Kapitel 15

Kibus PoV

Eine ganze Weile liefen sie jetzt schon so nebeneinander her und Kibu wusste nicht, wie sie mit dem umgehen sollte, was sie von Mimus erfahren hatte. Nachdem Zusammentreffen im Sanktum hatten sie ihre Ausrüstung geholt und waren nun auf dem Weg zum Gasthaus, wo sie sich mit Salvenius und Mercredias treffen wollten. Doch die Worte hallten in Kibus Kopf wieder, wie das Echo in einer Tropfsteinhöhle.

Ihr Name lautet Maev….Maev…Maev…'

Ihre eigene Schwester hatte den stattlichen Elfen um einen Traum gebracht, ihm seine Lebensziele geraubt. Und wofür? Ja wofür…Kibu wusste keine Antwort darauf. Wofür benötigte eine…wie hatte Mimus sie genannt…Diebin, ein solches Priesterschreiben? Und, vor allem, warum hatte Maev ihrem Gefährten und Geliebten Mimus so etwas angetan? War ihre Schwester wirklich über die Zeit, die seit dem Tod ihrer Eltern vergangen war, so hart und herzlos geworden? Kibu schüttelte den Kopf während sie langsam neben dem großgewachsenen Elfen herschritt. Nein. Das konnte alles einfach gar nicht der Wahrheit entsprechen. Sie war verwirrt, gefangen in einem Zwiespalt zwischen älterer Schwester und Mimus' Freundin. Was entsprach der Wirklichkeit? Konnte sie denn den Worten eines Mannes trauen, den sie vor so kurzer Zeit erst kennengelernt hatte und dafür ihr Wissen und die Gefühle zu ihrer Schwester verleugnen? Sie stoppte. Mimus blickte sie fragend von der Seite an, als sie seufzte. „Was ist los?" Kibu sah ihn nicht direkt an und wich seinem Blick zunächst aus.

„Ich…ich kann nicht glauben, dass…dass meine Schwester…" Ihre Worte brachen ab und sie schloss ihre geöffneten Lippen, presste sie aufeinander, um die Bitterkeit in ihrer Stimme zu unterdrücken. Mimus' Blick, welcher zwischen Mitleid und Härte schwankte, traf den ihrigen, als er ihr Kinn mit zwei Fingern leicht anhob. Er rang sich ein Lächeln ab. „Hey…es ist nicht deine Schuld. Du kannst nichts für das Verhalten deiner Schwester. Ihr seid eben…verschieden. Du bist ehrlich und intelligent…und hübsch, sowohl äußerlich als auch innerlich." Kibu stieg leichte Röte ins Gesicht und sie versuchte wegzusehen, doch Mimus Hand an ihrem Kinn zwang sie, wenn auch nur mit sanfter Gewalt, ihn weiterhin anzublicken. „Hör zu, ich sag dir was. Ihr seid nicht dieselbe, verstehst du? Du bist nicht Maev, sie ist nicht du. Ihr, " er schüttelt den Kopf und sah sie ernst an, „Ihr habt euch anders entwickelt, andere Wege beschritten. Ihr könntet niemals die jeweils andere sein, Kibu." Die hübsche Elfe wirkte unsicher, verletzt, wich seinem Blick nun aber nicht mehr aus. „Du bist einmalig. Und du hast ein gutes Herz. Maev hat sich für ihren Weg entschieden und du kannst sie nicht davon abhalten. Du musst dich damit abfinden, hm?" Er schenkte ihr ein sanftes Lächeln und Kibu nickte leicht.

