Vorwort: Erst einmal Entschuldigung, dass ich diese FF in so endlos langen Kapiteln hochgeladen habe. Ich weiß, dass erschwert das Lesen, wenn man mal eine Pause einlegen möchte und wirkt wahrscheinlich auch etwas abschreckend. Daher werde ich demnächst darauf achten zwar mehr, aber dafür kürzere Kapitel hochzuladen.
Ach ja und was die Jahreszahlen betrifft, die sind natürlich aus historischer Sicht größtenteils falsch, ebenso wie der Ablauf der Geschichte. Aber ich hatte halt die Wahl mich an die Angaben der Serie zu halten, oder die historischen Fakten. Außerdem habe ich auch ein paar Kleinigkeiten hinzuerfunden, wie zum Beispiel das Handelsabkommen mit Saladin ;) War halt Mittle zum Zweck XD.
Kapitel 2:
Es verging ein Monat und noch immer war Guy nicht nach Hause zurückgekehrt. Er lebte nun in Nottingham Castle, als Lakai des Sheriffs. Robin hatte seit jenem Tag mit seinem Vater kaum mehr ein Wort gewechselt. Er machte ihn für Guys Verschwinden verantwortlich. Auch seine Beziehung zu Archer hatte sich verschlechtert. Der Junge nahm Anstoß an der Beziehung seiner beiden älteren Brüder und Robin machte ihm zum Vorwurf, dass er die ganze Miesere erst ins Rollen gebracht hatte. Lediglich Isabella spendete ihm Trost. Zumindest versuchte sie es, aber ihre Worte waren manchmal so scharf wie Schwertklingen.
„Vielleicht ist es besser so", meinte sie. „Immerhin wissen bisher nur dein Vater und Archer davon und so sollte es auch bleiben. Wenn mein Bruder geblieben wäre, hättet ihr womöglich noch diese zum Scheitern verurteilte Liebschaft fortgeführt und irgendwann wäre es heraus gekommen."
Alles in Robins Innerem zog sich zusammen. „Ich hätte das Risiko in Kauf genommen", meinte er mit geschürzten Lippen. Sie saßen gemeinsam auf einer Bank vor dem Haus und Isabella stickte fleißig.
„Ja, dass hättest du und damit nicht nur dich, sondern auch uns in den Abgrund gezogen. Vielleicht ist mein Bruder vernünftiger als ich vermutet hatte. Ehrlich gesagt hätte ich nicht erwartet, dass er dich so bereitwillig aufgibt. Malcolm musste ein sehr überzeugendes Argument gehabt haben. Vielleicht wollte er ihn enterben."
Sie kannte nicht die ganze Geschichte, nicht den wahren Grund hinter Guys Verschwinden.
Robin wusste später selbst nicht, weshalb es ihm genau jetzt über die Lippen kam. Wahrscheinlich um sich irgendwie an seinem Vater zu rächen, der ihm all die Jahre über verboten hatte ein Wort zu sagen und es dann so dargestellt hatte, als wäre Robin der Heimlichtuer gewesen.
„Mein Vater hatte eine Affäre mit deiner Mutter. Aus diesem Grund kam es zum Streit zwischen unseren beiden Vätern und dem furchtbaren Brand. Archer ging aus dieser Verbindung hervor. Er ist der leibliche Sohn meines Vaters und Ghislaines."
Isabella sah ihn mit großen Augen an.
„Du machst Witze", meinte sie schließlich ungläubig.
„Nein, es ist die Wahrheit", brachte Robin monoton hervor. Er starrte stur geradeaus.
„Aber Archer ist ein Findelkind. Malcolm fand ihn auf seiner Pilgerreise und meine Mutter hätte nie…"
„Das wollten sie uns glauben machen, weil ein uneheliches Kind eine zu große Schande bedeutet hätte", unterbrach Robin sie verbittert. Warum musste er nun für die Vergehen seines Vaters büßen?
„Das ist eine Lüge!", behauptete Isabella sichtlich erbost.
„Glaub was du willst, aber Archers Herkunft und die Beteiligung meines Vaters am Tod deiner Eltern, sind der Grund weshalb dein Bruder fort gegangen ist", mit diesen Worten erhob sich Robin von der Bank und wollte schon gehen, doch Isabella packte ihn am Arm.
„Ich werde mich bei Malcolm nach dem Wahrheitsgehalt deiner Worte erkundigen", sprach sie, als handele es sich dabei um eine Drohung.
„Ich halte dich gewiss nicht davon ab, aber wer weiß ob mein Vater gewillt ist die Wahrheit zu sagen. Immerhin hat er all die Jahre über ein Geheimnis daraus gemacht", spottete Robin.
„Dann werde ich nach Nottingham reiten und meinen Bruder darauf ansprechen." Dieser Satz versetzte Robin einen Stich in der Brust. Er hatte ebenfalls versucht Guy in Nottingham Castle aufzusuchen, aber dieser weigerte sich ihn zu empfangen. Indessen ging seine Schwester bei ihm regelmäßig ein und aus. Wenn sie sich in Nottingham über den Weg liefen, dann behandelte er Robin wie einen Fremden und sträubte sich dagegen mit ihm zu reden. Anfangs hatte sich der ehemalige Hüter des Sherwood Forests nicht damit abfinden wollen und war Guy aufgelauert wie ein liebeskranker Narr, aber mittlerweile hatte er sich in sein Schicksal gefügt. Guy war nicht gewillt ihm zu vergeben und Robins Beharrlichkeit schien ihn eher noch mehr zu reizen.
Isabella erhob sich nun ebenfalls von der Bank, lies Robin los und verschwand ohne ein Wort des Abschiedes Richtung Stallungen. Sie war sicherlich aufgebracht. Für einen kurzen Moment bereute es Robin fast ihr die Wahrheit gesagt zu haben, da er auf diese Weise wahrscheinlich auch noch sie verloren hatte. Aber immer noch besser, als weiterhin zu lügen und später von diesen Lügen eingeholt zu werden.
Es hatte Isabella einige Mühe gekostet Guy die Dringlichkeit ihres Besuches begreiflich zu machen und ihn dazu zu bringen, ihr ein paar Minuten seiner kostbaren Zeit zu opfern. Sie befanden sich jetzt in der Abstellkammer, in der ihr Bruder momentan wohnte. Man konnte wirklich nur von einer Abstellkammer sprechen, denn in ihr war gerade genug Platz, für ein schmales Bett, eine Waschschüssel und eine Truhe. Das Fenster war nicht mehr, als eine kleine Luke in der Wand, die gerade mal groß genug war, um den Kopf hindurchzustecken. Guy stellte sich mit verschränkten Armen vor das provisorische Fenster, während sich Isabella auf die Bettkante setzte.
„Also, was ist so dringend, dass es keinen Aufschub duldet?", fragte Guy verstimmt. Er musste seinen Aufgaben als Untergebener des Sheriffs nachkommen und hatte keine Zeit für die kleinlichen Probleme seiner Schwester.
Isabella bemerkte die Ungeduld ihres Bruders und kam daher gleich zur Sache: „Robin hat behauptet das Archer unser leiblicher Bruder sei, oder vielmehr unser Halbbruder. Das Kind von unserer Mutter und Malcolm. Kannst du dir das vorstellen? Er hat unserer Mutter eine Liebschaft mit seinem Vater unterstellt!"
„Hat er das?" Es war eigentlich mehr eine Feststellung, als eine Frage. Guy schnaubte mit einem verächtlichen Grinsen und schüttelte leicht den Kopf.
„Er meinte, dass du deswegen fort gegangen seiest." Bei diesen Worten funkelten die Augen des Dunkelhaarigen bedrohlich auf.
Eigentlich suchte Isabella nur Guys Bestätigung, dass die ganze Geschichte ein großer Schwindel war, denn ihrer Ansicht nach kam Ghislaine einer Heiligen gleich und sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihren Vater betrogen haben sollte.
„Dann ist er ein vermaledeiter Lügner", brachte Guy wütend hervor. Isabella atmete erleichtert auf.
„Dann stimmt es also nicht?", versicherte sie sich noch mal.
„Ich bin nicht deswegen fort gegangen! Ich wusste schon lange, dass Malcolm unsere Mutter verführt hatte und mit der Tatsache, dass Archer unser Bruder ist, hätte ich auch noch umgehen können. Aber das Robin mir all die Jahre über Archers Herkunft verschwiegen hat, sowie Malcolms Beteiligung am Tod unserer Eltern, dass kann ich ihm nicht vergeben!"
Isabella sah ihn ungläubig an. „Dann ist es also wahr? Archer ist unser Bruder?"
„Ja, das ist er."
Sie wollte ihrem Bruder nicht glauben, aber weshalb sollte er lügen?
„Was meinst du mit -Beteiligung am Tod unserer Eltern-? Das Malcolm eine Mitschuld an dem Brand trägt wissen wir doch beide, immerhin waren wir dort. Aber es war ein Unfall und Robin trifft wirklich überhaupt gar keine Schuld."
„Dann hat er es dir also nicht gesagt? Warum wundert mich das eigentlich nicht? Diese verlogene kleine Ratte, mit seinen Halbwahrheiten."
„Was meinst du damit?"
Guys Lippen verzogen sich zu einer schmalen Line. „Ich meine damit, dass Malcolm unsere Mutter auf dem Gewissen hat! Es kam zu einem Gefecht zwischen ihm und unserem Vater. Dabei geriet sie zwischen die Fronten und dieser Dreckskerl hat sie einfach rücksichtslos zu Boden geworfen, so dass sie sich den Kopf aufschlug und sofort starb. Unser Vater wollte nicht von ihrer Seite weichen, weshalb er in dem Feuer ums Leben kam, während sich dieser Locksley sich einfach aus dem Staub gemacht hat. Deswegen sind unsere Eltern gestorben! Und ich habe mir all die Jahre über selbst die Schuld für ihren Tod gegeben. Robin wusste davon. Er war dabei gewesen, aber er hat es nicht für nötig gehalten mir die Wahrheit zu sagen. Gewiss um seinen delinquenten Vater zu schützen!"
Isabellas Mund öffnete sich, wie um etwas zu sagen, doch kein Ton drang über ihre Lippen. Dann schloss sie ihn wieder. Das Entsetzen stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. War das wahr? Hatte es sich wirklich so zugetragen? Sie war erst acht Jahre alt gewesen, als ihre Eltern starben und da Malcolm sie so herzlich bei sich aufgenommen hatte, war er in ihren Augen mittlerweile so etwas wie ihre Familie. Er war immer gut zu ihr gewesen. Aber der Gedanke, dass ohne ihn ihre leiblichen Eltern noch am Leben wären und er ihr all die Jahre über die Wahrheit verschwiegen hatte, quälte sie. Auf der einen Seite liebte sie Malcolm wie einen Vater, auf der anderen fühlte sie sich von ihm verraten, aber Guys Wut auf Robin konnte sie nicht nachvollziehen.
„Ich verstehe ja, dass du Malcolm nicht verzeihen kannst, aber wieso auch Robin nicht? Gewiss, es war nicht rechtens, dass er uns all dies verschwiegen hat, aber vielleicht fürchtete er wirklich nur um das Wohlergehen seines Vaters. Wenn dies herauskäme, dann würde man Malcolm sicherlich hängen lassen." Auch wenn sie ihm nun grollte und sich zutiefst verletzt fühlte, wollte sie jedoch keineswegs das ihr Ziehvater hingerichtet wurde.
„Robin war noch ein Kind. Das kannst du ihm doch kaum zum Vorwurf machen! Außerdem hast du es anscheinend auch nicht für erforderlich gehalten, mir all dies schon vor einem Monat anzuvertrauen."
„Das ist verdammt noch mal nicht dasselbe! Was glaubst du wie es sich anfühlt in dem Glauben aufzuwachsen, dass man für den Tod seiner eigenen Eltern verantwortlich ist? Robin wusste wie sehr ich darunter leide. Er war der einzige gewesen, mit dem ich mich anvertraut hatte und er hat kein Wort gesagt! Er hätte mir all die Schuldgefühle nehmen können, aber er hat es anscheinend nicht für nötig gehalten!" Guy war außer sich vor Wut. Wie konnte sie Robin auch noch in Schutz nehmen? Er hatte gehofft, dass wenigstens sie ihn verstehen würde.
„Vielleicht hatte er Angst, dass du uns verlassen würdest, wenn er dir die Wahrheit verriet. Denn genau dieser Fall ist eingetroffen. Robin liebt dich. Er liebt dich wirklich, selbst wenn ich mir wünschen würde, dass seine Zuneigung dir Gegenüber eher platonischer Natur wäre. Es ist vielleicht gut, dass du etwas Abstand zu ihm hältst, aber du musst ihn nicht gleich vollkommen von dir stoßen. Er leidet sehr darunter. Er ist nicht mehr derselbe seitdem du gegangen bist."
„Dann hätte er ehrlich zu mir sein müssen. Verzeih, aber ich sehe mich nicht im Stande für ihn, oder für seinen Vater irgendeine Form von Mitleid aufzubringen und nun entschuldige mich, ich habe wichtigere Angelegenheiten, die noch erledigt werde müssen." Daraufhin verließ er die Kammer, ohne seine Schwester noch eines Blickes zu würdigen. Er kochte innerlich vor unterdrückter Wut.
Als Robin, Archer, Malcolm und Isabella abends zu Tisch saßen, war die Stimmung drückend. Dem Familienoberhaupt waren Isabellas durchbohrende Blicke nicht entgangen, aber als er sie fragte was los sei, zuckte sie nur mit den Schultern und meinte: „Was soll schon sein?"
Robin begegnete ihm indessen mit so viel Ablehnung, wie er es sonst nur von Guy gewohnt war. Auch das angespannte Verhältnis zwischen seinen beiden Söhnen entging Malcolm nicht. Früher hatte Archer seinen älteren Bruder geradezu bewundert und versucht ihm in jedweden Punkt nachzueifern. Aber nun wendete sich der Jüngere demonstrativ von ihm ab. Noch vor einem Monat wurden ihre Mahlzeiten von regen Tischgesprächen begleitet, aber jetzt bekam er auf seine Fragen hin nur noch einsilbige Antworten. Vorbei war der schöne Frieden daheim. Malcolm seufzte schwer. Dennoch bereute er seine Entscheidung nicht. Schon bald würde Robin begreifen, dass er ihm einen Dienst erwiesen hatte, als er Guy die Wahrheit offenbarte. Er würde eine nette Frau heiraten, vielleicht diese Kate, viele Kinder in die Welt setzen und den Gisbornespross vergessen.
Aber da irrte sich Malcolm. Zwar versuchte Robin seine Gefühle für Guy zu verdrängen und sich mit schönen Frauen zu trösten, aber es gelang ihm nicht. Ganz im Gegenteil. Er vermisste ihn mit jedem Tag mehr. Seitdem er fort war schlief Robin in Guys Bett am Fenster, das früher einmal ihm gehört hatte. Nachts vergrub er häufig sein Gesicht in dem Kissen und versuchte Guys Duft in sich aufzusaugen, doch mit jedem Tag verflog dieser mehr und mehr, bis nur noch Robins eigener Körpergeruch daran haftete. Robin vermisste ihn so sehr. Nicht nur den Geliebten, sondern auch den Freund und Weggefährten. Mit jedem Tag klang der Gedanke von hier fort zu gehen verlockender. Besonders als sich einige Bewohner Nottinghams plötzlich darüber beklagten, dass Sir Guy von Tag zu Tag grausamer wurde. Die Vergangenheit holte Robin wieder ein und er konnte nichts dagegen unternehmen. Die Steuern stiegen immer weiter an und es wurde unmöglich weiterhin für die gesamte Dorfgemeinde Locksleys aufzukommen. Anfangs schafften es zwar noch einige Bauern, die erhöhten Abgaben aufzubringen, aber schließlich sahen sich die meisten von ihnen gezwungen heimlich zu wildern, oder zu stehlen. Niemand gab Robin, Malcolm, Archer, oder Isabella die Schuld dafür. Immerhin nagte die Familie beinahe selber schon am Hungertuch, da sie versuchten auf eigene Kosten für einen Teil der Steuern aufzukommen und wenn Robin, sein Vater, oder Archer im Wald ein Tier erlegten, dann kam es auch der Dorfgemeinde zu Gute. Lediglich Guy war in ihrem Ansehen erheblich gesunken. Er begleitete den Steuereintreiber, sowie den Sheriff auf ihren Streifzügen und scheute nicht davor zurück auch mal handgreiflich zu werden, wenn einer der Bauern Proteste erhob.
Indessen merkte Robin wie sehr ihn seine Gefühle für den Dunkelhaarigen korrumpierten. Er versuchte Ausreden und Entschuldigungen für Guys Verhalten zu finden, obwohl er wusste, dass es die nicht gab. Trotz aller Gräueltaten müsste sein ehemaliger Liebhaber nur ein Wort sagen und Robin würde wieder in seinem Bett liegen. Aber langsam begriff Robin, dass es dazu nicht kommen würde. Guy schien nichts mehr für ihn zu empfinden. Dennoch brachte es der talentierte Bogenschütze nicht übers Herz die Kette, die ihm der andere Mann vor so vielen Jahren geschenkt hatte abzulegen. Er trug auch immer noch den Bogen bei sich, den Guy einst mit Dan Scarletts Hilfe für ihn angefertigt hatte.
An einem Septembermorgen wurde besagter Dan Scarlett von Soldaten des Sheriffs beim Wildern erwischt. Er wurde sofort festgenommen und nach Nottingham abgeführt, wo das Urteil über ihn gefällt werden sollte. Als sein aufgeregter Sohn Will, den Earl of Locksley darüber unterrichtete und ihn um Hilfe anflehte, machten er und Robin sich sofort auf nach Nottingham. Der ehemalige Hüter des Sherwood Forests wusste was Dan bevorstand. Man würde ihm die Hand abschlagen, so dass er seinem Handwerksberuf nicht mehr ausüben könnte. Dies würde die Familie Scarlett nur noch mehr in den Ruin stürzen. Dabei hatten Will und Luke gerade erst ihre Mutter verloren. Genügte ein Schicksalsschlag nicht? Musste gleich darauf auch schon der nächste folgen? Nein, das musste er nicht! Robin würde das unter gar keinen Umständen zulassen. Nicht in diesem Leben! Er hatte lange genug die Hände in den Schoß gelegt und gehofft, dass solange sein Vater in Locksley residierte, sich alles zum Guten wenden würde. Aber dem war nicht so. Es wurde höchste Zeit das er sich endlich zusammenriss, seinen weibischen Liebeskummer herunterschluckte und dem Sheriff, als auch seinem Handlanger Guy die Stirn bot.
Der Sheriff speiste gerade in der großen Halle. Guy stand wie ein folgsamer Wachhund an seiner Seite und staunte nicht schlecht, als Robin zusammen mit seinem Vater den Saal betrat.
„Wenn das nicht Huntington und sein missratener Spross ist. Wem verdanke ich die Ehre Eures Besuches?", schnarrte Vaisey, als er den beiden ansichtig wurde.
„Sheriff", grüßte Malcolm ihn formell mit einem leichten Kopfnicken. Robin sparte sich jede Form von Höflichkeitsfloskel. Gemeinsam traten sie wie eine Einheit an den Sheriff heran. Alle Zwietracht zwischen ihnen war im Moment vergessen. Sie hatten beide dasselbe Ziel vor Augen: Dan Scarlett vor einer Verurteilung zu bewahren.
„Ihre Soldaten haben heute einen meiner Untertanen festgenommen. Ich ersuche Sie, um seine Freilassung", brachte Malcolm zwar bestimmt, aber mit gebührendem Respekt hervor, um den Sheriff nicht zu verärgern.
„So, so", sagte Vaisey mit einem spöttischen Unterton und biss herzhaft in einen Hühnerschenkel. Er ließ sich Zeit mit dem Kauen und schluckte seinen Bissen genüsslich herunter, bevor er seinen beiden Besuchern wieder seine Aufmerksamkeit schenkte. „Handelt es sich dabei vielleicht um diesen unverschämten Wilderer?"
„Ganz Recht", bestätigte Malcolm. Er hielt Dan keineswegs für unverschämt, aber er wollte nicht spitzfindig sein, immerhin trat er hier als Bittsteller vor.
„Ich habe das Urteil über ihn bereits verhängt. Morgen früh, nach Sonnenaufgang, soll ihm in aller Öffentlichkeit für sein Verbrechen die Hand abgeschlagen werden. Das wird den Pöbel davon abhalten in unseren Wäldern zu wildern. Ich erachte dies als sehr nachsichtig, wenn man bedenkt in was für harten Zeiten wir leben und das ich ihm für solch ein Verbrechen lieber gleich hängen lassen sollte. Wir brauchen Ordnung", verkündete der Sheriff und biss erneut in seine Keule.
„Ich verstehe Euer Missfallen, aber ich ersuche Euch dennoch ihn freizulassen", beharrte Malcolm.
„Ich denke gar nicht daran. Wo kämen wir hin, wenn wir jeden Verbrecher einfach wieder laufen ließen?", entgegnete Vaisey schmatzend. Robins Blick wanderte zu Guy. Wie konnte dieser nur so anteillos daneben stehen? Es war Dan über den sie hier sprachen! Der Dunkelhaarige wisch Robins durchbohrendem Blick aus und fixierte Malcolm mit mordlüsterner Mine.
Wütend begehrte Robin auf: „Es ist üblich, dass der Sheriff den Gnadengesuchen…"
„La-di-da-di-da", fiel der Sheriff ihm gelangweilt ins Wort, aber Robin fuhr unbeirrt fort.
„…seiner Edelmänner entspricht!"
„Aber ihr seid doch gar kein richtiger Edelmann. Ihr habt weder Ländereien, noch irgendwelche Erbansprüche, also solltet Ihr lieber Eure Zunge hüten und Euren Vater sprechen lassen."
Robin wollte schon zum Gegenschlag ausholen, aber sein Vater schnitt ihm das Wort ab. „Er ist mein Sohn und somit adligen Geblüts. Auch wenn er nicht mein Haupterbe ist, so wird er dennoch nach meinem Tod eine gewisse Absicherung erhalten. Er ist also durchaus ein Edelmann und ihm gebührt Ihr Respekt ebenso wie mir."
Der Sheriff leckte sich genüsslich die fettigen Finger ab und musterte Malcolm dabei mit hochgezogenen Augenbrauen, als wolle er sagen: Ich respektiere weder Sie, noch ihren Bengel.
„Ich habe gerade eine wunderbare Idee. Was haltet Ihr davon, wenn Ihr Sohn morgen früh das Urteil vor der Menge verkündet? So als Edelmann stände ihm dieses Recht doch durchaus zu", entgegnete der Sheriff gehässig.
„Das könnt Ihr nicht von ihm verlangen!", empörte sich Malcolm.
