Kapitel 5

Was war hier los? Maev hatte keine Antwort auf diese Frage, eins jedoch wusste sie, dass das hier einst ihre Heimat gewesen und nun etwas verdammt faul war. Nun lag hier ein Hauch von Tod in der Luft. Der einstmals so wunderschöne Wald existierte nicht mehr, hier gab es nur noch verkohltes und besudeltes Land, die Erde unter ihr war schwarz und verwelkt. Sprachlos drehte sich Maev einmal im Kreis, ehe sie den erblickte, den sie eigentlich gar nicht sehen wollte. Taleb.
„Überrascht?" fragte er ernst. Maev sagte nichts. „Das dachte ich mir auch nicht. Du weißt, wo du hier bist, richtig?!" auf diese Frage verlangte er keine Antwort, es war eine Feststellung, denn natürlich wusste er, dass Maev klar war, wo sie hier stand. „Schau es dir an. Ja ganz recht, es ist schrecklich, nicht wahr. Das ist die Verderbnis, von der einst deine Schwester sprach." In Maevs Augen blitzte es. Kibu. War sie jetzt auch daran schuld? Taleb lachte. „Sei nicht dumm, Maev. Du weißt genau, dass deine Schwester niemals die Kraft hätte so etwas zu tun. Nein. Hier sind weitaus größere Mächte am Werk. Der, den ich meine, sein Name ist…Illidan…" Maev funkelte Taleb an und wollte sich auf ihn werfen, doch sie konnte sich nicht bewegen. Aus der Einsamkeit, in welcher sich nur sie und Taleb befanden, tauchten dunkle Umrisse von Gestallten auf, dessen Augen in gelbgrüner Farbe loderten.
„Du Mistkerl…" Taleb lachte.
„Nicht doch." Er gab ein Zeichen und Maev folgte ihm, jedoch ohne es zu wollen, es schien als würden ihre Beine sie einfach hinter ihm her zerren. „Hast du schon einmal von der Geschichte gehört? Von Illidan und seiner Armee der Finsternis?" Maev konnte nichts erwidern, ihre Kiefer schienen aufeinander zu kleben. „Mir scheint nicht so. Ich werde es dir erzählen." Die beiden befanden sich nun an einer Stelle der Schneise, die Maev noch nie zuvor gesehen hatte. Hier herrschte Dunkelheit, um sie herum schwirrten gräuliche Lichter, so groß wie Blütenpollen und am Himmel zogen sich Nordlichter entlang. Taleb blickte sie direkt an. „Nun, Illidan Sturmgrimm hatte einst einen Bruder, Malfurion Sturmgrimm. Beide waren verliebt in ein und dieselbe Person, Tyrande Flüsterwind, die jetzige Priesterin der Elune in Darnassus, doch sie entschied sich für Malfurion als die brennende Legion über das Land kam. Illidan war außer sich und verriet seinen Bruder, indem er sich der Legion anschloss." Er blickte Maev düster lächelnd an. „Oh, dir kommt die Geschichte von zwei Brüdern und dem Verrat irgendwie bekannt vor?" Ein leises Lachen kam von seinen Lippen. „Gewiss…es ist auch deine Geschichte. Deine Schwester, Kibu, sie hat dich ebenfalls verraten, nicht wahr?" Maev wollte nicken, doch sie konnte nicht. „Weißt du wie Illidan den Verrat der Liebe heimzahlte? Er scharrte die Naga um sich und ist heute beinahe das mächtigste Wesen auf dieser Erde." Er drehte sich um und fixierte Maev mit seinen kalten Augen. Maev blieb dem Blick standhaft. „Das ist natürlich nur eine Kurzfassung, der Krieg tobte Jahre und wütet immer noch, auch du bist noch ein Teil der Geschichte, genau wie ich und deine Schwester." Maev verstand nicht auf was Taleb hinaus wollte. Doch diese Frage beantwortete er ihr in einem Satz. „Du möchtest es deiner Schwester heimzahlen nicht wahr? DU möchtest ihr zeigen, wie mächtig du bist und du willst deine Eltern rächen, habe ich recht?"