„Du…du hast ja Recht. Aber sie ist eben meine kleine Schwester. Ich fühle mich für sie verantwortlich, verstehst du? Ich war immer für sie da und jetzt, wo ich es nicht mehr sein kann, da…da läuft ihr Leben zusehends aus den Fugen. Ich…ich gebe mir die Schuld daran, weil ich sie nicht halten kann. Eine ältere Schwester sollte immer da sein. Aber ich bin es nicht, war es nie. Ich hatte immer nur mich im Kopf, ich war so egoistisch, das begreife ich erst jetzt. Und jetzt ist es wohlmöglich zu spät dafür." Mimus lauschte ihren Worten aufmerksam. „Ich fühle mich so schuldig, weil ich ihr nicht den Respekt und die Führsorge entgegen gebracht habe, wie ich es hätte tun sollen…" Sie schwieg für einige Minuten resigniert und starrte an Mimus vorbei. Ihr Blick war leer. Mimus seufzte leise, trat dann einen Schritt auf sie zu und umarmte sie. Kibu erwachte aus ihrer Trance und erschrak leicht, als sie seine starken Arme und die plötzliche Nähe um sich spürte. Dann jedoch gab sie sich ihren Gefühlen hin und umklammerte den Elfen, drückte sich an ihn, schloss sogar für einen Augenblick die Augen. Mimus lächelte und strich ihr langsam über den Kopf, löste sich dann ein wenig von ihr und schaute sie an. „Kibu, hör zu…du bist in keiner Weise schuldig für die Taten deiner Schwester. Von allem, was ich in den letzten Stunden über dich und sie erfahren habe kann ich sagen, dass du immer eine gute Schwester für sie warst. All deine Studien, deine Wissensgier…mach dir darüber keine Vorwürfe. Du wolltest nie etwas anderes als sie beschützen! Das ist sehr stark und verantwortungsbewusst von dir. Aber nicht dumm oder gar egoistisch. Du bist eine gute Schwester und ich weiß, wie schwer es ist, als Älterer. Ich habe schließlich auch zwei Brüder, für die ich immer Sorge tragen musste. Es ist nicht immer einfach, aber man tut immer und zu jeder Zeit sein Bestes." Kibu legte den Kopf schief und fragte leise: „ Und wenn das nicht genügt? Sein Bestes zu geben, meine ich?" Mimus lächelte.

„Das tut es aber. Du kannst nicht mehr als dein Bestes tun. Du bist schließlich nicht eure Mutter. Du bist nur als Stütze da. Den Rest tun die Eltern. Glaub mir, du bist eine gute Schwester, allein deine Sorge in diesem Moment zeigt das." Er strich ihr mit seiner rauen Hand über die weiche Haut und lächelte aufmunternd. „Du bist du, Kibu, vergiss das nicht. Und du bist eine gute Elfe mit reinem Herzen."

„Auch, wenn ich die dunkle Magie erlerne?"

„Auch dann. Weil du weißt, wie du sie einzusetzen hast oder etwa nicht? Du kannst sie beherrschen, aber nur weil du weißt, wie du sie fern von deinem Herzen halten kannst, damit sie keinen Besitz über deinen Geist, deine Seele ergreift. Viele sind dazu nicht in der Lage, sie verfallen dieser Macht. Aber ich glaube…nein, ich ‚weiß', dass du das schaffen kannst. Du musst nur an dich glauben…" Sie nickte matt und erneut hob Mimus ihr schmales Kinn mit seinen Fingern an, sodass sie ihn ansehen musste. Ein ernster und gleichzeitig zärtlicher Blick trat in seine grünen Augen.

„Ich glaube an dich!" Kibus Augen weiteten sich und als Mimus ihr Kinn wieder niederließ sah sie verlegen auf den Boden.

„Ich danke dir…!" Sie lächelte sanft und Mimus schmunzelte, als er die hübsche Elfe so verlegen dreinblicken sah.

„Nichts zu danken. Ich sage dir nur die Wahrheit." Auf seltsame Weise wusste Kibu nun, dass er mehr war, als nur ein Freund und das ihr wirklich viel an ihm lag. Viel mehr…

Beide wurden je unterbrochen, als eine dunkle wache Stimme das Schweigen durchbrach.

