Sauber
Hermine zerknüllte den Zettel in ihren Händen, faltete ihn zusammen und entfaltete ihn wieder, um ihn noch einmal zu lesen, obwohl es nur ein Satz und eine Unterschrift war und sie ihn innerhalb einer Minute nach dem Öffnen auswendig gelernt hatte. Er war ihr beim Frühstück mit der üblichen Morgenpost zugestellt worden, und obwohl ihr Stirnrunzeln schnell verschwunden war, als sie die Handschrift erkannt hatte, spürte sie, wie es jetzt wieder zwischen ihre Augenbrauen kroch. Ihr Magen zog sich zusammen. Hermine strich ihren Rock glatt und ging ein wenig schneller.
Vor dem steinernen Wasserspeier blieb sie stehen, nannte das Passwort, das sie in dem Brief erhalten hatte, und trat auf die sich drehende Treppe, sobald sie erschien, um sich von ihr nach oben tragen zu lassen. Sie wartete nur einen Moment, bevor sie anklopfte.
„Herein."
Hermine öffnete die Tür, betrat den Raum und blieb vor McGonagalls Schreibtisch stehen. Sie wartete schweigend, immer noch den Zettel in der Hand. Die Schulleiterin hörte aber nicht auf die Aufsätze vor sich zu verbessern.
Hermine warf einen Blick nach oben und bemerkte, dass Dumbledores Porträt leer war. Sie fragte sich vage, wohin er verschwunden war, zwang sich aber, zu blinzeln und den Blick abzuwenden. Sie räusperte sich. McGonagall sah sie immer noch nicht an.
„Professor?", fragte sie. „Sie wollten mich sprechen?"
Sie antwortete nicht sofort, sondern kam zum Ende des Aufsatzes, den sie gerade korrigierte. Erst dann steckte sie ihren Federkiel weg, rückte ihre Brille auf der Nase zurecht und ordnete die Papiere vor sich zu einem ordentlichen Stapel.
„Miss Granger.", sagte die Schulleiterin. „Hat Mr. Malfoy seinen gestrigen Ausflug genossen?"
Hermine fiel der Mund zu. Plötzlich fühlte sie sich wieder wie eine Erstklässlerin, die sich den strengen Augen und der scharfen Zunge ihrer Hauslehrerin stellen musste. McGonagall sah sie schließlich an, die Finger auf dem Schreibtisch verschränkt.
Sie suchte nach einer Erklärung. „Professor, ich –"
McGonagall hob eine Hand und brachte sie augenblicklich zum Schweigen. Hermine schloss ihren Mund.
„Ich hoffe, Sie sind sich bewusst, wie leichtsinnig Sie beide gewesen sind.", sagte sie gereizt. Durch ihren Zorn wurde ihr Akzent stärker und ihre Stimme höher. „Mr. Malfoy steht bis zu seinem Prozess unter strenger Aufsicht, wie Sie wissen! Sich aus dem Schloss zu schleichen, hätte sich sehr negativ für ihn auswirken können."
Die Schuldgefühle überfluteten ihren Magen, so dass ihr Herz sich schwer und tot in ihrer Brust anfühlte. Sie schloss die Augen. Sie vergaß nie etwas, schon gar nicht etwas so Wichtiges wie das – wie konnte sie seine Fessel vergessen?
Du warst so sehr damit beschäftigt, ihm zu helfen, dass du seine Chancen weiter verschlechtert hast.
Hermine stieß einen zittrigen Atemzug aus. „Professor, ich... Ich war es. Draco hatte nichts damit zu tun. Ich musste ihn wo hinbringen, es war sehr wichtig und ich weiß im Nachhinein, dass nichts so wichtig sein kann wie sein Prozess, aber genau deshalb –"
„Miss Granger.", begann McGonagall, aber Hermine ließ sie nicht ausreden.
