Hermine saß in einer Nische am Fenster und blickte melancholisch hinaus in die verregnete Landschaft. Das Unwetter hatte die Burgbewohner zu Müßiggang verurteilt, da der Regen sie förmlich in der Festung einsperrte und sie an ihrer gewohnten Arbeit im Freien hinderte. Pansy hatte ihr verkündet, den heutigen Tag in ihrer Kammer zu verbringen, was Hermine nicht sonderlich störte. Seufzend winkelte sie ihre Knie an und legte ihr Kinn darauf. Wie so oft in den letzten Tagen dachte sie an Lord Snape, der ihr bis jetzt keine Nachricht auf ihr Schreiben gesendet hatte. Den Kopf an die kalte Fensterscheibe gelehnt fuhr sie mit dem Finger traurig den Weg ein paar verirrter Regentropfen nach. Vielleicht hatte er ihre Nachricht auch zu spät erhalten und er war bereits über den Verräter informiert worden. Als sie erneut leise aufseufzte beschlug ihr Atem die Fensterscheibe und ließ die Landschaft dadurch gespenstisch verzerrt wirken. Sie wischte mit ihrer Hand über die Scheibe und hob ihren Blick in den grauen Himmel. Es war nicht auszuschließen, das ihm etwas zugestoßen sein könnte. Sein doppeltes Spiel war gefährlich und konnte ihm schlimmeres bringen als den Tod. Sie wandte sich entsetzt von diesem Gedanken vom Fenster ab. Sie betete zu Gott, dass er noch unversehrt sein mochte und seinen Feinden gegenüber äußerst wachsam war. Malfoy würde keine sich bietende Gelegenheit auslassen, um Snape irgendwie schaden zu können.

Das Unwetter sollte noch bis in den späten Abend dauern, was nicht untypisch für Schottland war. Plötzlicher Lärm im Burghof lockte Hermine jedoch von ihrem Platz am Fenster weg und trieb sie neugierig aus der wärmenden Halle hinaus. Unzählige Pechfackeln blendeten sie beinahe, als sie die Burg verließ und in den mit Soldaten überfüllten Burghof spähte. Entsetzt schnappte sie nach Luft, als ihr das Ausmaß dessen gewahr wurde, was sie unfreiwillig entdeckt hatte. Gavin bellte Befehle quer über den Burghof und die Söldner folgten diesen nur widerwillig, während immer neue Einheiten von ihnen in die Burg zur Musterung strömten. Hermine presste ihren Rücken gegen die schützenden Mauern und atmete tief durch. Söldner. Ein Alptraum ohne gleichen. Diese Art Menschen gehörte für sie in die gleiche Kategorie gleich nach Lucius Malfoy. Sie waren ein gottloses Pack allesamt, die sich einfach das nahmen, was sie zwischen die Finger bekamen, ganz egal was. Ob es nun willige oder unwillige Frauen waren, zählte nicht. Sie raubten, plünderten und setzten ganze Städte in Brand. Eines Tages war ein völlig vernarbter Kunde in den Laden ihres Vaters getreten und hatte Hermine auf deren Fragen von den schrecklichen Gräueltaten der Söldner in seinem kleinen Heimatort berichtet. Hermine bekam selbst jetzt noch eine Gänsehaut, wenn sie daran dachte. Gerade wollte sie rückwärts zurück in die Burg weichen, als sie auf einmal in eine rüde Umarmung gerissen wurde.

„Na meine Süße? Wer hätte gedacht, dass wir hier zu dem ansehnlichen Lohn auch hübsche Weiber geboten bekommen?"

Hermine schrie auf und wand sich aus der stinkenden Umklammerung des Söldners. Sie stolperte und prallte gegen das Mauerwerk. Als sie sich herumdrehte um ihren Angreifer gegenüber zu treten, war dieser verschwunden. Er lag im Unrat und funkelte Gavin wütend an, der ihm einen Fuß auf die Brust gestellt hatte und ihn somit am Boden fixierte.

