Kapitel 2
Maevs PoV
Maev war verzweifelt und wütend. Furchtbar wütend auf ihre Schwester. Im Grunde war es richtig, dass Kibu am Tod ihrer Eltern keine Schuld traf, wie konnte sie auch ahnen, dass ausgerechnet bei einem ihrer unendlichen Versuche, die beiden Schwestern näher an einander zu führen, die Brennende Legion über ihr Heimatdorf her fiel und ihre Eltern tötete. Niemand hätte es wissen können. Doch Maev suchte einen Schuldigen, ja, sie brauchte jemanden, dem sie die Schuld zuweisen konnte und die Wahl war eindeutig auf Kibu gefallen, da sie in den letzten gemeinsamen Jahren eh nie viel von ihrer, so hoch gelobten, Schwester gehalten hatte. Kibu war sogar schon fast zu einer Art Rivalin für Maev geworden, sie konnte sie nicht ausstehen. Egal was es war, Kibu konnte es besser, egal worum es ging, Kibu hatte Recht, Maev hasste diese Tatsache. Wahrscheinlich war Maev sogar noch mehr an dieser Entwicklung schuld als Kibu selbst, denn die Ältere wollte überhaupt gar nicht so perfekt und erwachsen sein, wie sie nun einmal dastand. Aber Maevs Meinung ließ sich nicht ändern, sie hatte sich den Hass auf ihre eigene Schwester nun einmal in den Kopf gesetzt und da saß er auch fest.
Der
Vorfall hatte alles nur noch schlimmer gemacht, Maev konnte an nichts
anderes mehr denken als an ihre Schwester, sie sah sie in ihren
Gedanken und in den nächtlichen Träumen, wie sie sie
auslachte und mit dem Finger auf sie zeigte.
„Versager!"
lachte sie, „Du bist es nicht wert, ein Mitglied unserer Familie zu
sein, schau dich an." Maev wachte nachts schweißgebadet in
ihrem Lager auf und konnte dank ihrer unstillbaren Wut nicht mehr
einschlafen. Sie konnte nicht essen, nicht schlafen und verzweifelte
schier an ihrer Hilflosigkeit. Ihre Eltern waren tot und Kibu war
schuldig. Dieser Satz brannte sich in ihr Gehirn ein und rief sich
selbst durch den sengenden Schmerz immer wieder in Erinnerung. Tot.
Maev war ein Wrack. Sie hatte niemanden mehr, nicht dass sie jemals
irgendwen gebraucht hätte, aber allein der Gedanke daran, dass
ihre einst so geliebten Eltern nicht mehr auf dieser Erde verweilten
und ihre Schwester für sie auch noch Schuld an ihrem Tod hatte,
brach ihr das Herz und verbannte jegliche anderen Gefühle, die
Linderung versprachen.
Am
Abend traf Maev in Morgenluft ein, einem kleinen Dorf fern ihrer
Heimat im Immersangwald. Es war relativ ruhig, hier und da brüllte
ein Drachenfalke und man konnte das Knistern der aufgestellten
Fackeln und Glaslaternen wahrnehmen. Im Hintergrund war Getuschel und
Wispern zu hören, welches aus den wenigen Häusern und
Bauten an Maevs Ohr drang. Ja, hier war alles ruhig, hier hatte
niemand etwas von den Vorfällen erfahren, die sich, nicht all zu
weit entfernt, zugetragen hatten. Seufzend packte Maev ihr Hab und
Gut und kehrte in der Taverne ein, um sich das erste Mal seit drei
Tagen zu Gemüte zu führen. Sie hatte überhaupt keinen
Hunger, aber um nicht noch mehr an Gewicht und Kraft zu verlieren,
zwang sie sich zum Essen. Das Fleisch war köstlich und sehr zart
zubereitet, das Gemüse schmeckte seltsam fremd, wie nicht von
dieser Welt und Maev genoss die Köstlichkeit. Nach einem Krug
voller kaltem erfrischendem Met machte sie sich Gedanken darüber,
was sie jetzt tun sollte. Ein Zuhause hatte sie nicht mehr und auch
sonst nichts, was sie irgendwie ans Überleben halten könnte.
Das einzige was sie beherrschte, war ein Teil des Diebeshandwerks,
aber so konnte man wohl kaum leben…oder doch? Als der Wirt an den
Tisch kam um abzurechnen zückte Maev zwei Silbertaler und legte
sie ihm in die Handfläche, stieß dabei aber mit ihrem Fuß
gegen seinen Knöchel. Der Wirt heulte auf und hielt sich das
Bein.
