Kapitel 22: Tod auf den Gleisen

Ich konnte es nicht fassen, als der Anruf kam: Danny hatte eine Doppelschicht geschoben, unter anderem, weil ich früher aus dem Büro musste, wegen dieser Benefizveranstaltung. Aber auch weil Lindsay sagte, dass sie an diesem Abend noch einen Termin hatte, und deswegen auch ‚nur' in Bereitschaft war. Stella und Hawkes hatten dummerweise ihren freien Tag und keiner von ihnen war bereit gewesen mit einem anderen von uns zu tauschen.

Danny biss mehr oder minder freiwillig in den sauren Apfel der Doppelschicht. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder ärgern sollte, als er bei der Mitteilung brummelte, dass er Cindy vielleicht so endlich loswerden würde. Nach einer Doppelschicht war man einfach nur noch fertig, egal wie sehr man an die Arbeit gewöhnt war. Damit hatten sich dann immer alle Pläne für den Abend erledigt.

Doch dieser Anruf von Danny war gekommen. Und so kam es, dass ich im Frack auf den Gleisen der New Yorker U-Bahn herumlief, weil Danny auf seinem Nachhauseweg über eine Leiche gestolpert war. Lindsay kam wenige Minuten später, und als ich sie sah konnte ich Dannys leisen Pfiff durchaus nachvollziehen: Sie sah wirklich sehr attraktiv aus in dem kurzen, kleinen, grünen Kleid, aus einem sehr dünnen Stoff. Vermutlich fror sie fürchterlich an ihren Beinen, denn es war eisig hier unten in der U-Bahn.

Anderseits musste ich sagen, dass es mir gut tat, Danny wieder zu sehen. Wir waren in den letzten Tagen zu sehr mit unterschiedlichen Fällen beschäftigt gewesen. Und sein Blick, der auf mir ruhte, als ich ankam… Und dann der fast schon verschämte Blick zu Boden… Ich musste wirklich mehr auf diese Hinweise und Beweise achten. Ich versuchte, vor allem, nachdem Hawkes mir das von Cindy erzählt hatte, mir einzureden, dass meine Gefühle für Danny nur eine harmlose Schwärmerei wären. Totaler Blödsinn natürlich. Ich wusste genau, dass es absolut nicht nur eine Schwärmerei war. Mich hatte es so was von erwischt… Das letzte Mal, dass es mich so erwischt hatte, war mit Claire. Und wohin das geführt hatte, das wussten ja alle, nämlich vor den Traualtar.

Danny machte auf jeden Fall einen exzellenten Job, ganz egal, wie lange er schon auf den Beinen war und wie müde er schon war. Er wies mich in den Fall ein, nannte mir die persönlichen Daten des Opfers und wir begannen schon mit der genaueren Untersuchung bevor dann Lindsay auftauchte. Es war klar, dass es ein U-Bahn-Surfer war, noch bevor Lindsay, Verzeihung, Miss Monroe, ihren denkwürdigen Auftritt hatte. Ob Danny wohl auch die Assoziation mit Marilyn Monroe hatte? Auf jeden Fall war ich ihm dankbar, dass er mich von dieser Benefizveranstaltung gerettet hatte. So was war immer tödlich langweilig. Auch wenn ich bezweifelte, dass unsere Leiche dankbar darüber war, dass er sterben musste, nur damit ich mich nicht zu Tode langweilte. Kaum einer hätte wohl vermutet, dass ich diese Veranstaltung trocken und öde fand, aber es war so.

Es war schon amüsant, als Danny sich darüber beschwerte, dass er mit den falschen Leuten seine Zeit verbrachte. Ich konnte ihm da eigentlich nur zustimmen, da ich nur zu gerne mehr Zeit mit ihm verbracht hätte. Vielleicht hätte ich ihn zu der Benefizveranstaltung einladen sollen, andererseits hatte er an dem Tag Dienst, und so hatte ich Stella gefragt, die eh frei hatte. Sie musste nur ihrem Freund erklären, wieso sie den Abend ihres freien Tages nicht mit ihm verbrachte.

