Kapitel 6
Kibus PoV
Nachdem Kibu aus ihrer Ohnmacht erwachte war sie allein. Ihre Schwester, Maev, war fort, auf und davon. Kibu rieb sich den schmerzenden Hinterkopf. Sie verstand nicht, was hier vor sich ging und ihre Erinnerungen an das, was zuvor geschehen war, kehrte nur schwerfällig und langsam zu ihr zurück. Das einzige was sie allerdings wusste war, dass Maev sie im Stich gelassen hatte. Sie wusste nicht warum oder was genau sich zugetragen hatte, aber in ihren Gedanken schwirrte das Wort ‚Verrat'. Die hübsche Blutelfe stand auf und blickte sich um. Vor ihr lag ein dampfender Haufen von schwarzem Erdreich, grauen Ziegeln und vereinzelten Holzbalken, der Boden auf dem sie stand war verkohlt und eine dunkle Flüssigkeit sickerte zähflüssig über das grüne Gras, welches noch an einigen Stellen übrig geblieben war und bei Berührung verdorrte. Das war nicht der Ort, den Kibu aus ihrer Kindheit kannte, der einst so friedliche Hain inmitten herbstlicher Gräser und Bäume, umringt von den Geschöpfen des Waldes, eingehüllt in den Gesang der Ahnen. Kibu war entsetzt was sie sah, vor ihr lag das Chaos. Eine breite Schneise hatte sich förmlich in den einst so wunderschönen und edlen Wald gebrannt. Diese Schneise war ungefähr so breit wie der Goldstrom, aber tausendmal dunkler und vernichtender. Er war mit nichts zu vergleichen, was die Elfe bisher gesehen hatte, hier handelte es sich nicht um einen Weg oder einen Pfad, nein, es war eine Schneise des Bösen. Der Boden war vertrocknet und geschändet, nie wieder würde hier neues Leben entstehen können. Die Steine und restlichen Pflanzen, die übrig geblieben waren, trugen den gleichen Hauch des Todes mit sich, wie der Boden und die Luft darüber, sie waren nicht saftig grün, sondern schwarz wie die Nacht. Die schwarze klebrige Flüssigkeit tropfte von den entwurzelten Bäumen und bahnte sich kriechend einen Weg immer weiter in den Wald hinein. Eine Todesschneise… Kibu konnte den Anblick nicht ertragen, denn langsam kehrten ihre Erinnerungen schmerzlich zurück in ihr Bewusstsein. Kibu war mit Maev hier her gekommen. Es hatte einen Brand gegeben, gelbe und grüne Flammen, welche nicht zu ersticken waren. Maev hatte geweint, die Schwestern waren hilflos. Ein Angriff, ihre Eltern … tot. Kibu keuchte. Ihre Eltern waren in dem Feuer gefallen. Maev. Sie hatte Kibu die Schuld an ihrem Tod gegeben, aber warum? Kibu wusste es nicht. Wie betäubt drehte sie sich langsam um, um erneut auf das Schlachtfeld zurück zu blicken. Hatte sie wirklich ihre Eltern auf dem Gewissen? Nein, das konnte unmöglich ihre Schuld sein. Wie hätte sie es auch anstellen sollen und vor allem, warum? Kibu schüttelte heftig den Kopf.
„Nein, nein das kann nicht sein. Es war nicht meine Schuld, niemand konnte es wissen, niemand wusste von dem Überfall…" Bebend tat sie einen Schritt nach vorne und stieß mit ihren Zehenspitzen gegen etwas hartes, was unter der Berührung einen metallernen Klang von sich gab. Kibu blickte nach unten.