„Ihr wollt doch nicht, dass sich die Gerüchte, das Ihr und Eure Familie zu schwach seid um Eure Untertanen im Zaum zu halten, weiter verbreiten. Besser wir ersticken Sie gleich, sonst bezahlen wir alle dafür", sagte der Sheriff mit triefender Herablassung in der Stimme.
„Dan Scarlett war seit jeher ein treuer Untertan. Er hat sich lediglich zu dieser Tat hinreißen lassen, weil auf Grund Ihrer ständigen Steuererhöhungen kein Geld mehr hat, um seine Familie zu ernähren."
„Und interessiert mich das? Ein Hinweis: Nein!"
Robins Blick wanderte hilfesuchend zu Guy. Das Ganze konnte ihm doch nicht vollkommen gleichgültig sein. „Guy, hast du dazu gar nichts zu sagen?"
Erst jetzt begegnete der Dunkelhaarige seinem Blick, aber in seinen Augen lag soviel Kälte und Ablehnung, dass es Robin lieber gewesen wäre er hätte ihn weiter ignoriert.
„Der Sheriff hat Recht. Dan Scarlett hat sich eines Verbrechens schuldig gemacht und muss dafür bestraft werden."
Robin verengte fassungslos die Augen zu Schlitzen. Seine Nase kräuselte sich, seine Augenbrauen wölbten sich und seine Mundwinkel zogen sich leicht herunter. Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich kann nicht glauben was ich da höre. Es ist Dan von dem wir hier sprechen. Dan Scarlett! Er hat dich einst in die Lehre genommen und dir erklärt wie man…"
„Das ist einerlei", schnitt Guy ihm das Wort ab. „Er kann nicht mit mehr Nachsicht behandelt werden, als unsere anderen Untertanen, nur weil er unserer Familie nahe steht. Das wäre wohl keineswegs gerecht."
„Ach, aber es ist gerecht einem Mann, der lediglich seine hungernde Familie ernähren will die Hand abzuschlagen? Wie soll er dann noch seiner Arbeit nachkommen? Wie Geld verdienen?"
„Das hätte er sich vorher überlegen sollen", entgegnete Guy schroff.
„Guy, bitte", versuchte Robin nun sanfter auf ihn einzureden und bemühte sich darum seine aufkommende Wut und Enttäuschung zu verbergen.
„G-u-y, b-i-t-t-e", äffte der Sheriff ihn nach und zog die Worte dabei lächerlich in die Länge. „Ich wüsste nicht was es für einen Unterschied macht, ob Gisborne sich durch Euer Flehen erweichen lässt, oder nicht, denn noch treffe ich hier die Entscheidungen", schnarrte der Sheriff.
„Gisborne, ich bin unserer Gäste überdrüssig. Bitte geleite sie nach draußen." Der Dunkelhaarige folgte sofort pflichtbewusst dem Befehl des Sheriffs.
„Folgt mir", knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er hatte Malcolm gewarnt, dass er ihn umbringen würde, wenn er ihm noch einmal unter die Augen trat, aber irgendwie schien dieser seine Drohung nicht ernst zu nehmen. Guy spielte mit dem Gedanken ihn auf dem Weg hinaus heimlich zu erdolchen, aber das würde nur dazu führen, dass er selbst im Kerker landete und seine Rechte an Locksley verlor. Robins Vater haderte noch für einen kurzen Moment. Es widerstrebte ihm einfach aufzugeben, aber sein Sohn ließ sich ohne jeglichen Widerstand von Guy hinaus geleiten und er wollte die beiden nicht unbeaufsichtigt lassen, also folgte er ihnen. Robin wusste das weitere Diskussionen nichts bringen würden. Er kannte Vaisey gut genug um zu wissen, dass dieser sich nicht erweichen lies.
Als sie den Saal verließen ergriff Robin seinen ehemaligen Geliebten plötzlich am Arm und meinte im Flüsterton: „Für mich macht es einen Unterschied. Ich möchte einfach nur hören, dass es dir nicht vollkommen egal ist, was mit Dan passiert."
„Lass mich los!", blaffte Guy ihn an und befreite sich aus seinem Griff.
„Guy bitte. Lass uns miteinander reden. Ich muss dir so vieles sagen", flehte Robin.
„Ich wüsste nicht, was es zwischen uns noch zu bereden gäbe!"
„Was ist hier los?", fragte Malcolm, der nun ebenfalls aus der Halle heraustrat.
Guy schnaubte nur als Antwort. „Ich glaube Sie finden den Weg alleine hinaus." Mit diesen Worten drehte sich der Gisbornenachkomme um und ging in die entgegengesetzte Richtung. Robin sah ihm verbittert hinterher.
Malcolm runzelte die Stirn, legte dann aber mitfühlend eine Hand auf Robins Schulter. „Glaub mir, es ist besser so."
Robin wisch wütend vor ihm zurück. „BESSER SO? Hättest du Guy nicht von zu Hause vergrault, dann wäre er kein gewissenloser Lakai des Sheriffs geworden. Es ist deine Schuld!"
„Es ist wohl kaum meine Schuld, dass Guy…", Malcolm brach mitten im Satz ab. Es war nicht der richtige Ort um so ein Gespräch zu führen. Jemand könnte sie hören und dann wäre sowohl Robins, als auch Guys Ruf für immer geschädigt.
Robin fixierte ihn noch einen Moment mit starrem Blick, bevor er sich umwandte und weiter seines Weges ging. Er musste nach Locksley, um Dan Scarletts Söhne aufzusuchen. Langsam bildete sich in Robins Kopf ein Plan. Der Sheriff wollte, dass er das Urteil verkündete? Dem Wunsch kam er doch gerne nach, dachte er höhnisch. Es wurde Zeit das er den gemütlichen Kamin daheim endlich verließ und wieder Robin Hood wurde. Denn so lange er sich vor dem Sheriff duckte, hatte dieser Narrenfreiheit. Er müsste nur Luke und Will davon überzeugen, dass es besser wäre mit ihrem Vater zusammen Locksley zu verlassen und sich anderswo ein neues Leben aufzubauen. Diese Unterhaltung würde nicht einfach werden. Wer ließ schon freiwillig sein vertrautes Heim zurück? Demnach war Robin nicht überrascht, als Will und Luke wie aus einem Mund ausstießen: „WIR SOLLEN WAS?"
„Ihr könntet nach Scarborough gehen und euch dort etwas aufbauen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass es den Menschen dort wesentlich besser geht als hier." Genau genommen hatte er das in seinem anderen Leben von Dan Scarlett erfahren, der sich zusammen mit seinem Sohn Luke dort niedergelassen hatte. Es war besser, wenn dieses Mal Will gleich mit ihnen ging. Dann gäbe es keinen Grund für Dan hierher zurückzukehren und wenigstens sein Leben wäre schon einmal gerettet.
„Aber das hier ist unser zu Hause! Das ist alles was wir haben!", klagte Luke.
„Ihr werdet euch ein neues zu Hause aufbauen. Packt schon einmal das Wichtigste zusammen. Ich werde euch einen Kutscher besorgen, der euch nach Scarborough bringt. Euer Vater wird euch nachfolgen", versprach Robin ihnen.
„Aber dort müssten wir noch mal von ganz vorne anfangen. Wir bräuchten eine Unterkunft und wer weiß, ob dort Handwerker überhaupt gesucht werden?", gab Will zu Bedenken.
„Glaub mir, sie werden gesucht. Wovon wollt ihr bitteschön hier leben, wenn Euer Vater erst einmal seine Hand verloren hat? Denn dazu wird es kommen, wenn wir nichts unternehmen. Außerdem werdet ihr früher oder später ohnehin gezwungen sein von hier fort zu gehen. Ihr habt doch jetzt schon kein Geld mehr, um Nahrung zu kaufen und es wird nicht besser werden. Glaubt mir, es wird nur noch schlimmer. Der Sheriff wird die Steuern immer weiter in die Höhe treiben, bis dieses Land vollkommen ausgeblutet ist."
„Du hast leicht Reden", beklagte sich Luke. „Von dir erwartet niemand, dass du einfach dein zu Hause verlässt."
Robin schnaubte daraufhin spöttisch. „Was glaubt ihr wohl, was passieren wird, wenn ich eurem Vater zur Flucht verhelfe? Man wird mich zum Outlaw erklären. Aber ich bin bereit dieses Risiko in Kauf zu nehmen, weil die Alternative noch viel hoffnungsloser erscheint."
Will und Luke sträubten sich noch eine Weile, aber schließlich gaben sie nach und in der Nacht brachte eine Kutsche sie samt ihren Habseligkeiten fort. Gerne hätte Robin den jungen Tischler Will wieder an seiner Seite gehabt, aber es war besser so. Auch Much war daheim in Locksley sicherer und immerhin gab es noch Little John. Auch wenn er für diesen noch ein Fremder war, so bezweifelte Robin doch nicht, dass sie in kürzester Zeit wieder ein Team sein würden.
Als sein Vater und er am nächsten Tag nach Nottingham aufbrachen meinte dieser zu ihm: „Du musst das nicht machen Robin. Ich weiß wie nahe dir die Familie Scarlett steht. Ich werde dem Sheriff sagen das du krank seiest und an deiner Stelle das Urteil verkünden."
„Ich bin schon lange kein Kind mehr Vater. Bitte behandle mich auch nicht wie eins. Der Sheriff hat mir diese Bürde auferlegt, also werde ich sie auch tragen." Glücklicher Weise hatte ihm Isabella gestattet ihr Pferd zu nehmen. Das könnte er gut für die Flucht gebrauchen, denn sein Rotbrauner gehörte mittlerweile Archer. Selbst wenn das Verhältnis zwischen ihnen im Moment angespannt war, hatte Robin es ihm dennoch versprochen und er hielt seine Versprechen.
Als sie in Nottingham eintrafen hatte sich schon eine große Menschenmenge im Burghof von Nottingham Castle versammelt. Oben auf den Stufen, die zum Burginneren führten, standen bereits der Sheriff, Guy mit zwei seiner untergeordneten Soldaten und einige andere Adlige versammelt. Unter ihnen auch Marian und ihr Vater. Unten vor der Treppe hatte man einen kleinen Tisch aufgestellt, der es dem Urteilsvollstrecker erleichtern sollte, dem Verbrecher die Hand abzuschlagen. Besagter Schlächter hockte bereits mit einer geschliffenen Axt daneben und fixierte mit seinen emotionslosen, reptilienartigen Blick Dan Scarlett. Dieser stand schlotternd vor dem kleinen Tisch, flankiert von zwei Wachen. Man wartete anscheinend nur noch auf Robin und seinen Vater.
„Ah, da kommen ja endlich unsere Ehrengäste", spottete der Sheriff und stieß Guy gespielt kameradschaftlich mit dem Ellbogen in die Seite.
Robin band Isabellas Stute in der Nähe des Torbogens fest und schritt zielstrebig auf die anderen Adligen zu. Als sich beim Vorbeigehen sein und Dans Blick trafen, zwinkerte er diesem verschwörerisch zu. Der begabte Handwerker wusste nichts damit anzufangen, aber es lies ihn Hoffnung schöpfen.
Selbstbewusst schritt er auf Guy zu. Sein Blick viel auf die beiden Soldaten im Hintergrund. Einer von ihnen trug nur ein Schwert, der andere war noch zusätzlich mit Pfeil und Bogen ausgestattet. Ein Schwert hätte es für Robin auch getan, aber dies hier musste ein Wink des Schicksals sein. Neckisch grüßte er den Gisbornenachkommen: „Und, hast du gut geschlafen? Wie fühlt man sich so, wenn man seine Seele an den Teufel verkauft hat und einen alten Freund einfach im Stich lässt?"
Guys Blick verfinsterte sich, doch dann stahl sich ein verschlagenes Grinsen auf seine Lippen. „Ich kann mich nicht entsinnen meine Seele an den Teufel verkauft zu haben und hatte einen sehr geruhsamen Schlaf. Aber sag mir Locksley, wie fühlt es sich an, wenn man über einen alten Freund das Urteil sprechen muss?", konterte Guy gehässig.
Robin störte weniger der Inhalt seiner Worte, als viel mehr die Tatsache, dass er ihn Locksley genannt hatte. Er war sich ziemlich sicher, dass nun alle Bande zwischen ihnen gekappt waren und es für sie beide kein Zurück mehr gab. Er würdigte seinen ehemaligen Geliebten keiner Antwort, sondern positionierte sich mit geradeaus gerichtetem Blick neben ihm. Sein Vater hatte an der Seite von Sir Edward Stellung bezogen und musterte seinen Sohn besorgt.
Eine Zeit lang herrschte Totenstille. Die versammelte Menge starrte erwartungsvoll zu den aufgereihten Edelleuten empor.
„Wir warten", drängte der Sheriff ihn mit in einer Singsangstimme und schenkte Robin eines dieser abstoßenden Lächeln, die eher einem Zähnefletschen glichen.
Aus dem Augenwinkel sah Robin zu dem Bogen hinüber, den der rechte Wachmann in seiner Hand umklammert hielt. Er musste gleich sehr schnell und geschickt vorgehen, denn sein einziger Vorteil lag in dem Überraschungsmoment.
Seine Augen richteten sich wieder nach vorne. Er sah auf die Menge herab, atmete einmal tief durch und verkündete dann mit sicherer Stimme: „Ich, Robin of Locksley…"
Der Urteilsvollstrecker erhob sich aus seiner Hocke und stellte sich schon einmal in Position. Dan schloss verzweifelt die Augen und schickte ein Stoßgebet gen Himmel.
„…verkünde nun das Urteil über Dan Scarlett, der wegen Wilderei angeklagt wird", setzte Robin seine Rede fort. Seine Finger zuckten leicht, aber ansonsten merkte man ihm seine Nervosität nicht an. „Ich erkläre ihn hiermit für unschuldig und von jedweder Strafe freigesprochen!"
In der Menge erhob sich ein überraschtes Murmeln. Das selbstgefällige Lächeln schwand von Vaiseys Lippen und der Vollstrecker senkte seine Axt, wobei er verwirrt zum Sheriff hinauf sah, um sicher zu gehen, dass das auch alles so seine Richtigkeit hatte.
Auch die anderen Adligen sahen entgeistert zum Sheriff und von ihm zu Robin hinüber. „Was tust du da Robin? Bist du lebensmüde?", zischte Guy ihm zu. Er hatte Robin gesagt, nicht Locksley und er sorgte sich anscheinend um ihn. Anscheinend war doch noch nicht alle Hoffnung verloren.
„Ich glaube mein Sohn…", wollte Malcolm schon zu einer Entschuldigung ansetzen, doch der Sheriff fiel ihm ins Wort.
„Du widersetzt dich also meinem Befehl und somit der Krone?", schnarrte Vaisey listig. Er sah seine Chance endlich diesen selbstgefälligen Gockel loszuwerden.
„Der Krone? Nein keineswegs. Ihnen? Nur zu gerne", mit diesen Worten stieß Robin mit aller Wucht seinen Ellbogen dem Wachmann hinter sich ins Gesicht, drehte ihm mit einem Ruck den Arm auf den Rücken und entriss ihm Köcher, als auch Bogen.
Für einen kurzen Moment beobachteten alle wie erstarrt das Geschehen, doch als sie aus ihrer Schreckstarre erwachten und sowohl der andere Soldat, als auch Guy nach ihren Waffen griffen, war es schon zu spät. Robins Pfeilspitze visierte bereits Vaisey.
„Eine falsche Bewegung und Nottingham braucht einen neuen Sheriff!", bluffte Robin.
„Nicht Robin! Es gibt ein Abkommen mit Prinz John. Wenn der Sheriff…"
„Das gilt auch für dich Vater!", fiel er ihm ins Wort. Er wusste natürlich über dieses Abkommen Bescheid. Wenn der Sheriff starb, würde man Nottingham dem Erdboden gleichmachen. Selbstverständlich würde er Vaiseys Leben deswegen verschonen, aber das brauchte dieser ja nicht zu wissen.
Er schritt rückwärts die Stufen hinab, wobei er auch den Urteilsvollstrecker mit einem Seitenblick im Auge behielt. Dann stieß er den Scharfrichter mit einem Tritt rüde zur Seite und meinte zu Dan Scarlett. „Steig auf mein Pferd, welches am Torbogen festgebunden ist."
„Aber Robin", brachte dieser mit weinerlicher Stimme hervor. „Ich kann nicht einfach von hier verschwinden. Meine beiden Söhne…"
„Will und Luke sind schon längst nicht mehr in Locksley. Sie befinden sich in Sicherheit, an einem besseren Ort. Also los! Komm schon!"
Unsicher drehte sich Dan Scarlett zu Malcolm um. Wenn er jetzt floh, dann galt er als Outlaw und könnte niemals mehr hierher zurückkehren. Dann fiel sein Blick auf Robin, auch ihn würde dieses Schicksal jetzt fraglos ereilen und er hatte sich dieser Gefahr ausgesetzt, nur um Dan zu retten. Für einen kurzen Moment haderte Dan noch, aber als der Sheriff plötzlich nach seinen Wachen schrie, sprintete er eilig auf Isabellas Stute zu.
Robin feuerte seinen Pfeil ab, der absichtlich den Sheriff nur haarscharf streifte und eine Schnittwunde an seiner Wange hinterließ. Dann bohrte sich die Pfeilspitze in die große, aus Eichenholz bestehende Flügeltür, der Burg.
„Der nächste Pfeil geht nicht vorbei", drohte Robin. Sofort hielten die herbeiströmenden Wachen in ihrer Bewegung inne und auch sonst jeder der Versammelten schien wie erstarrt zu sein. Vorsichtig bahnte sich Robin mit dem Pfeil an der Sehne seinen Weg zum Pferd, um vor Dan in den Sattel zu springen. Doch vorher feuerte er sein Geschoss noch auf einen der Soldaten ab, der in Eigeninitiative das Falltor herunterlassen wollte und sich nun schreiend das schmerzende Bein hielt, in dem der Pfeil steckte. Dann preschte Robin zu Pferd, zusammen mit Dan aus dem Burghof.
Er vernahm hinter sich das fluchende Gezeter des Sheriffs, hörte das klappern von Schwertern und das Wiehern mehrere Rosse, woraufhin er den Falben nur noch mehr antrieb. Schon nach kürzester Zeit hatte Robin seine Verfolger abgehängt. Er hörte Dan hinter sich jammern: „Was hast du getan Robin? Das war keine gute Idee. Ganz und gar nicht. Wie soll ich als Geächteter für meine Familie sorgen?"
„Wie sollst du als Handwerker, mit nur einer Hand für deine Familie sorgen? Glaub mir, in Scarborough wird es euch wesentlich besser ergehen als hier. Früher oder später hättet ihr ohnehin von hier fort gemusst. Es stehen uns harte Zeiten bevor", prophezeite Robin.
„Scarborough? Sind dort meine Söhne?"
„Ganz recht", bestätigte der Beschützer, der Armen und Hilflosen. Als sie die Straße erreichten, die nach Scarborough führte trennten sich Robins und Dans Wege. Ein Händler der des Weges kam und noch nichts von den Vorfällen in Nottingham gehört hatte, war so freundlich den alten Mann ein Stück des Weges auf seinem Karren mitzunehmen. Robin hätte Dan gerne das Pferd überlassen, aber er befürchtete Isabella würde es ihm übel nehmen, wenn er ihre Stute einfach verschenken würde. Er nahm sich vor, ihr das Tier sobald wie möglich heimlich zurückzubringen. Doch im Moment war das Risiko zu groß. In Locksley wimmelte es gewiss längst von Soldaten.
Robin spürte einen leichten Nieselregen auf der Haut, sah gen Himmel und stellte fest, dass sich graue Wolken gebildet hatten, die sich immer weiter zuzogen. Es wehte ein böiger Wind. Er überlegte wo er einen Unterschlupf finden könnte. Er wusste nicht an welchem Ort sich Little John und seine Bande im Moment aufhielten. Sie könnten überall im Sherwood Forest versteckt sein. Das Camp existierte noch nicht und somit blieb Robin als einziger Zufluchtsort die Höhle. Er spornte sein Pferd an und ritt im wilden Galopp seinem Ziel entgegen. Mit jeder Sekunde die verstrich, nahm der Regen immer stärker zu und als Robin endlich an der Höhle eintraf, war er vollkommen durchnässt. Er führte die Falbstute hinter sich ins Trockene. Ihm war kalt, er hatte Hunger und er war vollkommen auf sich alleine gestellt. Kein Much, der ihm Trost spendete, kein Will der ihn aufheiterte und in der Höhle fand er nur einige wenige knorrige Äste, die kaum ausreichten um ein ordentliches Feuer zu entfachen. Langsam fragte sich Robin, ob er wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Indessen herrschte in der ganzen Umgebung große Aufregung. Mittlerweile hatte es sich bis nach Locksley herumgesprochen, was in Nottingham vorgefallen war. Die Reaktionen der Menschen waren gemischt. Manche konnten über so viel Torheit nur den Kopf schütteln, andere priesen Robin, der es gewagt hatte dem Sheriff die Stirn zu bieten, um einen der Ihrigen zu retten und wieder andere fragten sich, ob er dem alten Dan wirklich damit geholfen, oder nicht eher geschadet hatte.
Als Malcolm nach Hause kam, wartete bereits die ganze Dienerschaft, zusammen mit Archer und Isabella in der großen Halle auf ihn.
„Ist es wahr?", verlangte Isabella ohne Umschweife zu erfahren, bevor er überhaupt Zeit hatte seinen Mantel abzulegen. Sie wirkte noch blasser als sonst und auch Archer sah besorgt aus.
„Wenn du wissen willst ob Robin unserem Handwerksmeister Dan zur Flucht verholfen hat, dann ja, es ist wahr. Der Sheriff hat die beiden umgehend zu Outlaws erklärt und sollten wir ihnen Unterschlupf gewähren, droht uns dasselbe Schicksal", meinte Malcolm sichtlich ermattet.
„Und was hast du getan um das zu verhindern?", giftete Isabella ihn an. Sie stand neben dem Esstisch und ihre Fingernägel krallten sich in das matte Holz.
„Ich wusste nichts von Robins Plan! Glaubst du nicht, ich hätte ihn andernfalls davon abgehalten? Ich habe alles versucht, um den Sheriff davon zu überzeugen, sein Urteil noch einmal zu überdenken. Aber der Sheriff verachtet Robin und mich kann er auch nicht sonderlich gut leiden. Er schien weniger erbost darüber zu sein das Robin das Gesetz gebrochen hat, als vielmehr darüber das er den Wachen entkommen ist."