Dannys Blick durchbohrte mich an einem Punkt fast. Seine blau-grünen Augen waren so durchdringend, vermutlich war das der Grund, dass ich ihn mit Lindsay dazu abkommandierte mit der Befragung der Augenzeugen zu beginnen, während ich mich um den Körper kümmerte. Vermutlich hatte ich Angst, dass er mich durchschauen würde, mit seinen Augen, die so sehr nach einem Meer oder Ozean aussahen.

Ich glaube, wenn wir die Zeit gehabt hätten, ich hätte ihm ewig in diese Augen geschaut, aber so fuhr ich zurück in die Gerichtsmedizin und kümmerte mich um die Leiche und den ersten, anfallenden Papierkram.

Sid Hammerback berichtete mal wieder sehr präzise, was er alles anhand des toten Körpers herausfinden konnte: Über die Holzsplitter am Kopf unseres Opfers, die die Todesursache mit darstellten: Schlag auf den Kopf mit Todesfolge. Dann ging es an die weiteren Spuren, mit den Kratzern auf dem Rücken des Opfers, der Haizahn in der Hand unseres Opfers, und natürlich, wie konnte es anders sein, mit etwas ekeligem. Sid neigte leider dazu solche Dinge voll auszukosten.

Er hatte mir die Fische schon auf dem Monitor gezeigt, aber dann musste er ja mit mir zusammen den Mageninhalt aus unserem Opfer holen. Was sein musste, das musste halt sein, aber ich konnte sagen, dass mir danach jede Lust auf Frühstück oder Mittagessen vergangen war. Ich wusste sowieso schon nicht mehr, welche Tageszeit es war. Ich hatte gerade mal mich kurz in unserem Umkleideraum umgezogen. Auch wenn ich bei der Arbeit fast immer Anzug und Krawatte trage, so wären ein Frack und eine Fliege doch etwas sehr übertrieben gewiesen.

Ich muss sagen, dass an gewissen Punkten meiner Arbeit ich den Ekel einfach ausschalten konnte, vielleicht, weil ich für manche Dinge einfach zu neugierig war. Ich weiß nicht, ob es Chirurgen, zum Beispiel, genauso ging: Irgendwann war es nur ein Job, man hörte, wenn auch nur für den Augenblick, auf, den Menschen dahinter zu sehen. Der tote Körper, die Leiche, war nicht mehr als ein Beweisstück, und so war es auch mit dem Mageninhalt. Wenn ich es nicht unter dem Gesichtspunkt sah, dann wurde mir immer mal wieder übel. Und an manchen Abenden, oder auch wann immer ich Feierabend machen konnte (was oftmals nicht abends war, aber ich fing ja auch nicht immer morgens an), kamen die Bilder des Tages wieder hoch und verdarben mir jeglichen Appetit auf das Abendessen.

Ich blieb danach lieber im Labor und überließ weiterhin Danny und Lindsay die Untersuchung des Tatortes und die Befragung von Zeugen und Tatverdächtigen. Sie waren jünger, und mir war es manchmal lieber, wenn ich Zeit hatte, in der ich einfach alleine war, auch wenn ich arbeitete. Obwohl ich mich langsam wieder für Leute öffnete, eigentlich sogar relativ schnell, wenn ich so drauf zurückschaute, so brauchte ich immer noch Momente für mich.

Ein Vorteil der Boss zu sein, war definitiv auch, dass man die Drecksarbeit mit auf andere abwälzen konnte. Ich hatte genug von dem Mageninhalt gehabt, nachdem ich ihn mit Sid aus unserem Opfer geholt hatte. Und so war ich froh, dass Adam ihn analysierte und mich dann unterrichtete.

