Firenze
Schwer atmend versuchte Tonks zu verarbeiten, was sie soeben gesehen hatte. Noch nie hatte sie etwas Vergleichbares erlebt und die grausame Erinnerung ließ ihre Hände immer noch zittern. Alastor schien etwas gefasster, genehmigte sich aber dennoch einen großen Schluck aus seinem Flachmann, von dem sie wusste, dass er Feuerwhisky enthielt.
Ein unvermitteltes lautes Klopfen an der Tür ließ die beiden zusammenfahren. Dumbledore sah auf eine filigran gearbeitete Uhr an der Wand mit dutzenden von Pendeln und mehr als nur zwei Zeigern. „Ah, früher als erwartet." Mit einem Wink seiner runzeligen Hand öffnete er die Bürotür, die zu Tonks' Überraschung den Blick auf einen ausgewachsenen Zentauren freigab.
Er wirkte in dem verwinkelten Raum äußerst deplatziert und Tonks kam nicht umhin sich zu fragen, wann er mit seinem enormen Rumpf oder dem nervös zuckenden Schweif eine von Dumbledores wertvollen Apparaturen von ihrem Tischchen fegen würde.
Doch der blondgelockte Zentaur bewegte sich mit ungeahnter leichtfüßiger Eleganz, ohne seine Umgebung auch nur zu streifen. Nicht nur darin unterschied er sich stark von seinen Artgenossen, die Tonks bisher getroffen hatte (was nicht gerade viele waren).
Der Zentaur trat an Dumbledores Schreibtisch und senkte respektvoll den Kopf. „Guten Abend, Schulleiter." Dann wandte er sich ebenfalls ihr und Alastor zu und grüßte sie mit Namen. Tonks kniff misstrauisch die Augen zusammen, denn sie war nicht der Ansicht, dass sie sich bereits begegnet waren.
Dumbledore blinzelte ihr entschuldigend zu. „Wie es aussieht, hat unser Ausflug in die Vergangenheit mehr Zeit in Anspruch genommen, als erwartet."
„Und ich habe mich zu früh bei Ihnen eingefunden, Professor.", ergänzte der Zentaur mit einer Stimme, die zugleich jung und uralt klang. Mit bedeutungsvollem Blick fuhr er fort: „Die Sterne gaben mir den Hinweis, dass meine Anwesenheit hier von Nutzen sein könnte. Ich hinterfrage ihre Zeichen nicht, auch wenn sich mir die Bedeutung dieser Zusammenkunft noch nicht erschließt."
Interessiert hob Dumbledore die Augenbrauen. „Mir auch nicht, aber womöglich kannst du uns ja einen Rat geben, bevor wir den eigentlichen Anlass deines Besuchs besprechen, Firenze."
Warum Dumbledore den Zentaur wohl zu sich gebeten hatte? Lebte er im Verbotenen Wald, oder waren das nur Gerüchte? Er schien jedenfalls Dumbledores vollstes Vertrauen zu genießen, denn der Schulleiter erzählte Firenze detailliert, was sie soeben in Widdershins' Erinnerung erfahren hatten. Tonks hätte diese Informationen lieber noch etwas für sich behalten, wagte aber nicht, etwas zu sagen. Dafür verfolgte sie gespannt, wie Firenzes Gesicht sich zunehmend verfinsterte, sodass er seinen wilden Artgenossen zunehmend ähnlich sah.
Als Dumbledore geendet hatte, trat Firenze an eines der spitzen Bogenfenster und blickte hinauf in den sternenklaren Winterhimmel. Anders als in Widderschins' Erinnerung schneite es hier nicht. Stattdessen waren Türme, Mauern und Wege von einer dünnen im Mondlicht glitzernden Eisschicht überzogen.
„Die Wilde Jagd.", sagte Firenze mit rauer Stimme. „Es schmerzt mich, dass auch einige Zentauren sich zu dieser Zeit aufmachen, um die dunklen Mächte der Erde zu missbrauchen. Es überrascht mich nicht, dass die Anhänger des Dunklen Lords sich an diesem Sport beteiligen."
Tonks hob zaghaft die Hand. „Entschuldigung, ich habe noch nie etwas von dieser Wilden Jagd gehört.", warf sie ein und schauderte als Firenze seine durchdringenden stahlblauen Augen auf sie richtete.
„Die Menschen nennen es die Raunächte. Die Zeit zwischen dem letzten Vollmond des alten und dem ersten Vollmond des neuen Jahrs. Die dunkelste Zeit, in der die uralten Kreaturen dieser Erde an Kraft gewinnen und ihren Schabernack treiben.", rezitierte er düster.
Skeptisch wechselte Tonks einen Blick mit Alastor, der ebenfalls nicht überzeugt schien. Das klang alles sehr nach den frustrierend vagen Aussagen, mit denen Professor Trelawny sie in Wahrsagen zu langweilen pflegte. Dumbledore allerdings hörte Firenze aufmerksam zu.