„Eine Streitaxt…aber woher…" Und dann kamen die Erinnerungen schlagartig wie ein eiskalter Regen zurück. Es war ein Dämon, der hier auf die beiden Schwestern gewartet hatte, um ihrem Leben ebenfalls ein Ende zu setzen. Doch sie hatten ihn überwältigt. Dieser Dämon…Kibu hatte ihn schon einmal irgendwo gesehen. Sie dachte scharf nach, doch nichts. Eilig packte sie ihre übrig gebliebenen Sachen zusammen und verließ so schnell es nur ging, den Ort ihrer Vergangenheit. Sie musste ins Sanktum und zwar sofort. Dieser Dämon war ihr in einem Buch begegnet und sie war sich sicher, dass er irgendetwas mit dem Krieg, der vor Jahrzehnten gewütet hatte, zu tun haben musste. Kibu erinnerte sich nur schwach an das Buch. Es war ein violetter Einband gewesen und sehr alte, fast schon antike Blätter hatten sie angeblickt, als sie es aufgeschlagen hatte. Dieses Buch war böse und weitaus gefährlicher als jedes andere Buch über Magie, was sie je in ihren zarten Händen gehalten hatte…es war ein Buch der Schatten…
Kibu
eilte hastig und mit festem Schritt in das Sanktum. Die
Bibliothekarin sah von ihrem Pult auf.
„Junge Dame, hier drin
sind alle zu absoluter Stille verpflich…"
„Es ist dringend,
meine Eltern wurden ermordet, das Haus steht nicht mehr und draußen
breitet sich das Chaos weiter aus. Ihr solltet besser schauen, dass
sich hier bald niemand mehr aufhält, schafft alle wichtigen
Bücher und Elfen hier raus, solange die Zeit noch reicht!"
Kibu würdigte sie keines Blickes, sie musste so schnell es ging
das Buch finden, ihr blieb nicht viel Zeit. Der grauhaarigen Elfe
hinter dem Pult schien die Panik und das Entsetzen förmlich in
das, für ihr Alter ziemlich junges, Gesicht geschrieben. Sie
nickte und machte sich schnell auf in das obere Geschoss des
Gebäudes, um die Mitglieder des Buchrates zu alarmieren. Kibu
hatte sich unterdessen dem Untergeschoss genähert. Hier durften
eigentlich nur erfahrene Magier herunter, aber für Kibu hatte
man vor Jahren schon eine Ausnahme gemacht, da sie die Magie bereits
sehr gut beherrschte und so wissbegierig war, wie niemand in ihrem
Alter sonst. Sie atmete noch einmal durch, dann betrat sie die alte
Steintreppe des Kellergewölbes und stieg hinab in die
Dunkelheit. Der Raum wurde von Kerzen erhellt und in den Ecken hingen
Spinnweben. Der hübschen Blutelfe war es hier unten noch nie
ganz geheuer gewesen. Ein Flüstern lag in der Luft und von den
aalglatten schwarzen Steinen tropfte vereinzelt Wasser hinunter.
Einst, als sie noch kleiner war, hatte man ihr die Geschichte
erzählt, hier unten würden die Memoiren der Ahnen der
Sin'Dorei und die Geister ihrer Helden ruhen. Kibu hatte nicht eine
Sekunde daran gezweifelt, erst recht nicht, als sie das erste Mal
hier hinunter kam. Es gab nur eine einzige Wand, denn die Krypta war
rund, ganz am Ende der Steintreppe befand sich eine Art Altar auf
welchem ein, in Stein gemeißelter, Wasserspeier stand und
finster die Herunterkommenden anstarrte. Das Licht der Kerzen hüllte
