Scar Tissue

23

Auf Messers Schneide

Jener ist ein Held,

Der sich seinen Ängsten stellt

Und auch Opfer bringt.

Bei Nacht schillerten Gothams Fassaden und Fensterfronten in den bezauberndsten Farben und Lichtern. Hier und da priesen Geschäfte große vorweihnachtliche Rabattaktionen auf Werbeleinwänden an, während in den Schaufenstern nur halb so sparsam mit Lichterketten umgegangen wurde. Obgleich die Fensterscheiben der Limousine stark getönt waren, konnte Bruce das Nachtleben auf Gothams Straßen mit aller Klarheit sehen und verfolgen. Viele waren zwar nicht mehr auf den Straßen, aber einige Nachtschwärmer und feierlustige Menschen tummelten sich in langen Warteschlangen vor renommierten Clubs, in die man für gewöhnlich nur hineinkam, wenn man seine Beziehungen spielen ließ. „Wünschen Sie, dass ich rechts anhalte, Sir?", fragte Alfred, der den Blick seines Schützlings über den Rückspiegel hinweg verfolgt hatte. Bruce blinzelte irritiert und sah ihn an. „Wie meinen?", fragte er und schien erst jetzt wieder ganz bei der Sache zu sein. Worum seine Gedanken gekreist hatten, war offensichtlich. Seit über einem Jahr konnte der Butler in regelmäßigen Abständen diesen besorgten, ratlosen Blick auf den sehr ansehnlichen Zügen seines Ziehsohnes sehen, in den letzten Tagen öfter denn je. Es war ihm anzusehen, dass er vergebens nach einem Weg suchte, wie er den Joker aufspüren und bekämpfen konnte, doch der diabolische Clown schien ihm stets einen Schritt voraus zu sein. Seit Gordon suspendiert worden war, schmälerte sich zusehends die Anzahl seiner Helfer und Unterstützer, obwohl an die Öffentlichkeit getragen worden war, dass Batman die Morde, derer er verdächtigt worden war, nicht verübt hatte. Langsam aber sicher sickerte Batmans Unbeholfenheit dem Joker gegenüber an die breiten Massen durch, sodass sich diese keine Rettung mehr von dem Mann im Fledermauskostüm erhofften. Er hatte ihn vor einem Jahr nicht daran hindern können, blutrünstige Verbrechen zu begehen und jetzt setzte der Joker seinen Streifzug abermals ungehindert fort. Das Vertrauen der Menschen in Batman, das von Beginn an ein eher zweifelhaftes gewesen war, war erschüttert, und jene, die daran glauben wollten, dass er selbst ein Krimineller war, würden sich so schnell nicht von ihrer Meinung abbringen lassen. Die Menschen waren wankelmütig und erkannten oft erst viel zu spät, dass sie ihre eigenen Helden und somit auch ihre Chance auf Rettung mit Füßen traten.

„Oh, ich dachte nur, dass Ihnen womöglich der Sinn nach ein wenig Zerstreuung stünde, weil Sie ihren sehnsüchtigen Blick so über den Palazzo haben gleiten lassen." Bruce schmunzelte und betrachtete die Maske in seinem Schoß: „Wenn da nicht gerade eine Kostümparty steigt, sehe ich dafür schwarz, dort willkommen zu sein." Alfred schaute neckisch in den Spiegel und kommentierte: „Ich bin sicher, dass einige Damen recht wissbegierig darüber sind, wie wohl Batmans Hüftschwung ausgeprägt ist." Um seine klugen blauen Augen hatten sich viele kleine Lachfältchen gebildet, die Bruce genau vermittelten, wie er seine Worte zu verstehen hatte. „Ich glaube, mir ist heute nicht mehr nach tanzen zumute. Mir hat das kleine Unterwasserballett von vorhin wirklich genügt." Alfred ließ nur eine dünne Schicht des Schweigens darüber wachsen, ehe er leise sagte: „Dennoch bin ich der Meinung, dass Sie einmal wieder unter Leute kommen sollten. Auch für Ihr Image als Bruce Wayne." Sein Schützling kommentierte diese Äußerung nur mit einem bedrückten Seufzen. Er hatte im Moment ganz andere Sorgen, als sein Ansehen als Playboy aufzupolieren. Es wurde Zeit, dass er sein Alter Ego für längere Zeit in den Urlaub schickte, um sich ganz und gar auf seine Aktivitäten als Batman konzentrieren zu können. Er drehte den Arm und musterte besorgt die Panzerung, die sich schmerzhaft eng um ihn schloss. Die Hitze mochte dem Material nicht geschadet haben, aber sie hatte offensichtlich dafür gesorgt, dass sie an Flexibilität eingebüßt hatte. Sie schien wie zu heiß gewaschene Kleidung an seinem Körper einzulaufen. Wie gut, dass Fox an seiner Maske keine Panzerung integriert hatte. Hätte sich das Metall beispielsweise um seinen Hals zusammengezogen, wäre es gut möglich gewesen, dass er von seiner eigenen Ausrüstung erstickt worden wäre. Er musste aus dem Anzug heraus, aber er Mechanismus, den Fox ihm gezeigt hatte, funktionierte nicht. Er hoffte, der Ingenieur hatte noch einen Kniff in der Hinterhand, andernfalls würde vielleicht nur noch ein Eisbad helfen, um die Rüstung wieder zu lockern.

„Was haben Sie denn jetzt eigentlich angestellt?", wollte Alfred wissen, der mit der bedrückenden Stille im Wagen nicht klarzukommen schien. Bruce hob den Kopf und sagte leise: „Ich habe eine kleine Mafiaparty gesprengt." Sein Freund hob die schmalen, weißen Brauen: „Soll ich das jetzt wörtlich nehmen?" Ein Lächeln huschte kurzzeitig über die anmutigen Züge des jungen Multimilliardärs, ehe er aus dem Seitenfenster schaute und beobachtete, wie die Nacht in ihrem verträumten Lichterambiente an ihm vorüber zog. „Ich war Zeuge eines Waffendeals, bei dem keine Waffen mit von der Partie waren", erzählte er und entlockte dem älteren Herren am Steuer eine weitere spitzbübische Bemerkung: „Ein sehr ungewöhnlicher Waffendeal ist das dann meiner Meinung nach, Master Wayne. Womit wurde denn stattdessen gehandelt? Mit Konfetti?" Bruce grinste: „So ähnlich. Ich glaube aber, es waren Sägespäne." Die Limousine bog in die Auffahrt zu den Palisades ab und befand sich auf einem deutlich höheren Level als die Downtown Gotham Citys. „Jemand hat die Lieferung manipuliert?", fragte Alfred wenig beeindruckt. Je mehr Geschichten man von den Verzweiflungstaten der Mafia hörte, desto weniger abschreckend wirkte sie. „Ja. Und keine gewöhnliche Lieferung. Ich nehme an, sie sollte an den Joker gehen. Zumindest waren seine Leute vor Ort." Für einen erschreckend langen unachtsamen Moment starrte er in den Rückspiegel, seine Gesichtszüge waren ihm regelrecht entglitten. „Jemand hat die Lieferung für den Joker in die Luft gejagt?" Bruce nickte. „Scheint so. Ich halte es aber auch nicht für unmöglich, dass er es vielleicht sogar selbst war."

Sein Butler und enger Vertrauter gab ein nachdenkliches „Hm" von sich, ehe er hinzufügte: „Die Frage nach dem Warum kann man sich in dem Fall wirklich sparen." Zustimmend nickte sein Fahrgast. Der Joker brauchte keinen Grund, um etwas zu tun, musste sich nicht rechtfertigen, keinen Sinn in seinem Handeln nachweisen. Bruce murmelte fast nur noch im Flüsterton: „Er tut, was er will und ich kann nur von einem Logenplatz aus dabei zuschauen." Die Straßen, auf denen Alfred den Wagen lenkte, wurden zunehmend dunkler und ruhiger, immer weniger Autos begleiteten sie auf ihrem einsamen Weg durch die Dunkelheit. „Mit Verlaub, Master Wayne, besser von einem Logenplatz aus, als selbst auf der Bühne zu stehen." Der junge Mann sagte daraufhin lange Zeit nichts. Erst als sein Freund die Limousine über eine Fernbedienung in den verborgenen unterirdischen Garagentrakt unter Wayne Manor lotste, sagte er: „Ich fürchte, er hat auch mir eine Rolle in seinem Stück zugewiesen. Ich weiß nur noch nicht, welchen Part ich übernehmen muss." Alfred, der den Wagen angehalten hatte, drehte sich nun ganz über die Schulter zu ihm um und sagte: „Wahrscheinlich den, den sie am besten beherrschen." Bruce hob die Brauen: „Und der wäre?" Alfred lächelte, doch nach einer Spur von Humor suchte man vergebens auf der Linie seiner schmalen Lippen. „Den des tragischen Helden." Ohne diese Äußerung zu quittieren, stieg Bruce gefolgt von seinem Freund aus. Der unterirdische Garagenkomplex war mit vielen Leucht- und Dämmplatten ausgelegt, die sämtliche Geräusche in den Höhlen von der Außenwelt isolierten. Hier unten mochten die Schritte und Stimmen hallen, aber von außen konnte man nicht einmal erahnen, dass eine unterirdische, über einen geheimen achtstelligen Code zu aktivierende Rampe in die Eingeweide von Wayne Manor führte, in denen Batman seine gesamte Ausrüstung lagerte.

„Wenn das so weitergeht, werde ich Nachtzuschlag auf meiner Gehaltsabrechnung einfordern", schallte Lucius' Stimme schon von weitem an die beiden Neuankömmlinge heran. Er trug einen legeren marineblauen Anzug und darunter ein weißes Hemd mit offenem Kragen. Auf die Förmlichkeit einer Krawatte hatte er im Angesicht der fortgeschrittenen Stunde verzichtet. „Den gibt es nur, wenn Sie mich aus dieser Backform wieder herauspressen können", stellte Bruce zur Bedingung und versuchte nur einen Finger in seinen Kragen zu schieben, was ihm misslang. Indes war Lucius etwa vier Meter vor ihm stehen geblieben und musterte seinen Chef von oben bis unten: „Wie sehen Sie denn aus?" Bruce streckte die Arme zu beiden Seiten aus und spürte, wie das Material ihn an der Bewegung zu hindern versuchte. Er legte den Kopf leicht schief und sagte: „Sagen Sie's mir." Lucius' Mundwinkel zuckten verdächtig, letztlich beschränkte er sich aber auf die eher milde Äußerung: „Sie haben ein bisschen was von einer Presswurst, Mister Wayne." Langsam überbrückte er den übrigen Abstand zu seinem Vorgesetzten und runzelte die Stirn. Das amüsierte Grinsen erstarb nach und nach auf seinen gutmütigen Zügen. „Haben Sie in Salzsäure gebadet?", fragte er und umfasste die Rüstung zaghaft. „Nein, es war nur Wasser...na gut...recht heißes Wasser." Lucius straffte seine Gestalt und legte den Kopf leicht in den Nacken: „Was habe ich Ihnen bezüglich großer Hitze gesagt?" Bruce hob rechtfertigend die Hand: „Nur, dass ich mich nicht in Schmelzöfen aufhalten soll." Der Ingenieur stieß ein leises Seufzen aus und tastete die Panzerung ab. „Das gilt auch für Explosionen. Sie müssen es nicht unbedingt darauf ankommen lassen, bei lebendigem Leib gegrillt zu werden."