Der Haizahn war natürlich etwas anderes, aber auch da machte Adam sich an die Arbeit. Ich mochte es eigentlich, im Labor zu stehen und Dinge zu untersuchen, nur leider blieb man als Boss oft im Papierkram stecken. Den Spaß hatte in diesem Fall dann Adam, der den Zahn genau unter die Lupe nahm und herausfand, dass es ein echter Zahn war und kein Souvenir-Imitat, unbearbeitet, direkt aus dem Maul eines großen, weißen Haies. Außerdem brachte er noch weiteres Wissen mit ein, dass uns sehr beim Lösen des Falles half.

Was mir aber nicht so ganz aus dem Kopf wollte war unsere kleine Unterhaltung über die tropischen Fische aus dem Magen des Opfers: Adam hatte festgestellt, dass eine Nussmischung im Magen des Opfers gewesen war. Und ich identifizierte die Fische als Kampffische und teilte Adam mit, dass zwei Männchen in einem Behälter einander umbringen würden. Es als ironisch zu bezeichnen war wohl sehr treffend. Aber vermutlich dachte er bei seiner Bemerkung auch in keiner Weise an Danny und mich.

Er wusste ja auch nicht, dass ich in Danny verliebt war. Stella war immer noch meine Hauptinformantin, wenn es um Bürotratsch ging, und anscheinend hatte mein Team wunderbar dicht gehalten, was meine Gefühle zu meinem jüngeren Mitarbeiter angingen. Doch mich brachte das zum Nachdenken: Konnte eine Beziehung zwischen zwei Männern überhaupt gut gehen? Andererseits, wenn Danny noch mit dieser Cindy zusammen war, dann brauchte ich mir darüber gar keine Gedanken machen.

Viel amüsanter war da noch Adams Reaktion darauf, als ich ihm mitteilte, wo unser Opfer vor seinem Tod gewesen war: In einer Stripbar. Irgendwie war es lustig, wie er anfing rumzustottern, und ich schaffte es ein ernstes Gesicht zu halten. Danach ließ ich Adam sich mit dem Zahn amüsieren, während ich zu der Bar ging. Ich konnte nicht leugnen, dass es ein angenehmer Teil des Jobs war, ein paar leicht bekleidete Frauen tanzen zu sehen, auch wenn mein Hauptaugenmerk auf dem Türsteher lag.

Die Befragung übernahm ich auch, weil Danny und Lindsay wirklich genug mit dem Zug zu tun hatten. Ich hatte sie geradezu mit Arbeit überhäuft, zumindest, was diesen Fall betraf, aber keiner von ihnen beiden beschwerte sich. Vielleicht auch, weil sie so gut miteinander auskamen und es genossen, Zeit miteinander zu verbringen.

Letztendlich war es eine Substanz von den Holzsplittern, die uns zum Täter führte. Und die uns dazu brachte den Fall zu lösen. Es war irgendwie merkwürdig, Danny mich „Boss" nennen zu hören, aber ich war wohl zu sehr darauf konzentriert unseren Täter endlich Dingfest zu machen.

Seine Rechtfertigung war eines der Dinge, die mich wirklich wütend machte. Mir war wirklich jeder wichtig, der für die Stadt arbeitete. Ich arbeitete ja auch für die Stadt. Ich weiß solche Arbeit wirklich zu schätzen, und ich weiß, dass es nicht gut bezahlt wurde.

Nachdem ich fertig war unterrichtete ich Danny per Handy von unserem Erfolg. Er war in der U-Bahn auf seinem Weg nach Hause, kurz angebunden und sagte, er würde wohl gleich den Empfang von seinem Handy verlieren. Die New Yorker U-Bahn war eine der ältesten der Welt. Das Tunnelsystem war wohl auch mit eines der tiefsten. Es war eigentlich ein Wunder, dass wir überhaupt Empfang hatten. Trotzdem tat es weh, so schnell abgefertigt zu werden. Hoffentlich hielt er sich wenigstens an sein Versprechen direkt nach Hause zu gehen und nicht noch mehr Leichen auf seinem Weg aufzusammeln.