Je weiter sie nach Norden ritten, desto unwegsamer wurde die Landschaft um sie herum. Die faszinierende Wildheit, die diese Gegend ausstrahlte, sprach irgendetwas tief in Hermine an und sie fühlte, wie ihr Inneres darauf antwortete. Ihre Reise führte sie immer öfter über raue Bergketten und ihr Weg wurde mit der Zeit immer steiler und teilweise auch unpassierbarer. Manche Wegetappen mussten sie sogar zu Fuß bewältigen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, mit ihren Pferden die Abhänge hinunter zu stürzen.
Snape starrte Hermine immer wieder finster an, so als wäre sie dafür verantwortlich, dass sie ihr Tempo erheblich hatten zurücknehmen müssen. Als wollte der Himmel Snapes Gemütszustand wiederspiegeln, öffneten sich am späten Nachmittag seine Schleusen mit einem leisen Grollen, dass sich allmählich zu einem ohrenbetäubenden Donnern steigerte. Hermine war augenblicklich bis auf die Haut durchnässt. Schon zum hundertsten mal an diesem gottverdammten Tag verfluchte sie Lord Voldemort wie auch Dumbledore, die ihr diese strapaziöse Reise durch ihre Kriegstreiberei aufgebürdet hatten. Sie schauderte und hüllte sich dichter in ihren wollenen Umhang ein. Unter ihr begann ihre Stute nervös zu tänzeln und Hermine hatte Mühe, sie wieder zu beruhigen. Durch den dichten Schleier aus Regen konnte sie Snape nur noch schemenhaft vor sich erkennen und als ihre Stute zum wiederholten Male stolperte, hielt sie abrupt an.
„Mir reicht es! Es ist mir vollkommen gleichgültig welcher Teufel Euch geritten hat, aber ich weigere mich auch nur einen einzigen weiteren Schritt in diese verdammten Berge zu tun! Wenn Ihr mir nicht auf der Stelle einen guten Grund nennen könnt, weshalb wir diesen Irrsinn hier und jetzt fortführen sollten, dann lasst es mich wissen. Glaubt mir, ich verspüre nicht das geringste Bedürfnis, mir am Ende dieses vermaledeiten Tages den Tod in diesem verdammten Unwetter zu holen. Wenn Ihr unbedingt so lebensmüde seid, dann haltet mich aus der Sache heraus. Ich suche mir jetzt einen trockenen Schlafplatz, wenn es sein muss, dann auch ohne Euch und Eure Gesellschaft!", schrie sie ihm über das Prasseln des Regens zu.
Snape hatte während ihrer Worte sein Pferd gewendet und lenkte es an ihre Seite. Sein schwarzes Haar klebte ihm nass auf der Stirn und er musste gegen den Regen in seinen Augen anblinzeln.
„Hör mir jetzt gut zu. Noch zweihundert Schritt und wir sind am Ziel. Du hast die Wahl, entweder du hältst das bisschen Regen noch aus und schläfst heute Abend in einem trockenen, warmen Bett oder du schlägst hier dein Lager auf und verbringst die Nacht damit, dich durchnässt und fröstelnd auf dem aufgeweichten Boden herumzuwälzen. Wie dem auch sei, ich werde jetzt weiterreiten, da ich ein gewisses Bedürfnis nach Komfort verspüre. Morgen früh werde ich dich hier abholen, wenn du nicht vorher an einer Lungenentzündung zu Grunde gegangen oder diebischem Gesindel in die Hände gefallen bist." Damit riss er sein Pferd herum, um seinen Weg fortzusetzen.
Hermine hatte in ihrem ganzen Leben noch nie so viel Wut verspürt, wie in diesem Augenblick. Ihr ganzer Körper zitterte davon, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob es nur an der Kälte lag, die durch ihre völlig durchnässte Kleidung drang. Musste dieser arrogante Kerl sie immer wieder wie ein dummes kleines Mädchen behandeln, dass ihm an Intellekt weit unterlegen war?! Sie trat ihrem Pferd in die Flanken, so dass es sich wütend aufbäumte und vorpreschte, bis sie Snape eingeholt hatte um ihm den Weg zu versperren. Schlamm spritzte auf und als sie Snape den Weg abrupt versperrte, kam ihr Pferd kurzzeitig ins Schlittern. Snape war über ihre Reaktion überrascht, mehr aber noch über das Bild dass sie ihm bot. Hermines Kapuze war etwas nach hinten gerutscht und gab einen Teil von ihrem Haar frei, dass sich aus ihrem Zopf gelöst hatte und in nassen Strähnen in ihrem Gesicht klebte. Ihre Augen sprühten vor mörderischer Wut und ihre ganze Körpersprache schien ihm den Kampf anzusagen. Er spürte einen angenehmen Schauer den Rücken hinunter laufen.
