Siege und Verluste
Ein plötzlicher blauer Lichtblitz erschien und Lily spürte einen dumpfen Schmerz, als sie unsanft auf hartem Stein auftraf. Einen Moment lang blieb sie liegen und hielt die Augen geschlossen, bis sie Colins fröhliche Stimme vernahm.
„Dormy!", rief er und drückte seinen Haustierdrachen, der sie heute dreimal gerettet hatte, an sich.
„Lily", erklang plötzlich eine andere entsetzte Stimme, denn während Lily, Colin, Eric und Dormy mitsamt ihrer Sachen (Sogar Erics aufgeribbelter Umhang lag neben ihnen.) wieder wohlbehalten im Korridor von Hogwarts angekommen waren, schienen sich die Viertklässler gerade von ihrer Stunde Zauberkunst auf zum Mittagessen gemacht haben zu wollen.
Lilys Bruder Albus und ihre Cousine Rose standen mit fassungslosen Gesichtern auf sie hinab, während sich hinter ihnen eine Traube an Schülern bildete, die sich nach und nach alle zu ihnen nach vorn drängelten, um auch einen Blick auf sie zu erhaschen. Lily errötete.
Alle Viertklässler starrten sie an, sogar die Slytherins beäugten sie argwöhnisch. Sie erkannte Scorpius Malfoy in der Menge dicht hinter Rose, dem offensichtlich einmal jede Gemeinheit im Halse stecken blieb.
Dann jedoch erschien jemand, den Lily in dieser Situation am wenigsten hätte treffen wollen.
„Aus dem Weg", blaffte eine genervte Stimme die Viertklässler an, „Bei Merlin. Was ist denn los mit euch? Nicht trödeln!"
In weiser Voraussicht erhob Lily sich nun endlich vom steinernen Fußboden, um Professor Baddock aufrecht gegenüber zu stehen.
„Miss Potter", schnaubte er verächtlich und beäugte sie von oben bis unten.
Lily wusste, dass sie nicht gut aussah. Ihre Kleidung war durch die Abenteuer in der Spiegelwelt mehr als mitgenommen worden. Zusätzlich klebte etwas Morungorkot auf ihrem zerschlissenen Umhang. Auch Eric und Colin erhoben sich.
„Mr Bedloe, Mr McKinnon", schnauzte Professor Baddock.
„Mitkommen! Sofort! Und Sie!", wandte er sich an die Viertklässler, „Gehen Sie zum Mittagessen!"
Die Viertklässler ließen sich das nicht zweimal sagen und zogen von dannen, nicht jedoch ohne sich mehrmals nach Lily, Colin und Eric umzusehen.
Lily, Eric und Colin folgten Professor Baddock, auch wenn sie sich fragten, wohin er sie führen würde, doch nachdem sie viele Treppen hinaufgestiegen waren und sie sich offenbar im siebten Stock befanden, wusste Lily genau, wohin es für sie ging. Sie war zwar nie zuvor dort gewesen, dennoch kannte sie das Schulleiterbüro nur zu gut aus James' Erzählungen, der es bereits in seinem ersten Jahr hatte besuchen müssen.
„Sonnengelb", sagte Professor Baddock mürrisch zu einem Wasserspeier, der daraufhin eine sich aufwärts windende Wendeltreppe freigab.
Hinter Professor Baddock her stiegen sie ebendiese Treppe hinauf und gelangten in einen runden Büroraum, dessen Tür weit offen stand.
„Branton, sehen Sie! Ich habe diese Schüler soeben auf dem Korridor im dritten Stock vorgefunden. Wahrscheinlich haben sie versucht die Streiche von McKinnon und Thomson weiterzuführen."
Professor Baddock hatte zu sprechen begonnen, bevor Professor Wennell überhaupt für Lily in Sichtweite getreten war, doch als sie näher kamen, erkannte sie, dass in Wennells Büro weitaus mehr Leute anwesend waren.
„Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, Mr Potter, dass ihre Tochter an den Anschlägen um Hogwarts beteiligt war."
Lily öffnete sofort den Mund, um Baddock etwas entgegenzusetzen, schloss ihn jedoch direkt, als sie sah, dass ihr Vater nur den Kopf schüttelte.
„Also das glauben Sie doch wohl selbst nicht, Malcolm, dass Potters Tochter etwas mit den Anschlägen zu tun hat", fiel ihm Professor Crouch ins Wort.
Ihre Stimme klang empört über diese haltlose Anschuldigung und Lily war ihr zutiefst dankbar, dass sie sich für sie einsetzte, ohne genau zu wissen, was vor sich gegangen war.
„Wie wäre es", schlug ein groß gewachsener schwarzer Zauberer vor, den Lily als den amtierenden Zaubereiminister Kingsley Shacklebolt kannte, „wenn wir uns zunächst einmal Miss Potters Version der Geschehnisse anhören würden."
Lilys Vater nickte beipflichtend und Professor Crouch beschwor für sie alle Stühle herauf, sodass sie sich setzen konnten. Lily nahm dies als Zeichen, dass sie nun beginnen konnte und man ihr zuhören würde, weshalb sie die Initiative ergriff und anfing von sämtlichen Anschlägen zu berichten, die in den letzten Monaten auf Hogwarts passiert waren, wie sie herausgefunden hatte, wer oder was dahinter steckte, und sie schlussendlich den Spiegel der Rache gefunden und ihn betreten hatten. An dieser Stelle schlug ihr Vater nur die Hände über dem Kopf zusammen, unterbrach sie jedoch nicht, denn sie erzählte, wie das Innere der Spiegelwelt ausgesehen hatte und wen sie dort vorgefunden hatten.
„Also so etwas braucht wirklich exzellente Magie, großartiges Können", staunte Professor Cauldwell, nachdem Lily beschrieben hatte, wie der Spiegel der Rache konstruiert worden war.
„Er war zweifellos ein talentierter Schüler, Mr Walker", fügte er hinzu.
„Was heißt hier „war"?", fragte Colin, „Wir haben ihn nicht umgebracht!"
„Wie sind Sie wieder entkommen?", fragte Professor Crouch interessiert.
Lily begann den Rest der Geschichte zu erzählen, von der Flucht vor dem Morungor bis zur Explosion des Brunnens.
„Sie werden ihnen diese haarsträubende Geschichte doch nicht etwa glauben?", fuhr Baddock dazwischen.
„In der Tat klingt das alles ein wenig frei erfunden", sagte Professor Longbottom und Lily traute ihren Ohren kaum, „Aber selbst Sie müssen zugeben, dass es einfach alles passt."
„Es passt, weil die drei es passend gemacht haben!", empörte sich Baddock, doch Neville schüttelte den Kopf.
„Woher um alles in der Welt sollte einer der Schüler an Morungornebel, -blut oder -rauch kommen?", wies er ihn zurecht.
Darauf fiel Baddock keine Antwort mehr ein und er schwieg mürrisch.
„Ich möchte mir den Spiegel einmal ansehen", sagte Kingsley Shacklebolt, „Wenn Sie mich begleiten würden?"
Er wandte sich an die umher stehenden Lehrer.
„Geben wir Mr Potter einen Moment allein mit seiner Tochter und Sie beide. Wie sind Ihre Namen?", fragte Kingley Shacklebolt.
„Eric Bedloe", sagte Eric, der keinen Schimmer hatte, wem er soeben gegenüberstand.
Colin dagegen lief puterrot an und stammelte seinen Namen so leise, dass man ihn kaum verstand.
„Nun, gute Arbeit, Jungs! Aber nun gehen Sie zu Madame Longbottom in den Krankenflügel und lassen Sie sich von ihr durchchecken."
