Autorenanmerkung: Kleiner Statusbericht: Ich bin mit der Geschichte in Word jetzt bei über 200 Seiten, ich habe die 100.000 Wörter geknackt (reine Geschichte, hier werden meine ganzen Kommentare und Anmerkungen ja immer noch mitgezählt) und es sieht insgesamt gut aus. Bin wirklich zuversichtlich, es zu einem Abschluss zu bringen, schreibe jetzt an Kapitel 41, das heißt: Alle Leser können sich noch auf einiges freuen (oder halt auch nicht, wenn es nicht gefällt).
Vor dem letzten Kapitel hatte ich vergessen ein dickes Dankeschön an alle Reviewer auszusprechen, das möchte ich hiermit nachholen. Ich freue mich jedes Mal wahnsinnig darüber. Außerdem auch mal ein Dankeschön an alle stummen Leser, auch wenn ich es lieber sehen würde, wenn ihr was sagen würdet, es ist schön an den Hitzahlen zu sehen, dass gelesen wird (ich glaube einfach nicht, dass jemand der nicht liest in weiterführende Kapitel klicken würde, zumindest erwarte ich da nicht viele Klicks).
frl-smilla, da du die Einzige warst, die zum letzten Kapitel gereviewt hat bekommst du hier auch deine Antwort. Tut mir leid, dass ich mich gerade nicht zu direkten Reviewreplys durchringen kann. Danke für das dicke Lob mit der Gradwanderung zwischen dem sexuellen Teil der Geschichte und der Liebesgeschichte. Ich vermute mal, dass du das als den anderen Teil ansiehst, vielleicht liege ich aber auch falsch. Und ich gestehe, dass ich manchmal im schreiben von rein sexuellen Inhalten besser bin oder mich auch wohler fühle, um so mehr freue ich mich über das Lob. Leider habe ich manchmal das Gefühl, mir würde die Handlung ausgehen, bzw. mir fällt nicht immer was ein, was den Inhalt vorhergehender Kapitel noch übertreffen würde. Und dann habe ich manchmal das Gefühl, ich langweile dich/euch/meine Leser mit ewig langen inneren Monologen noch zu Tode. Womit wir dann bei den Leichen wären... Natürlich riechen die nicht alle gut, aber ich muss sagen, dass ich da schamlos aus anderen Geschichten "klaue". Nein, ich lasse mich davon inspirieren. Irgendwie liest man was und will anschließend einfach selber auch schreiben, zumindest geht es mir so. Aber freut mich, wenn dir dieses Detail aufgefallen ist. Ich glaube, ich empfinde es beim Schauen der Folgen einfach so mit den Charakteren mit, dass die Geruchswahrnehmung nicht unbedingt wirklich angenehm ist.
Genug mit dem Vorwort gelangweilt, und nein, es wird auch niemand mit Footballergebnissen im nächsten Kapitel gelangweilt, und ich verspreche auch kein Baseball oder Basketball. Für euch gibt es das nächste Kapitel, für mich die neue Box CSI:NY mit dem zweiten Teil der zweiten Staffel auf DVD (auch wenn das Bonusmaterial eher mager ausschaut).
Übrigens schon mal ein kleiner Teaser für alle, die meine Geschichten allgemein verfolgen: Ich schreibe an einer weiteren Geschichte über Mac, bisher noch nichts im Computer, die dann aber zu Staffel 3 schon gehört. Keine Ahnung, wie lang oder kurz das am Ende sein wird, aber es dürfte interessant werden.
Viel Spaß mit dem neuen Kapitel! Und entschuldigt bitte die langen einleitenden Worte. Kommentare sind wie immer erwünscht!
Kapitel 29: Bier mit Flack
Irgendwann im Laufe des Tages fand ich Zeit, Don Flack wenigstens kurz anzurufen, um ihm zu sagen, dass er mich bei Sullivans treffen sollte, wenn er Feierabend hätte. In unserem Job kann man ja leider nie sicher sein, wann man Feierabend hat. Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, dass der Feierabend nie kommt.
