Er wusste es, er hat es von Anfang an gewusst!

Das ihr bisher unbekannte Gefühl von abgrundtiefer Panik ergriff von ihr Besitz. Sollte alles schon am Ende sein, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte?

Ruhelos wanderte sie vor den Pferdeboxen auf und ab. Dumbledore musste umgehenst von diesem Vorfall in Kenntnis gesetzt werden. Sie musste jetzt zunächst Ruhe bewahren, dann würde sie Harry und Ron suchen müssen. Diese würden wissen, wie sie Dumbledore kontaktieren konnten. Mit diesen Gedanken hastete sie zurück zur großen Halle.

Nachdem sie den Innenhof überquert hatte, erreichte sie schließlich das Eingangsportal. Keuchend schöpfte sie neuen Atem und eilte die Treppe hinauf.

Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Was, wenn Lord Malfoy nun hier irgendwo in der Dunkelheit auf sie lauerte! Sie stolperte die restlichen Stufen hinauf und gerade, als sie in den nächsten Gang einbiegen wollte, stieß sie heftig mit einer großen, dunklen Gestalt zusammen. Erschrocken schrie Hermine auf und taumelte ein paar Schritte zurück. Ein rudernder Arm, begleitet von einem leisen Fluchen, griff aus der Dunkelheit nach ihr und riss sie mit sich zu Boden. Hermine wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Wieder mal streckte Panik ihre eisigen Klauen nach ihr aus. Sie kämpfte entsetzt gegen die Massen an, die sie zu Boden drückten.

„Mensch Ron! Warum hast du mich geschubst! Jetzt hab ich ..."

„Harry, ich glaub, ich hab mir den Arm gebrochen!"

„Sei doch keine Memme, Ron. Du bist doch auf mich gefallen, sag mir lieber wie du das wieder angestellt hast!"

Keuchend und ein wenig erleichtert meldete sich nun auch Hermine zu Wort. „Ähm ... könntet ihr bitte beide so gnädig sein und euch von mir runterwälzen! Danke!"

„Hermine! Bist du's?"

„Ja Ron und ich werde gerade von euch beiden, im wahrsten Sinne des Wortes, erdrückt!"

Schnell sprangen die beiden Knappen auf und halfen Hermine beim Aufstehen.

„Was war denn mit dir los? Du siehst aus, als ob der Leibhaftige hinter dir hergewesen wäre."

Harry musterte sie besorgt. Nachdem Hermine einmal tief ausgeatmet hatte, berichtete sie den beiden von den Geschehnissen im Stall. Ron und Harry hörten ihr aufmerksam zu und als sie geendet hatte, sahen beide sehr nachdenklich aus.

„Ich glaube, du musst dir da keine Sorgen machen, Hermine. Lord Malfoy weiß gar nichts, wie auch? Er wollte dich wahrscheinlich nur provozieren, das ist alles."

„Aber ..."

„Ich bin der selben Meinung wie Harry, Hermine. Ich schätze, er hat das zu dir gesagt um eine bestimmte Reaktion von dir zu bekommen. Ein Schuss ins Blaue, weiter nichts. Wobei ich ihn mir liebend gern mal vorknöpfen würde..."

„Danke Ron, trotzdem, wir sollten Dumbledore informieren. Könnte einer von euch das übernehmen? Ihr wisst ja, Pansy ..."

„Ist schon gut Hermine, kein Problem, wenn es dich beruhigt.", versicherte Harry.

„Ja, das würde es."

Die drei teilten ein freundschaftliches Lächeln miteinander. „So und was treibt ihr? Hat Pansy euch auch schon den Kopf verdreht?", fragte Hermine schelmisch.

„Ich habe mich nur gefragt, ob ihre Brüste wirklich so groß sind oder ob sie ein bisschen Nachgeholfen hat.".

„RON!", riefen Harry und Hermine gleichzeitig.

Ron hob nur unschuldig die Schultern und grinste jungenhaft. Etwas, was sich Gott sei Dank nicht verändert hatte, stellte Hermine erleichtert fest.

„Na ja, wenn man es so bedenkt ... ich habe mir auch diese Frage gestellt, wie das Mopsgesicht das angestellt hat.", grinste nun auch Harry und handelte sich einen freundschaftlichen Hieb von Hermine ein.

