Kapitel 18
Maevs PoV
Heeeey, Maev.
Ich dachte mir, ich lasse dich nicht so schnell wieder aus den Augen und schreibe dir deshalb die paar Zeilen. Also die Sache mit dem Buch. Wir sollten das wirklich bald tun, da ich Wind davon bekommen habe, dass sich in den kommenden Tagen ein neu gegründeter Orden im Sanktum niederlassen will. Inwiefern dieses Gerücht stimmt, kann ich dir nicht sagen, aber falls es stimmt, dann sollten wir uns wirklich beeilen. Es sind viele Blutritter und gut bewanderte Krieger unter ihnen und mit denen möchte ich nicht unbedingt Probleme bekommen, wenn du verstehst, was ich meine. Also…du findest mich in der Mördergasse, brauchst bloß die Augen offen halten.
S.
Maev faltete den Zettel schlaftrunken wieder zusammen. Sie gähnte herzhaft und machte sich noch nicht mal die Mühe ihre Hand vorzuhalten. Dann wuschelte sie sich schnell durch das schwarze Haar, band es mit Hilfe ihres Haarbandes zu einem hohen Zopf, zog ihre Stiefel und die Lederrüstung an, träufelte sich etwas des Wassers aus der kleinen Schale neben ihrem Bett ins Gesicht und machte sich dann auf, lautlos aus dem Gasthaus zu verschwinden, um sich um die Bezahlung für eine Nacht zu drücken. Draußen angekommen sah sie sich um. So groß war die Mördergasse ja nicht und einen wie Slaeth würde sie hier sowieso schnell wieder finden, wenn man nur wusste wo. Sie stieg die Anhöhe hinauf und spähte in eine der kleinen Seitenkuhlen der Straße, war bei der dritten auch erfolgreich. Dasselbe breite Grinsen des vergangenen Abends strahlte ihr entgegen als der Schwarzhaarige sich auf sie zu bewegte. Er trug schwarzes Leder, was seine Statur nahezu brillant zur Geltung brachte und Maev musste sich zusammenreißen ihn nicht genauer anzustarren. Sie wollte ihm schließlich nicht noch einen unbrauchbaren Selbstbewusstseinsschub geben, davon hatte er sowieso schon zu viel. Außerdem hatte sie keine Lust sich eine solche Blöße zu geben. Sie und ihn anstarren. Also bitte! So toll war er nun auch wieder nicht. Aber als seine dunkle Stimme sie begrüßte und er ihr einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter gab, als wären sie schon seit Jahren enge Geschäftspartner, da konnte sie nicht anders und lächelte. Er musterte sie. „Siehst ja ziemlich verpennt aus. Keine Gelegenheit gehabt dich hübsch zu machen, wie?" Ein freches Grinsen erschien auf seinem Gesicht und er verschränkte die Arme vor der trainierten Brust. Maev spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht trat. Sie musste ein grauenhaftes Bild abgeben. Ungekämmte Haare provisorisch nach oben gebunden, dieselbe Kleidung wie vom Vortag, kaum gewaschen. Ja sie gab es zu. Sie schämte sich. Vor diesem…diesem Casanova, der vor ihr stand. Obwohl sie es überhaupt nicht nötig hatte, sich vor so einem überhaupt in irgendeiner Weise schämen zu müssen. Wenn sich hier jemand schämen sollte, dann war es ja wohl dieser unverschämte Rüpel, der sich anmaßte sie mit irgendwelchen hübschen Lords und Ladies der Stadt zu vergleichen. Da brauchte man sich ja gar nicht wundern, wenn die Beurteilung dann nicht so gut ausfiel, wie bei denen. Sie war nun mal keine Lady. Und sie hatte kein Zuhause, sondern nur ein Zimmer in einer billigen Taverne, die massenweise Alkohol verkaufte aber noch nicht einmal anständiges Möbeliar besaß. Nein, das ließ sich Maev nicht bieten. Erneut musterte sie Slaeth, um etwas zu finden, was sie an ihm bemängeln konnte. Doch sie konnte nichts finden. So grummelte sie nur etwas und nickte schließlich. Slaeth schmunzelte. „Kann ich verstehen, in der Taverne ist das auch kaum möglich." Sie sah hoch zu ihm. Waren das soeben etwa nette Worte gewesen? Gerade als Maev lächeln wollte fügte er noch hinzu: „Aber wahre Schönheiten sehen auch so immer gut aus. Sehr bedauerlich für dich, dass du keine solche bist." Ihr Herz machte einen Satz und blieb stehen. Einfach so. Das war's, sie würde sterben. Auf der Stelle. Ein hässliches Entlein wollte ja auch keiner haben und eine Diebin schon gar nicht.