„Sollten die Todesser einen Angriff auf ein Muggeldorf planen, wäre jetzt die beste Zeit dafür. Die perfekte Gelegenheit für alle, die mit der dunklen Seite im Bunde stehen."
Ungeduldig hob Tonks ihre Hand erneut. „Was heißt das?"
Firenze seufzte ergeben und kehrte in ihre Runde zurück. „Zu dieser Zeit erlangen dunkle Mächte die Oberhand. Die Energien der Elemente geraten aus dem Gleichgewicht, sodass böse gesinnte Kreaturen wie Todesfeen, Sabberhexen oder Werwölfe leichteres Spiel mit ihren Opfern haben."
„Moment mal, Werwölfe sind doch keine böse gesinnten Kreaturen! Jedenfalls nicht alle!", widersprach Tonks vehement. Alastor nickte bekräftigend.
„Nun", fuhr Firenze gleichmütig fort, „wer weiß, sich diese Kräfte zunutze zu machen, wird sehr schwer aufzuhalten sein. In dieser Welt herrscht ein Jahrtausende alter Wettstreit zwischen Licht und Dunkel und im Moment hat das Dunkel die Oberhand. Das ist kein Geheimnis für jene, die die dunklen Künste studiert haben."
Tonks schüttelte den Kopf. „Ich bin Aurorin. Wenn das stimmt, warum erhalten wir dann nicht zwischen den Jahren viel mehr Hilferufe und Anzeigen als gewöhnlich? Warum weiß keiner davon?"
Nun war es Dumbledore, der antwortete. „Die Muggel verstehen es, die Anzeichen für die dunkle Seite in ihrem Sinne umzudeuten, sodass ihre Verluste unsereins nur selten erreichen. Was die etwas Aufmerksameren angeht, so haben sie über die Jahrhunderte Wege gefunden, sich zu schützen. Solche Gemeinschaften werden oft als abergläubisch abgetan, aber sie halten trotzdem an ihren Traditionen fest. Ich nehme an, dass wir es hier mit solch einer Gruppe zu tun haben."
„Wie sollten sich Muggel denn gegen dunkle Magie und Todesser schützen?", fragte Alastor ungläubig.
„Indem sie sich mit den Zauberern und Zauberwesen verbünden.", erklärte Firenze geduldig.
Tonks klappte die Kinnlade herunter. „Wo gibt's denn sowas?", rief sie aus, während Alastor gleichzeitig brummte: „Das verstößt gegen das Geheimhaltungsabkommen."
Dumbledore lächelte. „Diese Gemeinschaften sind sehr selten, doch sie existieren und bemühen sich, nicht vom Ministerium oder der Regierung der Muggel aufgespürt zu werden. Oft sind diese Verbindungen mehrere Jahrhunderte alt, doch aus Gründen der Geheimhaltung werden sie nur selten in Chroniken dokumentiert, oder an Schulen gelehrt." Er zwinkerte Tonks verschwörerisch zu.
Langsam setzte sich in ihrem Kopf das Bild einer Gemeinschaft zusammen, die vollkommen anders geartet war, als alles, was sie bisher erfahren hatte. Nicht nur Zauberwesen und Hexen, auch Muggel und Magier, die friedlich zusammenlebten und einander beistanden? Die sich besonders in dieser dunklen Zeit brauchten und beschützten? Wieder trat Tonks das Bild der jungen Todesfee vor Augen, die einsam in ihrem Käfig hockte und ihrer tödlichen Magie beraubt war. Ob sie wohl zu dem Dorf gehörte, das McNair überfallen wollte? War sie maßgeblich an dessen Schutz beteiligt?
Alastor lenkte sie mit einer weiteren Frage ab: „Was haben die Zauberer von dieser Kooperation? Was erhalten sie als Gegenleistung für ihren Schutz?"
„Den Schutz und das Wissen der Nicht-Magischen.", erwiderte Firenze unerwartet. Als Alastor ungläubig schnaubte, fing er an zu erklären: „Das Geschenk, außerhalb der Grenzen der magischen Welt zu leben, sich nicht verstecken zu müssen, vom Leben der Nicht-Magischen zu lernen, ihre Bräuche und Geschichte zu erfahren, ihre Errungenschaften zu verstehen."
Tonks musste an Arthur Weasley denken, der mit Freuden unter Muggeln leben würde, um ihre Kultur besser kennenzulernen. Doch mit sieben Kindern, die ihre magischen Kräfte in jungen Jahren nur schwer kontrollieren konnten, war ein Leben unter Muggeln vermutlich viel zu riskant gewesen. Wie anders ihr Schicksal und das vieler anderer Zauberer verlaufen wäre, hätten sie von klein auf mit Muggeln und Zauberwesen zusammengelebt.
