Während Hermine in die Halle trat drehten sich ihre Gedanken nur um das Wappen des Kuriers. Verdammt! Ihr fiel es bis dato einfach nicht ein. Nun gut, vielleicht würde sie es im Laufe des Gesprächs mit Parkinson herausfinden. Pansy warf dem Neuankömmling nur einen abfälligen Seitenblick zu und widmete sich anschließend wieder ihrer Stickarbeit. Nachdem Hermine dem Kurier den Platz am Kamin angeboten hatte bis dessen Kammer bezugsfähig war, rauschte Parkinson in die Halle. Er baute sich so majestätisch vor dem Gast auf, dass selbst der König von England neidisch hätte werden können.
„Hermine, lauf sofort in die Küche und unterrichte Bertram davon, dass ich heute Abend ein Gelage vom Feinsten kosten möchte! Bevor mein Gast mir Bericht erstattet, möchte ich ihm und mir einen vollen Magen verschaffen."
Hermine verzog auf Grund seines blasierten Tonfalls das Gesicht, eilte aber schnell aus der Halle, um ihren Auftrag auszuführen. Nachdem sie den Koch sowie die Schank- und Küchenmägde unterrichtet hatte, begab sie sich wieder in Richtung Halle bog aber davor scharf rechts ab und eilte die Stufen zur Galerie hinauf, um von dort oben dem Gespräch zwischen Parkinson und dem Kurier zu folgen. Wäre sie unten in der Halle anwesend, würde der Kurier wahrscheinlich darauf bedacht sein, nichts verfängliches zu äußern.
Währendessen hatten schon einige Knechte roh behauene Eichentische in die Halle geschleppt und aufgestellt. Mägde eilten geschäftig hin und her, während Pansy dem Geschehen um sich herum kein Augenmerk schenkte sondern sich voll und ganz auf ihre Stickerei konzentrierte und nur gelegentlich missbilligend die Augenbrauen hob. Es war Hermine gleich, ob Pansy sie suchte oder nicht, schließlich hatte sie wichtigere Dinge zu tun, als dieser hausfrauliche Fähigkeiten beizubringen. Wobei das fast so unmöglich schien, wie die Mauern von Jericho mit einer Sticknadel zum Einsturz zu bringen. Diese Frau würde niemals so etwas wie einen Wandteppich nähen können ohne ständig ihr Nähgarn zu verknoten. Hermine schnaubte abfällig und ließ sich hinter der Balustrade nieder und griff nach ihrem Buch, dass sie dort für solche Fälle deponiert hatte und schlug es auf. Sie würde die Zeit wenigstens sinnvoll nutzen, während sie wartete, bis etwas geschah. Wenn überhaupt, dachte sie bitter und schlug die nächste Seite auf.
Leise drang Musik an ihr Ohr. Hermine fuhr erschreckt zusammen und fühlte das Buch von ihrer Brust rutschen. Gähnend rieb sie sich die brennenden Augen und warf einen Blick hinunter in die Halle. Erleichtert atmete sie auf, als sie immer noch vereinzelte Tänzer erspähte, die über den einen oder anderen Trunkenbold steigen mussten. Irgendwer schnarchte so laut, dass Hermine befürchtete von einem der Deckenbalken erschlagen zu werden. Sie rieb sich ihren schmerzenden Rücken und griff wieder nach ihrem Buch, dass sie hatte fallen lassen. Bevor sie sich ihrer Lektüre erneut widmete, schweifte Hermines Blick noch einmal über die Halle. Pansy schien sie nicht zu vermissen, sie wirkte wie besessen von ihrer Arbeit. Zweifelsohne wollte sie damit Lord Snape beeindrucken, was Hermine innerlich vor Eifersucht kochen ließ. Sie hatte krampfhaft versucht, diesem Trampel hausfrauliche Fähigkeiten einzubläuen doch was hatte es genutzt? Ihre Zeit hätte sie auch weit besser nutzen können, denn Pansy zeigte sich darin so begabt wie eine drittklassige Milchkuh. Wenn sie nur daran dachte, Pansy mit dem Format eines Mannes wie Lord Snape verheiratet zu sehen... leise seufzend fuhr sie sich über ihre Augen und massierte ihre schmerzenden Schläfen.
