Kapitel 10
Kibus PoV
Die Elfen staunten nicht schlecht als sie an den gewaltigen Toren Silbermonds ankam. Die Stadt war riesig und lag inmitten der güldenen Wälder des Immersangwaldes, ruhend und trotzdem prächtiger als alles, was es auf dieser Erde geben mochte. Kibu traute ihren Augen kaum, so etwas hatte sie noch nie gesehen und sie glaubte, dass es auch nichts gab, was annähernd so prunkvoll und edelmütig war, wie die Stadt der Blutelfen. Nichts war hier normal. Die Tore allein waren Meter hoch, gehalten von, in Gold getauchten, Angeln und verschnörkelt mit Symbolen und feinen Linien, die sie zu einem wahren Kunstwerk machten und sowohl Respekt als auch Ehrfurcht vermittelten. Im Eingang teilten sich zwei Wege, einer führte nach rechts und einer nach links um eine güldene Statuette herum, welche einen adeligen Elfen darstellte und die Ankömmlinge begrüßte. Vor den Toren waren Gärten angelegt worden und unzählige Blumen streuten ihre Düfte aus und betörten die Sinne der Elfen. Der laue Wind zog unter der warmen Sonne hinweg und hindurch durch die farbenprächtigen Blumenfelder, welche sich in seinem Rhythmus wiegten und der Sonne entgegen strahlten. Vor dem Weg, welcher durch die Tore hindurch nach Silbermond führte, war ein See an eine Lehrlingsterasse angelegt worden, welcher so klares Wasser enthielt, dass man bis auf den Grund blicken konnte und annahm, man schaue durch eine Eisfläche. Vögel zogen über die Tore hinweg, hinter denen sich nur noch weitaus Größeres vermuten ließ, als das, was die Elfen bereits gesehen hatten, auch wenn es außerhalb ihres Vorstellungsvermögens lag. Kibus Gesicht wurde von einem Lächeln geziert. Mimus blickte sich staunend um.
„Das ist einfach fantastisch! Das ist…übernatürlich, einfach wundervoll. Ich kann es mit Worten gar nicht beschreiben. Einfach unfassbar."
„Ja…ja, das ist es!" Kibu war ebenso sprachlos, wie der Barde. Sie strich sich durch ihr Haar und über die Kleidung, um die Rückstände von Schmutz und Wetter abzuschütteln, denn so kurz vor der anmutigen und prächtigen Stadt, fühlte sie sich klein und bettelarm, wollte wenigstens einigermaßen an die Verhältnisse im Inneren der Stadt angepasst sein, ehe sie sie betrat. Mimus ging voraus, seine Habe geschultert, den Stab auf dem Rücken verstaut und Kibu hinterher. Gleich zu Beginn der Stadt blieb ihnen der Atem weg. Was sie sahen war einfach unglaublich:
Vor ihnen hatte sich eine völlig andere Welt aufgetan. Nichts war normal groß, alles schien überdimensional und unangetastet. Die Gebäude und Bauten waren mindestens genauso prunkvoll wie die Tore und erfüllten die beiden Elfen mit Erfurcht und einem Gefühl, welches ihnen jäh vermittelte, wie schmerzlich der Anblick von Schönheit sein konnte. Der Boden war mit rotem Stein gepflastert und dort wo Wege entlang führten gingen sie in weißes Marmor über, welches sich wie eine Schlange durch die Stadt zog. Die Gebäude waren mit nichts zu vergleichen, was Kibu bisher gesehen hatte. Auch sie waren in weißem Marmorstein