Muggelstämmige und Squibs wären keine Abnormitäten mehr, Beziehungen zwischen Hexen und Muggeln an der Tagesordnung. Tonks dachte daran, wie ihre eigene Mutter von ihrer Familie verstoßen worden war, weil sie sich in einen Muggelstämmigen verliebt hatte. Wie Harry Potter von seinen Verwandten verachtet wurde, weil er magisch war.
So sehr Tonks sich den Sieg des Ministeriums über Voldemort wünschte, im Grunde waren der Minister und seine Schergen nicht viel besser als er. Auch wenn niemand Muggel und Zauberwesen einsperren oder töten wollte, sprachen sich konservative Zauberer für eine strikte Trennung aller Welten und Lebensweisen aus, was schon für viel Blutvergießen gesorgt hatte. Von ausgelöschten Erinnerungen, nie enden wollenden Schikanen und Diskriminierung ganz zu schweigen.
Tonks wollte diesen Ort, wo alles anders war, dieses mysteriöse Dorf, mit eigenen Augen sehen! Beim Gedanken, es womöglich schon bald zu besuchen, stieg ein aufgeregtes Kribbeln in ihr auf.
Alastor holte sie jedoch auf den ernsten Boden der Tatsachen zurück. „Schön und gut, aber wie finden wir sie, um die Leute vor dem Angriff der Todesser zu warnen?"
Firenze peitschte unruhig mit dem Schweif. „Ich weiß von einer Gruppe etwas hundert Meilen nördlich von hier. Doch seid auf der Hut. Euer eins kennt die harten Raunächte jenseits dieser Mauern nicht. Jenseits des Schutzes eurer Leute. Womöglich richtet ihr mehr Schaden als Gutes an."
Tonks lachte ungläubig. „Wenn wir diese Informationen haben und sogar wissen, wo wir das Dorf finden können, werden wir sicher nicht einfach die Hände in den Schoß legen!" Eine schmerzvolle Erinnerung an Sturgis Podmores ausgemergeltes Gesicht durchfuhr sie. Er musste noch bis zum Ende des Monats in Askaban ausharren, bevor er wieder freikam. Und das auch nur auf Bewährung. Sie hatte ihn nicht beschützen können, genau wie Widdershins, der sich kurz vor seinem Tod scheinbar noch auf die gute Seite geschlagen hatte. Und das Mädchen, das sich mit starrem Blick in dem Käfig unter der Decke drehte …
„Wir werden uns beraten und alles in die Wege leiten.", grummelte Alastor leise, aber bestimmt und sprach Tonks damit aus der Seele. Sie war nur froh, dass er es vermieden hatte, den Orden zu erwähnen, schließlich wussten sie immer noch nicht, ob sie Firenze vertrauen konnten.
Der schien nichts Ungewöhnliches an der verschwörerischen Bemerkung zu finden, sodass Tonks sich fragen musste, ob der Zentaur nicht schon längst über alles im Bilde war. Jedenfalls fügte er wie selbstverständlich hinzu: „Ich werde euch gerne mit meinem Rat zur Seite stehen, wenn ich kann. Doch die Sterne verbieten mir, mich weiter in die Geschicke der Menschen einzumischen."
Wie praktisch, dachte Tonks etwas zynisch.
„Danke, Firenze." Dumbledore senkte huldvoll den Kopf. Dann wandte er sich wieder Alastor und Tonks zu. „Ich denke, alles weitere besprechen wir besser zu einem späteren Zeitpunkt."
„Morgen!", fiel Tonks ihm kurzangebunden ins Wort. Die Angelenheit duldete keinerlei Aufschub, denn wenn Tonks sich richtig erinnerte, dauerte es nicht mehr lang zum nächsten Vollmond. Wenn es nicht schon längst zu spät war. Sie brauchten einfach mehr Informationen.
Hastig zog sie ein Stück Pergament hervor und kritzelte drauf los. Sie schrieb alle Fragen auf, die ihr in diesem Augenblick einfielen: Wo genau befand sich das Dorf? Wer lebte dort? Wann wurde mit dem Angriff gerechnet (Firenze konnte ja seine Sterne befragen)? Und was genau hatte es noch mit den Raunächten auf sich? Alastor lugte ihr über die Schulter und grunzte zufrieden.
„Ich stelle ein Team zusammen." Tonks klatschte dem Schulleiter ihre Liste vor die Nase. „Sie haben Hausaufgaben. Wir sehen uns morgen im Hauptquartier. Guten Abend."
Sie half Alastor auf die Beine, nickte Firenze und Dumbledore noch einmal zu und verließ das Büro. Ein unbändiger Tatendrang hatte von ihr Besitz ergriffen und sie wusste genau, was zu tun war.