„Ich versuche auch, ihm zu helfen, Professor. Wir haben uns mit Harry und Ron getroffen und wir – wir glauben, wir haben ein Chance. Und zwar eine solide. Etwas, das gegen das Zaubergamot bestehen könnte. Ich weiß, das bedeutet jetzt nichts mehr, nicht wenn ich alles ruiniert habe –"
„Miss Granger.", sagte die Schulleiterin laut und erhob sich von ihrem Platz. Hermine verstummte. McGonagall schürzte die Lippen. „Als Mr. Malfoy das letzte Mal zu mir kam, um die Zauber auf seine Fessel umzukehren, habe ich mir erlaubt, sie so zu ändern, dass jeder Verstoß nicht das Ministerium, sondern mich alarmiert. Als ich erfahren habe, dass Sie den Umhang von Mr. Potter bei sich haben, habe ich irgendwie bezweifelt, dass Mr. Malfoy einfach im Schloss bleiben würde, so wie er es sollte."
Hermine konnte nicht anders, als sich von der Erleichterung überwältigen zu lassen. Das Ministerium wusste es nicht. Sie wussten es nicht.
„Das ist natürlich nebensächlich.", fuhr McGonagall fort. „Ich bin enttäuscht, dass Sie so voreilig handeln, Miss Granger. Wenn ich mich recht erinnere, war das immer Mr. Potters und Mr. Weasleys Einfluss. Sie hätten Mr. Malfoy in ernsthafte Schwierigkeiten bringen können. Ich nehme an, Sie wissen das, Miss Granger?"
Sie hatte den Anstand, kleinlich auszusehen. Hermine senkte den Kopf und ließ ihren Blick über ihre Stiefel wandern, ihre Wangen erröteten. „Es tut mir leid, Professor.", antwortete sie leise. „Es war nie meine Absicht, zu –"
„Ich weiß, Miss Granger. Vielleicht sollten Sie und Mr. Malfoy sich glücklich schätzen, dass ich Ihre eklatante Missachtung des gesunden Menschenverstands vorausgesehen habe. Sie sind entlassen."
Hermine blinzelte. Sie nickte, murmelte leise ihren Dank und ging auf die Treppe zu.
„Professor.", sagte sie und blieb in der Tür stehen. Sie schluckte. „Ich habe einen Plan. Für Draco."
McGonagall lächelte nur, ihre Lippen wurden weicher und kräuselten sich ein wenig mehr als sonst. „Miss Granger, da ich Sie seit sieben Jahren kenne, wäre ich sehr enttäuscht, wenn Sie den nicht hätten."
Hermine musste sich ein Lächeln verkneifen, nickte und verließ den Raum mit einem leisen „Auf Wiedersehen, Professor."
oOo
„Malfoy, das ist nicht lustig!", fauchte sie. Das brachte ihn nicht dazu das Lachen aufzuhören. Im Gegenteil, er umklammerte seinen Bauch noch fester und rollte seitwärts auf sein Kissen. Sie saßen im Raum der Wünsche, auf gegenüberliegenden Sofas. Sie hatte ihm gerade von ihrem Treffen mit McGonagall erzählt, was er, sehr zu ihrem Leidwesen, furchtbar amüsant zu finden schien. Hermine schaute ihn finster an und warf ihm ein Kissen an den Kopf.
Das brachte ihn wieder zur Vernunft.
„Ich dachte, du würdest dich über mich ärgern.", sagte Hermine und biss sich auf die Lippe. „Ich hätte alles ruinieren können –"
Draco verdrehte die Augen. „Du bist melodramatisch, Granger. Es ist nichts passiert. McGonagall hat unsere Ärsche gerettet. Das wars."
„Aber –"
Er warf das Kissen nach ihr, traf sie mitten ins Gesicht und brachte ihre Proteste zum Schweigen. Als sie das Kissen an sich drückte und ihn schweigend beobachtete, seufzte Draco und gab zu: „Ich wusste, dass sie etwas damit gemacht hat. Die Zaubersprüche, die sie benutzt hat, sind anders gewesen als die, die der Auror benutzt hat. Ich habe angenommen, dass sie mir mehr Freiraum verschaffen wollte. Mach dir keine Vorwürfe, Granger. Ich habe den Umhang benutzt."
