Kapitel 20
Maevs PoV
Maev war, nachdem sie Slaeth von Mimus erzählt hatte, in die Taverne geflüchtet. Sie WOLLTE einfach nicht mit ihm darüber reden, was damals passiert war. Sie konnte es nicht. Allein die Erinnerung daran, dass sie Mimus bestohlen hatte und dass er sie nun hasste beschwor einen dicken Klumpen in ihrer Kehle herauf. Hätte er nur die Beweggründe für ihre Taten gekannt, hätte er sie nur ein einziges Mal danach gefragt, anstatt sie direkt zu verurteilen. Aber hätte sie es ihm denn auch gesagt? Hätte sie ihm ihre Gründe offenbart? Hätte sie die Wahrheit sagen können? Nein! Maev würde ihm niemals die ganze Wahrheit über diese Nacht erläutern können. Es war geschehen und was geschehen war, konnte nicht ungeschehen gemacht werden. Sie hatte ihn bestohlen, den ersten Mann, den sie jemals geliebt hatte. Und den einzigen. Es war zu spät. Sie hatte in dieser Nacht einen nahezu irreparablen Fehler begangen und egal wie gerne und gut sie ihn zu erklären versucht hätte, Mimus hätte ihr nicht verzeihen können. Sie hatte sein Vertrauen missbraucht. Und jetzt musste sie Slaeth auch noch davon erzählen. Ausgerechnet IHM. Als wäre es nicht schon schlimm genug. Sie wollte es nicht, sie konnte es nicht. Er war ein netter Kerl und sie mochte ihn wirklich, auch wenn er es immer wieder schaffte, sie zur völligen Weißglut zu treiben. Aber sie wollte nicht mit ihm über Mimus sprechen. Es brach ihr nahezu das Herz. Vielleicht war es auch einfach die Blöße, die sie sich durch das Zugeben ihrer Gefühle gegenüber Slaeth, geben würde. Das durfte sie einfach nicht. Sowieso hätte er sie ja nur ausgelacht. Liebe. Das musste ein Fremdwort für den Dieb sein. Liebe. Als ob er wüsste, was dieses Wort bedeutet. Verführung, Lust und Erotik, ja, das waren Wörter, die in Slaeths Wortschatz mit tödlicher Sicherheit zu finden waren, aber Liebe? Nein, nie im Leben. Bei dem Gedanken, dass Slaeth schon einmal verliebt gewesen war, schnaubte Maev und schüttelte den Kopf.
„Im Leben nicht! Ich wette, er weiß noch nicht einmal, wie das Wort Liebe überhaupt buchstabiert wird!" Damit warf sie sich zurück auf ihr Bett und starrte an die Decke. Sie musste etwas unternehmen. Es konnte einfach nicht so weitergehen. Sie lief Mimus viel zu oft über den Weg und gerade jetzt war genau das gefährlich. Es setzte die Beziehung zu Slaeth auf eine harte Probe. Die geschäftliche Beziehung natürlich. Geheimnisse und spionierende, belogene Ex-Geliebte passten da gerade nur ganz schlecht in ihr Konzept. Sie benötigte Slaeths gesamtes Vertrauen für diese Sache, sonst würden sie früher oder später noch geschnappt werden. Und das Problem mit Taleb… nun, das hatte sie sich auch aus den Füßen geschafft. Sie hatte ihm eine Nachricht zukommen lassen und das Schreiben an ihn ausgehändigt. Dann hatte sie ihm gesagt, dass er sie ‚mal kreuzweise könne' und hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass sie aus der Sache raus sei und niemals wieder auch nur einen Auftrag für diesen schleimigen Kerl übernehmen würde. Denn was hatte er ihr schon gegeben? Bisher war es nur ein Nehmen seinerseits gewesen, nichts weiter. Maev seufzte. Sie hatte sich von ihm täuschen lassen. Durch ihren Hass und ihre Trauer war sie blind gewesen und auf seine faulen Tricks herein gefallen. Wie konnte man nur so dumm sein, sie wusste es nicht. Und das, wo ihr doch ihr scharfer Verstand mehrmals gesagt hatte, sie solle die Finger von derartigen Sachen lassen. Aber nein, sie hatte nicht hören wollen und jetzt durfte sie dafür fühlen. Das Leben war noch nie gerecht gewesen und würde es für Maev wohl auch niemals sein, irgendwie gewann sie da immer mehr an Gewissheit…
Mit einem schweren ‚Plump' fiel das Buch auf das Bett neben Maev und riss sie aus ihrem Schlaf. Irgendwie hatte sie es geschafft, sich durch ihre Massen an Gedanken in den Schlaf zu denken. Eine seltsame Vorstellung. Und jetzt hatte man sie apruppt und äußerst unsanft aus diesem traumlosen Schlaf gezerrt. Sie öffnete die Augen, ihre Hand an ihrem Dolch und blinzelte in die plötzliche Helligkeit um sie herum. Was sie sah waren zwei paar grüner Augen, welche in ihre blickten und ein breites Lächeln darunter. Slaeth. Er war also zurück und er hatte sie, nicht gerade auf die sanfte Art, geweckt.