Colin und Eric nickten und winkten Lily kurz vorsichtig zum Abschied, bevor sie mit der Traube an Lehrern das Schulleiterbüro verließen und Lily allein mit Harry zurückblieb.
„Wie um alles in der Welt, Lily - Wie? - soll ich das deiner Mutter beibringen?", fuhr ihr Vater sie an.
Lily sah ihn einen Moment schweigend an und hob dann nach einiger Zeit ratlos die Schultern. Sie versuchte den unschuldigsten Blick aufzusetzen, den sie sich von James abgeschaut hatte, doch ihr Vater ließ sich davon nicht beeindrucken.
„Hatten wir nicht letztes Jahr erst ein Gespräch darüber, dass du zuerst mit uns reden sollst, bevor du dich unnötig in Gefahr begibst?", fragte er sie streng, doch noch bevor Lily antworten konnte, vernahm sie aus einem der Porträts, die an der Wand hingen ein verächtliches Schnauben.
Lily hatte den Raum bisher kaum wahrgenommen, doch die Wände waren über und über bedeckt mit Porträts der ehemaligen Schulleiter von Hogwarts und das verächtliche Schnauben kam aus dem Porträt eines genervt aussehenden Zauberers mit fettigen schwarzen Haaren und einer langen Hakennase.
„Potter", knurrte seine ölige Stimme, „Wie kommt es, dass ich Ihren heuchlerischen Erziehungsstil ertragen muss?"
Harry sah auf zu dem Porträt und es schien Lily so, als lieferten sich das Porträt und ihr Vater ein Blickduell, bei dem ihr Vater schließlich nachgab und sich wieder Lily zuwandte.
„Ich bin froh, dass es dir gut geht", sagte er und zog sie in einer Umarmung an sich.
Obwohl Lily darauf bestand, dass ihr nichts fehlte, ließ ihr Vater sich nicht beirren, dass auch sie den Krankenflügel aufsuchen sollte. Zum Glück ließ Madame Longbottom sie recht schnell wieder gehen. Das Mittagessen hatte sie damit trotzdem verpasst. Ihre Stunde Verwandlung am Nachmittag entfiel und zurück im Gemeinschaftsraum erfuhr Lily, dass keiner der Lehrer mit Ausnahme von Professor Baddock am heutigen Tage Unterricht gehalten hatte, sodass sie nichts verpasst hatten. Der Gemeinschaftsraum war vollkommen überfüllt und durch die Viertklässler, die mitbekommen hatten, wie Lily, Colin und Eric aus dem Spiegel der Rache herausgeschleudert worden waren, wusste bereits das ganze Schloss mehr oder weniger, was passiert war. So mussten die drei zunächst Rede und Antwort stehen.
„Stimmt es, dass ihr den Spiegel der Rache gefunden habt?", fragte Max Fry sofort und Lily war Colin sehr dankbar, dass er sich erbarmte, die Geschichte jedem zu erzählen, der sie hören wollte.
Am Abends kehrten dann auch endlich Oliver McKinnon und Steven Thomson in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors zurück. Laut Olivia Abbott hatte man sie im Klo der Maulenden Myrtle gefunden, doch mit Ausnahme der Tatsache, dass sie sich an nichts erinnerten, schien es ihnen gutzugehen. Lily war gespannt, was jetzt passierte. Die Tatsache, dass sein Bruder sich selbst in Gefahr gebracht hatte, nur um ihn zu retten, musste doch irgendetwas in Oliver ausgelöst haben. Doch Oliver warf ihnen nur einen kurzen Blick zu, bevor er dann rasch in seinem Schlafsaal verschwand.
„Meint ihr, dass wir morgen Unterricht haben?", fragte Eric, wohl um die beiden abzulenken.
Seine Frage beantwortete sich am nächsten Morgen beim Frühstück.