Doch an diesem Abend saß ich bei Sullivans schon recht früh an der Bar. Ich wollte an keinen Tisch, nicht so lange ich noch auf Don warten musste. Danny hatte zu arbeiten, und da alles zwischen uns immer noch nicht so fest war ließen wir einander viele Freiheiten, zumindest war das mein Eindruck. Wir hingen einfach nicht ständig aufeinander. Immerhin sahen wir uns schon fast täglich bei der Arbeit. Ich glaube, es war gut, dass wir uns unsere Freiräume ließen. Außerdem hatte er irgendwie irgendwas gesagt, dass er mit Aiden zum Essen verabredet sei. Er sagte was von wegen, sie würde kochen. So ganz war ich daraus nicht schlau geworden, vermutlich, weil es auch nur ein Bruchteil einer Unterhaltung von ihm mit Lindsay war, die ich durch Zufall anhörte.
Ich war schon bei meinem dritten Bier, als Don Flack endlich auftauchte. Nicht, dass ich mich gelangweilt hätte. Sullivans war an diesem Abend gut besucht, wie eigentlich fast immer, und die junge Dame hinter dem Tresen unterhielt sich mit mir immer so lange bis jemand ihre Aufmerksamkeit suchte, sei es, weil sie noch was bestellen wollten oder weil sie bezahlen wollten. Es war nett, nicht ganz allein zu sein, auch wenn sie nebenbei Gläser spülte und hin und wieder Tische auch abräumen musste. Wir hatten wirklich netten Smalltalk. Ich weiß schon gar nicht mehr so richtig, wann ich das letzte Mal ein Gespräch geführt hatte, in dem es absolut um nichts aus meinem Beruf ging. Wir unterhielten uns über das Wetter. New York hat ziemliche Temperaturschwankungen im Laufe des Jahres: Einen heißen Sommer, mit gelegentlichen Regenschauern, bei denen das Thermometer aber trotzdem nicht unbedingt unter 20 Grad Celsius fällt, und Winter in denen man sich Gliedmaßen abfrieren konnte. Gelegentlich hatten wir sogar Schnee, zwar meist keine großen Mengen, aber immerhin.
Don orderte auch ein Bier und unsere Bedienung zog sich etwas zurück. Das kann sicherlich auch daran gelegen haben, dass am anderen Ende des Tresens ein junger Mann aufgetaucht war, offensichtlich alleine unterwegs. Ich gehörte nun nicht mehr wirklich in die Kategorie ‚junger Mann' und Flack mit seinem Anzug und seiner Krawatte und mir als Gesprächspartner wirkte wohl zu spießig, im Gegensatz zu dem Typen in Jeans und Shirt.
„Na, wieso warst du heute Morgen so spät dran?" fragte Don, gleich auf den Punkt kommend.
„In einem Wort: Danny." antwortete ich ihm und erntete einen unverständlichen Blick. Zwar wusste Don ja, dass Danny schon mal bei mir übernachtet hatte, aber von der letzten Nacht wusste noch nicht mal Stella was.
„Er hat bei mir geschlafen, und heute morgen… kamen wir etwas in Verzug."
„Habt ihr etwa…?" fragte Don, und ich schüttelte sofort den Kopf.
„Nein, so weit sind wir noch lange nicht. Ich… ich will es langsam angehen. Auch und gerade wegen dem Sex." Es war gut jemanden zu haben, mit dem man darüber reden konnte. Don war wirklich der ideale Gesprächspartner dafür, Sheldon Hawkes hätte mir vermutlich einen medizinischen Vortrag über sexuell übertragbare Krankheiten und die Risiken von Analverkehr gehalten. Was Sid Hammerback zu dem Thema beizutragen hätte, das wollte ich lieber gar nicht erst wissen. Und mit Danny… Wir standen jetzt in einem anderen Verhältnis zueinander, was natürlich irgendwie auch unsere Gespräche außerhalb der Arbeit beeinflusste.
„Ich glaube, er hat sich allerdings heute Morgen in meinem Bett einen runtergeholt."
Dons Unterkiefer blieb offen stehen, ungläubig sah er mich an, bevor er fragte: „Was heißt das, du glaubst?"
