Kapitel 11

Maevs PoV

Die Stadt war einfach perfekt. Perfekt in jeglicher Hinsicht. Es gab viele Elfen, die sich nur um sich selbst kümmerten und tüchtig ihren eigenen Geschäften nachgingen. Es gab unglaublich viele Adelige, die sich einen feuchten Kehricht um Elfen scherten, die ärmer waren, als sie selbst und die einen Haufen Gold angesammelt hatten. Es gab prunkvolle Gebäude, denen ein oder mehrere Edelsteine nicht fehlen würden und es gab naive Elfen, die bereit waren, für ein paar Silbertaler alles auszuführen, was man wollte. Dazu kam, dass die Stadt so groß war, dass es Maev fast unmöglich erschien hier überhaupt jemanden wieder zu finden. Es gab unzählige Orte, die sich hervorragend als Versteck anboten und über der Stadt waren teilweise Baldachine von einem Gebäude zum nächsten gespannt, was die Arbeit für einen Schurken enorm erleichterte, worüber aber scheinbar in dieser Stadt noch nie jemand nachgedacht hatte, denn sonst gäbe es diese Fluchtwege wahrscheinlich überhaupt nicht. Dafür wurden die Möglichkeiten durch die vielen Wachposten und Arkanitwächter eingegrenzt. An jedem Tor und um jede Ecke befanden sich Wächter und Maev zweifelte langsam daran, dass sie hier überhaupt, trotz all den vielen guten Angeboten und Möglichkeiten, einen Gewinn erzielen konnte. Doch das würde sich schon zeigen, wenn sie endlich an die Arbeit gehen konnte. Vorher musste sie allerdings erst einmal herausfinden, an wen sie sich in solch einer Stadt als Schurke überhaupt wenden konnte. Es musste auch in solch einer bewachten und zivilisierten Metropole einen Teil geben, der sofort ins Auge sprang, als der Sündenpfuhl von Silbermond, in welchem zwielichtige Geschäfte abgeschlossen und eine Menge Hinterhalte geplant wurden. Doch der erste Abend brachte Maev kein Ergebnis und so blieb sie vorerst allein mit ihrer Hoffnung auf ein kleines Delikt und dem Schmerz des zuvor Geschehenen. Es wurde langsam dunkel in Silbermond und Maev beschloss nun, wo die Schatten sich über die Stadt legten, die Augen weiter nach Hinweisen offen zu halten, die sie vielleicht zu jemandem weisen würden, der ihr weiterhelfen konnte. Eigentlich müsste Taleb ihr auch schon längst ein Zeichen gegeben haben, denn das Schreiben von Mimus ruhte immer noch in ihrem Rucksack. Maev schmerzte der Gedanke an das Schreiben und somit an Mimus sehr, doch sie verdrängte ihn und konzentrierte sich weiter auf ihre Suche. Die Dunkelheit wurde durch all den Glanz der Juwelen und des Goldes fast zur Hälfte verdrängt, ganz und gar nicht positiv für die Schurkin. Sie blickte sich um. Eigentlich gefiel ihr die Stadt. Die edlen Rottöne bildeten zusammen mit dem warmen Orange der Bäume eine Einheit und tauchten die gesamte Umgebung in ein seidiges Bad voll Wärme, Zuneigung und Geborgenheit. Bei Nacht war der Anblick fast noch schöner, das empfand zumindest Maev so, denn sogar die Dunkelheit wirkte hier nicht bedrohlich, sondern warm und umhüllend, nicht aber aufgezwängt oder gar kalt. Überall erstrahlten Lichter, sobald es zu dämmern begann, jedoch nicht grell, sondern angenehm behaglich und nicht sehr groß, eher klein und versteckt. Es schien, als würden ganze Gruppen von Glühwürmchen um diese Zeit über Silbermond hinweg gleiten, die zwar Licht spendeten, aber die Stadt nicht mit Helle durchfluteten. Viele der weinroten Fenster wurden nun von innen beleuchtet und gaben ein angenehme rötliches Licht nach außen ab, was die Stadt in noch mehr Geheimnisse hüllte, als sie bisweilen sowieso schon besaß. Maev genoss die Stille, die nun auf den Straßen herrschte. Das rege Treiben war mit einem Mal versiegt, hier und da ging ein Elf über die Straße, saß ein Pärchen im Mondlicht auf einer der zahlreichen Bänke im Schatten eines Baumes, doch das störte Maev nicht, denn so wusste man wenigstens, dass in dieser unvorstellbar großen und plötzlich so leeren Stadt noch jemand lebte und man nicht völlig alleine an einem solch pompösen Ort war. Sie streifte weiter und weiter, als sie plötzlich in einen Teil der Stadt kam, in dem es dunkler zu sein schien, als in all den anderen Abschnitten. Sie blickte sich um. Eigentlich war nichts wirklich anders, ihr fiel nur auf, dass über den Dächern so gut wie überall Baldachine und Tücher gespannt waren und dass hier einige Laternen weniger standen, als überall sonst. Ihr Blick schweifte über einen Eingang, ebenfalls überspannt von einem Baldachin, neben dem ein betrunkener Blutelf in der Ecke kauerte, teils schlafend, teils vor sich her lallend. Ihre Augen blieben nur kurz auf ihm ruhen, ehe sie die breite Auffahrt zu ihrer linken erklommen. Was mochte wohl dort oben liegen? Nicht lange zögernd zog es Maev nach oben und sie bekam einen einzigartigen Ausblick auf den großen Springbrunnen geliefert, welcher vor einem Turm gebaut worden war, der wohl das Zentrum der Stadt sein musste. Er war einfach bombastisch groß und so prunkvoll, dass Maev ihn am liebsten gleich eingesteckt hätte. Sie lächelte.

