Kapitel 4
Mimus
sprang auf die Beine.
„Pass bloß auf, der ist gar nicht so
harmlos, wie er aussieht!" rief er ins Leere. Der junge Elf konnte
niemanden in seiner Nähe sehen und doch wusste er, dass Maev
irgendwo bei ihm war, vermutlich sogar hinter ihm, um ihn zu
erschrecken, das würde ihr ähnlich sehen. Mimus
schmunzelte. Der Drachenfalke hatte ihn bereits zum zweiten Mal
umgeworfen, diese Tiere waren nicht nur stolz sondern auch sehr zäh.
Seit gut sieben Minuten war der Kampf nun schon im Gange und Mimus
war erschöpfter als der große rote Drache. Erneut steuerte
er direkt auf den Priester zu, welcher sich schon in Kampfstellung
begab, um den Angriff abzuwehren, doch bevor der Falkendrache
überhaupt wenden konnte erstarrte er in der Luft und fiel mit
einem dumpfen Ton zu Boden. Maev war hinter ihm aufgetaucht und hatte
in mit einem ihrer neu erworbenen Dolche am Schädel erwischt.
Diese Benommenheit würde zwar nicht lange halten, aber es würde
schon reichen, um dem Tier eine Lektion zu erteilen. In letzter Zeit
waren viele der Drachenfalken einfach über die Waldgrenzen
hinüber gekommen und hatten wehrlose Elfen angegriffen. Maev und
Mimus hatten davon gehört und sich überlegt, die
Unruhestifter auszurotten, denn es war sehr wahrscheinlich, dass die
Verlassenen etwas damit zu tun hatten. Schnell machte Maev sich zu
einem weiteren Angriff bereit, denn das Tier kam langsam wieder zu
sich und es würde sicherlich nicht sehr erfreut über den
Hinterhalt sein, so viel stand fest. Maev behielt Recht, mit einem
Flügelschlag befand sich der Drache wieder in der Luft und
steuerte direkt auf die hübsche Blutelfe zu. Maev grinste
ungeduldig.
„Na komm schon…" murmelte sie und der Drache
kam. Und zwar mit einer unglaublichen Wucht, dass es Maev von den
Beinen riss. „UH!"
„Maev!" rief Mimus von weitem. „Pass
auf!" Maev schüttelte benommen den Kopf und stieß sich
zur Seite ab, um dem spitzen langen Schnabel des Tieres zu entkommen,
dabei blieb sie an einer Wurzel hängen, welche aus dem Boden
ragte und verfing sich mit dem Fuß.
„Mist, verdammter…"
Mimus war besorgt und kam so schnell es ging näher.
„Was
ist los? Steh doch auf!" Maev grummelte und rief zurück.
„Du
hast gut reden, ich hänge fest…diese dämliche Wurzel…"
„Duck dich!" schrie Mimus und rannte so schnell er konnte auf
Maev zu. Maev, sichtlich erstaunt, riss den Kopf hoch und erblickte
den Schnabel des Tieres, welcher immer näher kam…und das mit
rasender Geschwindigkeit. „…Verdammt, geh doch ab!" panisch
ruckte Maev an der Wurzel, welche sich nur mit Mühen löste
und ihren Fuß freigab. Aber es war zu spät, der Schnabel
schnitt durch Fleisch und bohrte sich tief in Maevs Hüfte. Mit
einem Schmerzensschrei verlor sie den Halt und schlug auf dem Boden
auf. „Aaah!"
„Maev!" Mimus sah, wie das wahnsinnige Drachenfalkentier auf Maev zu kroch, bereit sie mit dem scharfen Schnabel in Stücke zu reißen. „Nein!" rief er und lenkte damit die Aufmerksamkeit ganz auf sich. „Hier bin ich, na komm schon, ich bin es doch, den du willst! Ja, komm schön her!" begann er und wedelte mit den Armen in der Luft. Das Tier ließ von Maev ab und schwang sich in die Lüfte, nun geradewegs in Richtung Mimus. Dieser erhob seinen Stab und eine Lichtsäule brach über dem Tier herein. Es fiel verletzt zu Boden, hatte aber scheinbar noch genügend Kraft, um seine Verletzungen zu rächen. Maev war vor Schmerz gelähmt, überall auf dem saftigen grünen Gras klebte frisches, warmes Blut. Ihr Blut, dennoch fasste sie noch einmal alle Kräfte in sich und schaffte es irgendwie aus ihrem Stiefeln einen Wurfdolch hervorzuzaubern. Mimus, welcher, von so viel Magie geschwächt, schwer keuchte, konnte nur noch das herannahende Federbüscheln wahrnehmen, nicht aber genaue Konturen, denn der plötzliche Mana-Abfall hatte seine Wahrnehmung geschwächt. Maev warf und hoffte. Das letzte Kreischen des Tiers ließ darauf schließen, dass Maevs Dolch es nicht verfehlt hatte. Mimus kam wieder zu sich und begriff erst langsam, was da gerade geschehen war, als er Maev blutend und völlig regungslos im Gras liegen sah. „Maev!" erschrocken eilte er zu ihr und begann sie mit seiner weißen Magie zu regenerieren und ihr neue Lebenskraft einzuflößen. Maev hustete, der Schmerz verflog. „Also das müssen wir auf jeden Fall verbinden, sieht übel aus…" sagte Mimus, auf Maevs Wunde deutend. Sie nickte und reichte ihm einen Leinenverband aus ihrer Tasche. Der Priester machte sich sofort daran die Stelle zu verbinden und nach einer längeren Pause konnte die Reise weiter gehen.