„Oh, verzeiht Herr, ich habe Euren Fuß nicht
gesehen, es tut mir wirklich sehr leid, kann ich irgendwie behilflich
sein?" fragte sie mit unschuldiger Miene, während sie
unbemerkt die kleine Schlaufe des Geldbeutelchens mit dem Messer
durchtrennte, welches an der Schürze des Wirts baumelte. Schnell
ließ sie es unter ihrem Gewand verschwinden und verabschiedete
sich. Das letzte was sie hörte, als sie die Taverne wieder
verließ war ein Wutschrei, doch der interessierte sie nicht
weiter, denn in ihren Händen lag ein voller Beutel, bis zum Rand
gefüllt mit Münzen. Maev grinste. Gut, vielleicht ließ
es sich eine Weile so leben. Wo sie allerdings schlafen würde,
das wusste sie noch nicht und so machte sie sich auf, etwas den Wald
zu erkunden. Immer noch beschäftigt mit ihrer Beute geriet sie
an eine Lichtung auf der ein junger Mann saß und leise ein Lied
summte. Maev blieb im Schatten der Bäume stehen und lauschte dem
wunderschönen Gesang des Mannes. Er handelte von Wäldern,
dessen Schönheit noch heller und reiner war, als die der
hübschesten und ehrwürdigsten Frau auf Erden. Er besang das
Mondlicht und das Grün der Bäume, die funkelnden Sterne und
die Farbenpracht seiner Heimat. Maev lächelte, dieser junge Elf
gefiel ihr. Er strahlte eine Ruhe aus, die fast nicht normal zu sein
schien. Sein Gesang beruhigte sie seltsam und ließ sie die
Strapazen der vergangenen Tage vergessen, verbannte ihren Schmerz und
den Hass, den sie Tage lang mit sich herumgetragen hatte und
hinterließ nur unendliche Schönheit und Bewegtheit in
ihrem Herzen. Der Elf saß im Schneidersitz auf einem Stein,
welcher genau im der Mitte der Lichtung lag und das Mondlicht
umspielte sein rotbraunes langes Haar, welches zu einem Zopf gebunden
war, was es allerdings auch nicht wirklich bändigte. Er trug
eine schwarze Robe, durchsetzt mit rotem und güldenem Stoff,
dazu einen überdimensionalen Stab, welcher vor dem Stein im Gras
lag. Maev dachte nach. Er musste so etwas wie ein Priester sein.
Priester hatten die Eigenschaft des Öfteren gerne zu reimen, zu
rätseln und zu singen, sie waren Heiler und Barden zugleich, was
sich auch nicht ausschloss.
Maev
hatte gerade beschlossen sich entspannt an einen Baum zu lehnen und
den Klängen zu lauschen als sie jäh aus ihrer gemütlichen
Stimmung gezerrt wurde, als neben ihr im Gebüsch etwas
raschelte. Es war nur für einen Bruchteil einer Sekunde,
dennoch, Maev hatte es gehört. Sie fokussierte die Stelle, doch
sie konnte nichts erkennen. Schnell verschwand sie im Unterholz um
abzuwarten, was als nächstes geschehen sollte, sie hatte gelernt
sich perfekt zu tarnen, niemand würde sie so schnell finden. Sie
spähte auf die Lichtung. Der junge Mann schien nichts davon
mitbekommen zu haben, er sang friedlich weiter vor sich hin. Als Maev
gerade die Spannung fallen lassen wollte, erschien dicht hinter dem
Elf ein Schatten, kaum wahrnehmbar und doch, Maev konnte ihn sehen.
Er materialisierte sich langsam zu einem älteren Blutelfen,
welcher ein schwarzes Tuch vor dem Gesicht trug und auch sonst
gänzlich in Schwarz gekleidet war. In seinen beiden Händen
blitzten Dolche. Maev reagierte sofort, wofür sonst war ihr
Training nütze gewesen, wenn nicht, um einem Wehrlosen Hilfe zu
leisten.
„Hey!" schrie sie über die Lichtung. Sowohl der
junge Sänger als auch der Schatten blickten sie verdutzt an,
worauf der junge Elf bemerkte, dass er nicht allein war und sich
umblickte, genau in das Gesicht seines Gegners.
„Verdammt…"
er stemmte sich flink in die Höhe und wich dem betäubenden
Schlag aus, indem er den Schurken an der Schulter packte und über
sich wirbelte. Aus dem Gebüsch brachen weitere Gestallten, alle
ebenfalls in Schwarz gekleidet und mit Dolchen bewaffnet. Maev
erschrak. Sie kannte diese Leute. Es waren Auftragsmörder,
Assassinen, welche dafür bezahlt wurden, Menschenleben zu töten.
Manchmal töteten sie aber auch nur für eigene, egoistische
Zwecke, um nicht entdeckt zu werden beispielsweise. Maev kannte sie
daher, da sie vor einiger Zeit, lange bevor sich der Tod ihrer Eltern
ereignet hatte, den Anführer dieser Gilde kennen gelernt hatte.
