Kapitel 7

Maev

Maev packte leise und mit äußerster Vorsicht ihre Habe in den kleinen ledernen Ranzen und legte ihre beiden Dolche an. Das dunkelrote Tuch, welches ihr als Zeichen des Übereinkommens mit Taleb überreicht worden war lag fest verschlossen in ihrer Hand, bereit ein allererstes Mal angelegt zu werden. Maev seufzte leise und öffnete ihre Faust, um die Maske zu betrachten. Schweren Herzens blickte sie zu dem schlafenden Barden, ehe sie die roten Enden hinter ihrem Zopf verknotete und Mund und Nase unter dem weichen roten Stoff verbarg. Sie stand auf und band den Ranzen fest. Es war soweit. Sie musste es tun, sie musste alles für ihr neues Leben aufgeben, auch Mimus. Sie wusste, dass es ein Fehler war, der größte Fehler, den sie wohlmöglich in ihrem Leben bisher begangen hatte, doch der Blutelfe blieb keine Wahl. Um ihre Eltern zu rächen musste sie das Schreiben stehlen und es Taleb bringen, nur so würde man sie in der Kunst des Schattens unterrichten. Niemand könnte es besser als Taleb, auch wenn sich Maev vor dem Gedanken fürchtete, dass er etwas mit der Legion zu tun hatte. Sie wollte nicht so werden wie er, eine treu ergebene Dienerin der dunklen Armee oder gar Illidans selbst. Sie wollte lediglich fähig sein, sich zu verteidigen und, vor allem, sich zu rächen, Macht erlangen. Niemals würde sie sich hinreißen lassen mehr von sich zu geben, als unbedingt nötig war. Möglicherweise war sie naiv, aber das hieß nicht, dass sie gleichzeitig auch dumm war, im Gegenteil. Wenn man es richtig bedachte war Maev sogar ausgesprochen clever. Sie trat ein in den Bund des Feindes, um sich anlehren zu lassen, die Geheimnisse der Schatten zu erfahren und sie dann im Nachhinein gegen ihn zu verwenden. Es war gar keine Frage, dass sie leichtsinnig war, natürlich spielte sie mit dem Feuer und konnte jederzeit enttarnt werden, aber das war der hübschen Blutelfe reichlich egal. Es war einen Versuch wert, denn was hatte sie schon groß zu verlieren, wenn sie Mimus verließ? Sie hatte kein Heim, keine Familie, keine Ausbildung und auch sonst nichts, wofür es sich zu leben lohnte. Wenn man sie zu diesem Zeitpunkt aufgriff, dann würde nur ein unbedeutendes Leben der Sin'Dorei ein Ende nehmen und niemand würde es jemals erfahren. Genau dieser Gedanke war es, der Maev das tun ließ, was sie nun tat.