„Behalte deine schmutzigen Finger bei dir oder ich werde dir eigenhändig das Fell gerben! Hast du verstanden!"

Mühsam rappelte sich der Söldner auf, nicht ohne Hermine einen bösen Blick zuzuwerfen und trollte sich davon.

„Was machst du hier draußen? Ich schlage vor, du verschwindest wieder auf dem schnellsten Weg in die Burg! Heute Abend ist nicht der rechte Zeitpunkt, um allein im Burghof zu flanieren. Ich meine es ernst Hermine!"

Sie starrte Gavin mit großen Augen an, dankte ihm atemlos für seine Hilfe und eilte so schnell sie ihre Füße tragen konnten zurück in die Burg. Parkinson hatte also seine Soldatenbestände mit Söldnereinheiten aufgestockt. Diese Nachricht musste sie sofort Snape zukommen lassen! Sie wies ein paar Mägden an, den Waschzuber in ihre Kammer zu schaffen, damit sie sich den grässlichen Gestank des Söldners abwaschen konnte. Während sie sich gedankenverloren badete, fragte sie sich, wie sie sich bei Gavin erkenntlich zeigen konnte. Ihr erster Gedanke war ihm das fertige Taschentuch zu schenken, aber sie fand, dass es bei ihm den falschen Eindruck hinterlassen würde und außerdem hatte sie dieses Tuch Lord Snape zugedacht. Sie würde ihm ganz einfach mehr vom besten Wein zugestehen. Zufrieden mit dieser Idee ließ sie sich seufzend ins warme Wasser zurückgleiten.

Am nächsten Morgen war Hermine Zeuge von Lord Snapes Großzügigkeit gegenüber seiner zukünftigen Ehefrau. Ein namenhafter Schneider und ein flandrischer Tuchhändler waren eingetroffen, um sich im Namen von Lord Snape um die neue Aussteuer der Braut zu kümmern. Hermine setzte ein gequältes Lächeln auf, als der Tuchhändler sie um Beifall heischend ansah, während Pansy sich mit ihren Händen fasziniert von Snapes Reichtum durch die einzelnen Stoffbahnen wühlte. Langsam begann sie die schmerzliche Wahrheit zu akzeptieren, dass Snape keinerlei Interesse an ihr hatte und der Kuss nur eine Folge männlicher Lust gewesen war. Sie hatte sich zu sehr in den Gedanken hineingesteigert, dass mehr als nur der Wunsch nach männlicher Befriedigung hinter seinen Avancen gesteckt hatte. Als der Schneider um ihren Rat bezüglich der verschiedenen Schnittmuster bat, drohte Hermine endgültig in Tränen auszubrechen. Sie atmete tief durch und wischte sich kurz über die verräterisch brennenden Augen und wandte dann ihre Aufmerksamkeit den Mustern zu, wobei sie gedanklich nicht bei der Sache war. Nachdem sie die Tortur tapfer überstanden hatte, verspürte sie plötzlich den unwiderstehlichen Drang an die frische Luft zu gehen, Söldner hin, Söldner her.

Die steife Brise nahm ein wenig von ihren tristen Gedanken mit sich, als sie auf einem der Wehrtürme stand und in die Weiten Schottlands blickte. Sie genoss diesen Anblick und der Herbst schien diese raue, wilde Landschaft nur noch schöner und unbezwingbarer erscheinen zu lassen. Äußerst fehl am Platze erschienen ihr jedoch die unzähligen Zelte der Söldner, die außerhalb der Burgmauern aufgestellt worden waren. Sie zog ihren Umhang noch fester um sich und versuchte eine Haarsträhne, die sich aus ihrer Haube gelöst hatte, wieder hineinzustecken, als Gavin plötzlich neben ihr auftauchte. Sie zuckte erschrocken zusammen und warf Gavin einen düsteren Blick zu, der sie beherzt anlächelte.

„Da steckst du also. Ich habe dich schon überall gesucht.", meinte er schließlich und lehnte sich lässig gegen die Brüstung.

