A/N: Endlich ein neues Kapitel!!! Hoffe, es gefällt euch )
Patchouli
Hermine hatte schon lange nicht mehr so gut geschlafen. Gähnend reckte sie sich und schwang ihre Beine aus dem Bett, wobei sie scharf die Luft einzog, als ihre Füße den eiskalten Boden berührten. Instinktiv zog sie ihre Füße zurück unter die Bettdecke, um sie wieder aufzuwärmen. Der Gedanke, den Tag einfach hier im Bett zu verbringen, kreiste verführerisch in ihrem Kopf. Seufzend verwarf sie aber diesen Gedanken, da sie sich noch nie zum Müßiggang hatte verleiten lassen. Nur zögernd wickelte sie sich aus der Bettdecke heraus, schwang dann aber entschieden die Füße aus dem Bett und tappte dann hastig über den kalten Boden und suchte nach ihren Schuhen. Nachdem sie diese dann gefunden hatte, schlüpfte sie hinein und trat ans geschlossene Fenster. Nachdem sie die Läden aufgestoßen hatte, atmete sie tief die klare, frische Morgenluft ein. Die Regenwolken hatten sich über Nacht verzogen und die gewohnten Nebelfelder zurückgelassen. Als sie ihren Blick zum Himmel hob, strahlte ihr die Morgensonne schwach aber warm ins Gesicht. Hermine lächelte und nahm das Wetter als gutes Ohmen. Voll guter Laune wusch sie sich eilig mit dem kühlen Wasser aus der Waschschüssel, zog sich an und trat die Stufen hinunter in die kleine Wohnkammer, wobei ihr Magen schon vernehmlich knurrte. Lächelnd fragte sie sich, ob Lord Snape wohl schon wach war und ob er ihr mit seiner gewohnt mürrischen Einsilbigkeit begegnen würde. Leise lachend stellte sie sich schon auf das erste Wortgefecht an diesem Tag ein und war sichtlich enttäuscht, als sie Snape nicht in der Kammer erblickte. Sie legte ein paar Scheite in die nur schwach glimmende Glut, wobei sie sich leise murmelnd über Männer im Allgemeinen ausließ. Ein abscheuliches dunkles Grollen, das nur den Tiefen der Hölle entstammen konnte, jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken. Ein leises Stoßgebet vor sich hinmurmelnd drehte Hermine sich herum, um dem vermeintlichen Dämon gegenüberzutreten. Überrascht riss sie die Augen auf, als sie unter der Treppe auf einem Strohsack niemand anderen als Lord Snape liegen sah, der mit offenem Mund lautstark vor sich hinschnarchte. Während sie ihn amüsiert beobachtete, wälzte er sich geräuschvoll auf die andere Seite. Hermine konnte nicht mehr an sich halten und brach in Gelächter aus. Wer hätte je gedacht, dass Lord Severus Snape ein Langschläfer war und dazu auch noch wie ein alter Bürstenbinder schnarchte!
Ein lautes, nicht enden wollendes Geräusch drang langsam in Snapes Bewusstsein. Seine Instinkte als Krieger übernahmen die Kontrolle über seinen Körper und ließen ihn kampfbereit von seiner Schlafstätte hochfahren. Sich den Schlaf aus den Augen blinzelnd, versuchte er die möglichen Angreifer in der Kammer auszumachen. Über seinen achtlos hingeworfenen Stiefel stolpernd taumelte er mit erhobenen Schwert einen Schritt auf Hermine zu, die sich vor Lachen schon den Bauch hielt und am Kaminsims lehnte. Verwirrt sah sich Snape noch einmal in der Kammer um, konnte aber niemanden außer Hermine ausmachen. Langsam ließ er das Schwert sinken und fuhr sich durch seine vom Schlaf zerzausten Haare. Hermine fiel es bei seiner Erscheinung einfach zu schwer, mit dem Lachen aufzuhören. Sein Hemd war offen und hing nur noch lose in seiner schwarzen Hose, seine Haare waren ein einziges Durcheinander und der völlig perplexe Blick reizten sie zu immer neuen Lachanfällen. Lachtränen liefen ihr über das Gesicht und immer wenn sie wieder in Snapes Richtung schaute, brach sie erneut in eine weitere, nicht enden wollende Lachsalve aus. Es war ein göttliches Bild und es war lange her, dass sie so herzhaft gelacht hatte.