„Ah, du bist ja wach." Schmunzelte er.
„Ja, jetzt…" Grummelte Maev und ließ ihren Dolch wieder los. „Gratulation, du hast es geschafft, mich aus dem bisschen Ruhe, was mir am Tag so bleibt, zu zerren." Ihr Blick war ärgerlich und sie machte keine Anstalten sich von ihrem Schlafplatz zu erheben.
„Hey, tut mir wirklich leid." Mit diesen Worten machte er einen eleganten Satz und kam auf Maev zum liegen. „Wenn du möchtest, können wir zwei ruhig noch ein wenig hier bleiben." Grinste er ihr frech entgegen. Maevs Herz hatte einen Schlag ausgesetzt und raste nun förmlich. Entgeistert stieß sie ihn von sich weg.
„Runter von mir! Sofort! Spinnst du?" Slaeth landete mit einem unsanften Rums auf dem Boden neben dem Bett als Maev aufgesprungen war und Slaeth von sich gestoßen hatte. Maulend rieb er sich seinen Po.
„Man, du musst auch immer gleich übertreiben…"
„Was fällt dir eigentlich ein?!" Maev war immer noch entgeistert und schrie aus Leibeskräften, sodass Slaeth gar nicht anders konnte, als sie fassungslos anzustarren. Was war bloß los mit ihr? Immer noch raste ihr Herz wie verrückt. Aber das war wahrscheinlich nur, weil sie immer noch nicht völlig wach gewesen war und er sich einfach so auf sie hatte fallen lassen. Ja, genau so musste es sein. Der Kerl hatte sie doch nicht mehr alle. Dieserlei Späße konnte er sich vielleicht mit seinen Dirnen und sonstigen Verehrerinnen erlauben, aber nicht mit ihr. Nicht mit Maev!
„Hey, ist ja gut. Ich wusste ja nicht, dass du so empfindlich auf Berührungen reagierst. Wenn du mich vorher gewarnt hättest, dann wäre ich sicherlich nicht auf diese Idee gekommen. Mein armer Hintern!" Immer noch rieb er an der Stelle, wo er auf den Boden gestürzt war. Maev beruhigte sich langsam wieder und stand da, halb verschlafen, halb wach und sah ihn an.
„Mach das nie wieder, klar?" Er nickte.
„Ja. Tut mir leid." Sie nickte und drehte sich weg.
„Hey, alles klar? Das war doch jetzt wirklich nicht so schlimm, komm schon." Er trat zu ihr hinüber und berührte sie sachte am Arm. Maev schluckte. Wieso musste er sie immer betatschen? Konnte er nicht einfach einmal aufhören damit, sie ständig anzufassen? Das verunsicherte sie.
„Ist schon gut!" Schnell zog sie ihren Arm weg und trat wieder hinüber zum Bett. „Alles prima. Aber hör einfach in Zukunft auf damit, in Ordnung?" Er schwieg mit geöffnetem Mund, wollte wohl etwas erwidern, schloss ihn dann aber wieder und nickte.
„Ist gut." Sie deutete auf das Buch.
„Also? Wie sieht's aus?" Fragte sie, ohne ihren Blick von Slaeth zu wenden, welcher sich scheinbar unwohl darunter fühlte und nervös von einem Bein auf das andere trat.
„Wie, ‚wie sieht's aus'?"