alles in ein geheimnisvolles Licht, welches sich an einem Glaskasten
brach, der in einem Schränkchen unter dem Gargoyle stand. Darin
lag, auf Samt gebettet, ein Buch. Es hatte einen violetten und mit
Gold verzierten Einband und ein paar Seiten waren hinaus gerissen
worden. Der Titel war nach all den Jahrhunderten nicht mehr zu
erkennen. Das war es. Danach hatte Kibu gesucht. Langsam trat sie
näher an den Schrein heran. Ein beklemmendes Gefühl machte
sich in ihrem Körper breit. Der Wasserspeier starrte sie mit
seiner düsteren Fratze an und je näher sie kam, desto
lebendiger erschien er ihr. Langsam blieb sie stehen und öffnete
das halbgeöffnete Türchen des Schrankes, um den Glaskasten
näher in Augenschein zu nehmen. Er war verschlossen, jedoch gab
es keinerlei Anzeichen einer Öffnung oder eines Schlosses. Kibu
nahm es hoch und stellte es auf den steinernen Altar. „Merkwürdig…"
murmelte sie in Gedanken versunken. Sie betrachtete es von allen
Seiten, blieb jedoch erfolglos. Es gab keine Öffnung. Und auch
kein Schloss. Aber vielleicht… Kibu schloss die Augen und murmelte
ein paar fremde Worte. Die Kerzen begannen zu flackern und als Kibu
die Augen öffnete materialisierte sich vor eben diesen in dem
kristallenen Glas ein kleines Schlüsselloch. Kibu lächelte
zufrieden. Aber wo war der Schlüssel zu diesem Schloss? Suchend
sah sie sich um, ehe ihr Blick an etwas hängen blieb, was sich
im Maul des Wasserspeiers befand. Es war zu weit hineingerutscht, um
es irgendwie von Außen zu ergattern, also blieb Kibu nichts
anderes übrig als mit der Hand hinein zu greifen. Langsam
tastend spürten ihre Finger das seltsam weiche Metall und
bekamen den länglichen Stiel des kleinen Schlüssels zu
fassen. Kibu wollte ihre Hand gerade hinaus ziehen, als die Augen des
Wasserspeiers zum Leben erwachten…
Mit einem Überraschungsschrei gelang es ihr, gerade noch rechtzeitig, ihre Hand den messerscharfen Zähnen zu entreißen und sich nach hinten in Sicherheit zu bringen. Der Gargoyle fixierte sie mit seinen pechschwarzen Rabenaugen und riss sich mit Mühe von den Überresten des Steingefängnisses los. Er war in seiner ganzen Form ein gutes Stück größer als Kibu und als er sich streckte und seine fledermausartigen Flügel ausbreitete füllte er die kleine Krypta fast vollkommen aus. Sein dünner Schwanz peitschte über die kalten Kacheln am Boden und seine klauenartigen Hände bewegten sich fordernd. Kibu trat ein paar Schritte zurück und spürte plötzlich die nackte Wand in ihrem Rücken. Sie saß in der Falle, die Treppe war viel zu weit weg, als dass sie sie hätte erreichen können. Und das Buch lag hinter dem Gargoyle, das war es doch, wofür sie eigentlich hier herunter gekommen war. Das schwarze Wesen stieß einen ohrenbetäubend hellen Schrei aus und fixierte den kleinen güldenen Schlüssel, den Kibu in der rechten Hand hielt. Kibu verstand, er wollte den Schlüssel, damit sie das Buch nicht in die Hände bekam.