Snape rieb sich mit einer Hand den restlichen Schlaf aus den Augen und warf dann sein Schwert wütend auf den Strohsack zurück. Als er sich zu Hermine umdrehte, hatte seine Miene sich wie gewohnt verfinstert und die starre, aufrechte Haltung war zurückgekehrt. Er hasste es, zentraler Gegenstand ihrer Belustigung zu sein.
„Ich wüsste nicht, was so komisch sein sollte.", knurrte er in gereiztem Ton, nachdem Hermine sich einigermaßen wieder gefangen hatte.
„Es tut mir leid. Wirklich.", brachte sie schließlich hervor und verkniff sich unter fast übermenschlichen Anstrengungen eine nächste Lachsalve.
Seine Hoheit so zwanglos zu erleben und auch noch dazu seine Unfähigkeit sie geradeheraus anzufahren, machte ihn in Hermines Augen nur noch liebenswürdiger. Snape musterte sie ungläubig, bevor er sich wieder leise vor sich hinmurmelnd auf seinen Strohsack zurückwarf. Nachdem er sein Hemd mit ruckartigen Bewegungen zugeknöpft hatte und dabei mehr als einen unter der heftigen Behandlung einfach abriss, verschränkte er defensiv die Arme vor der Brust und versuchte sie mit seinem finsteren Blick nieder zu starren. Allerdings beeindruckte Hermine seine Geste deutlich wenig. Sie schmunzelte und widmete sich der Zubereitung des Frühstücks. Vielleicht konnten ja frische Pfannkuchen mit Ahornsirup die Laune seiner Durchlaucht heben.
Leise vor sich hinsummend deckte sie die kleine Tafel und ignorierte dabei geflissentlich Snapes unergründliche Blicke. Nachdem sie ihn zu Tisch gebeten hatte, genoss sie das einträchtige Schweigen zwischen ihnen und ließ deshalb ihre Gedanken abschweifen. Sie fühlte sich frisch und so wohl wie schon lange nicht mehr. Wer konnte es ihr auch verübeln? Weit und breit keine Pansy, die sie herumkommandierte, keine Intrigen, ... einfach nur innere Ruhe und Freiheit. Sie nahm sich vor sich ihre gute Laune nicht verderben zu lassen, weder von Snape noch von Dumbledore.
„Darf man fragen, warum du seit deinen irren Lachanfällen ständig grinst wie ein Honigkuchenpferd? Gestatte mir, geradeheraus zu sein: es sieht ... dämlich aus.", riss Snape sie aus ihren Gedanken.
Sie zuckte mit den Schultern und nahm einen großen Schluck Milch, bevor sie ihn mit ihrem Milchbart noch breiter angrinste. Snape verdrehte dramatisch die Augen und brachte Hermine erneut zum Lachen. Er betrachtete sie amüsiert und stellte fest, dass es gar nicht so unangenehm war, wenn sie lachte. Vor allem, wenn er derjenige war, der sie dazu brachte. Er musste zugeben, dass sich seine Anspannung langsam löste. Mit Hermine in einer einsamen Hütte zu sein, war doch nicht so anstrengend, wie er zunächst vermutet hatte. Ihre fröhliche Art schien sich im weitesten Sinne sogar auf ihn zu übertragen. Jedenfalls hegte er momentan keine Mordgedanken mehr.
Hermine erhob sich um den Tisch abzuräumen und Snape inspizierte sein Schwert. Seine Befürchtungen hatten sich zum Glück nicht bestätigt und sein Schwert war unbeschadet durch den Wald, den Regen und die Berge gekommen, lediglich die Schneide war etwas abgenutzt, was aber unter diesen Umständen normal war. Er setzte sich auf einen Holzhocker, legte sich das Schwert quer über die Knie und begann die abgenutzte Schneide mit einem kleinen Schleifstein zu bearbeiten. Immer wieder sah er von seiner Arbeit auf und beobachtete Hermines fröhliches Treiben in der Küche. Eigenartig, wenn er sie so beobachtete konnte er sich gut vorstellen, wie es war, mit ihr den Alltag zu verbringen. Das Merkwürdige daran war, dass diese Gedanken ihn dazu verleiteten, irgendwelche Gefühle damit zu verbinden, über die er lieber nicht näher nachdenken wollte. Wer hätte je gedacht, dass er, der niemals und unter keinen Umständen hatte heiraten wollen, plötzlich von einem Leben an der Seite einer nichtadeligen Muggelgeborenen träumte?!