Bevor Bruce irgendwelche Widerworte äußern konnte, fuhr Lucius fort: „Das Material scheint hitzeempfindlicher zu sein, als ich geglaubt habe." Bruce hob die Braue, doch abermals kam ihm Lucius mit einer Äußerung zuvor: „Verkneifen Sie's sich." Die dunklen Augen betrachteten ihn tadelnd, dann rieb er sich mit der großen Hand über das ausgeprägte Kinn. „Wie komme ich hier wieder heraus?", fragte Bruce, der im Gewand seines Alter Egos feststeckte. „Ich empfehle, dass sie den Bauch einziehen und kräftig ziehen", kam es wenig hilfreich von Lucius, der den leicht angesäuerten Blick seines Vorgesetzten mit einem frechen Lächeln quittierte, das durch die dunklen Sommersprossen auf seinen Wangen noch mehr zur Geltung kam. „Wir müssen dafür sorgen, dass sich die eingearbeitete Textilfaser wieder ausdehnt. Das könnte allerdings eine schmerzhafte Prozedur werden. Sie haben ja ordentlich was abgekriegt", er begutachtete die Splitter, die sich in den Anzug gebohrt hatten, „die müssen aber in einer Heidengeschwindigkeit auf sie zugeflogen sein, Mister Wayne. Na, wenigstens die Nano-Diamant-Faser hat ihren Dienst zumindest bei der Abwehr getan. Vielleicht sollten Sie ein Ganzkörpermodell aus dem Material in Betracht ziehen." Bruce hob die Brauen: „Damit mir alles abgeklemmt wird, wenn es ein bisschen heißer wird?" Lucius grauweiße Augenbraue zuckte mehrdeutig in die Höhe. „Sie sollen den Anzug ja nicht unbedingt bei einem Rendezvous mit einer Dame tragen, sondern im Umgang mit weniger reizvollen Zeitgenossen. Kommen Sie, wir schälen Sie aus ihren Klamotten." Er winkte Bruce heran und machte dann kehrt, um schon einmal vorzugehen. „Kann ich noch etwas für Sie tun, Sir?", wandte sich ihm Alfred zu, der reichlich erschöpft wirkte. „Kannst du bitte Gordon eine Nachricht zukommen lassen, dass Officer Treather vermutlich in der Gewalt des Jokers ist? Oder zumindest in der seiner Leute, was nicht zwangsläufig besser ist...informiere ihn über den Deal mit der Mafia und die Geschehnisse am Hafen. Er muss handeln, bevor die Situation eskalieren kann." Alfred blinzelte ihn fragend an: „Sir?" Bruce drehte sich zu ihm um und verkündete dann in einem düsteren Unterton: „Er soll mit Garcia reden. Wenn der Joker vor seiner eigenen Lieferung nicht Halt macht, gibt es gar nichts, vor dem er in irgendeiner Form Skrupel haben würde. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder zu Wort meldet. Der Bürgermeister kann dem nur entgegenwirken, wenn er den Commissioner beurlaubt und Jim Gordon wieder ins Amt zurückholt. Die Polizei und alle anderen, die für das Gute in Gotham kämpfen wollen, zerfallen immer mehr in kleine Parzellen aus Einzelkämpfern und genau das ist es, was er erreichen will. Er will uns alle allein dastehen sehen, hilflos und machtlos seinem intriganten Spiel gegenüber. Den Joker können wir nur stellen, wenn wir alle zusammenarbeiten. Andernfalls ist Gothams Schicksal besiegelt und die Stadt wird schneller in Schutt und Asche liegen, als uns lieb sein kann", erklärte sich Bruce.

Alfred, der ungern Salz in Wunden streute und auch nicht erpicht darauf war, Hoffnungen zu trüben, konnte sich dennoch die Äußerung eines kleinen Vorbehalts nicht verkneifen: „Ich bin mir nicht sicher, dass das so leicht gehen wird, Sir." Der jüngere Mann nickte, als hätte er mit einem ähnlichen Einwand vonseiten seines Freundes gerechnet. „Ich weiß, Alfred. Aber es kommt auf den Versuch an." Lucius, der die Halle fast verlassen hatte und an ihrem anderen Ende nur noch recht klein zu sehen war, rief ihm zu: „Was ist jetzt? Soll ich Sie aus Ihrer misslichen Lage befreien oder nicht?" Bruce wechselte einen Blick mit seinem ältesten und besten Freund, legte dann kurz die Hand auf dessen Schulter, obgleich dies der Splitter in seiner Schulter nicht mit Zustimmung quittierte, und machte sich dann auf, Lucius' zu folgen. Alfred sah ihm noch einige Sekunden lang nach, dann kehrte auch er um, um das zu erledigen, was ihm sein Schützling aufgetragen hatte. Selbst wenn er hoffnungslos erschien, gab es nur diesen einen Weg, dem Joker entgegenzutreten, und dieser bestand darin, seinen Prinzipien treu zu bleiben und weiterzukämpfen. Wenn nötig, bis zum bitteren Ende.

Ein beständiges Tropfen war das Einzige, das die fortwährende Stille mit aller Beharrlichkeit störte. In den höchsten Tonlagen plätscherte Wasser auf den Untergrund, der sich fast wie eine Tropfsteinhöhle anhörte. Empfänglich für täuschende Echos, gab die hohl klingende Umgebung die simple Komposition dieses banalen Geräusches in mannigfaltiger Ausgabe wieder. Jack lag noch in den Fesseln eines gefährlichen Halbschlafes, der ihn in Unsicherheit wiegte, ob ihn seine Wahrnehmung nur täuschte und er noch träumte, oder aber ob das kontinuierliche Plätschern ein Teil der Realität war. Er hatte das merkwürdige Gefühl, dass sein Kopf schwamm und sich sein Gehirn auf unangenehme Art und Weise verlagert hatte. Sein Versuch, zu schlucken, stellte sich als große Herausforderung heraus. Es war, als wäre sein Schluckreflex außer Kontrolle geraten. Sein Gehörgang fühlte sich an, als wäre er mit Watte ausgestopft, all seine Sinne schienen wie blockiert zu sein. Jack öffnete den Mund und realisierte erst dann, dass er völlig ausgetrocknet war.

Etwas, das von weit über ihm zu kommen schien, knirschte leise, nicht mehr als ein Ächzen drang zu ihm hinab, und plötzlich hatte er das schwindelige Gefühl, dass er sich drehte. Seine Arme waren ausgestreckt, aber nicht angespannt und als er merkte, dass seine halbtauben Fingerkuppen etwas Schroffes und Hartes streiften, rang er sich endlich dazu durch, die Augen zu öffnen. Ihm bot sich eine im wahrsten Sinne des Wortes verdrehte Sicht auf die Welt dar. Der milchige Schein trüben Lichts, das einer sterbenden Glühbirne entstammte, machte eine Wand aus kargen weißen, teils zerplatzten und gebrochenen Fliesen sichtbar. Die Fugen, die das Geflecht aus altersschwachen Keramikplatten zusammenhielten, waren so stark vergilbt, dass ihre Verfärbung zum Teil ins Bräunliche überging. Es hatte den Anschein, dass er entweder in einem sehr vernachlässigten Badezimmer oder aber einer gefliesten Lagerhalle untergekommen war. Irgendetwas stimmte mit Jacks Perspektive nicht. Das Abflussblech, das so stark von rotbraunem Rost verkrustet war, dass ein Schwall Wasser genügt hätte, um es auseinander fallen zu lassen, war nur wenige Zentimeter von seinem Kopf entfernt. Er kniff die grünen Augen zusammen und versuchte, sich zu konzentrieren, doch sein Blick war verschleiert und unstet, wieder und wieder rollten die Augen in seinen Höhlen und machten ihn blind für seine Umgebung. Jack wurde das merkwürdige Gefühl nicht los, sich leicht zu bewegen, nahezu zu schwingen. Nur ganz seicht und langsam, aber dennoch war das Gefühl der Bewegung vorhanden. Sein Blut pochte in seinem Kopf, nährte die Vene auf seiner Stirn in abrupten pulsierenden Impulsen. Es fühlte sich an, als würde sein Kopf immer schwerer, seine Sinne immer schwammiger werden. Er musste sich dazu zwingen, die Augen offen zu halten, begriff aber, dass es wichtig war, dass er jetzt nicht wieder wegnickte. Wieder glitten seine Finger über den rauen Untergrund und erst jetzt wurde ihm klar, woran das lag. Er hing kopfüber an einem großen Tau, das mehrfach um seine Füße gewickelt worden war. Hoch genug, sodass seine Hände nur mit Mühe den Fußboden erreichten, obwohl er ausgestreckt aufgeknüpft worden war. Für einen lähmend langen Augenblick war Jack zu benommen, um wirklich erschrocken über die Bredouille zu sein, in der er steckte.

Ein schaler Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Der Eindruck, dass die Schwerkraft seinen gesamten Körper in Disproportion brachte, verstärkte sich, als er den Kopf hängen ließ. Andererseits fehlte es ihm an Kraft, ihn zu heben und somit zu bewirken, dass das Blut wieder gleichmäßiger durch seinen Körper floss. Jack ächzte angestrengt und versuchte, zu rekapitulieren, was sich zugetragen hatte. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war die Explosion des großen Tankers, der vor Gotham City vor Anker gelegen hatte. Das Feuer loderte jetzt noch hinter seinen Lidern, wenn er die Augen schloss. Wenigstens das Pfeifen in seinen Ohren war verschwunden, wenngleich das verpfropfte Hören, das dessen Stelle eingenommen hatte, nicht wirklich angenehmer war.