„Aber mein Bruder ist doch nun die rechte Hand des Sheriffs. Kann er nicht irgendetwas unternehmen?", fragte Isabella verzweifelt. Sie würden Robin fangen und dann hängen lassen. Alles in ihrem Inneren zog sich bei diesem Gedanken zusammen. Immerhin war der Wunderknabe von Locksley mittlerweile wie ein Bruder für sie.
Malcolm schnaubte verächtlich. „Guy hat nicht den geringsten Versuch unternommen, sich für Robin, oder Dan einzusetzen. Es ist ihm gleichgültig."
„Das kann ich nicht glauben!", begehrte nun Archer auf. Guy liebte Robin! Wenn auch auf eine Art und Weise, die Archer zuwider war. Er würde doch niemals einfach so zulassen, dass man ihn als Gesetzeslosen brandmarkte und für vogelfrei erklärte.
Auch Much hatte das ganze Gespräch mit zunehmender Angst verfolgt. Es stand ihm als Diener nicht zu sich an der Diskussion zu beteiligen, aber Robin war nicht nur sein Herr, sondern auch sein bester Freund. Stotternd brachte er hervor: „Aber wenn der Master nach Hause kommt, um unsere Hilfe zu ersuchen, können wir ihn doch nicht einfach wie einen räudigen Hund davon jagen." Durch seinen Kopf schallen immer noch Malcolms Worte: Der Sheriff hat die beiden umgehend zu Outlaws erklärt und sollten wir ihnen Unterschlupf gewähren, droht uns dasselbe Schicksal.
Much war das gleich. Er würde Master Robin unter gar keinen Umständen im Stich lassen!
„Uns bleibt wohl nichts anderes übrig", brachte Malcolm schweren Herzens hervor. „Wenn der Sheriff herausfindet das wir ihm in irgendeiner Form helfen, oder bei uns versteckt halten, wird er jeden von uns als Verräter hinrichten lassen." Nun wusste Malcolm wie sich Guy gefühlt haben musste, als man seinen Vater in die Verbannung schickte. Er würde gewiss nicht tatenlos zusehen, wie man seinen Sohn schnappte und an den Galgen brachte, aber wenn er ihm helfen wollte dann musste er heimlich agieren. Er durfte die Dienerschaft und seine beiden verbliebenen Sprösslinge nicht mit hineinziehen. Er würde morgen nach Robin suchen. Ihm das wenige verbliebene Geld mitgeben, dass er noch besaß und einige Verpflegung. Malcolm hatte Freunde in York. Vielleicht würden diese seinen Sohn bei sich aufnehmen. Dort befände er sich immerhin außerhalb Vaiseys Machtbereich.
„Ich erwarte von jedem hier, dass er mir sofort Bericht erstattet, wenn er etwas von meinem Sohn hört, oder sieht, aber jedwede Form der Hilfe ist untersagt", verkündete der Herr Locksleys streng.
Archer wollte davon nichts mehr hören. „Ich werde nach Nottingham reiten und mit Guy reden! Er kann den Sheriff sicherlich überzeugen das Urteil zu mildern", beschloss das jüngste Familienmitglied. Nun bereute er es, dass er die letzten Monate so abweisend gegenüber Robin war. Was wenn er nun hingerichtet wurde und seine letzten Worte an ihn irgendwelche Gemeinheiten waren? Er schluckte schwer.
„Ich bezweifle, dass Guy sich für ihn einsetzten wird, aber tu was du nicht lassen kannst", meinte Malcolm resignierend. Wenn Archer sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war er ebenso stur wie Robin. Er verlies das Anwesen, holte sein Pferd aus dem Stall, welches ihm Robin vermacht hatte und begab sich auf den Weg nach Nottingham. Es goss in Strömen, aber das war Archer einerlei. Als er in Nottingham eintraf und sich von einem der Wachleute zu Guys Zimmer führen lies, wurde er zunehmend nervöser. Archer hatte ihn nicht mehr gesehen, seitdem er Locksley Manor verlassen hatte und er wusste nicht, wie dieser auf seinen Besuch reagieren würde. Als sie vor der Tür zu Guys Kammer standen, gab Archer dem Wachmann mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er nun gehen könne. Doch selbst als dessen Schritte verhallt waren, wagte er es nicht anzuklopfen. Guy und er waren nicht im Guten auseinander gegangen und er befürchtete, dass sein Besuch bei ihm Robin eher schaden, als nützen könnte. In dem Moment als er sich endlich überwunden hatte und die Hand hob um zu klopfen, da öffnete sich die Tür von ganz alleine. Guy stand vor ihm und schaute ziemlich überrascht drein, als er Archer ansichtig wurde.
Eine Zeitlang herrschte Totenstille, doch dann fing sich der Dunkelhaarige wieder und seine Mine verdüsterte sich. „Was willst du hier?", zischte er ihn an.
„Was wohl? Ich will mit dir über Robin reden!"
„Was gibt es da noch zu bereden? Er hat sich eines Verbrechens schuldig gemacht und wird nun seiner gerechten Strafe entgegengeführt", entgegnete der Dunkelhaarige kühl.
„Seiner gerechten Strafe?", fragte Archer ungläubig.
„War das alles was du mit mir bereden wolltest? Wenn ja, dann lass mich vorbei. Ich habe dem Sheriff versprochen ihm Robin zu bringen."
„Du hast was?" Archer wollte seinen Ohren nicht trauen. Hatte Malcolm vielleicht Recht? War Robin seinem Gegenüber vollkommen gleichgültig?
„Er kann dir doch nicht vollkommen egal sein!"
„Was spielt das für eine Rolle?", entgegnete Guy. Unerwartet traf ihn plötzlich Archers Faust im Gesicht. Mit einem Stöhnen strauchelte er ein paar Schritte zurück, während er sich fassungslos sein schmerzendes Kinn hielt.
„HAST DU JETZT VÖLLIG DEN VERSTAND VERLOREN?", herrschte er seinen jüngeren Bruder an.
„Erst fickst du ihn und dann wirfst du ihn wie eine dreckige Straßendirne weg! Du widerst mich an Guy", brachte Archer zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Sei still!", zischte Guy ihm zu, packte ihm am Kragen und zog ihn ruppig zu sich in die Kammer. Dann ließ er ihn los und schloss eilig die Tür.
„Bist du wahnsinnig? Was ist wenn dich jemand gehört hat?", grollte er ihm.
„Wäre dann dein guter Ruf beschädigt? Das tut mir aber leid", spottete der Jüngere sarkastisch. „Anscheinend war unser Bruder nicht sehr gut im Bett, wenn du nicht einmal ein gutes Wort für ihn einlegen willst. Bei Gott, ich hoffe du wirst dafür in der Hölle schmoren!"
Guy ballte die Hände zu Fäusten. „Erstens, Robin ist NICHT mein Bruder! Zweitens, glaubst du nicht, dass hätte ich nicht schon längst getan? Ich habe dem Sheriff gesagt das Robin sich noch auf dem geistigen Stand eines Kindes befindet und es wohl nichts weiter war als ein alberner Streich."
„Du hast dem Sheriff gesagt er wäre geistig zurückgeblieben?", empörte sich Archer.
„Das muss er wohl sein. Wie sonst erklärst du dir sein Verhalten? Robin scheint vollkommen den Verstand verloren zu haben. Er war schon immer etwas exzentrisch, aber das hier ist reiner Wahnsinn!", knurrte Guy.
„Robin ist nicht verrückt!" Entrüstet verschränkte Archer die Arme vor der Brust. „Und in wie fern soll ihm das geholfen haben?"
„Der Sheriff hat mir versprochen, dass wenn ich ihm Robin ausliefere und dieser ihm die Treue schwört, er nur mit einer geringen Strafe davon kommt. Er muss den Sheriff lediglich öffentlich um Vergebung bitten und bekommt seinen Titel entzogen, aber das ist immer noch besser, als sein restliches Leben als Outlaw zu fristen", rechtfertigte sich der Dunkelhaarige.
„Und was ist mit Dan?"
Guy zuckte mit den Schultern. Dies genügte Archer als Antwort. „Soll das heißen er wird hingerichtet, wenn die Wachen ihm habhaft werden?"
„Mehr konnte ich nicht ausrichten. Es ist Robins Schuld. Mir ist immer noch unbegreiflich was ihn dazu getrieben hat. Er muss wirklich verrückt geworden sein."
„Oder ihm sind die Menschen die er liebt einfach nicht gleichgültig", entgegnete Archer. Auch wenn er es nicht offen aussprach, so wusste Guy das es ein Vorwurf an ihn war.
„Dan Scarlett ist mir nicht gleichgültig, aber er hatte sich eines Verbrechens schuldig gemacht. Es hat mich schon alle Mühe gekostet für Robin eine Begnadigung zu erringen! Und jetzt entschuldige mich, aber ich muss das schwarze Schaf unserer Familie auflesen", mit diesen Worten drängte er sich an Archer vorbei und verlies Nottingham Castle. Er holte sich seinen Rappen aus dem Stall und ritt zum Sherwood Forest. Wo sonst sollte sich Robin versteckt halten? Er war bereits bis auf die Knochen durchnässt, als der Regen und der Sturm endlich nachließen, aber von seinem Kindheitsfreund war keine Spur zu finden. Guy hatte all ihre Lieblingsplätze abgesucht. Den Staudamm, den See, die hohe Eiche im Wald, ja selbst bei der verlassene Klosterkapelle war er gewesen. Vielleicht war Robin gar nicht mehr in Locksley, sondern längst über alle Berge. Der Gedanke Robin womöglich nie wieder zu sehen, war unerträglich.
Er erinnerte sich an den gestrigen Tag. Robin hatte mit ihm reden wollen und er hatte ihn von sich gestoßen. Hatte er womöglich gar nicht über sie beide sprechen wollen? Ging es vielmehr um seinen Plan Dan Scarlett zu befreien? Wenn ja, dann hätte Guy all dies vielleicht verhindern können. Er hätte ihm einfach nur zuhören müssen. Frustriert setzte der Dunkelhaarige seinen Ritt fort. Er hatte gehofft in Nottingham endlich über den überheblichen Locksleyspross hinweg zu kommen, aber das schien ein unmögliches Unterfangen zu sein. Trotz all der Lügen und des Verrats den er an ihm begangen hatte, liebte er diesen Mistkerl immer noch! Das war ihm vor allem in dem Moment bewusst geworden, als der Sheriff vor allen Edelleuten verkündet hatte, dass Robin of Locksley nun ein Outlaw sei und ihm die Todesstrafe drohe. Guy hatte geglaubt sein Herz würde ihm versagen. Er konnte sich eine Welt ohne Robin nicht vorstellen.
Aus dem Augenwinkel nahm er auf einmal eine Bewegung wahr. Er drehte sich ruckartig zur Seite und erkannte Isabellas Stute. Wenn das keine Fügung des Schicksals war! Dann konnte Robin auch nicht weit sein. Guy stieg von seinem Rappen ab, band ihn an einem Baum fest und ging auf das Tier zu, welches genüsslich an ein paar Grashalmen knabberte. Erst jetzt entdeckte er die Höhle. Er band Isabellas Stute ebenfalls an einem Ast fest und Schritt in das Innere der Felsgrotte. Nahe des Eingangs lag Robin, tief und fest schlummernd. Er hatte anscheinend nicht vorgehabt einzuschlafen, ansonsten hätte er das Pferd sicherlich irgendwo festgebunden. Er musste auf Grund der Aufregung vollkommen erschöpft gewesen sein. Guy kam vor ihm zum Stehen und musterte ihn. „Du machst nichts als Scherereien", beklagte er sich, bevor er sich hinabbeugte und sanft über Robins Wange strich. Dieser gab ein leises Grummeln von sich, wie stets, wenn Guy versucht hatte ihn zu wecken. Als hätte er sich verbrannt zog er seine Hand eilig zurück. Verschiedene Gefühle durchströmten ihn. Sehnsucht, weil er seit Langem Robin endlich wieder so nahe war, Verbitterung, weil dieser ihn ein Leben lang den wahren Grund für den Tod seiner Eltern verschwiegen hatte und Unsicherheit, weil er sich nicht sicher war, ob seine Berührungen länger erwünscht waren.
„Steh auf", grollte Guy wütend auf sich selbst und auch auf Robin.
Verschlafen öffnete dieser die Augen. Seine Kleidung klebte immer noch nass an seiner Haut und für einen kurzen Moment wunderte er sich wo er war. Er blickte in Guys ernstes Gesicht und auf einmal erinnerte er sich wieder. Erschrocken wisch der Blondbrünette vor ihm zurück.
„Wie hast du mich hier gefunden?", zischte er.
„Isabellas Stute lief draußen umher. Sag mir Robin, haben dich alle guten Geister verlassen?"
Robin überging die Frage einfach und setzte sich aufrecht hin. „Sind der Sheriff und seine Soldaten auch hier?"
Guy schüttelte den Kopf. Erleichtert atmete Robin aus.
„Wo ist Dan?", horchte Guy nach.
„Ich weiß es nicht. Ich habe ihm gesagt, es wäre besser wenn sich unsere Wege trennten. So schafft es vielleicht einer von uns beiden zu entkommen", behauptete Robin. Es war eine schiere Lüge, aber er befürchtete das der Dunkelhaarige nicht nachgeben würde, bis er ihm den Aufenthaltsort des Handwerkers verraten hatte. Es war besser sich unwissend zu stellen.
„Bist du hier um mich dem Sheriff auszuliefern?"
Eine Zeit lang sagte Guy nichts. Er war sich sicher das sein Gegenüber log. Wenn er wollte, könnte er mit Sicherheit Dans Aufenthaltsort irgendwie aus ihm herauslocken, aber er war dem alten Mann noch etwas schuldig und so beließ er es dabei. Schließlich antwortete er: „Ja, das bin ich. Er hat versprochen dich zu begnadigen, wenn ich dich ihm bringen und wenn du öffentlich deine Schuld eingestehst."
„Das ist alles?", fragte Robin mit gewölbten Augenbrauen. Er glaubte Guy kein Wort.
„Du musst ihm die Treue schwören und wirst deinen Titel verlieren."
Robin verschränkte die Arme vor der Brust, reckte sein Kinn empor und meinte aufsässig: „Nein."
Für einen kurzen Moment entgleisten Guys Gesichtszüge, doch er fasste sich schnell wieder. „Warum nicht? Ist dir dein Titel so viel wert, dass du dafür dein Leben opfern willst?", brauste Guy auf, packte Robin am Kragen und schüttelte ihn.
„Mein Titel? Keineswegs. Aber ich vertraue dem Sheriff nicht. Sobald ich durch die Tore Nottinghams schreite, wird man mich festnehmen und hängen. Davon abgesehen denke ich gar nicht daran diesem Verräter die Treue zu schwören!"
Guy stieß Robin von sich und stand auf. Mit einem abwertenden Blick sah er auf Robin hinab. „Verräter? Wen soll er denn verraten haben? Du bist derjenige, der das Gesetz gebrochen hat, als du einen Verbrecher zur Flucht verhalfst. Zusätzlich hast du auch noch das Leben des Sheriffs bedroht!"
„Er will König Richard verraten!", entgegnete Robin und kam nun selber auf die Beine.
„Nicht schon wieder diese Leier", scharrte Guy und verdrehte die Augen. „Wo hast du das überhaupt aufgeschnappt? Wer ist diese angeblich so glaubwürdige Quelle?", höhnte Guy.
Was sollte er darauf antworten? Der Gisbornenachkomme würde ihm die Wahrheit niemals glauben.
„Na, woher beziehst du deine wertvollen Informationen? Weist du was Robin? Das nennt man Verleumdung. Aber was habe ich auch anderes von dir erwartet, du hast ja schon immer mit gespaltener Zunge gesprochen. Das ist mir nun klar!", warf Guy ihm zähneknirschend vor.
„Du willst also die Wahrheit hören? Du würdest mir die Wahrheit ohnehin nicht glauben!"
„Dann versuch es doch mal. Oder fällt es dir so schwer einmal ausnahmsweise ehrlich zu sein?", spottete der Dunkelhaarige.
„Na gut, wenn du unbedingt willst", meinte Robin trotzig. Was machte es noch für einen Unterschied? Guy hielt ihn ohnehin für einen Lügner und sollte er später doch noch irgendwann einen Weg finden, um seine Geschichte zu beweisen, so konnte der Dunkelhaarige ihm immerhin nicht vorwerfen, dies ebenfalls vor ihm geheim gehalten zu haben. „Ich habe dieses Leben schon einmal gelebt! Damals bin ich mit den anderen Männern ins Heilige Land gezogen und der Sheriff schickte im Jahr 1191 als Sarazenen verkleidete Soldaten ins Lager des Königs, um diesen ermorden zu lassen. Du warst ebenfalls unter diesen Meuchelmördern, die in Akkon einfielen. Doch wir konnten die Angreifer abwehren. Da zu jenem Zeitpunkt noch niemand wusste das es sich in Wahrheit um Soldaten des Sheriffs handelte, kam er ungeschoren davon. Außerdem scheiterten aus diesem Grund die geplanten Friedensverhandlungen mit den Sarazenen und dieser sinnlose Krieg wurde fortgesetzt. Im Jahr 1193 wagte der Sheriff einen weiteren Anschlag auf das Leben des Königs, mit dir als seinen Gefolgsmann. Lady Marian erfuhr davon und damit sie niemandem etwas verriet, musste sie euch ins Heilige Land begleiten. Als du im Auftrag des Sheriffs den König töten wolltest hielt sie dich davon ab, kam aber dafür selber durch deine Hand ums Leben. Als sie starb muss ich irgendwie in die Zeit zurückversetzt worden sein und nun erlebe ich alles noch einmal. Deswegen verabscheue ich den Sheriff und deswegen ist er ein Verräter!"
Abwartend starrte Robin sein Gegenüber an. Anfangs hatte Guy noch sehr verwundert dreingeschaut, als er mit seiner Erzählung begonnen hatte, aber mit jedem Satz war seine Mine undurchschaubarer geworden. Nun glich sie einer emotionslosen Maske, die nichts darüber verriet, was gerade in Guys Kopf vor sich ging. Schließlich brachte er monoton hervor: „Entweder machst du dich gerade über mich lustig, oder du hast tatsächlich deinen Verstand verloren. Du glaubst doch nicht ernsthaft das ich auch nur ein Wort davon für bare Münze nehmen, oder?"
„Ich habe gesagt du würdest mir nicht glauben, aber es ist die Wahrheit!", beharrte Robin.
„Wenn du das tatsächlich glaubst, dann stimmt etwas nicht mit dir! Seit wann hast du diese Hirngespinste?", fragte Guy pikiert. Aus der emotionslosen Maske, war eine Grimasse aus Argwohn, Geringschätzung, sowie Mitleid geworden.
„Seit meinem neunten Lebensjahr. Das war der Zeitpunkt..."
„Red bitte nicht weiter", unterbrach Guy ihn. „Ich will diesen Unsinn nicht hören. Dir ist das wirklich ernst, oder?"
„Ja, das ist es", antwortete Robin mit festem Blick. Guys Frage weckte in ihm die Hoffnung, dass er ihm vielleicht doch glauben würde, nur leider zerstörten seine nächsten Worte diesen neuen Hoffnungsschimmer gänzlich.
„Robin, du brauchst dringend Hilfe. Vielleicht kann die Heilerin Matilda..."
„Ich bin nicht verrückt", schnitt er seinem Gegenüber das Wort ab.
Vorsichtig streckte Guy seine behandschuhte Hand nach Robin aus und legte sie ihm behutsam in den Nacken. Dann zog er ihn etwas näher zu sich heran, um seine Stirn an die von Robin zu pressen. Dieser ließ ihn gewähren.
„Robin bitte, komm mit mir", sagte Guy mit eindringlicher Stimme.
Der Locksleyabkömmling löste sich aus seinem Griff. „Nein, das werde ich nicht! Und hör auf plötzlich den Besorgten zu spielen, dass passt nicht zu dir. Seit Monaten schon ist dir meine bloße Gegenwart zuwider. Glaubst du ernsthaft ich lasse mich so leicht von dir einwickeln, damit du mich dem Sheriff übergeben kannst und eine Belohnung erhältst?"
Guys Augenbrauen zogen sich bedrohlich zusammen und seine Lippen bildeten eine schmale Linie. „Ich würde dich nur ungern gegen deinen Willen mit mir nehmen, aber wenn du mir keine andere Wahl lässt, dann werde ich dich wie einen nassen Sack, geknebelt und gefesselt auf mein Pferd werfen."
„HA, das will ich sehen", entgegnete Robin hochmütig, drängte sich an seinem Gegenüber vorbei aus der Höhle und wollte schon auf Isabellas Pferd zugehen, um von hier zu verschwinden, als ihn plötzlich Guy von hinten packte und zu Boden riss. Der Köcher, sowie der Bogen, welche um Robins Schulter hingen, pressten sich schmerzhaft in seinen Rücken. Es entstand eine wilde Rangelei.
„Du kommst jetzt mit mir nach Nottingham!", brachte der Dunkelhaarige zwischen Schlägen in Robins Magengegend hervor.
„Das werde ich nicht!", fuhr dieser ihn an, ergriff Guys Kehle und versuchte die Oberhand zu gewinnen. Plötzlich rollten sie, wie zwei ineinander verbissene Straßenkatzen, durchs Unterholz. Der Kampf wäre gewiss noch lange so weitergegangen, wenn auf einmal nicht eine vertraute Stimme erklungen wäre.
„Na, wen haben wir denn da? Den Handlanger des Sheriffs und ... nein, dich kenne ich nicht", meinte Roy mit vor der Brust verschränkten Armen und legten den Kopf leicht schief.
Erschrocken lies Guy von Robin ab und sprang auf die Füße. Auch dieser erhob sich vom Waldboden, wobei er sich einen Überblick über die Lage verschaffte. Um sie herum an den Hängen standen bewaffnete Outlaws, die ihre Pfeile auf sie gerichtet hielten. Es waren Little John, Forrest und Hanton.
Nur kurze Zeit später fanden sich Guy und Robin an zwei Bäumen gefesselt wieder. Sie wurden ihres Hab und Gutes beraubt, um welches die vier Gesetzeslosen nun feilschten. Der ehemalige Hüter des Sherwood Forests konnte darüber nur schmunzeln. In derselben Lage hatte er sich doch schon einmal befunden. Aber mittlerweile war er wesentlich geschickter darin, sich aus derlei Situationen zu befreien. Er hatte es schon längst geschafft die Fesseln zu lockern und wartete nur noch auf den richtigen Moment, um das Blatt zu wenden.
„Warum grinst du so blöd?", fragte Hanton misstrauisch und versuchte möglichst einschüchternd zu wirken, als er auf Robin zuschritt.
„FASS IHN NICHT AN!", brüllte Guy wutentbrannt. Überrascht wendete der ehemalige Hüter des Sherwood Forests seinem Kopf zu dem Dunkelhaarigen um.