„Diesem Turm sollte ich bei Gelegenheit einen Besuch abstatten…"

Als sie sich eines Knackens neben sich gewahr, blickte sie sich um und konnte einen Blick auf einen schwarzhaarigen Elfen erhaschen, welcher jedoch sofort wieder verschwunden war, ehe Maev wirklich begreifen konnte, dass sie ihn wahrhaftig gesehen hatte. Sie spähte in die Dunkelheit, doch konnte niemanden erblicken, der Elf war verschwunden.

„Seltsam…" Murmelte sie und ihr ging das Gesicht, oder zumindest das, was sie davon wahrgenommen hatte, nicht mehr aus dem Kopf. Erst ein paar Minuten später begriff sie, wo sie geglaubt hatte, den Elfen zu sehen, nämlich vor einem recht interessanten Gebäude. Es besaß keine Türen oder Tore, sondern nur Säulen, zwischen denen ein paar seidene Tücher hingen, um den Blick nach innen zu verschleiern. Maevs Aufmerksamkeit war geweckt und sie wagte sich neugierig näher heran. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und zog einen der blauen Vorhänge einen Spalt breit zurück, um ins Innere hinein spähen zu können. Was sie sah faszinierte sie: Überall waren Übungspuppen und kleine Schließkassetten aufgestellt worden, in der rechten Hälfte des Raumes waren einige Regale mit Reagenzien platziert, daneben zwei Tische mit Büchern und ein paar äußerst bequem aussehende Sofas und Sessel. Im linken Teil des Raumes dagegen lagen Strohmatten auf dem Boden und ein paar Elfen standen darauf, welche immer wieder einige akrobatische Übungen vollführten. Die Puppen und Zielscheiben in der Mitte wurden zum Training mit zwei Dolchen, ein Dolch in jeder Hand, genutzt und ebenfalls für Wurfübungen mit kleinen spitzen Wurfdolchen. Erst kurze Zeit später realisierte Maev, dass an der Decke einige Seile befestigt waren, an welchen Elfen trainierten zu klettern und sich lautlos abzuseilen. Viele erschienen auch einfach so aus dem Nichts und verschwanden genauso lautlos, wie sie gekommen waren. Maev spürte Neugierde und gleichzeitig die reinste Freude. Das waren Leute ihresgleichen. Schurken, Diebe, Tagelöhner, vielleicht sogar Assassinen. Allerdings zweifelte sie daran, dass man sie einfach so unterweisen würde, wenn sie mal eben hineinspazierte und sich vorstellte. Ihr Auftreten musste etwas besonderes sein, sonst hätte sie wahrscheinlich sofort einen Dolch im Rücken stecken, denn diese Elfen waren ziemlich talentiert, was den Hinterhalt anging. Sie spähte weiter hinein, scheinbar auf der Suche nach etwas. Und sie fand, was sie suchte. Der Elf, auf dem ihr Blick haften blieb war zwar genauso groß und schlank, wie all die anderen, allerdings trainierte er nicht. Er stand in der rechten Hälfte des Raumes, die Arme verschränkt und blickte finster auf die Anwesenden Elfen, seine Rüstung wirkte ziemlich stabil und viel besser geschneidert, als die der anderen Elfen. Maev wusste, was sie zu tun hatte.