Dann schlug ihr Herz aber doch weiter und ohne die Kontrolle darüber zu haben, was sie als nächstes tat, holte Maev aus und ihre Faust fand sich in Slaeths Gesicht wieder. Er taumelte unerwartet zurück und hielt seine Hand vor die Nase gepresst, aus welcher Blut quoll. „Oh Scheiße!" Er schluckte ein paar Mal, um das Blut irgendwie aus seinem Rachenraum loszuwerden und wischte dann mit seiner Handinnenfläche über die blutige Spur in seinem Gesicht. „Sag mal bist du noch ganz dicht? Spinnst du jetzt völlig? Was hab ich denn gemacht?" Maev hielt sich ihre Hand, welche unaufhörlich pochte.
„Was du gemacht hast? Fragst du mich das im Ernst du Idiot? Denk mal gut drüber nach, was du gemacht hast, du….ach weißt du was, vergiss es einfach. Zieh deinen ‚Job' doch alleine durch. Ich pfeife auf dich!" Und damit drehte sie sich ruckartig um und trat hinaus auf die Gasse. Eine Hand hielt sie jedoch zurück.
„Hey, warte…das vorhin war nicht so gemeint, ehrlich. Es…es tut mir leid. Du bist nicht hässlich. So meinte ich das nicht. Das war nur…das war nur Spaß, ok?" Sie blickte ihn giftig an und bemerkte, dass er seine Entschuldigung wohl ernst meinte, da ein Ausdruck auf seinem Gesicht erschienen war, der entweder puren Schmerz zeigte, was sie bezweifelte, da dieser Kinnhaken wohl nicht der erste seines Lebens zu sein schien, oder aber Verlegenheit. Maev entschloss sich für Verlegenheit und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie setzte extra noch einen entnervten Gesichtsausdruck auf und tippte mit dem Fuß, damit er sich auch schön weiter seiner Schuld bewusst war und sich vor ihr zum Narren machte. Innerlich genoss sie den schuldbewussten Anblick des sonst so pfiffigen Diebes voll und ganz.
„Hey, das war dumm. Tut mir wirklich leid. Aber du musstest mir ja nicht direkt eine runterhauen." Er strich sich erneut über die blutende Nase.
„Na ja, das war schon irgendwie berechtigt, findest du nicht. Außerdem weißt du ja jetzt, dass du mit mir nicht spaßen solltest. Zumindest nicht in dieser Weise. Also habe ich doch erreicht, was ich wollte. Jetzt musst du deine dämliche Behauptung nur noch zurücknehmen." Slaeth hob eine Augenbraue.
„Das habe ich doch schon."
„Nein, hast du nicht. Du sagtest lediglich es tue dir leid." Er schnaubte.
„Also du hast wirklich einen Schuss, weißt du das?" Maev hob eine Braue und lockerte ihre verschränkten Arme, woraufhin Slaeth einen minimalen Schritt nach hinten auswich. „Heeey, ist ja gut. Ist ja gut. Es tut mir leid und du bist nicht hässlich. Das war ein dummer Scherz." Sie nickte.
„Ein ganz dummer! Solltest du in nächster Zeit nicht mehr machen, sonst geht es deiner Nase in Zukunft nicht mehr so gut, wie jetzt." Und damit ging sie weiter, dicht gefolgt von Slaeth.
