Hermines Gedanken kreisten am nächsten Morgen um dem schrecklichen Vorfall mit Lord Malfoy am gestrigen Abend. Ihr erster Impuls war sich irgendwo zu verkriechen und darauf zu hoffen, dass die Welt wieder in Ordnung kommen würde und dieser Tag nie existiert hätte. Wie hatte es nur so weit kommen können? Sie strich sich eine Haarsträne aus dem Gesicht und studierte nachdenklich ihr Äußeres im Spiegel. Unter ihren rotgeränderten Augen lagen dunkle Schatten, Zeugnis einer durchwachten Nacht. Dazu hatte ihre Hautfarbe eine kränkliche Blässe angenommen, die die dunklen Augenringe nur zu deutlich hervorhoben. Sie seufzte ärgerlich und warf ihrem Spiegelbild eine Grimasse zu. Nachdem sie in der Nacht verschiedenste Gefühlsstadien durchgemacht hatte, von Selbstverachtung bis hin zum Selbstmitleid war nur noch rasender Zorn geblieben und ihre Zielscheibe dafür war Lord Malfoy. Sie war zu dem Schluss gekommen sich von diesem Ereignis nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Diesen Triumph würde sie diesem Widerling nicht gönnen! Hermine atmete tief durch. Am liebsten würde sie ihm seine widerwärtige Visage zerkratzen aber sie wusste, dass das äußerst absurde Gedanken waren. Es half alles nichts, sie musste ihren Zorn hinunterschlucken und Malfoy so gut es eben ging aus dem Weg gehen. Das war wohl das Beste für sie und ihren Seelenfrieden. Mit diesem Vorsatz warf sie einen letzten Blick in den Spiegel, trat seufzend zurück und machte sich an die Arbeit, denn das würde sie mit Sicherheit auf andere Gedanken bringen.
Sie stürzte sich in ihre Arbeit, wobei die Stunden wie im Fluge vergingen. Es war das erste mal, dass sie froh darüber war, dass ihr Tag ohne große Zwischenfälle verlief. Sie spürte ein leichtes Hochgefühl, was ihr wiederum die Kraft gab nicht Pansy anzuschreien, als diese ihre Nerven aufs Äußerste strapazierte. Zu ihrer weiteren Freude, hatte Pansy ihr den Rest des Nachmittages frei gegeben, damit sie mit ihrer Freundin die sicher bald stattfindende Hochzeit planen konnte und dabei störte Hermine natürlich ungemein. Dieser war es nur recht und so hatte sie sich vorgenommen in ihrem Geheimversteck, das ein kleiner Raum nach der Galerie in der großen Halle war, eine Weile Zuflucht zu suchen. Sie hatte den Raum zufällig entdeckt, als sie auf der Suche nach einem Straßenköter gewesen war, der sich in die Burg geschlichen hatte und die Küchenmägde in hellen Aufruhr versetzt hatte. Mit der Zeit hatte sie sich ein gemütliches Nest dort eingerichtet, wo sie ungestört ihre Bücher lesen konnte und von wo aus sie Informationen sammelte, denn man konnte jedes Gespräch belauschen, dass in der Halle gesprochen wurde ohne dass sie entdeckt wurde.
So war sie nun die kleine unbenutzte Wendeltreppe zur Galerie hinaufgestiegen und wollte gerade ihren Weg zu ihrem Refugium fortsetzen, als sie aufgebrachte Stimmen hörte und sich unter das Geländer duckte, damit man sie nicht sehen konnte. Kurz darauf schwang die Seitentür auf und sie konnte schnelle Schritte hören.
„Lucius, so glaubt mir doch, ich bin untröstlich!"
Hermine spürte, wie ein Zittern durch ihren Körper lief und Übelkeit sich in ihr breit machte, als sie den Namen des Mannes hörte, den sie am liebsten in der Hölle schmoren sehen wollen würde. Sie presste ihre Lippen zusammen um ein wütendes Zischen zu verbergen, umkrallte mit ihrer Hand die Steinbrüstung und sie versuchte ihr rasendes Herz zu beruhigen.
„Ich habe nicht den Eindruck, dass Ihr das in irgendeiner Art seid, Parkinson, aber sei's drum. Ich habe wichtigeres zu tun, also sagt mir, weshalb Ihr mich hierher bestellt habt, zum Teufel!", begehrte Malfoy auf und Hermine konnte das Scheppern eines Trinkpokals hören, den Malfoy offensichtlich in seiner Wut durch den Saal geschleudert hatte.
„Ihr werdet sicher nicht enttäuscht sein, Lucius. Ich habe wundervolle Neuigkeiten." versuchte Parkinson hörbar nervös zu beschwichtigen.
Hermine hatte sich einigermaßen in den Griff bekommen und wagte sich ein wenig vorzuschieben um hinunter in den Saal zu blicken. Lord Parkinson hatte Malfoy zu einem Tisch geführt auf dem einige Dokumente und Karten lagen und winkte nun einer Magd Wein zu bringen.