Das Licht der kränkelnden Glühbirne flackerte mehrmals, ehe es sich wieder zu etwas mehr Gleichmäßigkeit durchringen konnte. Jack stöhnte und schloss die Augen. Das monotone Muster der Fliesen verschwamm vor seinen Augen, strengte seinen überlasteten Kopf an und verstärkte das Schwindelgefühl. Er spürte, wie er sich drehte und dann wieder in die ursprüngliche Haltung zurück schwang. Er war wie ein Fisch am Haken. Die Luft war kalt genug, dass er seinen eigenen Atem sehen konnte, und doch fror er nicht. Wo war er hier? In einer Kühlkammer? Aufgehängt wie ein toter Tierkadaver zum Ausbluten? Jack legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den Boden. Nein, zumindest blutete er nicht, war also unverletzt. Wozu war er dann aufgehängt worden? Damit er früher oder später qualvoll an Gehirnblutungen krepierte? Wie lange er schon kopfüber hier hing, wusste er nicht, nach dem Druck in seinem Kopf zu urteilen, musste es sich jedoch schon um einige Stunden handeln. Er keuchte erschöpft und drehte erstaunt den Kopf, als er eine bekannte Stimme unweit von sich entfernt vernahm. „Jack...? Bist du wach?", fragte Tony, aus dessen Stimme alles Protzige, proletenhaft laute verschwunden war. Der Cop versuchte sich zu drehen, konnte aber nur aus den äußersten Augenwinkeln wahrnehmen, dass Tony unweit von ihm entfernt ebenfalls an einen Fleischerhaken gebunden worden war. Sein Gesicht war überströmt von geronnenem Blut, das aus seiner Nase entwichen und über seine Wangen geflossen sein musste, als man ihn verkehrt herum aufgehängt hatte. „Patch...", raunte Jack, erschrocken darüber, wie heiser und kehlig sich seine Worte anhörten, „...hast du schon meinen Namen vergessen?" Jack drehte den Kopf, konnte aber Tony immer noch nicht richtig sehen. Er hörte ihn hinter sich husten und röcheln, ehe er heiser sagte: „Richtig...Patch...entschuldige...hab wohl zu viel an den Kopf bekommen", korrigierte er sich. Solange Jack nicht den ganzen Raum einsehen und sichergehen konnte, dass sie wirklich allein hier drinnen waren, wollte er nicht riskieren, seine Tarnung leichtsinnig aufzugeben. „Wo sind wir hier?", fragte Tony, den man kaum verstehen konnte. Es klang, als hielte er sich die Nase beim Sprechen zu. Wahrscheinlich konnte er durch die gebrochene und blutverkrustete Nase nur schlecht Luft holen, sodass sein Mund beide Funktionen übernehmen musste – sprechen und atmen. „Ich hab...keine Ahnung", entgegnete Jack angestrengt. Jedes Wort kostete ihn Kraft, die er nicht hatte. Ein steter Schmerz bohrte sich in seinen Kopf in Reaktion auf die Blutmenge, die sich in ihm angesammelt haben musste. „Das sieht hier aus wie der verdammte Kühlraum eines Fleischers." Tony schnaufte, wischte sich mit den Händen das getrocknete Blut aus dem Gesicht. Jack konnte ihn zunehmend besser sehen, als sein Kollege anfing, sich aus eigenen Kräften vor und zurückzuschwingen.

„Vielleicht...liegst du damit gar nicht so falsch", stöhnte Jack, dem die Vorstellung gar nicht gefallen wollte. Er tastete nach den Taschen seiner Jacke, stellte fest, dass deren Inhalt nicht mehr vorhanden war. Auch unter ihm auf dem nackten Boden war nichts davon zu sehen. Jack konnte sich glücklich schätzen, dass er klug genug gewesen war, jegliche Hinweise auf seine wahre Identität zu entfernen, auch wenn es ihm schwergefallen war, das kleine Foto von Samantha sowie seinen Verlobungsring abzulegen; es diente letztlich nur ihrer eigenen Sicherheit.

„Was für eine Scheiße hat sich da nur abgespielt? Warum ist der verdammte Tanker hochgegangen?", fragte Tony, der durch sein eigens initiiertes Pendeln nicht das erreicht zu haben schien, was er angestrebt hatte. Der Schwung, den er angesammelt hatte, genügte nicht, um seine Fesseln zu lockern oder es ihm zu ermöglichen, mit den Händen zu ihnen hinaufzulangen. „Frag mich was, was ich auch beantworten kann!", seufzte Jack, dem das unfreiwillige Schaukeln Schmerzen bereitete. Wahrscheinlich war das einer der Gründe gewesen, weswegen auch Tony davon abgelassen hatte. „Oh, vielleicht kann ich euch in dieser Hinsicht...äh...erleuchten", ertönte eine beunruhigend tiefe, gleichzeitig schnarrende Stimme, die Jack schon einmal gehört hatte, nur konnte er sie nicht auf Anhieb einordnen. Vielleicht verhinderte auch sein Unterbewusstsein, dass er die unheilvolle Assoziation sofort herstellte. Die Stimme hallte ähnlich wie das Tröpfeln des Wassers mehrfach an den hohen Wänden wieder. Das Klappern vieler Schritte kündigte an, dass sich ihm mehrere Personen näherten, die er nicht sehen konnte.

Er hört einen dumpfen Schlag hinter sich und Tony kurz darauf aufschreien. Hilflos versuchte Jack den Kopf zu drehen, aber man hatte ihn bewusst so aufgehängt, dass nur sein Rücken seinem Kollegen zugewandt war. Das Hallen schwerer Schritte näherte sich ihm im bedrohlichen Akkord. Die Ungewissheit darüber, was hinter ihm lauerte, ließ ihn nervös werden. Selten hatte er sich derart ausgeliefert gefühlt. „Wer ist da?", fragte er heiser und sah, wie sich hinter ihm ein großer Schatten auf die hellen Fliesen ergoss. „Der Sandmann", stellte sich die schnarrende Stimme in dunklem Singsang vor, „der dir deinen schlimmsten Alptraum bringt." Jack stöhnte gequält auf, als ihm hinterrücks ein Hieb gegen die Nieren versetzt wurde und sich der brennende Schmerz wie Lauffeuer in seinen Muskelsträngen fortpflanzte. Er kniff die Augen fest zusammen, hielt mit aller Macht einen ohnmächtigen Schrei zurück und spürte, wie er gepackt und gedreht wurde. Jack blinzelte und erblickte vor sich zwei braune, abgetragene Lederschuhe, aus denen bunte Socken entwuchsen, die zum Großteil vom lilafarbenen Stoff einer Anzughose bedeckt wurden. Er hatte längst begriffen, mit wem er es hier zu tun hatte, und doch genügte nur der eigentümliche Anblick dieser knallbunten Socken, um kalte Angst durch seine Venen fließen zu lassen. Er hatte die Übertragung gesehen, die gezeigt hatte, wie der Joker zwei Polizisten aufgeschlitzt hatte. An diesem Clown war wahrlich nichts Lustiges und wenn er sagte, er brachte Jack seinen schlimmsten Alptraum, dann musste der junge Mann davon ausgehen, dass er es auch so meinte. „Na, in der Zwischenzeit gut abgehangen?", fragte die dunkle Stimme so sanft wie Samt und klopfte gegen die Stelle, die er zuvor geschlagen hatte. Jack stöhnte leidvoll und legte dann endlich das Kinn an die Brust, um zu ihm aufzusehen.

In Wirklichkeit war der Joker noch viel furchteinflößender als auf Kameraaufnahmen. Das Ausmaß seines Irrsinns, seines unaufhaltsamen Wahnsinns, kam durch seine körperliche Präsenz viel intensiver zum Ausdruck. Obwohl er nicht von sonderlich kräftiger Statur war, war er doch groß und wirkte nicht zuletzt durch seine grimmige Kriegsbemalung erschreckend. Seine Kleidung mochte bunt und fröhlich erscheinen, doch sie unterstrich in Wahrheit nur seinen anarchistischen Geist, das psychotische Chaos, das in ihm steckte und von seiner grotesken und übertriebenen Schminke nach außen hin repräsentiert wurde. Aus dunklen Augen glotzte er zu ihm hinab, und selbst wenn er keine pechschwarzen Schlieren um die braunen Augen herum getragen hätte, hätte sein Blick düster, gefährlich und emotionslos gewirkt. Aus Jacks Perspektive wirkte sein schrecklich zugerichtetes Grinsen noch absurder, noch verdrehter. Es ging das Gerücht um, dass er sich selbst so zugerichtet haben sollte, doch was wirklich daran dran war, wusste Jack nicht. Wer so verrückt war, sich selbst derartig im Gesicht zu verstümmeln, konnte nicht mehr ganz richtig im Kopf sein, und gerade das machte ihn unberechenbar und gefährlich. Wenn er nicht einmal vor sich selbst Halt machte und seinem Leben mit so einer Willkür begegnete, konnte man wohl kaum damit rechnen, dass er diese Gnade für andere übrig hatte. Nicht er. Nicht der Joker. „Was ist? Mach ich dich sprachlos? Oder...", der Joker beugte sich zu ihm hinab und stützte die behandschuhten Hände auf den schmalen Oberschenkeln ab. Seinen Kopf hielt er leicht schräg, sodass das krause, schmutzig-blonde Haar in sein übertrieben geschminktes Gesicht zu fallen drohte. „...oder ist dir deine Neugierde zu Kopf gestiegen, hm?"

Er verpasste Jack einen Schlag gegen die Brust, stupste ihn danach immer wieder mit der stumpfen Kante seines Messers an, stach ihn damit zwar nicht, aber fügte ihm dennoch unangenehme Schmerzen zu, die der Cop mit einem atemlosen Schnaufen quittierte. Der Joker gluckste amüsiert, nahezu hysterisch, lauter und wirrer mit jedem Hieb, den er seinem wehrlosen Opfer verpasste. Gerade als Jack glaubte, er hätte sich in regelrechte Ekstase hochgeschaukelt und würde erst mit den Schlägen aufhören, wenn er tot war, ließ der Joker von ihm ab und packte Jack bei der Gurgel, riss ihn somit zu sich hinauf, sodass sein Oberkörper fast in der Waagerechten befindlich war. Jetzt konnte Jack auch Tony sehen, dem es nicht viel besser erging. Zwei nur behelfsmäßig maskierte Handlanger des Jokers piesackten ihn mit Schlagstöcken, fügten ihm aber keine schwerwiegenderen Verletzungen zu. Anscheinend wagten sie es nicht, die Beute des Jokers ohne explizite Anweisungen seinerseits zu beschädigen.

„Hey, sieh mich an!", bellte er auf ihn hinab und sein Speichel sprühte Jack ins Gesicht wie das Gift einer Kobra. Es kostete ihn gehörige Überwindung, nicht zu blinzeln oder vor Ekel zusammenzuzucken. Wahrscheinlich verhinderte das auch der feste Griff des Jokers in seinem Genick, der sich wie eine Schraubzwinge in seine empfindsame, von vielen Nervensträngen durchzogene Haut bohrte und ihn lähmte. Jack begegnete dem Blick des Jokers und versuchte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. „Wer...wer bist du?", seine Zunge schnellte über die einzige klaffende Wunde, die sein Mund war, und zog sich dann in einem schmatzenden Misston in die Abgründe seines Schlundes zurück. „Patch", keuchte Jack angestrengt, weil er das Gefühl hatte, die Adern an seinem Kopf würden ins Unermessliche anschwellen und in jedem Moment platzen, in dem er sich zu sehr anstrengte, „Patch Stacy." Die Finger des Jokers gruben sich tiefer in sein Fleisch, während sich sein Mund zu einer undeutbaren Grimasse verzog. „Ist das dein richtiger Name?" Seine Stimme vibrierte auf merkwürdige Art und Weise und war gleichzeitig verzerrt. Es war, als spräche er in wilder Rage, die seine Stimme zum Beben und Zittern brachte, aber sein Grinsen und das amüsierte Funkeln in seinen tiefbraunen Augen widerlegten die These, dass er wütend war.