„Du sorgst dich um mich Guy? Wie rührend", säuselte er und schon im nächsten Moment hatte er sich aus seinen Fesseln befreit und sie wie eine Schlinge um Hantons Hals gelegt. „Aber das ist wirklich nicht nötig."
Die anderen Outlaws wollten schon zu ihren Waffen greifen, um ihren Kameraden zu retten, aber Robin war schneller. Er griff sich Hantons Köcher und Bogen, stieß ihn mit einem Fußtritt von sich und richtete seine Pfeilspitze auf die kleine Gruppe von Gesetzeslosen, die immer noch um ihre ergaunerte Beute herum saßen.
„Binde ihn los", meinte er zu dem nun vollkommen unbewaffneten Hanton, während er die anderen Outlaws im Blick behielt. „Hörst du nicht? Du sollst ihn losbinden", blaffte Robin ihn an. Hanton sah zu seinem Anführer herüber. Little John nickte bejahend und nur wenig später war Guy von seinen Fesseln befreit. „Nun setzt dich zu den anderen", kommandierte Robin den Mann herum, der zögerlich seinem Befehl nachkam.
„Gut gemacht Robin", lobte Guy ihn.
„Verschwinde jetzt", sagte Robin daraufhin nur in einem kühlem Tonfall, wobei er die Outlaws nicht aus den Augen lies.
„Ich soll was?", fragte der Dunkelhaarige verständnislos.
„Du sollst verschwinden! Und nimm Isabellas Stute mit dir. Sie wird sie gewiss gerne zurück haben."
„Und ich soll dich mit diesen Outlaws hier alleine lassen? Wohl kaum."
„Ich bin nun selber einer dieser so genannten Outlaws und ich sagte dir bereits ich werde nicht mit dir zurück nach Nottingham kommen. Du magst vielleicht vor dem Sheriff katzbuckeln, aber ich bestimmt nicht. Er ist der wahre Verbrecher! Diese Männer hier, sind doch nur zu Outlaws geworden, weil sie ihre Steuern nicht mehr bezahlen konnten. Wenn der Sheriff seine Bauern bis aufs letzte Unterhemd ausbeutet, dann soll er sich nicht wundern, wenn sie sich irgendwann gegen ihn erheben und jetzt verschwinde!"
„Ich sagte, ich werde nicht ohne dich gehen!"
„Entweder du gehst freiwillig, oder ich bitte diese Herren hier, dich wieder zu fesseln und wie einen nassen Sack, über den Sattel deines Pferdes zu werfen. Sie würden meinem Wunsch gewiss gerne Folge leisten", warf Robin seinem ehemaligen Geliebten, seine eigenen Worte postwendend um die Ohren.
„Mit dem größten Vergnügen", bestätigte Forrest mit einem verschlagenen Grinsen.
Wütend blickte Guy zwischen Robin und den Outlaws hin und her, sah dann aber ein, dass er keine andere Wahl hatte. Widerwillig befreite er die beiden Pferde von dem Baum und legte die Zügel der Stute vorne um den Sattel seines Hengstes, bevor er aufstieg. „Du willst doch nicht mit diesen Halunken hier zurück bleiben. Komm mit mir", versuchte er es ein letztes Mal.
Robin verdrehte die Augen. „Verschwinde endlich, bevor ich meine Drohung wahr mache und dich wirklich fesseln lasse!"
Das ließ sich Guy nicht noch einmal sagen. Er spornte seinen Rappen an und ritt teilweise wütend, teilweise besorgt davon. Erst als der Hufschlag der beiden Pferde verstummt war, senkte Robin den Bogen. „Tut mir Leid, aber ihr habt mir keine andere Wahl gelassen. Ich bin nicht euer Feind."
„Ach nein?", raunzte Little John ihn an und rappelte sich auf seine Füße.
„Nein. Ich kenne deine Frau Alice, sie glaubt du wärest tot. Du solltest ihr sagen, dass du noch lebst. Dasselbe gilt auch für dich Forrest."
„Du kennst unsere Namen?", fragte der jüngere, der beiden Männer verwirrt.
„Allerdings", bestätigte Robin.
„Was weißt du von meiner Frau? Wie geht es ihr?", erkundigte sich Little John besorgt.
„Den Umständen entsprechend. Sie vermisst dich. Die zu hohen Steuern des Sheriffs machen ihr zu schaffen, aber meine Familie und ich versuchen ihr so gut wie möglich zu helfen."
„Deine Familie?", fragte Roy misstrauisch.
„Ich bin Robin of Locksley", erklärte er.
„Von den Locksleys habe ich gehört. Ihr bezahlt für eure Bauern die zusätzlichen Steuererhöhungen des Sheriffs aus eigener Tasche", meinte Forrest beinahe ehrfürchtig.
„Wir haben sie aus eigener Tasche bezahlt. Doch mittlerweile ist das nicht mehr möglich. Selbst uns sind jetzt die Geldmittel ausgegangen. Der Sheriff ist ein gieriger Tyrann. Er wollte unseren Handwerker Dan Scarlett die Hand abschlagen lassen, nur weil dieser ein Kaninchen erlegt hatte, um seine beiden Söhne zu ernähren. Da ich ihm zur Flucht verhalf, bin ich nun ebenfalls ein Outlaw", erklärte Robin. Er hoffte auf diese Weise irgendwie die Sympathie der anderen Männer zu gewinnen, trotz ihres schlechten Starts.
„Und was hast du mit diesem Guy of Gisborne zu schaffen?", fragte Roy anklagend.
„Er ist so etwas wie mein Adoptivbruder", erklärte Robin. Die Wahrheit konnte er ja schlecht sagen und dies kam ihr am nächsten. „Als seine Eltern starben, nahm mein Vater ihn und seine Schwester bei uns auf. Ich war damals selber gerade mal neun Jahre alt und er vierzehn. Er ist nicht von Grund auf schlecht, nur irgendwie vom richtigen Weg abgekommen", versuchte Robin ihn zu verteidigen.
„Er ist der Handlanger des Sheriffs", brachte Hanton zähneknirschend hervor. „Und du hast ihm zur Flucht verholfen."
„Ich sagte bereits, er ist so etwas wie ein Bruder für mich, auch wenn wir uns in vielen Dingen uneinig sind und ich den Sheriff ebenso verabscheue wie ihr."
„Aber, wenn deine Familie nun ebenfalls kein Geld mehr hat, wie wollt ihr dann meiner Alice helfen?", fragte Little John verständnislos.
„Als Adligen ist es uns gestattet im Wald zu jagen. Wir bringen ihr regelmäßig etwas Wild, oder auch Fisch mit. Den mag sie besonders gerne."
„Ja, den mochte sie immer am liebsten." Auf Little Johns Lippen bildete sich ein wehmütiges Lächeln. Anscheinend kannte dieser Fremde seine Alice wirklich.
„Du solltest ihr sagen das du lebst. Auch deinem Sohn zu Liebe. Es ist nicht leicht ohne Vater aufzuwachsen." Robin sprach aus eigener Erfahrung. Immerhin hatte er sich in seinem letzten Leben mit neun Jahren ohne Eltern durchschlagen müssen.
„Mein Sohn?", fragte Little John verwirrt.
„Ja, dein Sohn. Er wurde nach dir benannt. Soll das heißen du weißt nichts von ihm?"
„Ich habe einen Sohn und er heißt Little John?", hackte der große Mann ungläubig nach.
„So ist es", antwortete Robin mitfühlend. „Wenn sie wüssten das du lebst, dann könntest du dir mit ihm und deiner Frau irgendwo anders ein neues Leben aufbauen."
„Sie würden alles verlieren! Unser Haus, den Hof. Ich hatte meine Gründe, weshalb ich meine Existenz all die Jahre geheim gehalten habe."
„Aber ich bin mir ziemlich sicher, sie wird es dir übel nehmen, wenn sie irgendwann erfährt das du all die Jahre gar nicht tot warst, sondern dich nur im Wald versteckt hast!" Robin hätte zwar Little John wieder gerne an seiner Seite gehabt, aber er wollte seinem Familienglück nicht im Wege stehen. „Vielleicht ist es noch nicht zu spät, um sie um Vergebung zu bitten."
„Was verstehst du denn schon davon! Meine Frau und mein Sohn sind sicher, dort wo sie sind. Soll ich sie mit mir in die Fremde nehmen, ohne zu wissen, ob ich irgendwo Arbeit, Nahrung, oder ein Heim für sie finde?"
„Ich habe dir nur gesagt was ich denke. Die Entscheidung liegt ganz bei dir", versuchte Robin ihn zu beschwichtigen.
„Rede nicht so überheblich daher!", meinte Roy. „Du bist ebenso wie wir nur noch ein Outlaw, der keine Macht und nichts mehr bewirken kann."
„Ich denke da irrst du dich. Man kann immer etwas bewirken", entgegnete Robin mit einem siegessicheren Funkeln in den Augen. Er war sich ziemlich sicher, dass er die Männer auch diese Mal wieder für sich gewinnen könnte. Sie waren zwar nur zu fünft, aber immerhin war Robin nun nicht mehr alleine und mit diesem Gedanken schöpfte er neuen Mut. Dieses Mal würde er nicht zu lassen, dass Roy, oder Hanton den Soldaten des Sheriffs zum Opfer fielen. Was jedoch Forrest betraf, so konnte er sich gut vorstellen, dass dieser sich wie auch damals mit seiner Frau zusammen ein neues Leben aufbauen wollte und ihre Gemeinschaft verließ. Er machte es ihm nicht zum Vorwurf. Vielleicht würden dafür ja noch andere Mitglieder zu ihnen stoßen. „Anstatt hier auf der faulen Haut zu liegen, was haltet ihr davon, wenn wir uns zusammen tun und dem Sheriff zeigen, dass er mit uns und unseren Familien nicht einfach so umgehend kann, wie es ihm gerade gefällt?"
Es dauerte nur wenige Wochen und schon war der Name Robin Hood wieder in aller Munde. Der Held des Sherwood Forests, der von den Reichen nahm, um es den Armen zu geben, ließ die Menschen wieder Hoffnung schöpfen. Er war stets umgeben von seiner Bande, zu der auch mittlerweile Allan a Dale und sein Bruder Tom zählten. Robin hatte sie entdeckt, als sie versucht hatten einen Steuertransport des Sheriffs zu überfallen und dabei selbst in die Mangel gerieten. Der Hüter des Sherwood Forests und seine Bande von Outlaws, hatten die beiden aus ihrer misslichen Lage befreit, woraufhin es dem geübten Bogenschützen nicht viel Überredungskunst gekostet hatte, sie für seine Sache zu gewinnen. Mit ihrer Raffinesse, waren die a Dale-Brüder nützliche Verbündete im Kampf gegen den Sheriff, auch wenn Robin dieses Mal ein besseres Auge auf Allan haben würde. Nicht das er sich wieder für ein paar glänzende Münzen mit dem Feind verbündete.
Seit Dan Scarletts gescheiterter Urteilsvollstreckung, hatte Robin seinen Vater, Isabella und Archer nicht mehr gesehen. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, ihnen nachts unbemerkt einen Besuch abzustatten, aber er befürchtete das sie von seinem neuen Lebenswandel nicht all zu begeistert sein würden und damit hatte er auch Recht. Während er von den Dorfbewohnern umjubelt und gefeiert wurde, betete Isabella jeden Abend darum, dass er endlich zur Besinnung käme. Sie fürchtete um sein Leben und konnte ebenso wenig wie Malcolm begreifen, warum Robin das großzügige Angebot des Sheriffs ausgeschlagen hatte. Sein Vater war sich ziemlich sicher, dass es an Robins übersteigertem Selbstwertgefühl lag und machte sich Vorwürfe, weil er in seiner Erziehung nicht strenger durchgegriffen hatte. Lediglich Archer war von den Geschichten, die man sich über seinen Bruder erzählte begeistert. Er stellte amüsiert fest, dass die Kinder im Dorf fast alle nur noch mit Pfeil und Bogen durch die Gegend liefen, um Robin Hood und seine Bande von Outlaws zu spielen.
Als Guy und Robin das nächste Mal aufeinander trafen, war es am alten Staudamm, wo sie in ihrer Kindheit häufig zusammen gespielt hatten. Beziehungsweise wo Guy als Kind häufig mit ihm gespielt hatte, denn immerhin war Robin nur rein äußerlich ein Kind gewesen. Kaum zu glauben, dass dies nun bereits fast siebzehn Jahre her war. Es tat gut nach so langer Zeit wieder in seine Rolle als Robin Hood zu schlüpfen, aber auf die Konfrontation mit Guy hätte er gerne verzichtet. Dieser führte dieses mal den Steuertransport an, der zusätzlich von vier weiteren Soldaten bewacht wurde und die Outlaws versperrten ihnen nun den Weg. Als der Dunkelhaarige, der hoch zu Ross saß, Robin ansichtig wurde sah er zunächst keineswegs verärgert aus, sondern vielmehr erleichtert. „Weist du eigentlich, dass ich den ganzen Wald nach dir abgesucht habe?", begrüßte er ihn mürrisch.
Robins Augenbrauen wölbten sich und er legte den Kopf etwas schief. „Zu welchem Sinn und Zweck?"
„Robin du brauchst Hilfe."
„Wenn du mir helfen willst, dann zieh mit deinen Soldaten einfach ab und überlass uns die Steuern", entgegnete Robin mit einem schalkhaften Lächeln auf den Lippen. Auch die sechs Outlaws, welche ihm den Rücken deckten grinsten dreist.
„Du weist genau, welche Form von Hilfe ich meine", entgegnete Guy mit so viel Herablassung in der Stimme, dass jenes spitzbübische Lächeln aus Robins Gesicht wieder verschwand.
„Willst du mich in ein Irrenhaus stecken? Ich bin nicht verrückt!"
Guy schnaubte verächtlich. „Ich werde dich nirgendwo hinschicken, solange du jetzt freiwillig mit mir kommst. Das ist doch Wahnsinn!", meinte er und wies mit einer ausdehnenden Handbewegung auf Robin und seine Kumpanen.
„Wahnsinn ist es einem Volk, das ohnehin schon am Hungertuch nagt auch noch den letzten Groschen aus der Tasche zu ziehen."
„Robin, ich sage das jetzt zum letzten Mal: Gib deinen Leuten den Befehl uns den Weg frei zu machen und komm mit. Ansonsten lässt du mir keine andere Wahl, als dich und deine Freunde in Ketten legen zu lassen." Das Wort Freunde betonte er dabei so spöttisch, als würde es sich dabei um irgendwelche Küchenschaben handeln.
„Nein Guy, du lässt mir keine andere Wahl. Männer, JETZT!" Plötzlich gingen die Outlaws auf den Handlanger des Sheriffs und seine Soldaten los. Sie griffen nach den Zügeln seines Rappen und zerrten ihn rüde vom Pferd. Guys Schwerthiebe trafen ins Leere. Der Kampf dauerte nicht lange an und schon bald waren die vier Soldaten, sowie Gisborne entwaffnet. Die Brüder a Dale und Roy trugen die schwere Truhe mit den Steuereinnahmen aus der Kutsche heraus, während Robin zusammen mit Little John die Soldaten ihres Hab und Gutes erleichterte. Selbst die Schwerter und Rüstungen nahmen sie ihnen. Dann sorgten sie dafür das die Handlanger des Sheriffs fest verschnürt und geknebelten wurden, damit sie weder um Hilfe rufen, noch ihnen folgen konnten. Indessen hielten Forrest und Hanton die Soldaten mit gezückten Waffen in Schach.
„Das tut mir wirklich, wirklich Leid", brachte Robin mit einem schlechten Gewissen hervor, als er Guy fesselte und ihm den Knebel umlegte.
Sein ehemaliger Geliebter sah so aus, als würde er Robin in diesem Moment am liebsten den Hals umdrehen.
„Aber ich kann nicht zulassen, dass meine Freunde wegen dir geschnappt werden. Keine Sorge, der Sheriff wird gewiss bald nach euch suchen lassen."
Als Little John das hörte, warf er zwar Robin einen schiefen Seitenblick zu, sagte aber nichts. Immerhin hatte ihr Anführer ihnen bereits erzählt, dass dieser Widerling wie ein Bruder für ihn war.
Unbemerkt wollte Robin Guy über die Wange streichen, aber dieser wendete ruckartig sein Gesicht von ihm ab. Er fühlte sich von Robin verraten und vorgeführt. Seine Soldaten mussten ihn für den nichtsnutzigsten Anführer aller Zeiten handeln und der Sheriff würde ihn einen Versager schimpfen. Er vernahm die höhnischen Kommentare dieser dreckigen Outlaws und wenn der Knebel nicht gewesen wäre, hätte er Robin die schlimmsten Verwünschungen an den Kopf geworfen. Das war nun der Dank dafür, dass er sich beim Sheriff für diesen Mistkerl eingesetzt hatte. Aber das würde Robin bereuen! Das schwor sich Guy. Die Zeit der Schonung war nun vorbei und wenn nötig würde er auch zu unkonventionellen Mitteln greifen.
Es dauerte mehrere Stunden, bis Guy und seine Männer endlich am Staudamm aufgelesen wurden. Seine Glieder fühlten sich schon vollkommen steif an. In Nottingham eingetroffen, musste er dem Sheriff zuerst einmal Bericht erstatten, woraufhin dieser regelrecht tobte. Er warf seinen Weinkelch nach Guy und schimpfte ihn einen nichtsnutzigen Hohlkopf. Doch Guys folgender Plan Robin habhaft zu werden, besänftigte Vaisey wieder etwas. Er kannte Robins Schwäche und die war, seine Zuneigung für das gewöhnliche Volk. Wenn sie drohen würden einen seiner kleinen Freunde hinzurichten, sollte Robin sich nicht ergeben, dann würde er ihnen von ganz alleine in die Falle laufen.
„Sie sind gar nicht so dumm wie sie aussehen, Gisborne", meinte der Sheriff mit einem verschlagenen Lächeln auf den Lippen.
Guy hatte Much nie wirklich leiden können. Es lag wohl daran, dass sie beide stets um Robins Gunst gerungen hatten und sich daher gegenseitig als Konkurrenz betrachteten.
Somit kostete es ihn nicht fiel Überwindung, den Müllersohn, des Verrates zu bezichtigen und von seinen Männern in Ketten legen zu lassen.
Sowohl Malcolm, als auch Archer versperrten ihm und den Soldaten den Weg, als sie ihn aus Locksley Manor herauszerren wollten. „Much ein Verräter?", fragte Malcolm ungläubig. „Wen soll er denn verraten haben?"
Die ganze Dienerschaft hatte sich mittlerweile in der großen Halle eingefunden, vom Lärm angelockt und beobachtete entsetzt das Schauspiel. Isabella saß immer noch stocksteif am Kamin, überrumpelt von dem plötzlichen Eindringen der Soldaten. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte.
„Er ist ein Verbündeter von Hood und seinen Männern!", behauptete Guy.
„Hood? Du meinst wohl Robin!", giftete Archer ihn an. „Das ist doch grotesk. Much würde sich niemals trauen irgendetwas zu tun, was den Sheriff verärgern könnte."
Der Angeklagte wusste selber noch nicht wie ihm geschah. Mit großen, hilfesuchenden Augen sah er zu seinem Herren hinüber.
„Archer hat Recht!", bestätigte Malcolm. „Uns wäre wohl kaum entgangen, wenn unser Diener irgendwelche Kontakte zu Outlaws pflegte."
„Es gibt Beweise, die seine Schuld bestätigen", behauptete Guy berechnend und gab den Soldaten ein Handzeichen, woraufhin sie den Hausherren, sowie seinen Bruder zur Seite schoben. Mit dem Gefangenen im Schlepptau bahnten sie sich ihren Weg nach draußen zum See, wo schon der Sheriff mit noch einigen weiteren Soldaten auf ihn wartete.
„MASTER!", rief Much verzweifelt und versuchte sich aus dem Schraubgriff der Wachen zu befreien. Er war noch zu jung zum Sterben!
„So, so. Da ist also der Verräter", näselte der Sheriff.
„Ganz Recht", bestätigte Guy.
„Das ist nicht wahr!", versuchte der rothaarige Diener sich zu verteidigen. Ganz Locksley hatte sich mittlerweile am See versammelt. Niemand wusste so wirklich, was er von diesen Vorwürfen halten sollte. Much war nicht nur Robins Leibdiener gewesen, sondern auch sein Freund, aber war das schon Grund genug anzunehmen, dass er nun mit Outlaws gemeinsame Sache machte? Und inwiefern sollte er Robin Hood von Nutzen gewesen sein?
„Wir werden sehen. Wenn dein ehemalige Master Robin hier bis Sonnenuntergang erscheint und deine Unschuld bezeugt, dann lassen wir dich vielleicht wieder laufen. Wenn nicht, dann wirst du wohl, oder übel deinen Kopf verlieren", höhnte der Sheriff sichtlich amüsiert.
„Das ist doch ein abgekartetes Spiel!", begehrte Archer auf.
Much war kreidebleich geworden und blickte zu den scharf geschliffenen Schwertern der beiden Wachen hinab. Er würde seinen Kopf noch gerne behalten, aber dass sein Master dafür in Gefangenschaft geriet, kam nicht in Frage.
„Ihr... ihr habt Recht. Ich war es. Tötet mich... tötet mich am besten gleich", brachte er stotternd hervor. Er würde nicht zulassen, dass man ihn als Köder für Master Robin missbrauchte. Wenn nötig, würde er sich für ihn opfern!
„Hört, hört. Er gibt es sogar selber zu", höhnte der Sheriff und sah so selbstzufrieden drein, wie die Katze, die gerade den Kanarienvogel verspeist hatte.
„Much, was redest du da?", fragte Malcolm verständnislos. Die Menge begann leise zu tuscheln.
„Ich schlage vor wir warten dennoch ab, was Hood dazu zu sagen hat?", meinte der Sheriff demonstrativ gelangweilt und musterte den Dreck unter seinen Fingernägeln.
Es dauerte nicht lange bis Robin die Nachricht ereilte, dass man seinen ehemaligen Diener gefangen genommen hatte und bei Sonnenuntergang hinrichten würde, wenn er nicht auftauchte.
„Das ist eine Falle Robin", warnte Little John ihn.
„Das weiß ich auch, aber ich kann Much nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Er war mir immer ein treuer Freund gewesen." Nicht nur das. Genau genommen, war er für Robin wie ein Bruder. Sie hatten Seite an Seite im Heiligen Land gekämpft, wenn auch in einem anderen Leben. So etwas schweißt zusammen. Er würde Much nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Außerdem war es seine Schuld, dass sich der Müllerssohn überhaupt in dieser misslichen Lage befand.
„Wir könnten gemeinsam versuchen gegen die Soldaten des Sheriffs vorzugehen, um diesen Much zu befreien", schlug Forrest vor.