Sie schluckte schwer und begann damit, Mimus Taschen zu durchsuchen. Nichts. Ein weiteres Mal tasteten sich Maevs schmale Finger durch die verschiedensten Habseligkeiten des Barden, doch erneut stießen sie nur auf unbedeutende Dinge. Maev blickte in die Ferne. Wo konnte das Schreiben nur sein? Sie hatte es doch mit ihren eigenen Augen gesehen, Mimus hatte es bei sich, wo sollte er es auch hingepackt haben… Sie überlegte kurz und kam dann zu dem Schluss, dass er es in seiner Robe tragen musste. Leise schlich sie sich an und hockte sich vorsichtig neben den schlafenden Blutelfen. Ihre Hand näherte sich ihm, verharrte dann jedoch über seinem Körper in der Luft. Sie konnte es nicht. Die Hand senkte sich auf ihr Knie zurück und sie glitt rücklings auf ihren Hosenboden, wo sie erst einmal reglos neben dem Barden sitzen blieb. Was tat sie hier eigentlich? War es wirklich das, was sie wollte? War es das wert? Ein Leben ohne den Menschen zu leben, den sie liebte, allein und zurückgezogen, nur um ihrer Rache gerecht zu werden und Macht zu erhalten? Sie war verwirrt. Maev schreckte auf, als Mimus sich im Schlaf regte und zu ihr herumdrehte. Er murmelte etwas im Schlaf, doch sie konnte nicht verstehen, was es war. Jetzt, wo sie sein ebenmäßiges Gesicht sehen konnte, frei von Sorge und in tiefer Seligkeit ruhend, wurde ihr bewusst, wie groß der Fehler wirklich war, den sie begehen würde. In der kurzen Zeit, die vielleicht gerade so ein paar Monate umfasste, hatte Mimus ihr alles von sich preisgegeben, was er konnte, er vertraute ihr völlig und liebte sie mit jedem noch so kleinen Fehlerchen, das sie besaß. Er hatte ihr Vertrauen, Zuneigung, Liebe und Treue geschenkt, doch was hatte sie ihm im Gegenzug gegeben? Lüge, Verrat, Betrug und Hinterhalt. Maev fühlte sich so unglaublich schuldig in diesem Moment. Nie hatte sie ihm wirklich erzählt, was sie tat, wenn sie irgendwo allein hinging. Nie hatte sie ihm von ihren dunklen Tätigkeiten und ihrem ‚Freund' Taleb erzählt und niemals hatte sie Mimus die Zuneigung und Liebe zukommen lassen, die er ihr entgegengebracht hatte. Wie hatte sie ihn nur so strafen können, sie wusste es nicht. Und was sie nun tat, dafür gab es keinerlei Entschuldigung. Sie bestahl den Menschen, der sie aufrichtig liebte, nahm ihm seine Zukunft und beraubte ihn seiner Träume. Das war unverzeihlich. Durch dieses Wissen wurde es mit jeder Sekunde nur noch schwerer für das hübsche Blutelfenmädchen. Langsam erhob sie sich wieder und stieg über Mimus ruhenden Körper, direkt hinter ihm ließ sie sich nieder, um mit flinken Fingern die Taschen seiner Robe zu durchsuchen. Vorsichtig glitten sie hinein und tasteten wachsam den Innenraum der ersten Tasche ab. Doch sie fanden nichts. Angespannt von der Sorgfalt die sie zeigen musste, zog Maev ihre Hand zitternd aus der Robe, woraufhin sich Mimus im Schlaf räusperte und zuckte. Maev erschrak und wich ein Stück zurück, ihr Herz pochte wild. ‚Ruhig!' zwang sie sich zur Ruhe, wartete kurz um gleich darauf die nächste Tasche zu durchsuchen. Wieder nichts. Wo hatte er das Schreiben nur versteckt? Es konnte doch nicht plötzlich weg sein. In ihren Gedanken erblickte sie plötzlich ein kleine Stück Leder, welches unter Mimus Körper hervorlugte. Natürlich, sein kleiner Lederbeutel, den er immer und überall mit sich herum trug. Aber wie sollte sie an ihn heran gelangen, er lag unter Mimus begraben. Maev stand auf, um einen kleinen Ast von einem benachbarten Baum zu holen. Neu bewaffnet stiefelte sie zurück und hockte erneut neben dem Barden nieder. Sorgfältig und mit Bedacht schob sie den kleinen hölzernen Hilfsditrich unter Mimus' Flanke und stocherte sorgsam darunter herum, um den Beutel irgendwie unter ihm hervor zu schieben. Ein kleines Stück gelang es auch, doch dann drehte sich Mimus so unter die Seite, dass der Ast zerbrach und der Beutel wieder fast komplett begraben war. Maev seufzte.

„Kannst du nicht einmal ruhig schlafen und liegen bleiben?" Sie atmete gespannt ein und schob flink ihre gesamte Hand unter Mimus' Rücken. „Du bist ganz schön schwer, mein Lieber…" Mit einem sanften Ruck zog sie den Beutel hervor, konnte ihn jedoch nicht hoch nehmen, da er an einem Lederband an dem Gürtel des Elfen fest hing. Maev griff an ihren Stiefel und zückte einen kleinen Dolch, welcher in der Innenseite gesteckt hatte, um das Band sauber zu durchtrennen. Es glückte und Maev hielt den kleinen Beutel in ihren Händen. Erleichtert atmete sie aus, Schweiß perlte auf ihrer Stirn, und stand auf, wobei ihr Fußgelenk laut knackte. ‚Verdammt!' schrie es durch Maevs gesamten Körper und sie blieb kerzengerade in ihrer Bewegung stehen, ohne sich zu Mimus herumzudrehen. Sie hatte es vermasselt, das wusste sie. Doch nichts geschah. Maev wagte einen Blick hinter sich und sah einen schlafenden Mimus. Die Anspannung fiel von ihr ab und sie öffnete das Säckchen, um das Empfehlungsschreiben heraus zu nehmen. Das kleine Papier lag zusammengerollt darin, nur gehalten durch den silbernen Siegelring, welcher darum geschlungen war. Schnell steckte sie die Rolle weg und legte den Beutel zurück neben Mimus.