„Trotz der jüngsten Vorkommnisse", sprach Professor Wennell und warf dabei einen Blick zum Gryffindortisch, ganz besonders zu dem Ende, an dem Lily, Colin und Eric saßen, „Wird der Unterricht nach wie vor normal fortgeführt. Es wird nun keine weiteren Anschläge mehr geben. Sie können also alle unbesorgt sein. Bereiten Sie sich also nun bitte bestmöglich auf die Prüfungen vor. Das sollte hoffentlich der Grund sein, warum sie hier sind. Von meiner Seite aus wünsche ich euch dafür viel Erfolg."
Ein paar Schüler klatschten müde. Zwar waren fast alle über Wennells Worte enttäuscht, dennoch hatten sie nichts anderes erwartet. Seine Reaktion war keine Überraschung gewesen. Die einzige, die sich vermutlich über die bevorstehenden Prüfungen freute war Rose.
„Unfassbar", beschwerte sich Colin, als sie auf dem Weg zu Verwandlung waren, „Da retten wir die Schule und niemand dankt uns dafür?"
„Wenigstens sind wir noch am Leben", belehrte ihn Eric, doch das sorgte eher dafür, dass Colins Laune noch weiter sank.
„Colin", erklang da plötzlich eine Stimme hinter ihnen.
Alle drei wandten sich um. Es war Oliver mit Steven im Schlepptau.
„Wir wollten nur danke sagen", sagte er und Steven nickte beipflichtend, „Dafür, dass ihr versucht habt, uns zu retten."
„Und wir haben euch etwas mitgebracht", sagte Steven und holte etwas aus seiner Tasche heraus.
Es waren drei nett verpackte Päckchen mit je drei Schokofröschen und Kesselkuchen.
„Danke", sagte Colin und nahm das Geschenk an, warf seinem Bruder jedoch einen misstrauischen Blick zu.
„Danke", sagten auch Lily und Eric.
Eine Zeit lang standen sie sich ein wenig unbehaglich gegenüber, bis Steven schließlich einfiel, dass sie dringen zu Muggelkunde mussten.
Die nächsten Tage und Wochen nutzten die drei schließlich, um sich wie alle anderen Schüler auch auf ihre Prüfungen vorzubereiten. Das Gute daran war, dass die meisten zwar an der Geschichte über den Spiegel der Rache interessiert waren, allerdings keine Zeit fanden, sie darüber auszufragen.
Lediglich James tadelte sie dafür, dass sie schon wieder Ruhm ohne ihn eingeheimst hatte, woraufhin Gracie Connor im Hintergrund nur den Kopf schüttelte.
Auch Emma Bennett wurde kurz vor den Prüfungen wieder aus dem Krankenflügel entlassen, war dadurch jedoch in einem Zustand hellster Aufregung. Zunächst konnte sie es kaum fassen, dass Lily, Colin und Eric den Spiegel der Rache gefunden und ihn zerstört hatten, dann fiel ihr jedoch ein, dass sie bisher für kein einziges Fach wirklich gelernt hatte und hüpfte eiligst in die Bibliothek.
Als die Wochen der Lernerei vorbei waren, waren alle erleichtert. Wenig später erfuhren sie, dass sie es alle mehr oder minder recht oder schlecht durch die Prüfungen geschafft hatten. Guter Laune verbrachten sie die restliche Zeit, die ihnen noch auf Hogwarts blieb, draußen in der warmen Sommersonne am See.
Überhaupt hatte sich Hogwarts in der letzten Zeit beruhigt. Seit der Spiegel der Rache verschwunden war, hatte es keine Angriffe mehr auf den Gängen gegeben. Die Schulbücher waren irgendwann von einem Hauselfen in der Küche entdeckt worden und nach und nach trudelten auf Hogwarts Eulen mit frischen Ausgaben von Die neusten Entdeckungen bisher unbekannter fantastischer Tierwesen ein.
„Gegen das Vieh hast du gekämpft? Komm schon, Potter. Wer soll dir das glauben?", hatte Nott vor ein paar Tagen nach Kräuterkunde gesagt, doch Lily hatte ihn ignoriert.