„Hey, warte. Wo willst du denn hin?" Sie grübelte. Ja wohin wollte sie eigentlich? Die Frage schien berechtigt. Sie dachte an seinen Brief und warf ihm den kleinen geknüllten Zettel zu. Slaeth fing ihn auf und beäugte ihn mit trauriger Miene. Scheinbar hatte er sich mit Schrift und Ausdruck richtige Mühe gemacht und Maev war so grausam gewesen, den Zettel in ihre Tasche zu knüllen. Irgendwie tat er ihr ja schon ein wenig leid, wie er so mit seiner blutigen Nase da stand, den zerknüllten Papierrest in den Händen. Aber sie durfte jetzt nicht plötzlich Mitleid zeigen. Sonst würde er sich nur weiterhin Späße mit ihr erlauben. Sie musste weiterhin die Harte, Unnachgiebige spielen. Dem würde sie schon zeigen, wo der Hammer hing. Und bestimmt nicht zwischen seinen Beinen, davon konnte er ausgehen. Casanova!
„Na steht doch alles da drin, oder etwa nicht? Du meintest, wir sollten zum Sanktum, also gehen wir jetzt zum Sanktum. Das werden wir uns anschauen. Mal sehen was an deinen Gerüchten wahr ist und was nicht." Und mit diesen Worten tauchte sie in den Schatten hinein und ließ einen verwirrten Slaeth stehen, der sich suchend umsah. Sie stieß einen langen hellen Pfiff aus, woraufhin er sie erspähte und ebenfalls in die Schatten schritt.
„Ah, hier bist du. Hättest ja auch vorher was sagen können, wo du hingehst."
„Ich bin doch nicht blöde. Dann hätte mich ja jeder verfolgen können." Sie tippte sich gegen die Schläfe und er schob die Unterlippe zu einer Schnute vor.
„Ich bin ja gar nicht jeder." Innerlich grinste Maev, weil sie genau wusste, wie er auf jetzt auf ihren Spruch reagieren würde.
„Na ja doch schon, oder nicht?! Kennt dich doch fast niemand hier, wenn du immer im Schatten lebst." Slaeth allerdings reagierte anders als erwartet und grinste, wie immer.
„Ach, meinst du, ja? Wie gut informiert du doch bist, Süße. Frag in der Frauenwelt ruhig mal nach Slaeth. Wirst schon sehen, ob ich Niemand bin oder nicht." Und damit schlich er auf leisen Sohlen an ihr vorbei in Richtung Sanktum. Maev ballte die Hand zur Faust und biss sich auf die Zunge, um ihm nicht noch eine zu verpassen. Dieser aufgeblasene Schönling. Wie sie ihn hasste.
Langsam kamen sie näher und Maev versuchte ins Innere zu spähen. Doch da gab es kein Inneres. Nur eine summende Wand aus Glyphen und Runen, die sich vor ihr Aufbaute und den Zutritt versagte. So oft sie auch versuchte hindurch zu schreiten, es gelang nicht, auch nicht, als sie sich mit voller Wucht dagegen warf. Hart prallte sie ab und kam auf dem Boden zum liegen. Slaeth konnte sich eines seiner übertriebenen Grinsen nicht verkneifen und half ihr auf, was Maev eigentlich zunächst ablehnen wollte, dann aber doch annahm. Slaeths Griff an ihrem Handgelenk war grob, als er sie hoch zog und gegen die Wand presste, sich dann auch noch gegen sie drückte und ihr die Hand vor den Mund hielt. Empört blickte sie ihn an, unfähig etwas zu sagen. So eng an den dunkelhaarigen Elfen gepresst kam sie sich irgendwie seltsam vor. Wieso tat er das? Was stimmte nicht mit ihm, irgendwas war doch verkehrt an seinem Verhalten? Wie konnte er sich einfach so anmaßen sie an sich zu drücken? Insgeheim jedoch konnte Maev nicht leugnen, dass seine Nähe recht angenehm war. Sie konnte seinen Duft wahrnehmen, welcher nach dunklem Wiesengras, Moschus und einem Hauch schwummrigem, aber süßem Tabak roch. Dennoch war diese Reaktion eine unglaubliche Frechheit gewesen und so langsam reichte ihr sein anmaßendes Verhalten. Sie wollte ihm gerade in die Hand beißen, damit er sie los ließ, als sie sich einer Gestalt gewahr wurde, die soeben schnurstracks auf das Sanktum zusteuerte. Und genau in die Richtung, wo Maev Sekunden zuvor noch gelegen hatte. Sie schielte verwundert zu Slaeth, dass er den Elfen so schnell hatte kommen sehen, er schüttelte nur leicht verärgert den Kopf, dass sie ihm nicht einfach