Hermine hatte immer noch schlechte Laune und hatte gewiss keine Lust auf Schäkereien mit dem Wachmann. Männer konnten ihr in diesem Moment, weiß Gott, gestohlen bleiben.

„Was willst du?", fragte sie irritiert und wandte ihren Blick wieder der Landschaft zu.

„Da kam gerade ein Reiter mit einer Nachricht für dich, falls das deine Laune vielleicht aufheitert.", erwiderte Gavin beinahe beiläufig.

Hermine sah Gavin überrascht an, der sich äußerst interessiert seinen Fingernägeln gewidmet hatte.

„Wann!", fragte sie aufgeregt und rüttelte sanft an Gavins Arm.

Gavin grinste Hermine an und hob die Schultern.

„Hör auf damit, das ist wirklich nicht komisch!"

„Ist ja schon gut. Ich habe den Brief in Empfang genommen. Hier.", er überreicht ihr den Pergamentfetzen und beobachtete Hermines Gesicht, das eben noch heiter und leicht errötet gewesen war und nun blass und versteinert schien. Sie schlug eine Hand vor den Mund und stand einen Augenblick wie vom Donner gerührt da, bevor sie hilflos ein paar Schritte machte, wieder stehen blieb und sich dann Gavin zuwandte.

„Würdest du mich nach Carborough's Hill begleiten?", fragte sie mit brüchiger Stimme.

Gavin sah sie betroffen an und nickte. Es schien etwas unerwartetes eingetreten zu sein, etwas das ihr übel mitspielte, denn schließlich hatte er Hermine noch nie zuvor in so einer aufgewühlten Verfassung erlebt. Das war auch der Grund weshalb er gegen einen seiner ausgeprägten Charakterzüge als Hauptmann ankämpfte, nämlich gegen den Drang über alles bis ins kleinste Detail unterrichtet zu werden und sie deshalb nach dem genauen Inhalt der Nachricht auszufragen. Hermine nickte ihm dankbar zu bevor sie die Stufen hinuntereilte und sich danach auf die Suche nach Pansy machte.

Hermine war gottfroh, als sie das Lager der Söldner hinter sich gelassen hatten und war gleichzeitig zutiefst dankbar über Gavins Begleitung. Über dem Lager lag eine feindselige Atmosphäre, die fast spürbar gewesen war. Aufatmend ritten sie nun in Richtung Carborough's Hill, wobei Hermines Gedanken unaufhörlich um die eben erhaltene Nachricht kreisten. Ihr schlechtes Gewissen bereitete ihr fast körperliche Schmerzen und die Angst um ihren Vater ließ sie seitdem nicht mehr los. In der Nachricht hatte gestanden, dass ihr Vater sterbenskrank sei und ihr Cousin Richard, der gerade geschäftlich in Carborough's Hill weilte, sie dort in einer Herberge erwartete, um sie zu ihrem Vater zu eskortieren. Richard war einer ihrer entferntesten Cousins den sie bisher nur ein zweimal in ihrem Leben gesehen hatte. Sie warf ihrem Begleiter einen kurzen Seitenblick zu. Gavin hatte schweigend das akzeptiert, was sie ihm notdürftig erzählt hatte und sie nicht mit unnötigen Fragen gelöchert, die ihr nur noch mehr Selbstvorwürfe bereitet hätten. Vor lauter Aufregung um Lord Snape und der magischen Welt, hatte sie ihre Familie vollkommen vernachlässigt. Wie selbstsüchtig sie doch geworden war! Sie versuchte sich krampfhaft zu erinnern, wann sie das letzte mal einen Brief an ihre Eltern geschrieben, geschweige denn sie das letzte mal besucht hatte. Mit Entsetzen musste sie feststellen, dass sie sich fast nicht mehr daran erinnern konnte. Ihre Eltern hatten sie in allem unterstützt, auch wenn es nicht immer einfach für sie gewesen war, zumal sie es gern gesehen hätten, wenn ihre Tochter den Sohn eines angesehenen Tuchhändlers geehelicht hätte, der dann ihr Lebenswerk fortgeführt hätte.