Sie tauchte in die Schatten ein, wenn diese Elfen das konnten, dann konnte sie es erst recht. Insgeheim grinste sie bei dem Gedanken, den Anführer dieser Bruderschaft zu überwältigen, aber sie ließ schnell davon ab, denn sie hatte sich nun zu konzentrieren. Vor Ihr trainierten schließlich zahlreiche Elfen ihr Handwerk. Also schlich sie leise und gebückt in Richtung Seil. Unterwegs musste sie sich irgendwie einen Weg durch die kämpfenden Elfen bahnen, die mit den Strohpuppen und den Schließkassetten beschäftigt waren, doch nach anfänglichen Schwierigkeiten verlief alles ganz nach Plan. Maev stupste hier und da einen der Schüler an, welcher den Halt verlor und rücklings auf der Nase landete, sich verwundert umschaute, welcher seiner Kollegen ihm wohl solch einen Streich gespielt hatte. Einer ließ den Dolch fallen, ein anderer war schockiert, dass die Strohpuppe plötzlich zurück schlug oder dass sein Wurfdolch im Nichts verschwand. Maev rieb sich grinsend die Hände. Ja, so mochte sie es, das war ein nettes Spiel. Sie gelangte an die hauchdünnen Seile, welche über die Decke gespannt waren und war mit einem flinken Satz auch schon dort angelangt, wo sie sich ganz elegant kopfüber an das Seil hing, den Dolch zwischen den Zähnen, Hände und Füße um das Seil gelegt. Vorsichtig und anmutig wie eine Katze bewegte sie sich vorwärts, wich dabei, sich an der Decke festklammernd, ein paar der ungeschickten Schüler aus, welche, ganz zufällig, mit einem harten Aufprall auf dem Boden unter ihr landeten und sich den Kopf rieben. Unter sich konnte sie nun den Meister erblicken, welcher immer noch die Arme verschränkt hatte und seine Schüler kopfschüttelnd betrachtete. Sie grinste und ließ die Hände los, hing nun, wie eine Fledermaus kopfüber vom Seil herunter. Langsam begann sie zu schaukeln und ließ los…landete fast lautlos auf ihren Füßen und nahm den kleinen Wurfdolch zurück in ihre Hand. Leise schlich sie sich von hinten an den Lehrer heran, tauchte aus den Schatten heraus auf und hielt ihm den Dolch an die Kehle.

„Seid mir gegrüßt, ehrwürdiger Lehrmeister." Sie grinste leicht und drehte den stattlichen Elfen zu sich herum. Er blieb ernst, schwieg und betrachtete sie aufmerksam. Maev ihrerseits erwiderte den Blick und wartete, den Dolch immer noch an seiner Kehle, die Hand, die ihn führte, völlig ruhig. Minuten vergingen, in denen die Schüler begriffen, was auf ihrem Terrain überhaupt geschah. Alles schwieg, ein paar legten ihre Dolche an und verschwanden in die Schatten, um Maev daran zu hindern ihn zu erdolchen, doch der Meister brachte sie mit einer Handbewegung zum stoppen. Sein Blick ruhte immer noch auf Maev. Nach unendlich langen Minuten begann er erst langsam, dann schneller zu klatschen und ein Lächeln tauchte auf seinem Gesicht auf. Maev senkte die Hand mit dem Dolch und steckte ihn weg.

