Kapitel 14
Kibus PoV
Nach dem seltsamen Treffen mit dem schwarzhaarigen Blutelfen machte Kibu sich unverzüglich auf den Weg, Mimus zu suchen. Wo sie allerdings mit ihrer Suche beginnen sollte, das wusste die hübsche Nekromantin nicht und so irrte sie ziellos durch die Gegend bis sie, völlig in Gedanken versunken, am Sanktum der Hexenmeister ankam. Erst als sie direkt davor zu Stehen kam wurde ihr mit plötzlicher Sicherheit bewusst, wo sie ihre Gedanken überhaupt hingeleitet hatten. Das Sanktum lag im zwielichtigsten Teil Silbermond – in der Mördergasse. Düsternis und Schatten herrschten hier und das wenige Bisschen Licht, welches die Gasse nur schwach erleuchtete, wurde durch ein paar vereinzelte Fackeln und matte, blauflimmernde Straßenlaternen erzeugt, was die kleine Straße allerdings eher noch mehr in Zwielicht hüllte, als in Helligkeit. Noch nicht einmal das Innere der Gebäude strahlte Wärme oder Lebenskraft aus, vielmehr schien man durch die dort herrschende Dunkelheit in die Finsternis hinein gesogen zu werden, hinein in das Nichts, welches durchaus eine Gewisse Kraft besaß, allerdings keine lebendige…
Kibu schluckte. Ein viel zu düsterer Ort für das sonst so edelmütigen und lebensfrohen Silbermond. Sie spürte starkes Unbehagen als sich dem großen Gebäude näherte, an welchem purpurviolette Vorhänge gespannt und gerafft waren, die zwar aus einer Art durchsichtiger Seide gesponnen zu sein schienen, nichts desto trotz den Blick des Betrachters ins Innere des Sanktums nicht nur verschleierten, sondern sogar gänzlich versagten. Es war ein einfach gewebter Manawebramen, der ungebetenen Gästen somit den Zutritt und ebenso jegliches Teilhaben am internen Treiben verwehrte, doch Kibu wollte ins Innere. Sie war bereit den Weg als Schwarzmagierin und Nekromantin zu beschreiten und sie war bereit das Sanktum ein erstes Mal zu betreten. Der kleine Stern an der Kette um ihren Hals begann in einem unheimlich dunklen Nebel zu glimmen und zu glühen, erhob sich langsam von Kibus wohlgeformten Hals in die Höhe und kam auf unmittelbarer Augenhöhe einfach in der Luft zum Stehen. Die Elfe trat näher an die seidigen Vorhänge heran und erkannte plötzlich die Runen, die hier zusammengewebt worden waren und den komplexen Runenteppich, den sie bildeten und welcher von Unwissenden nur hätte als ‚Seide' erkannt werden können. Es war kein Glanz, kein Stoff, der da schimmerte, nein, das was Kibu zunächst als ein charakteristisches Merkmal gewöhnlicher Seidenvorhänge ausgemacht hatte waren Schriftzeichen, Runen, die sich in immer fortlaufenden Fäden und Strängen erneuerten und in die Länge zogen, somit neu aufglühten und wie eine Matrix vor dem Eingang aufflimmerten und flackerten. Sie stoppte so dicht davor, dass der Teppich unter der Berührung ihres heißen Atems aufglühte… Der Stern flackerte wie elektrisiert, verschmolz mit den lodernden Symbolen und zog Kibu mit hinein in die Schwärze, die dahinter herrschte. Und für einen Moment, die Sekunde eines Herzschlages, nicht mehr als ein Atemzug, stand die Welt still. Doch dieser Augenblick verzerrte sich, schmolz, wie Eis unter heißer Wüstensonne, floss dahin, wie der Lauf des Wassers und zog Kibu mit sich, unfähig, jemals wieder still zu stehen. Kibu schien festzustecken…in der Zeit. Sie wollte zurück ins Hier und Jetzt…aber…gab es überhaupt ein ‚Hier und Jetzt'? Hatte dieses ‚Hier und Jetzt' eigentlich eine Bedeutung? War Das nicht trotz alledem immer noch das ‚Hier und Jetzt'? Vor Kibus Augen begann sich die Dunkelheit zu lichten und das Innere des Sanktums zu materialisieren. Eine schmale Wendeltreppe bildete sich plötzlich unter ihren Füßen und um sie herum nahm Raum Gestalt an. Die kleine Treppe ohne Stufen lief unter ihren Füßen weiter, wurde mit jedem Schritt länger und länger. Bis sie sich