Autorenanmerkung: Erneut besten Dank an frl-smilla für ihr Review. Ansonsten noch zu vermelden, was ich beim letzten Update vergaß: Kapitel 1, der Prolog, hat die 100-Hit-Marke überschritten. Ihr seht: Ich bin besessen von Zahlen. Mal sehen, ob es sogar noch in der Geschichte drin vorkommt. Gerade leide ich irgendwie an einer kleinen Schreibblockade, vermutlich zu viele andere Dinge im Kopf, aber ich habe noch genug Stoff für die... Hm, nächsten zehn Wochen? Also, bis zum Ende des Jahres sollten noch ein paar Updates ohne Probleme kommen.
Ich muss sagen, dass ich selber mit dem nächsten Kapitel nicht zu 100 glücklich bin, aber ich weiß auch nicht, was ich daran ändern soll, nicht so wirklich. Es treibt die Geschichte etwas voran, außerdem erzählt Mac, und Dinge, die man selber erzählt, die sind ja nie immer so 100ig akkurat. Da stimmt immer irgendwas nicht, weil man Dinge subjektiv anders wahrnimmt. Macht das irgendwie Sinn? Ich hoffe schon.
Wie dem auch sei: Auch mit dem Kapitel: Viel Spaß!
(Und für alle Gary-Fans: Heute Abend, Vox: "The Green Mile", nach etwa einer Stunde (reiner Filmzeit) kommt Garys einzige Szene in dem Film, aber der Film ist auch insgesamt sehenswert.)
Kapitel 11: Böse Überraschungen
Papierkram… Ich weiß nicht, manchmal liebte ich es, weil die Arbeit mich wunderbar von all den anderen Dingen des Lebens ablenkte, wie von der Trauer um Claire. Oder im Moment auch von meinen Gefühlen für Danny. Ich konnte mich voll und ganz auf die Papiersachen konzentrieren, darauf, was ich notierte und in den Computer eingab, ausdruckte, einsortierte, abheftete. Für Sekretärinnen hatte auch das New Yorker Police Department nicht genug Geld. Wir hatten für diese Arbeiten viel zu wenig qualifiziertes Personal. Aber wozu auch Geld dafür verschwenden, wenn man es viel besser in neue Geräte investieren konnte, oder in hoch qualifiziertes Personal im Labor. Mir war es wesentlich lieber jemanden zu haben, der eine DNS-Analyse sauber und effizient durchführen konnte, als jemand der die Unterlagen für mich bearbeitete. Den Papierkram konnten wir auch irgendwie selber erledigen. Außerdem wussten wir alle besser als jede Sekretärin, was wir genau getan hatten, somit konnten wir es auch besser aufschreiben.
Aber trotzdem hasste ich diese Arbeit an manchen Tagen, sie war so eintönig und monoton. Zeitweise zumindest. Das Klappern der Tastatur hatte zwar manchmal auch was geradezu meditatives, aber es konnte einem auch ab und zu den letzten Nerv rauben.
Immerhin musste ich mir mit niemandem das Büro teilen. Ich musste nur das Geklapper einer Tastatur ertragen, wenn ich mich selber vor den Computer setzte. Trotzdem freute ich mich über unseren nächsten Fall, auch wenn er nicht wirklich erfreulich war. Ich konnte mir wesentlich besseres vorstellen, wenn man mir den Gürtel in einem Fahrstuhl öffnete, als von einer Ladung Schrot tödlich getroffen zu werden.
Es war schon interessant, wie locker Stella und Flack reagierten als ich bemerkte, dass der Gürtel unseres Opfers offen war. Allerdings hatten wir ja auch schon viel gesehen. Aber vielleicht hatten sie auch inzwischen ein anderes Bild von mir als noch vor einigen Monaten. Ich hatte es zumindest von Flack. Er flirtete immer noch mit Frauen, so war es nicht. Aber ich fragte mich, ob er es tat, weil es ihm Spaß machte, oder ob er mit ihnen flirtete, um in Übung zu bleiben, oder ob er es vielleicht sogar gar nicht merkte, dass er mit ihnen flirtete. Und ich fragte mich, wann er wohl mal an eine geraten würde, die ihn nicht so ohne weiteres wieder ziehen lassen würde…
Nichts ist schlimmer als die Rache einer verschmähten Frau.