Tagträume waren etwas Furchtbares, zumindest wenn eine bestimmte Person eine äußerst aktive Rolle darin spielte. Der Stein in seiner Hand wurde immer schwerer, seine Gedanken schweiften in sinnliche Sphären ab, als er sich Hermine vorstellte, wie sie unter ihm lag und ... erschrocken brach er seine delikaten Fantastereien ab. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und strich durch sein Haar. Verdammt! Wo war seine hart erkämpfte Disziplin geblieben? Das letzte Mal als er so auf ein hübsches Mädchen reagiert hatte, war er ein unerfahrener Jüngling gewesen. Das, was gerade in ihm vorging, behagte ihm ganz und gar nicht. Er packte den Griff seines Schwertes so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ablenkung war jetzt genau das, was er am dringendsten brauchte. Bis Dumbledore am Abend eintreffen würde, war noch eine lange Zeit. Was auch immer sie mit ihm anstellte, er durfte es nicht zulassen. Hastig sprang er auf und griff nach seinem Umhang und verließ die Hütte. Hermine sah ihm verwirrt hinterher.
Er hatte sie doch tatsächlich in dieser abgelegenen Hütte mitten in der Wildnis alleine gelassen! Was, wenn ein ausgehungerter Bergtroll bei ihr vorbeischauen wollte und sie für ein ansehnliches Mittagessen hielt? War ihm ihre Gesellschaft so zuwider, dass er schon Hals über Kopf die Flucht ergreifen musste, ohne ein Wort der Erklärung abzugeben? Missmutig rührte Hermine in der Suppe herum, die sie extra für das Mittagessen zubereitet hatte. Sie blickte immer wieder grimmig zur Eingangstür zurück und schwor, dass sie ihn umbringen würde, wenn er jemals wieder zurückkehren sollte. Nicht nur, dass das Essen eiskalt war und sie sich umsonst die Mühe gemacht hatte, nein, sie wusste weder wann Dumbledore hier auftauchte noch wann der gnädige Herr wieder von seinem Abenteuer in der Wildnis zurückkehrte! Entnervt ließ sie den Löffel in die Schale fallen und starrte zu den verglasten Fenstern hinaus. Draußen hatte das Wetter wieder umgeschlagen und nun regnete es wieder in Strömen. Vielleicht gab es für Snapes sonderbares Benehmen eine plausible Erklärung. Besorgt trat sie ans Fenster und strich über die kühle Scheibe. Irgendwo da draußen irrte Lord Snape im strömenden Regen herum, wahrscheinlich bis auf die Knochen durchnässt. Ein grimmiges Lächeln überzog ihr Gesicht. Das würde ihm ganz recht geschehen!
Nachdem sie den Tisch abgeräumt hatte, sah sie sich suchend in der Kammer nach einer Arbeit um, um sich ein wenig die Langeweile zu vertreiben. Bedauerlicherweise fand sie nichts geeignetes, weshalb sie an das kleine Bücherregal neben dem Kamin trat und sich ein Buch herausnahm. Sie warf sich in den Lehnstuhl vor dem Kamin und machte es sich bequem. Nachdem sie ein wenig lustlos in den vergilbten Seiten geblättert hatte, nahm die Thematik des Buches sie doch bald gefangen. Von der einsetzenden Dämmerung bemerkte sie nichts, erst als sich der Himmel langsam verdunkelte, sah sie von ihrer Lektüre auf. Das Licht war nur noch recht spärlich und sie hatte schon Mühe, die Buchstaben vor ihren Augen zu entziffern. Die Suche nach einer Talgkerze blieb erfolglos, weshalb sie den schweren Lehnstuhl näher an das Kaminfeuer rücken musste. Von Zeit zu Zeit legte sie ein Holzscheit nach, deren Vorrat wohl nie zu Ende zu gehen schien. Ihre Gedanken schweiften wieder zu Snape, von dem noch immer kein Lebenszeichen zu sehen war. Sie hoffte, dass diesem sturen Mannsbild nichts zugestoßen war.