plötzlich in der Finsternis verlor und Kibu erneut ins Nichts leitete. Sie blickte sich um. Wie bereits die Treppe zuvor schien sich nun der ‚Boden' unter ihren Füßen neu zu bilden. Wie die Steine eines Mosaiks flossen Teile zusammen, bildeten sich neue Formen und Farben, wurde eine Räumlichkeit erschaffen, dann ein grobes Bild, noch mehr Farben, ein Raum. Und mit dem letzten Stein, wie das letzte Teil eines Puzzles ein fertiges Bild ergab, wurde aus Illusion Realität und Kibu war zurück im ‚Hier und Jetzt', so wie sie es kannte. Zurück aus dem Zeitsprung. Sie blickte an sich herunter, um nach dem kleinen Stern zu greifen, doch die Kette war verschwunden…
„Faszinierend, nicht wahr?" Kibu sah erschrocken auf, als die sanfte Stimme erklang und blickte geradewegs in ein hübsches Gesicht, welches einem rothaarigen Elfen gehörte und auf seltsame Weise jungenhaft, fast schon kindlich wirkte. Seine rechte Gesichtshälfte wurde von einer langen Narbe komplett entstellt und gab Kibu einen kleinen Stich des Mitleides ins Herz. Das rote Haar war nicht annähernd so rot wie das von Mercredias, eher war es von fuchsähnlicher orangeroter Farbe. Von der Länge jedoch konnte es leicht mithalten. Der Elf trug es zu einem lockeren Zopf gebunden, welcher von seinem Nacken abwärts auf seine Schulter hing. Sein Alter war durch die kindlichen Züge und die seltsam düstere Aura, die ihn umgab nur schwer zu schätzen, aber alles in allem war er doch recht ansehnlich, trotz seiner Narbe, an der sich Kibu nicht sonderlich störte. Sie hatte schon früh gelernt, dass es nicht bloß auf Äußerlichkeiten ankam. Natürlich waren ihr diese dadurch nicht automatisch auch unwichtig, aber bei diesem jungen Elfen, der trotz alledem älter als sie zu sein schien, war die Narbe zwar da und weckte auch Mitleid und die Frage, woher diese Grausamkeit stammen konnte in ihr, aber sie verschreckte Kibu nicht. Einschätzen konnte sie den Rothaarigen allerdings nicht. Er war ihr weder sympathisch noch unangenehm, er war einfach…da. Und irgendwie schien hinter seiner unscheinbaren Erscheinung mehr zu stecken als Kibu im ersten Moment erblicken oder verstehen konnte. Sie wollte gerade Antworten, als sich eine Gestalt hinter dem Elfen regte, die wenig größer war als er selbst. In dem Schatten erkannte Kibu niemand anderen als…Mimus. Ihre hübschen blauen Katzenaugen weiteten sich und sie trat einen halben Schritt näher an die Beiden heran, um zu prüfen, dass sie ihr Verstand nicht irreführte. Aber es war Mimus. Ein unschuldig lächelnder Mimus, vielleicht sogar etwas peinlich berührt, dass gerade Kibu ihn hier, an diesem, so untypischen, wenn nicht sogar irrelevanten, Ort für einen Priester, auffand. Kibu wollte sprechen. Sie hatte so viele Fragen, doch kein Wort drang über ihre vollen Lippen, sooft sie es auch versuchte und neue Worte formte, die Sprache blieb ihr versagt. So gab sie ihre kläglichen Versuche bald auf und überließ dem Rothaarigen das Wort, welcher sie nun freundlich anstrahlte, fast wie ein kleines schelmisches Kind, wenn auch ein wenig geheimnisvoll.
„Wie ich sehe, seid Ihr eine ganz normale Blutelfe." Er kicherte hell und freundlich. „Ich glaube fast, jeder vor uns hat ebenso auf das Sanktum reagiert wie Ihr und ich, schon Jahrhunderte vor uns." Lächelte er. „Mein Name ist Rhunaion Dawnseeker." Er hielt ihr die schmale Hand hin und Kibu fand ihre Sprache wieder.
„Kibu Schattenrabe, sehr erfreut." Seine Hand ergriff sie allerdings nicht, sonder machte nur einen leichten Knicks, immer noch etwas perplex. Rhunaion nickte daraufhin nur und deutete eine schwache Verbeugung an. Kibus Blick flatterte zu Mimus hinüber. „Was…was tust du eigentlich hier unten?" Ihr gingen alle möglichen Dinge und Fragen durch den Kopf, dass sie gar nicht wahrnahm, wie Mimus zu lächeln begann.