„Heda! Kann es losgehen, oder was steht ihr hier noch so herum?" Ein Elf mit langem blondrotem Haar trat mit festem Schritt auf sie zu. Salvenius trug eine dunkle Lederrüstung mit viel Schnickschnack und etlichen Gürtelschnallen daran. An seinem Gürtel war ein scharfer Langdolch befestigt, der ohne die Scheide daran baumelte und den Blick auf die silberne Klinge so direkt freigab. Auf der Schneide waren verzierte Schriftzeichen eingeschmiedet, welche in den letzten späten Sonnenstrahlen aufblitzten und funkelten. In seiner anderen Hand hielt er einen beeindruckenden langen Säbel, den er soeben an der anderen Seite des Gürtels anbrachte. Er fluchte leise, als ihm die messerscharfe Klinge dabei leicht in den Finger schnitt. Kibu reagierte sofort, nahm seinen Finger, wischte mit ihrem Wamszipfel das Blut weg und drückte ihre schmalen Finger auf die Wunde. Salvenius blickte sie mit einem leicht verwunderten aber gleichzeitig schmachtenden Blick an, welcher für den Bruchteil einer Sekunde ihre vollen Lippen streifte, ehe er zum Gruß die Hand hob. Kibu sah auf, jedoch ohne die Finger von der Wunde zunehmen, und blickte direkt in die Augen von Mercredias, welcher, ganz in eine dunkelblaue Samtrobe gehüllt, immer näher kam. Der Ausdruck, der auf seinem attraktiven Gesicht lag, war nicht gerade freundlich. Irgendetwas schien ihn verärgert zu haben, doch Kibu wusste nicht was, bis sie ein triumphierendes Grinsen auf Salvenius Zügen wahrnahm und augenblicklich seine Hand losließ. Allerdings schien das Mercredias auch nicht sonderlich zu besänftigen, denn dieser lieferte sich mit Salvenius einen solch intensiven Blickkontakt, dass man die gespannte Energie, die in der Luft lag, schon förmlich riechen konnte und Kibu lief ein kalter Schauer über den Rücken. Geschah das gerade wirklich nur, weil sie Salvenius' Wunde versorgt hatte? Weil sie sich Salvenius…zugewandt und ihm ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt hatte?

„Also…seid Ihr dann alle…fertig?" Mercredias sonst so verlockend tiefe Stimme klang kalt und unangenehm in Kibus Ohren und so nickte sie nur schnell. Seine Augen hafteten weiterhin auf Salvenius. „Fein." Und ohne sie eines Blickes zu würdigen trat Mercredias an ihr vorbei und beschwor mit ärgerlicher Miene ein Portal nach Orgrimmar, der Hauptstadt der Orcs. Das Portal war oval und mannshoch. Es schillerte in etlichen Farben und flimmerte vor den Anwesenden wie erhitzte Luft. Obwohl man durch das Portal hindurch sehen konnte, waren in den Tiefen des magischen Strudels bereits die orcischen Gebäude und Straßen zu sehen, die so typisch für die Hauptstadt waren. „Ein bisschen Beeilung, wenn ich bitten darf, ein Portal aufrecht zu erhalten ist kein Kinderspiel…" keuchte Mercredias ärgerlich unter der Last, die die Magie auf ihn ausübte und so traten alle schnellen Schrittes hindurch, Kibu nicht ohne ihm einen bittenden Blick zuzuwerfen, um ihm zu symbolisieren, dass zwischen Salvenius und ihr nicht mehr gewesen war, als die Versorgung seiner Wunde. Doch Mercredias erwiderte den Blick nur kühl und emotionslos, ehe er hinter ihr durch den Strudel schritt und auf der anderen Seite in Orgrimmar wieder hervortrat.

Kibu blickte sich um. Sie war zwar vor kurzem erst hier gewesen und dennoch faszinierte sie die hübsche Elfe immer wieder aufs Neue. Diese Stadt schien beinahe noch geschäftiger als Silbermond oder jede andere Hauptstadt zu sein, die es in Azeroth gab. Überall kamen die Wesen aus aller Welt zusammen, trieben Handel, tauschten ihre Waren, priesen Stoffe und Rüstungen an, feilschten und kamen ins Geschäft. Kibu blickte sich ehrfürchtig in der fremden Stadt um. Die Häuser und Bauten waren aus einfachem Stein, Holz und Stroh zusammengewerkelt, wirkten teilweise windschief und wahllos auf- und übereinander angelegt. Orangebrauner Staub und Sand lag auf dem Boden, die Straßen waren nicht gepflastert, sondern durch die vielen Wesen, Reittiere und Karren nur in diesen eingestampft worden. Zwischen den Häusern, welche entweder Dächer aus Stroh, Leder oder rotem Zinnstein besaßen, standen Palmen, Kakteen und Büsche, was den Anschein machte, als seien die Gebäude darum herum gebaut worden und nicht die trockenen Pflanzen extra angelegt. Aus den meisten Dächern ragten riesige, hornähliche Keiler, welche steil in den Himmel wuchsen.