„Sehr gut, gar nicht mal so übel, meine Dame." Seine Hände rutschten wieder zu ihrem gewohnten Platz auf den, vor der Brust verschränkten, Armen. Er nickte anerkennend. „Das war wirklich gut. Ich habe zwar von Anfang an gewusst, dass du hier bist, schon seit du den Vorhang angehoben hast, aber du hast dich wirklich geschickt angestellt, denn niemand von meinen Schülern hat deine Anwesenheit bemerkt. Du hast Talent…" Er warf einen strengen Blick in die Runde, unter welchem die meisten seiner Schüler den Blick senkten und sich wütend, wütend darüber, dass Maev sie derart an der Nase herum geführt hatte, zurück an die Arbeit machten, um noch härter zu trainieren, als sie es bisweilen getan hatten.

„Wie lautet dein Name, junge Elfe?" Fragte er interessiert und nahm sie zur Seite zu den bequemen Sesseln.

Maev lächelte. „Maev Shadowrook, Herr." Er winkte ab.

„Nenn mich nicht Herr, ich bin zwar hier der Lehrmeister aber sie rufen mich schlicht und einfach Nerisen und so solltest du es auch tun." Sie nickte. Das Gespräch verlief gut und Maev und ihr neuer Lehrmeister verstanden sich von Anfang an sehr gut. Sie wurde von ihm herumgeführt und allen vorgestellt, erntete jedoch nur neidische, ja sogar hasserfüllte Blicke. Maev jedoch machte sich nichts daraus, da dies nur bestätigte, wie gut sie wirklich war und dass sie jedem hier locker das Wasser reichen konnte. Nerisen hieß sie im Sanktum der Schurken herzlich Willkommen und war auch gleich damit einverstanden, dass Maev hier ihre neuen Fähigkeiten erarbeiten konnte und auch sollte. Er wies ihr einen Platz zum Schlafen und ebenfalls ihre neue Ausrüstung zu, zu welcher unter anderem ein paar der spitzesten Wurfdolche gehörten, die Maev jemals gesehen hatte, eine leichte Schwarzlederrüstung, einige Dietriche und neue, äußerst fein gearbeitete Kletterhandschuhe. Maev bedankte sich mit einem Lächeln und teilte Nerisen mit, dass sie sich noch ein wenig in der Stadt umschauen würde. Er tat es mit einem Nicken ab und gleich darauf war Maev auch schon verschwunden und zwar in die Taverne unter dem Sanktum, welche den Namen ‚Des Schattens Klinge' besaß. Der betrunkene Elf lag immer noch davor, jetzt allerdings tief schlafend und Maev schritt mit einem Grinsen an ihm vorbei. Die Taverne musste ja einiges zu bieten haben, was ziemlich wirksam war, wenn sie sich diesen jungen Elfen so ansah. Sie blickte sich um. Das Innere der Taverne sah heruntergekommen aus, auch wenn die goldenen Schnörkeleien und die roten Übermalungen neben den blauen Vorhängen versuchten, die Spuren des Verfalls zu übertünchen. Überall waren schmale Sofas und Sessel aufgestellt worden, wie man sie überall in Silbermond finden konnte, in der Mitte des ovalen Raumes standen zwei große Holztische, fein gedrechselt aus Kirschbaumholz und überhäuft mit ausländischen Köstlichkeiten und Geschirr. Ein Ofen war gleich neben der Gastwirtin aufgestellt worden, welche den Eindruck einer pausbäckigen Dirne machte, da sie ziemlich offenherzig die Gäste der Taverne anstarrte und den Herren dezente Blicke zuwarf. Zu ihrer Linken stand ein schlanker Elf mit kurzem braunen Haar, welcher den Anwesenden immer wieder nachschenkte und ihnen, je länger der Abend für sie wurde, immer teurere alkoholische Getränke verkaufte. So lief sein Geschäft. Maev grinste breit, ja so hatte sie sich eine richtige Taverne schon immer vorgestellt. Zu den Gästen gehörten nicht ausschließlich nur Elfen, sondern ebenfalls Orcs, Trolle und Untote, die meisten gekleidet in Stoff oder Leder, was Maev vermuten ließ, dass sie entweder Diebe, Auftragsmörder oder sonstige Tagelöhner waren, die nie im Leben den ehrlichen Geschäften in Silbermond nachgingen. Es herrschte eine dröhnende Lautstärke im Inneren, was wohl daher kam, dass alle vergnügt grölten und lachten, einige Wenige in Schlägereien vertieft waren und die meisten einige laute Tavernenlieder angestimmt hatten. Die wenigen Frauen, die Maev erblickte waren höchstwahrscheinlich Dirnen, denn sie trugen sehr offenherzige Kleidung, teilweise sogar einen Hauch von Nichts und saßen verführerisch lächelnd auf den Schößen einiger männlicher Anwesender oder vergnügten sich bereits in den wenigen Ecken mit zwei oder drei des stinkenden Haufens. Maev trat zu dem braunhaarigen Elfen und bestellte sich eine Flasche Pinot Noir, die sie gleich mit ein paar Kupfertalern bezahlte und in ihrem Lederbeutel verstaute. Nach einer ganzen Weile, die Maev damit verbracht hatte, dem regen Treiben zuzuschauen, verließ sie die Taverne wieder, denn so ganz geheuer war es ihr in dieser Absteige dann doch wieder nicht, wie nun einige Trolle damit begonnen hatten, sie in ihrem Suff ganz besonders zu mustern und ihr Küsse zuzuhauchen. Die hübsche Elfe war zwar nicht schüchtern, aber so tief wollte selbst sie nicht sinken müssen, um ein anständiges Glas Wein trinken zu können. So machte sie sich wieder auf den Weg, die Stadt zu erkunden, jetzt wo sie endlich wusste, welcher Teil in Silbermond der Sündenpfuhl war.