„Den werde ich dir garantiert nicht wieder geben…" sagte sie entschlossen zu sich selbst und machten einen Schritt nach vorne, um sich bereit für einen Kampf zu machen. Als hätte der Dämon Kibu verstanden brüllte er erneut und trat ebenfalls ein paar Schritte in ihre Richtung. In Kibu loderte ein Feuer des Kampfes, sie hatte gelernt die Magie soweit unter ihre Kontrolle zu bringen, dass sie mächtig genug war, um Kibu zu beschützen, wenn sie es wollte. Und das tat sie nun. Langsam legte Kibu den Kopf in den Nacken und starrte an die modrige Decke, ehe sie die Augen schloss, um sich zu konzentrieren. Das Feuer wuchs in ihr und eine Druckwelle wurde von Kibus Körper ausgelöst, welche den Dämon zum stehen brachte. Die Elfe, welche nun ein Stück über dem Boden schwebte, war umgeben von einer Art dunklem Flimmern, welches vor lauter Spannung nur so knisterte. In ihren Handflächen, welche nach oben geöffnet waren bildeten sich kleine Stickmata, kurz darauf begann es darüber ebenfalls zu flimmern und kleine Funken entzündeten sich. Die Funken wuchsen und wurden zu Feuerbällen und als Kibu die Augen öffnete und auf den Boden zurück glitt warf sie dem Dämon die Feuerkugeln entgegen. Dieser schrie mit Entsetzen und versuchte auszuweichen, doch zu spät, er wurde getroffen. Das magische Feuer riss ihm eine Seite seines Körpers, von Schulter bis Hüfte, herunter, welche zu Staub zerfiel. Der Gargoyle taumelte, konnte sich jedoch auf seinen Beinen halten und warf sich in Rage auf Kibu, welche unter dem Gewicht nach unten gerissen wurde. Keuchend wurde sie von dem Steinberg begraben, welcher mit all seiner, ihm gebliebenen, Kraft versuchte, Kibu den Schlüssel zu entreißen. Seine scharfen Klauen zerkratzten Kibu das Gesicht und als sie ihm den Schlüssel verweigerte, stieß er der bewegungsunfähigen Elfe die langen klingenartigen Finger in die Schulter hinein. Kibu fühlte einen eiskalten Schmerz und schrie auf, Blut sickerte auf den kalten Steinboden und durchtränkte die Robe. Blind vor Schmerz nuschelte Kibu ein paar Worte und der Dämon, welcher direkt auf ihr gelegen hatte, Barst unter dem Druck, der um Kibu herum entstanden war, in unzählbare Teile. Kibu blieb außer Atem und völlig benommen liegen. Eine Steinstatuette war gerade vor ihren lebendigen Augen zum Leben erwacht. Ungläubig betrachtete sie die Stelle, wo vor ein paar Minuten noch der Gargoyle gestanden hatte. Und das alles nur für ein altes Buch? Nein, da steckte mehr dahinter, hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu. Langsam stand Kibu auf und verzerrte das Gesicht. Der Schmerz in ihrer Schulter pochte seltsam und ungleichmäßig. Möglichst schnell schob sie den Schlüssel in das kleine Schloss und öffnete den Glaskasten, um gleich darauf das Buch heraus zu holen. Als sie es aufschlug puffte ihr eine kleine schwarze Dampfwolke entgegen. Kibu musste husten. Etwas stimmte hier nicht. Eilig lief Kibu, das Buch unter dem Arm, die Stufen hinauf und verließ das Haus…
Schwer verletzt schaffte es die hübsche Elfe gerade noch sich in das nahe gelegene Dorf mit Namen Morgenluft zu schleppen. Im Gasthaus wurde sie gut versorgt und blieb erst einmal dort. In das Buch hatte sie bisher noch keinen Blick geworfen, allerdings würde sie es bald tun müssen, wenn sie erfahren wollte, was eigentlich vor sich ging. Nach einem köstlichen Abendmahl verschanzte sie sich in ihrem Zimmer, welches sie im Gasthaus belegte und holte das Buch zum Vorschein. Vorsichtig öffnete sie es ein zweites Mal. Nichts geschah. Kibu durchblätterte die Seiten, auf welchen seltsame runenartige Schriftzeichen zu sehen waren, vorsichtig durch, stieß jedoch nicht auf ein einziges Bild. Doch sie war sich sicher, dieses Buch, welches sie hier in Händen hielt, war das gleiche Buch, das sie damals entdeckt hatte. Nur war es irgendwie…anders. Ja, es hatte sich verändern, aber wie war das möglich? Wie konnte sich ein geschriebenes Buch in all den Jahren verändert haben? Kibu wusste auf die Frage keine Antwort und begann ein paar der Runen zu entziffern. Gott sei Dank hatte man ihr schon früh das Lesen beigebracht und auch ein paar Runenkenntnisse gelehrt, so hatte sie nur wenige Schwierigkeiten das Gekritzel zu entziffern. Was sie las, erschreckte sie. Das Buch verfügte über dunkle Kenntnisse und berichtete über Magie, die nicht von dieser Welt stammte. Kibus Hände, welche den Einschlag umfassten waren eiskalt. Doch das merkte sie nicht, sie war zu vertieft in das Buch. Vor ihrem geistigen Auge erschienen Bilder, Bilder einer früheren Zeit, von Zerstörung und Schmerz, Hass und Dunkelheit. Sie sah Blitze zucken und dunkle Gestallten unaufhörlich durch ein Portal schreiten, welches von Flammen umgeben war. Kibu zuckte zusammen als die Bilderschar abbrach. Sie hatte die dunkle Magie gesehen. Die Zeilen flüsterten ihr zu, sie sprachen von einem Elf…sein Name war Illidan Sturmgrimm.