„Wie Ihr sicher feststellen werdet, war ich seit der letzten Versammlung nicht untätig. Ich habe einige neue, sehr nützliche Informationen erhalten.", liebedienerte Parkinson und wollte schon fortfahren, als er von Malfoy scharf unterbrochen wurde, der dem bisherigen Gerede mit verschränkten Armen und düsterer Miene gelauscht hatte.
„Ihr solltet vielleicht daran denken, dass Ihr mit Eurem Wissen nicht hausieren gehen solltet, mein Freund. Es gibt eine undichte Stelle und es wäre nicht ratsam, wenn dieser Teil den falschen Ohren zukommen würde.", knurrte Lord Malfoy und warf der Magd einen warnenden Blick zu, die eiligst verschwand.
Für einen Moment hatte Hermine schon befürchtet, ihre Anwesenheit wäre entdeckt worden, aber als die Magd die Tür hinter sich geschlossen hatte und Malfoy nach dem Becher griff und sich über Parkinsons Karten beugte, beruhigte sie sich wieder. Sie musste versuchen ihre Nerven zu bewahren.
„Ihr hattet natürlich wie immer recht, Lucius. Vergebt meine Zerstreutheit."
„Was auch immer, Parkinson. Würdet Ihr nun die Güte besitzen und berichten, was Ihr für Neuigkeiten habt, oder muss ich Euch jedes Wort aus der Nase ziehen!"
„Nein. Nein, natürlich nicht. –Hier. Wie Ihr sehen könnt, haben meine Informanten herausfinden können wo Dumbledore seine Truppen stationiert hat. Und hier seht Ihr, welche Banner ihm bereits folgen."
Hermine konnte nicht erkennen was auf der Karte stand, aber die Information war auch so eindeutig genug. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie begriff, was dies für den Orden und die Seite des Guten bedeuten konnte, wenn der Feind eine Karte der Stationierungen der Truppen besaß. Wie hatte diese Information Parkinson in die Hände fallen können? Gab es etwa Verräter in den Reihen des Ordens!
„Exzellente Arbeit, mein Freund. Wie es scheint habe ich Euch unterschätzt. Habt Ihr auch herausgefunden, welche neuen Banner Dumbledore folgen werden?"
„Erst heute morgen habe ich das neueste Schreiben erhalten, Lucius. Hier ist es schon."
Hermine sah, wie Parkinson Lucius ein großes Stück Pergament reichte. Sie sah, wie sich Malfoys Körper vor unterdrückter Wut anspannte. Anscheinend waren es keine erfreulichen Neuigkeiten. Gut, dachte Hermine schadenfroh.
„Seid Ihr Euch sicher, Parkinson?"
„Vollkommen. Es hat mich ehrlich gesagt nicht weiter überrascht, aber es muss eine große Schande für Euer Weib sein."
„Natürlich ist es eine Schande, wenn sich die Sippe meines Weibes auf die Seite des senilen Tattergreises stellt!", dröhnte Malfoy und warf wutentbrannt das Pergament auf den Tisch zurück, „Das edle Haus der Blacks auf der Seite der Blutsverräter! Sirius war immer schon das schwarze Schaf ... dummerweise war er als einziger seiner Familie so zäh genug zu überleben und den Familiennamen weiterzutragen. Das wird er mir persönlich büßen, Parkinson, das schwöre ich hier und jetzt!"
„Ihr werdet noch genug Zeit haben, Rache an ihm zu üben, Lucius, aber vorerst müsst ihr dem dunklen Lord diese Nachricht zukommen lassen, damit er entscheiden kann was geschehen soll!"
Hermine zuckte bei Parkinsons Wortwahl innerlich zusammen. Schlechte Taktik. Wie sie vermutet hatte, traf Parkinsons Ton einen Nerv, der lieber unberührt hätte bleiben sollen, denn Malfoy packte ihn am Kragen seines Wamses und schüttelte ihn ein paar Mal derb.
„Wagt es nicht noch einmal in diesem Ton mit mir zu sprechen, Parkinson! Ihr steht weit unter mir und selbst die Heirat Eurer Tochter mit Snape wird Euch nicht mehr Autorität verschaffen, als die Heirat mit einem Bauern. Snape mag zwar das Ansehen und die Gunst des dunklen Lords besitzen, aber er ist ein Bastard und wird es auch immer bleiben. Ich hingegen besitze Reichtum und Macht, die schon über Jahrhunderte im Besitz meiner Familie sind und jemand wie Ihr seid es nicht einmal wert den Dreck von meinen Stiefeln zu lecken. Merkt Euch das! Haltet Euch lieber bereit, wenn seine Lordschaft seine Vasallen zum Kampf ruft. Da könnt Ihr dann zeigen, was Ihr wert seid.", damit ließ Malfoy Parkinson abrupt los, griff sich die Dokumente und stopfte sie in sein Wams, bevor er aus dem Saal stürmte.
Hermine sank erleichtert an die Mauer zurück und schloss die Augen. Einmal war sie zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. Sie konnte Parkinson wütend vor sich hinschimpfen hören, während sie ihre Röcke raffte und in ihre Kammer zurückeilte. Es galt jetzt zu handeln und zu hoffen, dass Snape bald wieder auftauchen würde, damit Dumbledore gewarnt wurde!