„Na, wie es aussieht eben. Hast du was herausgefunden oder bist du auf einen Hehler gestoßen, der es haben will?" Er gewann seine Fassung wieder und nickte.
„Ja… also, nein." Maev sah ihn verwirrt an.
„Was denn nun?"
„Jein." Die junge Diebin runzelte die Stirn.
„Ah. Sehr informativ." Slaeth schnitt eine Grimasse.
„Dann lass mich eben ausreden. Also ich habe mit einer jungen Frau gesprochen, die sich mit Magie und dergleichen auskennt und sie sagte mir, das Buch sei… nein anders. Sie wusste eigentlich gar nicht, dass es ein Buch ist. Ich habe sie belauscht, als sie mit diesem Mimus geredet hat."
„Mimus?" Maev wurde hellhörig und der Kloß in ihrem Hals war wieder da. Slaeth schnitt eine Grimasse.
„Ja, Mimus. Sie sagte…"
„Wer war diese Frau?" Interessiert und mit einem Anflug von Unruhe auf den ebenmäßigen Zügen blickte Maev zu Slaeth.
„Das ist doch jetzt egal, sie hat also gesagt, dass…"
„Das ist mir ganz und gar nicht egal. Wer war sie?" Maevs Tonfall wurde schärfer und ihre Stimmlage mindestens eine ganze Oktave höher. Slaeth zog die Brauen hoch und eine Falte erschien dazwischen.
„Ist ja gut… also Ihr Name ist Kibu und sie…"
„Was?" Maev war fassungslos. Slaeth seinerseits verdrehte die Augen und fuhr sie barsch an.
„Jetzt lass mich doch mal ausreden, Maev!" Sie wiederum verstummte zwar, ballte allerdings die Hände zu Fäusten, als der Dieb fortfuhr. „Sie hat also gesagt, das Buch sei sehr gefährlich und definitiv sehr viel wert. Wenn es in die falschen Hände geriete, dann, weiß Gott, was passieren würde. Deshalb… werden wir jetzt einen hochrangigen Schattenmagier ausfindig machen, dem wir dieses Buch zu einem, na ja, nennen wir es, Spottpreis, verkaufen werden." Er lachte verschlagen, doch Maev schwieg weiterhin, sah ihn nur zornig an. Als er ihren Blick bemerkte verstummte der junge Dieb. „Was ist denn los?"
„Kibu."
„Ja und? Was ist mit ihr?" Maev lachte emotionslos.
„Ach nichts weiter. Nur, dass sie meine Schwester ist, nahezu banal, nicht wahr?" Sie lachte immer noch hohl und verstummte dann mit einem Mal. Slaeths Gesicht sprach Bände und er schien seine Fassung beinahe gänzlich zu verlieren.
„Kibu. Ist deine Schwester. Kibu. Deine Schwester. Deine Schwester?"
„Ja." Er schüttelte fassungslos den Kopf.
„Das gibt es doch nicht."
„Siehst du doch."
„Ihr seid ja ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„NA HERZLICHEN DANK AUCH!" Brüllte Maev und Slaeth verstummte abermals. Nach einer langen Pause sah er wieder zu ihr hoch und murmelte kleinlaut: „Tut mir leid?" Maev schnaubte.
„Ja, dir tut es leid. Wie immer. Natürlich. Kannst du nicht vielleicht mal vorher über gewisse Dinge, die du sagst, nachdenken, ehe du sie aussprichst? Du gehst mir gewaltig auf die Nerven!" Er sah schuldbewusst zu Boden.
„Ich meinte das doch gar nicht so. Ich meinte nur, weil sie so magiebewandert ist und du überhaupt nicht. Und weil… Na ja, weil sie eine richtige Dame ist und du…" Er brach ab als er ihren Blick sah und Maev die Arme vor der Brust verschränkte.
„Ein kleines Mädchen?" Er zögerte, dann nickte er erneut und schwieg. Maev schnaubte. „Dann werde ich dir jetzt mal zeigen, was dieses kleine Mädchen alles kann. Komm mit." Sie nahm das Buch und ihre Habe und verschwand nach unten. Slaeth folgte ihr schnell…
…und prallte gegen Maev.
„Heeey, was ist denn jetzt schon wieder… oh!" Vor ihnen hatten sich zwei Männer postiert, der eine mit feuerrotem langen Haar, der andere mit einem braunen Zopf. Maev schluckte.