Es war bereits dunkel, als sie die einzige Herberge in Carborough's Hill erreicht hatten. Hermine war unendlich müde von der langen Reise und als sie von ihrem Pferd herunterglitt drohten ihre Füße unter ihr nachzugeben. Gavin stützte sie, als sie zu fallen drohte und sie lächelte dankbar, bevor sie mit sichereren Schritten die Herberge betrat.

Die Schankstube war zum Bersten gefüllt und Hermine hatte Mühe sich in dem Gedränge zurechtzufinden. Ein dreister Trunkenbold versuchte sie zu sich auf seinen Schoß zu ziehen und wurde äußerst unsanft von Gavin zurückgestoßen.

„Lass deine dreckigen Finger von ihr oder ich schwöre, dass du es bereuen wirst!", knurrte Gavin, baute sich drohend vor dem Betrunknen auf und wollte noch eins nachsetzten.

Der Angefahrene starrte ihn aus seinem alkoholisierten Zustand feindselig an, erhob sich schwankend von seinem Sitzplatz und wollte einen Schritt auf Gavin zumachen. Bevor er den Fuß jedoch überhaupt aufsetzen konnte, war er auch schon grunzend unter den Tisch gefallen. Die übrigen Gäste grölten auf und warteten gespannt auf Gavins Reaktion. Sie schienen förmlich nach einer deftigen Wirtshausschlägerei zu gieren. Hermine spürte die negative Atmosphäre in der kleinen Schankstube, legte Gavin beschwichtigend die Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf.

„Lass gut sein, Gavin. Ich will hier keinen Ärger.", murmelte sie müde und sah sich nach dem Wirt um, der bereits mit hastigen Schritten auf sie zueilte.

„Verzeiht mir die Unannehmlichkeiten. Ihr müsst sicher sehr erschöpft sein von Eurer langen Reise.", entschuldigte der Wirt und hieß Hermine und ihren Gefährten an den Schanktisch zu treten.

„Ich suche einen Mann. Sein Name ist Granger. Es hieß er würde hier auf mich warten.", erklärte sie dem zuvorkommenden Mann erschöpft.

Der Wirt sah sie einen Augenblick verwirrt an, bevor sich sein Gesicht aufhellte und ihr dreist zuzwinkerte.

„Ja, gewiss. Euer Cousin ist wirklich ein ausgesprochen unheimlicher Mensch. Er erwartet Euch im obersten Zimmer meiner bescheidenen Herberge."

„Danke."

„Nichts zu danken."

Sie kramte in ihrer Börse und drückte dem Mann eine Silbermünze in die Hand.

„Hier nehmt das und kümmert Euch gut um meinen Begleiter, bevor er wieder abreist.", instruierte sie höflich und verabschiedete sich von dem äußerst besorgt wirkenden Gavin.

Nachdem sie ihm nachdrücklich versichert hatte, dass alles in bester Ordnung wäre und er sich nicht um sie zu sorgen bräuchte verließ Gavin widerwillig die Schankstube in Richtung des Stalls, wo er zu nächtigen gedachte. Hermine indes rieb sich kurz den Schlaf aus den Augen bevor sie mühsam hinter dem Wirt die Stufen zu der Kammer hinaufstieg, in der ihr Cousin auf sie wartete.

Während ihrem Aufstieg kamen ihr erste Zweifel. Da war dieses sonderbare Gebaren des Wirts in Bezug auf ihren Cousin und seine Andeutungen über eben diesen. Was hatte dieses unverschämte Zwinkern zu bedeuten? Ging der Wirt etwa davon aus, dass sie die Geschichte von ihrem wartenden Cousin nur erfunden hatte, um in Wahrheit ihren Geliebten zu besuchen? Und was war das für eine sonderbare Beschreibung ihres Cousins überhaupt? Richard war ihr eigentlich als ein ausgeglichener und äußerst sympathischer Mann in Erinnerung geblieben, aber sie hatte ihn schon so lange nicht mehr gesehen, dass sie sich nicht ganz sicher war.

