Hermine wachte wie gewöhnlich sehr früh auf, da sie an diesem Morgen noch einiges zu regeln hatte. Pansys Gepäck packte und verlud sich schließlich nicht von selbst.
Sie legte Pansy ihre Reisekleidung bereit und verstaute den Rest in einem ihrer Reiseplaids. Danach zog sie sich selbst rasch an, und wartete darauf, dass ihre Herrin endlich aus ihren Federn kroch.
Die Sonne stand schon im Zenit, als Pansy ihre Augen öffnete. Wie Hermine leider feststellen musste, auch ihren Mund.
„Hermine, machst du überhaupt irgendwann etwas richtig! Das Ding kann ich unmöglich auf die Reise anziehen! Es hat mich schon immer irgendwie dick aussehen lassen! Du holst mir jetzt sofort ein anderes Kleid heraus oder . . . ich vergesse mich! Wie soll ich Lord Snape in so einem Fetzen unter die Augen treten! Gib mir gefälligst das blaue!"
Daraufhin musste Hermine zähneknirschend sämtliche Kleider wieder auspacken, da das gewählte blaue ganz zu Unterst lag.
Pansy schien immer noch wütend auf sie zu sein, als sie sie später zum Frühstück in die große Halle begleitete. Sie sprach kein Wort mit ihr und nahm keine Rücksicht darauf, ob Hermine ihr folgen konnte. So marschierten sie in einem raschen Tempo durch die Gänge der Burg, was manch Kopfschütteln von einigen älteren Matronen hervorrief. Hermine war es gleich, konnte sie doch so ein wenig Frieden für sich selbst haben. Pansy würde sie schon früh genug wieder anschreien und herumjagen. Bevor sie die Halle erreichten wirbelte Pansy allerdings noch einmal zu ihr herum und sah sie drohend an.
„Hör mir jetzt gut zu, Schlammblut. Mein Vater fand deinen peinlichen gestrigen Auftritt in der großen Halle geradezu empörend! Jetzt müssen wir diesem drittklassigen Spielmann auch noch seine Spielflöte ersetzen. Hast du eigentlich eine Vorstellung davon, wie viel Geld du uns bisher gekostet hast! Noch so ein Vorfall und das war's dann für dich! Eigentlich hätte ich ihm das mit den beiden Freiern im dunklen Gang nicht verschwiegen sollen, glaubst du nicht! Ich will mir nicht meine Chancen bei Lord Snape verderben, nur weil du so ein furchtbarer Trampel bist! Hast du mich verstanden!"
„Klar und deutlich.", erwiderte Hermine und sehnte schon beinahe den Tag herbei, an dem Pansy einen Mann bekam, der ihr Manieren beibrachte. Aber es musste ja nicht unbedingt Snape sein ...
Pansy musterte Hermine nochmals äußerst abfällig und schnaubte undamenhaft bevor sie den Pagen wortlos anwies ihnen die Türen zu öffnen und vor Hermine den Saal betrat. Die meisten Gäste waren bereits erwacht und hatten ihre Plätze am großen Tisch eingenommen. Hermine brachte Pansy zu ihrem Platz neben Lord Parkinson und begab sich dann an den unteren Teil des Tisches.
Sie hoffte inständig, wenigstens ein ruhiges Frühstück zu erleben, als ihr Blick auf Harry und Ron fiel. Beide saßen ebenfalls am unteren Ende der Tafel und sahen aus, als hätten sie die ganze Nacht in den Klauen der Inquisition verbracht. Hermines Miene hellte sich auf und sie setzte sich ihren beiden Freunden gegenüber.
„Guten Morgen, werte Knappen.", begrüßte sie die beiden und unterdrückte ein Grinsen, als Ron blass wurde, dazu leise stöhnte und Harry abwinkte.
„Nicht so laut, Hermine."
„Ja, nicht so laut, mir platzt sonst der Kopf."