„Gegen die Soldaten des Sheriffs vorgehen? Bist du verrückt? In ganz Locksley wimmelt es von bewaffneten Männern in schwarzen Roben und wir sind nur zu siebt", widersprach Allan vehement.
„Also willst du Robin einfach dem Sheriff überlassen, du elender Feigling?", giftete Roy ihn an.
„Ich bin kein Feigling. Ich bin nur nicht vollkommen lebensmüde!"
„Schluss jetzt! Allan hat Recht. Es käme einem Selbstmordversuch gleich, wenn ihr mich dorthin begleiten würdet. Außerdem glaube ich nicht, dass der Sheriff mich sofort an Ort und Stelle exekutieren lässt. Er wird mich erst einmal ins Verlies sperren lassen und sich dann eine möglichst spektakuläre Hinrichtung für mich überlegen. Jetzt hört mir gut zu: Kurz nach Sonnenaufgang, findet immer ein Wachwechsel statt. Das ist der beste Zeitpunkt, um sich in den Kerker zu schleichen, wenn man jemanden befreien möchte."
Die anderen lauschten aufmerksam, als ihnen Robin seinen Plan offenbarte. Er beschrieb ihnen wo sich die besten Geheimpfade, sowie Schlupfwinkel in Nottingham Castle befanden und wie sie unbemerkt dorthin gelangen könnten. Sie versprachen ihm, dass sie ihn rechtzeitig befreien würden. Dennoch ließen sie ihn nur ungern ziehen und als er in Locksley eintraf, war es kurz vor Sonnenuntergang.
Guy atmete erleichtert auf. Er hatte nicht erwartet das Robin so lange auf sich warten lassen würde, wenn das Leben eines Freundes davon abhing. Auf Muchs Gesicht hatte sich schon ein sichtbarer Schweißfilm gebildet und er zitterte wie Espenlaub. Malcolm zog scharf die Luft ein und Isabella schüttelte nur fassungslos den Kopf. Archer hingegen nickte Robin anerkennend zu. Er hatte gewusst das sein Bruder nicht zulassen würde, dass jemand an seiner Stelle geopfert wurde und er war sich ebenso sicher, dass Guy dieses Unterfangen nicht unterstützen hätte, wenn Robins Leben auf dem Spiel stände. Dennoch befürchtete er, dass sein Bruder für seinen ehrenhaften Mut vielleicht im Kerker landen könnte. Stand das Angebot des Sheriffs noch immer?
„Raffinierte Intrige Sheriff", sagte Robin, als er großspurig auf Vaisey zukam. Seinen Bogen auf seinen Nacken geschultert. „Sehr wirkungsvoll, meinen ehemaligen Diener als Geisel zu benutzen, um mich hier herzulocken. Ihr könnt ihn jetzt gehen lassen. Ihr wisst genau so gut wie ich, dass er unschuldig ist."
„Ach weiß ich das? Mir kam anderes zu Ohren. Dieser Mann hat sogar vor einigen Stunden selbst gestanden, dass er Euer Verbündeter ist und um seine Hinrichtung regelrecht gebettelt."
„Weil er ein loyaler Diener meiner Familie ist, aber er hat nie etwas unrechtes getan. Entweder Ihr lasst ihn frei und ich ergebe mich freiwillig, oder ihr müsst Verluste hinnehmen", meinte Robin.
„Sehr gewagt. Ich habe hier zwanzig Männer postiert und ihr seit... wartet lasst mich kurz nachzählen." Vaisey lies seinen Zeigefinger kreisen und schaute demonstrativ nach links und rechts bevor er das Offensichtliche verkündete: „Alleine."
„Das mag schon sein, aber wenn ich sterben sollte, werde ich euch mit ins Grab nehmen", drohte Robin.
„Alles nur leere Worte", schnarrte der Sheriff. „Auf diesen Trick bin ich einmal hereingefallen, aber ein zweites Mal mit Sicherheit nicht. Es hat sich bereits herumgesprochen, dass der große Robin Hood niemals tötet."
„Für Euch würde ich eine Ausnahme machen!"
„Nur Gerede. Aber von mir aus. Heute will ich mal großzügig sein. Kommt hierher, legt Eure Waffe ab und ich lasse diesen Bauerntölpel frei", sagte er wie beiläufig und wies mit einem Blick auf Robins Bogen.
Malcolm wusste nicht ob es weise wäre einzugreifen. Er wollte seinen Sohn beschützen, aber was wäre dann mit Isabella und Archer? Ganz zu Schweigen von seinen Bauern. Außerdem würde der Sheriff es sicherlich als Untergrabung seiner Autorität betrachten, wenn er sich einmischte und Robin nur noch härter bestrafen.
Guy grinste selbstgefällig, als der Hüter des Sherwood Forests vor ihm zum Stehen kam und ihm mit einem düsterem Gesichtsausdruck seinen Bogen reichte. „Das tut mir wirklich, wirklich Leid", zitierte er Robin spöttisch, als er seinen Bogen an einen der Wachen weiterreichte und ihm die Hände fesselte. Mit dem Seil in der Hand, an dem Robins Hände angebunden waren, stieg er auf seinen Rappen.
„Na das hatten wir doch schon einmal", murmelte Robin in seinen Bart hinein.
„Was sagst du?", fragte der Sheriff.
Robin antwortete ihm nicht sondern sah stur geradeaus.
„Du hast einen großen Fehler gemacht. Du hast versucht für die Bauern ein Held zu werden."
„Werdet Ihr doch ein Held für die Bauern und zeigt mir wie es geht", brachte Robin sarkastisch hervor.
Der Sheriff seufzte daraufhin schwer und erwiderte: „Wollen wir uns morgen früh treffen und das ausdiskutieren? Ein Hinweis: Nein!"
Ohne Vorwarnung trieb Guy plötzlich sein Pferd an, woraufhin Robin überrumpelt vorne überfiel. Verdammt, darauf hätte er gefasst sein müssen.
„ Das geht zu weit", erklang auf einmal Malcolms Stimme, der Guy in die Zügel griff, damit dieser seinen Sohn nicht weiter hinter seinem Rappen herschleifen konnte. Indessen war Isabella an Robins Seite geeilt, um ihm aufzuhelfen.
„Och, ist das nicht rührend?", brachte Vaisey mit triefendem Abscheu in der Stimme hervor.
„Geh mir aus dem Weg Locksley. Ich warne dich nur dieses eine Mal", meinte Guy mit bedrohlicher Stimme und zu Schlitzen verengten Augen.
„Was ist nur los mit dir Guy? Das ist Robin!", fuhr Archer ihn verständnislos an, die Hände zu Fäusten geballt, baute er sich vor seinem Pferd auf.
„Geh zur Seite Archer", ermahnte Robin ihn. „Auch du Vater." Er wollte nicht das seine Familie da mit hineingezogen wurde, denn immerhin liebte er sie, trotz all ihrer Differenzen und Streitigkeiten. „Danke Isabella, es geht schon." Nur widerwillig lies sie seinen Arm los und ebenso ungern, gaben sein Bruder und Malcolm den Weg frei. Archers Zuversicht, dass Guy nur das Beste für Robin im Sinn hatte war geschwunden. Sollte der Sheriff vorhaben seinen Bruder hinzurichten, dann würde Archer das schon zu verhindern wissen. Doch nicht nur Archer hegte meuterische Gedanken, auch Malcolm und Isabella überlegten bereits fieberhaft, wie sie in solch einem Fall Robin retten könnten. Die Dorfgemeinde sah ihrem Wunderknaben kummervoll nach. Viele der älteren Frauen bekreuzigten sich, kleine Kinder pressten sich an ihre Mütter und jeder fragte sich, ob das nun das jähe Ende von Robin Hoods Heldentaten war.
Es war schwierig mit dem Pferd Schritt zu halten. Auf dem Weg nach Locksley stolperte Robin immer wieder und wurde für zwei, drei Schritte auf dem Boden entlanggezogen, dann zügelte Guy jedoch das Tier. Es war ganz offensichtlich nicht seine Absicht ihn zu Tode zu schleifen, sondern lediglich zu demütigen. Er drehte sich gelegentlich um und schenkte ihm ein sowohl süffisantes, als auch hämisches Grinsen. Mit gerümpfter Nase und zusammengezogenen Augenbrauen erwiderte Robin dieses trotzig. Er würde sich nicht so leicht unterkriegen lassen.
Nachdem sie in Nottingham Castle eingetroffen waren und Guy von seinem Hengst gestiegen war, umkreiste er Robin, wie ein Adler seine Beute. „Warum siehst du mich so finster an Robin? Ist irgendetwas nicht zu deiner Zufriedenheit?", säuselte der Dunkelhaarige.
„Du bist nicht zu meiner Zufriedenheit. Ich merke wie sehr du dich verändert hast und mit Sicherheit nicht zum Guten", meinte Robin, wobei sich seine Mundwinkel zu einem blasierten Lächeln verzogen.
„Und du bist um so vieles besser als ich? Ja? Austeilen kannst du, aber einstecken nicht", bemerkte Guy spitz. Sie funkelten sich beide bitterböse an.
„Gisborne, was gibt es da zu tuscheln mit unserem Gefangenen? Benachrichtigt lieber den Scharfrichter. Ich möchte mir eine unvergessliche Todesart für unseren Helden überlegen", näselte der Sheriff, als er von seinem Schimmel stieg.
Verwirrt wandte sich Guy zu ihm um. „Scharfrichter? Für wen?"
Der Sheriff zog ungläubig eine Augenbraue empor und musterte Guy, als würde er seine Intelligenz in Frage stellen. Dann wies er mit einer leichten Kopfbewegung auf Robin. Guy wurde blass.
„Ihr habt mir Euer Wort gegeben. Ihr habt mir versprochen, wenn ich euch helfe Robin zu ergreifen, werdet Ihr ihn verschonen. Ja sogar begnadigen, wenn er sich einsichtig zeigt", brachte der Dunkelhaarige entrüstet hervor.
„Gisborne, Gisborne", säuselte der Sheriff und schnippte sich mit den Fingern irgendeine unsichtbare Fluse von seinem Gewand. „Das war vor mehreren Wochen. Seither hat sich einiges geändert. Hood hat nicht länger nur einem Verurteilten zur Flucht verholfen, sondern auch mehrere meiner Steuertransporte sabotiert, meine Verbündeten überfallen und meine Autorität in Frage gestellt. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft er käme mit etwas Schelte davon, oder? Macht Euch nicht lächerlich. Wenn die Bauern sehen, dass ein Verbrecher wie dieser Hood einfach begnadigt wird, dann verlieren sie ihre Furcht und somit auch ihren Respekt vor mir. Wir können uns keine aufständischen Bauern leisten."
„Aber Ihr habt mir Euer Wort gegeben!", sagte Guy mit tiefer, bedrohlicher Stimme. Seine ganze Haltung hatte auf einmal etwas Gefährliches an sich.
Der Sheriff schnaubte abfällig. „Denkt daran wem Ihr verpflichtet seid", sagte er nun mit zu Schlitzen verengten Augen. Ihm gefiel nicht das sein treuster Gefolgsmann auf einmal in so einem Tonfall mit ihm sprach. „Außerdem, was liegt Euch an diesem Hood?", fragte er und sah mit heruntergezogenen Mundwinkeln, abwertend an Robin auf und ab.
„Wir sind zusammen aufgewachsenen. Er ist wie ein Bruder für mich", behauptete Guy, wobei sich seine Nasenflügel bedrohlich aufblähten.
„Ein Bruder? Tatsächlich?", höhnte der Sheriff. „Euer lieber Bruder hat Euch nicht nur wie einen Narren dastehen lassen, sondern stellt auch eine Gefahr für Eure Ansprüche an Locksley dar. Und dennoch wollt ihr, dass er verschont wird?"
„Ich habe nie etwas anderes von Euch verlangt, außer dass sein Leben verschont wird", beharrte Guy, wobei er innerlich vor unterdrückter Wut brodelte. Er fühlte sich hintergangen. Er hatte dem Sheriff treue Dienste geleistet und sich darauf verlassen das dieser seinen Teil der Abmachung einhalten würde.
„Ach Gisborne, brecht nicht gleich in Tränen aus", höhnte der Sheriff, obwohl Guy eher so aussah, als würde er eher einen Mord begehen. „Hätte ich ein sensibles Frauenzimmer als meinen obersten Wachmann gewollt, dann hätte ich mir eines mit schöneren Beinen ausgesucht."
Guys Hände ballten sich zu Fäusten.
„Schon gut, betrachtet es als Zeichen meiner unendlichen Güte. Diese Plage Hood soll am Leben bleiben, aber er wird sofort in den Kerker geworfen und das ist mein letztes Wort." Daraufhin drehte er Guy den Rücken zu. „Ah ja und noch etwas." Er blieb stehen, wandte sich dabei aber noch nicht einmal zu dem Dunkelhaarigen um. „Solltet Ihr noch einmal wagen mir zu widersprechen, könnte es sehr gut sein das Ihr für mich entbehrlich werdet. Und das wollen wir doch nicht, oder?", säuselte Vaisey und setzte seinen Weg fort.
„Ha! Das war wirklich amüsant. Und lässt du mich jetzt auf mein Gemach führen Lady Gisborne?", feixte Robin.
Entgeistert drehte sich Guy zu ihm um. Hielt er das alles etwa nur für einen Scherz? Begriff er nicht das sein Leben eben noch an einem seidenen Faden gehangen hatte?
Ruckartig zog er Robin an dem Seil, wie einen Hund hinter sich her. Flankiert von mehreren Soldaten, die verhindern sollten, dass der Gefangene einen Fluchtversuch wagte. Erst als Guy mit Robin die Tür zum Kerker durchschritten hatten, blieben die Männer des Sheriffs zurück, um den Ausgang zu bewachen. Als der Kerkermeister vernahm, dass sich die Tür öffnete, kam er Guy katzbuckelnd entgegen.
„Oh, Sir Guy of Gisborne. Ich sehe Ihr wart erfolgreich. Sehr gut, sehr gut." Er öffnete für den Gefangenen eine der Zellentüren. Der restliche Kerker war im Moment leer, was vor allem daran lag, dass der Sheriff keinen Sinn darin sah Nahrung für Gefangene zu verschwenden und daher diese immer gleich am nächsten Morgen hinrichten ließ.
„Ihr könnt gehen", meinte Guy auf einmal kühl.
„Wie bitte?", verwirrt sah ihn der Gefängniswerter an.
„Ich sagte ihr könnt gehen und gebt mir die Schlüssel. Ich schließe nachher die Zellentür ab", knurrte er.
Als der Kerkermeister noch immer keine Reaktion zeigte, verlor Guy die Geduld. „SOFORT!", herrschte er ihn an.
„Ja natürlich Sir Guy of Gisborne. Vergebt mir!" Schnell ergriff der Kerkermeister die Flucht und schloss eilig die Tür hinter sich, als hätte er Sorge, dass Guy ihm nacheilen und den Kopf abschlagen könnte. Robin beobachtete das Schauspiel misstrauisch. Was hatte Guy vor?
„Wenn du daran denkst mich zu überwältigen und zu fliehen, dann vergiss es lieber gleich. Vor dem Kerker stehen mehrere Wachen, die nur darauf warten endlich in Aktion zu treten", sagte Guy mit einem bedrohlichen Unterton in der Stimme.
Robin setzte sich auf seine Pritsche und meinte mit einem herausfordernden Grinsen: „Was soll das werden Guy? Wenn du die ganze Zeit nur eine Möglichkeit gesucht hast mit mir alleine zu sein, hätten wir auch gewiss im Sherwood Forest ein nettes Plätzchen gefunden."
Dieser verschränkte daraufhin verärgert die Arme vor der Brust: „Ich glaube du verstehst den Ernst der Lage nicht. Es ist wichtig das du dich endlich einsichtig zeigst und den Sheriff um Vergebung bittest. Vielleicht wird er dann doch noch seinen Teil der Abmachung halten. Vergiss deinen dummen Stolz!"
„Das hat nichts mit Stolz zu tun. Der Sheriff ist..."
„Ein Verräter?", fiel Guy ihm ins Wort. „Ich kenne deine Geschichte schon." Er ging vor Robin in die Knie und hielt sein Gesicht in beiden Händen.
„Schlag dir diese verrückte Idee endlich aus dem Kopf! So etwas wie ein zweites Leben gibt es nicht", sprach er mit eindringlicher Stimme auf ihn ein.
„Ach nein? Und was ist mit der Wiederauferstehung Christi?", fragte Robin mit einer hochgezogenen Augenbraue, obwohl er seit dem Heiligen Krieg selbst nicht mehr sicher war, ob er daran glaubte.
„Bist du Jesus?", entgegnete Guy spöttisch.
„Nein, dass habe ich damit nicht sagen wollen. Aber jetzt hör schon auf. Du wolltest doch nicht nur mit mir alleine sein, um über den Sheriff zu reden."
„Ach nein? Und weshalb hätte ich deiner Meinung nach sonst mit dir alleine sein wollen?" Er ließ Robin wieder los, doch dieser beugte sich nun nach vorne, so das ihre Gesichter gerade mal eine Nasenspitze voneinander entfernt waren.
Er schenkte ihm ein verschlagenes Grinsen. „Weist du, eigentlich sollte ich sauer auf dich sein und in gewisser Weise bin ich das auch, aber das dir mein Leben anscheinend immer noch so viel bedeutet zeigt, dass du kein vollkommen hoffnungsloser Fall bist."
Er überbrückte die letzten paar Zentimeter zwischen ihnen und küsste Guy sanft auf den Mund. Dieser fuhr erschrocken hoch und stand nun stocksteif vor Robin, der mit einem schelmischen Lächeln zu ihm aufsah und sich über die Lippen leckte.
„Lass den Unsinn!", fuhr er ihn an.
„Unsinn? Ist es nicht das, weswegen du eigentlich hier bist?" Er lehnte sich auf der Pritsche zurück und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. Auf Guys Stirn bildeten sich Zornesfalten. Robin machte sich über ihn lustig! Er versuchte trotz aller Erniedrigung, die der vermeintlich Jüngere ihm zugefügt hatte, diesem zu helfen und wie dankte er es ihm? Elender Outlaw!
„So wie du stinkst, gewiss nicht und außerdem habe ich heute Abend schon etwas vor. Lady Marian begleitet mich zum Bankett."
Diese Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht. Das selbstgefällige Lächeln verschwand von Robins Lippen. Marian? Er fühlte sich wie betäubt, unfähig etwas zu sagen. Seine Hände krallten sich in das spröde Holz der Pritsche und er wand seinen Blick Richtung Tür, um Guy nicht in die Augen sehen zu müssen. Sollte das heißen Guy hegte nun doch Gefühle für Marian?
„Du sagtest zu mir einst, du hättest kein Interesse an Marian."
„Ich kannte sie ja noch nicht einmal wirklich und außerdem war sie damals noch ein Kind. Aber mittlerweile ist sie zu einer sehr schönen, bewundernswerten, jungen Frau herangewachsen."
Robin spürte plötzlich ein Brennen in den Augen und schloss die Lider. Er hatte die Situation falsch gedeutet. Nur weil er immer noch Gefühle für Guy hegte und nicht über ihn hinwegkam, musste das nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. Sein ehemaliger Geliebter hatte dem Sheriff gesagt, dass Robin wie ein Bruder für ihn war und vielleicht war tatsächlich von Guys einstiger Liebe, nicht mehr als ein gewisses brüderliches Pflichtgefühl übrig geblieben.
Robin merkte wie ihm Galle die Kehle hochstieg. So ein ähnliches Gefühl hatte er schon einmal empfunden. An dem Tag als Marian Guy heiraten wollte, nur das er damals auf den Bräutigam eifersüchtig gewesen war und nicht auf die Braut. Er versuchte sich einzureden, dass es daran lag, dass er sich um Marians Wohlergehen sorgte. Guy könnte ihr schließlich etwas antun. Er hatte ihr schon einmal sein Schwert durch die Brust gerammt. Doch in Wahrheit war Robin schlichtweg von Eifersucht zerfressen.
„Ich muss jetzt gehen", meinte Guy kühl. „Ich hoffe dir gefällt deine neue Bleibe, denn du wirst viel Zeit hier unten verbringen, wenn du dich weiterhin weigerst ein Schuldbekenntnis vor dem Sheriff abzulegen."
Nachdem er die Gitter verschlossen hatte und gegangen war, rollte sich Robin auf seiner Pritsche zusammen. Es war furchtbar kalt hier unten. Er versuchte den stechenden Schmerz in seiner Brust zu ignorieren, aber es war unmöglich. Die Vorstellung von Guy und Marian in enger Umarmung war unerträglich. Er wünschte Marian alles Glück der Welt, aber musste es denn mit Guy sein? Würde sie seinen Avancen nachgeben, jetzt wo Robin aus dem Rennen war? Er wollte nur noch fort von hier und all das hinter sich lassen, aber er würde sich wohl noch bis morgen früh gedulden müssen. Bis seine Bande von Outlaws ihn hier herausholte. Robin hatte sich darum bemüht in diesem Leben alles besser zu machen, aber es schien so, als würde sein ganzes Leben dennoch den Bach heruntergehen. Er konnte dem Sheriff einfach nicht Herr werden. Vielleicht sollte er einfach von hier verschwinden und irgendwo ein neues Leben anfangen. Was sprach dagegen? Warum musste er den Helden spielen und dabei alles verlieren was er liebte? Es glich Selbstgeißelung hier zu bleiben und mit anzusehen, wie Guy eines Tages Marian heiraten würde. Die Zeit verstrich, doch wie spät es nun mittlerweile war, konnte Robin beim besten Willen nicht sagen, denn es gab hier keinerlei Fenster. Der Kerkermeister kam und ging wieder, wobei er dem Gefangenen nicht viel Beachtung schenkte. Irgendwann musste Robin eingeschlafen sein, denn er wurde plötzlich geweckt, als er spürte wie sich ein warmer Körper zu ihm auf die enge Pritsche presste. Mit wild klopfenden Herzen und plötzlich hellwach fuhr er herum. Im Schein der Fackeln erkannte er Guy. Was sollte das auf einmal? Der Dunkelhaarige roch nach Wein. War er betrunken? Er sah den Gefangenen kurz in die Augen, sagte aber kein Wort. Dann legte er einen Arm um ihn und bettete seinen Kopf in Robins Halsbeuge. Für einen kurzen Moment spielte der geübte Bogenschütze, mit dem Gedanken ihn von sich zu stoßen. Wie konnte Guy es wagen ihm erst sein Interesse an Marian zu unterbreiten und ihn dann dennoch nachts, wie eine billige Dirne aufzusuchen. Doch der Gedanke, dass dies womöglich die letzte Gelegenheit war in Guys Armen zu liegen hielt ihn davon ab. Es war ein bittersüßes Gefühl. Robin nahm den wohlbekannten Duft von Leder wahr, spürte Guys vertraute Umarmung und für einen kurzen Moment konnte er sich vormachen, dass die Geschehnisse der letzten Monate nur ein böser Traum waren. Das sie zu Hause lagen, in einem weichen Bett und das Robin immer noch die wichtigste Person in Guys Leben darstellte. Nicht Marian, nicht der Sheriff, sondern er. Aber der harte Untergrund und der modrige Kerkergeruch holten ihn in die Realität zurück.