Immer noch vor sich hingrübelnd wäre sie beinahe in den Wirt gelaufen, der abrupt vor einem der Zimmer gestoppt hatte. Dieser drehte sich breit grinsend zu ihr um und deutete mit seinem schmutzigen Finger auf die Türe. Wortlos lief er an ihr vorbei die Treppe wieder hinunter ohne jedoch sein Grienen vor ihr zu verbergen. Mit schweißnassen Händen klopfte Hermine schließlich an, bevor die Tür knarrend aufschwang und gegen die Wand krachte. Im Inneren brannte nur ein einsames heruntergebranntes Talglicht, dass den Raum in gespenstisches Licht tauchte. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken und entgegen aller Vernunft trat sie ein paar Schritte in das Zimmer hinein, so als ob ihr Körper ihrem Geist nicht mehr gehorchen würde. Verzweifelt versuchte sie ihr klopfendes Herz unter Kontrolle zu bringen.

Kaum war sie unwillentlich ein paar Schritte ins Innere des Zimmers getreten spürte sie einen eisigen Windhauch im Nacken und das darauf folgende Geräusch des einrastenden Türschlosses war wie ein Donnerschlag in Hermines Ohren. Hermine erstarrte, ihre Nerven waren bis zum zerreißen angespannt. War es möglich, dass sie dem Feind wie ein verirrtes Schäfchen in die Falle gelaufen war? Verdammt, wie konnte sie nur so leichsinnig sein! Ihr Cousin hätte sie schließlich nach dem Abschluss seiner Geschäfte direkt von der Burg abholen können ohne sie erst umständlich in eine abgelegene Herberge in einem einsamen, gottverlassenen kleinen Dörfchen zu zitieren. Was sollte Richard hier auch geschäftlich zu tun haben?

Hastig drehte sie sich herum und eilte auf die Türe zu, streckte die Hand nach dem Türknauf aus und wollte daran rütteln, als sich eine eiskalte Hand auf ihren Mund und um ihre Mitte legte und sie fest an einen harten Körper gezogen wurde. Hermine wand sich heftig in den Armen ihres Angreifers und trat wild um sich, um es diesem Schuft so schwer wie möglich zu machen. Verzweifelt stellte sie fest, dass ihrer Bemühungen sich zu befreien ihrem Widersacher scheinbar nichts auszumachen schienen, im Gegenteil, er schien regelrecht amüsiert.

„Sei ganz ruhig, Mädchen.", flüsterte eine tiefe Stimme in ihr Ohr, während heißer Atem über ihre Ohrmuschel strich und sie erstarren ließ.

Warum um alles in der Welt, geriet sie immer in diese Situationen! Sie nickte langsam und überlegte fieberhaft, ob sie genug Kraft besäße um ihren Angreifer zu überwältigen, bevor er sie außer Gefecht setzen konnte. Vielleicht wenn der Überraschungseffekt auf ihrer Seite war und er absolut nicht mit einer Attacke ihrerseits rechnete. Sie hoffte, dass ihr genug Zeit bleiben würde, um aus dem Fenster zu springen. Wenn sie Pech hatte, würde sie dabei zu Tode stürzen, aber was machte es aus, schließlich war es besser als in den Händen des Feindes langsam und qualvoll ihr Leben zu lassen. Nachdem ihr Gegner ihre scheinbare Nachgiebigkeit spürte, löste er seinen Griff und ließ sie los. Hermine nutzte den Augenblick und zögerte keine Sekunde, um dem Mann mit aller Kraft ihren Ellbogen in den Leib rammen. Triumphierend nahm sie zur Kenntnis, wie ihr Widersacher vor Schmerz aufkeuchte und zusammengekrümmt zurücktaumelte. Sie flog förmlich auf das Fenster zu, riss es auf und unterdrückte zwanghaft den Drang in die schwarze Tiefe unter ihr zu sehen. Hastig warf sie ihrem Angreifer einen letzten Blick über die Schulter zu. Dieser kam immer noch langsam und wie ein verletzter Bär stöhnend auf sie zugewankt. Sie schwang ihr Bein mit einem letzten Stoßgebet über den Fenstersims und zog sich mühsam am Fensterrahmen in die Höhe.