vertraut hatte. Der Elf kam näher und durchschritt den Vorhang, als wäre nichts weiteres dort, als reine Seide. Auf diesen Moment hatte Slaeth wohl nur gewartet, schlüpfte, immer noch im Schatten, hinter dem edel gekleideten Elfen mit hindurch und zog Maev mit eiliger Gewalt hinter sich her. Völlig aus der Bahn geworfen taumelte sie und prallte gegen Slaeth, welcher sie geschickt auffing. Sein Blick war intensiv und er legte einen Finger auf seine Lippen, um ihr zu symbolisieren, dass sie keinen Mucks machen durfte. Sie nickte nur und wartete, bis der Elf an ihnen vorbei und die seltsame Treppe nach unten verschwunden war. Erst dann ließ Slaeth Maev richtig los und sie richtete sich auf. Neben ihr zischte er in einem Flüsterton empört: „Wolltest du mich gerade etwa in meine Hand beißen, du Biest?" Maev tat ganz unschuldig.
„Was? Nein. Natürlich nicht! Du kommst auf Ideen." Augenrollend trat sie an ihm vorbei, hinein ins Innere des Sanktums, vorsichtig und nahezu lautlos. Slaeth war ihr dicht auf den Versen.
Aus dem großen Innenraum drangen Stimmen an das Ohr der schlanken Elfe. Eine davon klang hell und freundlich, die andere dunkel und warm. Eine der beiden kam Maev seltsam bekannt vor, doch sie konnte bei den leisen Worten, die wohl beide miteinander sprachen, kaum ausmachen, woher. Eine dritte, ihr unbekannte Stimme mischte sich dazu, klar und härter im Tonfall, als die beiden anderen Stimmen. Die beiden Elfen waren wohl bei irgendetwas gestört worden und verstummten. Sie bekam den groben Sinnzusammenhang der Worte nun mehr oder weniger mit. Das musste einer des neuen Ordens sein, welcher beabsichtige, sich hier unten im Sanktum nieder zu lassen. Er schien sichtlich verärgert darüber, dass sich immer noch Hexer hier unten aufhielten, wo doch strengstens angeordnet war, dass dies nun das Quartier des Ordens sei. Einer der beiden anderen Elfen protestierte heftig dagegen und seine vorher so ruhige freundliche Stimme wurde immer wütender und, vor lauter Aufregung, höher. Er schien ein Hexer zu sein, welcher das Sanktum als einen Ort der Lehre und eine Art Heimat ansah. Für ihn kam es nicht infrage sich nicht länger hier unten aufzuhalten und seine Missbilligung der neuen Anordnung gegenüber kam ganz deutlich zur Geltung. Der andere Elf mit der dunklen weichen Stimme mischte sich nun mit ein und bedeutete dem aufgeregten Elfen, dass sie besser gehen und sich ein andermal darum kümmern sollten, was diese Bestimmung anordnete und was nicht, worauf sich der Verständnislose wohl auch einließ. Schritte kamen näher und Maev und Slaeth wurden sich bewusst, dass die beiden Elfen in kürzester Zeit wohl die Treppe hinaufkommen würden. Genau auf dem Weg, den Slaeth und Maev gerade im Schatten belagerten, um zu lauschen. Maev reagierte blitzschnell, griff Slaeths Hand und sprang über das Gelände, Slaeth mit ihr, wo sie sich, bemüht keinerlei unnötigen Geräusche zu machen, hängen ließen, um zu warten, dass die beiden Elfen den Weg endlich passiert hatten. Maev spähte nach oben und sah zwei paar Roben und 4 paar Stiefel knapp an ihrer Hand vorbeilaufen. Leider hatte Slaeth nicht ganz so viel Glück und der hintere der beiden, welcher eine dunkle Robe trug, trat genau auf seine Hand und verließ dann das Sanktum durch den Schleier. Slaeth schnitt eine Grimasse und öffnete mit schmerzverzerrtem Gesicht den Mund, bereit zu schreien. Doch der Schrei blieb aus und Slaeth schüttelte nur heftig die Hand, zog sich dann geschickt mit der anderen wieder nach oben. Maev jedoch ließ sich, anmutig wie eine Katze, geschickt auf den Boden unter ihr gleiten und kam mit einem beinahe lautlosen Satz auf dem Boden auf. Oben konnte sie Slaeth sehen, der mit dem Lutschen seiner Finger beschäftigt war und murrend etwas von ‚Immer ich' grummelte. Sie musste grinsen. Geschah ihm ganz recht. Sie sah sich neugierig um.