„Soll ich dich jetzt etwa bedauern, Ron?", fragte Hermine amüsiert und goss sich Wasser in ihren Becher. Ron verzog das Gesicht und schloss die Augen.
„Wäre vielleicht ganz gut, wenn man bedenkt, das dies mein letzter Tag auf Gottes Erde sein wird.", stöhnte Ron und stützte den Kopf in beide Hände.
„Vielleicht solltet ihr nicht so viel trinken, dann wäre euch beiden jetzt nicht so übel."
„Sehr witzig, Hermine.", konterte Harry und rieb sich die Augen, „Gehört alles mit zur Ausbildung."
„Oh, ich bitte dich! Wer sagt denn so was? Von Ron hätte ich ja so eine Erklärung erwartet, aber von dir?"
Ron warf ihr einen grimmigen Blick zu und verzerrte dann das Gesicht, als die schnelle Bewegung seine Kopfschmerzen noch verschlimmerte.
„Hat Pansy dich gestern am Leben gelassen?", wechselte Harry das Thema und versuchte die Übelkeit niederzukämpfen, die in ihm aufstieg, als eine Magd eine Schüssel mit Haferbrei kichernd vor ihm abstellte.
„Anscheinend habe ich es einer ihrer Launen zu verdanken, dass sie ihrem Vater unseren nächtlichen Zusammenstoß verschwiegen und mich deshalb nicht hochkant rausgeschmissen hat.", höhnte sie und starrte grimmig in ihr Frühstück.
„Mach dir nichts draus, die regt sich auch wieder ab.", nuschelte Harry und schob die Schüssel entschieden von sich.
„Nicht, wenn ich ihre Chancen bei Lord Snape vermasselt habe.", knurrte Hermine und stocherte sinnlos mit ihrem Löffel im Haferbrei herum. Plötzlich war sie nicht mehr hungrig und ihre gute Laune verflogen.
„Als ob der eine sonderliche Augenweide wäre.", murmelte Ron durch seine Finger hindurch.
„Was verstehst du schon!", fauchte Hermine wütend. Ron starrte sie verwirrt an.
Einige Köpfe hatten sich ihnen zugewandt und verfolgten interessiert das Streitgespräch, das sich allmählich anzubahnen schien. Hermine konnte es nicht fassen, anscheinend hatte keiner ihrer beiden Jugendfreunde auch nur die geringste Ahnung, was sie alles durchmachen musste oder machen würde, falls Pansy auf die Idee kam, sie doch noch davonjagen zu lassen. Es wäre alles umsonst gewesen, all die Zeit die sie sich beschimpfen und verhöhnen hatte lassen müssen! Nicht zu vergessen in welcher Schande sie würde leben müssen, denn Pansy würde ihr dann mit Sicherheit Hurerei vorwerfen und darauf stand eine schwere Strafe, selbst in der magischen Welt. Es würde alles zerstören!
Worte wollten in ihr aufsteigen und ihrem Ärger Luft machen und weil sie merkte, dass es mit ihrer Beherrschung an diesem Tag nicht zum Besten stand, verabschiedete sie sich knapp und verließ ihren Platz um Pansy um Erlaubnis zu bitten sich schon für die Reise vorbereiten zu dürfen. Da diese ihren Bitten an diesem Tag nicht geneigt zu sein schien und auch ihre heimliche Rache und Schikane an Hermine fortsetzen wollte, verwehrte sie Hermines sehnlichen Wunsch nach Flucht. Stattdessen befahl sie ihr sich zu ihr zu setzten, in der Hoffnung, dass Hermine den spitzen Bemerkungen Narcissa Malfoys zum Opfer fallen würde.
Hermine konnte aus den Augenwinkeln Pansys gemeines Grinsen sehen, als sie sich setzte. Innerlich schalt sie sich eine Närrin und einen Hitzkopf. Hätte sie sich Zeit genommen um über ihr Handeln nachzudenken, dann wäre ihr auch von selbst eingefallen, dass es schon von Beginn an ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen gewesen war. Sie nahm seufzend den Becher Wein entgegen, den ihr eine herbeigeeilte Magd reichte. Langsam wurden die Gespräche am Tisch wieder aufgenommen.