Sie hatten nicht mehr über das Treffen mit Harry und Ron gesprochen, seit es vor über einer Woche passiert war. Jedes Mal, wenn Hermine versucht hatte, das Thema anzusprechen, hatte Draco das Gespräch mit seinem Sarkasmus davon abgelenkt und etwas Beleidigendes gesagt, das sie in einen Streit verwickelt hatte, so dass sie ihre Frage von zuvor vergessen hatte. Sie hatte mehr als genug Zeit mit ihm verbracht, um zu wissen, dass er ablenken wollte.
Draco seufzte schwer, richtete sich auf und setzte sich neben sie. Er starrte auf ihre Hand, dann streckte er zögernd die Hand aus und legte seine Handfläche auf ihre Fingerknöchel. Seine Finger krümmten sich um die Seite ihrer Hand. Sein Daumen streichelte fast über ihre Haut, aber er hielt sich zurück. Hermine sah ihn an, nicht vorsichtig genug, um ihre Überraschung zu verbergen.
„Ich –", begann er. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich für alles bin, was du versuchst für mich zu tun."
Er sprach zögernd, stoppte und begann wieder, zwang die Worte hervor, ohne sie anzusehen.
Hermine schluckte. Achselzucken. „Es ist nichts."
Der Blick, den Draco ihr zuwarf, zeigte ihr, was er davon hielt. Sie lächelte verschämt.
„Ehrlich –", sagte sie und sah auf ihre Hände hinunter. Sie kaute auf ihrer Lippe, dann drehte sie langsam ihre Hand in seiner und verschränkte ihre Finger. Dracos Hand folgte ihrer, und dieses Mal strich sein Daumen an der Seite ihres Zeigefingers entlang. Seine Haut war rau und schwielig. Hermine sah ihn an und stellte fest, wie er gebannt auf ihre Händen in ihrem Schoß blickte. „Es ist wirklich nichts, Draco."
Seine Augen schossen zu ihr. Er schüttelte den Kopf. „Es ist nicht nichts, Granger. Es ist alles für mich."
Hermine befeuchtete ihre Lippen. Dracos Augen verfolgten die Bewegung.
„Bleibst du über Weihnachten?" Ein verbittertes Lächeln verzog sein Gesicht. „Ich weiß nicht, wohin ich sonst gehen soll."
„Ich auch nicht.", sagte sie und lehnte ihren Kopf zurück gegen das Sofa. Ihre Locken flogen zwischen ihnen hin und her. Draco tat es ihr nach, und sie starrten sich gegenseitig an. Er wies sie nicht darauf hin, dass sie Potter und Weasley und den ganzen Weasley-Clan hatte, die sie zu Weihnachten mit offenen Armen und Herzen empfangen würden, nur für den Fall, dass sie ihre Meinung ändern würde.
„Was willst du nach Hogwarts machen?", fragte er stattdessen.
Hermine runzelte die Stirn. Ihre Augen huschten umher, während sie nachdachte. „Ich bin mir nicht sicher."
Draco spottete. „Du könntest alles werden, was du willst, und du bist dir nicht sicher?"
„Ich wollte mal im Ministerium arbeiten.", sagte sie. „Für die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe –"
„Erzähl mir nicht, dass es hier um diese Belfer-Sache geht, von der du immer redest!"
Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu und drückte ihm drohend die Finger. Er zuckte zusammen. „Erstens heißt es .R. Zweitens – der ganze Sinn der Abteilung ist völlig fehlgeleitet! Es impliziert den archaischen Glauben, dass magische Geschöpfe keine Rechte haben, um sie zu schützen, und dass es Sache der Zauberer ist, ihren Kontakt mit der Zauberwelt zu kontrollieren und zu regeln."
Draco rümpfte die Nase. „Hauselfen wollen kontrolliert werden, Granger. Es liegt in ihrer Kultur, zu dienen."
„Es ist nicht nur das, Draco.", fuhr sie fort. „Es ist auch die Tatsache, dass der beste Verteidigung gegen die Dunklen Künste Lehrer, den wir je hatten, aufgrund von Vorurteilen, die vom Ministerium aktiv gefördert werden, zurücktreten musste. Werwölfe sind Opfer von viel mehr als nur ihrer eigenen Veranlagung. Sie werden gesellschaftlich ausgegrenzt, und das ist falsch. Sie sind immer noch Zauberer und Hexen. Sie verdienen immer noch ein hochwertiges Leben."