Orgrimmar war mitten hinein in das Brachland gebaut worden. Es gab nicht nur diese eine Stadt, sondern zahlreiche, die vor der Zeit der blühenden Hauptstadt hier gestanden hatten, jedoch immer wieder zerstört wurden. Die neuen Städte und Dörfer wurden dann einfach auf die Überreste gebaut, was sich Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte lang so fortführte. So entstand mit der Zeit die größte Stadt im Brachland, genannt Orgrimmar, Stätte der Ältesten, Heimat der Horde und Hauptstadt des Handels auf diesem Kontinent. Die Dürre in diesem Teil des Landes war dafür verantwortlich, dass kein Gras wuchs, sondern nur trockener Boden, Sandstein und massige Felsen existierten. Nicht anders war es in Orgrimmar. Wo man hinsah gab es heißen Staub, Kreidefelsen und Kakteen, aber auch vereinzelte Palmen. So fand man hier auch nicht das saftige Grün, welches so massig in Silbermond vorherrschte oder gar Diamanten und Prunk, denn all das wurde in dieser Ödnis sowieso nicht benötigt. Die Orcs waren schon immer ein einfaches, bodenständiges und auch ein wenig primitives Volk gewesen. So auch ihre Stadt. Kein Marmor, Mana oder Juwelen, dafür aber Leder, Holz und die Magie der Totems. Sogar einige kleine Seen und Bachläufe gab es in der Stadt. Diese lagen allerdings in dem Viertel, wo die Magier und Schamanen ihr Zuhause hatten. Am äußeren hohen Rand der Stadt, welche teilweise auf erhöhten Felsen gebaut war, waren Balken aufgestellt, die mit Leder überspannt waren, um wenigstens ein wenig Schatten vor der prallen Sonne zu spenden. Kibu wusste, dass es hier auch noch andere Viertel gab, die in einer Kluft, der Schlucht dieses Felsens lagen und in kühle Dunkelheit gehüllt waren. Hier war das Zuhause der Diebe und Tagelöhner, aber auch der Hexer und Nekromanten. So bot Orgrimmar also genügend Schlupfwinkel für alle Arten von Interessen.

Im geschäftigsten Teil aber, wo sich Mercredias, Salvenius, Mimus und Kibu gerade aufhielten gab es nur reges Treiben, lautes Stimmengewirr, den Duft von frischem Dörrfleisch und brennenden Fackeln und die freudige Spannung, die sich im Magen breit machte, wenn man in eine fremde Stadt kommt und einfach überwältigt ist. Orcs und Trolle tummelten sich hier. Tauren unterhielten sich mit Untoten und Blutelfen kauften hier seltene Waren ein, die sie in ihren Städten nicht bekommen konnten. Die primitiven Hütten waren für die Werkzeuge und Materialien, die die Orcs und Trolle benutzten, doch relativ fortschrittlich, allerdings nicht in dem Sinne, in dem man ‚Fortschritt' im Zeitalter der Goblins verstand. Erneut staunte Kibu nur über die Fülle, die in Orgrimmar herrschte. Dichtes Hüttengewirr, Wesen, die von überall herzukommen schienen, Schmieden, Tavernen, Händler, Gerbereien, Marktstände, Schaukampf…sie wusste gar nicht, worauf sie ihren Blick als erstes konzentrieren sollte. Doch als sie sich des gigantischen Eingangstores gewahr wurde, wusste sie, wo sie anfangen sollte. So etwas Mächtiges hatte sie bisher nirgendwo anders gesehen. Dieses Tor bestand komplett aus Stein und Stahl, wurde von gigantischen und spitzen Pfählen eingefasst, welche bestimmt 10-mal so hoch wie der größte Taure waren. So wurde das Eindringen von Feinden fast gänzlich zur Nichte gemacht. Kibu konnte einen Laut der Faszination und der Ehrfurcht nicht unterdrücken und Mercredias schmunzelte. Seine Wut über den Anblick von Kibu und Salvenius schien sich wieder gelegt zu haben.