Sie hatte nie behauptet, dass sie gegen irgendetwas gekämpft hatte, aber wenn Nott das glauben wollte, würde sie ihn keines Besseren belehren.
„Was Walker jetzt wohl macht?", fragte Eric mit einem breiten Grinsen und riss Lily damit aus ihren Gedanken.
Überraschend fiel ihr auf, dass sie seit ihrer Flucht aus der Spiegelwelt keinen einzigen Gedanken mehr an Walker verschwendet hatte. Auch der Tagesprophet hatte nichts von ihm berichtet.
„Hoffentlich sitzt er einfach in seiner Zelle und langweilt sich", murmelte Colin, „Ich denke ja, er bereut es inzwischen, nicht einfach ausgebrochen zu sein, als er die Chance dazu hatte. Auf jeden Fall sollten die über ihre Sicherheitsvorkehrungen Gedanken machen."
Lily runzelte die Stirn. Colin hatte Recht. Doch jetzt, wo sie darüber nachdachte, kam es ihr schon ein wenig seltsam vor, dass auch der Tagesprophet absolut gar nichts über Walker berichtete.
Auf einmal erkannte sie Emma, die aus der Ferne fröhlich zu ihnen hinüber hüpfte und sich neben ihnen im Gras niederließ.
„Warum bist du so fröhlich?", fragte Lily.
„Ich habe alle Prüfungen mit Bestnoten abgeschlossen", erklärte sie freudestrahlend.
„Herzlichen Glückwunsch!", sagte Colin und schenkte ihr ein Lächeln.
Auch Lily und Eric gratulierten ihr. Offenbar war es ihr wichtig, auch wenn sie nicht genau verstand, wie man so viel Motivation zum Lernen aufbringen konnte. Lily, Colin und Eric hatten auch ganz gut abgeschnitten, aber sie alle waren weit davon entfernt gewesen in jedem Fach die höchste Punktzahl zu erzielen.
„Mir graut es schon davor, nächstes Jahr noch mehr Fächer zu haben", beschwerte sich Colin.
„Wenn ihr es mit einem Morungor aufnehmen konntet, sollte Pflege magischer Geschöpfe doch ein Klacks für euch sein", wandte Emma ein.
Colin grinste.
„Im Schloss erzählen sie, ihr hättet gegen ihn gekämpft! Stimmt das?", fragte sie aufgeregt.
Lily und Eric schüttelten die Köpfe, während Colin stolz nickte.
„Na ja, Dormy hat gegen ihn gekämpft", sagte Colin und kraulte Dormy dort, wo sein Ohr gewesen wäre, wäre er eine Katze oder Eule.
„Wirklich?", fragte Emma an Lily gewandt.
Sie nickte.
„Offenbar können die Miniaturdrachen von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze wohl doch Feuer speien", sagte sie.
„Oder nur einer", wandte Colin ein.
„Ich glaube", begann Eric, „dass sich schon mehr Leute beschwert hätten, wenn dem so wäre. Überlegt nur, was hätte passieren können. Offensichtlich ist unser Dormy etwas ganz Besonderes."
Er kraulte das Tier am Bauch.
„Übrigens danke, dass ihr mich immer im Krankenflügel besucht habt", sagte Emma, „Um ehrlich zu sein, dachte ich, ihr könntet mich nicht einmal wirklich leiden."
Es entstand ein merkwürdiger Moment.
„Anfangs nicht so sehr", sagte Colin ehrlicherweise frei heraus.
Lily warf ihm einen bösen Blick zu.
„Aber das hat sich schnell geändert", fügte er hinzu, „Wir dachten anfangs, du könntest gut nach Slytherin passen."
Plötzlich wurde Emma still, ganz so, als würde sie überlegen, was sie als nächstes sagen wollte.
„Um ehrlich zu sein", fing sie an, „wollte mich der Sprechende Hut auch dorthin schicken. Aber ich habe ihn überredet, dass Gryffindor die bessere Wahl wäre."