Draco beobachtete sie, wobei ihm das Funkeln in ihren Augen auffiel, die plötzliche Lebendigkeit ihrer Haare, die vor Leidenschaft knisterten, und das Heben ihrer Brust, während sie sprach. Ein kleines Stirnrunzeln zog ihre Augenbrauen zusammen und ein Schmollmund lag auf ihren Lippen. Er bemerkte die rote Haut entlang ihres Mundes, weil sie vor Nervosität zu viel auf ihren Lippen herumbeißt.
„Lupin war der beste Professor, den Hogwarts je hatte. Nicht nur für Verteidigung.", sagte Draco. Als Hermine ihn blinzelnd ansah, zuckte er mit den Schultern. „Ich schätze, der Unterricht bei den Carrows rückt die Dinge ins rechte Licht."
Hermines Atem kitzelte seine Wangen, als sie ausatmete. „Das habe ich schon gehört. Neville ist nicht ins Detail gegangen. Das musste er auch nicht." Sie sah ihn einen Moment lang an. „Es muss schwer sein.", sagte sie. „Wieder hier zu sein."
Draco runzelte die Stirn. Er sah auf ihre Hände hinunter, weil das einfacher war, und spielte mit ihren Fingern, wobei sein Daumen immer noch über ihre Haut strich. „Ich kann mir vorstellen, dass es für alle schwer ist, Granger. Ihre Klassenkameraden sind hier gestorben."
Hermine starrte ihn immer noch an und er wusste, dass sie das nicht gemeint hatte, aber sie drängte ihn nicht weiter. Sie brummte nur und sagte: „Ich nehme an, du hast recht."
Sie bewegte sich plötzlich und rückte weiter nach oben auf dem Sofa, aber das brachte ihr Gesicht nur noch näher an Dracos. Er schluckte und widerstand dem Drang, sich von ihr wegzubewegen, sich von ihren Fingern, ihren großen Augen, ihrem Atem loszureißen. Er war ihr zu nahe. Er sagte sich, er sollte sich bewegen. Er bemerkte, dass die Sommersprossen auf ihrer Nase wie schwache Sternbilder an einem klaren Nachthimmel aussahen.
„Früher hat es für mich hier gespukt.", flüsterte Hermine. Ihr Griff um seine Finger fühlte sich fester an. Ihr Griff um seine Seele war noch fester und er klammerte sich an jedes ihrer Worte. „Deshalb konnte ich nicht schlafen. In jener Nacht. Deshalb kann ich es manchmal immer noch nicht. Kein Ort war unberührt. Fast wäre ich nicht zurückgekommen, weißt du. Ich wollte meine Ausbildung zu Ende bringen, aber ohne Harry und Ron – und überhaupt... aber ich wusste, dass ich es tun musste."
Sie lächelte leicht, schüttelte den Kopf und ihre Locken flogen umher. „Von dem Moment an, als ich meinen Hogwarts-Brief erhalten habe, habe ich mich darauf gefreut, hierher zu kommen. Ich habe die Tage heruntergezählt, versucht, sie wegzuwünschen, und dann ist es alles gewesen, wovon ich je geträumt habe, und noch mehr. Magie war alles für mich. Ich wusste, dass ich es nicht wegwerfen konnte. Selbst nach allem, was passiert ist, war Hogwarts immer noch mein Zuhause. Mein Platz in der Welt der Zauberer. Am Anfang hat es sich nicht so angefühlt. Es hat sich verdorben angefühlt. Aber so langsam fühlt es sich wieder wie ein Zuhause an."