Ich hoffte nur, dass Flack dies erspart bleiben würde. Seit unserem gemeinschaftlichen „Coming out" bei der Besprechung hatte ich nicht mehr privat mit ihm gesprochen, es hatte sich nicht ergeben. Ich hätte zu gerne erfahren, ob er inzwischen mit seiner Familie gesprochen hatte, und auch, wie sie reagiert hatte. Im Labor herrschte auf jeden Fall eine lockere Stimmung. Hawkes, der auf seine zufällige Entdeckung so… merkwürdig… reagiert hatte ging sowohl mit Danny als auch mir recht locker um. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, als würde er Flack aus dem Weg gehen. Es änderte ja nichts daran, wer wir waren.
Vielleicht war Hawkes sogar noch derjenige im Labor, der am Besten verstehen konnte, was in uns vor sich ging. Ich hatte zwar nie mit ihm darüber geredet, aber ich konnte mir sehr wohl vorstellen, dass er fast sein ganzes Leben lang sich gegenüber Anfeindungen hatte behaupten müssen. Es dauerte, bis ich merkte, dass er vielleicht aus einem Vorurteil heraus so reagiert hatte, nur um dann sich selber zu korrigieren, weil erst diese Vorurteile die Probleme schafften. Für mich war Hawkes nie ein schwarzer Mitarbeiter gewesen, oder so was, er war für mich immer nur ein Mitarbeiter gewesen, genau wie Stella, Danny oder Lindsay. Für mich war es auch egal gewesen, welche Hautfarbe meine Kameraden bei den Marines gehabt hatten. Ich war auf diesem Auge vollkommen farbenblind. Und ich liebte es geradezu wie ein Kind die Menschen anzuschauen, dem die Hautfarbe oder die ethnische Herkunft total egal war.
Dies war auch ein Grund gewesen, weswegen ich überhaupt Danny anheuern konnte: Ich sah ihn, nicht seine Familie oder seine Vergangenheit. Jeder hatte schwarze Flecken in seiner Vergangenheit, und auch ich habe einige Dinge getan, auf die ich im Nachhinein nicht besonders stolz bin. Und andere Dinge, für die ich mich sogar schäme. Ich habe Sachen erlebt, die ich heute lieber vergessen würde, aber ich kann es nicht. Niemand kann so was.
An manchen Tagen hätte ich am liebsten alle Erinnerungen an Claire vergessen, weil es nicht so schmerzhaft gewesen wäre. Aber da musste ich durch. Es ging nicht anders. Und ich war auf einem guten Weg.
Dieser Fall war auf jeden Fall mal was anderes. Lindsay und Danny unterstützten Stella und mich bei der Sichtung der Beweise. Die Essstäbchen wurden von ihnen untersucht, während Hawkes im Central Park nach einer Leiche tauchen ging. Ich konnte wirklich nicht sagen, dass dieser Job langweilig wurde. Vor allem nicht, als ich dann auch noch die Chance bekam herauszufinden, was für eine Waffe der Mörder verwendet hatte.
Man konnte durchaus sagen, dass ich eine Schwäche für Waffen habe. Ich finde das Wissen über ihre Funktionsweise einfach faszinierend, aber ebenso interessierte mich es zu wissen, wie sie gehandhabt wurden. Meist führten sie mich zu einem Mörder. Und in meiner Zeit als Marine war es lebensnotwendig sich verteidigen zu können. Ich sah Waffen immer weniger als Angriffsgegenstände sondern mehr als Schutz.
Trotzdem machte es mir Spaß die Schusstests durchzuführen, während Stella in der Zwischenzeit Hawkes zur Hand ging. Sheldon war immer noch ein Anfänger. Während ich mit Flack den Waffentest machte fand ich allerdings keine Zeit mit ihm über die Vorkommnisse der Besprechung zu reden.
Dafür tauchte nachdem beide Fälle gelöst waren Danny unerwartet in meinem Büro auf.