„Kommt mit, ich zeige Euch nun den Flugreitmeister." Und so führte er die drei Elfen zu einem stämmigen Turm, in welchem eine, in sich gewundene, Steige auf das Dach führte, welches, ebenfalls von rotbraunem Leder, überdacht wurde. Auf einem der hölzernen Balkons, die jedoch keine Absperrung besaßen, stand ein Orc in heller, felliger Lederkluft und mit einem Speer in der Hand, hinter ihm mehrere bauchige kleine Boote, die mit Stroh ausgelegt waren und in denen die, für Orcs typischen, Reittiere lagen. Sie waren halb Löwe, halb Fledermaus und besaßen ein zottiges gelbbraunes, geschecktes Fell, lange lederne Schwingen und den Schwanz eines Skorpions. Mercredias zahlte dem Orc ein paar Silbermünzen, worauf dieser vier Tiere bereit zum Flug machte. Kibu kam von alleine nicht in den Sattel des stattlichen Tieres, so half Mercredias ihr hinauf, indem er seine Hände faltete und Kibu bat, einen Fuß darauf zu stellen, um sie in die Höhe zu drücken. Als auch die hübsche Elfe endlich im Satten saß stieß der Orc mit dem schwarzen Zopf und der Lederkluft einen schrillen Pfiff aus und die Flugtiere hoben mit einem Sprung in die Lüfte ab. Kibu hielt sich gut an der Mähne des Tieres fest und beobachtete wie die Stadt unter ihr immer kleiner wurde. Jetzt konnte sie erkennen, dass über dem höher gelegenen Teil Orgrimmars Brücken gespannt waren, die die stämmigen Türme mit den hohen Straßen verbanden, sodass man nicht erst den Felsen von außen erklimmen musste, um zu seinem Ziel zu gelangen. Erst jetzt wurde sich Kibu der wahren Größe der Stadt bewusst und sie verwarf den Gedanken, was mit denen geschehen war, die es gewagt hatten, Orgrimmar anzugreifen…