„Ja", Jack hoffte, dass der Joker keine Notiz von dem kurzen, nur Millisekunden andauernden Zögern genommen hatte, das seiner Antwort vorausgegangen war. „Guuut...Patch...ich darf dich doch Patch nennen, oder?", fragte der Joker beiläufig und tätschelte Jacks Wange, wobei der doch recht grobe Treffer mit seinem Handrücken nicht mehr unbedingt als Tätscheln durchgehen konnte. „Klar", brachte Jack so locker es ging über die Lippen. Das Gesicht des Jokers verdeckte das unruhige Flackern der Glühbirne, nur an den Konturen seiner Fratze schimmerte eine schwache Korona gelben Lichts. „Fein, Patch." Er zog die zerschnittene Unterlippe ein und taxierte den hilflos an einem dicken Tau hängenden Mann mit den gierigen Augen eines Räubers. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass du und dein kleiner fetter Freund hier...interessiert an Geschäften mit mir seid." Er zischte ihn giftig an und schüttelte sich dann kaum merklich, während es so aussah, als kaute er auf seiner Unterlippe herum. „Wir...", begann Jack und atmete gepresste aus. Seine Füße wurden schon taub. „Wir sind einzig daran interessiert, unseren Soll zu erfüllen...wir...haben Kunden...", er stockte, konnte kaum tief genug einatmen. „Ah, ah, ah", fiel ihm der Jokers ins Wort und presste das kalte Leder, in das seine Hand gehüllt war, mit dem Zeigefinger auf Jacks Mund, „iiiiihr...habt keine Kunden", korrigierte er und sagte nachdrücklich, „ich habe Kunden. Jeder, der an Waffen interessiert ist, gehört zwangsläufig zu meinem Klientel. Soll ich dir was anvertrauen, Patch? So ganz unter...Waffenliebhabern, die wir beide offensichtlich sind, hm?"

Wieder zückte er das Messer, stützte Jacks Genick nur noch mit einer Hand und ließ die Klinge diesmal mit der Schneide über seine glatten Wangen fahren, zwar mit Druck, aber nicht hart genug, dass sie sonderlich tief einschneiden konnte. Der Joker verdrehte für einen Moment die Augen, starrte an einen fernen, für Jack nicht ersichtlichen Punkt des Raumes und fuhr dann mit langsamen, bedachten Worten fort: „Ich bin kein Freund des Unterhandels", schnalzend schnellte die Zunge über seine Lefzen, ehe er die gelben Zähne wie die eines hungrigen Raubtiers fletschte und Jack dabei genau musterte. „Das heißt, dass ich nicht gewillt bin, meine geschätzte Ware an ein Pack wie euch zu verkaufen, nur damit ihr daraus Profit schlagen könnt." Er artikulierte jeden Konsonanten mit kalter Akribie.

„Deine Ware...", gab Jack angestrengt zur Antwort, „...ist gestern in Flammen aufgegangen. Selbst du kannst jetzt nichts mehr damit anfangen."

Der Joker fuhr mit der Zunge, die der lebendigste Muskel in seinem ganzen Körper sein musste, über seine obere Zahnreihe, ehe er sie wieder einrollte und ohne Vorwarnung gänzlich von Jack abließ. Dieser sank wie ein schwerfälliges Pendel kopfüber ausgestreckt in die Haltung zurück, in der er aufgewacht war. Seine Halswirbel stauchten spürbar zusammen, als er jeglichen Halt verlor und abrupt nach unten sackte. Jack stöhnte gequält und wurde das Gefühl nicht los, dass sein Kopf in jedem Moment explodieren musste. „Was du nicht sagst?", entwich es dem Joker in einem Tonfall, der von Überraschung sprach, jedoch konnte sich Jack nicht sicher sein, ob er diese nur spielte. „Es ist bestimmt nur ein Zufall, dass meine Ware in die Luft geht, während ihr anwesend seid, weil ihr euren Anteil abhaben wollt, was?", der Joker machte sich einen Spaß daraus, Jack wie einen Schraubenzieher zu drehen, bis das Tau so verwickelt war, dass es nur noch in die andere Richtung beweglich war. Jack biss sich auf die Zähne und ächzte: „Ich...schwöre...wir haben...wir haben mit der Explosion nichts zu tun!"

Der Joker ließ von seinen Füßen ab und sorgte somit dafür, dass sich das Tau, an dem Jack hing, in brutalen und schnellen Drehungen in seine ursprüngliche Haltung zurückbewegte. Ein dumpfes Knirschen in seiner Wirbelsäule vermittelte ihm, dass seine Knochen dieses Spiel nicht länger wohlwollend mitmachen konnten. „Oh, natürlich nicht. Wie komme ich nur darauf?", sinnierte der Joker spöttisch und umkreiste Jack mit schnellen Schritten, was dessen Schwindelgefühl ins Unerträgliche steigerte. „Ich...ich will dir mal was sagen, Patch", er spie seinen Namen mit aller Abfälligkeit aus, zu der er fähig zu sein schien, „von einem Geschäftsmann zum anderen...man wildert nicht im Territorium des anderen. Und erstrecht nicht in meinem Territorium." Er blieb stehen, sodass Jack Ausblick auf die schlanken Beines Jokers hatte. Er sah, wie er in seiner Hosentasche nach etwas kramte und als er es zu fassen bekam, hockte er sich vor Jack hin, sodass sie fast auf Augenhöhe waren. „Ich kontrolliere den Waffenhandel in Gotham", er hielt den Gegenstand, den er gesucht hatte, unter seinem Mantel verborgen, aber dem jungen Cop schwante, dass es nichts Gutes zu bedeuten hatte, „und ich dulde niemanden, der mir Konkurrenz machen will. Erstrecht niemanden, der sich so einfältig anstellt wie du und...das fette Schwein da", er deutete mit dem Zeigefinger auf Tony, so als wäre detaillierter Erklärungsbedarf für seine unfeine Bezeichnung vonnöten. Mit einem unappetitlichen Schmatzen huschte seine Zunge hin und her, ehe er fortfuhr: „Ich habe jetzt das Sagen über die kleinen schmierigen Machenschaften in Gotham. Die einzige Möglichkeit, die euch noch bleibt, wäre, für mich zu arbeiten. Aber unter meinen Bedingungen", sagte er mit tiefer, bedrohlicher Stimme. Jack hustete, hatte sich am eigenen Speichel verschluckt, was der Joker mit einem angewiderten Stirnrunzeln kommentierte, ehe er sich erhob.

Ohne jede Vorwarnung löste er das Tau, an dem Jack hing, sodass dieser recht unsanft mit dem gefliesten Boden Bekanntschaft machte. Er hatte sich noch rechtzeitig mit der Schulter abrollen können und somit verhindern können, sich ernsthafter am Kopf zu verletzen. Ächzend und keuchend blieb er einige Momente am Boden liegen, atmete den fahlen Geruch von Dreck und Schimmel ein, der von den schmutzigen Bodenplatten Besitz ergriffen hatte. Die Welt um ihn herum hatte eine unwirkliche, rötliche Färbung angenommen und drehte sich ohne Unterlass wie ein aufgezogenes Spielzeug, ein grausiges Perpetuum Mobile. Wenigstens spürte er, wie das Blut nach und nach in seinen Körper zurückwich und den Druck in seinem Kopf minderte. Seine Füße, in die das Gefühl nach und nach zurückkehrte, waren eiskalt und schwer. Neben ihm wurde auch Tony von seinem Strick gelassen und wurde mit einem plumpen Klatschen von dem harten Untergrund willkommen geheißen. Er hatte nicht schnell genug reagiert und war mit dem Gesicht voran aufgeprallt, schrie nun den Schmerz hinaus, der in seiner geschundenen Nase explodieren musste, und wand sich auf dem Boden wie ein getretener Hund. „Bevor aber jemand die Möglichkeit hat, in mein Team einzutreten, muss er sich als würdig genug erweisen. Ihr...ihr müsst wissen, ich arbeite nicht gern mit Amateuren zusammen."

Jack drehte sich leicht, spürte, wie sich ein brennendes Prickeln in seinen Muskeln ausbreitete, als diese nach und nach wieder besser durchblutet und beweglicher wurden. Er schaute zu dem Joker auf, der in seinen Manteltaschen herumkramte, ehe er schließlich aus der linken eine Schere und aus der rechten einen Suppenlöffel herauszog. Er betrachte beide Gegenstände abwechselnd und schürzte die Lippen zu einem fast komischen Schmollmund. Tony hörte endlich auf zu schreien und drehte sich. Frisches Blut troff aus seiner lädierten Nase und führte mit neuen Pinselstrichen das zweifelhafte Kunstwerk seiner Vorgänger fort. „Wir...sind keine...Amateure", hustete er röchelnd und wälzte sich mit der Trägheit eines gestrandeten Wals auf die Seite, japste mit dem offenen Mund schwerfällig nach Luft. „Oh, daran zweifle ich nicht. Nein, nein, nein, kein bisschen zweifle ich daran", er ließ sowohl die Schere als auch den Löffel zwischen Jack und Tony fallen, dann drehte er sich auf den Absätzen seiner Halbschuhe, was ein ersticktes Schlurfen auf dem glatten Untergrund erzeugte. Dann verschmierte seine Zunge ein weiteres Mal die dichte rote Schminke auf seinem verzerrten Mund und schien die Farbe zu verkosten. „Aber ich will es auch sehen", fügte er nach bedeutungsvoller Pause hinzu und deutete dann mit beiden Händen auf die Gegenstände, die er ihnen vor die Füße geworfen hatte. „Ich habe derzeit nur eine freie Stelle zu vergeben und die...nun...wird dem gehören, der von euch beiden mehr am Leben hängt..." Er gluckste ob seines Wortwitzes und nickte den beiden zu: „Ihr solltet euch beeilen. Derjenige von euch, der sich die Schere greifen kann, liegt eindeutig im Vorteil."

Mit diesen Worten vollführte er eine elegante Drehung und schnippte mit dem Finger, während er seinen Handlangern zuraunte: „Ihr geht nicht eher, bis nicht einer von beiden tot ist. Wenn sie sich weigern...", er blieb stehen und warf einen kalten Schulterblick auf Jack und seinen Kollegen zurück, „kümmert ihr euch darum." Unterwürfig nickten die beiden maskierten Clowns und zückten sogleich die Waffen, um den beiden zu verdeutlichen, dass sie nicht gedachten, sich den Anweisungen von ihrem Boss zu widersetzen. Jack starrte benommen zu den beiden hoch. Er sollte sich als geeignet erweisen, für den Joker zu arbeiten, indem er Tony umbrachte? Wie geisteskrank war dieser Freak eigentlich? Und für wie skrupellos hielt er die beiden, dass er wirklich glaubte, sie würden in einem Fechtduell bestehend aus Schere und Löffel gegeneinander antreten, um ihre eigene Haut zu retten? Während Jack noch diesen entsetzten Gedanken nachhing, hörte er ein klapperndes Geräusch unweit von ihm entfernt. Als er den Kopf drehte, konnte er gerade noch rechtzeitig einen Blick auf Tony erhaschen, der mit der blutverschmierten Hand nach der Schere gegriffen hatte und damit auf ihn losstürzte. Binnen weniger Sekunden rollte sich Jack zur Seite, entging damit dem Schicksal, durch den gezielten Stich mit einem Scherenmesser sein Augenlicht einzubüßen, und bekam blindlings den Löffel zu fassen.