„Hallo Mac." Ich sah von meinem Papierkram auf, über dem ich schon wieder saß. Ich sagte ja: Ich kam da einfach nicht raus. Beim Klang seiner Stimme bekam ich alleine schon eine kleine Gänsehaut im Nacken. Ich fragte mich, wie mein Körper wohl reagieren würde, wenn wir ganz andere Dinge miteinander täten, bevor mich die Stimme der Vernunft wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte: Danny war zwar auch bi, aber es gab keinerlei Anzeichen, dass er auch nur das geringste Interesse an mir hatte.
„Hallo Danny." begrüßte ich ihn. „Was gibt es?"
Er schenkte mir ein Grinsen, bevor er sich einfach unaufgefordert auf das Sofa in meinem Büro setzte. „Was sollte es geben?"
Eigentlich war ich nicht der Typ, der auf solche Spielereien einstieg, aber immerhin war das Danny, der hier anfing mit mir herumzuspielen und rumzuflachsen.
„Ich weiß es nicht, sag du es mir." gab ich zurück und schenkte ihm auch ein kleines verschmitztes Grinsen. Ich fühlte mich gut, wir hatten die Fälle gelöst, im Moment wartete keine neue Leiche auf uns, keiner neuer Tatort der untersucht werden wollte, also konnte ich mir mal Zeit für solche Unterhaltungen nehmen.
„Wieso ich?"
„Na du bist doch in mein Büro gekommen…"
Ich fragte mich, wie lange dieses Hin und Her zwischen uns wohl noch gehen würde, bevor Danny mir entweder sagen würde, was los war, oder einfach wieder gehen würde.
„Und? Darf ich nicht einfach mal in dein Büro kommen?"
„Doch, aber du kommst doch wohl nicht ohne Grund, oder?"
„Vielleicht wollte ich ja nur einem Freund Hallo sagen? Fragen, wie es ihm geht…"
„Ist es das?" fragte ich und zog meine Augenbrauen hoch, ohne dass ich es selber so richtig bemerkte. Ich war wie jeder andere Mensch auch: Viele meiner typischen Merkmale tat ich einfach ohne sie wirklich zu registrieren, so wie Danny wohl schon längst nicht mehr bemerkte, wie er mit seiner Brille umging, wie er sie hochschob, auf seine Stirn, wenn er durch ein Mikroskop schaute, oder zeitweise einfach im Gespräch sie wieder weiter nach oben, dichter zu seinen Augen schob, wenn sie mal wieder etwas seinen Nasenrücken heruntergerutscht war.
„Vielleicht."
„Wieso fragst du dann nicht einfach, wie es mir geht?"
„Wie geht es dir?"
Ich glaube, wenn es nicht Danny gewesen wäre, sondern Stella, dann wäre ich jetzt wohl kurz davor gewesen, sie zu erwürgen. Aber es war Danny, und ich war eher kurz davor ihn an die Glaswand in seinem Rücken zu drücken, nachdem ich ihn natürlich zuerst mal von meinem Sofa hochgezogen hätte, und ihn zu küssen. Wobei die Option ihn einfach auf die Couch zu drücken und dort zu küssen auch verlockend war. Ich stellte mir vor, wie ich ihn mit meinem Körper auf das weiche Möbelstück drückte, mein Körper sich an seinen presste und ich die Wärme seines Körpers durch die Kleidung spürte…
Ich versuchte den Gedanken zu stoppen, vor allem, bevor sich noch mehr in meiner Hose regte.
„Mir geht es gut." antwortete ich schließlich. Meine Stimme klang belegt, ich räusperte mich. „Und wie geht es dir?"
„Hungrig, aber ansonsten gut. Lust mit mir was Essen zugehen?"
Aha! Daher wehte also der Wind. Danny hatte vor was Essen zugehen und wollte nicht alleine sein. Ich musste schon sagen, dass ich mich etwas wunderte, denn früher war er meistens mit Aiden was Essen gegangen, und jetzt schien er sich auch sehr gut mit Lindsay Monroe zu verstehen. Weshalb sonst würde er sie wohl „Montana" nennen? Die Chemie zwischen den beiden stimmte auf jeden Fall. Und sie arbeiteten beide effektiv zusammen. Vielleicht sogar noch einen Tick besser als Danny mit Aiden zusammengearbeitet hatte.