Die Landung war seltsam sanft gewesen. Das löwenähnliche Flugtier war mit ein paar geschmeidigen Sprüngen auf dem Boden aufgekommen und noch einige Schritte weitergelaufen, ehe es in einen langsamen Trab fiel und letztendlich gänzlich zum Stehen kam. Kibu wollte gerade aus dem Sattel klettern, doch Mercredias war schneller. Er reichte Kibu seine Hand und hob sie sachte aus dem Sattel. Ein Lächeln flog über das Gesicht der hübschen Blutelfe. Anscheinend hatte er den kleinen Vorfall des Morgens vergessen, auch wenn sich Kibu immer wieder ins Gedächtnis rief, dass ja eigentlich gar nichts weiter passiert war, außer dass sie sich um Salvenius kleine Schnittwunde gekümmert hatte. Der Zoramstrand war relativ weitläufig für einen Strand und ging in das üppige Grün des Waldes dahinter über. Am Strand selbst herrschte seltsamerweise immer noch die Dunkelheit, die die Bäume des Eschentals auf die Wege warfen. Es war keine unangenehme Dunkelheit, aber sie tauchte die Welt in diesem Teil Kalimdors in ein magisches trübes Blau, dass es ein unangenehmes, spannendes Kribbeln in Kibu auslöste. Der Sand des Meeres war pulverfein aber dunkler gefärbt als der Sand in Desolace und hier und da lugte ein kleines, trockenes Pflänzchen aus dem Boden, lagen schwarze Algen im sprudelnden Überbleibsel der Flut. Das Dorf der Trolle, in welchem sie angekommen waren, war nur sehr klein. Vier oder Fünf vereinzelte Baumhütten aus Schilfrohren und Stroh hatten sie zusammengebaut und an dem leeren Flugreitstand waren nur ihre Flugtiere zu sehen, die sich langsam in die halbmondähnlichen Boote niederließen, um sich von dem langen Flug zu erholen. Das Dorf diente lediglich denjenigen, die sich in die Tiefen der Grotte niederließen und vorher noch ein paar Besorgungen erledigen wollten wie frisches Quellwasser oder etwas zu Essen zu besorgen oder um sich noch einmal die Schwerter und Rüstungen richten zu lassen. Der Sand des Strandes lief geradewegs in ein trockenes Moos über, welches seinerseits in ein hartes Gras und dann wiederum in federndes Grün wechselte, mit welchem auch schon der Wald begann. Meterhohe Bäume, Eschen, die dem Eschental seinen Namen gaben, standen dicht an dicht, Blüten und Sträucher in prächtigen Violettblautönen blühten, kaum zu unterscheiden von dem aquamarinfarbenen Gras am Boden. Am Strand verteil lagen die Überreste der einst so prächtigen Tempel der Kaldorei. Weißes Gestein, wohlgeformt und fein geschliffen war im Laufe der Jahre vergilbt und von Ranken und Meeresbrut überwuchert. Es war nun Territorium der Naga. Jahre, vielleicht Jahrhunderte war es her, seitdem die biestigen Meereskreaturen über den Zoramstrand hergefallen waren und alles zu Nichte gemacht hatten. Nun lebten sie hier. Die Herrscher der Meere…sie hatten die Grotte besetzt und sich mit den dortigen Kultanhängern zusammengeschlossen. Ein dunkler Angriffspunkt war entstanden und Angriffe auf Allianz und Horde waren immer häufiger geworden. Immer wieder nahmen sich Reisende und Wanderer, Abendteuerer und Geschichtenerzähler, sowie Krieger und Magier der Grotte an…doch kaum einer war bisher zurückgekehrt, ohne unglaublichen Schrecken auf sein Gesicht gemeißelt zu haben. Es war ein Risiko, was die vier Elfen eingingen, doch vielleicht war es das wert.

Kibu schritt fest durch den schlammigen Sand, gefolgt von Mimus und Mercredias, welche sich angeregt unterhielten und des Öfteren herzhaft lachten. Vor ihr Salvenius, dessen Schritte immer schneller wurden, sodass Kibu kaum mithalten konnte. Sie fragte sich, ob er sich immer noch mit der Schnittwundensache beschäftige…Sie waren geschickt um alle Naga herumgekommen, um Kämpfen zu entgehen, da sie ihre Kräfte in der Grotte noch mehr als genug brauchen würden. An einem besonders großen Tempel angekommen verschnauften sie erst kurz, ehe sie sich daran machten, die Tempelreste hinab zusteigen und hinunter in die Grotte zu klettern. Kibu betrachtete das uralte Gebäude mit einer Mischung aus Angst und Neugierde. Unbehagen war seit der Ankunft in ihr Aufgestiegen. Irgendetwas war hier faul…sie spürte es. Irgendetwas würde geschehen. Doch bis sie nicht sicher war, was es war, konnte sie nicht anders, als sich ebenfalls an den Abstieg zu machen. Es war nicht sehr schwierig, wenn es auch Geschick forderte, da die Algen und das salzige Wasser das kalkhaltige Gestein glitschig und spiegelglatt gemacht hatten. Unten angekommen fanden sie sich vor einem See im inneren des Gebäudes wieder. Ein Meerwassersee. Salvenius seufzte, Kibu und Mimus schienen verdutzt.

„Und was jetzt?" fragte Kibu zweifelnd. Mimus kratzte sich nachdenklich am Kinn.

„Möglicherweise ist die Grotte ja…na ja, überschwemmt?" Mercredias schüttelte den Kopf.

„Nein, ist sie leider nicht. Sie liegt darunter…" Kibus Augen weiten sich und Mimus sprach die Frage aus, die ihr genau im selben Augenblick durch den Kopf ging.

„Darunter? Wie kann, denn eine Grotte unter einem See existieren?"