Die Tür wurde plötzlich aufgestoßen und ein Schwall von Kälte und Nässe wurde hereingeweht und ließ Hermine alarmiert herumwirbeln. Lord Snape stand in der Tür. Sein nasses Haar klebte ihm in wirren Strähnen im Gesicht, seine Kleider waren zerrissen und vollkommen durchnässt, sein aschfahles Gesicht war mit feinen blutigen Kratzern übersäht und seine zusammengebissenen Lippen schienen leicht bläulich. Er warf wortlos zwei erlegte Hasen auf den Tisch, warf die Tür grimmig hinter sich zu, sank erschöpft auf einen Stuhl nieder und fuhr mit beiden Händen über sein zerschundenes Gesicht. Hermine biss sich besorgt auf ihre Unterlippe ob Snapes Erscheinung, ihr Ärger war vorerst vergessen. Auf wen oder was war Snape da draußen in der Wildnis gestoßen? Wortlos erhob sie sich aus den Lehnstuhl vor dem Kamin und suchte in einer Truhe nach ihrer Heiltinktur, um zumindest etwas für Lord Snape tun zu können. Sie wusste, wenn sie sich geduldete, würde er ihr schon erzählen, was ihm wiederfahren war. Nachdem sie endlich fündig wurde, setzte sie sich Snape gegenüber und tupfte etwas von der Heiltinktur auf seine mehr oder weniger tiefen Kratzer in seinem Gesicht. Sie erfreute sich diebisch über seine prompte Reaktion, zischend sog er die Luft zwischen die Zähne und warf ihr einen mörderischen Blick zu. Hatte sie vergessen ihn vorzuwarnen, dass das Zeug in Kontakt mit offenen Wunden höllisch brennen konnte?
„Verdammt noch mal, Weib! Muss das sein?!", knurrte Snape. Wenigstens war das unangenehme Schweigen zwischen ihnen gebrochen.
„Wenn Ihr nicht wollt, dass sich die Kratzer in Eurem Gesicht entzünden, müsst Ihr es wohl oder übel ertragen. Außer Ihr besteht darauf, in Zukunft die Menschen um Euch herum nicht nur mit finsteren Blicken sondern auch mit Eurem entstellten Gesicht das Fürchten zu lehren." Gelassen zuckte Hermine mit den Schultern, so als ob es ihr vollkommen gleichgültig wäre, für welche Variante er sich entscheiden würde.
„Du neigst zu Übertreibungen, dummes Mädchen.", meinte Snape gedehnt, was in Hermine ein loderndes Feuer der Wut anfachte. Ihn mit mörderischen Blicken erdolchend drückte sie Snape wie zur Strafe das Tuch mit der brennenden Lösung auf einen anderen blutenden Kratzer.
„Nun denn, vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um mich einzuweihen wo Ihr Euch den ganzen Tag herumgetrieben habt, während ich dummes Mädchen mir verdammt noch mal Sorgen um Euch gemacht habe!", zischte Hermine wütend. Es war einfach unmöglich sich zu beherrschen, selbst Hagrid hätte die Geduld mit diesem halsstarrigen Mann verloren. Mit einem diabolischen Lächeln auf den Lippen presste sie das Tuch wieder wortlos auf einen Kratzer. Snape spürte das brennende Ziehen in seinem Gesicht nicht wirklich, nicht nachdem Hermines Worte ihn derart aus der Bahn geworfen hatten. Sie hatte ihm unbewusst gestanden, dass sie etwas für ihn empfand, zumindest so etwas wie Sympathie, oder würde sie sich um jeden Dahergelaufenen sorgen, der sich zu ihrem Beschützer erklärt hatte? Ein eigenartiges Hochgefühl machte sich in ihm breit welches fast in einem Lächeln zum Ausdruck kam, wie es liebeskranke Stallburschen oft zu tun pflegten. Bei dieser Erkenntnis verdrängte eine maßlose Wut auf sich selbst das eben noch in ihm vorherrschende Hochgefühl. Was nur stellte dieses Mädchen mit ihm an? Er war ein Krieger, kein liebestoller Lüstling!
„Teufel noch eins! Hör auf damit!" Snape riss Hermine das Tuch aus den Händen und starrte sie finster an. Hermine ließ sich zu seinem Ärger davon ganz und gar nicht beeindrucken, sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und blickte ihn herausfordernd an. Sie lieferten sich ein wortloses Duell mit Blicken, keiner von ihnen wollte dem anderen auch nur in irgendeiner Weise nachgeben. Mit einem ergebenen Seufzer fügte sich Snape in sein Schicksal.
„Wenn es dich so sehr interessiert, ich bin zunächst auf die Jagd gegangen, sogar ziemlich erfolgreich, wie du siehst." Snape deutete auf die beiden erlegten Hasen, die immer noch auf dem Tisch vor ihnen lagen. Hermine zog daraufhin nur eine ihrer Augenbrauen in die Höhe, wie es Snape sonst zu tun pflegte.