Ja. JA. Maevs Augen weiteten sich vor Verlangen ja sagen zu dürfen. Sie wollte Ihre Eltern zurück und Kibu sollte dafür büßen, was sie ihnen angetan hatte. „Sehr gut." Zischte Taleb leise in Maevs Ohr. „Es ist ganz einfach, du musst mir nur helfen und du wirst deine Eltern wieder sehen…" Maevs Herz klopfte. Sie würde ihre Eltern wieder sehen können, mit ihnen lachen und glücklich werden. Ja, das war es was sie wollte. Die Schattengestallten ließen von Ihr ab, sie konnte sich frei bewegen.
„Wie kann ich dir helfen, Taleb? Sag mir, wie kann ich meine Eltern wieder sehen?" Taleb grinste dunkel.
„Du musst Illidans Armee beitreten und für die Legion kämpfen, Maev. Hilf meinen Assassinen im Kampf, gegen alles was Unrecht ist." Maev blickte ihm direkt in die Augen und nickte dann langsam.
„Ich bin bereit dazu."
„GUT!" lachte Taleb gefährlich. „Du befolgst meine Anweisungen und ich verleihe dir im Gegenzug Kräfte und Fähigkeiten, damit du deine Eltern wieder sehen kannst und dich an deiner Schwester rächen kannst." Maev wartete. „Dein erster Auftrag ist simpel. Ich benötige ein Empfehlungsschreiben eines Priesters, um in den heiligen Tempel in Silbermond eindringen zu können. Dort befindet sich ein heiliges Sakrament, welches ich zur neuen Erschaffung eines dunklen Portals benötige. Eintäusche mich nicht, Maev, ich will es noch morgen Abend in meinen Händen halten…wenn nicht…" Die dunklen Gestallten bewegten sich verlangend und ein ohrenbetäubender gellender Schrei hallte in Maevs Kopf, so dass sie sich die Hände dagegen pressen musste und die Augen zukniff. „Und jetzt geh!" waren die letzten knappen Worte Talebs, bevor Maev sich in Dunkelheit gehüllt in der Nähe des Lagerfeuers wieder fand. Sie war entsetzt. Bis morgen Abend hatte sie Zeit um ein Empfehlungsschreiben eines Priesters in die Finger zu bekommen, sonst würde sie wahrscheinlich mit ihrem Leben dafür büßen, den Auftrag nicht erfüllt zu haben. Ihr Herz klopfte erbarmungslos gegen ihre Brust. Woher sollte sie so schnell ein Empfehlungsschreiben her bekommen, sie kannte keinen Priester…

Und dann fiel es ihr siedendheiß ein….Mimus besaß ein solches Schreiben…

Sie konnte es ihm unmöglich abnehmen, sie durfte es nicht, er hatte so hart dafür gearbeitet. Andererseits, es war nur ein Blatt Papier, sie würde im Gegenzug ihre Eltern wieder sehen. Und sie würde Ihr Leben verlieren, wenn sie es nicht irgendwoher beschaffte. Vielleicht würde Taleb es ihr auch wieder geben, wenn er es nicht mehr benötigte. Mit Mimus konnte sie nicht über die ganze Sache reden, dafür steckte sie jetzt zu tief in dem ganzer Schlammassel drin. Maev steckte in einem inneren Zwiespalt. Was sollte sie bloß tun? Sie konnte ja schlecht Mimus sein Schreiben stehlen und sich dann einfach auf und davon machen…oder konnte sie es doch?

Nein! Mimus war ihr Freund, ihr treuer Begleiter und Liebster, sie konnte ihn nicht so sehr verletzen. Aber wenn sie es nicht tat, würde sie sterben und ihre Eltern niemals wieder sehen. Und sie konnte es Kibu heimzahlen. Ja! Sie wollte ihrer Schwester gegenüber treten. Mit gemischten und bedrückenden Gefühlen kehrte sie zu Mimus ans Feuer zurück.
„Da bist du ja wieder. Was gab es denn so dringendes zu erledigen, dass es nicht bis Morgen zeit hatte?" Maev murmelte etwas von einem alten Bekannten, welcher ihre Eltern noch gekannt hatte und Mimus nickte. „Ich verstehe." Nein, du verstehst gar nichts…und das was ich heute Nacht tun werde, wirst du erst recht nicht verstehen…ich verstehe es ja selbst kaum. Mimus nahm Maev in den Arm und küsste sie sanft auf die Stirn. „Der Tod deiner Eltern bedrückt dich sehr, hm?" Maev nickte und eine Träne glitzerte auf ihrer Wange. Mimus küsste sie von dannen. „Ich bin doch bei dir." Flüsterte er leise in ihr Ohr. „Ich verlasse dich nicht, niemals." Sanft strich er Maev durch das schwarze Haar und nahm sie in den Arm. Maev erwiderte die Umarmung und küsste Mimus leidenschaftlich auf die Lippen.
„Ich liebe dich, mein Liebster." Murrte sie. Mimus lächelte und seine Hand fuhr über ihre Wange.
„Ich liebe dich ebenfalls, Liebste." Und mit diesen Worten schlugen sie ihr Nachtlager auf und schliefen ein…das heißt, einer schlief, Maev lag voller Sorge wach und wartete, bis es Dunkel genug war, um zuzuschlagen.

Mimus schnarchte leise neben ihr, als sich Maev aus seiner Umarmung befreite, sanft hob sie seinen Arm, glitt hinaus und legte ihn auf dem weichen Kissen wieder ab. Es war an der Zeit.