Es sollte noch längere Zeit dauern, bis Parkinson endlich den Befehl gab, die Festivität zu beenden. Nachdem auch die Musikanten die Halle mehr schwankend als aufrecht verlassen hatten, setzte sich Parkinson auf den Sessel vor dem Kamin und beobachtete den Kurier, der sichtlich nervös vor ihm auf und abging.
„Was hast du mir nun zu berichten, Norrington?", fragte Parkinson schließlich angespannt.
„Ich befürchte, dass ich Euch bald keine sehr gute Informationsquelle mehr sein werde, Herr.", antwortete der Mann vorsichtig, jedoch mit einem Anflug von Enttäuschung im Unterton. Anscheinend ließ der alte Parkinson eine schöne Summe fürs Spionieren springen, dachte Hermine nicht überrascht.
„Wie soll ich das verstehen! Du weißt, dass eine Menge von deiner Aufgabe abhängt!"
„Ich weiß, Mylord, aber wie es aussieht hat Dumbledore beschlossen seine Truppen wieder zu verlegen und ich bin nicht mehr ranghoch genug um darüber informiert zu werden."
„Möge dieser verfluchte Sohn einer Hure elendig in der Hölle schmoren! Bist du sicher, dass du keine Informationen mehr erhältst? Kannst du niemanden bestechen?"
„Ohne aufzufallen, nein, Sir."
Nun war es an Parkinson unruhig vor dem Kamin auf und ab zu gehen. Hermine konnte ein sardonisches Lächeln nicht verbergen, als sie mit ansehen durfte, wie Parkinson fast verzweifelte, nachdem Norrington ihm indirekt das Ende seines Aufstieges in Voldemorts Reihen offenbart hatte. Ohne lohnenswerte Informationen war er dem Dunklen Lord nichts mehr wert und nur noch einer unter vielen seiner Anhänger.
„Versuche dennoch an nützliche Informationen zu gelangen, Norrington. Du kannst nun gehen.", meinte Parkinson schließlich resigniert und ließ sich in seinen Sessel fallen.
Norrington stand unschlüssig auf und verließ zögernd die Halle, um sich in der Gästekammer niederzulassen .Vermutlich hatte er auf eine Belohnung gehofft, aber nach diesen Nachrichten hatte sich dies natürlich in Luft aufgelöst. Hermine atmete tief durch und streckte ihre schmerzenden Glieder bevor sie sich leise hinunterschlich und unbeobachtet ihre Kammer aufsuchte. Hastig zog sie Pergament und Feder zu sich heran, um das Wappen des Kuriers aus ihrer Erinnerung heraus aufzuzeichnen, bevor sie es mit einem Brief an Snape verschicken würde. Es gelang ihr mehr recht als schlecht, doch sie hoffte trotzdem, dass Snape es irgendwie erkennen würde. Seufzend fragte sie sich, wie lange sie würde warten müssen, bis sich eine Möglichkeit ergab persönlich mit ihm zu sprechen.
Hastig schrieb sie ihm ein paar Zeilen und versiegelte sie mit Kerzenwachs. Danach grübelte sie, wie sie den Brief nun schnellstmöglich verschicken könnte. Sie musste wohl oder über Pansy zu einem Liebesbrief an Snape überreden, damit ihr Brief nicht wieder abgefangen werden konnte ... von wem auch immer.
Zunächst erwog sie, in Pansys Kammer zu eilen, sie wachzurütteln und ihr ein Pergament unter die Nase zu halten. Das wäre der wesentlich schlechteste Weg, denn dann musste sie nicht nur Pansys schlechte Laune ertragen, sondern auch ihr ungewöhnliches Verhalten erklären. Sie würde wohl oder übel bis zum nächsten Tag warten müssen.
Am nächsten Morgen saß Hermine in Pansys Ankleidezimmer und brütete vor sich hin, als die Tür plötzlich aufgeschlagen wurde und gegen die Wand krachte. Pansy stand im Türrahmen, die Hände in die Hüften gestützt und sie wütend anfahrend.