Hermine lächelte leicht, fast nervös, und Draco spürte, wie sein Magen flatterte. Er umklammerte ihre Finger fester. Hogwarts war für ihn nicht sein Zuhause. Das war es nie gewesen, aber er begann zu glauben, dass Heimat kein Ort, sondern eine Person war. Es war die Person, bei der man sich am sichersten fühlte. Diejenige, die dafür sorgte, dass sich dein Herz beruhigte und dein Kopf zur Ruhe kam. Draco wurde es ganz plötzlich klar, und es schockierte oder erschreckte ihn nicht. Hermine Granger war sein Zuhause, und er hatte sich nie sicherer gefühlt als in der Wärme ihres Lächelns, ihrer ineinander verschlungenen Finger, ihrer Träume, die im Raum zwischen ihren Lippen schwebten.
oOo
Der Weihnachtsmorgen dämmerte kalt und hell. Das Licht des Himmels brach sich im Schwarzen See, fing den Seetang und die Algen ein und durchbrach die Trübheit, um Dracos Zimmer zu durchfluten. Er wachte früh auf, aber sein Körper fühlte sich ruhig an und seine Augen brannten nicht. Betäubt rieb er sich das Gesicht. Er musste gut geschlafen haben. Die Lethargie hing ihm noch in den Knochen und sein Kopf pochte nicht wie sonst. Es dauerte einen Moment, bis er merkte, dass es Weihnachten war.
Er hatte sich nicht gerade darauf gefreut. Normalerweise liebte Draco die Weihnachtsfeiertage; es bedeutete, nach Hause zu fahren, seine Mutter wiederzusehen, das Herrenhaus mit silbernem Schmuck zu schmücken, säulengroße Bäume in jedem Korridor und Eingangsbereich und Lichterketten, die wie echte Feen funkelten. Der Zauber von Weihnachten war in dem Moment erloschen, als der Dunkle Lord sein Lager in demselben Herrenhaus aufgeschlagen hatte, das Draco immer sein Zuhause genannt hatte, und Weihnachten als Muggeltradition geopfert worden war. Seitdem stand das Herrenhaus leer, aber Draco träumte manchmal davon, wie es einmal gewesen war, von der früheren Schönheit und Vertrautheit.
Es war einfacher, in Hogwarts zu bleiben, anstatt dorthin zurückzugehen, das wusste er. Nicht, dass er wirklich eine Wahl gehabt hatte. Aber Blaise würde bleiben, damit er nicht allein war. Hermine würde auch dort sein.
Draco fuhr sich wieder mit einer Hand übers Gesicht. Er wusste nicht, wie spät es war, aber es waren immer noch Schatten in seinem Zimmer und krochen über den Boden des Sees. Er schwang seine Beine aus dem Bett, zog seinen Morgenmantel an und hoffte, dass der Gemeinschaftsraum leer sein würde.
Das war er aber nicht.
„Na, bist du nicht in Feierlaune?"
Draco zog eine Grimasse, kratzte sich am Kopf und ging hinüber in die Mitte des Gemeinschaftsraums, wo das Feuer knisterte und Blaise mit dem Rücken zu ihm saß. Er ging an dem riesigen silbernen Weihnachtsbaum vorbei und ließ sich seinem Freund gegenüber nieder. „Woher wusstest du, dass ich es bin?"
„Du hast ein charakteristisches Stampfen.", antwortete Blaise und rollte seinen Hals.
Draco starrte ins Feuer. „Ich stampfe nicht."
Trotzdem sah er, wie das Grinsen seines Freundes aufflackerte. Blaise lachte leise und warf etwas nach ihm. Wäre Draco nicht ein erfahrener Sucher gewesen, wäre der Gegenstand wahrscheinlich seitlich an seinen Kopf geprallt, aber er fing ihn gerade noch rechtzeitig auf.
„Bist du jetzt dazu übergegangen, mich körperlich zu misshandeln, Zabini?", stieß er mit bissiger Stimme hervor.
Blaise rollte mit den Augen. „Dir auch frohe Weihnachten, Draco."
Draco zauberte wortlos das Geschenk herbei, das er für Blaise gekauft hatte. Es war eine Flasche mit dem französischen Lieblingswhiskey seines Freundes. Sie landete in seinem Schoß und er hielt Blaise den Hals hin, damit er sie nehmen konnte.
Er schüttelte sie verschwörerisch und hielt sie an sein Ohr. „Meine Güte, ich frage mich, was das sein könnte."
Draco verdrehte die Augen, richtete seine Aufmerksamkeit aber auf die Schachtel in seinen Händen. Sie war fein säuberlich in smaragdgrünes Papier eingewickelt, wobei die umgeschlagenen Kanten Blaises Genauigkeit deutlich machten. Erbarmungslos fuhr er mit einem Finger an der Kante entlang und riss das Papier auf und ließ es herunterfallen.