Maev jedoch blieb den ganzen Weg über ernst, ihr wollte einfach die Abmachung mit Taleb nicht aus dem Kopf gehen. Er hatte gesagt, er würde sie aufsuchen, wenn er sie brauchte, doch das war bisher noch nicht geschehen und sonderbarerweise wollte Maev auch gar nicht mehr, dass es geschah, denn sie hatte ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache, welches sie wie ein dunkler Schatten auf Schritt und Tritt verfolgte.
Mittags
kehrten sie in ein Gasthaus am Waldrand ein und speisten vorzüglich,
doch auch das munterte Maev nicht auf.
„Was ist los?" fragte
Mimus sie besorgt. „Ist es die Wunde?" Maev schüttelte den
Kopf.
„Nein, da ist es nicht, ich…" sie schwieg. Was wollte
sie ihm erzählen? Er wusste nichts über den Pakt zwischen
Ihr und Taleb und erzählen wollte sie ihm nicht davon. „Wegen
meinen Eltern…" Diese Ausrede benutzte sie immer, wenn sie mit
Mimus über etwas nicht sprechen wollte und der attraktive Elf
ließ es gelten, auch wenn er wusste, dass etwas nicht stimmte,
er wollte Maev einfach nicht zu nahe treten und sie mit seinen Fragen
quälen. So nickte er auch dieses Mal und blieb stumm. Der
weitere Nachmittag verlief weitestgehend ruhig und beide sprachen
nicht viel miteinander. Es war als hätte sich Maevs dunkle
Vorahnung wie ein Schleier aus schwarzem Leim über die beiden
gelegt. Einmal fauchte Maev Mimus sogar an, als dieser eine Bemerkung
zu ihrer Art des Geldverdienens machte, woraufhin wieder Schweigen
folgte. Maev wartete. Sie hatte einfach dieses Gefühl, welches
wie ein zentnerschwerer Stein in ihrem gesamten Bewusstsein lag.
Irgendetwas würde geschehen, da war sie sicher und wenn sich
eine Diebin einmal sicher mit so etwas war, dann würde auch
etwas geschehen.
Die
Nacht legte sich über die Welt und Mimus entfachte ein einfaches
Lagerfeuer, an welches sich das Paar setzte und zum ersten Mal am
heutigen Tage wirklich zur Ruhe kam. Maev starrte ins Feuer, Mimus
stimmte ein Lied an, welches von der Geschichte der Blutelfen
berichtete, dein Einfall der brennenden Legion und der Trennung der
Elfen in zwei Völker, welche seit je her nur als Nacht- und
Blutelfen bekannt sind. Maev genoss die Zweisamkeit und wollte es
sich gerade an Mimus Seite bequem machen, als sie in den Flammen
einen dunklen Funken züngeln sah. Sie erschrak und zuckte
zusammen. Mimus blickte auf und sah die hübsche Blutelfe fragend
an. Maev winkte ab und lehnte sich an ihn, blickte aber wie
hypnotisiert in die Flammen, wo die dunkle Feuerzunge loderte. Mimus
schien sie nicht zu sehen. Das musste das Zeichen sein. Taleb rief
Maev zu sich. Ein Kribbeln breitete sich in ihrem gesamten Körper
aus. Sie wollte nicht gehen, denn wenn sie ging, würde sie alles
für immer verändern, das wusste sie. Die Flamme wurde
verlangender und verschlang all die anderen Flammen, das Feuer ging
aus.
„Hm?" Mimus blickte verwirrt zum Feuer. „Wie konnte es
denn einfach…?"
„Bestimmt ein Windhauch." Brach Maev ein.
Mimus blickte sie still an.
„Muss wohl…" murmelte er und
entfachte das Feuer erneut. Maev saß kerzengerade und
schluckte. „Ich muss fort." Mimus wandte den Kopf in ihre
Richtung.
„Wohin?" fragte er verwundert. Beinahe hätte
Maev, ‚ich weiß nicht' gesagt, doch sie rettete sich im
letzten Moment.
„In das Sanktum des Ostens." Mimus nickte nur.
Er fragte nicht warum und auch nicht wann, er strafte sie mit Stille.
Nach einer Weile stand er auf und gab vor ein paar Sachen
einzupacken, Maev hatte Schuldgefühle. Sie erhob sich ebenfalls
und sagte ihm sie mache einen kleinen Spaziergang, er nickte nur. Ein
Stück weiter die Straße runter lief Maev eine kleine
schwarze Katze über den Weg, welche sie fordernd an maunzte.
Maev hatte nichts zu fressen für das kleine Tier dabei also
versuchte sie es zu verscheuchen, doch die Katze wollte einfach nicht
gehen, sprang Maev sogar von der Seite an. Die hübsche Elfe fand
das so seltsam, dass sie einen Augenblick stehen blieb und das Tier
verwirrt anblickte, ehe sie begriff, dass dies der Bote war, von dem
Taleb geredet hatte. Er würde sie zu ihm führen, also
folgte Maev dem kleinen Tier durch den Wald bis hin zu einer
verfallenen Ruine. Sie blickte sich um. Eigentlich war es noch nicht
einmal eine richtige Ruine, es waren ein paar graue Steine, welche
einen oder zwei vereinzelte Haufen bildeten. Dazwischen verteilt
lagen ein paar Holzbalken, welche schon halb verwest und von
Spinnweben zerfressen im verkohlten Gras lagen. Noch einmal blickte
Maev sich um, dann erschrak sie. Sie wusste wo sie war. In Gedanken
versunken musste sie ein ganzes Stück zurück gelegt haben,
denn hier war der Ort, an welchem sie einst zu Hause gewesen war…Maev
war heimgekehrt…