„Ich werde von hier fort gehen", meinte er plötzlich in die Dunkelheit hinein, obwohl er sich sicher war, dass der Dunkelhaarige längst seinen Weinrausch ausschlief. Guy erwachte aus seinem Dämmerzustand.
„Du wirst nirgendwohin gehen", knurrte er. Er klang gar nicht so betrunken, wie Robin zuerst vermutet hatte.
„Warum nicht? Du hast doch jetzt Marian", entgegnete er giftig.
„Eifersüchtig?" Die Müdigkeit war aus Guys Stimme gewichen und Robin spürte, wie dessen Hand an seinem Körper hinabwanderte und dann provozierend nach seinem Schritt griff. Unwirsch schlug er sie beiseite.
„Spielt es eine Rolle? Guy, ich weiß das du dich von mir verraten fühlst. Zum einen, weil ich dir all die Jahre die Wahrheit verschwiegen habe und zum anderen, weil du denkst ich würde gegen dich agieren. Aber es geht hierbei nicht um dich, oder um mich. Es geht um England, um Locksley und darum wie der Sheriff die Bevölkerung ausbeutet. Nur leider scheinen alle meine Bemühungen etwas dagegen zu unternehmen es nur noch schlimmer zu machen! Ich weiß du denkst ich bin verrückt. Ich mache es dir noch nicht einmal zum Vorwurf, dass du genug von mir hast und Marian nun den Hof machen willst", Letzteres entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber zumindest bemühte sich Robin darum Verständnis für Guy aufzubringen. „Nur bitte Guy, spiel nicht mit mir. Es bereitet dir Vergnügen mich zu verletzen, oder? Geht es dir dann besser?", fragte er verbittert.
Stille legte sich über den Raum und Robin dachte schon, dass der andere wieder eingeschlafen wäre, als Guy plötzlich meinte: „Du bist manchmal so ein Dummkopf. Da ist nichts zwischen mir und Lady Marian."
„Aber du hast gesagt..."
„Ich weiß was ich gesagt habe und du hast Recht. Ich wollte dich verletzen. Du hast mich belogen, mich verraten und bloßgestellt. Eigentlich hättest du es verdient, dass ich dich dem Sheriff überlasse. Warum denkst du, habe ich mich so sehr für dich eingesetzt?"
„Was weiß ich? Vielleicht weil du Mitleid hast, auf Grund meines angeblichen Irrsinns? Weil du dich irgendwie für mich verantwortlich fühlst?"
Plötzlich spürte Robin eine kalte Hand an seiner Kehle und zuckte unweigerlich zusammen. Aber dann merkte er, dass Guy nur nach der Kette suchte und seine Hand um den Anhänger schloss.
„Weist du noch was ich damals sagte, als ich dir diese Kette gab?"
„Das deine Mutter meinte du solltest sie dem Menschen geben, der dir am wichtigsten in deinem Leben ist."
„Meinst du nicht ich hätte dir die Kette schon längst wieder weggenommen, wenn dem nicht mehr so wäre?"
„Du wolltest sie mir nehmen. Nach dem Gespräch mit meinem Vater. Unter der Eiche."
„Nein, ich war vielleicht versucht sie dir zu nehmen, aber im selben Moment wusste ich, dass es falsch wäre." Guys Lippen berührten sanft Robins Nacken und dieser merkte wie sich dieses dumpfe, unwohle Gefühl in seiner Magengegend endlich verflüchtigte. „Sie gehört dir und auch wenn es Torheit sein mag, selbst wenn du immer weiter dieser Geisteskrankheit verfallen solltest, so wird sie dennoch auf ewig dir gehören. Was nicht heißen soll das ich dir alles durchgehen lasse!"
Spielerisch biss Guy auf einmal in die Stelle, die er vorher noch so zärtlich liebkost hatte.
„Au! Also ich weiß nicht ob ich geschmeichelt, oder beleidigt sein soll." Aber in jedem Falle war er unglaublich erleichtert. Guy liebte ihn immer noch. Ein zweites Mal wanderte dessen Hand zu Robins Schritt und dieses mal schlug er sie nicht beiseite, sondern presste stattdessen seinen Körper noch enger an Guys. „Ist die Kerkertür verschlossen?", fragte Robin besorgt.
„Hältst du mich für einen Narren? Natürlich habe ich abgeschlossen."
„Fällt es den Wachen nicht auf, wenn du so lange hier unten bist?"
„Willst du das ich gehe?", fragte Guy auf einmal wieder reservierter.
„Nein! Nein, bitte bleib." Er presste einen feuchten Kuss auf Guys Mund und nur all zu bereitwillig, öffneten sich dessen Lippen für Robins Zunge. Indessen zerrte der Dunkelhaarige an dem Hosenbund seines Geliebten und nur nach kurzen Bemühungen, hatte er es geschafft ihm die Hose bis zu den Kniekehlen herunterzuziehen, ohne ihren Kuss zu unterbrechen. Auch Robin machte sich an Guys Gürtel zu schaffen. Wie zwei ausgehungerte Tiere fielen sie übereinander her. Es war wild und es war leidenschaftlich. Als Guy nach so langer Zeit endlich wieder in Robin eindrang, überkam ihn ein wohliger Schauer und eine Gänsehaut überzog seinen ganzen Körper. „Mein Robin", hauchte Guy ihm ins Ohr und er hatte wieder dieses sanfte Lächeln auf den Lippen, welches Robin so sehr vermisst hatte.
Er pumpte Robins Geschlechtsorgan synchron zu seinen Stößen und nach so langer Zeit der Enthaltsamkeit, dauerte es nicht lange bis er sich in seinem Geliebten ergoss, der kurz nach ihm kam. Nach Luft ringend lagen sie nun da und Robin spürte die Kälte gar nicht mehr, was wohl vor allem daran lag, dass Guys warmer, verschwitzter Körper auf dem seinen lag und noch immer das Blut durch seine Adern pulsierte. Guy streichelte liebevoll Robins Haar und Gesicht. Dieser drehte indessen seinen Kopf zur Seite, um Guys Hand zu küssen, die ihn liebkoste. Dann sah er ihm in die Augen. Diese leuchtend blauen Augen. Das Licht der Fackeln malte merkwürdige Schemen an die Wände und ließ auch Schatten über Guys Körper tanzen.
Eigentlich wollte er ihm sagen wie sehr er ihn liebte und ihn vermisst hatte, aber stattdessen meinte er nur mit einem spitzbübischen Grinsen: „Gib zu, du hast dich nach mir verzerrt."
Guys Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. „Immer noch derselbe arrogante Robin wie früher."
„Aber es ist doch wahr. Du liebst mich. Du begehrst mich", meinte er mit einem anzüglichen Lächeln und gab sich möglichst selbstbewusst, obwohl er eigentlich nur nach Bestätigung suchte.
Guys Gesichtszüge wurden wieder ernst: „Ja, ich liebe dich und ich begehre dich. Mehr als irgendetwas anderes auf dieser Welt."
„Ich wusste es. Ich dich übrigens auch, nur falls du dich das gefragt hast", meinte Robin strahlend und schloss seine Arme um Guys Nacken. Dieser lächelte amüsiert und drückte ihm einen fordernden Kuss auf die Lippen. Als sich ihre Münder jedoch wieder voneinander lösten meinte er auf einmal: „Ich muss langsam gehen. Ich habe den Wachen gesagt, ich würde dich über den Aufenthaltsort der übrigen Outlaws befragen. Aber sie werden sicherlich misstrauisch, wenn diese Befragung die ganze Nacht über dauert."
Robin sagte daraufhin nichts, sondern verstärkte nur noch seinen Griff um Guy. Er wollte nicht das es schon vorbei war. Wer wusste schon, wann und ob sie überhaupt jemals wieder in einer solchen Umarmung miteinander liegen würden?
„Schau mich nicht so an. Ich gehe gewiss nicht freiwillig. Ich komme morgen wieder, versprochen."
Aber genau das war das Problem. Robin würde morgen nicht mehr hier sein. Vor dem ersten Wachwechsel musste Guy ohnehin verschwunden sein. Kaum vorstellbar was wäre, wenn ihn die anderen Outlaws in dieser kompromittierenden Situation erwischten.
„Wenn du dich beim Sheriff entschuldigst und seine Auflagen erfüllst, dann könntest du möglicher Weise morgen sogar schon wieder ein freier Mann sein."
„Oh nein, nicht schon wieder Guy."
„Warum nicht? Weshalb bist du so halsstarrig?"
„Lass uns bitte nicht streiten. Nicht jetzt", sagte Robin und schenkte dem Dunkelhaarigen einen flehenden Blick. Dieser atmete resignierend aus und küsste Robins Schläfe, während seine Hand über dessen Rippen streichelte.
„Ist gut. Wir reden morgen weiter. Ach übrigens, ich habe dir Decken, sowie Essen und etwas zu Trinken mitgebracht", meinte Guy und wies mit seinem Blick hinunter auf den Boden neben der Pritsche. Erst jetzt wurde Robin auf das Bündel in der Ecke aufmerksam.
„Warum hast du nicht gleich etwas gesagt?", meinte er begeistert.
„Als ich hereinkam, dachte ich du schläfst schon und wollte dich nicht wecken." Er erhob sich von Robin, der ihn nur widerwillig losließ und reichte ihm das Bündel. Robin zog zwischen den Decken ein Brot, etwas Käse und eine Feldflasche hervor.
„Danke", sagte er und beobachtete Guy dabei, wie dieser sich seine Hose wieder ordentlich überzog und sein Lederwams schloss. Er versuchte mit den Fingern seine zerzausten Haare einigermaßen zu glätten. Dann nickte er Robin zu und schloss das Eisengitter auf. Ihre Blicke trafen sich ein letzte Mal. Am liebsten wollte Robin aufstehen, ihn in seine Arme schließen und nie wieder gehen lassen, aber stattdessen nickte er ihm nur zu.
Dann schloss Guy das Gitter hinter sich und schritt den Gang entlang. Robin hörte wie er die große Eichentür, öffnete und wieder verriegelte, doch dann verklang jeglicher Laut. Einige Zeit später kam der Kerkermeister noch einmal vorbei, um nach Robin zu sehen. Als er feststellte, dass er noch immer sicher verwahrt in seiner Zelle hockte, ging er wieder fort. Robin aß den Käse und das Brot, welches Guy ihm mitgebracht hatte. Er zog den Korken aus dem Flachmann und schnupperte daran. Es schien Wein zu sein. Er nahm einen Schluck. Der Hüter des Sherwood Forests hatte das Gefühl es wären schon eine Ewigkeit vergangen, bis er endlich das Klirren von Schwertern vernahm, sah wie die Eichentür aufbrach und seine Freunde mit dem Schlüsselbund in der Hand vor ihm standen. Wie geplant trugen sie die Helme und Waffenröcke der Soldaten, die sie bei ihren Raubüberfällen auf die Steuertransporte des Sheriffs erbeutet hatten. Die anderen Outlaws hatten sich schon gewundert, was Robin mit diesem Plunder wollte. Aber dieser hatte geahnt, dass ihnen diese Rüstungen als Tarnung noch einmal zu Gute kommen würden.
„Ich hoffe du hast es dir nicht zu bequem gemacht, wir müssen nämlich schnell fort von hier, bevor die Wachen wieder zu sich kommen und Alarm schlagen", meinte Tom. Robin sprang sofort auf die Beine und rannte mit den anderen dem Ausgang entgegen. Die Wachen, ebenso wie der Kerkermeister langen bewusstlos daneben. Es war nicht schwierig sich unbemerkt davonzuschleichen und als die Männer wieder zu sich kamen, waren die Outlaws längst über alle Berge.
Der Sheriff tobte vor Wut, als ihn die Nachricht ereilte, dass Hood geflohen sei. Währenddessen schwankte Guys Gemütszustand zwischen Verbitterung, Sorge und Selbstvorwürfen, weil er die Bewachung des Gefangenen nicht selbst in die Hand genommen hatte. Er hätte sich gewiss nicht von diesen Outlaws übertölpeln lassen. Was wäre wenn sie Robin wieder habhaft wurden? Würde der Sheriff noch einmal ein Auge zudrücken, oder würde er ihn sofort hinrichten lassen, weil das Risiko zu groß war. Er war schon gestern nicht all zu geneigt gewesen seinen Widersacher zu verschonen und jetzt wo Robin ihm ein weiteres Mal wie ein glitschiger Fisch durch die Finger geglitten war, würde er sich von Guy gewiss nicht mehr so leicht umstimmen lassen. Der Sheriff hatte ihn heute Morgen schon sein Missfallen all zu deutlich spüren lassen. Als wäre er derjenige gewesen, der Hood hatte entkommen lassen.
„Dieser verfluchte Narr!", brüllte der Dunkelhaarige außer sich und stieß mit seiner Faust, gegen die harte Steinwand, so dass ein Schmerz von seinen Fingern ausgehend, den ganzen Arm durchzuckte. Er befand sich in seiner Kammer und ging wie ein Panther im Käfig unruhig auf und ab. Wenn Robin nur auf ihn gehört hätte, dann wäre er vielleicht vom Sheriff begnadigt wurden und hätte vielleicht sogar in Nottingham Castle leben können. Aber nein, er musste natürlich wieder den Helden spielen.
Indessen kam der Gefängnisausbruch dem Sheriff mehr als ungelegen. Als hätte er nicht schon genug Probleme am Hals. Prinz John erwartete von ihm, dass er seinen Bruder König Richard irgendwie aus dem Weg räumte. Schon seit Wochen zermarterte sich Vaisey das Gehirn, wie er das bewerkstelligen sollte, ohne das man ihn hinterher für den Tod des Königs zur Verantwortung zog? Dann kam ihm die Geschichte seiner Wachen in den Sinn. Die sechs Outlaws hatten nur so weit in den Burghof vordringen können, weil sie sich als Soldaten verkleidet hatten. Vielleicht konnte er sich diese List in gewisser Weise zu Nutze machen. Was wäre, wenn seine Männer als Sarazenen verkleidet das Lager des Königs überfielen? Immerhin führte der König Krieg gegen die Sarazenen und somit wäre ein Überfall nichts Ungewöhnliches. Niemand würde auf die Idee kommen, dass es sich bei den Angreifern, um Engländer handelte, geschweige denn um Männer des Sheriffs. Aber was, wenn man es schaffte einem von ihnen habhaft zu werden? Sicherer wäre es nur einen Mann loszuschicken, der dann irgendwelche Söldner anwarb. Solange diese nicht wusste, dass der wahre Auftraggeber der Sheriff von Nottingham war, konnten sie auch unter der schlimmsten Folter nichts Verfängliches ausplaudern. Aber wen sollte er damit beauftragen? Es musste jemand sein dem er bedingungslos vertrauen konnte.
Wenige Stunden später wurde Guy zum Sheriff gerufen. „Ihr habt nach mir verlangt?", fragte er unterwürfig, als er ins Zimmer trat und hinter sich die Tür schloss. Vaisey stand inmitten seiner vielen Vogelkäfige und hielt einen kleinen Buchfinken in der Hand.
„Ah, da seid Ihr ja. Gut, gut." Er setzte den Vogel zurück in den Käfig und wandte sich Guy zu. Mit einer knappen Handbewegung forderte er den Mann auf näher zu treten. Dieser folgte dem Geheiß des Sheriffs. Was er jedoch nicht ahnte war, dass Vaiseys andere Hand hinter seinem Rücken einen Dolch aus seinem Gürtel zog. Solch ein Gespräch führte man schließlich nicht, ohne eine gewisse Absicherung. Sollte sich Gisborne als unkooperativ erweisen, konnte er ihn unmöglich am Leben lassen.
„Es geht um diesen Hood", Vaisey sprach den Namen mit schierer Verachtung in der Stimme aus. „Euch liegt sehr viel an ihm, oder Gisborne?"
„Ich sagte Euch bereits, er ist wie ein Bruder für mich", meinte Guy stocksteif, der nicht wusste wohin dieses Gespräch führen sollte. War dies eine Wiederholung von heute Morgen? Würde der Sheriff gleich wieder aufbrausen und ihm die Schuld für Robins Flucht geben?
„Wie viel ist er Euch wert?", fragte der Sheriff kühl.
„Ich verstehe nicht ganz." Irritiert zog Guy die Augenbrauen zusammen und seine Stirn legte sich in Falten.
„Dabei ist es doch eigentlich eine sehr einfache Frage. Wie viel ist dieser Outlaw Euch wert? Ihr sagt er ist wie ein Bruder für Euch, aber das ist mir doch etwas wage. Tötete Kain nicht Abel, weil er ihm Gottes Gunst neidete, oder Romulus seinen Bruder Remus, weil er ihn verspottet hatte?"
Ein kalter Schauer lief Guy über den Rücken. Wollte Vaisey das er Robin tötete? Nichts auf der Welt, weder die Gunst des Sheriffs, noch Land, Versprechungen, oder irgendwelche Reichtümer könnten ihn zu solch einer Tat verleiten. Wenn nötig würde er Leib und Seele für Robin opfern!
„Ihr schuldet mir noch eine Antwort Gisborne. Wie viel ist dieser Hood Euch wert?", fragte der Sheriff heimtückisch.
„Er ist unbezahlbar", antwortete Guy schließlich ausdruckslos.
„Und wie viel ist Euch der König wert?", horchte Vaisey nach, wobei seine Lippen sich zu einem verschlagenen Lächeln verzogen.
Was sollte diese Fragerei? Verwundert rümpfte Guy die Nase und meinte mit einem abfälligen Schnauben. „Ihr wisst, dass mir ebenso wenig an dem König liegt, wie Euch. Er ist ein Mann, der für irgendeinen sinnlosen Krieg, sein Land und seine Untertanen im Stich lässt."
„Und was würdet Ihr dazu sagen, wenn ich Euch anbieten würde, Euren Bruder zu begnadigen, ja ihm sogar seinen Titel zurückgebe, egal welcher Verbrechen er sich schuldig gemacht hat, oder welche Delikte er noch begehen wird?"
Guys Gesichtszüge glätteten sich. „Was müsste ich dafür tun?"
„Nun sagen wir es so, dass ist ein mehr als nur großzügiges Angebot. Schließlich gehe ich auch ein gewisses Risiko damit ein, denn dieser Hood hat sich zu einer regelrechten Plage entwickelt. Demnach muss natürlich auch der Preis angemessen sein."
„Und der wäre?"
Der Sheriff legte eine dramatische Pause ein, bevor er sich zu einer Antwort herab lies.
„Tötet König Richard und Hood kann sich von mir aus wieder Robin of Locksley nennen", antwortete er schließlich gönnerhaft. „Verweigert mir meine Bitte und ihr könnt schon in wenigen Tagen seinen Tod betrauern." Vaiseys Griff um den verborgen Dolch verstärkte sich. Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt.
Indessen musste Guy plötzlich an die Geschichte über den Mordanschlag auf den König denken, die er als eines von Robins Hirngespinsten abgetan hatte. War das Zufall? Im selben Moment schallt sich der Dunkelhaarige selbst gedanklich einen Narren. Gewiss war es ein Zufall, was sollte es sonst sein?
„Und wie soll ich dabei vorgehen?"
Vaisey ließ siegessicher den Dolch los, der zurück in die Gürtelhalterung glitt. Anerkennend klopfte Guy auf die Schulter. „Ha, das gefällt mir. Ein Mann der Tat. Gut, lasst uns gleich zur Sache kommen. Zuerst war ich zugegeben etwas aufgebracht über die Flucht unseres gemeinsamen Freundes, aber dann begriff ich, dass es ein Wink des Schicksals sein muss." Der Sheriff unterbreitete dem Dunkelhaarigen seinen Plan und mit jedem Satz wurden Guys Augen größer. Er und seine angeheuerten Söldner sollten sich als Sarazenen verkleiden und das Lager des Sheriffs überfallen?
Er erinnerte sich an Robins Worte. -Der Sheriff schickte im Jahr 1191 als Sarazenen verkleidete Soldaten ins Lager des Königs, um diesen ermorden zu lassen.-
Das konnte doch kein Zufall sein, oder? Robins Geschichte klang einfach zu unglaublich um wahr zu sein, aber wie hätte er den Plan des Sheriffs erahnen können?
„Und, was sagt Ihr dazu Gisborne?", riss Vaisey ihn mit einem süffisanten Grinsen aus seinen Gedanken.
Er lies sich das ganze durch den Kopf gehen. Was bedeutete ihm schon der König? Ein Mann der auf Grund seines Fanatismus tausende von Menschenleben opferte. Auf diese Weise könnte er Robin retten. Das Leben Robins gegen das des Königs. Keine schwere Entscheidung. Der einzige Hacken wäre, wenn jemand dahinter käme, dann wäre sein Leben verwirkt. Man würde ihn unweigerlich als Verräter hinrichten lassen. „Die Leute könnten Fragen über meinen Verbleib stellen", wand er daher ein.
„Natürlich darf niemand wissen, dass Ihr fort seid. Wir werden einfach erzählen das Ihr unter einer schweren Krankheit leidet, damit niemand Verdacht schöpft."
„Aber was ist wenn jemand nach mir sehen will?"
„Nach Euch sehen? Wer sollte nach Euch sehen wollen? Ich glaube seit Eurem kleinen Auftritt in Locksley, dürfte selbst Eure Familie jegliches Interesse an Euch verloren haben. Aber wenn es Euch beruhigt werden wir einfach sagen, dass der Arzt wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr jeden Besuch untersagt hat. Und, was sagt Ihr? Sind wir im Geschäft?" Er hielt Guy abwartend seine ausgestreckte Hand hin. Nach kurzem Zögern nahm dieser sie an. Er hatte es Robin versprochen. Er würde ihn beschützen, selbst wenn er dafür sein eigenes Leben riskierte. Manche Menschen sind es wert das man für sie brennt.