Die Schachtel war etwa so groß wie seine Handfläche, kunstvoll und grün, mit silbernen Verzierungen. Ein kleiner silberner Drache tanzte auf dem Deckel. Draco runzelte die Stirn und öffnete die Schachtel, um seine Finger in den Balsam zu tauchen.
„Das würde ich an deiner Stelle nicht tun.", sagte Blaise. Seine Augen waren auf ihn gerichtet. „Das ist sehr teures Zeug. Verschwende es nicht."
„Was ist es?", fragte Draco.
Blaise stellte den Whiskey beiseite, lehnte sich zurück und sah ihn mit schwarzen Augen an. „Es ist ein Unsichtbarkeitsbalsam. Er deckt alles ab. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es legale Magie ist. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ihn gefunden habe, und er war nicht billig zu bekommen."
Draco erstarrte. Er blickte auf das Gel hinunter. Er holte tief Luft, bevor er seine Stimme senkte. Er fragte: „Es deckt alles ab?"
Blaise zögerte nicht. „Alles."
Draco blickte ihn an. In derselben Sekunde stellte er die Schachtel neben sich, knöpfte die Manschette seines Hemdes auf und rollte den Ärmel bis zu seinem Ellenbogen zurück. Das Dunkle Mal war stark wie immer, kränklich auf seiner blassen Haut, fleckig. Es sah fast aus, als würde es weinen. Die Schlange krümmte sich im Schädel. Draco spürte, wie seine Kehle trocken wurde. Seine Hände zitterten.
„Bist du sicher?", fragte er. Er musste nachfragen. Er durfte sich keine Hoffnungen machen, aber er spürte trotzdem, wie ihm schwindlig wurde und die Angst in seiner Brust aufstieg.
„Es wurde mir versichert.", antwortete Blaise.
Draco nickte. Seine Zunge schoss heraus, um seine Lippen zu befeuchten. Er bog seine Faust so fest, dass seine Knöchel weiß wurden, tauchte seine Finger in das Gel und zögerte nur einen Moment, als der Blitz und die Hitze des Schmerzes, an den er sich erinnerte, ihn zusammenzucken ließen. Dann bedeckte er das Mal.
Zuerst passierte nichts. Das Gel war klar, aber sein Dunkles Mal war immer noch sichtbar. Draco schluckte seine Enttäuschung hinunter. Es erstickte ihn fast.
Er spürte zuerst das Kribbeln, die verräterische Liebkosung der Magie, und sah gebannt zu, wie das Gel in seine Haut einzog und mit dem Weiß verschmolz, bis sein Unterarm leer war. Ein Keuchen entwich Dracos Mund wie ein Schluchzen.
„Blaise –"
Er kniff die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander, um nicht zu weinen.
„Es wird nicht immer Winter sein.", sagte Blaise. „Du kannst nicht ewig in deinen langärmeligen Emo-Roben herumstapfen."
Draco konnte nicht einmal lachen. „Blaise, ich –"
„Ich brauche Whiskey.", beendete sein Freund den Satz für ihn, verwandelte zwei Blumenvasen in der Nähe in Gläser und öffnete seine Flasche. Er goss den Whiskey ein und reichte Draco ein Glas. Er trank sein eigenes in einem Zug aus und stieß einen Laut aus, der zwischen Abscheu und Genugtuung schwankte. „Ah, das ist der richtige Stoff."
Draco schwenkte sein Glas und starrte auf die Stelle auf seinem Arm, an der sich einst das Mal befunden hatte, die Verurteilung seines Lebenswerkes. Jetzt nicht mehr, dachte er. Ich bin sauber. Sauber.
„Danke.", sagte er. Er würde gerne glauben, dass seine Stimme nicht gebrochen klang, aber selbst wenn, Blaise beachtete es nicht.
„Keine Ursache."
Er füllte sein Glas nach und hielt es über die Lücke zwischen ihnen. Draco nahm sein eigenes und stieß mit dem von Blaise an.