„Wirklich?", fragte Colin überrascht.
„Ja, ich mag Slytherin wirklich nicht."
„Wieso?", fragte Eric, „Es wirkte immer so, als würdest du all diese alten wichtigen und reinblütigen Familien kennen."
Emma nickte.
„Das tue ich auch", sagte sie, „Meine Familie ist auch reinblütig, so ähnlich wie die McKinnons und die Potters früher, aber eine die offen zugibt, Muggel im Stammbaum zu haben. Meine Mutter kommt allerdings aus einer der traditionellen Reinblüterfamilien. Sie hat dem ganzen Wahn abgeschworen. Deshalb wären meine Eltern sicherlich nicht glücklich darüber gewesen, wenn ich in Slytherin gelandet wäre."
Lily und Colin nickten verstehend. Sie selbst hatten damals dieselben Bedenken gehabt, als sie nach Hogwarts gekommen waren. Auch wenn der Sprechende Hut für keinen von ihnen Slytherin auch nur in Betracht gezogen hatte.
Am letzten Abend vor dem Bankett zum Schuljahresende wurden Lily, Colin und Eric jedoch noch einmal in Professor Wennells Büro bestellt und so betraten sie zum zweiten Mal in so weniger Zeit das Schulleiterbüro. Lily fiel auf, dass sie es gar nicht richtig wahrgenommen hatte, als sie das letzte Mal hier gewesen war. Zu groß war die Aufregung noch gewesen, aber Wennell schien seinen exzentrischen Kleidungsstil, überall in seinem Büro auszuleben. Neben dem Schreibtisch, der in der Mitte des runden Raumes stand, stach eigentlich sofort ein großes Regal ins Auge. Zwar besaß das Büro ein weiteres Regal mit stinknormalen Büchern, in dem auch der Sprechende Hut schlummerte, doch dieses war deshalb so auffällig, weil es eine ganze Sammlung von Spitzhüten in verschiedenen Gelbtönen zur Schau stellte. Bisher hatte Lily nicht einmal gedacht, dass Wennell immer verschiedene Hüte trug. Sie hätte gedacht, es wäre immer derselbe gewesen.
Auch Professor Longbottom war in Wennells Büro anwesend und warf Lily, Colin und Eric einen fröhlichen Blick zu, als die drei hereintraten.
„Miss Potter, Mr McKinnon, Mr Bedloe", sagte Professor Wennell freundlich, „Nun, ich denke, Sie alle drei wissen, warum Sie hier sind."
Lily, Colin und Eric schüttelten die Köpfe.
„Ach, oh, nun, also Sie sollen wissen, dass Ihnen allen dreien Auszeichnungen verliehen werden und zwar besondere Auszeichnungen zu Verdiensten um das Wohl der Schule."
„Wirklich?", fragte Colin vor Überraschung.
Er hatte sich am meisten darüber beklagt, dass ihnen viel zu wenig Dank zuteil gewesen war, nachdem sie die Schule gerettet hatten.
„Nun, ja", sagte Professor Wennell, „und 100 Punkte für jeden von Ihnen für ihr Haus. Solche Schüler wie Sie, die braucht es, wissen Sie."
„Jede Wette, dass Longbottom ihn dazu gebracht hat", sagte Eric, als sie wenig später glückselig das Büro verließen.
Sie konnten natürlich nur vermuten, aber es lang auf der Hand.
Am nächsten Morgen staunten die Gryffindors jedenfalls nicht schlecht, als sie herausfanden, dass sie plötzlich 300 Punkte mehr hatten als noch am Tag zuvor.
Insofern war es keine Überraschung, dass die Große Halle an diesem Abend in Rot und Gold, den Farben Gryffindors geschmückt wurde und sie nach dem Verlust des Quidditchpokals an die Hufflepuffs nun wenigstens den Hauspokal sicher hatten.