Im Inneren wirkte alles düster, bis auf den riesigen Kristall, welcher in der Mitte vor lauter Mana strahlte und glühte. Eigentlich interessierte Maev sich für kaum etwas in diesem Raum und ihr geschultes Auge erfasste mehr oder weniger das Wesentliche: Unmengen von Büchern, Kräuter und schwarzmagische Utensilien, einige, ihr unbekannte Werkzeuge und jede Menge Dinge, die man scheinbar für Magie benötigte. Dazwischen die ein oder andere Sache, die ihr wertvoll zu sein schien, so einige Ritualdolche, goldene Kelche und einige alte Bücher, auf welchem der Staub bereits meterdick lag. Und dann erspähte sie es. DAS Buch. Es musste einfach das Buch sein. Eingebettet war es in ein schwarzes Samttuch und lag auf einer Art Altar, welcher von zwei, unheimlich verzierten Kerzenständern eingefasst wurde. Die dicken Wachskerzen darin waren schon bis zur Hälfte heruntergebrannt und hatten das heiße Wachs auf die Seiten und auch auf die Kerzenständer, sowie das Samttuch tropfen lassen. Der Einband war dunkel und das Buch wirkte älter als gewöhnliche Bücher. Und weiser. Irgendwie spürte Maev, dass mehr von ihm ausging, fast so, als besäße es eine eigene Seele. Was natürlich völliger Unsinn war. Leise schlich sie darauf zu und hatte plötzlich zwei gepanzerte Beine vor ihrer Nase. Den Schreckensschrei wusste sie gerade noch so zu unterdrücken, den Fall nach hinten jedoch nicht. Der Blutelf vor ihr, welcher langes seidig glänzendes silbrigweißes Haar besaß und in eine Art Rüstung gehüllt zu sein schien blickte auf und untersuchte den Raum, welcher vor sich lag ganz genau. Maev verharrte reglos. Sie hatte beinahe das Gefühl, als würden sich seine Augen stechend in ihre bohren, doch als der Elf nur den Kopf schüttelte und den Raum weiter seinen Untersuchungen unterzog atmete sie erleichtert auf. Er hatte sie nicht bemerkt. Hinter ihr vernahm sie ein weiteres leises aber erleichtertes Aufatmen und Slaeth winkte sie zu sich, damit sie verschwinden konnten. Doch Maev konnte nicht. Sie wollte nicht ohne dieses Buch gehen. So schlich sie geradewegs darauf zu, alle Warnungen und Gesten Slaeths ignorierend, die sie davon abbringen wollten, sich dem Pult zu nähern. Davor angekommen wartete Maev, bis der Elf sich von ihrer Richtung abgewendet hatte und richtete sich auf, um das Buch zu nehmen. Doch es klemmte fest. Das viele Wachs schien es dort, im wahrsten Sinne des Wortes, festgeklebt zu haben. Sie zerrte daran und zerrte, doch nichts geschah. Schnell duckte sie sich erneut, als der Blick des Elfen über das Pult glitt und dann einige Sekunden dort verharrte. Als er sich wieder einem anderen Gegenstand widmete versuchte es Maev noch einmal mit aller Kraft und riss das Buch förmlich mit sich, stolperte und verlor beinahe den Halt. Kurz vor dem Fall konnte sie sich gerade noch so fangen, riss sich herum, wobei sie sich schmerzhaft den Knöcheln verzog, allerdings irgendwie in der Hocke zum stehen kam. Sie kniff die Augen zusammen und Slaeth reagierte schnell, ehe der Elf beinahe über Maev gestolpert wäre und zog sie zu sich die Treppe hoch. So leise wie Maevs Herzschlag fragte er sie: „Geht's?" Sie nickte leicht, kniff jedoch erneut die Augen zusammen als sie den Fuß aufsetzte. Der schwarzhaarige Dieb hob sie kurzerhand hoch und machte sich so auf zum Ausgang, verließ mit ihr in seinen Armen das Sanktum…
„Aua, aua, auaaaa!" jammerte Maev als Slaeth ihren Knöchel untersuchte.