„Ehm… dürften wir bitte durch?" Der Braunhaarige stieß heftig die Luft aus.
„Wovon träumst du nachts?" Sie startete einen neuen Versuch.
„Ich wüsste keinen Grund, warum ihr uns hier festhalten solltet." Ein dumpfes Lachen erklang als Mimus auf das Päckchen unter Maevs Arm deutete.
„Ich aber. Gib es mir und du kannst durch, nichts wird passieren und von mir aus lassen wir dich und deinen jämmerlichen kleinen Freund laufen." Sie verbarg das Paket hinter ihrem Rücken, steckte es unauffällig hinein in ihren Rucksack.
„Und wenn ich es nicht tue?" Mercredias lachte.
„Meinst du wir könnten es uns nicht holen?" Mimus sah sie scharf an und Maev blickte verstohlen zu Slaeth.
„Na ja, ich weiß nicht…" Mimus' Hand schnellte vor, um Maevs Rucksack zu packen.
„Jetzt hör schon auf mit den Spielchen, das ist kein Spaß!" Slaeth schlug seine Hand zur Seite.
„Hey, Freundchen. Griffel weg, sonst setzt es was." Mercredias schmunzelte.
„Sagt wer?"
„Sage ich."
„Oh ja, das sehe ich. Ein armer Straßendieb. Wie heldenhaft." Maev sah, wie Slaeths Mund immer schmaler wurde.
„Pass ja auf, was du sagst, mein Freund, es könnten deine letzten Worte gewesen sein." Mercredias lachte schallend.
„Ein guter Witz." Dann wurde er wieder ernst. „Wobei ihr beiden wohl kaum in der Situation seid, Witze zu machen." Slaeth knurrte.
„Oh, der Straßenköter wird wütend."
„Hüte deine Zunge." Grollte Slaeth Mercredias an. Wieder lachte der rothaarige Magier nur. Maev war sich der Lage bewusst. Vor ihr stand Mercredias, ein angesehener Magier des Hauses Andilien. Daneben Mimus, der wohl seit neustem immer mehr Zeit im Sanktum der Hexenmeister verbrachte, was darauf schließen ließ, dass er Schwarze Magie beherrschte… zumindest ein Wenig vielleicht. Sie sollten besser sehen, dass sie irgendwie entkommen konnten, denn sonst war ihre Situation ausweglos. Es sei denn, sie würde ihnen das Buch übergeben. Aber das würde sie mit Sicherheit nicht. Da ließe sie sich lieber von den beiden dazu zwingen, als es freiwillig auszuhändigen und sie zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass sie es tun würden, wenn sie das Buch nicht herausgab.
Slaeth hatte in der Zwischenzeit seinen Dolch gezückt und auch Mercredias sah sprungbereit aus. Als die Situation zu eskalieren drohte reagierte Maev instinktiv und trat dem Magier heftig auf den Fuß und der Absatz ihrer Stiefel bohrte sich in den dicken Stoff seines Schuhwerkes. Er schrie mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und Maev rannte los. Mimus versuchte noch sie festzuhalten, geriet allerdings ordentlich ins Wanken, als Slaeths Faust in seiner Magengegend landete. Wie zwei Kaninchen schlugen Maev und Slaeth einen Haken und waren auch schon aus der Taverne verschwunden.
„Lauf!" Brüllte er ihr zu und zog sie in seinem Sprint hinter sich her.
„Was denkst du was ich vorhabe!" Rief sie bloß zurück und versuchte mit Slaeth mitzuhalten. „Wohin rennst du denn?" Fragte sie, nach Luft schnappend, als sie den Sonnenzornturm erreichten.
„Wirst du gleich sehen." Erwiderte er und stolperte die Anhöhe hinauf, seine Hand ausgestreckt, um die Kugel des Transmitters zu berühren, welcher sie unverzüglich in die Ruinen von Lordaeron teleportieren sollte.
Maev überkam eine leichte Übelkeit, als die Welt um sie herum zu explodieren drohte. Gleißende Lichter und Helle Blitze zogen sich um sie herum zusammen und schienen sie nach vorne zu ziehen, hinein in einen Strom von Wind. Und dann stand Maev… wobei sie eher taumelte. Slaeth fing sie auf und sah sie an.