„Naja, dass ich es halt nicht weiß. Ich war nicht dabei." Was sollte ich auch sonst sagen? „Ich habe nur was aus meinem Schlafzimmer gehört, als ich das Frühstück vorbereitete." Ich verzichtete darauf hinzuzufügen, dass wir vorher gekuschelt und rumgemacht hatten, ebenso wie ich nicht erwähnte, dass ich anschließend glaubte, Sperma in meinem Schlafzimmer riechen zu können.
„Aha." Flack reagierte nicht wirklich sehr hilfreich. Als er merkte, dass ich etwas mehr von ihm erwartete als nur ein ‚Aha' fügte er schließlich hinzu: „Zuzutrauen wäre es Danny."
Irgendwie war das alles nicht wirklich befriedigend. Und dann brannte mir immer noch ein anderes Thema unter den Nägeln, über das ich mit Don reden wollte, immerhin war er schwul, auch wenn er anscheinend noch keine praktischen Erfahrungen gesammelt hatte, wobei: Was wusste ich schon? Nur weil jemand sich erst spät outete musste das noch lange nicht heißen, dass er oder sie erfahrungsfrei war.
Ich wusste auch nicht, ob ich wirklich wollte, das Danny heute Morgen tatsächlich in meinem Schlafzimmer masturbiert hatte, oder ob ich lieber eine andere Erklärung für die Vorkommnisse des Morgens haben wollte. Andererseits war ich auch froh, dass Don nicht weiter bohrte. Immerhin arbeiteten wir zusammen, und er arbeitete auch mit Danny zusammen. Ich wusste nicht, ob es so gut wäre, wenn zu viele Details unserer Beziehung, oder über den Stand unserer Beziehung, den Kollegen bekannt wären. Es war wirklich eine delikate Angelegenheit.
Eigentlich glich das Ganze sowieso schon mehr einem Drahtseilakt. Danny war immer noch mein Untergebener, ich sein Boss, ich war älter als er, wesentlich älter, und hinzu kam dann noch, dass er und ich Männer waren. Als wenn eine innerbetriebliche Beziehung nicht schon unter ‚normalen' Umständen kompliziert wäre, nein, es handelte sich auch noch um eine gleichgeschlechtliche Beziehung. Mal abgesehen davon, dass ich nicht von ihm wusste, was er für mich empfand. Und dass ich immer noch meinen Ballast in Form meiner Vergangenheit mit mir herumschleppte, den ich nicht einfach abwerfen konnte. Den ich auch gar nicht abwerfen wollte. Es war Claire! Sie war mein Leben gewesen. Und nichts und niemand sollte den 11. September einfach so vergessen, aber erst recht nicht jemand, der so persönlich von den Ereignissen betroffen war, wie ich selber.
„Hast du schon mal mit einem Mann geschlafen?" fragte ich Don schließlich. Unser letztes Gespräch unter vier Augen war einige Zeit her. Ich hatte eigentlich überhaupt keine Ahnung, was in letzter Zeit so in seinem Leben passiert war. Ich wusste noch nicht mal, wie es mit seinen Eltern weiter gegangen war, außer, dass seine Mutter ihn angerufen hatte. Ich hoffte nur, dass sein Vater irgendwann zur Besinnung kommen würde, wenn er es noch nicht gekommen war. Man gab doch nicht einfach seinen Sohn auf, nur weil es einem nicht gefiel, dass er das gleiche Geschlecht liebte.
Don nickte nur stumm, bevor er einen weiteren Schluck von seinem Bier nahm.
„Und?" fragte ich, unfähig mich genauer zu artikulieren.
Er zuckte mit den Schultern. Wunderbar. Ich hatte jemanden neben mir, den ich als Freund ansah, der mir helfen könnte, aber ich war gezwungen zu bohren, weil er nicht reden wollte. Es war doch zum verrückt werden.
„Was willst du wissen?" fragte Don schließlich.
„Alles." antwortete ich, bevor ich mir eine weitere Frage zurechtlegte. „Aktiv oder passiv?"
Erneut zuckte Don mit den Schultern, und als er merkte, dass es mir nicht reichte, verbalisierte er doch noch seine Antwort: „Ich habe beides ausprobiert."
Ich sah ihn prüfend an. Don Flack war nicht wirklich klein, aber er wirkte auch nicht wie ein übermäßig maskuliner Typ. Eigentlich konnte man ihn wirklich für beide Stellungen in Betracht ziehen.