„He, hör auf zu jammern, so schlimm ist es doch gar nicht." Maev verzog die Lippen.
„Nicht schlimm? Nicht schlimm? Hab ich mir den Knöchel verstaucht oder du?" Er grinste sie an.
„Na hör mal, hast du mir die Nase fast gebrochen oder nicht? Das war auch nicht ohne und ich habe nicht so gejammert wie du. Also hör schon auf dich wie ein kleines Mädchen zu benehmen." Die Diebin grummelte.
„Manchmal wäre ich lieber eines. Die dürfen viel mehr als wir erwachsenen." Slaeth schmunzelte.
„Wenn ich es mir recht überlege, dann bist du doch ein kleines Mädchen." Sie gab ihm einen Schlag auf den Schenkel.
„Hey!" Er lachte leise.
„Schon gut, schon gut. So, wie ist das, kannst du auftreten?" Er hatte sein rotes Mundtuch provisorisch um ihren Knöcheln gebunden und stützte sie nun, damit sie versuchen konnte aufzutreten. Es funktionierte, jedoch humpelte Maev trotzdem noch.
„Ja, das passt schon so. Danke." Slaeth hob gespielt verwundert eine Braue.
„Oh, habe ich da gerade etwa ein ‚Danke' von dem kleinen Mädchen gehört?" Sie warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.
„Ja, hast du. Aber trotzdem ist das da, " sie deutete auf den improvisierten Verband, „ja nicht gerade das, was ich einen Verband nenne." Er zuckte mit den Schultern.
„Na und, wenn wir dieses Buch vertickt haben, dann kannst du dir den besten Arzt in ganz Silbermond leisten. Das wird ein Spaß." Verträumt und mit einem sehr breiten Grinsen blickte er in die Straßen Silbermonds. „Was mache ich zuerst mit all dem Gold?"
„Hey, das ist nicht nur dein Gold, klar? Schon unsere Abmachung vergessen?" Er schnalzte mit der Zunge.
„Natürlich bekommst du auch etwas von dem Gold ab. Damit du dir mal etwas ordentliches zum Anziehen kaufen kannst. Ein Kleid oder so." Er grinste sie an und sie schnaubte nur.
„Pah! Ein Kleid werde ich mit Sicherheit niemals tragen. Und schon gar nicht für dich!" Wieder zuckte er mit den Schultern.
„Tja, dann eben nicht. Also bekommst du auch kein Gold von mir." Maev erwiderte sein Grinsen nur.
„Also noch habe ja immer noch ICH das Buch und nicht DU." Slaeth lachte diabolisch.
„Ja…NOCH hehe!" Sie verschränkte die Arme zufrieden hinter dem Kopf und ließ sich auf die Bank fallen.
„Und das wird auch vorerst so bleiben, mein Lieber. Davon darfst du ausgehen."
„Das werden wir ja sehen." Lächelte er.
„Oh ja, das werden wir auch." Lächelte sie. Er blickte sie von der Seite aus an.