Einige Abzweigungen weiter fand sich die junge Schurkin plötzlich auf einem großen, mit rotem Beryll gepflasterten, Platz wieder, in dessen Mitte ein rundes Gebäude errichtet worden war, welches als Auktionshaus diente und um diese Uhrzeit zum Glück nicht mehr all zu überfüllt war. Rund herum waren Bänke aufgestellt und ein großer Springbrunnen vor einem Eingang errichtet worden, der ins Innere eines Gasthauses führte, welches bei genauerem Hinsehen ziemlich edel aussah und wohl einen hohen Standart erreichte. Maev konnte auf dem Platz außerdem die Bank ausfindig machen, einige Rüstungs- und Waffenschmiede und ein paar vereinzelte Wagen, vor denen Händler bei Tag wohl ihre Waren anpriesen. Sie näherte sich dem Gasthaus und betrachtete das Schild, auf welchem eine verschnörkelte, altmodische Schrift den Namen ‚Wanderers Ruh' ausrief. Einige Elfen, allem Anschein nach Adelige, gingen gerade hinein und musterten Maev nur mit einem arroganten Lächeln auf den Lippen, begannen kurz darauf hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln. Die Elfe jedoch interessierte das nicht sonderlich und sie folgte den Herrschaften einfach mit hinein. Der Innenraum war etwas anders aufgebaut, als in der Taverne in der ‚Mördergasse', in welcher sich Maev zuvor wieder gefunden hatte. Zwar ähnelte der Raum dem der anderen Spielunke, doch herrschten hier Sauberkeit, Prunk und Glanz vor, nicht Dreck, Verfall oder gar Zeichen des Gebrauchs. Die Wände waren rein und die Verzierungen an eben diesen dienten hier nicht als Ablenkung vom Schmutz, sondern einfach als Eleganz und pure zur Schaustellung des Reichtums der Inhaber. Maev trat ein und blickte sich um. Genau wie in dem anderen Gebäude fanden sich in der Mitte des Raumes zwei Tische wieder, allerdings nicht mit irgendwelchem Gesinde daran speisend, sondern nur mit wenigen, ausgewählten Elfen, die hervorragende Manieren mit brachten. Blickte man durch die beiden Torbögen dahinter, konnte man Sofas und Kissen erkennen, die als Entspannungsbereich nach dem Mal dienten, kleine, aus Kirschbaumholz angefertigte, Tische standen dazwischen und trugen bauchige Wasserpfeifen mit den süßesten Tabaksorten, die man sich wohl vorstellen konnte. Ein paar reich behangene und in edle Gewänder gehüllte Elfen hatten es sich hier bequem gemacht und schmauchten genüsslich ihre Pfeifen, während einige Bedienstete zwischen ihnen umherstreiften und kühle Getränke ausschenkten. Gleich daneben entdeckte Maev den Tresen, hinter welchem jedoch nichts und niemand zu finden war, außer einige Fässer und Regale mit Gläsern und Kelchen. Wahrscheinlich waren die wenigen Bediensteten nicht nur für die Gäste im vorderen Teil, sondern für gleich alle im Haus zuständig. Maev ging hinüber zur Theke und schnappte sich kurzerhand einen der dort aufgereihten Metkrüge, nippte daran. Hier war es, im Gegensatz zu der Absteige in der ‚Mördergasse' eher gemütlich und sittlich, auch wenn Maev das Gefühl nicht loswurde, dass es auch hier ein Eckchen geben musste, in welchem die Adeligen illegalen Geschäften nachgingen. Dieser Ort war wohlmöglich im oberen Geschoss, wo sich ein paar Zimmer und federnde Betten, sowie eine Küche, wieder fanden. Bei genauerem Betrachten der Tische erkannte Maev kein bekanntest Gesicht, wie sollte sie auch, und so drehte sie sich um, um wieder hinaus zu gehen, als sie hinter sich freudiges Gelächter auffing. Sie drehte sich um und blickte direkt in ein paar dunkelgrüne Augen, die sie fassungslos anstarrten. Maevs Herz blieb für den Bruchteil einer Sekunde stehen und ihre Augen weiteten sich, der gerade zuvor erbeutete Krug Met fiel ihr aus der Hand und blieb mit einem lauten Scheppern auf dem Boden liegen, während sich der Inhalt über den schönen Teppich ergoss…Maev schluckte. Dieses paar Augen gehörte niemand anderem als…Mimus.