„Lass mich das hier eben noch zu Ende machen." antwortete ich Danny, bevor ich eigentlich richtig darüber nachdenken konnte. Erst dann fiel mir auf, was das vielleicht heißen würde, mit ihm wegzugehen, was Essen zu gehen. War das etwa ein Date? Eine Verabredung?
Ich wischte den Gedanken sofort aus meinem Kopf und konzentrierte mich auf meine Arbeit, während Danny auf meinem Sofa wartete. Und natürlich war es keine Verabredung. Es ging nur darum was zu Essen. Und wir aßen unregelmäßig genug durch unseren Beruf und dadurch, dass Mörder nicht warteten, bis die CSI gefrühstückt oder zu Mittag gegessen hatten. Von Abendessen ganz zu schweigen…
Ich stellte den Computer aus, nahm mein Jackett und ging mit Danny zu den Aufzügen. Der Nachteil unserer neuen Büros: Man konnte nicht einfach mal eben rasch die Treppe nehmen um nach unten zu kommen. Okay, runter war vielleicht noch leichter als nach oben, aber keiner von uns tat dies jemals wirklich freiwillig. Ich ging lieber joggen um fit zu bleiben, als dass ich 34 Stockwerke zu Fuß erklomm. Danny sah es wohl so ähnlich, wobei er doch eher der Typ war, der sich mit einem Skateboard oder ähnlichem herumtrieb. Ich wusste nicht was seine Lieblingssportart war. Okay, nach dem Fall mit dem Baseballspieler als Mörder war mir klar, dass er sich mit Baseball mehr als nur etwas auskannte. Eigentlich hatte ich das sogar vorher schon gewusst, denn Baseball stand mit in seinem Lebenslauf, immerhin hatte er wohl mal eine Profilkarriere angestrebt. Aber ich wusste zum Beispiel nicht, ob er in unserem Polizeiteam war.
Der Fahrstuhl war gerade am 20. Stockwerk vorbei als er stockte und das Licht ausging. Eigentlich nicht weiter schlimm, wenn man sich nicht gerade an die großen Stromausfälle in New York in heißen Sommern erinnerte, wo der Strom auch schon mal für mehrere Stunden oder sogar Tage weg blieb. Das Leichenschauhaus hatte einen Stromgenerator, in der Gerichtsmedizin war so was einfach unerlässlich. Aber wenn bei uns im Labor der Strom ausfiel, dann hieß es erst mal Feierabend. Dann merkten wir erst, wie sehr wir auf Strom eigentlich angewiesen waren.
Ich wartete einen Moment, dann probierte ich den Notrufknopf zu finden. Eigentlich total idiotisch, denn ich sollte ja wissen, dass ohne Strom auch der Notruf wohl nicht ging. Ich kramte die Taschenlampe aus meiner Jacketttasche. Immerhin die hatte ich dabei. Kurz überlegte ich mein Handy hervor zunehmen um Stella anzurufen und ihr zu sagen, dass ich im Fahrstuhl feststeckte, ausgerechnet mit Danny zusammen, aber dann dachte ich wiederum daran, dass sie mir wohl sagen würde, dass ich endlich mit Danny reden sollte und ihm sagen sollte, was ich empfand. Ich fragte mich automatisch, ob Flack wohl Danny gegenüber geplaudert hatte, aber im Schein der Taschenlampe schien Danny sich absolut nicht unbehaglich zu fühlen, mit mir auf so engem Raum eingeschlossen zu sein.
Ich suchte trotzdem in meinen Taschen nach meinem Handy. Meine Schicht war vorbei, und ich war auch nicht auf Bereitschaft, so dass ich nicht zwangsläufig erreichbar sein musste. Dann fiel mir ein, dass ich es auf meinem Schreibtisch hatte liegen lassen. Es hatte meine Ausrede dafür sein sollen, dass wenn es beim Essen nicht so laufen würde, wie ich mir das vielleicht vorstellte, wenn es unbehaglich würde, oder irgendwas los wäre, ich wenigstens einen guten Grund hätte, ins Büro zurückzukehren. Auch wenn mir Freizeit zustand, ich war immer noch der Chef, und wer wusste schon, wer mich erreichen würde müssen.