und rotem Basalt gebaut und nahmen die seltsamsten Formen an. Kleine Geschäfte standen nebst feinen Türmchen und Zinnen, welche kreisrund zu sein schienen und doch wieder nicht. Überall strahlten Gold und funkelnde Steine auf die Elfen nieder und trotz all dem Prunk und Reichtum wirkte es schlicht und einfach wunderschön. Dieselben Linien und Schnörkel wie auf den Toren fanden auch hier ihre Bedeutung und die Gebäude waren scheinbar einfach um goldgelbe Bäume und Sträucher herumgebaut worden. Einige der Bauten hingen schwebend in der Luft und überall war die alte Anwesenheit von Magie und Mystik zu spüren, eine Erinnerung an die damaligen Hochelfen. Kibu verneigte sich vor der Schönheit und der Macht der Stadt. Es war einfach zu unglaublich, um den Anblick in Worte fassen zu können und so staunte Kibu nur weiterhin über die Anmut und die Verspieltheit der Stadt. Die beiden Elfen gingen an Baldachinen vorbei, an roten Wimpeln und Fahnen, an Balkonen, gespickt mit Blumen und Sträuchern, an Gartenflächen, an wunderschönen rotgoldenen Bäumen und an Springbrunnen, ebenfalls gefüllt mit dem klaren Wasser, welches sie zuvor draußen im See gesehen hatten. Über den sichtbaren Bauten ragten hohe Zinnen und Türme in den klaren Himmel hinein, unter welchem immer die Sonne zu scheinen schien. Mana gab es überall, wo man hinsah entdeckte man den Stoff der Magie: blaue Lampions, gefüllt mit Mana, welches Licht spendete. Glühende Steine in Fassungen an den Wänden, leuchtende Flammenaltare. Und an allen Ecken güldene, übernatürlich große Statuetten mit einstigen Helden von Silbermond.
Silbermond. Das war wahrlich der Stoff aus dem die Träume gesponnen wurden, die Stadt des ältesten Volkes der Welt, der Elfen. Sie spiegelte ihre Würde, ihren Stolz und ihren Reichtum wieder, ihre Ehre, ihre Anmut. Kibu betrachtete die zahlreichen Elfen, welche, eingehüllt in prunkvolle und verzierte Gewänder, an ihnen vorbei eilten und Geschäftigkeiten nachgingen. An jedem Ausgang, fast an jedem Haus standen Wachen mit mannshohen Schildern und ebenso langen und scharfen Waffen und hier und da waren kleine Stände aufgebaut, überdacht von rotem Seidenstoff. Einige Arkanitwächter waren als Patrouille eingesetzt worden, um das Treiben in der Stadt zu überwachen, obwohl das eigentlich gar nicht nötig war, denn die Elfen behandelten sich stets mit dem, ihnen gebührenden, Respekt.
Kibu kam sich klein und hilflos vor, vor all dem Reichtum. Sie blickte an sich herunter und wurde sich dessen gewahr, was sie eigentlich trug, eine schmutzige, zerrissene Robe, einst schwarz, doch nun vielmehr grau und über der Schulter einen schlunzigen Beutel baumelnd. Mimus schien es fast ebenso zu ergehen. Die beiden Elfen schämten sich ihres Auftretens in dieser Stadt und genauso wurden sie auch angesehen, voller Abscheu und Unglaube, dass sie so die Hochburg des Adels betreten konnten. Schnell zog Kibu Mimus in eines der Gebäude, welches sich am nahesten in ihrer Umgebung befand und atmete tief durch.