„Was tust du hier?" Fragte der hoch gewachsene Elf mit einem Anflug von Unglaube und Zorn in seiner Stimme und erhob sich langsam. Maev brachte keinen Ton heraus. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben, nicht an Mimus denken zu müssen und kaum war es ihr gelungen, traf sie ihn dort an, wo sie ihn am wenigsten vermutet hätte, zumindest um diese Uhrzeit.

„Ich…" Sie musste ihren gefühlskalten Tonfall beibehalten, sonst könnte sie gleich einpacken und so räusperte sie sich kurz und fing sich schnell wieder. „Ich möchte hier etwas trinken, das wird ja wohl noch erlaubt sein." Mimus' Blick verdüsterte sich.

„Nach allem, was du angerichtet hast, wohl kaum…zumindest nicht mit mir in einem Raum!" Er trat einen Schritt auf sie zu, scheinbar hin und her gerissen, ob er sie nun hinauswerfen oder auf der Stelle umbringen sollte. Maev zuckte nur mit den Schultern.

„Denkst du vielleicht, mich interessiert, ob du mir erlaubst hier zu sein oder nicht? Wohl eher weniger. Vor allen Dingen deshalb nicht, weil das hier wohl kaum deine Taverne ist, nicht wahr?!" Sie grinste selbstgefällig und hob den Krug Met vom Boden auf. „Das hier sollte sich jemand ansehen!" Rief sie laut in Richtung Tresen, wo auch gleich eine Bedienstete erschien und ein nasses Tuch brachte, um das Met vom Boden aufzuwischen. Mimus schnaubte.

„Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein, oder?!" Er betrachtete die Elfe fassungslos. Sie schien völlig ahnungslos.

„Was denn?" Mimus schüttelte wütend den Kopf.