„Weißt du…das vorhin. Das tut mir WIRKLICH leid. Ich wollte nicht sagen, dass du…na ja, dass du hässlich bist. Bist du nämlich gar nicht. Ich wollte dich bloß ärgern, was dumm von mir war. Du bist doch eigentlich ganz niedlich." Maevs Lächeln bekam einen Knick und war schlagartig wie weggepustet.
„A-Achso?" stammelte sie nur und starrte ihn an. Er nickte und lächelte.
„Ja. Ich meine, es gibt sicher Hübschere, aber…du gefällst mir. Bist nicht so arrogant wie diese ganzen vornehmen Damen. Und niedlich bist du auch. Fast wie ein kleines Mädchen eben." Sie grummelte. „Siehst du." Lachte Slaeth und Maev schwieg. So ein Idiot. Sie war nicht ‚niedlich'. Und auch nicht ‚schnuckelig' oder ‚süß' oder eben ‚niedlich'. Nein, das war sie nicht. Ganz und gar nicht. Maevs Wangen färbten sich rosa und sie blickte weg, nicht jedoch ohne noch einmal zu Slaeth hinzuschielen. Nett war er ja schon irgendwie…na ja, auf seine Weise eben, nicht auf die normale Weise auf die man das Wort ‚nett' eigentlich versteht, natürlich. Erneut prüfte Slaeth den Verband um ihren Knöcheln und Maev zuckte sichtlich zusammen, weil sie so plötzlich aus ihren Gedanken gerissen wurde. Er blickte sie fragend an. „Was ist los? Tut es wirklich so weh?" Maev war ihr plötzliches Zucken peinlich gewesen und deshalb nickte sie nur schnell und heftig.
„Ehm…Ja! Ja, es tut weh. Also nicht sehr weh, aber weh. Aber ich packe das schon. Ist schon in Ordnung." Schnell zog sie ihre Fuß weg, an welchem immer noch Slaeth warme Hand geruht hatte. Er schien verwirrt, beließ es aber dabei.
„Maev?" Sie fuhr hoch und trat dabei versehentlicher Weise erneut zu heftig auf ihren Knöchel auf und fluchte leise. Als sie sich herumdrehte blickte sie geradewegs in die Augen eines dunkelhaarigen Blutelfen, welcher sie mit einem Ausdruck von Wut und Missbilligung, aber auch Unglaube, anstarrte. Sie starrte zurück. Er trug eine lange dunkle Robe, welche sie definitiv als die ausmachen konnte, die der Elf im Sanktum getragen hatte, welcher Slaeth auf die Finger getreten war. Mimus. „Was machst du denn hier beim Sanktum?" fragte er sie in einem misstrauischen Ton. Sie setzte an, wusste jedoch nicht recht was sie ihm antworten sollte.
‚Hey, ich bin gerade in das Sanktum eingebrochen und habe ein sehr altes und wertvolles Buch entwendet, dabei habe ich mir wohl den Knöcheln verstaucht und deshalb sitze ich hier mit Slaeth, meinem Komplizen, den ich übrigens äußerst attraktiv finde.'
Den letzten Satz strich Maev gleich wieder. Sie fand ihn nämlich gar nicht attraktiv. Wie ihr diese Worte jetzt mal wieder in den Sinn gekommen waren, wusste sie überhaupt nicht. Kein bisschen. Ob sie ihm einfach die Wahrheit sagen sollte? Die würde er ihr sowieso nicht glauben, oder doch? Na ja, seitdem sie ihm das Schreiben gestohlen hatte wohl eher doch…also ausweichen.
„Das könnte ich dich doch wohl genauso fragen." Er blinzelte.
„Meine Sache." Sie schnippte mit dem Finger.
„Exakt. Meine Sache." Er schien verärgert aber auch irgendwie…na ja, schmerzlich darüber, sie so bald wieder zu sehen. Der Anblick tat wohl nicht nur ihm weh, auch Maev schmerzte es, ihren einstigen Geliebten unter diesen Umständen wieder anzutreffen. Und besonders schmerzte es, ihm all dieses Gemeinheiten und Lügen entgegen zu bringen. Das war nicht fair. Aber sie konnte es nun mal nicht ändern. Irgendwo weiter abseits stand eine hagere Gestalt, die Kibu zunächst für einen Jungen gehalten hatte, der sich jedoch als weitaus älter herausstellte. Oder doch nicht? Er hatte fuchsrotes Haar und blickte fragend zu Mimus, welcher ihm matt zulächelte.