Sie beglückwünschte sich selbst, als ihr zweites Bein sicher auf dem Sims stand und sie um Schwung zu holen weiter zurückwich. Gavin war sicher noch nicht fort und selbst wenn, dann konnte sie immer noch den Wirt um Hilfe bitten. Mit einem Ruck wurde sie am Arm zurück ins Innere gerissen. Hermine schrie überrascht auf. Unsanft landete sie auf ihrem Hinterteil.

„Ist denn der Teufel in dich gefahren, du dummes Ding!", dröhnte die Stimme ihres Gegners durch das Zimmer.

Hermine stand auf, drehte sich die schmerzende Kehrseite reibend um und sah ihren Gegenüber misstrauisch an. Diese Stimme kam ihr nur allzu bekannt vor und obwohl es schon lange her war, seit sie sie das letzte Mal vernommen hatte, gab es nur einen Menschen, der über eine solche besaß. Der Mann trat rückwärts und sie im Auge behaltend in den schwachen Schein des einsam flackernden Talglichts. Leise vor sich hinwispernd berührte er die Lichtquelle und diese strahlte daraufhin hell auf. Hermine schluckte schwer, als sie ihn erkannte.

„Hätte ich gewusst, dass du zu einem derart harten Schlag fähig bist, dann hätte ich dich vorher nicht losgelassen.", knurrte Lord Snape und hob herausfordernd eine Augenbraue.

Hermine starrte ihn an, als wäre sie soeben Zeuge von Gottes Schöpfung geworden und atmete gleichzeitig erleichtert aus. Snape trat einen Schritt näher auf sie zu, wobei sie sich nun dicht gegenüber standen und Hermine ihm verträumt in die Augen blickte, in Erinnerung an ihren Kuss schwelgend, bevor sich ihr Verstand einschaltete und sie grimmig von ihm wegtrat.

„Eigentlich hatte ich auf eine andere, äußerst heikle Stelle von Euch gezielt. Schade, dass ich nicht getroffen habe, denn verdient hättet Ihr es allemal! Würdet Ihr mir freundlicherweise erklären, weshalb Ihr Euch wie ein hinterhältiger Meuchelmörder verhalten habt? Ihr habt mich zu Tode erschreckt!", grollte sie erzürnt und schloss das Fenster.

„Ich dachte, dass du mich erkennen würdest." Er warf ihr einen belustigten Blick von der Seite zu.

Hermine starrte ihn finster an. Ihr Wiedersehen hatte sie sich wirklich anders vorgestellt. Die Wirklichkeit sah allerdings ganz anders aus. Was fiel diesem Kerl eigentlich ein? Erst hatte er sie geküsst, dann ignoriert und zu guter Letzt in Todesangst versetzt. Selbst wenn sie sich zu viele Hoffnungen gemacht hatte, was seine Avancen betraf, es gab ihm lange nicht das Recht sie so zu behandeln.

„Hättet Ihr nicht die Güte haben können Euch netterweise zu erkennen zu gegeben, bevor ich glaubte, dass ich mich aus dem Fenster hätte stürzen müssen um den dreckigen Fingern des Feindes zu entgehen! Ich wäre fast gestorben vor lauter Angst um meinen angeblich tot kranken Vater, der mich an seinem Sterbebett empfangen wollte. Könntet Ihr mir nicht den Grund für Euer unerklärliches Verhalten nennen!", fuhr sie ihn aufgebracht an.