Mehrere Wochen zogen ins Land und seit jener Nacht im Kerker, war Guy wie vom Erdboden verschluckt. Weder in Locksley, noch in Nottingham hatte ihn irgendwer zu Gesicht bekommen. Es hieß er sei schwer krank und verließe nicht mehr sein Zimmer. Aus Sorge um ihn schlich sich Robin eines nachts in die Burg und von dort aus in Guys Kammer, aber diese war leer. Dem Anführer der Outlaws kam das alles sehr verdächtig vor und als er wenige Tage später hörte, dass der einzige der den Kranken in den letzten Wochen zu Gesicht bekommen hatte der Arzt Pitts war, da wusste Robin was Sache war. Er erzählte den übrigen Outlaws von dem geplanten Mordanschlag auf den Königs und behauptete ein Gespräch des Sheriffs belauscht zu haben. Allan und Little John erklärten sich bereit Robin ins Heilige Land zu folgen, während die anderen hier im Sherwood Forest die Stellung halten sollten. Immerhin musste jemand für das Wohlergehen der Armen sorgen.
Es war August als Robin, Little John und Allan an ihrem Zielhafen anlegten. Dankbar küsste der verschlagene Trickbetrüger den festen Boden unter seinen Füßen, als sie endlich an Land gingen. „Ich werde nie, nie wieder ein Schiff betreten!", verkündete er.
„Das wirst du wohl müssen, wenn du irgendwann nach England zurückkehren möchtest", erinnerte Robin ihn mitleidig. Allan war die Reise nicht gut bekommen. Fast die ganze Überfahrt lang hatte er unter Seekrankheit gelitten.
„Na gut, dieses eine Mal noch, aber dann nie wieder!"
„Wo müssen wir nun hin?", lenkte Little John das Thema auf das Wesentliche.
„Es sind noch sieben Tage bis Mariä Himmelfahrt. Das bedeutet im Moment müsste sich das Heer des Königs in Mezerabefinden."
„Und wie kommen wir dorthin?", fragte Allan.
„Zu Fuß würde ich sagen, außer ihr habt einen besseren Vorschlag."
„Wir könnten auch ein paar Pferde stehlen", schlug Allan vor.
Robin schüttelte energisch den Kopf. „Nein, auf keinen Fall. Ich sagte bereits wir müssen uns möglichst unauffällig verhalten." Er wollte um jeden Preis vermeiden, dass Guy von ihrer Ankunft erfuhr. Sonst wäre er gewarnt und vielleicht würde das den Verlauf der Geschichte ändern. Besser keine Risiken eingehen.
Also machten sie sich auf den Weg nachMezera. Sie schritten durch eine öde, karge Wüstenlandschaft. Die Sonne stand brennend heiß am Himmel und schon nach wenigen Minuten spürten sie, wie der Schweiß ihnen den Rücken hinab lief. Robin konnte sich noch gut an jene Schlacht inMezera erinnern. Sie konnten zwar den Sieg erringen, aber es handelte sich um einen nur wenige Tage zuvor hatten sie selber große Verluste erlitten. Unter ihnen auch Morgan Foster, Matthew Kent und Carters Bruder Thomas. Da aber nun die Sarazenen, als auch sie selber stark geschwächt waren, wurde nach dieser Schlacht nun endlich der Wunsch nach Friedensverhandlungen laut. Umso überraschter war Robin, als er sich mit seinen beiden Begleitern dem Schlachtfeld nährte und sehen musste, dass die Kreuzritter von den Sarazenen immer mehr in die Enge getrieben wurden. Das war falsch! So war es nicht gewesen!
„Ist das da unten nicht das Banner des Königs? Ich glaube Gisborne muss sich gar nicht mehr die Mühe machen König Richard zu beseitigen. Er schafft das auch sehr gut ohne seine Hilfe."
Allan hatte Recht. Das war das Banner des Königs! Robin hatte sich eigentlich nie wieder an diesem sinnlosen Krieg beteiligen wollen. Er wollte keine Menschen, aus irgendwelchen scheinheiligen Motiven abschlachten, aber in diesem Moment warf er all seine Skrupel über Bord. Sein einziger Gedanke war, dass wenn König Richard starb, sein Bruder auf den Thron käme und das wäre nicht nur das Ende für Locksley, sondern für ganz England!
„WAS HAST DU VOR?", rief Allan ihm erschrocken nach, als er sah wie Robin den Abhang hinab ins Schlachtgetümmel stürmte. Little John folgte ihm unweigerlich nach. „Aber ihr könnt doch nicht…", druckste der Trickbetrüger herum. Waren die beiden denn lebensmüde? Es sah doch ganz danach aus, als wäre diese Schlacht schon längst entschieden und der König so gut wie tot? Allan haderte mit sich selbst. Er hing an seinem Leben, aber er wollte auf der anderen Seite seine Freunde auch nicht im Stich lassen, also hetzte er ihnen mit gezücktem Schwert hinterher.
Schon von Weitem spannte Robin seinen Bogen und legte drei Pfeile auf einmal an die Sehne. Jeder von ihnen traf sein Ziel. Er selbst war es gewesen, der die anderen Outlaws gelehrt hatte, dass sie für ihre Ziele nicht über Leichen gingen, aber nun zeigte er sich plötzlich von einer ganz anderen Seite. Ohne mit der Wimper zu zucken löschte er ein Leben nach dem anderen aus. Wie ein Berserker stürzte er sich in die Schlacht, als ihn ein Angreifer von hinten attackieren wollte, drehte er sich ruckartig um und rammte ihm den nächsten Pfeil, den er noch eben an die Sehne seines Bogen gehalten hatte einfach ins Auge, dass dieser vor Qualen aufschrie. Allan lief einer kalter Schauer über den Rücken. Er hatte ihren Anführer noch nie so gesehen, aber es blieb keine Zeit sich weitere Gedanken darüber zu machen, denn er musste selber einen Sarazenen abwehren, um seine eigene Haut zu retten. Auch Little John blieb nicht untätig. Wie ein Riese ragte er zwischen den Kämpfern hervor und jeder der sich ihm nährte bekam seinen Stock zu spüren.
Robin hatte es indessen geschafft sich bis zum König durchzukämpfen. Wie ein schützender Wall postierte er sich vor seinem Pferd und brachte jeden Feind, der Richard zu nahe kam zur Strecke. „Deckt die linke Flanke!", rief er den umstehenden Kreuzrittern zu, die ihn entgeistert anstarrten.
„Habt ihr nicht gehört was dieser Mann gesagt hat? Ihr sollt die linke Flanke decken!", wiederholte der König den Befehl. Sofort folgten die Männer seinem Geheiß. Robins Kampfgeist schien eine ansteckende Wirkung auf die Umstehenden zu haben, denn sie schienen neue Hoffnung zu schöpfen.
Der Hüter des Sherwood Forests befand sich indessen in einem tranceartigen Blutrausch. Wie ein Außenstehender, betrachtete er mit Entsetzen das Geschehen, aber er konnte einfach nicht aufhören. Jeder Schuss war ein Treffer und jeder Treffer war ein Leben. Ein Mensch, der vielleicht Kinder hatte, oder eine Frau die daheim auf ihn wartete. Junge Männer, die fast noch Knaben waren, fielen seinen Pfeilen ebenso zum Opfer, wie ausgewachsene Krieger. Er machte keinen Unterschied mehr zwischen jung und alt. Der metallische Geruch von Blut erfüllte die staubige Luft und von allen Seiten her erklang Kampfgeschrei und Wehklagen. Es dauerte lange, bis die Männer sich unter Robins Anweisungen freigekämpft hatten und noch viel länger bis sie es endlich schafften die Sarazenen nun ihrerseits zurückzudrängen. Robins Arme fühlten sich bereits schwer wie Blei an, als die überlebenden Sarazenen endlich die Flucht ergriffen.
Mit glühender Haut und trockenen Lippen, schulterte Robin wieder seinen Bogen und wandte sich dem König zu, dessen Haar von der Anstrengung vollkommen durchnässt war. „Ich schulde Euch meinen Dank. Ich hielt diese Schlacht schon für verloren, aber Ihr habt das Blatt noch einmal gewendet. Wie lautet Euer Name? Ich habe Euch noch nie unter meinen Männer gesehen und ihr tragt nicht das Zeichen des Herren auf Eurer Brust."
„Sein Name ist Robin of Locksley. Er ist der Sohn von Malcolm of Locksley, Earl of Huntington", erklang auf einmal eine vertraute Stimme. Er drehte seien Kopf zur Seite und sah Morgan Foster auf sich zureiten. Wie einen Geist musterte Robin sein Gegenüber. Müsste Morgan nicht bereits längst unter den Toten weilen? Doch dann begriff er, dass es ohne eine Bedrohung auf seinen Leben, keinen Grund für seinen Kindheitsfreund gegeben hätte sich zu opfern. Ebenso verstand er nun seine eigene entscheidende Rolle für diesen Krieg. Auch in seinem ersten Leben, hatten ihn die anderen Kreuzritter als ihren Helden gefeiert, aber er hatte ihre Lobpreise als übertrieben empfunden und sie nicht ernst genommen. Es waren Truppen, die Kriege gewannen und keine einzelnen Männer. Zumindest hatte er stets diese Ansicht vertreten, aber anscheinend hatte er seine eigene Bedeutung für den Ausgang dieser Schlacht unterschätzt. „Es freut mich zu sehen, dass du dich uns doch noch angeschlossen hast", meinte Morgan mit aufrichtiger Anerkennung.
„Robin of Locksley also. Euch scheint der Himmel geschickt zu haben."
Robin ging vor seinem König in die Knie, bevor er das Wort erhob. „Ich danke Euch Euere Hoheit, aber leider war es nicht der Himmel der mich veranlasst hat ins Heilige Land aufzubrechen. Es wird ein Mordkomplott gegen Euch geschmiedet."
Sowohl Allan, als auch Little John hatten sich mittlerweile vor dem König eingefunden und knieten nieder. „Meine beiden Freunde und ich wollen Euch daher warnen. Der neue Sheriff von Nottingham, will als Sarazenen verkleidete Söldner in Euer Lager schicken, die Euch das Leben nehmen sollen. So weit ich weiß, hat Euer Bruder Prinz John ihn damit beauftragt."
„Mein eigener Bruder soll meinen Tod wünschen?", fragte König Richard nun ernst. Für einen kurzen Moment befürchtete Robin schon er würde seine Worte einfach als Lügen abtun, doch dann fügte er hinzu: „Warum wundert mich das eigentlich nicht? Aber ich hoffe ihr habt auch Beweise für solche schwerwiegenden Anschuldigungen."
Robin verkrampfte sich. Er hatte nichts gegen den Sheriff, noch gegen Prinz John in der Hand und in König Richards Augen war er ein Fremder, der sich erst noch sein Vertrauen verdienen musste.
„Ich befürchte nein Majestät."
„Ihr kommt also hierher, den ganzen Weg von England bis ins Heilige Land, ohne den kleinsten Beleg für Eure Anschuldigungen? Weshalb sollte ich Euch glauben?"
„Eben weil ich den ganzen Weg auf mich genommen habe, um Euch dies zu sagen. Außerdem, was würde es Euch schaden meine Warnung ernst zu nehmen und Sicherheitsvorkehrungen zu treffen? Wenn sich meine Prophezeiung als falsch erweisen sollte, könnt Ihr mir immer noch wegen Verleumdung die Zunge herausschneiden lassen."
Robin hielt König Richards prüfendem Blick Stand und zwinkerte noch nicht einmal. „Ich bürge für ihn, Euer Durchlaucht. Robin of Locksley ist ein ehrenhafter Mann und ich zweifle keinen Moment an seinen Worten", setzte Morgan sich für ihn ein.
„Gut, gut, wir werden sehen. Seid so lange mein Gast Sir Robin. Ich schulde Euch noch immer meinen Dank. Ihr und Eure beiden Begleiter sollt mit Essen, Trinken und einem guten Nachtlager versorgt werden und morgen früh erzählt Ihr mir was sich seit meiner Abwesenheit in England ereignet hat."
Mit diesen Worten setzte sich der ganze Trupp in Bewegung und folgte dem König.
„Wie geht es meinem Freund Guy? Wo ist er? Mich wundert es ihn nicht an deiner Seite zu sehen. Ihr wart doch sonst immer unzertrennlich", wollte Morgan wissen. Little John, als auch Allan musterten Morgan misstrauisch.
„Du bist ein Freund von Gisborne? Wer hätte gedacht, dass der Handlanger des Sheriffs irgendwelche Freunde hat", meinte Allan. Plötzlich spürte er Robins Ellbogen in seiner Magengegend. „AU, wofür war das?", entrüstete er sich und hielt sich die schmerzende Stelle. Robin biss indessen wütend die Zähne zusammen. Er hatte versucht Guys Beteiligung an diesem Komplott nach Möglichkeit zu verheimlichen.
„Guy ein Handlanger des Sheriffs? Der Sheriff, welcher einen Attentäter auf unseren König angesetzt hat?", fragte Morgan mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Es ist kompliziert", meinte Robin mit einem vorwurfsvollen Seitenblick in Allans Richtung. Dieser zuckte verständnislos mit den Schultern, als wollte er Robin fragen: Was ist eigentlich dein Problem?
Little John schnaubte verächtlich, hielt sich aber aus der Angelegenheit heraus. Er verabscheute Gisborne fast ebenso wie den Sheriff, wusste aber auch das ihrem Anführer aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen viel an ihm lag.
„Kompliziert?", horchte Morgan mit gerümpfter Nase nach. Er wollte nicht glauben was er da hörte. Guy, ein Verräter?
„Lass uns später darüber reden", meinte Robin mit in Falten gelegter Stirn. Die umstehenden Soldaten sollten nichts davon hören.
Zuerst sah es so aus, als wolle Morgan zum Widerspruch ansetzten, besann sich dann aber eines Besseren und schwieg. Er reichte Robin sowie seinen beiden Freunden einen Flachmann der mit Wasser gefüllt war, damit diese ihren Durst stillen konnten.
Als sich Robin, Allan und Little John jedoch in Morgans Zelt eingefunden hatten, konnte er seine Neugier nicht länger zügeln: „Nun sag mir Robin, was ist mit Guy? Stimmt es das er der Handlanger dieses abtrünnigen Sheriffs ist?"
„Ich sagte bereits, es ist kompliziert."
„Kompliziert? Also ist es wahr!", Morgan schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich weiß ja, dass Guy nie viel für den König übrig hatte, noch für seinen Krieg, aber das er in solch eine Intrige verstrickt sein soll will ich einfach nicht glauben!"
„Ich denke es steckt mehr dahinter. Ich glaube er hofft auf diese Weise noch einen Teil seines Einflusses zu behalten und unsere Familie zu beschützen, denn jeder der sich gegen den neuen Sheriff aufgelehnt hat, musste es sehr bald bereuen", erklärte Robin.
„Warum ist Edward nicht mehr Sheriff von Nottingham?", verlangte Morgan zu erfahren.
„Es war Prinz Johns Entscheidung. Bitte Morgan, sag dem König nicht, dass Guy in diese Angelegenheit verwickelt ist. Ich werde mich selber um ihn kümmern", versuchte Robin auf ihn einzureden.
„Dich selber um ihn kümmern?" Little John schüttelte sein zottiges Haupt „Gisborne mag wie ein Bruder für dich sein, aber er sollte dennoch für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden", brummte er.
„Was für Verbrechen?", wollte Morgan wissen.
„Wie wäre es mit Königsverrat, Amtsmissbrauch, rücksichtlose Ausbeutung seiner Untergebenen. Soll ich fortfahren?", fragte Allan.
„Doch nur weil der Sheriff ihm keine andere Wahl lässt!", begehrte Robin auf.
„Ach nein? Aber du scheinst dich diesem neuen Sheriff nicht verschrieben zu haben", bemerkte Morgan spitz.
„Ganz Recht und deswegen lebe ich jetzt als Outlaw im Sherwood Forest. Das meine Familie noch nicht enteignet wurde und überhaupt noch etwas für die Bauern bewirken kann, liegt wohl zweifellos an Guys Einfluss", meinte Robin mit vor der Brust verschränkten Armen.
„Du bist ein Outlaw?" Ungläubig und mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen starrte Morgan ihn an. Dann setzte er sich auf eine Truhe, die im Zelt stand und fragte beinahe amüsiert: „Was hast du angestellt?"
„Dan Scarlett vor einer Verurteilung bewahrt."
„Dan Scarlett? Der Handwerker, der halb Locksley gebaut hat? Was soll der alte Kauz verbrochen haben?"
„Er hat gewildert, aber nur weil er nichts mehr hatte um seine Familie zu ernähren. Dieser Vaisey beutet unsere Bauern bis auf den letzten Groschen aus", erklärte Robin.
„Und was sagt Guy dazu? Ich meine, dass du zum Outlaw erklärt wurdest? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das einfach so hingenommen hat", sagte Morgan und trommelte mit den Fingern auf dem Holz der Truhe herum. Er kannte Guy. Er wusste das es niemanden gab um den er sich mehr sorgte als Robin. Seine Zuneigung zu ihm besaß schon geradezu anrüchige Züge, aber Morgan hatte sich nie daran gestört.
Die drei Outlaws hatten sich im Schneidersitz auf den Fellen niedergelassen, die den Zeltboden bedeckten. „Das ist mit der Grund, weshalb er sich von dem Sheriff nicht einfach lossagen kann. Er bemüht sich darum meine Begnadigung zu erwirken."
„Und das lässt du einfach so zu?", fragte Morgan, wobei sich sein Gesicht verzog, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen.
„Keineswegs, ich habe schon unzählige Male versucht ihn davon zu überzeugen, dass er seine Seele dem Teufel verschrieben hat. Ich bin gewiss nicht auf die Vergebung des Sheriffs angewiesen", rechtfertigte Robin sich. „Aber du kennst Guy. Du weißt wie stur er sein kann. Er ist der festen Überzeugung, dass König Richard ohnehin niemals nach England zurückkehren wird und meint sich deswegen mit den amtierenden Herrschern vor Ort gut stellen zu müssen."
„Er war schon immer ein Pragmatiker, mit opportunistischen Zügen, nur das er sich an solch einer Intrige beteiligen würde, hätte ich nie von ihm erwartet. Aber jetzt wo du mir gesagt hast, dass deine Begnadigung sein Lohn sein wird, wundert es mich eigentlich nicht länger. Wenn es um dich ging, hat sein Verstand schon häufiger ausgesetzt. Erinnerst du dich noch, als er diesem hochnäsigen Spross von einem Earl ein blaues Auge geschlagen hat, weil er behauptet hatte, dass du ohne Anspruch auf Ländereien kein richtiger Adliger mehr seiest?"
Diese Erinnerung lockerte die angespannte Stimmung etwas auf und sowohl Robin, als auch Morgan mussten herzhaft lachen, während Allan und Little John die beiden nur verständnislos ansahen.
Robin wünschte sich das Guys Beweggründe tatsächlich so uneigennützig wären und es nur um ihn ginge, aber das bezweifelte er. Immerhin war auch in seinem letzten Leben Guy derjenige gewesen, der den Mordanschlag auf den König ausgeübt hatte. Gewiss spielte auch sein Ehrgeiz und sein Streben nach Macht eine entscheidende Rolle.
Trotz der großen Verluste die sie in den letzten Tagen erlitten hatten wurde an diesem Abend ausgiebig gefeiert. Robin, sowie seine beiden Kumpanen wurden sofort herzlich in die Runde der Kreuzritter aufgenommen, die um ein Lagerfeuer herumsaßen, Wein tranken und speisten, wenn es sich auch um eine recht karge Mahlzeit handelte, da ihre Vorräte mehr und mehr zur Neige gingen.
Morgan erzählte Robin von Gregors Tod. Der Gerberssohn, der mit ihnen beiden als Kind häufig gespielt hatte, war bereits auf der Reise ins Heilige Land an der Ruhr erkrankt und gestorben. Er berichtete auch wie Matthew Kent gefallen war und schließlich kam er auf seinen kleinen Bruder zu sprechen. „Ich hätte besser auf ihn aufpassen müssen. Ach was, ich hätte gar nicht zulassen dürfen, dass er mich auf diesen waghalsigen Kreuzzug begleitet. Wir waren alle so töricht. Ich weiß, du hattest versucht mich zu warnen, aber ich war so verblendet. Ich hatte sogar behauptet stolz zu sein, wenn mein Bruder für diese Sache fiele. So dumm kann nur jemand daherreden, der noch niemals einen lieben Menschen verloren hat ", sagte er beinahe im Flüsterton, so das nur Robin, der genau neben ihm saß hören konnte was er sprach. „Ich bin kein Feigling. Ich würde jederzeit mein Leben für den König geben. Aber der Gedanke, dass ich meinen Bruder an diesen sinnlosen Krieg verloren habe, den wir ohnehin nicht gewinnen können, zermürbt mich innerlich. Wäre ich doch damals einfach mit ihm in Locksley geblieben!" Verständnisvoll legte ihm Robin eine Hand auf die Schulter und meinte: „Es ist nicht deine Schuld. Dein Bruder wäre gegangen, ganz gleich, ob du dich dem Kreuzzug angeschlossen hättest, oder nicht. Glaub mir, ich habe versucht es ihm auszureden." Morgan nickte ihm dankbar zu.
Plötzlich stand einer der jüngeren Männer in der Runde auf. Er hatte weit abstehende Segelohren, die durch sein kurzgeschorenes Haar, noch deutlicher hervortraten, aber ein gutmütiges Gesicht. Mit feierlicher Mine sprach er einen Toast aus: „EIN HOCH AUF ROBIN OF LOCKSLEY, DEN BEZWINGER DER SARAZENEN!"
„EIN HOCH AUF ROBIN OF LOCKSLEY!", stimmten die anderen Kreuzritter mit ein und erhoben ihre Kelche.
„Männer wie dich Locksley, hätten wir schon eher hier gebrauchen können. Dann wäre dieser Krieg sicherlich längst gewonnen", meinte ein bärtiger Mann, der etwas rot um die Nasenspitze herum war, wobei sich Robin nicht sicher war, ob das vom Wein herrührte, oder er bloß einen Sonnenbrand hatte.
„Da hat er Recht", stimmte der König ihm zu, der zu ihnen ans Feuer trat. Sofort verstummten die meisten der Ritter und senkten unterwürfig ihren Blick. „Unseren heutigen Sieg haben wir Euch zu verdanken." Er machte eine knappe Handbewegung, woraufhin man ihm sofort einen Platz neben Robin frei räumte. Mit einem aufrichtigen, wenn auch vom Kampf ermüdeten Lächeln, setzte er sich nieder. „Dennoch habe ich mich dazu entschlossen mit den Sarazenen zu verhandeln. Auch wenn wir heute die Schlacht gewonnen haben, so sind wir dennoch ebenso geschwächt wie unsere Gegner. Daher möchte ich einen Boten ins feindliche Lager schicken, der ihnen meinen Wunsch nach Friedensverhandlungen übermitteln soll. Allerdings bräuchten wir jemanden, der ihrer Sprache mächtig ist."