Kibu erschrak als sich erneut ein Bild formte. Dieser Elf war kein Elf mehr. Er war verdorben und unbeschreibliche Grausamkeit strömte von ihm aus. Um ihn scharrten sich die Schatten und Kibu begann zu begreifen. Er war es gewesen. Ihm hatte sie den Tod ihrer Eltern zu verdanken, er hatte seine Schergen geschickt, um den heiligen Hain zu verwüsten und alles niederzubrennen und zu vernichten, was sich ihnen in den Weg stellte. Auch Kibus Eltern und beinahe auch sie selbst. Kibus Hass auf diesen Mann wuchs zunehmend. Es war seine Schuld, dass Maev in dem Glauben fort war, sie, Kibu, hätte ihre Eltern auf dem Gewissen. Er war schuld, dass sie kein Heim mehr hatte und er war es auch, der unendlich viele Qualen über das Land gebracht hatte und noch bringen würde. Kibu knallte den Deckel des Buches zu, die Hände zu Fäusten geballt. Tränen des Zorns hatten sich in ihren Augenwinkeln gebildet und ihre Zähne waren aufeinander gepresst um das Buch nicht in Stücke zu reißen. Ihre Nasenflügel wölbten sich unter der Luft die sie einsog und wieder ausstieß. Illidan Sturmgrimm. Der Name brannte sich in ihren Kopf, in ihre Gedanken in ihre Seele. Dieser Elf würde dafür bezahlen, was er den Schwestern angetan hatte. Kibu schleuderte das Buch in eine Ecke und begann zu weinen. Hilflosigkeit und Hass kamen über sie und erst spät am Abend kam sie wieder zu sich. Dieser Mann war ein Mörder. Ein Scherge der Dunkelheit und des Chaos', er brachte Tod und Zerstörung und er spannte Lügen. Und gegen all das was er war, konnte sie nicht das Geringste ausrichten. Diese bittere Wahrheit zerging nur langsam auf ihrer Zunge. Die Magie, die Kibu bisher erlernt hatte konnte ihr nicht weiter helfen, all die Jahre, die sie für sie investiert hatte, waren umsonst gewesen. Sie konnte sie zwar vor einem Gargoyle beschützen, doch gegen diesen dunklen Lord würde sie einfach nicht ausreichen. Kibu verzweifelte schier an ihrer Hilflosigkeit. Wenn diese Magie nicht reichte, wie konnte sie ihn dann jemals bezwingen? Wie konnte sie einem solch mächtigen Mann Auge um Auge entgegen treten, wenn sie noch nicht einmal die Kraft hatte zu wissen, was sie tun sollte? Kibu schloss die Augen, aus welchen heiße Tränen auf ihr Gewand tropften.
Plötzlich vernahm sie einen Hauch von Nichts. Er erhob sich zu einem Flüstern. Sie blickte sich um. Nichts. Der Raum war leer, außer ihr war niemand hier. Die Stimmen wurden lauter, sie riefen ihren Namen:
Kibu!
Wo seid Ihr?
Wir sind hier, Kibu!
Wo, ich kann Euch nicht finden!
Hier her, komm zu uns, hier findest du Antwort auf die Fragen die dich nicht los lassen.
Ich weiß nicht wo Ihr seid…
Folge deinem Gefühl, Kibu.