Sie war mittlerweile nur noch wütend auf Lord Snape und ein klein wenig enttäuscht über dieses verpatzte erste Treffen mit ihm. Völlig in Rage lief sie vor ihm auf und ab und warf ihm nur gelegentlich einen wütenden Seitenblick zu. Snape zog verblüfft die Augenbrauen hoch, verschränkte wortlos die Arme vor seiner Brust und starrte sie dann ebenso finster an.

„Mir blieb, weiß Gott, keine andere Wahl! Nenne mir nur einen guten Grund, wie ich dich sonst aus Pansys Diensten hätte befreien können. Wäre es ein besserer Plan gewesen, dich aus der Burg meines zukünftig Weibes zu entführen?", gab er gereizt zurück.

Hermine zuckte bei seinen letzten Worten zusammen. Also hatte er wirklich vor, Pansy zu ehelichen? Das konnte, nein, durfte einfach nicht wahr sein!

„Da mögt Ihr recht haben, aber das erklärt noch lange nicht Euer mieses Betragen mir gegenüber!"

Hermine war stehen geblieben und funkelte ihn nun herausfordernd an. Snape war etwas überrascht über Hermines temperamentvolles Betragen. Er hatte sie sonst immer aufs äußerste beherrscht erlebt, aber irgendwie gefiel sie ihm in Rage fast noch besser.

„Nun? Ich warte auf eine Erklärung.", Hermine hatte ihre Hände in die Hüften gestemmt und wippte mit dem Fuß ungeduldig auf und ab.

Es sich einzugestehen das er im Unrecht war, war in etwa so schrecklich wie aus einer Schlacht als Besiegter hervorzutreten. Aber sie hatte dennoch recht, wie er es auch drehte und wendete. Seine Reaktion auf ihr Eintreten war zugegebenermaßen etwas übertrieben ausgefallen, aber verdammt noch mal, er hatte einfach nicht gewollt, das sie seinen wirklich gut ausgeklügelten Plan zunichte machte. Wütend biss er die Zähne zusammen.

„Ich verfolge einen gut durchdachten Plan, Mädchen, und kann es mir nicht leisten, dass er fehl schlägt. Diese Angelegenheit ist äußerst wichtig und sollte ich dich in meinem Eifer in irgend einer Weise schlecht behandelt haben, so will ich mich bei dir entschuldigen."

Hermine ahnte, dass ein Mann wie Lord Snape nicht oft und gerne bei jemandem um Verzeihung bat, weshalb diese Entschuldigung für sie noch viel kostbarer war. Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus und währenddessen verrauchte Hermines Zorn.

„Ihr hättet mich wenigstens in Euren Plan einweihen können.", murrte sie halblaut.

„Deine Reaktion auf der Burg wäre bei weitem nicht so authentisch gewesen, wenn du davon gewusst hättest."

Hermine gab sich nur widerwillig geschlagen und ließ sich auf dem einzigen Stuhl nieder, den es in der kleinen Kammer gab. Sie war müde und wünschte sich nichts sehnlicher als weit weg von den ganzen Intrigen und bösen Machenschaften Lord Voldemorts zu sein, in ihrer Kammer bei ihren Eltern zu liegen und unwissend gegenüber dem Rest der Welt zu sein.

„Weshalb habt Ihr mich also hierher bestellt?", fragte sie erschöpft.

„Es gibt einiges zu besprechen, aber erst ruhst du dich aus. Im Morgengrauen werden wir aufbrechen."

Hermine wollte Snape noch fragen, wohin sie denn aufbrechen würden, wusste aber, dass sie von ihm nur eine vage Antwort erhalten würde. Deshalb nickte sie nur und seufzte erschöpft auf. Snape verneigte sich formgewandt und wünschte ihre eine angenehme Nachtruhe, bevor er den Raum verließ und Hermine sich auf das Bett legen konnte. Zu müde sich noch großartig zu entkleiden, rollte sie sich auf dem Strohsack zusammen und verfiel in einen traumlosen Schlaf.