„Frohe Weihnachten, Draco." Er lehnte sich zurück und kippte seinen Whiskey wieder hinunter.
„Frohe Weihnachten, Blaise."
oOo
Es gab nicht viele Schüler, die über Weihnachten hier blieben, aber Draco war kaum überrascht. Es war nicht der Ort, an dem er sich aufhalten würde. Trotzdem hatte McGonagall dafür gesorgt, dass die Große Halle wie in den guten alten Zeiten geschmückt war. Hinter dem Lehrertisch stand ein riesiger Weihnachtsbaum, der die Decke berührte, mit Bändern in den Farben aller Häuser umwickelt war und sich unter dem Gewicht der Kugeln an jedem Ast neigte. Kleinere Bäume säumten die Wände und umrahmten die beiden Kamine, die fröhlich vor sich hin knisterten, umhüllt von Stechpalmenkränzen, geschmückt mit Misteln, die durch die Luft flogen, um ahnungslose Opfer zu fangen und sie festzuhalten, bis sie sich einen Kuss gaben. Die verzauberte Decke war milchig weiß, und der Schnee fiel sanft herab, verfing sich auf Schultern, Tischen und am Boden und schmolz blitzschnell wieder. Draco musste zugeben, dass es wunderschön war. Es raubte ihm fast den Atem.
Er vergaß fast das Massaker, das dort stattgefunden hatte.
Es gab nur einen Tisch, der für das Weihnachtsessen gedeckt und üppig ausgestattet war, und selbst der war nur halb gefüllt. Die Professoren, die über die Feiertage geblieben waren, saßen verstreut unter den Schülern, mit McGonagall an der Spitze. Draco saß am gegenüberliegenden Ende. Ihm entgingen weder die Blicke, die ihm zugeworfen wurden, noch die Art und Weise, wie diejenigen, die ihm am nächsten waren, auf der Bank weiter nach unten rutschten. Geistesabwesend zupfte er an seinem Ärmel.
Er war nicht sehr lange allein, als sich jemand zu seiner Rechten fallen ließ. Sie stieß hörbar die Luft aus, ihre Haare flogen um ihre Schultern und kitzelte seine Wange. Dracos Blick schoss nach oben und sah sie an.
„Was tust du da?", verlangte er leise zu wissen.
Hermine hob eine Augenbraue und hielt inne. „Nun, auch dir frohe Weihnachten!"
Dracos Blick huschte über den Tisch. Die Leute schauten zu ihnen. Blaise würde gleich auftauchen. „Granger –"
Sie schien seinem Gedankengang zu folgen, rollte mit den Augen und sagte: „Also wirklich, Draco. Harry und Ron wissen es und es war ihnen egal. Warum sollten wir uns darum kümmern, was andere denken?"
Er schluckte und begann, sich am Essen zu bedienen. Hermine lächelte, fast verwegen, neben ihm. Sie hob einen Beutel vom Boden auf und steckte ihren Arm bis zum Ellbogen hinein, bevor sie ein verdächtig buchförmiges Geschenk herausholte und es ihm hinhielt.
„Frohe Weihnachten, Draco.", sagte sie leise.
Der Rest der Schule verstummte. Draco starrte sie nur an. Er befeuchtete seine Lippen und wendete seinen Blick ab, nahm das Geschenk und hielt es einen Moment lang auf seinem Schoß. Die Ränder waren nicht so sauber wie die von Blaise, aber sie waren präzise gefaltet und vermutlich mit etwas aus der Muggelwelt zusammengeklebt. Das Papier war eisblau mit kleinen, lächelnden Schneemännern.
Ein Lächeln zupfte an seinen Lippen.
„Granger.", begann er. Dann sah er zu ihr auf und die Worte blieben ihm auf der Zunge liegen. Sie sah ihn so leidenschaftlich an, mit rosa Wangen, feuchten Lippen und großen Augen. Frischer Schnee fiel auf ihre Haare und verschwand dann wieder. „Ich – Danke."
Hermine strahlte. „Gern geschehen.", erwiderte sie leise.
Draco griff in seine Robe und holte das Geschenk heraus, das er vorhin schrumpfen hatte lassen, weil er nicht gewusst hatte, wann er es ihr geben konnte. Er reichte es ihr und sie schnappte nach Luft.