„Ein weiteres Jahr ist geschafft", sprach Professor Wennell, „und bevor ich in diesem Jahr zur Verleihung des Hauspokals komme, müssen wir uns von zwei wichtigen Kollegen verabschieden. Mr Filch, unser lieber Hausmeister, der der Schule nun sehr viele Jahre treu gedient hat, wird in diesem Jahr in den Ruhestand gehen."
„Lieb?", regte Fred sich auf, „Lieb? Er wollte uns als Erstklässler über Nacht in die Kerker sperren. Oh ja, er ist ja so ein Lieber."
„Außerdem", fuhr Wennell fort, „verlässt uns unsere Bibliothekarin Madame Pince ebenfalls nach diesem Schuljahr. Wir danken Ihnen, dass sie sich all die Jahre so gut um Hogwarts' Bibliothek gekümmert haben."
Beiden wurde je ein großer Präsentkorb überreicht, die Professor Crouch durch die Große Halle auf sie zuschweben ließ.
Als das Bankett endlich eröffnet wurde, hielt sich keiner mehr zurück. Es war das letzte Mal vor den langen Sommerferien, dass sie dieses köstliche Essen genießen durften. So fiel es Lily auch gar nicht schwer, dass sie die ganze Zeit Penelope Roper gegenüber saß, die sich pausenlos darüber beschwerte, dass ihre Eltern sie in den Sommerferien zwangen, mit ihnen nach Deutschland in den Schwarzwald zu fahren.
Nachdem Wennell zum Schluss entschied, dass die Schüler noch einmal die Schulhymne mit ihm singen sollten, fiel Lily am Abend völlig überfüllt in ihr Bett und träumte davon ein Morungor zu sein, der so viel Essen in sich hineingestopft hatte, dass er glaubte zu platzen.
Die Koffer gepackt fuhren am nächsten Morgen alle Schüler mit den Kutschen hinunter zum Bahnhof Hogsmeade, von dem aus sie der Hogwarts-Express nach London bringen würde. Gerade wollte Lily zusammen mit Colin, Eric und Emma in den Zug einsteigen, als sie hinter sich eine Mädchenstimme hörte.
„James!", rief plötzlich ein brünettes Mädchen und kam auf sie zugelaufen.
Lilys Bruder James war zusammen mit den anderen Gryffindor-Sechstklässlern direkt hinter ihnen gewesen.
„Falls wir uns nicht mehr sehen, wollte ich dir noch schöne Ferien wünschen", sagte sie.
James umarmte sie zum Abschied.
„Dir auch schöne Ferien", sagte er.
Lily war gespannt, was nun passierte. Das musste doch seine Freundin sein, von der Fred immer erzählt hatte. Würde er sie nun küssen?
Albus sah wieder aus, als wären Weihnachten, Ostern und sein Geburtstag zusammengefallen und auch er blickte gespannt zu James hinüber.
„Übrigens hat unsere Scharade etwas gebracht", erklärte sie, „Brad hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ihn diesen Sommer zu besuchen."
„Und?", fragte James, ganz so als wären das tolle Neuigkeiten, „Was hast du gesagt?"
„Dass es nichts wird", grinste Emilia, „Weißt du, als er mich plötzlich gefragt hat, hatte ich überhaupt kein Interesse mehr. Du hattest Recht. Er ist ein Idiot."
„Ich habe es dir ja gesagt", sagte James, „Du findest jemand besseren!"
„Sollte nicht so schwer sein", grinste Emilia, „also dann, hab einen schönen Sommer! Wenn du magst, kannst du mich aber jederzeit besuchen kommen! Mein Angebot steht nach wie vor."
„Gern", sagte James, „also dann."
Emilia drehte sich herum und winkte noch einmal zum Abschied, ehe sie wieder zu ihren Freundinnen hinüber lief.
„Das musst du uns nun aber genauer erklären", sagte Fred, während alle umstehenden James interessiert ansahen.