Der Versuch, aufzustehen, scheiterte. Seine Füße knickten unter ihm weg, so als wären sie noch nie mit der Aufgabe betraut worden, sein Körpergewicht zu tragen. Dieses Manko rächte sich sogleich an ihm. Tony, der Jacks Bedenken in keiner Weise geteilt zu haben schien, stürzte nach vorn und rammte Jack das Scherenmesser in den rechten Knöchel. Jack schrie aus Leibeskräften, spürte, wie die Klinge gegen sein Gelenk stieß, daran abrutschte und sich durch das dünne, fragile Gewebe bestehend aus Bändern und Fleisch bohrte. Hätte Jack nicht ohnehin bereits am Boden gelegen, hätte ihn dieser gewaltsame Stoß von den Füßen gerissen. Er blockte mehr aus Reflex als aus Voraussicht einen weiteren Angriff vonseiten Tonys ab und versetzte ihm mit dem gesunden Fuß einen Tritt in den Magen, der ihn stöhnend zurücksinken ließ. „Was soll das? Hast du den Verstand verloren?", herrschte Jack ihn an und zerrte den schrecklich zugerichteten Fuß hinter sich her. Er stöhnte vor Ekel und Entsetzen, als das makellose Weiß seines Knochens aus dem Brei aus Blut und angeschnittenen Sehnen zum Vorschein kam, und musste den Blick abwenden. Tony, dessen Gesicht eine Maske aus geronnenem kupferfarbenem und frischem scharlachrotem Blut war, sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an, deren gallertartiges Weiß im scharfen Kontrast zu seinem unnatürlich verfärbten Gesicht stand. „Du hast ihn gehört...Patch...er lässt uns beide töten, wenn sich einer von uns beiden nicht gegen den anderen behaupten will. Und ich hab keine Lust, zu sterben!" Damit ging Tony ein weiteres Mal auf Jack los, der abermals die scharfen Schneiden der Schere zu spüren bekam, die ihn diesmal jedoch nur streifte. Dennoch erwies sie sich als scharf genug, um die Jacke und das Shirt aufzuschlitzen, das er am Leib trug. Wiederholt fuchtelte Tony mit seiner zur Waffe umfunktionierten Schere vor seinem jüngeren und unerfahreneren Kollegen herum, der gar keine Anstalten machte, sich zur Wehr zu setzen. Zu geschockt war er darüber, dass Tony ohne Weiteres auf ihn losging, ohne ähnliche Skrupel zu hegen wie er. Seine Hemmschwelle hatte er erstaunlich schnell überwunden, was in Anbetracht der Schwere des Delikts besonders schockierend war. Er beabsichtigte wirklich, Jack zu töten, um seine eigene Haut zu retten. Oder bluffte er vielleicht nur? Jacks aufgeschlitzter Fuß legte ein lautstarkes und schmerzhaftes Veto gegen diese Vermutung ein und hatte auch sehr schlagkräftige Argumente vorzuweisen. Jede Bewegung, die er damit auszuführen versuchte, wurde von einem stechenden Brennen begleitet, und dass er dabei zuschauen konnte, wie sich seine angerissene Sehne zuckend bewegte und das Blut verdrängte, in dem sie schwamm, war nicht besonders zuträglich dafür, dass ihn die Bluff-Theorie überzeugte.

Jack wollte etwas sagen, wollte sich wehren, doch er war gelähmt vor Entsetzen darüber, wie schnell ein Mensch seine Prinzipien verraten konnte, wenn es darum ging, den eigenen Hals zu retten. War er naiv und schwach, weil er sich nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, bewusst einem anderen Menschen Leid zuzufügen oder ihm sogar das Leben zu nehmen? Musste er deswegen jetzt den Kürzeren ziehen und sterben? Nur, weil er ein guter, tugendhafter Mensch war? Vielleicht war das die Quintessenz dieser Aktion; die Lehre, dass man, wenn man gut war, zum Scheitern verdammt war und nur dann in dieser Welt bestehen konnte, wenn man sich von keinen Moralvorstellungen in seinem Handeln einschränken ließ. Tony kämpfte sich auf die Füße zurück, im Gegensatz zu Jack war er auch dazu in der Lage. Die Clowns zogen einen weiteren Kreis um die beiden und hielten ihre Waffen auf Anschlag, nur für den Fall, dass der blutüberströmte Cop auf die Idee kommen sollte, auf sie mit der Schere loszugehen. Doch das schien er gar nicht zu beabsichtigen. Seine Augen glühten schier wahnsinnig, als er nach vorn stürzte. Hätte sich Jack nicht rechtzeitig zur Seite weggedreht, hätte die Schere seinen Kehlkopf aufgespießt. So aber büßte er nur ein paar kurze, lockige Haare ein. Er profitierte davon, dass die Schere sich tief in den Zwischenraum zweier poröser Fliesen gebohrt hatte und darin feststeckte, andernfalls hätte er einem weiteren Zweitschlag nicht ausweichen können. So aber blieben ihm zehn Sekunden, die ihm womöglich das Leben retteten. Jack rempelte ihn heftig an, sodass Tony den Halt an seinem Werkzeug verlor und zur Seite fiel. Unter normalen Umständen wäre er nicht so leicht zusammengebrochen, doch der präzise Schlag auf seine Nase, die das Epizentrum seiner Pein darstellte, hatte Tony in die Knie gezwungen. Jack versuchte, die Schere aus dem Boden zu ziehen, musste aber noch schneller auf einen weiteren blindwütigen Angriff vonseiten Tonys reagieren. Diesmal nutzte dieser Jacks im wahrsten Sinne des Wortes wunden Punkt zu seinem Vorteil aus, trat ihm schmerzhaft gegen den aufgerissenen Knöchel und ließ zwei rote Sonnen hinter dessen Augen explodieren. Jack realisierte erst nach einigen Sekunden, in denen seine Stimme vor lauter Heiserkeit schwand, dass er geschrien hatte, und dass Tony auf bestem Wege war, seine verteufelte Waffe aus der vorübergehenden Klemme zu befreien.

Benommen starrte er auf den Löffel, der neben seinem linken Knie lag und tastete danach. Der Schmerz, der seinem lädierten Sprunggelenk entsprang, übertünchte alle anderen Empfindungen in ihm, pulsierte schwer in seinem Kopf wie der Genuss von zu viel rotem, schwerem Wein. Das kühle Metall des Löffelgriffs in seiner Hand wurde von seinem Gehirn gar nicht richtig registriert, vielmehr fühlte es sich wie ein selbstverständlicher Teil seines Körpers an. Seine Umgebung schien plötzlich in die Zähigkeit und Trägheit einer Zeitlupe getaucht worden zu sein. Obwohl sich alles nur in wenigen Sekunden abspielte, nahm Jack jeden Atemzug, jedes Detail mit minutiöser Aufmerksamkeit wahr. Während alle anderen seiner Sinne zu versagen schienen, schien sich sein Sehsinn enorm zu verschärfen. Er hörte nichts durch seine wie mit Watte gefüllten Ohren, schmeckte nichts außer den blechernen Geschmack des Adrenalins, das jede Parzelle seines Körpers auszufüllen schien, fühlte nichts außer dem immerwährenden Schmerz, der den Eindruck erweckte, seine Adern seien mit rostigem Stacheldraht ersetzt worden. Seine grünen Augen ruhten wachsam auf der abgerundeten, stumpfen Kante des Löffels, an der sich das fragile Licht der Glühbirne brach und einen weiß-gelblichen Fokus auf die abgeschrägte Fläche legte. Ein stumpfer Löffel gegen zwei scharfe Scherenmesser. Wie pervers.

Jack hob den Kopf, nahm nur halb wahr, wie eine Schweißperle von seiner Nasenspitze tropfte und an der schmalen Kuhle seiner Oberlippe landete. Eine Schere mochte effektiver sein, aber ein Löffel fügte bedeutend schlimmere Schmerzen zu. Jack hatte nur eine Wahl und nicht viel Zeit, eine Entscheidung zu fällen. Entweder gab er sein Leben und starb als guter, ehrbarer Mensch, der sich sein Leben lang nichts vorzuwerfen hatte, ließ somit seine junge Familie im Stich, indem er einen namenlosen Tod starb, oder aber er kämpfte um sein Leben, kämpfte für seine Daseinsberechtigung als werdender Vater, kämpfte für seine noch junge Familie, und nahm dabei in Kauf, gegen das Gesetz zu verstoßen, dem er sich als Polizist verschrieben hatte und das er zu beschützen versuchte. Es war eine Entscheidung, die ethische Diskussionen im Umfang mehrerer Tage, wenn nicht gar Wochen vom Zaun gebrochen hätte, doch Jack blieben dafür nur wenige Millisekunden, die er noch nicht einmal bewusst wahrnahm. Ein eigenes Opfer bringen, das niemand würdigen würde? Oder jemand anderen opfern, um durch das eigene Leben das Wohlergehen vieler anderer Menschen zu sichern, vielleicht etwas zu bewirken? Die imaginär geworfene Münze fiel hoch in die Luft, wirbelte herum, wieder und wieder in passioniertem Schwindel, bis sie plump auf dem Boden aufschlug und sich dem Gewicht ihrer schwereren Seite beugte. Just im selben Moment, in dem Tony die Schere aus der Fuge reißen konnte, drehte sich Jack mit aller Kraft auf seinen Kollegen, riss ihn auf seinen Rücken, was das Gelenk seiner rechten Schulter erschreckend laut knirschen ließ, als es aus der Pfanne sprang. Tony schrie mehr vor Überraschung als vor Angst auf, seine Finger verloren den Halt um den Griff der Schere. Sie fiel mit einem leisen Klirren auf den glatten Boden, doch keiner nahm wirklich Notiz von dem hellen Klang. Jack holte aus, konzentrierte all seine Kraft auf seine rechte Faust und ließ diese niedersausen. Tonys Versuch von einem Schrei wurde noch im Keim erstickt, entwich nur noch als ein schwaches, kratziges Röcheln und zwar nicht aus seinem Mund, sondern aus der blutigen Kerbe, die Jack mit dem Löffel in Tonys Kehle geschlagen hatte. Die Augen seines ehemaligen Kollegen und kürzlich so erbitterten Widersachers wirkten gläsern, als sie sich weiteten und das substanzlose Krächzen erneut ertönte. Er rang verzweifelt nach Luft und Jack wusste, dass er die Luftröhre des Mannes nicht perforiert, nur heftig zerdrückt hatte und dies die ganze Angelegenheit noch grausamer machte, als je in seinem Sinne gewesen sein konnte. Jack hatte keine Ahnung vom Töten, hatte im Laufe seiner noch jungen Karriere noch nicht einmal einen Schuss auf einen Menschen abfeuern müssen, und jetzt hing sein Leben davon ab, ein anderes zu zerstören. Er starrte in Tonys Augen, die in wachsender Agonie zu ihm hinaufblickten, das Braun umgab die geweiteten Pupillen nur noch wie eine schmale Korona, ein dünnes Band aus Farbe in einer schwarzweiß werdenden Welt. Tonys Röcheln wurde lauter und er versuchte mit beiden Armen um sich zu schlagen, was ein skurriler Anblick wegen seiner ausgekugelten Schulter war. Es war, als zuckten die Glieder einer deformierten Puppe unter der Regie ihres Herrn, der selbst den Verstand verloren hatte.