Die drei brachen in schallendes Gelächter aus. Hermine verspürte zum ersten mal seit langem, ein Gefühl der Unbeschwertheit und Wärme. Sie hätte nur zu gerne mehr Zeit mit ihren Freunden verbracht, aber in genau diesem Moment tönte Pansys schrille Stimme durch den Gang.

„Hermine! Hermine! HERMINE! Wo bist du faules Stück schon wieder!"

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Macht's gut ihr beiden.", mit diesen Worten wirbelte Hermine herum und wollte schon loseilen, doch Harry hielt sie noch einmal zurück.

„Hermine ..."

Sie nickte wortlos und lächelte noch einmal bevor sie davon hastete.

Kaum war sie Pansy in die Arme gelaufen, wurde sie von dieser unsanft am Arm gepackt und durchgeschüttelt.

„Himmelherrgott, wo hast du dich nur wieder rumgetrieben?" Verächtlich musterte Pansy sie von oben bis unten. „Ts, ts, ts. Das Flittchen hat Stroh im Haar ... wer war denn das eben? Deine Freier! Schämst du dich denn gar nicht! Sei froh, dass ich dich nicht davonjagen lasse ... besonders tugendhaft bist du ja wohl nicht!", zischte Pansy angewidert und zerrte sie mit sich.

„Mach dich nützlich und helf mir mit dem Kleid!"

Hermines Hochgefühl war wie immer von Pansy im Keim erstickt worden. Nachdem sie ihre Herrin zu Bett gebracht hatte, warf sie sich im Vorzimmer auf ihr Bett und schlug ärgerlich auf ihre Matratze ein. Wie konnte Pansy nur so unverschämt sein und ihre Tugend in Frage stellen! Hermine seufzte und erhob sich um sich selbst für das Bett fertig zu machen. Gedankenverloren trat sie ans Fenster und kämmte sich die Haare, während sie in die Dunkelheit der Burg hinaussah. Dunkle Wolken waren heraufgezogen und ließen nur ab und an das Licht des Mondes hindurchscheinen und die Rüstungen der Wachleute auf den Türmen der Malfoy Burg gespenstisch aufblitzen. Sie wünschte sich nichts sehnlicheres als ein ganz normales Leben zu führen. Als sie ein kleines Mädchen gewesen war, war alles einfacher. Sie hatte nichts von ihren magischen Fähigkeiten gewusst und nichts von dieser anderen Welt, die durchdrungen war von alten Riten und magischen Kräften, aber vor allem hatte sie nichts von dem Krieg erfahren, der in dieser Welt herrschte. Es war alles so kompliziert. Wäre sie noch zu hause bei ihrem Vater und ihrer Mutter, so wäre sie sicher schon mit einem anständigen Bürgerssohn verheiratet und hätte ihren eigenen Hausstaat. Hermine wandte sich vom Fenster ab, legte die Bürste auf ihren Nachttisch und kroch ins Bett. Sie blies die Kerze aus und starrte die Decke an, Pansys Schnarchen drang leise durch die geschlossene Türe an ihr Ohr, das einzige Geräusch in der Dunkelheit, die sie umgab. Wie immer, wenn Tage wie dieser zu ende gingen, erlaubte sie sich eine kleine Reise in ihrer Fantasie. Sie malte sich aus, wie ihr Leben jetzt sein könnte, wenn sie nicht Dumbledores Flehen zugestimmt hätte und als Beobachter in Pansys Dienste getreten wäre. Würde sie glücklich sein? Würde sie ein schönes Haus besitzen? Hätte sie einen Mann, der ihren Wert zu schätzen wusste? Vor ihrem inneren Auge tauchte Lord Snapes Bild auf und sie wurde rot. Jemand wie er würde sich nicht im mindesten für ihresgleichen interessieren. Sie seufzte, diese Träumereinen taten ihr nicht gut. Vor allem nicht, wenn plötzlich ein Mann auftauchte, der ihr Interesse geweckt hatte. Sie zwang sich nicht mehr an diese Begegnung zu erinnern und vor allem nicht an diese tiefen, dunklen Augen, die bis in die Tiefen ihrer Seele zu blicken imstande waren.