„So fallen wir auf, wie ein Hund im Hühnerstall…wir brauchen neue Kleidung und überhaupt…wir sollten uns dringend waschen und endlich einmal wieder etwas essen, ehe wir erneut die Straßen betreten. Das ist mir peinlich von den ganzen Elfen wie eine Aussätzige angestarrt zu werden." Mimus nickte nur knapp, als sich hinter ihnen jemand räusperte. Kibu riss sich herum und starrte in die Augen eines jungen Elfen, welcher sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen musterte. Er sah freundlich aus, gleichzeitig etwas arrogant, was aber so ziemlich jeder Elf in dieser Stadt tat und was wohl durch ein Leben in dieser Stadt zwangsweise hervorgerufen wurde. Kibu wusste nicht was sie sagen sollte, denn neben ihrem jämmerlichen Äußeren kam noch hinzu, dass dieser Elf sie auf eine seltsame Art faszinierte. Er war mindestens einen Kopf größer als sie, schlank und dennoch kräftig und seine Augen waren von solch einem strahlenden Grün, dass sich die junge Elfe gar nicht mehr davon losreißen wollte. Diese intensive Farbe kam wahrscheinlich durch den starken Kontrast zu seinen feuerroten langen Haaren, welche ihm glatt und sauber über die Schultern fielen. Sein Gesicht war markant aber von feinen Zügen durchzogen, wiesen fast keinen Makel auf. Die rote Robe gab dem Gesamtbild des Elfen etwas Volles und ließ ihn gleichzeitig anmutig aber auch standhaft wirken. Er musste ohne Zweifel ein Adeliger sein, denn an seinen Händen blitzen mehrere Ringe und um seinen Hals hing ein Medaillon, auch die rote Robe war relativ elegant und reich verziert. Kibu war perplex. Sie wusste nicht was sie sagen sollte.
„Mercredias Tel'iza." Er verbeugte sich elegant vor Kibu und blickte ihr dann direkt in die Augen. „Und mit wem habe ich die Ehre?" Kibu schluckte und brachte stammelnd ihren Namen heraus, schaffte es sogar noch, einen leichten Knicks zu vollführen. Hinter ihr räusperte sich Mimus und Kibu wurde zurück in die Realität gerissen, hinaus aus allen Träumereien und Gedanken in welchen sie sich schon in den Armen dieses stattlichen Blutelfen wieder gefunden hatte, gefangen von seinen geschwungenen Lippen in einem leidenschaftlichen Kuss…
„Man nennt mich Mimus." Mimus nickte dem Elfen freundlich zu, jedoch mit einem leicht misstrauischen Blick. Er schien noch nicht ganz zu wissen, was er von diesem Mercredias halten sollte.
„Mimus?" vergewisserte sich Mercredias.
„Ja. Schlicht und einfach, Mimus." Er lächelte.
„Gut, so sei es denn, Mimus. So setzt Euch doch, meine Freunde, denn wie ich hörte, wart Ihr auf Reisen und seid sicher hungrig. Seid heute Abend meine Gäste, das Essen geht aufs Haus." Er klatschte in die Hände und eine Bedienstete brachte kühles Met und drei Teller mit dem köstlichsten Essen, was man je gesehen hatte. Mimus und Kibu nahmen Platz und aßen sich an all den Köstlichkeiten satt und tranken und tranken, denn das Met schmecke ausgesprochen gut! Als es bereits dämmerte ließ Mercredias einen Schneider benachrichtigen, welcher den beiden neue frische Kleidung bringen lassen sollte und ein paar Minuten später waren Mimus und Kibu komplett neu eingekleidet. Kibu blickte erneut am heutigen Tage an sich hinunter. Sie trug eine bequeme dunkle Robe, eher schlicht, als verziert und weiblicher geschnitten, als jede Robe, die sie bisher getragen hatte, was sie sich etwas unwohl fühlen ließ, nicht, weil sie nicht die Maße dazu besaß, ganz im Gegenteil, sondern weil sie nicht wusste, was sie von einer solchen zur Schaustellung halten sollte. Ihr Haar war frisch gewaschen und fiel samtig weich ihre Schultern hinunter und ihr Gesicht schien nach der Pflege mindestens ebenso rein, wie das des Adeligen vor Ihr. Sie fühlte sich zu hübsch gemacht für einen schlichten Abend, doch Mimus und Mercredias schien es zu gefallen und so warf sie ihre Ängste ab und trank lieber noch einen Krug Met. Sie betrachtete Mimus, welcher nach seiner Wäsche ebenfalls wie ein Adeliger aussah, die braunen Haare waren feinsäuberlich zurück gebunden worden, auch wenn sie immer noch nicht ganz gehorchen wollten und in seinem Zopf wild durcheinander sprangen. Sein Gesicht war ebenfalls rein und er war nun in eine dunkelblaue Robe gehüllt, welche glatt an ihm hinunter fiel und ihn merkwürdig fremd erscheinen ließ. Kibu lächelte und fühlte sich immer wohler in ihrer Haut, was wohl nicht zuletzt daher kam, dass sie schon eine Menge getrunken hatte. Mercredias unterhielt sich angeregt mit ihr und erzählte ihr die Geschichte von Silbermond und seinem Volk, den Blutelfen. Mimus lauschte und summte leise vor sich hin. Der Abend hätte schöner nicht sein können, erst recht nicht, als Mercredias damit begann, Kibu einige versteckte Komplimente zu machen und sie von sich erzählen zu lassen. Mimus schien das nicht all zu gut zu gefallen, doch er schwieg lieber und summte leise seine Melodien weiter vor sich hin. Kibus Augenmerk wurde auf die Tür gelenkt als ein junger stattlicher Elf, scheinbar ebenfalls etwas angetrunken mit ein paar Damen durch die Tür gestolpert kam.