Er schlug Jack gegen den Oberarm, erst fest und kraftvoll, dann, je mehr seine Kräfte schwanden, schwächer und schwächer. Der junge Officer biss die Zähne fest aufeinander, sodass das Stöhnen des Ekels und des Entsetzens über das eigene Tun durch eine natürliche Barriere zurückgehalten wurde. Er schloss die Augen, konnte Tony bei seinem Todeskampf nicht ansehen. Heiße Tränen quollen unter seinen geschlossenen Lidern auf und brannten schwelend in ihrem Schutz. Konnte er sein Handeln wirklich rechtfertigen, indem er sagte, dass er es aus Selbstschutz getan hatte? War ein Menschenleben mehr wert als das andere, nur weil er bald eine Familie zu ernähren haben würde? Würde er Samantha je wieder in die Augen sehen können, ohne stille Anklagen in ihren anmutigen Zügen herauszulesen? Und wäre er dann überhaupt in der Lage, das eigene Spiegelbild zu betrachten, aus dem so viel Schimpf und Schande sprach? Jacks Gewissen meldete sich zu spät zu Wort. Als er die Augen öffnete, die nur eine tränenverschleierte Aussicht boten, beschränkten sich Tonys Abwehrversuche auf ein kaum merkliches Zucken seiner Muskeln. Die Hand, die auf Jacks Arm gelegen hatte, sank plump zu Boden, die Finger gekrümmt wie die Klauen eines Raubvogels. Der junge Cop schluchzte und konnte doch noch nicht den Löffel aus der aufgerissenen Quetschwunde ziehen, starrte wie gebannt auf Tonys reglosen Körper und die hässliche Wunde, die er ihm zugefügt hatte.

Der Brandherd, der sein eigener Fuß war, schwelte in unterschwelliger Glut, war jedoch nicht mächtig genug, um Jacks heftiges Schuldgefühl zu überdecken. In Tonys Augen waren aufgrund des enormen und plötzlichen Sauerstoffmangels feine Äderchen geplatzt, die sich einem Urwald aus feinen roten Verästelungen gleich auf seinem Augapfel ausbreiteten wie ein gefährlicher Parasit. Seine schändlich zugerichtete Nase thronte über einem See aus Blut, der einen Wasserfall bildete, der sich in seinen halb geöffneten Mund ergoss. Jack rang nach Atem, fühlte, wie eine Ohnmacht über ihn hereinzubrechen drohte, die er mit aller Macht abzuwenden gedachte. „Oh Gott...", flüsterte er, „...oh Gott, was hab ich getan?", seine Stimme verlor sich in einer übermächtigen Woge aus tiefen Schluchzern. „Gott ist nicht hier, Kumpel", hatte einer der Clowns ohne großes Mitleid für ihn übrig. Jack ließ den Löffel los, um dessen grazilen Griff sich seine Finger geballt und gekrampft hatten. Seine Gelenke pochten schmerzhaft, aber es schien nichtig zu sein in Anbetracht dessen, was er getan hatte. Mit Abscheu und wachsender Übelkeit sah er, dass das Besteckteil in der Wunde stecken blieb, sich nur leicht um einige Grad absenkte und aus der malträtierten Kehle herausragte wie ein makaberer Fingerzeig, der auf Jack gerichtet war. Jack, den Mörder. Er sank langsam zurück und landete unsanft auf seinem Hinterteil. Der Fuß, den er von sich gestreckt hatte, blutete ausgiebig aus der klaffenden Wunde, die die Schere gerissen hatte. Das längst nicht mehr glanzvolle Weiß der Fliesen vermengte sich mit üppigem Rot und bildete formlose Muster auf dem glatten Untergrund. Weiß war befleckt worden. Seine Unschuld war befleckt worden, und das durch seine eigene Hand. Das Farbenspiel, das sich ihm darbot, ähnelte einer absurden Nachbildung des Gesichts des Jokers, und sosehr er es auch wollte, es gelang ihm nicht, den Blick abzuwenden. Währen einer der Clowns auf ihn zuschritt und die Mündung der Waffe auf ihn richtete, drehte der andere den Leichnam des zweiten Gefangenen zur Seite, um zu überprüfen, ob er auch wirklich tot war. Jack schaute gleichgültig zu dem maskierten Mann auf, der ihn mit seiner Schusswaffe in Schach zu halten versuchte. Es war ihm gleich, ob er ihn erschoss oder nicht. Sein eigenes Recht auf Leben, das stets anständig und tugendhaft gewesen war, hatte er mit dieser brutalen Tat verwirkt. „Er ist tot", bestätigte der Clown mit der rauen Stimme, die Jack an ein Reibeisen erinnerte, das, was er längst wusste. „Glück gehabt, Kumpel. Und das mit nem verdammten Löffel. Das wird dem Boss gefallen", plapperte der Typ, der ihm die Waffe an den Kopf hielt. Jack wollte ihn noch darauf hinweisen, dass er keineswegs sein Kumpel war, aber der Impuls, zu sprechen, war nicht stark genug. Unter Schock sah er dabei zu, wie sich sein eigenes Blut in den Fugen sammelte und diese nachzeichnete wie ein Schwall Wasser, der dem richtungsweisenden Flussbett folgte.

„Was sollen wir mit dem Toten machen?", fragte der Clown, der Jack näher war und eine schwarze, abgetragene Lederjacke anhatte, die ihm zwei Nummern zu klein zu sein schien. Obwohl er Handschuhe trug, konnten diese nicht die kreuzförmige Tätowierung verbergen, die sich um sein Handgelenk schlang, das wiederum von den viel zu kurzen Ärmeln der Jacke entblößt wurde. Der Anblick brannte sich fest in Jacks Gedächtnis ein. Sollte er jemals lebend aus dieser Sache herauskommen, so schwor er sich, wenigstens diesen Mistkerl von einem Handlanger zu stellen. „Keine Ahnung. Glaube kaum, dass den jemand vermissen wird. Ich denke, der Kanal wird den Job für uns übernehmen", meinte der andere, worauf der Tätowierte einwandte: „Da wird er aber ziemlich schnell gefunden werden. Die Bullen haben ein Auge auf die Wasserwege, seit der Boss die beiden Lockvögel am Staudamm ertränkt hat." Der andere Clown packte Tony beim blonden Haarschopf und drehte dessen Kopf routiniert zur Seite. „Verbrennen ist dann wohl der sicherste Weg", meinte er achselzuckend und Jack konnte kaum fassen, wie man in einem so gelassenen und unbeeindruckten Tonfall über die Entsorgung einer Leiche philosophieren konnte. Die Abgebrühtheit der Ganoven traf ihn hart, wenn auch nicht so heftig wie Tonys Bereitwilligkeit, ihm das Leben zu nehmen. Er hatte ihn vor der verdammten Mafia gerettet, hatte sich schützend zwischen ihn und Luca gestellt, der, um nervös sein Territorium zu markieren, ganz erpicht darauf gewesen war, ihn umzulegen. Wie nur hatte er sich dann nur so leichtfertig und skrupellos gegen ihn wenden können? Es wollte Jack nicht in den Kopf gehen.

„Hey, du da...", blaffte ihn auf einmal der Clown an, und als er nicht sofort reagierte, wurde Jack der Kolben der Waffe an den Kopf geschlagen. Er rappelte sich benommen wieder auf und flüsterte heiser: „Patch. Mein Name ist Patch." Der tätowierte Handlanger des Jokers entgegnete völlig unbeeindruckt: „Ist mir scheißegal, du Schwuchtel. Und wenn ich dich Schwanzlutscher nennen will, dann mach ich das einfach, klar?"

Jack kassierte einen Tritt gegen die Rippen, der ihn zur Seite fallen und schmerzhaft auf seinem Fuß landen ließ. Er schrie jäh auf und legte die Hände über seine Augen, grub seine Finger fest in die glatte Haut seiner Stirn, weil es ihm half, den brennenden Schmerz in seinem Fuß zu kompensieren und nicht mehr so schlimm erscheinen zu lassen. „Komm, lass ihn. Er hat gemacht, was der Boss von ihm verlangt hat, also hat sich der Kleine erstmal ne Verschnaufpause verdient", hielt der Clown mit der jünger klingenden Stimme seinen Kollegen zurück, als dieser erneut auf Jack loszugehen versuchte. „Meinetwegen. Wohin sollen wir ihn bringen?"

Jack spürte, wie sich eine große, grobe Hand um seinen Ellbogen legte und den Arm von seinem tränenüberströmten Gesicht zerrte. „Zu den anderen. Der Boss wird sich schon nach ihm erkundigen, wenn er Verwendung für ihn hat." Der Tätowierte, der eine Maske trug, deren aufgedrucktes Lächeln gemalte Zähne entblößte, drehte den Kopf und hakte nach: „Wo ist er eigentlich hingegangen?" Der andere Clown machte sich daran, Tonys Leiche wegzuziehen, was sich als härtere Arbeit herausstellte, als er offenbar geschätzt hatte. Tony war ein Brocken von geschätzten hundert Kilo gewesen, was auf seine Körpergröße übertragen keinesfalls seines athletischen Baus zuzuweisen gewesen wäre. „Keine Ahnung. Ich will's auch lieber gar nicht wissen. Er ist sehr beschäftigt in letzter Zeit." Jack richtete sich unter einem abermals auffordernden Zerren seines Peinigers in eine sitzende Position auf und sah dabei zu, wie sich der maskierte Mann damit abrackerte, Tony aus der Halle zu befördern. Der Joker war nicht mehr hier, weil er beschäftigt war. Und dass er beschäftigt war, verhieß nichts Gutes. Kälte überkam ihn wellenartig, als er an die teuflische Fratze dieses unberechenbaren Killers zurückdachte. Wer auch immer ihm jetzt ausgeliefert war, Jack hoffte inständig, dass Gott diesem Jemand besser beistehen würde als ihm. Ohne Acht auf die offensichtliche Fußverletzung des jungen Cops zu geben, zog ihn der Typ in der Lederjacke auf die Beine zurück und drängte ihn zum Gehen. Jack, der unmöglich den Fuß mit den schwerverletzten Bändern und freigelegten Sprunggelenk belasten konnte, sackte wimmernd nach nur wenigen Schritten zusammen und prallte gegen die Wand. Seine blutigen Finger hinterließen Abdrücke auf der weißen, gefliesten Fassade, die er jedoch gleich wieder verschmierte, als ihn sein unbarmherziger Begleiter zum Weitergehen drängte.