„Was bevorzugst du?" bohrte ich etwas weiter.
Don schien kurz zu überlegen. Anscheinend war es nicht so leicht. „Ich glaube, das kommt auf die Situation drauf an, auf die eigene Stimmung, den Partner. Sicherlich auch darauf, was man selber gerade braucht." Es klang irgendwie nicht danach, als wäre Don in einer festen Beziehung, aber das ging mich auch nichts an. Wenn er würde reden wollen, dann würde er reden, und wenn nicht, dann würde er es halt für sich behalten.
„Wie ist das… so…?" wollte ich schließlich wissen.
„Was?" fragte Don zurück, und ich hatte das Gefühl, als würde er sich absichtlich unwissend stellen.
„Naja…" Ich tat mich doch schwer es in Worte zu fassen. „Wie ist es, wenn… wenn man… wenn man… wenn man der passive Part ist?" fragte ich schließlich.
„Du meinst, wie es ist, in den Hintern gefickt zu werden?" Jetzt klappte mir die Kinnlade herunter, und unsere Bedienung, die gerade daneben stand warf uns auch einen erstaunten Blick zu, vor allem mir. Don hatte aber auch sehr deutliche Worte gefunden. Nicht, dass es nicht genau das traf, was ich wissen wollte, aber ich hätte es nie so deutlich ausgedrückt.
„Ja…" sagte ich zögerlich.
„Ungewohnt." gab Don schließlich zu. „Aber mit der richtigen Vorbereitung und dem richtigen Partner…" Ich wartete ab, was da wohl noch kommen würde. „Ich weiß nicht, ob ich jemals schon so heftig gekommen bin." sagte er schließlich. „Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn du einen Schwanz über deine Prostata streichen spürst, oder wenn er mit jedem Stoß genau darauf trifft. Ich habe irgendwann nur noch bunte Punkte vor meinen Augen tanzen sehen, aber ich war noch nicht so weit, als dass ich gekommen wäre. Es war der Wahnsinn."
Wahnsinn, das traf es. Es war der Wahnsinn, Don so darüber reden zu hören.
„Tat es weh?" wollte ich schließlich wissen. Es war mir egal, ob Don mich für eine Memme hielt. Ich wusste, dass ich kein Feigling war. Es war nur nicht so, dass ich auf Schmerzen stand. Wenn ich etwas durchstehen musste, dann konnte ich das schon. Schließlich schüttelte Don den Kopf.
„Nein, eigentlich nicht."
„Eigentlich?" bohrte ich nach.
„Naja, du musst dich entspannen, und es ist nicht besonders angenehm am Anfang… Gerade, wenn man noch ‚jungfräulich' ist…" Ich wusste genau, worauf er hinaus wollte. „Aber wenn man erst mal dabei ist…" Ich konnte irgendwie eine gewisse Begeisterung in seiner Stimme hören. „Allerdings sollte sich der Partner anschließend nicht zu schnell aus dir zurückziehen. Kann dann schmerzhaft werden. Mal abgesehen von diesem plötzlichen Gefühl der großen Leere in dir…"
Ich sah ihn an. Ich fragte mich automatisch in wie weit dies wohl den Erfahrungen ähnelte, die eine Frau beim vaginalen Geschlechtsverkehr sammelte. Wie weit konnte man das beides vergleichen und in wie weit würde eine Erfahrung als passiver Part beim Analverkehr mich im Verständnis der sexuellen Erfahrungen einer Frau näher bringen? Ich kam nicht umhin, das war der Wissenschaftler in mir, der wissen wollte, wie das so war.
Ja, ich gestand, dass trotz meines Zurückweichens da auch eine große Neugier war.
„Du hast noch keinerlei Erfahrungen, oder?" fragte Don nach einiger Zeit des Schweigens schließlich. Ich schüttelte mit dem Kopf.