„Wo zum Teufel hast du nur den ganzen letzten Abend gesteckt! Du hast wohl gedacht, ich hätte deine unverschämte Abwesenheit nicht bemerkt. Da hast du dich getäuscht, meine Liebe!"
„Ich fühlte mich gestern nicht sonderlich wohl. Ich wollte Euch meinen Anblick ersparen.", antwortete Hermine verzeihend und machte sich daran Pansys Kleid herauszusuchen.
„Ach, dieses Unwohlsein scheint dich aber in letzter Zeit öfter zu überkommen, findest du nicht auch!", zeterte Pansy, zog sich ihr Nachtgewand aus und warf es Hermine zu.
„Ich hoffe nur, dass Euch mein Leiden erspart bleiben wird. Die meiste Zeit der Nacht habe ich auf der Latrine verbringen müssen."
Pansy musterte Hermine kritisch. Es stimmte, Hermine sah aus, als hätte sie nicht viel Schlaf abbekommen. Dunkle, blutunterlaufene Augenringe und ihre fahle Blässe waren Zeugen einer nicht wirklich geruhsamen Nacht. Pansys Laune verbesserte sich schlagartig. Oh ja, es war wirklich erfrischend, diese besserwisserische Kaufmannstochter so zu sehen. Hämisch lächelnd griff sie nach dem dargebotenen Kleid.
„Glaub aber ja nicht, dass ich das als dauernde Entschuldigung annehme."
Lange Zeit sprach keiner von ihnen ein Wort. Hermine griff nach der Haarbürste, um Pansy zu frisieren und wie erhofft brach diese das Schweigen.
„Wenn mich Lord Snape das nächste Mal besuchen kommt, werde ich ihm das Taschentuch schenken, dass ich ihm gestern mühevoll bestickt habe. Ich sehe ihn schon vor mir, wie er mir in die unwiderstehlichen Augen blickt und mir seine leidenschaftliche Liebe gesteht."
Hermine umkrallte bei diesen Worten so sehr die Haarbürste, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie musste sich beherrschen sonst würde diese dämliche Ziege noch den Verdacht schöpfen, dass sie Gefühle für ihren zukünftigen Ehemann hegte. Sie zwang sich förmlich zu den nächsten Worten.
„Lord Snape wird sich sicher über Eure Bemühungen freuen."
Pansy warf ihr einen misstrauischen Blick zu, bevor sie sich straff aufrichtete und sich zufrieden im Spiegel betrachtete. Heuchelei war doch immer noch die bessere Lösung, dachte Hermine sarkastisch.
„Ich kann mir vorstellen, dass Euer zukünftiger Ehemann sich förmlich nach Euch verzehrt, zumal er Eures Anblicks schon lange beraubt war. Wäre es nicht angebracht, dem Sehnsuchtsvollen eine Nachricht zu senden, um ihm das Warten auf Euch etwas zu versüßen?", meinte Hermine schließlich beiläufig und tat als ob sie nach geeigneten Haarnadeln suchen würde.
Pansy grinste sie schadenfroh an, bevor sie seufzte und wieder ihr Spiegelbild betrachtete, während Hermine ihre Arbeit beendete.
„Du hast recht. Auch wenn du sonst zu nichts zu gebrauchen bist. So viel Zeit ist nun schon vergangen, seitdem ich ihm einen Brief von mir geschrieben habe. Waren es zwei oder drei Tage? Ach, ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich werde mich sofort an den Tisch setzen und mit dem Schreiben beginnen. Ich vermisse ihn so schrecklich. Hoffentlich kommt er bald wieder, damit wir anfangen können unsere Hochzeit zu planen. Nachher bricht der Krieg aus und er zieht in die Schlacht, bevor wir überhaupt verheiratet sind.", philosophierte Pansy verträumt, setzte sich an den Tisch, griff nach einer Feder und begann mit ihrem Liebesbrief.
Hermine gratulierte sich innerlich zu ihrer gelungen Manipulation und setzte lächelnd noch hinzu, dass sie diese Hochzeit ganz gewiss verhindern würde.