„Beweg dich!", grollte er ihn an und drückte ihm, um seinen Worten mehr Ernst zu verleihen, den Lauf der Waffe ins Genick. „Ich kann nicht", keuchte Jack gepresst, „mein Fuß...", seine Stimme versagte und löste sich in einem schmerzerfüllten Schluchzen auf. „Dein Fuß, dein Fuß", machte er Jack in übertrieben jammerndem Tonfall nach, „Und wenn du auf deinem beschissenen Stumpf weiterlaufen müsstest, wäre mir das scheißegal. Dann hüpfst du eben, oder erwartest du etwa, dass ich dich trage, du Flachpfeife?" Der verdeckt ermittelnde Cop wusste, dass seine Klageworte auf taube Ohren stießen und er sich fortan nur noch selbst helfen konnte. Mit einer Hand, die permanent abzurutschen drohte, an die Wand gestützt, hopste er wirklich Meter um Meter auf seinem gesunden Fuß voran, sehr zum Amüsement der beiden Halunken. Gedemütigt, schwer verletzt und mit dem Wissen, etwas getan zu haben, das er sich selbst nie verzeihen würde, fügte sich Jack seinem vorläufigem Schicksal. Sein Auftrag lautete, undercover zu ermitteln und somit nicht nur der Mafia, sondern auch dem Joker auf die Schliche zu kommen.

Mit dem heutigen Tag hatte er sich in die Höhle des Löwen begeben und sich jeder Unterstützung entledigt. Was auch immer er in Erfahrung bringen konnte, er war sicher, dass er keine Gelegenheit mehr haben würde, es an die Außenwelt hinauszutragen, es sei denn, er stellte es klug an. Nur klug zu sein genügte jedoch nicht, wenn man dem Joker gegenüberstand. Wenn man den Joker zum Gegner hatte, musste man über sich hinauswachsen, seine Grenzen übertreten, moralisch wie auch menschlich. Ob er dazu bereit war, wusste Jack nicht. Es war gut möglich, dass der Joker den Braten bereits gerochen hatte und wusste, dass Tony und Patch keine Unterhändler im Waffenbusiness waren, sondern einer Sondereinheit der Polizei von Gotham City angehörten. Wenn er das wusste, dann versteckte er sein Wissen gut; wenn er jedoch ahnungslos war, dann hatte Jack ein Blatt in der Hand, das ihm zum Vorteil gereicht war und ihm vielleicht die kleine Chance gab, den Joker auszustechen. Egal, wie die Bedingungen waren, unter denen er dem Joker das nächste Mal vorgeführt werden würde; Jack würde alle Vorsicht und Wachsamkeit aufbringen müssen, zu der er fähig war. „Mach schon, beeil dich, ich hab nicht den ganzen Tag lang Zeit", trieb ihn der Clown an, der ihn über einen Hinterausgang aus der leeren Kühlhalle lotste. Jack warf einen Blick über die Schulter zurück und sah gerade noch, wie der andere Maskierte Tony in einen Müllsack hüllte. Das war das letzte Mal, dass er ihn sah, doch nicht das Bild von ihm, das in seiner Erinnerung bestehen sollte. Wenn Jack die Augen schloss, sah er Tonys blutüberströmtes Gesicht vor sich, die mehrfach gebrochene Nase, den idiotisch halb geöffneten Mund und die Augen, über die sich ein lebloses Netz verendeter Adern gespannt hatte. So, und nur so sollte Jack ihn bis an sein Lebensende in Erinnerung behalten wie ein Mahnmal an seine schändliche Untat.

In Gotham City war es zu kalt, als dass es schneien konnte. Eine arktische, frostige Kälte hielt die Stadt seit Tagen in ihrem unbarmherzigen Griff, wie ein eisiger Handschuh schnürte sie Gotham die Luft ab. Nicht einmal der obligatorische Kaffee zum Mitnehmen wollte Jim Gordon an diesem frühen Freitagmorgen aufwärmen. Vielmehr trug er dazu bei, dass sich seine Nervosität mehrte, die seit dem Aufstehen in seinem Magen rumorte und es ihm unmöglich gemacht hatte, auch nur einen kleinen Bissen zu sich zu nehmen. Der ehemalige Commissioner hatte gleich mehrere Gründe, die seine innere Unruhe rechtfertigten. Einerseits schienen sich in wenigen Tagen die Ereignisse überschlagen zu haben und das Ausmaß der Kriminalität in Gotham regelrecht explodiert zu sein, sodass die Polizei mit ihren Ermittlungen kaum hinterherkam. Erst der Doppelmord am alten Staudamm, bei dem zu allem Übel DNA-Sätze gefunden werden konnten, die eindeutig Erin Porter zugewiesen worden waren, dann die fast vollständige Zerstörung des Hafens, der einer Kettenreaktion aus vernichtenden Explosionen zum Opfer gefallen war. Ganz zu schweigen von ausufernden Zahlen kleinerer Gewaltverbrechen und Diebstähle auf den Straßen, von denen Jim zu seinem eigenen Leidwesen nur über die Zeitung erfahren hatte.

Seine Taten- und Hilflosigkeit frustrierte ihn derart, dass es ihn eigentlich freudig hätte überraschen müssen, als er gestern auf seinem Mobiltelefon Anweisungen von einer unterdrückten, nicht zurückverfolgbaren Nummer erhalten hatte, die ihm schon in der Vergangenheit des Öfteren wichtige Hinweise hatte zukommen lassen. Doch was darin geschrieben gestanden hatte, hatte seinem Unmut nur noch einen draufgesetzt. Woher Batman auch immer wusste, dass Jack Treather in die Fänge des Jokers geraten war; Gordon hatte keinen Grund, an dieser Information zu zweifeln. Jim hatte keine Ahnung, ob Commissioner Talburne bereits darüber im Bilde war, aber selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, glaubte er nicht, dass der Mann aus Chicago irgendwas dagegen unternommen hätte. Einerseits, weil er nicht konnte, andererseits, weil es auch nicht zwingend in seinem Interesse lag. Möglicherweise erfreute ihn der Gedanke, dass einer seiner Spitzel so nah an den Joker herangekommen war. Dass der Joker sich jedoch nicht so einfach übertölpeln ließ und davon ausgegangen werden musste, dass Jack in stark erhöhter Lebensgefahr schwebte, ließ Talburne wie so viele unangenehme Tatsachen außer Acht. Batmans Botschaft hatte nicht nur beinhaltet, dass Treather in Gewalt dieses Irren geraten war, sondern dass Jim Gordon Bürgermeister Garcia aufsuchen sollte, um mit ihm über die schlechter werdende Lage zu debattieren und zu einer Einigung zu kommen, was das weitere Vorgehen der Behörden Gothams anbelangte. Mit einem schiefen Grinsen hatte er Batmans Bemühungen zur Kenntnis genommen, Jim wieder den Posten des Commissioners zuzuweisen. Er rechnete sich jedoch keine allzu rosigen Chancen aus. So einflussreich und bestimmend der Bürgermeister auch sein mochte; seine Macht war durch die Enthüllungen des Jokers bedeutend geschmälert worden. Böse Zungen forderten sogar den Rücktritt Garcias und vorgezogene Neuwahlen. Es war daher mehr als fraglich, dass der Bürgermeister irgendetwas gegen die neuerlichen Entwicklungen auszurichten hatte oder Talburne einen Maulkorb umlegen konnte, ohne dass er dafür von der Presse geächtet wurde. Gothams Schmierfinken waren zwar auch keine begeisterten Anhänger der eher gewöhnungsbedürftigen Methoden des neuen Commissioners, aber ein beständiges innenpolitisches ‚Bäumchen wechsle dich' – Spiel würden sie genauso wenig gutheißen. Gotham City brauchte Stabilität, aus der Ruhe und geordnete Verhältnisse entwachsen konnten, und keine kontinuierlich wechselnde Leitung, die das Chaos hervorrief, in dem sich der Joker so wohl fühlen würde wie ein Fisch im Wasser. Wie aber sollte er, der sich selbst einem Verrat dem Gesetz gegenüber schuldig gemacht hatte, überzeugend genug argumentieren, um die nötigen Hebel umzulegen und die Wagen der Veränderung ins Rollen zu bringen?

Tief in Gedanken versunken erklomm Jim Gordon die schmalen Stufen, die zum Rathaus hinaufführten, von dessen mittlerer Fensterreihe amerikanische Flaggen sowie Banner mit dem Aufdruck des Stadtwappens Gothams hinabragten. In der windstillen Dezemberluft erweckten sie den Eindruck, die Köpfe hängen zu lassen, fast so, als sähen sie keine Hoffnung mehr für diese Stadt. Man hatte Salz und Sand auf die steinernen Stufen gestreut, um Stürzen vorzubeugen, dennoch war der Boden unter Jims Füßen beunruhigend rutschig. Die Aktentasche unter den Arm geklemmt und den Kaffeebecher in der anderen Hand haltend, hätte ein Sturz auf Glatteis fatale Folgen für ihn gehabt, weil er unfähig gewesen wäre, sich mit den Händen abzufedern. Gordon konnte es als kleinen Erfolg verbuchen, die oberste Plattform erreicht zu haben und das Foyer des Rathauses betreten zu können. Wie in jeder anderen Behörde der Stadt war auch im Verwaltungszentrum deutlich spürbar, dass der Joker nach Gotham zurückgekehrt war. Das bloße Wissen über seine Anwesenheit innerhalb der Grenzen der Stadt schien nervöse Impulse auszusenden und Chaos in den kleinsten Zellen und lebenserhaltende Organen Gothams auszulösen. Ein gewisses Maß an Hektik und Unruhe war normal für jedes öffentliche Amt; Gordon kannte das noch gut genug von seiner Arbeit im Polizeirevier, doch hier rannten Sekretärinnen und Verwalter kreuz und quer wie kopflose Hühner herum. Kopflos, ja. Kopflos traf es ganz gut, um zu umschreiben, was sich hier abspielte. Alle waren darum bemüht, dem Joker entgegenzuwirken, ihn zu bekämpfen, ihm vielleicht zuvorzukommen. Dabei übersahen sie das Wesentliche; nämlich, dass es genau diese Panik, diese Unordnung war, die der Joker provozieren wollte, und dass er nur mit Ruhe und bedachtem Handeln zu besiegen war, nicht aber mit richtungslosen Hauruckaktionen.