Hermine versuchte die bohrenden Blicke von Lucius Malfoy und die Lord Parkinsons' nicht zur Kenntnis zu nehmen, indem sie den Kopf scheinbar demütig senkte, jedoch aufmerksam den Gesprächen am Tisch lauschte, denn wie sie zufrieden festgestellt hatte, konnte sie wenigstens nützliche Informationen für den Orden sammeln.
„Wenn Ihr meine Meinung hören wollt, Walsh, dann sollte etwas passieren, eher jetzt als später!", entrüstete sich nach einer Weile Lord Parkinson wild gestikulierend.
„Ach ja? Und wie wollt ihr das anstellen? Besitzt Ihr die nötigen Männer um solch eine Tat zu vollbringen?", erwiderte Walsh höhnisch und grinste seinen Gegenüber überlegen an.
Parkinson wurde rot und man konnte ihm ansehen, dass er Walsh' patzige Antwort als persönliche Beleidigung an sein Ego ansah. Hermine erinnerte der Anblick an Harrys Onkel und sie musste ein Grinsen unterdrücken.
„Wie lange wollt Ihr noch warten, bis durch dieses unvorsichtige Handeln der Schlammblüter unsere Welt in Gefahr gerät!", knurrte Parkinson schließlich und schlug mit der Hand auf den Tisch, „Die Inquiti- ach ... die Inquitition oder wie auch immer die Muggel es nennen mögen, wird uns allmählich gefährlich. Es gibt nicht viele von uns, die es schaffen rechtzeitig an ein Pulver zu kommen um in den Flammen nicht zu verbrennen. Ihr wisst genau, dass unsere Magie nicht stark genug ist. Wir mögen zwar stärker als unsere Vorfahren sein, aber so stark, dass uns die Muggel fürchten sind wir noch lange nicht. Vielleicht in ein paar hundert Jahren, aber mir geht es um das Heute! Ich habe eine Familie, die ich verteidigen muss!"
„Hört, hört!", entgegneten die anderen und Hermine entging Walsh' leises gemurmeltes ‚und ein beachtliches Vermögen' nicht. Ebenso schien die Anspannung im Raum deutlich gestiegen zu sein.
„Na, na, meine Herrn. Wir wollen uns doch nicht mit solch dramatischen Dingen befassen, wenn gestern Abend das reizende Fräulein Pansy ihr Debut gefeiert hat.", warf nun der Gastgeber in gespielter Entrüstung ein, woraufhin sich die Gesprächsthemen anderen Dingen widmeten und sich die Spannung langsam verflüchtigte.
Hermine wusste nicht, ob sie enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Viel hatte sie nicht aufschnappen können, nur dass einige der Anwesenden ungeduldig wurden, mehr aber auch nicht. Vermutlich wäre noch einiges gesagt worden, hätte dieser verdammte Malfoy sich nicht eingemischt! Nun war dieser aber kaum ein Mann, der es riskieren würde, dass gewisse Dinge an falsche Ohren gerieten. Hermine fragte sich erneut, ob seine Drohung nicht doch ernst gemeint gewesen war oder ob es nur daran lag, dass er ihr nicht traute ... .
Schließlich war man zum Aufbruch bereit und Hermine half den Knechten das Gepäck ordentlich in der Kutsche zu verstauen. Ihr grauste es bereits vor der Heimreise in diesem schrecklichen Gefährt. Hatte man doch hinterher mehr blaue Flecken als man zählen konnte und steife Glieder.
„Hermine! Was trödelst du nur wieder so lange mit den Knechten rum, ich erfriere noch!", nörgelte Pansy und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.