„Und wen hast du da mitgebracht?" fragte Kibu neugierig.
„Meine Sache." Sie verdrehte entnervt die Augen.
„Sagst du mir heute auch noch mal etwas anderes, als bloß ‚meine Sache'?" Mimus machte einen Schritt auf sie zu und zischte.
„Hör zu, nach allem was du getan hast, musst du von mir nicht noch erwarten, dass ich dir mit Nettigkeiten und Freundlichkeit begegne, oder?" Ihre Selbstsicherheit verlor sich und sie nickte schwach nach anfänglichem Zögern. Slaeth hob eine Braue. Wer war der Kerl? Mimus bemerkte ihn plötzlich und nickte in seine Richtung.
„Und wen hast DU da aufgerissen?" Maev kam ins Stottern.
„Ich habe ihn n-nicht…nicht aufgerissen…das ist Slaeth. Ich hab ihn...gestern kennengelernt. Aber das ist, wie du ja schon so schön sagtest, meine Sache." Sie wirkte unsicher. Nein, sie wirkte nicht so, sie war es. Sie wusste wirklich nicht, wie sie sich Mimus gegenüber verhalten sollte. Erst recht nicht, wenn Slaeth dabei war und das Ganze beobachten konnte. Mimus seufzte und musterte Slaeth weiterhin aufmerksam.
„Also gut…hör zu...mach was du willst, ok? Es ist mir egal. Ich bin fertig mit dir." Er wollte sich zum Gehen umwenden als Maev noch einmal eins oben drauf setzte.
„DU bist fertig mit MIR? Jetzt sage ich DIR mal was, Mimus. ICH bin fertig mit dir. ICH habe das Schreiben. Und DU bist leer ausgegangen. Du bist fertig mit mir…ein guter Witz, ha! Du solltest besser gehen, ehe ich dir noch deine letzten Habseeligkeiten unter der Nase wegstehle." Ruckartig hatte er sich umgewand. Staunend, fassungslos über das, was sie gesagt hatte. Seine Faust war geballt, sein Lippen aufeinander gepresst, er sprungbereit.
„Was ist, willst du mir etwa wehtun? Oooh, na dann komm doch her." Sie winkte ihm herausfordernd zu, doch er schüttelte nur den Kopf und seine Faust löste sich wieder.
„Ich lasse mich nicht auf dein Niveau herab. Komm Rhunaion, wir gehen." Und damit ging er auch, dicht gefolgt von seinem kleinen rothaarigen Freund. Maev blieb zurück und Slaeth mit ihr.
Als er merkte, dass Maev immer noch hinter dem, schon längst verschwundenen Elfen herblickte trat er an ihre Seite und fragte leise: „Wer war das?" Maev schwieg. „Ist schon gut, wenn du nicht darüber reden willst." Die Worte kamen plötzlich.
„Mimus. Das war Mimus." Slaeth blickte erneut in die Richtung, in welche die beiden Elfen verschwunden waren.
„Aha, Mimus also…und wer IST Mimus?" Maev biss sich auf die Zunge. Sie wollte es nicht sagen. Sie wollte es IHM nicht sagen. Aber sie wusste, dass sie es tun musste, weil dieses Geheimnis sonst zwischen ihnen stehen und nur mehr Probleme als Nutzen verursachen würde.
„Er…" Slaeth blickte sie mitfühlend an. Aber er wartete auch auf eine Antwort.
„Mimus war meine erste große Liebe." Sein Gesicht verriet mehr als tausend Worte und als Maev sich zum Gehen umwand, um nicht sofort in Tränen auszubrechen blieb Slaeth stehen und sah ihr weiterhin nach. Doch zurück blieb nicht nur Slaeth sondern auch ein Chaos an Gefühlen, welches Maev in dem schwarzhaarigen jungen Dieb ausgelöst hatte…