„Lass dir und Danny Zeit." Als wenn ich das nicht selber vorgehabt hätte. „Fangt langsam an. Es gibt so viele Möglichkeiten sich gegenseitig zu befriedigen, gerade bei zwei Männern…" Ein versonnenes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Anscheinend gab es wirklich auch noch andere Dinge, bevor man den letzten Schritt tat, daran musste ich wohl nur mal erinnert werden. Man konnte sich gegenseitig zum Höhepunkt bringen, oder auch nur einander zusehen, während man es sich selber machte. Mir fielen auch noch andere Möglichkeiten ein, zu einem Höhepunkt zu kommen, die noch keinen Oralverkehr oder Analverkehr beinhalteten. Oralverkehr… Das würde bestimmt auch eine interessante Erfahrung werden, wenn ich mit Danny zu diesem Punkt kommen würde. Mit einem anderen konnte ich mir so etwas überhaupt nicht vorstellen.
Überhaupt stellte ich fest, dass für mich Danny der einzige Mensch war, mit dem ich im Moment so eine Intimität wie Sex teilen wollte. Es war einfach etwas sehr Privates, Persönliches. Man war doch eigentlich nie offener und ehrlicher als im Augenblick des eigenen Orgasmuses. Nicht zu vergessen die Zeit davor und danach. Ich erinnerte mich daran, wie unbeschreiblich nah ich mich Claire manchmal gefühlt hatte, während wir uns liebten, und oftmals auch noch danach, wenn ich sie im Arm hielt und sie sich an mich schmiegte. Es waren Momente gewesen, in denen ich ihr sagte, wie sehr ich sie liebte, weil ich anders das Gefühl hatte zu zerplatzen.
Vielleicht würde das der Zeitpunkt sein, wenn ich Danny von meinen Gefühlen erzählen würde: Während wir das erste Mal miteinander schliefen. Vielleicht würde ich ihm dann endlich sagen, dass ich ihn liebte. Und wenn es stimmte, was mir die anderen gesagt hatten, vielleicht würde er mir dann auch endlich sagen, dass er mich liebte.
Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Bier und bemerkte in diesem Augenblick, wie viel sich in den letzten Monaten doch bei mir geändert hatte: Meine Mitarbeiter waren inzwischen viel engere Freunde als zuvor, und ich konsumierte wesentlich mehr Alkohol als in der Zeit zuvor, wenn es auch zum Glück meistens nur Bier oder Wein war. Trotzdem fiel mir auf, dass mein Alkoholkonsum angestiegen war. Aber immerhin trank ich nicht aus Verzweiflung und meistens in Gesellschaft (auch wenn die Gesellschaft manchmal nur ein gutes Buch war).
Don Flack saß schweigend neben mir am Tresen und trank sein eigenes Bier weiter. Er vertiefte unser Gespräch nicht weiter, weil er wohl merkte, dass ich alle Informationen hatte, die ich beabsichtigt hatte zu bekommen.
„Mum ruft mich in letzter Zeit alle zwei Tage an…" nahm er schließlich unsere Konversation wieder auf. Ich erinnerte mich daran, wie ich mich in sein Leben eingemischt hatte, als ich mit seinen Eltern sprach. „Sie und mein Vater kommen seit meinem Coming out wohl nicht mehr wirklich gut miteinander klar…"
Ich wusste nicht, ob ich für eine solche Unterhaltung bereit war, aber ich hatte mich schon längst zu weit in Flacks Privatleben vorgewagt, als dass ich jetzt hätte einen Rückzieher machen können. Wenn er über seine Eltern reden wollte, dann sollte er über seine Eltern reden.
„Gestern sagte sie, dass sie darüber nachdenken würde sich von meinem Vater zu trennen. Irgendwie fühle ich mich schuldig." fuhr Flack fort, während er auf seine Bierflasche starrte.
Ich ließ ihn einfach reden, das war wohl auch das Beste.
„Ich weiß, ich sollte mich nicht schuldig fühlen. Es geht dabei nicht um mich, es geht um die beiden und ihre Beziehung. Aber mehr als 30 Jahre Ehe…" Er verstummte. Und ich fühlte mich machtlos. Natürlich hatte ich mitbekommen, dass auch die Ehe meiner Eltern ihre Tiefpunkte gehabt hatte, aber so schlecht hatte es wohl nie um meine Eltern gestanden. „Er ist ja selber schuld, wenn sie ihn verlässt. Sie war immer für ihn da, aber wirklich gedankt hat er es ihr wohl nie…" fuhr Don schließlich fort, bevor er abrupt das Thema wechselte.
