das Telefon. Wovon sprach er? Was führte er jetzt schon wieder im Schilde? Dem Joker entwich ein abfälliges Schnaufen. „Ja, bring sie dorthin. Aber mach dich nützlich. Sorg dafür, dass die Welt der beiden ein bisschen Kopf steht, wenn ich dort eintreffe."

Er drehte sich erneut und kehrte Erin den Rücken zu. Sie nutzte dies aus, um sich im Zimmer umzusehen, um einen Hinweis auf die Uhrzeit zu finden, doch nirgends konnte sie eine Uhr ausfindig machen. Zeit war für sie sowieso zum Abstraktum geworden. Was hatte er zu ihr gesagt? Sie war fast vier Tage weggetreten gewesen? Kein Wunder, dass jegliches Zeitgefühl von ihr gewichen war. Sie konnte ja noch nicht einmal ausmachen, welche Tageszeit gerade vorherrschend war. Das schummrige Licht hinter den Jalousien konnte genauso gut von Straßenlaternen stammen, musste nicht unbedingt das schwindende Leuchten einer untergehenden Sonne sein.

„Das wirst du ja wohl noch zustande bringen", lenkte sie die tiefe, ungeduldig grollende Stimme des Jokers ab. Er hob verächtlich die Brauen und spähte aus den Augenwinkeln ins Leere. Wieder waren es die Schatten, die seinem ohnehin nicht sehr vertrauenerweckenden Gesicht düstere Konturen verliehen und scharfkantige Akzente setzten. „Ich bin gleich da", verkündete er und legte dann ohne eine weitere Antwort abzuwarten auf. Deutlich hörbar blies er seufzend den Atem aus und verstaute das Telefon wieder in seiner Hosentasche. „Alles muss man alleine machen!", merkte er an, während er sich zu Erin umdrehte, „Du kommst derweil hier ja klar."

Sie schaute ihn perplex an. Er wollte gehen? Sie einfach hier liegen lassen? Gefesselt und unfähig, sich auch nur einen rebellischen Zentimeter weit zu bewegen? Wie lange würde er wegbleiben? Würde er überhaupt wiederkommen? Sie verfolgte ihn mit ihren Blicken, als er wieder auf sie zuschritt und das Tablett etwas näher an sie heran schob, jedoch nicht nah genug, dass sie es hätte erreichen können. „Als kleinen Denkanstoß für deine verbesserungswürdigen Manieren lasse ich das Glas hier stehen." Er hob kurz das Glas mit dem Orangensaft und stellte dieses kurz darauf wieder klirrend ab. „Wenn du durstig genug bist, siehst du dein kleines Malheur ja vielleicht ein."

Der Joker hatte sich schon zum Gehen umgewandt, als er plötzlich innehielt, auf seinen Sohlen kehrtmachte und wieder an sie herantrat. Leise vor sich hinsummend fischte er den Suppenlöffel aus der Schüssel, tupfte diesen mit dem Tischtuch ab und hielt ihn kurzzeitig rechts neben sein Gesicht. „Den brauch ich noch!", erklärte er, drehte das gewölbte Metall hin und her und betrachtete dabei mit einem wahnsinnigen Flackern in den Augen, wie sich das spärliche Licht daran brach. „Bis später, mein Häschen...ach, und lass dir die Zeit nicht zu lang werden", posaunte er flötend und verließ halb hopsend, halb gehend das Zimmer.

Erin schaute ihm noch lange irritiert hinterher. Was auch immer er mit diesem Löffel im Schilde führte, sie tat gut daran, es sich nicht vorzustellen.