„Was suchst du?" fragte Danny, der inzwischen auch seine Taschenlampe hervorgezogen hatte.
„Mein Handy." antwortete ich ihm knapp.
„Du hast dein Handy nicht dabei?" Er schaute mich ungläubig an.
„Nein. Sag jetzt bitte nicht, dass du deins auch nicht dabei hast."
„Hängt am Ladegerät im Büro. Ich habe Dienstschluss, bin erst ab morgen früh wieder im Dienst, meine Freunde haben meine Privatnummer, der Akku war leer, also dachte ich mir, ich lade es hier auf."
„Super, das heißt also, wir haben keine Möglichkeit jemandem mitzuteilen, dass wir im Fahrstuhl feststecken."
„Nein." beantwortete Danny meine Frage bevor sein Magen hörbar knurrte.
„Und zudem hast du eindeutig Hunger und wir noch nicht mal was zu trinken hier drin." Ich lehnte mich an die Wand des Fahrstuhls. Obwohl unser letztes Opfer gerade ausgerechnet in einem Fahrstuhl erschossen worden war fühlte ich mich in dem engen Raum doch nicht unwohl, andererseits war da immer noch Danny, der mit seiner reinen Anwesenheit mich nervös machte. Ich schaltete meine Taschenlampe wieder aus, es reichte, wenn seine brannte, wir sollten die Batterie nicht verschwenden, vielleicht würden wir sie noch brauchen.
Danny sah mich an, dann folgte er meinem Beispiel und schaltete auch seine Taschenlampe aus. Ich wusste nicht warum, aber vielleicht fühlte er sich ja auch einfach in der Dunkelheit wohler. Dann hörte ich, dass er sich wohl an der Wand auf den Boden gleiten ließ. Auch ich rutschte an der Fahrstuhlwand herunter und saß auf dem Boden. Ich hatte keine Ahnung, wie lange der Strom weg sein würde und wie lange wir in dem Fahrstuhl wohl gefangen wären. Es könnten ein paar Minuten sein, genauso gut konnten es aber auch Stunden oder sogar die ganze Nacht werden. Im Labor war nur noch die magere Besetzung der Nachtschicht gewesen, und ich erwartete nicht, dass in den Büros auf den anderen Etagen viel mehr Leben wäre. Wir hatten zwar auch noch nicht versucht uns bemerkbar zu machen, aber ich erhoffte mir von so was eh nicht viel Erfolg. Wenn jemand auf der Etage wäre, dann würde er oder sie uns kaum helfen können. Ich war mir nicht sicher, ob nicht vielleicht auch die Funkmasten der Handyanbieter zusammengebrochen waren. Ich wusste nicht, ob der Stromausfall nur ein paar Blocks umfasste, ganz Manhattan, oder sogar ganz New York.
Und wenn es ein großräumiger Ausfall wäre, dann würde es dauern, bis Hilfe kommen würde um uns herauszuholen. Die Option, dass der Strom bald wieder zurückkäme war da noch die beste Möglichkeit. Es gab bestimmt größere Prioritäten als zwei Tatortermittler, die zudem noch dienstfrei hatten, aus einem Fahrstuhl zu holen.
„Hattest du schon mal Sex in einem Fahrstuhl?" fragte Danny mich vollkommen unvermittelt.
Ich war dankbar für die Dunkelheit, so konnte er nicht sehen, wie ich angesichts der doch recht intimen Frage leicht rot anlief. „Ja." sagte ich schließlich leise, was ich mit einem Nicken unterstrich, was er natürlich nicht sehen konnte.