Ich…weiß nicht was Ihr meint.
Vertrau deiner inneren Stimme, dem Feuer, was du in der Krypta fühltest.
Ich…kann es sehen, ich…ich kann es greifen. Ich komme!
Kibu!
Ich komme!
Kibu sah sich selbst in völliger Dunkelheit, um sie herum schwirrten Lichter, dunkle aber glänzende Lichter, welche sie an die Hand nahmen und mit sich trugen. Vor ihr tauchte eine helle Silhouette auf, die die Form eines Trolls oder Elfen hatte. Die Gestallt strahlte von innen heraus und hielt Kibu die Hand hin. Sie ergriff sie und ließ sich von dem Licht durchstrahlen und eine seltsame Wärme ergriff ihr Herz.
„Spürst du das Feuer in dir, Kibu?" Sie nickte.
„Es ist dein inneres Feuer. Es leitet dich und gibt dir Kraft. Manche nennen es Intuition, manche innere Stimme, andere widerrum rufen es Hoffnung. Dein Feuer begleitet dich stets auf deinem Weg, es lässt dich nie allein, auch wenn es Stunden gibt, in denen es kurz vorm erlischen steht. In anderen aber ist es ein Feuerbrand in dir, der all das Schlechte verzehrt, was dich verletzen will und dir Leid zufügt." Kibu konnte fühlen, wie das Feuer zu allen Seiten züngelte und die Wärme durch ihren gesamten Körper trieb.
„Dein Feuer, Kibu, nährt deine Kraft, schenkt dir die Fähigkeit, Magie zu finden." Sie nickte erneut. Diese Lektion hatte sie schon einmal gelernt. Die Gestallt nickte ebenfalls.
„Gut. Du glaubst, nicht stark genug zu sein, nicht wahr? Du glaubst, dein Leben habe keinen Zweck, wenn du deinen Stärke nicht finden kannst, ist es nicht so?" Kibu nickte zum dritten Mal.
„Ja…ich sehe deine Angst. Aber habe keine Sorge, Elfe, ich werde dir neue Kraft geben. Du musst versuchen dein helles Lichtfeuer für dich zu gewinnen und es mit Schatten nähren. Es wird an deinen Kräften zerren, denn die Schatten versuchen oftmals die Kontrolle über das Licht zu erringen. Gib sie ihnen niemals, bleib standhaft. Das Einzige, was du versuchen sollst ist, die Schatten in der Kraft des Lichtes einzuschließen. Dieser Weg ist nur möglich, wenn du dich dem Hexenmeistersanktum in Silbermond anschließt. Sie können dir zeigen, wie du dir die Kräfte und die Leiden des Schattens am besten aneignen kannst, ohne gleich den Verstand zu verlieren. Vertraue meinen Worten, Kibu. Du musst stark sein." Kibu öffnete die Augen und fand sich in ihrem Zimmer der Taverne wieder. Vor Ihr lag ein Anhänger in der Luft, er war wie eine Träne geformt und pechschwarz. Erneut erklang die Stimme in ihrem Kopf.
„Wir werden uns wieder sehen, Kibu, Blutelfe." Dann fiel der Anhänger in ihre Handflächen und alles schien wieder Normal zu sein. Kibu wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Ihr inneres Feuer hatte also tatsächlich den Weg eines Hexenmeisters für sie vorbestimmt. Daran hätte Kibu niemals gedacht. Aber dann erschien es ihr beinahe so, als würde das ganze einen Sinn ergeben. Man konnte die Schatten nur mit Schatten bekämpfen. Ja. Vielleicht war es richtig so, vielleicht war die helle Magie nur ein Anfang gewesen, um sie in die Geheimnisse des Magiertums einzuweihen. Sie schloss die Hand um den Anhänger, welcher sich glatt und warm anfühlte. Ihr Entschluss stand fest. Sie würde nach Silbermond gehen, ins Sanktum der Hexenmeister und dort die dunkle Magie erlernen, koste es was es wolle…