„Was glaubt Ihr eigentlich wer Ihr seid, dass Ihr mich derart behandeln könnt!", fuhr sie ihn an und hielt seinem düsteren Blick stand.
Er war von ihrem Temperament äußerst beeindruckt, was die Sache aber nicht besser machte. Statt sie allerdings mit ein paar scharfen Worten in die Schranken zu weisen, murrte er nur düster vor sich hin und drückte sich an ihrem Pferd vorbei.
„Komm jetzt oder willst du hier erfrieren?!", bellte er über seine Schulter, als sie keine Anstalten machte ihm zu folgen.
Hermine war selbst über ihren Wutausbruch überrascht, sodass sie zunächst zögerte. Hatte sie sich nicht darüber beschwert, dass er sie wie ein dummes Kind behandelte? Nun, wenn sie es sich eingestand, dann hatte sie sich gerade wie eines benommen. Dieser Kerl kehrte nur mit ein paar arrogant klingenden Worten ihre schlimmsten Seiten nach außen. Sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Seufzend gab sie nach und folgte ihm.
Die zweihundert Schritt dehnten sich zu einer weiteren Meile aus, was Hermine vor Wut und Verzweiflung beinahe aufschreien ließ. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie sich nie wieder von ihm irgendwohin eskortieren lassen würde. Nicht einmal die einladende, einsame Berghütte konnte daran etwas ändern, die plötzlich vor ihnen auftauchte. Die Burgruine von Achallader lag drohend über ihnen. Sie rutschte mehr von ihrem Pferd herab, als dass sie abstieg und überließ Snape das Versorgen ihres Pferdes, um mit erhobenem Haupt an ihm vorbei als erste die Hütte zu betreten. Snape sah ihr nach und konnte ein kleines Grinsen nicht unterdrücken.
Hermine schälte sich aus ihrem nassen Umhang und war stolz auf sich, als sie das Feuer in der Feuerstelle entfacht hatte und betrachtete eingehend ihre neue Umgebung. Es hatte ganz den Anschein, als wäre ihr Besuch in dieser Behausung schon lange vorgeplant gewesen. Die Wohnkammer war mit allem Lebensnotwendigem ausgestattet worden. Es gab sogar Strohsäcke und Wolldecken. Hermine sah sich die Kochstelle näher an und fand einige Vorräte. Sie ließ klappernd den Deckel auf das Krautfässchen fallen und sah sich gehetzt um. Wie lange sollte sie denn in dieser Einöde leben?! Sie wollte auf keinen Fall ganz allein in diesen Bergen zurück bleiben! Ihre Hände wurden schwitzig und ihr Mund wurde staubtrocken. Sie konnte das nicht und sie war nicht einmal in der Lage Snape zu bitten sie nicht alleine zurück zu lassen, weil sie ihn zuvor so angefahren hatte. Vor ihrem inneren Auge sah sich schon als alte Frau mit knorrigem Gehstock durch die Berge ziehen und ihre Kräuter an Reisende verkaufen.
Die Tür zur Wohnkammer wurde aufgeschlagen und Hermine fuhr mit einem erschrockenen Aufkeuchen herum. Snape war eingetreten und brachte Kälte und Regen mit sich, bis er die Tür mit einem Schwung wieder zuschlug und seinen nassen Umhang auf den Boden warf. Er sah sie lange durchdringend an, bevor er sich zum Feuer begab um seine Hände zu wärmen. Eine Weile standen sie nur so da, während das Feuer vor sich hin prasselte.
„Die obere Kammer steht zu deiner Verfügung. Geh hoch und wechsle deinen nassen Kleider. Dumbledore würde mich umbringen, wenn du dir eine Lungenentzündung holen würdest.", murrte Snape schließlich.
Hermine schrak aus ihren Gedanken hoch und setzte sich ohne nachzudenken in Bewegung um seinem Befehl folge zu leisten. Die Stimmung war an einem gefährlichen Kipppunkt angelangt und sie tat nichts lieber als sich ein paar Minuten mit sich selbst zu beschäftigen und ihre unruhigen Gedanken zu sammeln.