Hermine bedankte sich bei einem ihrer Helfer und drückte ihm lächelnd ein Trinkgeld in die Hand bevor sie sich an ihre zeternde Herrin wandte, um ihr in die Kutsche zu helfen. Währendessen glitt Hermines Blick zufällig über den Hof um vielleicht doch noch einen Blick auf Lord Snape zu werfen, der zum Morgenmahl nicht erschienen war. Erschrocken hätte sie beinahe den Arm ihrer Herrin losgelassen, als sie ihn dann auch wirklich erblickte. Dort stand er, oben auf dem Treppenportal neben Lord Malfoy.
Pansy war Hermines Verhalten aufgefallen und wollte sie schon anfahren, als auch ihr Blick auf Lord Snape fiel. Ihr schien im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnlade hinuntergeklappt zu sein, fing sich jedoch schnell wieder und setzte ein für sie berüchtigtes zuckersüßes Lächeln auf. Nun, er mochte vielleicht nicht das überwältigende Aussehen von Lord Black besitzen, dafür war er allerdings viel einflussreicher und intelligenter und das war etwas, woran Pansy ungemein teilhaben wollte. So schubste sie Hermine beiseite und eilte auf die wenigen Stufen zu, die zum Portal hinaufführten.
„Lord Snape! Ich hatte schon befürchtet Euch gar nicht mehr Lebewohl sagen zu können!", trillerte sie in gespielter Entrüstung, während Malfoy und Snape langsam die Treppe hinunterschritten.
Hermines wütende Blicke folgten Pansys grazilem Getippel, als einer der Stallknechte ihr beim Aufstehen half. Zu ihrer Entschädigung sah Lord Snape allerdings alles andere als erfreut aus. In Wahrheit hatte es den Anschein, als ob er lieber wieder kehrt gemacht hätte, als sich Pansys affektiertem Gekicher auszusetzen. Stattdessen zwang er sich zu einer ausdruckslosen Miene und verneigte sich leicht vor Pansy.
„Ich bin untröstlich.", war das einzige was er erwiderte. Hermine entging der spöttische Unterton nicht. Malfoy schien nicht sonderlich über Snapes Betragen begeistert zu sein, denn eine Augenbraue hob sich ungläubig. Allerdings schien all das an Pansy vorübergegangen zu sein, denn sie ließ nochmals ihr affektiertes Gekicher ertönen, errötete geziemt und schlug dezent die Augen nieder. In Hermine stieg Übelkeit auf, die unfreiwillig Zeugin dieses Schauspiels wurde. Lord Parkinson war nun auf die kleine Gruppe zugetreten und klopfte Snape väterlich auf die Schulter.
„Ich hoffe, Euch bald in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen, mein lieber Lord Snape.", ließ Lord Parkinson zustimmend verlauten.
„Es ist mir eine Ehre.", kam die steife Antwort.
Hermine saß mit Pansy wartend in der Kutsche bis die beiden Männer ihre Vereinbarung getroffen hatten. Sie lauschte fasziniert der gedämpften Stimme von Lord Snape und war eigenartigerweise hoch erfreut, diesen in absehbarer Zeit auf der Burg ihres Herrn wiedersehen zu können.
Hermine warf einen kurzen Blick auf Pansy, die Gegenstand des Besuchs von Lord Snape zu sein schien. Pansy bewegte sich unruhig auf ihrem Sitzplatz und strahlte so sehr, dass sogar der liebe Herr Jesus bei ihrem Anblick neidisch geworden wäre. Als sie den Blick ihrer Zofe spürte, verwandelte sich ihr seliges Lächeln in eine höhnisches Grimasse.
„Neidisch?"
Hermines Wangen röteten sich vor Zorn und gerade als sie Pansy eine passende Antwort geben wollte, wurde der Kutschenverschlag aufgerissen und Lord Parkinson trat mit einem triumphierenden Grinsen ein und setzte sich neben seine Tochter.
„Bald, schon sehr bald wird unser Geschlecht zu einem der mächtigsten im Land gehören, meine Liebe."