„Das du die Dreistigkeit und die Dummheit besitzt dich, nach allem, was du getan hast, hier in Silbermond blicken zu lassen…eigentlich sogar die Frechheit nur einen Fuß in diese Stadt zu setzen." Er tat einen weiteren Schritt in ihre Richtung, sie blieb mit erhobenem Kopf stehen, wand den Blick nicht ab.

„Warum, Maev?" Er warf ihr einen Blick zu, der nur schwer auszusagen vermochte, was in diesem Augenblick in dem Elfen vorging. War es Hass, Schmerz, Enttäuschung, Liebe? War es überhaupt etwas davon, oder alles zusammen? Maev konnte es nicht sagen, aber es ließ für den Bruchteil einer Sekunde ihre harte Schale bersten…

„Ich…" Die hübsche Elfe öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder, um ihn erneut zu öffnen, doch die Worte blieben ihr versagt. Mimus stand da und beobachtete sie aufmerksam, schnaubte dann und schüttelte langsam den Kopf. Einer seiner Mundwinkel zog sich bedauernd nach oben.

„Du musst noch viel lernen…Maev." Das waren die Worte, die Maev wieder zu sich kommen ließen, die schützende Hülle war wieder da, ihr Verstand so messerscharf, wie zuvor.

„Pah! Denkst du wirklich, ich hätte auch nur eine Sekunde mit dir verbracht, ohne dabei an das Schreiben zu denken? Denkst du wirklich, ich hätte dich auch nur angeschaut, wenn ich nicht jede Sekunde gewusst hätte, dass du es besitzt? Du bist so naiv! Aber gerade das war es, was es für mich so einfach machte." Den Höhepunkt erreichte Maev damit, dass sie Mimus abfällig musterte und das Schreiben aus ihrem Beutel hervorholte, es ihm auf dem Präsentierteller servierte. Und plötzlich geschah es…Mimus zerbrach förmlich vor ihren Augen, er taumelte einen Schritt zurück, fing sich wieder, doch sein Blick verriet genau das, was Maev innerlich erzittern ließ. Unglaublichen Schmerz. Tiefste Trauer. Bittere Enttäuschung. Närrische Liebe. Maev biss sich auf die Zunge. Sie war zu weit gegangen, ohne es auch nur annähernd zu wollen. Im Hintergrund regte sch etwas und einer der Elfen auf den Kissen erhob sich.

„Das genügt! Wer seid Ihr, dass Ihr Euch derartiger Frechheiten erdreistet?" Sein Haar war feuerrot und seine Augen von tiefstem Grün. Maev wollte antworten, doch Mimus schnitt ihr das Wort ab, ohne den Blick von ihr zu lösen.

„Das ist Maev…meine…eine…Bekannte." Er schluckte. Maev wusste, dass Mimus eigentlich etwas völlig anderes hatte sagen wollen, doch die Situation ließ es nicht mehr zu, nichts sprach mehr dafür. So nickte sie nur. Der fremde Elf betrachtete sie aufmerksam und nickte dann ebenfalls.

„Gut, wenn Ihr meint…doch sprechen ‚Bekannte' wohl kaum in einem solchen Ton miteinander, nicht wahr?" Er warf Mimus einen fragenden und gleichzeitig fordernden Blick zu. Er seufzte und klärte die Situation auf.

„Das da ist Maev…meine einstige Gefährtin. Sie war es vor kurzem noch und wäre es auch jetzt noch, hätte sie nicht das getan, was sie eben tat… sie bestahl mich, nahm mir mein Leben." Nach einem kurzen Schweigen ergänzte er: „Und mein Herz…" Maev blickte zu Boden. Mimus fuhr fort.

„Wir lernten uns in Morgenluft kennen, einem kleinen Dorf, nicht sehr weit von hier. Die Zeit hätte besser nicht gewählt sein können und so lernten wir uns näher kennen. Ich dachte es wäre für länger… vielleicht auf ewig…doch sie hat mich, wie Ihr gerade erfahren durftet, nur ausgenutzt." Er warf Maev einen abschätzigen Blick zu und löste ihn nicht. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen. Der Elf sah zwischen den beiden hin und her, als wüsste er nicht recht, was er von der ganzen Sache halten sollte. Maev erhob das Wort.