„Muss ich das?", fragte James und grinste Fred breit an.
„JA!", riefen Marius und er im Chor.
„Ich habe nie gesagt, dass sie meine Freundin ist", erklärte James, „Ich bin euch keine Erklärung schuldig."
Lily wusste, dass er nur mit Freds und Marius' Neugierde spielte, doch die beiden würde nicht aufhören, ihn auszufragen, bis sie eine Antwort aus ihm herausgequetscht hatten. Ihr war es egal. Sie und Albus hatten den ganzen Sommer Zeit, sein Geheimnis zu lüften.
Endlich stiegen alle in den Zug ein und Lily nahm ein Abteil mit Colin, Eric, Emma und Max. Zu fünft machten sie es sich gemütlich und redeten über ihre Pläne für den Sommer, bis es an der Abteiltür klopfte und Oliver und Steven ihre Köpfe hindurchsteckten.
„Hey!", grüßten sie alle freundlich und Lily und Eric warfen sich einen überraschten Blick zu, dass er dieses Mal nicht ignoriert worden war.
„Wir wollten dir nur sagen, Colin", begann Steven sofort, „dass Oliver mich in diesen Ferien besuchen kommt. Vielleicht hast du ja Lust mitzukommen?!"
Colin schwieg einen Augenblick.
„Äh", machte er überfordert, „Ich ähm, ja, ich überlege es mir. Ja."
„Cool", sagte Steven.
„Cool", wiederholte Oliver, blickte jedoch weder Steven noch Colin an, sondern Lily, der es langsam unangenehm wurde.
„Ja, und euch anderen wünschen wir natürlich auch schöne Ferien!", sagte Steven, „Komm, Oliver!"
Er winkte ihnen zum Abschied und zog Oliver hinter sich her aus dem Abteil hinaus.
Eric blinzelte Lily und Colin an.
„Das war merkwürdig, oder?", fragte er.
Lily und Colin sahen sich an, dann nickten sie.
„Fand ich gar nicht", sagte Max sarkastisch und fuhr sich lässig durch seine schwarzen Haare.
Plötzlich erinnerte sich Lily an etwas.
„Apropos Sommer, ihr müsst mich unbedingt auch besuchen kommen. Besonders du, Max. Mein Vater wird dich sicher kennenlernen wollen."
„Gern", sagte Max, „Mein Vater euch sicherlich auch. Seit ich nach Hogwarts gekommen bin, interessiert er sich für alles, was mit Magie zu tun hat. Eine richtige Zaubererfamilie zu besuchen und dann auch noch eine so berühmte, wird ihn umhauen."
Die restliche Zeit nutzen sie, um noch ein wenig zu zaubern, bevor es ihnen in den Ferien verboten war. Spät abends erreichte der Zug schließlich King's Cross. Als sie ausstiegen, versprachen sie einander möglichst viel zu schreiben und dann winkten sie sich zum Abschied, während sie zu ihren Familien gingen.
AN: Zu diesem Kapitel gibt es wieder zwei Sidechapter, die euch mehr über James und Albus verraten: [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/23/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Slytherins[/link]; [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/24/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Erwachsen[/link]
Zum Schluss nochmal ein besonderes Danke an die Reviewer, die mich beim Schreiben unterstützt haben.
Ich bin gespannt, ob noch der ein oder andere einen Abschlusskommentar für mich hat.
Sicher fragt ihr euch schon, wie es mit Teil 3 aussieht, und ich kann euch sagen, dass weitere Teile geplant sind bzw. es von Anfang an waren.
Teil 3 wird allerdings sehr wahrscheinlich nicht mehr auf dieser Seite veröffentlicht. Das hat verschiedene Gründe. Wer dennoch interessiert ist, kann mich entweder auf dieser Seite hier privat anschreiben, oder eine Mail an t-online schicken. Ich werde dafür sorgen, dass jeder, der weiterlesen will, das auch darf.
LG elhelado