„Du hättest nicht –", begann sie, aber er unterbrach sie.
„Granger.", sagte er spöttisch und geduldig. „Selbst wenn du mir nichts geschenkt hättest, hätte ich dir das hier gegeben. Und sei es nur, damit du aufhörst zu plappern."
Während Hermine fassungslos und still dasaß, packte Draco sein Geschenk aus, fuhr mit der Hand über den leinengebundenen Einband und lächelte leicht. Shakespeares Komödien. Er schüttelte leicht den Kopf und ließ den Finger über den Buchrücken gleiten.
„Ich dachte, die hier könnten dich aufheitern.", gab Hermine zu. Sie klang beinahe nervös. „Seine Tragödien können nach einer Weile ein wenig deprimierend werden. Ich weiß nicht, wie viele du gelesen hast, aber Viel Lärm um nichts ist meine Lieblings –"
„Granger.", unterbrach Draco. „Hör auf zu reden und lass mich dir danken."
Sie zuckte mit den Schultern und wandte den Blick ab. Ihr Blick fiel auf das Geschenk in ihren Händen. Flink riss sie das Papier auf und presste die Lippen zusammen, als sie sah, was es war. Ihre Augen leuchteten.
„Draco.", hauchte sie. „Das hättest du nicht tun müssen."
Er zuckte mit den Schultern und fühlte sich plötzlich sehr heiß. „Du hast gesagt, dass du immer noch nicht gut schläfst. Ich habe eine Eule zum Anwesen geschickt, um nach dem zu fragen, den meine Mutter benutzt hat. Ich dachte, es könnte daran liegen, dass die Hauselfen ihn nicht richtig gemacht haben."
Hermine errötete. Sie drückte die Schachtel mit den Jasmin Teeblättern fester an ihre Brust. „Gib nicht den Hauselfen die Schuld!"
Draco stöhnte. „Fange nicht mit deinem Weihnachts-Belfer-Appell an."
Ihre Nasenflügel blähten sich. „Du weißt, es ist .R."
Ein verräterisches Zucken umspielte seine Lippen, doch bevor er etwas erwidern konnte, rutschte Blaise auf den Sitz gegenüber von ihm. „Granger.", begrüßte er sie.
„Zabini.", antwortete sie sanft und schnitt ihren Speck. „Frohe Weihnachten."
„Dir auch."
Draco kommentierte diese plötzliche Höflichkeit zwischen den beiden nicht. Er konnte die beiden nur anstarren. Hermine warf ihm aus dem Augenwinkel einen verschmitzten Blick zu.
„Oh, ehrlich, Draco.", sagte sie. „Mach den Mund zu. Sonst kommen Fliegen rein."
„Ja, Draco.", fügte Blaise hinzu, mit einem irritierenden Funkeln in seinen dunklen Augen, das Dracos Gesicht aus einem ganz anderen Grund zusammenzucken ließ. „Außerdem ist es furchtbar unattraktiv. Du siehst aus wie ein Fisch."
Hermine lachte und Draco vergaß für einen Moment seine Verärgerung. Der Schnee fiel weiter von der Decke, schmolz auf seinen Schultern und verfing sich in seinen Wimpern. Etwas davon landete auf Hermines Nasenspitze, und er streckte die Hand aus, um es wegzuwischen, ohne daran zu denken, dass es Magie war und sowieso verschwinden würde. Sie zögerte, und Draco hielt inne, seine Hand immer noch zwischen ihnen ausgestreckt. Er spürte, dass Blaise ihn beobachtete. Es kam ihm vor, als würden ihn alle beobachten. Doch dann verzog sich Hermines Gesicht zu einem Lächeln, und sie griff nach seinen Fingern, drückte sie und brachte ihre Hände unter den Tisch, immer noch locker miteinander verschränkt, bevor sie sich wieder ihrem Essen zuwandte, als wäre es nichts. Als ob sie nicht das schönste Weihnachtsgeschenk wäre, das er je bekommen hatte.
Jeden Mittwoch gibt es ein neues Kapitel, das nächste kommt am 29.03.