„Sag mal, Mac, wie empfindest du das eigentlich, dass Danny so viel jünger ist als du?"
Mein Blick, der geradeaus gerichtet war, wand sich Don zu. Den Altersunterschied hatte ich bisher noch mit niemandem diskutiert, irgendwie war nie jemand auf dieses Thema zu sprechen gekommen. Natürlich hatte ich mir meine Gedanken gemacht. Ich war… ein alter Mann, in gewisser Weise. Immerhin befand ich mich in meiner zweiten Lebenshälfte, während Danny noch in seiner ersten war.
„Ich habe nie so darüber nachgedacht." antwortete ich Don schließlich. „Klar, er ist jünger als ich, über 10 Jahre, aber ich glaube, das wäre gravierender, wenn Danny erst 20 wäre, aber so…"
Es war ja nun nicht so, als wenn Danny gerade erst erwachsen geworden wäre. Ich denke, der Altersunterschied wurde immer irrelevanter um so älter beide Partner wurden, zumindest kam es mir so vor. Danny hatte ebenso Lebenserfahrung wie ich. Die Schießerei in der U-Bahn-Station… Damit hatte er etwas durch gestanden, was nicht jeder in seinem Leben durchmachen musste. Und jetzt die Geschichte mit dem Panikraum vor gar nicht allzu langer Zeit. Er hatte einiges bereits erlebt. Und vieles davon war nicht unbedingt gut gewesen. Ich musste nur an die Sache mit den Tanglewood Boys denken: Irgendwas steckte da noch dahinter, aber ich hatte Danny nie zu dem Thema weiter befragt. Er war ja kein Verdächtiger in einem Mordfall. Außerdem hatte ich Sonny Sassone im Verdacht nur Zwietracht bei uns säen zu wollen, in dem er sagte, dass Danny über die Tanglewood Boys viel wissen würde und sie viel über ihn wissen würden.
Wenn ich so nachdachte, dann fragte ich mich schon fast, ob Danny nicht vielleicht in seinem Alter schon mehr erlebt hatte als ich. Okay, man konnte unsere Leben sicherlich nicht vergleichen: Ich hatte eine Karriere bei den Marines hinter mir. Kriegserfahrungen sind etwas, dass man wohl mit nichts anderem vergleichen kann. Und mit Claire hatte ich den Menschen verloren, der meinen Lebensmittelpunkt darstellte. Auch damit würde Danny wohl nicht mithalten können. Einen solchen Schicksalsschlag gab es in seinem Leben wohl noch nicht. Und ich hoffte, dass er auch nie so etwas würde durchmachen müssen.
Aber er war kein unbeschriebenes Blatt, auch wenn ich eher ein soliderer, häuslicherer Typ war als er. Danny hatte sich lieber die Hörner abgestoßen, wie man so schön sagte: Er hatte Frauen gehabt, viele Frauen, und ich zog feste Partnerschaften vor. Er hatte seine Erfahrungen gemacht, anders als ich, aber er hatte sie gemacht.
„Hm." brummelte Flack zustimmend.
„Wieso fragst du?" fragte ich schließlich, weil ich etwas dahinter vermutete.
„Da ist dieser Typ." Ich versuchte ein Grinsen zu unterdrücken. Anscheinend hatte Flack sich verkuckt, vielleicht sogar verliebt. „Er geht noch zum College." fuhr Flack fort. Ich pfiff leise.
„Blutjung also." Er nickte bestätigend. „Und mit College-Ausbildung." Er nickte wieder. Flack machte keinen Hehl daraus, dass er nur einen Highschoolabschluss hatte. Mehr brauchte man auch nicht um zur Polizei zu gehen. Mehr brauchte man auch nicht, um zu den Marines zu gehen.
„Ich glaub, mich hat es erwischt." gab er schließlich zu und lächelte mich an.
„Freut mich für dich, Don. Ich hoffe, dass es mit euch was wird." Ich trank mein Bier aus, bezahlte und verabschiedete mich von Don. Am nächsten Tag hatte ich nicht frei, sondern würde wieder arbeiten, da hieß es nicht zu spät ins Bett zu gehen.