„Da du so wahnsinnig aufgeweckt bist, ist dir bestimmt der Rabe aufgefallen, der uns bis hier her gefolgt ist, seitdem wir diese Lichtung verlassen hatten. Nun, ich habe mir gedacht, dass es für uns verdammt ungünstig wäre, wenn Lord Voldemort über unsere Zusammenkunft mit Dumbledore bescheid wüsste. Du stimmst doch mit mir darüber ein, dass ich lebend mehr von nutzen bin als zu Tode gefoltert. Folglich habe ich versucht dieses Biest vorher zu erledigen, was mir auch gelungen ist. Leider war der Rabe verständlicherweise alles andere als begeistert, sich von mir vom Baum schießen zu lassen, weshalb das verflixte Mistvieh ständig vor mir geflüchtet ist."
Dieses Mal war es Snape, der Hermine einen impertinenten Blick unter seiner hochgezogenen Augenbraue zuwarf. Hermine war jedoch in Gedanken versunken. Nie und nimmer hätte sie Lord Snape gestanden, dass ihr dieser Rabe ganz und gar nicht aufgefallen war. Der Feind war ihnen schon so nah gewesen und sie hatte absolut nichts davon bemerkt, weil ihre Gedanken ständig um das Faszinosum des Mannes ihr gegenüber kreisten. Wie sollte sie ihre Aufgabe erfüllen, wenn sie nicht mit Leib und Seele bei der Sache war? So war sie eher ein Hindernis denn eine Hilfe. Snape musterte die so plötzlich introvertierte Hermine eindringlich. Er hätte viel darum gegeben zu wissen, was genau in ihrem Kopf vor sich ging oder was ihren plötzlichen Stimmungswechsel hervorgerufen hatte. Nachdem es offensichtlich war, dass sie ihre Gedanken nicht mit ihm teilen wollte, schien ihm der Gedanke an ein Bad allzu verlockend. Er ignorierte den Protest seines geschundenen Körpers und machte sich daran diesem verflixten Weib seine Anwesenheit wieder bewusst zu machen. Mit einem stillen, nichts desto trotz weniger diabolischen Lächeln machte er sich an die Arbeit.
Der Zuber stand nun schon vor dem Kamin, halb mit dampfendem Wasser gefüllt, als Snape sich schon ernsthafte Sorgen um Hermines geistigen Zustand machte. Seit ihrem Gespräch über den Raben starrte sie mit gerunzelter Stirn in unbestimmte Ferne und vermied tunlichst Blickkontakt zu ihm. Langsam zehrte ihr Verhalten an seinen Nerven, er hatte es noch nie erlebt, dass man seine Gegenwart so geflissentlich ignorierte. Oh, er hatte sich bisher wirklich Mühe gegeben sie aus ihrer Lethargie herauszureißen, indem er mit viel Lärm und unnötigem Kraftaufwand sein Bad vorbereitet hatte, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Hermine hatte ihm lediglich einen kurzen, kritischen Seitenblick zugeworfen, sich jedoch nicht von ihrem Stuhl gerührt. Snapes Ärger wuchs mit jeder Minute, eigentlich wäre es Teil ihrer Aufgabe gewesen, ihm bei dem Bad behilflich zu sein, sie schien sich jedoch nicht daran erinnern zu wollen. Gut, dann musste er wohl oder übel zu perfideren Methoden greifen. Langsam und Hermine dabei unablässig mit Blicken fixierend schälte er sich aus seinem nassen Umhang und löste die Verschnürung seines Hemdes. Er warf den Umhang lässig vor den Kamin, der mit einem nicht zu überhörenden Klatschen dort landete, das Hemd folgte gleich darauf, sodass er mit bloßer Brust und mit wissendem Lächeln vor Hermine stand.
Hastig sprang Hermine von ihrem Stuhl auf, drängte sich an ihm vorbei und verfiel plötzlich in emsige Geschäftigkeit. Der Zuber wurde unter leisen Selbstgesprächen gefüllt, wobei sie ihm immer wieder finstere Blicke zuwarf, so dass kein Zweifel bestand, wer Gegenstand ihrer stillen Diskussionen war. Sie trat an ein Regal an der Wand, zerrte ein Badetuch heraus und schleuderte es einfach über eine Schulter in Richtung dampfenden Zuber. Lord Snape verfolgte das von ihm herausgeforderte Chaos amüsiert. Wenn sie schon der Anblick seines entblößten Oberkörpers so aus der gewohnten Ruhe brachte, wie wäre es dann wenn ... ein unheilbringendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und schien sich darin eingenistet zu haben. Mal sehen, was die eiserne Jungfrau dazu sagen würde ...