Snape beobachtete weiterhin das Spiel der Flammen, während er düster vor sich hinbrütete. Der Rabe im Wald ... er ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Sicher, das Tier konnte auch nur das sein, was es war: ein Rabe, aber dennoch wäre eine andere Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. Vielleicht hatte ihn sein Doppelleben auch einfach nur paranoid gemacht. Er fuhr sich müde über das Gesicht und stützte sich gegen den Kaminsims. Er war zu alt für dieses Spiel geworden und fühlte sich müde. Gleichzeitig verabscheute er Voldemort und Dumbledore gleichermaßen für das, was sie ihm genommen hatten. Für beide Parteien war er nur eine beliebig einsetzbare Schachfigur in ihrem Machtkampf, gesichtslos und somit austauschbar. Lord Voldemort hatte ihm damals eine glorreiche Zukunft versprochen, eine Zukunft voller Wissen, Macht und Anerkennung. Als leicht zu blendender Bursche war er überwältigt von der machtvollen Aura Lord Voldemorts gewesen und war deshalb bereitwillig seinem Pfad der dunklen Magie gefolgt. Dieser Weg hatte ihn aber zu Taten gezwungen, deren Verantwortung er sich auch heute nicht entziehen konnte. Zugegeben, sein damaliger Entschluss, sich der dunklen Seite anzuschließen hatte ihm so gesehen zu einer ranghohen Stellung verholfen, doch der Preis, den er dafür zahlen musste, war ihm einfach zu hoch. Sein Leben an dem Tag den Sinn verloren, als Voldemort seine Mutter in den Selbstmord getrieben hatte. Das einzige wofür er noch lebte war der Tag, an dem Voldemort seine gerechte Strafe erhalten würde und er hoffte inständig, dass er dabei zusehen konnte.
Das laute Knacken eines Holzscheites riss ihn aus seinen mörderischen Gedanken und ließ ihn automatisch einen Scheit nachlegen. Vor dem Feuer hockend, stocherte er eine Weile in der Glut und starrte erneut in die lodernden Flammen. Er war dagegen gewesen, dass Hermine in diese Sache mit hineingezogen wurde. Sie sollte nicht wie er zu einer Schachfigur werden, die in einer Schlacht geopfert werden sollte, die nicht die ihre war. Für ihn stand fest, dass er als Krieger auf dem Schlachtfeld fallen würde und der Gedanke daran, als alter Mann in seiner eigenen Pisse zu sterben, wäre eine Schande. Sein Wunsch war es, dass Hermine im Gegensatz zu ihm ein erfülltes Leben führen sollte, ohne in diese Machtkämpfe verwickelt zu werden. Ihre Aufgabe auf Parkinsons Burg hätte vollkommen ausgereicht, aber Dumbledore hatte ja weitaus größere Pläne mit ihr vor. Das war eine Seite an Dumbledore, die er aufs äußerste verabscheute und in der er sich nicht wirklich von Voldemort unterschied. Dumbledore würde Hermine rücksichtslos für seine Ziele opfern, egal was das für sie bedeuten würde. Bei diesem Gedanken mahlte er wütend mit den Zähnen und versuchte sich zu beruhigen. Nein, wenn Potter und Weasley ihre Seelen an den Teufel verkauft hätten, wäre das genug gewesen.
Hermine war indessen frisch umgezogen und gewaschen lautlos wieder in die Wohnstube zurückgekehrt und beobachtete nun Snape. Er sah so einsam und verloren aus, dass sich ihr Herz mitfühlend zusammenzog. Tief in ihrem inneren fühlte sie eine Gemeinsamkeit mit diesem Mann, obwohl sie ihn kaum kannte. Dennoch wusste sie genug über ihn, um zu erahnen, in welche Richtung sein Leben verlief, in die Richtung der vollkommenen Einsamkeit. Fröstelnd zog sie die Wolldecke enger um sich.
„Du könntest dich ruhig nützlich machen.", knurrte es schließlich vom Kamin her zu ihr hinüber und ließ sie ertappt zusammenfahren.