Es war mehr ein dummer Zufall gewesen. Sie hatte ein paar nützliche
Tipps von ihm angenommen und war oftmals zu ihm gegangen, um ihm von
ihren Problemen und Fortschritten in der Schattenkunst zu erzählen.
Aber was taten sie hier? An einem so friedlichen Ort und warum
wollten sie diesen Mann…töten? Der junge Elf versuchte sich zu
verteidigen und kämpfte wie ein Stier, doch gegen die Übermacht
war er nicht gewappnet. Mit einem Ruck zog ihn einer der
Auftragsmörder mit einer Metallkette, welcher er dem Elf von
weitem um das Bein geworfen hatte, auf den Boden, ein anderer stieß
in mit einem gekonnten Tritt zur Seite und ein Dritter zückte
seinen Dolch, um dem Barden die Kehle durchzuschneiden.
Maev
schrie erbost und trat ins Licht. Stille. Rechts neben ihr tauchte
ein Mann auf, größer als sie und bestimmt dreimal so
alt.„Was willst du Göre? Weißt du nicht, wer wir sind
oder bist du einfach nur zu töricht? Vielleicht sollten wir
deinem kleinen schändlichen Leben ein Ende setzen…" Er hob
zwei Finger und ein Schattenkrieger verschwand, um gleich darauf
hinter Maev wieder aufzutauchen, den Dolch bereits erhoben. Maev zog
die Luft scharf ein.
„Versuch es doch…" Blitzschnell drehte
sie sich um und stach zu, der schwarz gekleidete Elf fiel, mit einem
Ausdruck von Verblüffung in den Augen, ins Gras und blieb reglos
liegen. Die dunkle Gestallt kniff die Augen zusammen.
„Das wirst
du büßen, ich werde dich…" Maev blickte ihm direkt ins
Gesicht, ohne jegliche Furcht und vollkommen selbstgefällig.
„Was,
wirst du?" fragte sie ihn hart. Der Mann schnaubte als er sie
erkannte.
„Maev…das hätte ich nicht gedacht, du hier. Was
treibt dich nach Morgenluft?" Maev blieb ernst.
„Das geht dich
nichts mehr an, Taleb. Fakt ist, ich bin hier und ich lasse nicht zu,
dass ihr ihn umbringt." Der junge Elf, welcher immer noch hilflos
am Boden lag blickte verwundert nach oben, ehe er mit einem der Füße,
die ihn umringten hart nach unten gedrückt wurde. Der Anführer
der Assassinen lachte hohl.
„Ha! Und wieso sollten wir nicht
gleich euch beide umbringen, Kleine?" Maev grinste.
„Na, weil
du mich noch brauchst, Taleb. Du weißt genau, ich bin jetzt
schon besser als all deine Leute zusammen, du würdest es nicht
wagen mich umzubringen. Aber versuch es nur, wir werden ja danach
sehen, wer von uns überlebt…" Ihr Grinsen wurde breiter als
sie den verdutzten Ausdruck auf Talebs Gesicht gewahr. Er war
sprachlos, seine Mundwinkel jedoch schoben sich nach oben.
„Schon
gut…du hast gewonnen, ich will nicht noch mehr Männer
verlieren…" ernst zischte er: „Aber bring deinem Freund
Manieren bei, damit das ja nicht noch einmal passiert…" Maev
nickte, auch wenn sie Talebs Worte nicht verstand. In solchen
Situationen war es immer von größter Wichtigkeit, nicht
aus der Fassung zu geraten und stets so zu tun, als wüsste man,
wovon die Rede war. Taleb pfiff einmal und die Elfen waren
verschwunden.
„Auf Bald, Maev…" vielsagend blickte er die
junge Elfe an und verschwand ebenfalls.
Maev
atmete aus. Schnell schritt sie zu dem im Gras kauernden Elf und half
ihm hoch.„Alles in Ordnung mit Euch?" fragte sie besorgt. Er
nickte.
„Ich will gar nicht wissen, warum Ihr die Wut von Taleb
und seinen Assassinen auf Euch gelenkt habt, aber eines interessiert
mich doch…" der Elf blickte sie wartend an.
„Wo habt Ihr so
Singen gelernt?" Er lächelte. Maev hielt ihm die Hand hin.
„Ich bin Maev, da habt Ihr ja noch mal Glück gehabt, dass ich
gerade zufällig in der Nähe war, sonst hätte es ein
schlimmes Ende mit Euch genommen." Sie lachte. Er ergriff ihre
Hand.
„Ich bin Euch sehr dankbar, wirklich, beinahe hätte
ich mein Leben in den Händen dieser Banditen lassen müssen.