Es war mit Claire gewesen, in unseren Flitterwochen. Wir verbrachten die Tage am Strand, und an diesem Tag, als wir vom Strand zurückkamen, konnten wir uns beide nicht zurückhalten. Während der Fahrt drückte sie den Stopp-Knopf im Aufzug, den es glücklicherweise gab, bevor sie mir an die Wäsche ging, und ich konnte meine Finger auch nicht von ihr lassen. Es war nur ein schneller Quicky, aber ein sehr einprägsamer. Ich hatte dies nie vergessen können, natürlich nicht zuletzt wegen dem besonderen Ort, aber auch, weil Claire ziemlich heftig und schnell gekommen war, und mir war es nicht viel anders ergangen.
Danny bohrte nicht weiter. „Ich nicht." sagte er einfach nur. Es wunderte mich etwas. Irgendwie hatte ich erwartet, dass er es nicht nur bereits ein Mal im Aufzug getrieben hätte, sondern vermutlich an noch viel ausgefalleneren Orten.
„Mac?" fragte er nach einiger Zeit des Schweigens. Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. So gerne ich mit Danny Zeit verbringen wollte, so unbehaglich fühlte ich mich gleichzeitig auch. Und ohne ihn fühlte ich mich auch nicht besser. Ich wollte bei ihm sein, aber andererseits wusste ich nicht, ob er bei mir sein wollte. Dabei hatte die Frage nach dem gemeinsamen Abendessen doch eigentlich gezeigt, dass er Zeit mit mir zusammen verbringen wollte. Nur wollte er sie als Freund mit mir verbringen? Oder als Kollege? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es etwas anderes sein konnte.
„Hm?" murmelte ich leise als Reaktion und als Zeichen, dass ich anwesend und auch noch wach war.
„Gibt es nichts, was wir tun könnten?" wollte er wissen.
Wieso fragte er das mich? Glaubte er, ich wäre schon so oft in meinem Leben wegen eines Stromausfalls in einem Fahrstuhl stecken geblieben? Ich hatte keine Ahnung hiervon. Ich wünschte, ich hätte vorgeschlagen, die Treppen zu nehmen, dann würde ich jetzt nicht mit ihm auf ein paar Quadratmetern festsitzen, aber ich tat es leider. Außerdem hätte er mich bei so einem Vorschlag wohl ziemlich blöd angesehen.
„Ich glaube nicht, dass es viel bringen würde, um Hilfe zu rufen." begann ich schließlich meine früheren Gedankengänge zu verbalisieren. „Es dürfte kaum mehr jemand im Gebäude sein. Und selbst wenn würde es dauern, bis jemand da wäre, der uns hier rausholen könnte."
Ich hörte Danny seufzen, bevor ich erneut seinen Magen hörte. „Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr zu Essen." erklärte er schließlich.
Da war ich etwas besser dran, ich hatte wenigstens eine Kleinigkeit zu Mittag gehabt. Aber der Job brachte einiges mit sich: Lange, unregelmäßige Arbeitszeiten, oftmals wenig Schlaf, und kaum eine Möglichkeit zu Essen.
„Hoffen wir einfach, dass der Strom bald wieder zurückkommt." antwortete ich Danny. Und ich tat es wirklich. Denn so ruhig meine Stimme auch klang, so aufgewühlt war ich im Inneren. Danny war wohl nur einen halben Meter von mir entfernt, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich ihn genau riechen: Eine Mischung aus dem langsam verschwindenden Duft seines Aftershaves und einer leichten Note von Schweiß, nicht aufdringlich, aber wahrnehmbar. Und ich konnte nicht leugnen, dass ich diesen Geruch anregend fand, ganz abgesehen von der Tatsache, dass ja schon Dannys Anwesenheit meinen Herzschlag immer beschleunigte.
In der Dunkelheit begann meine Hand etwas über den Boden zu fahren, fast schon geistesabwesend ertastete ich meine Umgebung. Ich spürte die feinen Spuren von Sand und Dreck unter meinen Fingern. Natürlich, der Fahrstuhl wurde ja auch immer wieder den ganzen Tag über benutzt, Dreck fiel von den Schuhen. Doch dann traf meine Hand auf warme Haut.
Dannys Hand!