„Nun mal langsam mit den jungen Pferden, nicht so stürmisch, meine Lieben, Euer edler Ritter, muss sich nun ein wenig ausruhen." Auf diese Worte hin raunten alle der äußerst hübschen Elfen mitleidig, doch der hübsche Elf änderte nichts an seiner Meinung. „Ach kommt schon, ich werde Euch später Gesellschaft leisten, meine Hübschen. Geht schon an den Tresen, ich komme gleich nach." Und mit diesen Worten befreite er sich aus den Umarmungen und kam zu ihrem Tisch hinüber.
„Grüß dich, Mercredias, na wen hast du denn hier aufgetrieben?" Mit einem breiten Lächeln und einem gleich darauf folgenden Pfeifton blieb er vor Kibu stehen und verbeugte sich schwungvoll.
„Das ist Kibu Shadowrook und Ihr Begleiter Mimus. Sie sind heute in unserer Stadt eingetroffen." Mercredias deutete von Kibu zu Mimus und lächelte den fremden Elfen an.
„Ah, Kibu und Mimus also. Hoch erfreut!" Er verbeugte sich erneut sehr schwungvoll und tief. „Man nennt mich Salvenius, stets zu Euren Diensten. Und vor allem zu Euren, Mylady." Dabei betrachtete er Kibu sehr eindringlich, welche unter den Blicken errötete und weg sah. Mercredias lächelte.
„Beherrsche dich, Salvenius. Du willst unsere Gäste doch nicht vergraulen."
„Ganz im Gegenteil, Mercre." Salvenius ließ sich mit einem Satz lässig auf den Stuhl fallen und legte die Füße übereinander geschlagen auf den Tisch, goss sich ein Glas Met ein und leerte den Krug in einem Zug.
Der Abend verging und es wurde spät, Kibu merkte allmählich, wie die Müdigkeit Besitz von ihr ergriff und sie gähnte leise hinter vorgehaltener Hand. Mercredias sah zu Ihr und strich ihr über die freie Hand, welche auf dem Tisch ruhte. Kibu errötete.
„Nun, Mylady, es war sicher eine anstrengende Reise, so möchte ich Euch auf die Betten im ersten Stock unseres Hauses verweisen. Die werden angemessen sein, einer solch reizende Lady, wie Ihr es seid, den Schlaf zu schenken. Kibus leichte Röte glitt hinein in ein tiefes Rot.
„Ich…danke Euch, Mercredias, für alles, was Ihr für uns getan habt." Sie lächelte ihn an.
„Nicht doch, das habe ich gerne getan. Jeder ist Willkommen im Hause Andilien, solange er keinen Ärger macht, aber eine solch reizende Dame wie Ihr bringt ganz andere Reize mit ins Haus, als Ärgernisse." Kibu blieb die Sprache weg und sie zog ihre Hand sachte zurück. Mercredias lächelte.