„Nun, ich habe heute Morgen Rhunaion hier kennen gelernt und wir haben uns ein wenig unterhalten. Ich erfuhr, dass er ein Hexenmeister ist…" Rhunaion warf ihm einen kleinen Blick zu und Mimus ergänzte: „Nun ja…ein Schüler, aber fast ein Hexenmeister. Ich fragte ihn, ob er so freundlich wäre mir etwas über sein Handwerk und seine Ausbildung zu erzählen und so nahm er mich mit hier hinunter. Natürlich nur, als er sich vergewissert hatte, dass ich mit Magie und dergleichen ein wenig vertraut bin. Ohne Kenntnisse hätte er mich sicher nicht mitgenommen, das wäre viel zu gefährlich!" Neben ihm nickte der Elf bestätigend. Kibu nickte ebenfalls, langsam wieder klarer im Kopf.
„Ah, ich verstehe. Sag mal…ich dachte du wolltest deine Priesterausbildung angehen? Wie kommt es nun, dass du dich mit Hexern über ihre Ausbildung unterhältst? Das sollen keine Vorwürfe sein, keine Sorge." Sie lächelte schnell, um ihre Worte zu klären und keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Mimus Lächeln erlosch für den Bruchteil einer Sekunde, doch dann fasste er sich schnell wieder.
„Nun…es gibt da gewisse…Schwierigkeiten." Kibu legte den Kopf schief. Mimus lächelte unsicher. „Also, ich benötige ein Schreiben meines Meisters, um hier im Tempel meinen Studien weiter zu folgen. Doch wurde mir dieses Schreiben vor kurzem noch…gestohlen. Also werde ich nicht angenommen." Kibu war entrüstet.
„Wer tut denn so etwas? Ich meine, warum sollte man solch ein Schreiben denn stehlen, außer man ist ein Priester. Und warum sollten Priester es stehlen? Wenn sie unfähig sind, dann ist es doch richtig, wenn man sie von der Unterweisung ausschließt, da sie sonst ihre Arbeit verpfuschen und…" Mimus brachte sie mit einer einfachen Handbewegung und einem Kopfschütteln zum Schweigen.
„Nein. Es war kein Priester, keine Sorge…es war eine Diebin. Eine hinterhältige, falsche Elfe, die sich anmaßte sich Gefährtin schimpfen zu dürfen." Kibus Blick schrieb Sorge.
„Oh das…das tut mir leid…" Er winkte ab.
„Schon gut, das tut nichts mehr zur Sache. Ich werde nun auf eigene Faust meine Studien fortsetzen. Wenn sie mich im Tempel nicht haben wollen, dann ist es nun mal der Lauf des Schicksals. Da kann ich nichts machen." Obwohl Kibu diese Worte ganz und gar nicht passten, weil Mimus ihrer Meinung nach einen ganz hervorragenden Priester abgeben würde, nickte sie leicht.
„Na ja, wenn du das sagst…" Er nickte.
„Ja, das sage ich." Sie schwieg und Rhunaion räusperte sich neben den Beiden. Kibu blickte auf. Sie hatte für einen Moment ganz vergessen, dass der jungenhafte Elf ja immer noch neben ihnen stand. Peinlich berührt lächelte sie ihn an.
„Also…seid Ihr ein Freund von Mimus, nehme ich dann wohl an. Nochmals, sehr erfreut, Rhunaion. Ich denke man wird sich wohl nun öfter begegnen." Er nickte, scheinbar höchst erfreut, dass ihm Beachtung geschenkt wurde.
„Ja, das denke ich auch, Fräulein Schattenrabe."
„Oh nein…nur Kibu." Sie lächelte. Kibu hasste es, wenn man ihr falsche Titel oder hochrangige Anreden zukommen ließ, die ihr eigentlich gar nicht gebührten. Sie war einfach nur eine ganz normale Blutelfe, ohne jeglichen Schnickschnack. Und so sollte man sie auch behandeln, als Gleichgestellte, nicht als etwas Besseres. Rhunaion lächelte sie an.
„Also Kibu. Gut."
Eine Weile standen sie noch da, freundlich lächelnd, bis wohl jeder aus seiner Erstarrung erwachte und fast gleichzeitig zu sprechen begann.
„Ich werde mich dann wohl mal wieder meinen Studien widmen entschuldigt mich."
„Also Mimus…Mercredias und Salvenius wollten mit uns in die Tiefschwarze Grotte, kommst du mit?"
„Fein."
Wieder lächelten alle brav, nickten dann und Kibu und Mimus verabschiedeten sich von Rhunaion, welcher ihnen viel Glück auf ihrer Reise wünschte. Als die Beiden das Sanktum verließen musterte Kibu Mimus von der Seite.
„Sag mal…diese Elfe, von der du gesprochen hast…wie ist ihr Name?" Mimus Blick war hart und ebenso seine Antwort, die Kibu die Luft abschnürte und sie wie ein Stein am Kopf traf.
„Ihr Name lautet Maev."