Mein Name ist Mimus, ich bin Barde…na ja eigentlich Priester aber
der Gesang und die Poesie interessieren mich eigentlich mehr." Maev
lächelte.
„Mimus also, freut mich auch sehr. Nun, erzählt,
wir gerät ein Priester und Barde wie Ihr in eine solch
verzwickte Situation?" Mimus blickte ernst drein, begann jedoch zu
erzählen.
Er war mit seinem Bruder unterwegs gewesen um ein paar Aufgaben für seine Eltern zu erledigen. Sein Bruder, ungefähr in Mimus Alter war immer schon etwas übermütig gewesen und wagte sich viel zu nah an eine Bärenhöhle heran. Wie es wohl kommen musste waren die pelzigen Tiere in der Überzahl und so mussten die beiden fliehen, was auch glückte. Dem Tod von der Schippe gesprungen waren beide voller Übermut und Selbstüberschätzung weiter in den Wald hinein gelaufen und waren sich nicht vollkommen sicher, ob sie überhaupt noch wussten, wo sie waren. Natürlich behauptete sein Bruder, er wüsste wo sie sich befanden und führte Mimus immer noch weiter in den Wald hinein, bis sie an eine Festung kamen. Mimus hielt es für falsch, sich ihr noch weiter zu nähern, doch sein Bruder war voller Tatendrang und Abendteuerlust und schlich sich näher heran. Mit Triumph in den Augen wollte er Mimus zeigen, dass seine Angst unbegründet war, doch er hatte sich zu früh gefreut, denn plötzlich war hinter ihm ein Assassine aufgetaucht, welcher ihn mit einem Schlag zu Boden brachte. Er blieb reglos liegen. Als Mimus das sah, war er mit all seiner Kraft auf den Assassinen losgegangen und hatte ihn in seiner Angst um seinen reglos daliegenden Bruder, getötet. Als er gerade dabei war, seinen benommen Bruder auf die Schultern zu nehmen verschwand ein Schatten im Gebüsch und das letzte was Mimus hörte waren die Worte, er würde seine Tat büßen müssen. Schnell verließen die beiden Brüder den Ort und kamen erst spät Heim.
Maev
lauschte gespannt der Geschichte und nickte als Mimus zu Ende erzählt
hatte.„So hattet Ihr wahrlich großes Glück, mit den
Assassinen von Taleb ist nicht zu spaßen. Wenn sie töten
wollen, dann töten sie…Die Ahnen der Sin'Dorei müssen
über Euch gewacht haben." Mimus nickte.
„Ich denke, ich
hatte einfach nur Glück, dass Ihr vorbeikamt und mir das Leben
rettetet. Wie kann ich euch meinen Dank jemals erweisen?" Maev
grinste.
„Das ist gar nicht so schwer, Ihr könntet mir
einen Schlafplatz und einen vollen Metkrug vorbereiten und damit wäre
es vorerst getan." Mimus lächelte.
„Sehr gern, was immer
Ihr wollt, auch wenn ein gemütlicher Schlafplatz und ein großer
Krug Met wohl das Mindeste ist, was ich für Euch tun kann."
Sie traten den Rückweg nach Morgenluft an und kehrten erneut in
die Taverne ein, wo sie auf ihr Wohl und auf das all der anderen
Elfen tranken, bis es Morgen wurde. Das Interesse am anderen wuchs
schnell, Mimus war Maev auf Anhieb sympathisch, sie liebte seinen
leichten Lebensstil, die Ruhe die er ausstrahlte und noch dazu kam,
dass er sogar noch ein sehr hübscher und stattlicher Elf war.
Mimus seinerseits mochte Maev, nicht nur wegen ihrer weiblichen
Kurven, sondern weil sie etwas besaß, dass er sich nicht
erklären konnte. Vielleicht war sie ja diejenige, welche sogar
die Schönheit des Waldes in den Schatten stellte und das sagte
er ihr auch. Der Alkohol tat den Rest und so kam es dass der Barde
und die Diebin nach häufigeren Treffen ein Paar wurden. Maev war
glücklich, endlich waren der Hass und die Verzweiflung der
letzten Tage vergessen und was zählte war nur noch die
unendliche Vertrautheit der beiden Elfen. Mimus nahm sie bei sich auf
und eigentlich hätte das Leben so schön sein können,
wäre da nicht das Versprechen, was Maev Taleb gegeben hatte…Sie
wollte zurückkommen und Aufträge annehmen. Im Gegenzug
bekam sie etwas Geld, um sich durchs Leben zu schlagen, so lautete
die Abmachung. Doch Mimus wusste von dieser Abmachung nicht das
Geringste. Er hatte sie einmal danach gefragt, woher Maev Taleb
kannte, sie hatte geantwortet er sei ein flüchtiger Bekannter,
nichts weiter.