Sie wollte sich abwenden und verschwinden, als sie jemand grob am Arm packte.

„Wohin soll's denn gehen?" Maev erstarrte. Die Hand die sie zurückhielt gehörte Mimus und auch als sie sich erschrocken umblickte traf ihr Blick den seinen, welcher ganz und gar nicht erfreut zu sein schien, im Gegenteil. Wut und Enttäuschung waren darin zu lesen. „Ich frage dich noch einmal, wohin soll es denn gehen…damit!" Mit dem letzten Wort deutete er auf sein Empfehlungsschreiben.

„Ich…" Maev war perplex. Was sollte sie jetzt tun, geschweige denn sagen? Der eisige Griff um ihr Handgelenk verstärkte sich und trieb Maev Tränen in die Augen. Sie versuchte sie loszureißen, doch Mimus hielt den Arm umklammert, wie eine Würgeschlange. „Lass mich los, du tust mir weh!" schnauzte Maev ihn mit einem Ausdruck von Ärgernis an.

„Dann sag mir, was du mit ‚meinem' Empfehlungsschreiben vorhast, so spät in der Nacht. Du willst es dir bestimmt nicht nur kurz ansehen, weil es so schön aussieht."

„Das geht dich gar nichts an!"

„Oh doch, das tut es sehr wohl, falls du es nämlich vergessen haben solltest, ist das ‚mein' Schreiben und ich hatte eigentlich vor mich damit im Priestertempel vorzustellen, junge Dame." Maev schwieg und ihr blieb nichts anderes übrig, als erneut zu lügen. Ihre Nasenflügel wölbten sich unter der Luft, die sie vor Wut ausstieß. Blitzschnell zückte ihre andere Hand den Dolch auf ihrem Rücken und jagte die Klinge Mimus' Kehle entgegen, wo sie sich schmerzend in seine Haut schnitt.

„Lass mich auf der Stelle los, oder du bezahlst mit deinem Leben dafür!" Mimus blickte sie verwirrt an, lockerte aber tatsächlich den Griff, sodass Maev sich geschickt losmachen konnte. „Gut, ganz so dumm bist du also wirklich nicht." Maev warf dem Barden einen hasserfüllten Blick zu und zückte ihren zweiten scharfen Dolch. „Ich werde jetzt verschwinden. Hoffe, dass irgendjemand so gnädig ist und einen singenden Priester ohne Lizenz wie dich beherbergen mag, denn ‚das hier' werde ich mitnehmen. Leb wohl!" und mit diesen letzten Worten verschwand sie in die Schatten. Mimus blieb entsetzt und sichtlich verwirrt zurück. Maev suchte hinter einem Baum Zuflucht und presste sich an den kalten Stamm des Baumes. Ihr Herz raste und in ihren Augen stand ebenfalls Entsetzen geschrieben. Sie hatte es vollbracht, das Schreiben lag gut behütet in ihrem Ranzen und der Auftrag war somit abgeschlossen. Nun konnte sie Taleb die Rolle bringen und würde ihre erste Lektion im Gegenzug erhalten. Langsam schritt sie in Richtung des Ortes an dem sie sich mit Taleb treffen wollte – Silbermond. Zurück ließ sie einen vollkommen ungläubigen und zutiefst verletzten Barden, der nicht fassen konnte, was sich so eben ereignet hatte und nicht verstand, wie die Frau, die er unendlich liebte, ihn so schändlich hintergehen konnte. Maev verbannte jegliche Gedanken an Mimus und ihren Schmerz aus ihrem Kopf und reiste im Morgengrauen noch in Silbermond ein. Was hatte sie getan?