Hermine wischte sich den Schweiß von ihrer Stirn, wog nachdenklich den Inhalt des letzten Wassereimers und stellte ihn dann auf den Rand des Badezubers. Nervös biss sie sich auf die Unterlippe, die Stille im Raum gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie vermied es, in seine Richtung zu sehen, beugte sich über den Rand des Badezubers und prüfte zum letzten Mal die Temperatur des Wassers, bevor sie nach dem letzten Wassereimer griff. Ein leises Plätschern ließ sie ruckartig den Kopf heben. Snape stand inmitten des dampfenden Zubers, lässig die Arme vor seiner Brust verschränkt und bedachte sie mit einem provozierenden Lächeln. Entsetzt stellte sie fest, dass er seine Hose ebenfalls ausgezogen hatte und nun vor ihn stand, wie Gott ihn geschaffen hatte. Nackt, er war vollkommen nackt! Der Wassereimer fiel scheppernd zu Boden, der Inhalt ergoss sich über den Boden und durchnässte Hermines Röcke. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück, konnte aber ihren Blick nicht von seiner athletischen Gestalt wenden. Mit hochrotem Kopf wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass sich ein großes schwarzes Erdloch vor ihr auftun würde. Nicht, dass ihr nicht gefiel, was sie sah, aber es war verdammt noch mal unschicklich, sich vor einer Dame so zu präsentieren! Und jetzt stand dieser unmögliche Mensch mitten im Zimmer, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und mit einer Selbstzufriedenheit, dass es ihr die Schamesröte nur noch weiter in die Wangen trieb!
„Was, hat es dir etwa die Sprache verschlagen?", erkundigte er sich gespielt erstaunt.
Provozierend langsam ließ er sich in den Zuber sinken, schloss dabei die Augen und seufzte genießerisch auf. Entspannt legte er seinen Kopf zurück und warf ihr unter halb geschlossenen Augenlidern einen trägen Blick zu.
„Wärst du wohl so nett, mir die Seife und den Schwamm zu reichen?"
Hermine starrte Lord Snape vollkommen entgeistert an. Er schien doch tatsächlich ihre gegenwärtige Situation aufs Äußerste zu genießen. Dieser Kerl war eindeutig zu sehr von sich selbst überzeugt, sein Ego konnte für ihre Begriffe ruhig einen erheblichen Dämpfer ertragen. Wer sagte denn, dass nur er dazu im Stande war, dieses Spiel zu spielen? Mit vor Wut funkelnden Augen schritt sie mit auffallend wiegenden Hüften zu einer Truhe und beugte sich langsam vor und warf ihm über die Schulter einen herausfordernden Blick zu. Sie hätte nicht damit gerechnet, seine Aufmerksamkeit so erfolgreich auf sich gerichtet zu fühlen. Snape warf ihr vom Zuber aus einen lodernden Blick zu, der sie erschauern ließ. Hastig richtete sie sich wieder auf, warf ihm Schwamm und Seife entgegen und ergriff regelrecht die Flucht. Verdutzt fing Snape die beiden Gegenstände auf, wobei ihm die Seife entglitt und mit einem Platschen ins Wasser fiel. Die Kleine war einfach unberechenbar, erst spielte sie die Verführerin und dann die holde Unschuld. Leise Lachend fischte er nach der Seife und seifte sich damit kräftig ein. Oh ja, es würde ein wahrhaft interessanter Aufenthalt in dieser Hütte werden...
Hermines Flucht endete in ihrer Kammer. Kaum hatte sie den Riegel vorgeschoben, bereute sie ihren überstürzten Rückzug. Sich selbst und das Objekt ihres Unmutes verfluchend schritt sie vor ihrem Fenster auf und ab. Angst vor der eigenen Courage, so könnte man ihr Verhalten wohl treffend beschreiben. Wieso führte der Kerl nur immer wieder ihre schlechtesten Eigenschaften zu Tage? Verdammt, und wieso ging sie auf seine aufreizend provozierenden Spielchen ein? Sie wollte nicht schwach und verschüchtert wirken, aber er schien nur an den richtigen Schnüren ziehen zu müssen und sie verwandelte sich in ein errötendes Jüngferlein! Er war ein unberechenbarer Gegner, aber sie liebte Herausforderungen. Ein düsteres Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit. Sie würde seine Kampfansage annehmen. Oh ja, er würde für ihre Schmach büßen.
Die neckischen Spielereien und Gedanken sollten aber von ganz anderen, niederschmetternden Neuigkeiten zu Nichte gemacht werden.