„Wie schon gesagt…ich hatte alles von Anfang an geplant. Du warst einfach nur töricht, genauso wie ich, als ich dir dein jämmerliches Leben rettete." Sie fixierte Mimus mit ihren blauen, ernsten Katzenaugen. Er legte den Kopf schief, konnte jedoch nichts erwidern, weil der rothaarige Elf ihm das Wort abschnitt.

„Ihr seid hier nicht länger Willkommen, junge Dame. Wie alt seid Ihr überhaupt? Seht Euch an, Ihr seid ja fast noch ein Kind…und ein trotziges noch dazu." Maevs Blick verdüsterte sich.

„Ich bin weiß Gott kein Kind mehr. Mein Haupt zählen 19 Winter, bald schon werden es 20 sein. Ihr seht, Ihr habt es hier mit einer Dame zu tun, nicht mit einem Kind." Jemand lachte leise. Maev warf der Person einen wütenden Blick zu. Der Elf stand auf und gesellte sich zu dem Rothaarigen. Er wirkte kühn und forsch, keinem Abendteuer abgeneigt. Seine Augen blitzten neugierig.

„Ihr schimpft Euch eine Dame? Ich sehe hier keine Dame, da ist Mimus hier wohl eher eine in seinem Gewand als ihr." Er lachte und Maev presste wütend die Lippen aufeinander, als sie sah, dass Mimus ebenfalls zu schmunzeln begonnen hatte. Der blonde Elf machte eine überschwängliche Verbeugung.

„Salvenius, mein Name." Dann deutete er mit einer Handbewegung auf den anderen Elfen. „Und das hier ist mein Freund Mercredias." Er blieb stumm und musterte Maev nur weiterhin aufmerksam.

„Mimus kennt Ihr ja bereits, wie ich wohl mit anhören durfte. Da er allerdings ein Freund des Hauses Andilien ist und Ihr nicht." Er grübelte theatralisch und ergänzte dann. „Und da es einem Kind um diese Uhrzeit wahrscheinlich auch gar nicht mehr gestattet sein dürfte, eine Taverne zu betreten…" Mimus lachte leise. „Dürfte ich Euch wohl bitten zu gehen, schönes Kind." Mercredias nickte nur. Maev bebte vor Wut. Sie, ein Kind?

„Ihr dürft mich bitten, mein Herr, aber ich weiß nicht, ob ich dieser Bitte nachkommen werde." Salvenius schien verdutzt.

„Hört hört, sie ist ganz schön wortgewandt. Steckt denn hinter diesen Worten auch etwas mehr oder muss ich, wie so oft, davon ausgehen, dass es leeres Geschwätz ist?" Maev verschränkte die Arme vor der Brust und grinste.

„Ihr könnt es ja herausfinden, mein Herr." Salvenius musterte sie aufmerksam von oben bis unten, blieb dabei zunächst an ihren Hüften, dann auf einer diversen anderen Stelle hängen…

„Doch ich denke, ich werde Ihr nachkommen, da ich mich für ein solch jungenhaftes Verhalten, wie Ihr es an den Tag legt, zu reif fühle, um noch länger an einem solchen Ort zu verweilen." Mercredias zog eine Braue hoch, Salvenius blieb der Mund offen stehen, Mimus blieb ernst. Maev ihrerseits verbeugte sich schwungvoll und sehr tief vor den beiden Elfen.

„Meine Herren, ich hoffe, wir werden uns wieder sehen…Mimus." Mimus widmete sie noch nicht einmal einen kurzen Blick, drehte sich um und verließ das Gasthaus, nicht ohne dabei die Bedienstete anzustoßen, die damit beschäftigt war, Maevs verschüttetes Met aufzuwischen. Hinter sich konnte sie gerade noch so die Worte Mimus' aufschnappten:

„Sie rettete Euch das Leben?"

„Ja…das tat sie…"

„Und das ist also…?"

„Ja…das ist Maev…" Sie verließ das Gasthaus und trat hinaus in die dunkle Nacht, die nur von ein paar Manalampions erleuchtet wurde und die Stadt in ein tristes, einsames Licht hüllte…