Ich traute mich nicht weiter zu bewegen, war aber auch unfähig meine Hand wegzuziehen und den Hautkontakt zu unterbrechen. Aber Danny wich nicht zurück. Ich überlegte gerade, ob ich seine Hand vielleicht einfach in meine nehmen sollte, als der Strom wieder zurückkam. Die Beleuchtung ging an, und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.
Ich wusste nicht, ob ich jubeln oder mich ärgern sollte. Es wäre eine Möglichkeit gewesen, Danny meine Gefühle mitzuteilen, vielleicht sogar ohne Worte, und es wäre einfach gewesen, es anschließend auf die Situation zu schieben. Aber die Chance war jetzt vorbei.
Trotzdem zog keiner von uns beiden seine Hand weg oder rührte sich, aber unsere Gesichter wendeten sich zueinander und wir sahen einander an. Kein fragender Blick. Eigentlich war Dannys Blick recht neutral.
Erst als die Fahrstuhltür sich im Erdgeschoss öffnete lösten wir uns voneinander und standen wieder auf.
„Ich lauf die Treppen hoch und hol mein Handy." teilte ich Danny mit. Irgendwie hatte ich Angst, dass der Strom vielleicht gleich wieder ausgehen könnte, und ich wollte nicht noch mal im Fahrstuhl feststecken, ebenso wenig, wie ich ohne mein Handy irgendwo sein wollte, wo dann vielleicht auch der Strom ausgehen würde. Es waren vielleicht gerade mal 15 Minuten vergangen, seitdem der Fahrstuhl stehen geblieben war.
„Ich komme mit." sagte Danny. Wortlos stiegen wir gemeinsam die Treppen hinauf, nicht zu langsam, aber auch nicht zu schnell, ein kontinuierliches Tempo haltend. Danny kam nicht aus der Puste, und mein Herzklopfen lag definitiv nicht am Treppen steigen. Trotzdem legten wir alle paar Stockwerke eine kleine Verschnaufpause ein. 34 Stockwerke sind halt kein Pappenstil. Ich fragte mich wirklich, wessen Idee es gewesen war, unser Büro von den Kellerräumen ausgerechnet nach so weit oben zu verlegen.
Die Höhe machte mir keine Angst, auch nicht angesichts der Tatsache, dass Claire in einem Hochhaus gestorben war. Wenn ich eines wusste, dann das es keinen sicheren Platz auf der Welt gibt. Ich hatte immer gedacht, dass wenn einem von uns beiden was bei der Arbeit passieren würde, ich es sein würde, und nicht Claire.
Während ich zu meinem Büro ging gestikulierte Danny in die Richtung seines Büros, dass er sich mit Lindsay Monroe teilte. „Ich… hol mal auch mein Handy. Der Akku sollte zumindest teilweise wieder voll sein." Ich nickte nur.
Ich fragte mich, ob ich eine einmalige Chance in dem Fahrstuhl vermasselt hatte, oder ob sich eine weitere Chance bieten würde. Und ich hätte nur zu gerne gewusst, was die Berührung unserer Hände für Danny bedeutet hatte. Für mich war es wie ein Stromschlag gewesen. Gleichstrom, nicht Wechselstrom, denn ich hatte ja nicht loslassen können. Ich hatte immer noch das Gefühl, als würde mein ganzer Körper kribbeln angesichts der Tatsache, dass ich Danny berührt hatte. Und besonders intensiv war das Gefühl in meinen Fingerspitzen.
Danny und ich trafen uns auf dem Flur wieder.
„Willst du immer noch mit mir zusammen zu Abend essen?" fragte ich ihn schließlich. Ich wollte ihm einfach die Möglichkeit geben sauber aus der Sache wieder herauszukommen, falls er seine Meinung geändert hatte.
„Japp." antwortete Danny salopp. Er war und ist halt Danny, und es störte mich kein bisschen, wenn aber ab und an mal in einen Straßenslang oder eher die Jugendsprache verfiel, das gehörte zu ihm.
Ich schenkte ihm ein Lächeln, bevor ich wieder auf die Tür zum Treppenhaus zusteuerte. Wenn wir wieder unten wären, dann hätten wir uns das Essen wirklich redlich verdient.