„Sagt mir, was führt Euch überhaupt hier her?" Er betrachtete sie aufmerksam. Kibu, welche sich schon wieder in den Armen von Mercredias sah, wurde schmerzlich daran erinnert, weshalb sie eigentlich nach Silbermond gekommen war. Ihre Eltern, Maev, Rache. Sie seufzte.
„Nun ich…vor ein paar Tagen verlor ich meine Eltern durch die Schergen Illidans. Meine Schwester und ich…wir gingen im Streit auseinander, weil wir…", sie schwieg kurz und redete dann mit gepresster Stimme weiter. „…weil wir verschiedene Ansichten vertraten. Ich weiß nicht, wo sie jetzt ist, aber um ehrlich zu sein…es interessiert mich nach alledem auch nicht mehr." Bitter presste sie die Lippen aufeinander. Mercredias Lächeln war verflogen und er betrachtete die Schöne mitfühlend.
„Und, was genau erhofftet Ihr Euch, hier zu finden?" Aufmerksam studierte er Kibus Gesicht. Sie fackelte nicht lange.
„Nun ich benötige Unterweisung von einem Hexenmeister. Ich möchte meine Fähigkeiten erweitern und neue Magien erlernen, um mich irgendwann Illidan stellen zu können und meine Eltern zu rächen. Das bin ich ihnen schuldig! Selbst wenn ich bei der Suche sterben oder Illidan mich töten sollte…so habe ich es wenigstens versucht und bin für meine Eltern gestorben." Sie schwieg und neben Ihr regte sich Salvenius ein wenig. Mercredias gebot ihm zu schweigen und erhob die Stimme.
„Nun…viele sind durch seine Hand gestorben…durch Illidan Sturmgrimm. Viele Bekannte, viele Unbekannte, viele Feinde und viele Geliebte. Allein könnt Ihr Ihm nicht trotzen, doch mit Hilfe…" Er blickte sie vielsagend an. Kibu verstand nicht richtig.
„Ihr…wollt mir helfen?" Mercredias nickte.
„So wahr ich hier stehe. Wir werden Euch helfen, wenn die Zeit reif ist." Mimus blickte den Elfen neugierig an.
„Weshalb?" Salvenius stand auf.
„Das genügt! Wir helfen, das sollte Euch reichen." Mimus blickte von Mercredias zu Salvenius. Mercredias erhob sich ebenfalls und trat zu Salvenius, um ihm die Hand auf die Schulter zu legen.
„Mein Freund, setzt dich, sie haben ein Anrecht darauf, diese Frage zu stellen. Wir werden es ihnen erklären." Salvenius schien nicht sehr erfreut und doch ließ er sich auf seinen Stuhl zurück drücken und begann langsam zu erzählen.
„Vor einigen Jahren…kamen die Schergen Illidans auch zu uns, zu meiner Familie. Meine Eltern wurden ebenfalls getötet und mein Bruder…er schloss sich der Legion an, ich floh. Eine ganze Zeit lang wusste ich nicht, was aus ihm geworden ist, ich hatte Angst um ihn, ich betete jede Nacht, er möge von der Verderbnis und vom Tode verschont bleiben. Mein Bruder. Er war mir stets ein Vorbild, ein Leittier. Und er…ich begriff es erst später…er hat sich der Legion angeschlossen…nicht gezwungener Maßen, sondern freiwillig…freiwillig, kann man sich das vorstellen?" Er starrte leer auf seinen Teller, die Hand zur Faust geballt, eine Zornesfalte bedeckte seine Stirn. Kibu empfand Mitleid für den Elfen. Was würde sie tun, wenn Maev sich in der Zwischenzeit Illidan angeschlossen hätte? Sie fand keine Antwort darauf und lauschte weiter den Worten des Elfen und betrachtete ihn dabei genauer. Er war, wenn man ihn genauer ansah, recht hübsch. Seine Haare waren blond, allerdings mit einem Hauch von Rot darin und hingen mindestens genau so ungezähmt in seinem Zopf, wie die Haare von Mimus. Er trug ein rotes Hemd, welches drei Knöpfe offen ließ und etwas von seiner starken Brust entblößte. Seine Hände waren von dunklen Lederhandschuhen eingekleidet und aus dem gleichen Stoff waren auch Hose und Stiefel. Zwei lange Dolche baumelten an seinem Gürtel und um seinen Hals hing eine güldene Kette in sein halb geöffnetes Hemd hinein. Wäre es nicht eine so ernste Situation gewesen, wäre Kibus Herz wahrscheinlich höher geschlagen, wenn sie sich den Elfen in seiner lasziven Pose so ansah.