Seine Schritte, die normalerweise auf den marmornen Bodenplatten widerhallten, wurden durch das allgemein vorherrschende Gewirr verschluckt. Kaum jemand nahm ihn wirklich zur Kenntnis. Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten hätte unerkannt durch die Lobby spazieren können, ohne dass sich auch nur einer nach ihm umgedreht hätte. Es war fast schon furchteinflößend, wie blind gegenüber lauernder Gefahren die eigene Unruhe und Gedankenlosigkeit machte. Es war sogar vorstellbar, dass der Joker ohne seine Kriegsbemalung problemlos hier hätte hineinspazieren und viele seiner geliebten Sprengsätze platzieren können, ohne dass sich jemand im Nachhinein hätte erklären können, wie er dies vollbracht hatte. Gordons eigene Gedanken erschreckten ihn. Solange Gotham in Aufruhr war, gab es keinen einzigen Ort in dieser Stadt, der das Attribut ‚sicher' verdient hätte. Die Räumungstrupps der Bombenkommandos waren schließlich noch immer damit beschäftigt, die vom Joker angekündigten Sprengsätze in Gothams Ämtern und Schulgebäuden aufzuspüren und zu entschärfen; längst war es ihnen nicht gelungen, auch nur die Hälfte aller potentiell betroffenen Einrichtungen zu durchkämmen, und das, obwohl die Bombendrohung des Jokers bereits mehrere Wochen zurücklag. Der Betrieb hatte natürlich nicht vollkommen zum Erliegen gebracht werden können, dafür gab es zu wenige Räumlichkeiten, auf die man hätte ausweichen können, sodass viele Schulen, unter anderem auch die, die sein eigener Sohn besuchte, weiterhin offen geblieben waren, obwohl die Bombengefahr noch nicht offiziell abgewendet worden war. Allein rein logistisch gesehen war es ein Ding der Unmöglichkeit, die Arbeit und Funktion so vieler Einrichtungen stillzulegen. Man hätte unter diesen Umständen vielleicht auf andere Städte ausweichen müssen, deren Kapazitäten auch ohne die Bewohner Gothams nahezu ausgeschöpft waren.

Gordon nahm die Treppe und erreicht schließlich nach einigen Minuten den dritten Stock, der nicht viel ruhiger war als das Foyer. Gordon seufzte und ließ sich auf einen der gepolsterten Stühle nieder, die als Sitzgelegenheit für Wartende auf dem Flur platziert worden waren. Es war einem Wunder gleichgekommen, dass er überhaupt einen Termin beim Bürgermeister hatte ergattern können, zog man in Betracht, dass er nicht mehr Commissioner war, und aller Wahrscheinlichkeit nach blieben ihm auch nicht mehr als fünf Minuten für eine Unterredung Zeit. Fünf Minuten waren jedoch besser als nichts. Gordon schlug die Beine übereinander und trank den Rest seines Kaffees, wischte sich dann mit dem Handrücken über den Bart, um den Milchschaum abzustreichen. Er brachte etwa eine Viertelstunde wartend zu, dann bat ihn Garcias Sekretärin, einzutreten. Gordon schnappte sich seine Aktentasche, ließ den Becher in einem der Müllbehälter zurück, straffte dann seine Schultern und begab sich in das geräumige Büro des Bürgermeisters. Dieser kehrte ihm den Rücken zu und hatte die Hände auf diesem verschränkt. Sein Blick war auf die Häuserschluchten hinter dem Rathaus gerichtet und schien ins Leere zu führen. Garcias Schreibtisch war dem seinen nicht unähnlich. Überall stapelten sich Aktenordner, Stifte, lose Dokumente und Büroutensilien. Eine Arbeitsfläche war nicht mehr erkenntlich. „Guten Morgen, Sir", begrüßte Jim Gordon das Oberhaupt der Stadt mit zurückhaltender Stimme. Garcia reagierte zuerst nicht, ließ dann den Kopf hängen und drehte sich zu dem ehemaligen Commissioner um. „Setzen Sie sich, Gordon", forderte er ihn auf, ohne den Gruß zu erwidern. Wie so viele, die in diesen Zeiten eine große Verantwortung auf den Schultern zu tragen hatten, wirkte auch er ausgezehrt und mitgenommen. Jim kam seiner Aufforderung nach und machte es sich auf einem der ledernen Sessel bequem. „Also...was haben Sie denn auf dem Herzen?", fragte Garcia, der sich zwar zu ihm umgedreht hatte, aber noch immer am Fenster stand. Das fahle Licht, das wie der Himmel nach einem Ascheregen aussah, fiel über seine Schulter in den Raum und erhellte diesen nur sehr spärlich und trist. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, eine Lampe anzuschalten. „Ich denke, das Gleiche wie Sie, Bürgermeister", erwiderte Gordon seufzend, „die Zustände in Gotham haben beinahe ihren negativen Höhepunkt erreicht." Garcia legte den Kopf schief und entgegnete trocken: „Erzählen Sie mir was Neues."

Jim quittierte diese Äußerung mit einem humorlosen Lächeln und sagte: „Wollen Sie nur tatenlos dabei zusehen, wie Gewalt und Kriminalität die Oberhand in Gotham gewinnen? Die Mafia mag in die Knie gezwungen sein, aber sie könnte erstarken, wenn der Joker seine Finger im Spiel hat. Talburnes Manöver sind nicht nur fragwürdig, sondern auch waghalsig. Haben Sie schon gehört, dass er neuerdings Frischlinge verdeckt auf die Mafia losjagt?" Garcias Hände lösten ihren Bund und schwangen lose zu seinen beiden Seiten hinab. „Ach, und von wem haben Sie die Information? Von Ihrem maskierten Freund?" Gordon sah zum Bürgermeister auf, der in langsamen Schritten auf seinen Schreibtisch zuflanierte. „Das tut nichts zur Sache." Garcia stemmte lautstark die Arme auf die Tischplatte, worauf einige wehrlose Papierblätter zu Boden segelten: „Es tut sehr wohl etwas zur Sache, Gordon! Diese Einstellung ist erst daran schuld, dass wir in dieser brenzligen Lage stecken. Sie sollten lernen, zu hinterfragen, was dieser selbsternannte Rächer ihnen zusteckt und vorschlägt. Von ihm kam ja schließlich auch die grandiose Idee, Dents frevelhafte Verbrechen zu decken!" Der ehemalige Commissioner blieb ruhig, aber erwiderte mit Nachdruck: „Und wir alle haben diese Idee unterstützt. Sie können nicht behaupten, nicht gewollt zu haben, dass Dents Name unbefleckt bleiben sollte. Er war ein Symbol der Hoffnung für Gotham und dafür haben auch Sie in Kauf genommen, dass die Bürger belogen wurden."

Garcia machte eine unsichere Bewegung mit der linken Hand und äußerte dann: „Mit welchem Ergebnis? Dent ist enthüllt, Sie und ich stehen als größte Lügner der Geschichte Gothams da und der neue Commissioner toleriert das wahnsinnige Treiben des Jokers in seiner Besessenheit, ihn auszuschalten." Jim nickte zustimmend und setzte sich dann auf, ehe er sagte: „Aus diesem Grunde bin ich hier, Sir. Wir können nicht weiterhin tatenlos dabei zusehen, wie dieser Irre unsere Stadt systematisch auseinander nimmt und ins Chaos stürzt. Talburne handelt nicht entschlossen genug gegen ihn, stattdessen versteift er sich darauf, in die Geschichte einzugehen als der Mann, der den Joker gestellt hat. Das wird ihm aber nie gelingen und bis er das begreift, ist es vielleicht schon zu spät!" Garcias dunkle Augen ruhten funkelnd auf Gordon. Im Gegensatz zu dem darin liegenden Ausdruck war seine Stimme ruhig, fast gelangweilt: „Was für einen glorreichen Vorschlag haben Sie mir also zu unterbreiten?" Jim verschränkte die Finger ineinander und zog so das rechte Knie näher an seinen Körper heran. Durch die dicken Gläser seiner Brille hinweg schaute er seinen Vorgesetzten eindringlich an, bevor er leise sagte: „Sie müssen Talburne seines Amts entheben." Garcia hob die buschigen Augenbrauen: „Und wen soll ich Ihrer geschätzten Meinung nach an seine Stelle setzen? Soll ich Sie und Ihren Ruf etwa rehabilitieren?" Gordon antwortete nicht darauf, sondern sah sein Gegenüber stumm und abwartend an. Er war von selbst auf die richtige Lösung gekommen, was gab es dem also noch hinzuzufügen? „Sie meinen das ernst!", stellte der Bürgermeister ehrlich verblüfft fest und richtete sich wieder auf, sodass seine Hände nutzlos vor seinem Körper baumelten. Gordon nickte nur und fügte erläuternd hinzu: „Ich kann keine Wunder bewirken, aber ich kann verhindern, dass sich die Polizei bei der Suche nach dem Joker permanent selbst ein Bein stellt und sich somit selbst ausschaltet."

Garcia starrte ihn einige Sekunden lang sprachlos an, dann lachte er kurz auf und schüttelte den Kopf, stemmte die Arme in die Seiten und schaute an die Decke, so als stünden dort jene Worte geschrieben, nach denen er so verzweifelt zu suchen schien. „Gordon, Ihnen ist doch klar, dass ich nicht mehr dazu befähigt bin, Sie wieder einzusetzen! Wie würde ich dann dastehen? Unfähig! Orientierungslos! Inkonsequent!" Jim nickte auch hier seelenruhig und trieb den Bürgermeister damit fast in den Wahnsinn.

„Wir dürfen uns nicht mehr die Eitelkeit erlauben, unseren Ruf wahren zu wollen, Sir." Diese simplen Worte genügten, um bei Anthony Garcia die letzte intakte Sicherung durchbrennen zu lassen: „Sie wissen rein gar nichts über die Bedeutung des eigenen Rufs. Ihnen mag egal sein, dass mit dem Zeigefinger auf Sie gedeutet und Sie öffentlich diffamiert werden, aber mir ist es nicht gleich. Mir darf es nicht gleich sein. Es werden sich bedeutend höher gestellte Autoritäten einschalten, wenn ich Sie wieder als Commissioner einsetze, Gordon! Und dann wird an unser beider Stuhl gesägt." Jim befeuchtete seine Lippen, strich sich kurz in einer nachdenklichen Geste über den Schnauzbart und murmelte dann: „Die Stuhlbeine sind jetzt schon fast durchsägt. Es gibt eigentlich nichts mehr, was Sie oder ich zu verlieren hätten." Garcia starrte Gordon schweigend an. Seine arbeitenden Züge verrieten seine innere Unsicherheit. Schließlich ließ er den Kopf hängen und flüsterte: „Raus!" Als Gordon nicht sofort darauf reagierte, schaute er wieder auf, taxierte den ehemaligen Polizeichef mit blitzenden Augen und brüllte: „Ich sagte, raus!"

Jim erhob sich langsam, warf noch einen Blick über die Schulter zurück, sah jedoch nur noch, wie sich Garcia wieder der Fensterfront zuwandte, und seufzte. Er hatte sogar mehr als fünf Minuten im Büro des Bürgermeisters zugebracht, aber diese waren nicht einmal annähernd so fruchtbar gewesen, wie er erhofft hatte. Zumindest glaubte das Jim Gordon, als er mit hängenden Schultern das Rathaus hinter sich ließ.

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