„Alles in Ordnung, Kleines?" Sie nickte nur, immer noch perplex, was soeben geschehen war.
„Wo sind wir?" Murmelte sie. Slaeth strich ihr kurz über die Wange und zog sie an der Hand weiter, allerdings etwas langsamer als zuvor.
„Das war gar nicht mal so unübel für ein kleines Mädchen." Schmunzelte er. Maev grummelte leise. „Wir sind in den Ruinen von Lordaeron. In Unterstadt, der Hauptstadt der Verlassenen."
„Verlassene? Wie sind wir hier hingekommen, was war das gerade?" Fragte sie völlig verwirrt.
„Nun, wir haben uns teleportiert. Und zwar nach Unterstadt, das war die nächste Stadt, die wir erreichen konnten, um zu flüchten. Und jetzt werden wir nach Brill gehen. Komm mit."
„Brill? Wo liegt das?"
„Nicht sehr weit von hier. Vertrau mir einfach." Seine Stimme war weich und er lächelte über ihre Verwirrung. „Wir werden erst einmal dort untertauchen müssen, es ist eigentlich relativ gemütlich für eine Stadt der Verlassenen." Er warf ihr einen Blick zu. „Hast du schon einmal einen Teleporter benutzt?" Maev schüttelte den Kopf und langsam verflog ihre Übelkeit.
„Nein. Ich glaube ich vertrage das nicht." Slaeth lächelte.
„Ach das kommt mit der Zeit. Mir ging es am Anfang auch nicht anders. Es ist sehr ungewohnt, besonders, wenn man in einer Hetzjagd hineingerät." Leise lachte er und Maev begann alles allmählich zu realisieren und wurde sich ihrer Unwissenheit bewusst. Sie errötete und kam sich unwahrscheinlich klein und dumm vor. Sie kannte weder Unterstadt, noch Brill, noch hatte sie jemals einen Teleporter gesehen, geschweige denn benutzt. Sie hatte ja gewusst, das Slaeth ein Herumtreiber war, aber dass er bereits SO viel herumgekommen war, das faszinierte sie. Würde sie bald auch so viele Städte und Dinge der Welt kennen lernen durch ihn? Irgendwie kam sie sich seltsam dabei vor, wenn sie sich vorstellte, dass sie demnächst mit diesem Mann würde reisen müssen. Nicht, dass er ihr nicht gefiel, aber es war dennoch eine seltsame Vorstellung. Slaeth und sie. Sie und Slaeth. Das Diebespärchen, in Azeroth gefahndet, bestraft mit der Höchststrafe und auf der Flucht. Je öfter und lebhafter sie sich die Gerüchte und Geschichten ausmalte, wie sie und Slaeth von allen gejagt auf der Flucht waren und untertauchen mussten, desto interessanter fand sie sie mit einem Mal. Wieso eigentlich nicht. Sie verstanden sich doch eigentlich recht gut. Bis auf dass er sie ständig irgendwie aufregen musste. Aber das würde sie ihm schon noch austreiben.
Endlich kamen sie an einem verfallenen Dorf an, welches mitten in der grauen Einöde des Silberwaldes lag. Die Häuser waren halb verrottet, das Holz verfault und die Einwohner Untote, halb verwest, einige sogar gänzlich konserviert. Es lag ein stinkender Geruch in der Luft und hier und da stieg grüner Qualm auf, welcher ohne Zweifel von irgendwelchen fauligen Überresten stammte, die einfach so irgendwo liegen gelassen worden waren. Die Häuser sahen aus wie Bruchbuden, baufällig und als würden sie jeden Moment zusammenstürzen. Die Wege waren schlammig und voller Abfall und Getier. Spinnenweben hingen überall, genauso wie Moder und übrig gebliebene Gliedmaßen. Und hier sollten sie leben? Maev unterdrückte einen Würgereiz, als eine Madenstraße vor ihr über den Weg glitschte.
„Das ist… widerlich!" murmelte sie und Slaeth zog sie mit, trat, ohne der Straße weitere Beachtung zu schenken, einige der Maden platt und grinste als sie an die Pforte der windschiefen Taverne kamen.
„Herzlich Willkommen in Brill. Hier werden wir für die nächste Zeit wohnen, also mach es dir schon mal gemütlich, Schatz!"