Er fuhr fort: „ Vor einiger Zeit traf ich ihn wieder…es …ging ihm gut, doch er war…er war nicht mehr mein Bruder…ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was genau er war. Zwar hatte er den Anblick meines Bruders, die Stimme und auch alles, was er sonst war, aber seine Seele…nein, das war nicht mein Bruder. Er hatte sich verkauft…verkauft an den Diener der Legion, Illidan. Auch mich wollte er bekehren, ich solle der Legion Untertan werden, doch ich rannte davon, ich konnte es nicht." Er brach ab. Nach einer kurzen Pause begann er erneut zu sprechen.
„Ich weiß nicht, ob ich kämpfen kann…an Eurer Seite meine ich." Salvenius blickte Kibu direkt in die hübschen Augen.
„Ich…kann nicht gegen ihn kämpfen, auch wenn ich…auch wenn ich es gerne tun würde, aber ich…ich würde ihn töten, das ist gewiss…und das…das kann ich nicht. Er war immer mein Vorbild und nun weiß ich…dass er sich der Legion angeschlossen hat… Wie lange habe ich gezweifelt, gezweifelt daran, ob ich ihm folgen sollte, doch ich…habe mich dagegen entschieden, weil ich wusste, dass er es einfach nicht freiwillig getan haben konnte…oder vielleicht doch?!" Er betrachtete sie immer noch.
Kibu schüttelte den Kopf. „Nein…nein, das hat er nicht, gewiss nicht. Illidan und die Legion verfügen über Mächte, die niemand von uns zu erlernen vermag und es auch niemals tun sollte. Sie beeinflussen Menschen, sie züchten sie zu Dienern heran. Euer Bruder hätte sich niemals, und ich meine niemals, freiwillig der Legion angeschlossen. Niemals. Wenn er doch Euer Vorbild war, so hätte er gewiss nicht gewollt, dass Ihr Ihm auf diesen Weg folgtet, aber er…er hatte nicht die Kraft dazu, er konnte der Macht nicht widerstehen, so wie Ihr es tatet. Wenn Ihr mit uns kommt, so könnt Ihr Euren Bruder vielleicht aus der Knechtschaft befreien. Helft uns und ich verspreche Euch, wir können Ihn befreien und wir werden Ihm kein Haar krümmen." Salvenius schüttelte heftig den Kopf.
„Nein, nein ich kann Euch nicht folgen. Das Herz würde mir zerspringen, wenn ich ihm begegnen würde. Und glaubt mir, er würde Euch angreifen, er hat auch mich…angegriffen und ich…wehrte mich nicht dagegen…beinahe wäre auch ich ihm gefolgt, das Risiko kann ich nicht eingehen…wenn wir…Illidan entgegentreten und er…greift uns an, dann…dann muss und werde ich ihn…umbringen…" Er schwieg betreten. Kibu ergriff seine Hand.