„Unterdruck. Kennt Ihr es nicht von Vogeltränken?" Kibu schüttelte den Kopf und Salvenius verschränkte gelangweilt die Arme, als Mercredias seine Erklärung fortsetzte.

„Das Wasser staut sich in einem geraden Tunnel nach unten, bis er eine Biegung macht. Dort läuft es langsam aus, allerdings nur minimal. Irgendwann wird dieser See nicht mehr existieren, da sich dann das Wasser weiter ins Innere der Grotte verteilt hat. Früher war dieser See noch viel höher, sehr Ihr?" Er deutete mit einer Handbewegung nach oben. „Das ist der Grund, warum das Gestein so glitschig ist. Nicht etwa, weil dieser Tempel einst im Meer lag, sondern weil dieser See hier einst bis dort oben reichte." Kibu nickte verstehend. Mimus trat neben sie.

„Also müssen wir bis zu der Biegung schwimmen, ja?" Mercredias nickte.

„Ganz genau." Kibu blätterte insgeheim in ihrem Gedächtnis nach einem Zauber. Sie hatte ihn als Kind oft verwendet, einfache Atemmagie, mit der es möglich war, länger die Luft unter Wasser anzuhalten um tiefer tauchen zu können.

„Ist es sehr weit bis zu dieser Biegung?" Mercredias bejahte ihre Frage. „Gut, weil ich glaube, ich habe da etwas, was uns den Tauchgang etwas erleichtern wird." Angespannt formte sie ihre Hand zu einer Schale, legte ihr ganzes Wissen hinein, sprach einige Worte in einer, den anderen unbekannten, Sprache und hauchte hinein. Ein tangähnlicher Geruch stieg auf und sie bemerkte ein Kribbeln an ihren beiden Halsseiten, welches ihr langsam die Luft abzuschüren begann. Mit letzter Mühe konnte sie gerade noch so die Worte „Ins Wasser…schnell!" aufbringen ehe sie elegant in das kühle salzige Wasser eintauchte, dicht gefolgt von den anderen, denen es wohl ebenso erging wie ihr. Im Wasser angekommen öffnete Kibu ihre Augen. Es hatte funktioniert, so wie es in Kindertagen immer funktioniert hatte. Grinsend beobachtete sie die anderen. Mimus war schnell auf die Idee gekommen, dass sich an seinem Hals Kiemen gebildet hatten und zwischen seinen Händen dünne Schwimmhäute. Er blickte die Auswirkungen des Zaubers fasziniert an und schwamm dann einige Züge, ehe er sie anlächelte. Mercredias, der immer noch die Augen zusammenkniff, schien zwar zu begreifen, dass er hier im Wasser atmen konnte, aber nicht, dass er auch trotz des Salzes würde sehen können. Sie schwamm zu ihm hinüber und bedeutete ihm, die Augen zu öffnen, was er auch tat. Verblüfft blickte er sie an, als das unangenehme Brennen in seinen Augen ausblieb. ‚Es ist wie bei Fischen' gurgelte Kibu in einem blubbernden Ton. Er nickte und blickte zu Salvenius, welcher sich im Wasser wand und sich mit beiden Händen an den Hals fasste und zu ersticken drohte. Mercredias schüttelte nur den Kopf bei diesem lächerlichen Anblick. Die Hexe schwamm zu ihm herüber und hatte alle Mühe ihn davon zu überzeugen, dass er seine Hände getrost von seinem Hals nehmen und normal Atmen konnte. Als das dann endlich geschehen war starrte er, verlegen und peinlich berührt ein solches Theater veranstaltet zu haben, an die Wand. Am Ende des steilen Tunnels kamen sie endlich zum Ende der Wasserwand und betraten triefnass die Grotte, welche in völlige Dunkelheit gehüllt war, nur erleuchtet von einige glimmenden Kristallen und dem Licht, welches sich davon an dem Meeressalz an den Wänden widerspiegelte. Vor ihnen lag ein unheimlicher Tunnel und ein Rinnsal Wasser verlief am Boden, hinein in die Schwärze und das, sich in die Dunkelheit, verlierende Glühen.