Wie konnte er sie nur bemerkt haben? Hermine entzündete eiligst ein paar Talglichter und kramte ein wenig in der Vorratskammer herum, bis sie genügend Brot, Käse und Speck aufgetrieben hatte, die sie auf einem großen Holztablett anrichtete. Nachdem sie auch zwei hölzerne Teller, Becher, sowie ein scharfes Messer gefunden hatte, deckte sie den kleinen Tisch, der in einer Ecke der Hütte stand. Während Hermine geschäftig hin und her eilte, verließ Snape seinen Platz am Kamin und ließ sich auf der Bank am Tisch nieder. Hermine brachte noch einen Krug Wasser und etwas Wein, bevor sie sich zögernd an seine Seite setzte. Da außer der Bank keine weitere Sitzmöglichkeit vorhanden war, musste sie sich ja wohl oder übel neben Snape setzen. Noch dazu zu seiner rechten! Dieses Vorrecht war nur Ehefrauen oder Männern vorbehalten, die entweder sehr hoch in der Gunst des Gastgebers standen oder einfach nur zu Familie gehörten. Wortlos goss sie ihm in den dargebotenen Becher Wein ein und verdünnte ihn mit ein wenig Wasser, so als hätte sie es schon tausendmal getan. Dann schnitt er Brot, Käse und Speck auf und legte ihr die ersten Stücke vor. Für einen Außenstehenden hätten die beiden wie ein Ehepaar wirken können, dass schon lange beisammen war und mit dem anderen so sehr vertraut war, wie mit sich selbst.
Nach dem Essen, räumte Hermine den Tisch ab und holte mit einem Eimer aus dem kleinen Brunnen vor der Hütte Wasser, um das Geschirr zu säubern. Nachdem sie diese Aufgabe beendet hatte, verstaute sie die übrig gebliebenen Lebensmittel wieder in der Vorratskammer. Das Abendessen war in angenehmen Schweigen verlaufen, so als ob beide die bloße Gegenwart des anderen genießen würden. Mittlerweile wusste sie, dass Snape meistens schwieg wenn er nachdachte, ihn etwas wichtiges beschäftigte oder wenn er einfach keine Lust auf Konversationen hatte. Sie respektierte das und wartete auf eine bessere Gelegenheit ihm ihre Fragen zu stellen.
Während er also noch seinen düsteren Gedanken hinterher hing, machte sie sich nützlich und spannte ein Seil um ihre nassen Sachen zu trocknen. Während sie ihre Umhänge aufhing fragte sie sich, ob er sich auch umgezogen hatte, aber wie es aussah, hatte er seine Reisekleidung immer noch an und würde wohl auch erst mal keine Anstalten machen sie zu wechseln. Hermine rümpfte missbilligend die Nase. Warum sich Männer nie so sehr mit Hygiene beschäftigten wie mit ihren Schwertern, war ihr schon immer ein Rätsel gewesen.
Schließlich bereitete sie ihm sein Nachtlager vor und warf noch einen letzten Blick auf ihren Begleiter, bevor sie sich auf den Weg in ihre Kammer machen wollte. Sie hatte schnell begriffen, dass ein voller Magen und ein warmer Platz am Feuer Snape noch lange nicht zu einem geselligen Menschen machte. Sie würde wohl bis zum Morgen warten müssen um in Erfahrung zu bringen, wie sie weiterer vorgehen und wann sie Dumbledore treffen würden.
„Willst du denn gar nicht deine vielen Fragen stellen, die schon die ganze Zeit durch deinen Kopf gerauscht sind?", fragte er dunkel, als sie schon den Fuß auf der ersten Treppenstufe hatte.
Hermine wandte sich Snape überrascht zu. „Ich ... Das hat noch Zeit bis morgen.", entschied sie kurzfristig und lächelte ihm zu. „Ihr seid sicher genauso erschöpft wie ich, auch wenn Ihr es abstreitet. Geht schlafen. Morgen können wir dann reden. Eine geruhsame Nacht."
Snape starrte ihr ungläubig hinterher. Er war auf alles gefasst gewesen, nur nicht auf ihren Rückzug. Sie steckte also noch voller Überraschungen. Er erhob sich mühsam und streckte sich, ein Gähnen unterdrückend. Sie hatte natürlich Recht gehabt. Er war hundemüde und war froh endlich aus den nassen Sachen herauszukommen und sich auf seinem Strohsack auszustrecken. Er hob den Blick zu Hermines Zimmertür, verwarf einen flüchtigen Gedanken und legte noch ein paar dickere Scheite nach, damit das Feuer den morgigen Tag erlebte, bevor er sich umzog und zur Ruhe legte. Sein Kopf hatte kaum den Strohsack berührt als er auch schon in seligen Schlummer tauchte.