„Wir können Ihn retten. Wir werden Illidan töten und Euren Bruder durch seinen Tod erretten, seiner Macht entreißen. Aber Ihr müsst standhaft bleiben. Nun seid Ihr es, der die Rolle des Älteren übernehmen muss. Euer Bruder würde gewiss nicht wollen, dass Ihr Illidan beitretet. Ihr seid es nun, der stark ist und der für seinen Bruder zu sorgen hat, nicht länger Er, glaub mir. Eure Bruderliebe ist groß genug, um Ihn zu erretten. Ihr seid stark, Salvenius." Und mit diesen Worten blickte sie ihm tief in die Augen und er nickte zum ersten Mal an diesem Abend.
„Ich danke Euch, Kibu, Ihr seid wahrhaft eine Freundin. Gut, ich werde mit Euch kommen, sobald die Zeit reif dafür ist. Und ich werde meinen Bruder retten, mit Eurer Hilfe kann und werde ich alles schaffen. Aber ich…ich habe Angst davor, Kibu." Sie nickte.
„Angst ist normal…"
„Angst davor…", unterbrach er sie. „Angst davor Euch zu verlieren im Kampf, wie meinen Bruder. Solltet Ihr sterben, dann werde ich mir das niemals verzeihen. Schon alleine deshalb werde ich mitkommen und Euch beschützen! Denn Ihr seid eine wahre Freundin, Kibu Shadowrook." Kibu war erstaunt und begann zu lächeln.
„Ich danke Euch, Salvenius." Er nickte und schwieg.
Mercredias erhob sich. „Nun denn, es ist an der Zeit schlafen zu gehen, es ist bereits spät. Ich sollte mich nun meinen Pflichten zuwenden, entschuldigt mich. Auf bald, Kibu, Mimus." Er nickte den beiden zu und begab sich hinüber zu den bequemen Sofas.
Kibu dachte kurz nach und wandte sich dann an Salvenius. „Von welchen Pflichten hat er gesprochen?"
Salvenius lächelte matt. „Von Merdisare, wahrscheinlich. Sie ist seine Gefährtin."
Kibu zog die Luft ein. „Oh…" Salvenius nickte nur und schwieg weiterhin. Kibu bemerkte seinen traurigen Blick und erhob sich.
„Salvenius…wir bekommen das schon hin, alles wird gut werden. Wir haben Zeit, wir müssen erst einmal lernen und unsere Fähigkeiten erweitern. Dann wird sich alles ergeben. Verliert Eure Hoffnung nicht, denn sonst verliert Ihr ebenfalls Euer Herz." Sie lächelte und trat näher an ihn heran. Er blickte auf und traf ihren Blick. Kibu beugte sich leicht zu ihm hinüber und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange.
„Zweifelt nicht an Euch oder an Eurem Bruder, Ihr müsst die Haltung bewahren und mit ihr die Hoffnung. Wir kämpfen zusammen." Salvenius blickte sie verwundert an und…lächelte dann zum ersten Mal seit einigen Stunden wieder.
„Ja…ja Ihr habt Recht. Habt vielen Dank, Kibu, ich werde es Euch niemals vergessen! Schlaft wohl und erholt Euch gut! Wir werden uns wieder sehen." Und mit diesen Worten verbeugte er sich leicht und ging ebenfalls hinüber zu den bequemen Sofas. Mimus blickte Kibu ebenso erstaunt an, wie Salvenius es zuvor getan hatte. Kibu lächelte allerdings nur und zog ihn hoch von seinem Stuhl.
„Komm schon, wir sollten wirklich schlafen, mir scheint morgen wird ein anstrengender Tag." Mimus jedoch winkte lächelnd ab.
„Ich werde noch etwas hier bleiben und mit den beiden Herren sprechen. Ich werde dann nachkommen." Kibu nickte und machte sich, den Spindelgang hinauf gehend, auf in ihr weiches Bettchen, welches Mercredias ihr zurechtgemacht hatte und schlief lächelnd an, ihre Gedanken um drei Männer kreisend, welche sie lächelnd ansahen, ihr zuwinkten und Küsse zuwarfen…