Abwartend schaute der König in die Runde, doch die meisten der Ritter schüttelten entschuldigend den Kopf. Manche kannten zwar ein paar vereinzelte Worte, aber mehr auch nicht und die Wenigen unter ihnen, welche die Sprache wirklich beherrschten, behielten dies lieber für sich. Immerhin war so ein Botengang ins feindliche Lager nicht gerade ungefährlich.
„Ich könnte diese Nachricht überbringen", meinte Robin schließlich. In diesem Fall waren seine Motive ausnahmsweise Mal nicht so uneigennützig wie sonst. Er hoffte dadurch schnellstmöglich das Vertrauen des Königs zu gewinnen, sowie sich seine Dankbarkeit zu sichern, um im Notfall Amnestie für Guy erbitten zu können.
„Ihr beherrscht also die Sprache der Sarazenen?", fragte der König verwundert. Robin nickte als Antwort. „Ihr überrascht mich immer mehr. Ihr seid nicht nur der beste Bogenschütze dem ich je begegnet bin, sondern auch ein guter Stratege, mutig und nun auch noch ein Diplomat. Ich hoffe nur das ich Euch wirklich trauen kann, aber das wird sich schon sehr bald zeigen. Sollte sich Eure Geschichte als wahr erweisen, dann verspreche ich Euch, dass Ihr etwas bei mir gut habt. Ihr werdet angemessen entlohnt werden. Aber nun stehen erst einmal die Friedensverhandlungen an erster Stelle. Es wäre gut, wenn Ihr morgen früh nach unserem Gespräch gleich aufbrechen würdet."
So geschah es dann auch. Er berichtete am nächsten Morgen dem König alles, was in Nottingham und Locksley vorgefallen war, seitdem Vaisey als Sheriff das Land verwaltete. Richard versprach ihm diejenigen, die zu Unrecht als Outlaws gebrandmarkt wurden waren, bei seiner Rückkehr zu begnadigen und ihnen ihre enteigneten Besitztümer zurückzugeben. Vorausgesetzt natürlich, Robin sprach die Wahrheit, was der Angriff von Guy und seinen Männern beweisen würde. Wie vereinbart begab sich Robin daraufhin ins feindliche Lager, welches nicht weit von dem ihren entfernt lag. Allan und Little John wollten ihn eigentlich begleiten, aber aus Sorge um ihr Leben, lehnte er ihre Hilfe ab.
Glücklicher Weise wurde Robin nicht gleich zur Strecke gebracht, als er sich den aufgereihten Zelten nährte, sondern sollte die Gelegenheit erhalten mit dem Hauptmann zu sprechen. Dieser würde dann entscheiden, ob seine Botschaft es wert war an Saladin weitergeleitet zu werden, oder nicht.
Als der begnadete Bogenschütze, eskortiert von zwei Wachen, dass Zelt des Hauptmanns betrat, staunte er nicht schlecht ein vertrautes Gesicht vor sich zu sehen. „Djaq?", brachte Robin verblüfft hervor.
Besagte Person legte den Kopf etwas schief und musterte ihn feindselig. „Ihr kennt also meinen Namen? Dürfte ich auch den Euren erfahren und den Grund weshalb Ihr hier seid?"
Es war nicht seine Djaq. Die Stimme war zu tief für eine Frau und auch die Gesichtszüge waren kantiger. Dennoch sah er ihr unglaublich ähnlich. Er thronte regelrecht auf einem mit Seide bezogenen, blauen Kissen, dass ebenso wie der Baldachin über ihnen, mit goldenem Brokat versehen war. Der Boden des Zeltes war mit einem orientalischen Teppich ausgelegt worden und es roch angenehm nach exotischen Kräutern.
„König Richard Löwenherz schickt mich. Er möchte Frieden schließen und bittet um Verhandlungen?", die Worte kamen Robin schwer über die Lippen, denn er hatte sich dieser Sprache schon lange nicht mehr bedient. Er war sich sicher, dass sowohl seine Betonung, als auch die Satzstellung nicht ganz fehlerfrei war, aber der Fremde schien ihn dennoch zu verstehen.
„Und Ihr seid?" Robin wollte eigentlich nur ungern seinen Namen preisgeben, denn so mehr Leute von seiner Anwesenheit hier im Heiligen Land wussten, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass auch Guy davon erfuhr. Dennoch antwortete er wahrheitsgemäß: „Meine Name ist Robin, Sohn von Earl Malcolm of Huntington, Lord of Locksley."
„Wieso wünscht sich Euer König auf einmal Verhandlungen, wo er mein Heer gestern so vernichtend geschlagen hat?", fragte der Hauptmann misstrauisch und mit einem hörbaren Vorwurf in der Stimme. „Wart Ihr nicht sogar der dämonische Krieger, der gestern unseren Feinden zur Hilfe geeilt ist?"
„Ich bin kein Dämon. Ich bin Engländer und somit verpflichtet König Richard zu dienen. Glaubt mir, es bereitete mir keine Freude und ich halte diesen Krieg für ein sinnloses, barbarisches Unterfangen. Dies hier ist auch Eurer Heiliges Land, daher wünsche ich mir nichts sehnlicher, als das endlich Frieden geschlossen wird."
„Und dennoch habt Ihr gestern meine Männer kaltblütig ermordet!"
„Hättet Ihr Euren Sultan in Bedrängnis gesehen, wäret Ihr ihm wohl auch zur Hilfe geeilt, ganz gleich was Ihr von diesem Krieg haltet. Ich bin hier, um unseren König lebend nach England zurückzuholen. Unser Land braucht ihn, da es im Moment von seinem tyrannischen Bruder zu Grunde gerichtet wird. Wenn mein König, samt seinem Heer hier abzieht, könnte Euch das doch nur zu Gute kommen. Wurde nicht ohnehin schon auf beiden Seiten genug Blut vergossen?"
„Und wie lauten seine Bedingungen?", fragte der Hauptmann misstrauisch, wobei sein Blick Robin regelrecht zu durchleuchten schien.
„Das müsst Ihr ihn selber fragen. Ich bin nur der Bote."
Der Sarazene nickte, zum Zeichen das er verstanden hatte und meinte: „Ich werde Eure Nachricht an Sultan Saladin überbringen. Robin, Sohn des Malcolm of Huntington, Lord of Locksleys. Sollte er sich zu Verhandlungen bereit erklären, wird er Eurem König seinerseits einen Boten schicken, der ihm Zeit und Treffpunkt nennen wird."
Mit einer kurzen, höflichen Verbeugung entließ er Robin, der seinerseits ebenfalls kurz das Haupt senkte.
In den folgenden Tagen bezog der König mit seinen Männern in Akkon Stellung und auf Robins Geheiß hin, ließ er einen Schutzwall errichten. Drei Tage später schickte der Sultan einen Boten, der dem König ausrichtete, dass er zu Verhandlungen bereit sei und sie sich in einer Woche mit ihm in Akkon treffen würde. Wenn Robin sich richtig entsann, dann müsste Guy heute Nacht noch mit seinen verkleideten Söldnern ins Lager des Königs eindringen, doch dieses Mal waren sie gewarnt und die Friedensverhandlungen somit nicht gefährdet.
„Warum bist du dir so sicher, dass sie genau heute Nacht hier eintreffen?", fragte der König, als Robin ihm mitteilte, dass es besser wäre, wenn er zusammen mit Allan und Little John vor seinem Zelt Wache hielt.
„Das sagt mir mein Gefühl", behauptete Robin, der schließlich schlecht sagen konnte, dass er all dies schon einmal durchlebt hatte. Immerhin wusste er dank Guy nun, mit was für einer Reaktion er zu rechnen hatte, wenn er die Wahrheit offenbaren sollte. Der Dunkelhaarige war seitdem der festen Überzeugung, dass Robin geisteskrank war.
König Richard schien ihm schon etwas mehr zu vertrauen, zumindest lies er nur auf Grund von Robins angeblichem Bauchgefühl die doppelte Menge an Wachen aufstellen, die sich jedoch verdeckt halten sollte, damit ihre Angreifer nicht ahnten, dass sie gewarnt wurden.
Nichtsdestotrotz waren sie nur sehr Wenige und Guy hatte es geschafft eine große Menge an Söldnern zusammenzusuchen. Unter anderen Umständen hätte Robin den Eindringlingen ohne zu Zögern mit einem Pfeil ins Herz geschossen, da die Gefahr einfach zu groß war, dass sie dem König sonst zu nahe kämen, aber er wusste ja nicht, welcher von ihnen Guy war. Immerhin trugen sie alle dieselben langen Gewänder, die das Gesicht und die Haare verdeckt hielten. Robin würde ohne zu Zögern sein eigenes Leben für Land und König opfern, aber nicht das seines Geliebten! Daher schoss er nur auf ihre Beine, oder Arme. Natürlich blieben Little John und Allan auch nicht untätig. „Heute ist ein guter Tag zum Sterben", meinte der hochgewachsene Mann. „Warum sagst du das immer?", stöhnte Allan. Plötzlich trat der König aus dem Zelt hervor in seiner vollen Rüstung. Wahrscheinlich war er von dem Lärm geweckt worden, oder er hatte gar nicht erst geschlafen, weil Robins ungutes Gefühl ihn wach gehalten hatten.
„Ihr hattet also Recht", meinte er und zog sein Schwert aus der Scheide.
„Mein König, Ihr solltet lieber zurück ins Zelt gehen, sie sind schließlich nur wegen Euch hier", meinte Robin und lies seinen Pfeil von der Sehne schnellen. Man vernahm ein surrendes Geräusch und einen Schmerzensaufschrei.
„Und deswegen soll ich mich wie ein Feigling verstecken? Kommt gar nicht in Frage. Ich kämpfe!", mit diesen Worten stürzte er sich ins Getümmel. „So ein...", es kostete Little John alle Mühe, dass Wort -Dummkopf- zu unterdrücken, denn immerhin handelte es sich hier um den König von England.
Noch vielmehr als um das Wohlergehen des Königs, betete Robin darum das Guy unversehrt blieb. Auf einmal sah er aus dem Augenwinkel, wie einer der Angreifer von hinten mit erhobenen Schwert auf Richard losging. Im letzten Moment riss Robin den König zur Seite, wurde dafür aber selber von der Klinge durchbohrt. Ein unglaublicher Schmerz durchzuckte ihn, wie er ihn bisher nur ein einziges Mal zuvor hatte erleiden müssen. Er blickte auf zu seinem Angreifer und durch den Augenschlitz erkannte er Guys eisblaue Seelenspiegel. Auch dieser schien nun erst zu begreifen, wen er hier mit seinem Schwert durchbohrte. Er zog erschrocken seine Klinge aus Robins Leib und fing seinen Sturz ab. Vorsichtig kniete er sich mit Robin im Arm nieder. Der König rappelte sich vom Boden auf und wollte seinem Lebensretter mit erhobener Waffe zur Hilfe eilen, aber Robin schloss trotz des stechenden Schmerzes Guys Kopf schützend in seine Arme.
„Nicht...", brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen schwach hervor. „Er ist...", Robin stockte, „... mein Bruder", beendete er seinen Satz auch wenn das eigentlich nicht die Worte waren, die ihm auf der Zunge gelegen hatten. Aber er konnte dem König wohl schlecht sagen, dass Guy sein Geliebter war.
„Nein... das ist unmöglich", brachte der Dunkelhaarige fassungslos hervor. Er löste seinen Kopf aus Robins schützender Umarmung und riss sich den Schleier von seinem Gesicht. „Du dürftest überhaupt nicht hier sein", knurrte er ungläubig, presste verzweifelt den Schleier auf Robins blutende Wunde und bekam von dem Kampf der um sie herum tobte überhaupt nichts mehr mit. Der König haderte immer noch mit sich selbst. Verständnislos musterte er die beiden Männer, das Schwert fest umklammert.
„Ihr habt mir versprochen, dass ich etwas...", Robin schnappte nach Luft, „... etwas gut bei Euch habe. Dann verschont diesen Mann", brachte er mit einem Seitenblick in Richards Richtung hervor. Dieser nickte mit ernster Miene, wurde aber im selben Moment von einem Angreifer abgelenkt, der mit einem Säbel nach ihm ausholte. Geschickt parierte er den Schlag.
Erst jetzt wurden Allan und Little John auf das Geschehen aufmerksam, die bis gerade eben noch selber in einem Gefecht verstrickt gewesen waren, aber nun zogen sich die unterlegenen Söldner langsam zurück.
„ROBIN!", schrie Allan entsetzt. Auch Little John starrte fassungslos zu ihrem Anführer hinüber, der offensichtlich schwer verwundet in den Armen von Guy of Gisborne lag.
„Steht da nicht nur so herum! Helft ihm", harschte der Handlanger des Sheriffs die beiden an. Er hielt Robin eng an seine Brust gedrückt und versuchte noch immer seine Blutung zu stoppen. Die Worte des Sheriffs hallten ihm durch den Kopf. Hatten sich Romulus wohl auch so gefühlt, nachdem er seinen Bruder ermordet hatte? „Ich wollte dich nur beschützen Robin. Deswegen bin ich hier. Ich wollte dich beschützen", brachte er mit einem tiefen Grollen in der Stimme hervor. Wenn Robin sterben würde, dann könnte er sich das niemals verzeihen.
Dieser wollte noch irgendetwas darauf erwidern, aber alles schien auf einmal um ihn herum zu verschwimmen. Eine furchtbare Kälte packte ihn und die Angst vor dem Tod.
„Ihn habe ich gemocht", vernahm er Little Johns betrübte Stimme, dann verlor er das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam befand er sich auf einem weichen Bett, unter dem Baldachin eines großen Zeltes. Seine Wunde schmerzte fürchterlich und er verzog wehleidig das Gesicht. „Du solltest dich besser nicht bewegen", vernahm er eine weibliche, vertraute Stimme.
„Djaq?", brachte er krächzend hervor.
„Das ist mein Bruder. Ihr wart der Bote, der zu ihm ins Lager kam, nicht wahr? Ich weiß, ich sehe ihm sehr ähnlich. Mein Name ist Safiya", meinte sie. Natürlich, sie hatte sich selbst erst nach dem Tod ihres Bruders, im Gedenken an ihn, Djaq genannt. „Während unser Herrscher mit Eurem König verhandelt, wurde ich gebeten nach Euch zu sehen. Ich verfüge über bessere medizinische Kenntnisse, als Eure Soldaten."
„Sie hat dir so eine grüne Paste auf deine Wunde aufgetragen. Ich dachte schon sie wollte dich vergiften", erklang auf einmal Allans Stimme. „Little John hatte dich übrigens schon für Tod erklärt und meinte es würde ohnehin keinen Unterschied machen."
„Er sah ja auch ziemlich leblos aus", rechtfertigte sich der riesige Koloss und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wo ist Guy?", erschrocken fuhr Robin hoch und bereute augenblicklich diese Entscheidung. Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihn. Er lies sich ermattet zurück in die Kissen fallen.
„Ich sagte dir, du solltest dich besser nicht bewegen", schalt Djaq, beziehungsweise Safiya ihn mit diesem vertrauten Akzent in ihrer Stimme. Erst jetzt merkte Robin, wie sehr er die einfallsreiche Sarazenin vermisst hatte.
„Wo ist er?", wollte der Verwundete mit einem unguten Gefühl in der Magengegend wissen.
„Er lebt. Allerdings gilt er im Moment als Kriegsgefangener und liegt in Ketten, aber das hat er sich wirklich selbst zuzuschreiben", wurde auf einmal Morgans Stimme laut.
Erleichterung machte sich in Robin breit. „Kann ich ihn sehen?", brachte er mit schwacher Stimme hervor.
„Ich glaube noch nicht einmal, dass du im Moment aufstehen kannst, geschweige denn bis zu dem Zelt laufen, wo er festgehalten wird. Davon mal abgesehen, hat man selbst mir keinen Zutritt zu ihm gewehrt, daher bezweifle ich, dass die Wachen dich ohne königliche Genehmigung einfach vorbei lassen werden."
„Ich könnte es immerhin versuchen. Ich muss wissen..."
„Im Moment musst du erst einmal wieder gesund werden", schnitt Morgan ihm das Wort ab.
„Weißt du Robin, er hat Recht. Tot nützt du Gisborne auch nichts. Wobei ich mich ohnehin frage, warum dich sein Wohlergehen noch interessiert, nachdem er versucht hat dich umzubringen", meinte Allan.
So ganz unrecht hatte Allan nicht. Guy hatte vor gehabt den König zu ermorden, hätte dadurch beinahe ein zweites Mal die Friedensverhandlungen zum Scheitern gebracht und hatte ihm zum wiederholten Male ein Schwert in den Leib gerammt. Nur wegen ihm durchlitt er jetzt diese fürchterlichen Qualen. Robin war wütend und enttäuscht, aber auch gleichzeitig besorgt um ihn. „Er wusste nicht, dass ich es bin", brachte er müde hervor und schloss die Augen. Eigentlich hatte er vorgehabt seine Lider nur für wenige Sekunden zu senken, doch im nächsten Moment war er auch schon wieder eingeschlafen.
Als er wieder erwachte war die Sarazenin fort. Eigentlich schade, er hätte sich noch gerne etwas mit ihr unterhalten. Er musste an Will denken und das der talentierte Schreiner Djaq…, nein pardon, natürlich Safiya, wahrscheinlich niemals kennen lernen würde. Dabei hatten sich die beiden so sehr geliebt. Irgendwie stimmte dieser Gedanke Robin traurig und er versuchte ihn schnell zu verdrängen, was ihm nicht sonderlich schwer fiel, denn die Schmerzen nahmen fast seine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch.
Die nächsten Tage wurde Robin immer nur mal wieder sporadisch wach und das nie für lange Zeit. Die quälende Wunde war unerträglich, aber Safiya hatte ihm einige Blätter da gelassen, deren Verzerr den Schmerz etwas lindern sollte. Jedes Mal wenn Robin zu Bewusstsein kam, galt seine erste Frage Guys Wohlbefinden und wann er ihn endlich sehen könnte. Vier Tage später stand der König höchstpersönlich an seinem Bett, als er die Augen aufschlug. „Euer Hoheit", begrüßte er ihn. Er versuchte sich aufzusetzen, aber Richard drückte ihn zurück in die Laken.
„Kein Grund für Förmlichkeiten Robin auf Locksley. Ich schulde Euch immerhin mein Leben. Ich war schon einige Male hier, aber das wart Ihr entweder bewusstlos, oder habt geschlafen."
„Ich würde gerne Guy sehen", meinte der Verwundete.
„Guy?", irritiert musterte der König ihn.
„Guy of Gisborne, mein Adoptivbruder. Er war der Mann...", Robins Worte gingen in einem Husten unter.
„Ach, der Gefangene. Natürlich, ich werde ihn Euch nachher bringen lassen. Normalerweise verschone ich niemanden, der mir nach dem Leben getrachtet hat, aber ich schulde es Euch. Ich wünschte mir nur, Ihr hättet um etwas anderes gebeten", meinte der König mit strenger Mine.
„Schreiten die Friedensverhandlungen mit dem Sultan voran?", fragte Robin mit heiserer Stimme.
„Sie sind so gut wie abgeschlossen. Ich schätze wir können nächste Woche schon in unser geliebtes England zurückkehren", meinte der König mit einem Leuchten in den Augen.
Robin atmete erleichtert aus. Dann hatte sein Eingreifen in die Geschichte also doch etwas bewirkt. Trotz der Schmerzen umspielte nun ein zufriedenes Lächeln seine Lippen. Nur eine Frage beschäftigte ihn immer noch.
„Wenn wir zurück in England sind, wird Guy dann freigelassen?"
„Freigelassen?", entrüstete sich Richard mit gerümpfter Nase und sah mit verschränkten Armen, auf Robins Bettenlager hinab. „Ist es nicht genug das ich sein Leben verschone? Wenn ich diesen Verräter freilasse, wer garantiert mir, dass er nicht einen weiteren Anschlag auf mein Leben verüben wird?"
„Ich bürge für ihn", meinte Robin. Seine Finger krallten sich in das Laken. Er würde nicht zulassen, dass man Guy für immer ins Verlies warf. Was wäre das für ein Leben? Wenn nötig, würde er ihn aus seiner Haft befreien und mit ihm fliehen, aber dann könnte er niemals nach Locksley zurückkehren.
Eine Zeit lang herrschte Stille. König Richard musterte ihn eingehend und schien mit sich selbst zu ringen. „Ich sagte Euch bereits Ihr seid ein begnadeter Kämpfer, besonders im Umgang mit dem Bogen und Ihr schafft es die Menschen zu begeistern. Ich und meine Männer hielten die Schlacht in Mezera schon für verloren, aber Dank Eurem Einschreiten schöpften wir neue Hoffnung. Ich brauche Männer wie Euch an meiner Seite. Wenn Ihr mir also einen Treueid leistet, in dem Ihr versprecht mir in jede weitere Schlacht zu folgen, so will ich Euren Bruder begnadigen."
„In jede weitere Schlacht?", fragte Robin monoton, während ihn innerlich schieres Entsetzten packte. „Aber ich dachte, dass wir kurz vor einem Friedensschluss mit den Sarazenen ständen."
„Im Moment ja, aber wer weiß schon was die Zukunft bringt. Außerdem wäre da immer noch das angespannte Verhältnis zwischen England und Frankreich. Es könnte jederzeit zu einem weiteren Krieg kommen. Also, seid Ihr bereit mir diesen Eid zu leisten?"
Robin schluckte schwer. Er hatte nie wieder in den Krieg ziehen wollen. Der Krieg hatte nichts Heroisches an sich. Er war ein dreckiges Geschäft, aber wenn das der einzige Weg war Guy zu retten, dann würde er ihn beschreiten.
„Das bin ich", brachte Robin, wenn auch mit hörbarer Verbitterung in der Stimme hervor.
„Dann sind wir uns einig", sagte König Richard und legte dem Verwundeten kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Sobald wir zurück in England sind, wird Euer Bruder ein freier Mann sein. Ihr habt mein Wort." Er nickte Robin zu, mit einem fürsorglich gemeintem Lächeln, drehte sich um und verlies das Zelt.
Sich in sein Schicksal ergebend, schloss der Hüter des Sherwood Forests mit einem kummervollen Gesichtsausdruck die Augen und betete innerlich darum, dass es zu keinen weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen kommen würde.
Wenig später betrat Guy, gefolgt von zwei Soldaten Robins Zelt. Seine Hände lagen in Ketten und er sah merkwürdig ungepflegt aus. Sein Haar war zerzaust, er war leichenblass, hatte dunkle Augenringe und wirkte irgendwie ausgemergelt, aber als er Robin ansichtig wurde, hellte sich seine düstere Mine sichtlich auf. Die Soldaten ergriffen ihn zu beiden Seiten am Arm und führten ihn ans Bett des Verwundeten. Dann traten sie einige Schritte zurück.
„Ich dachte schon du wärest womöglich tot. Niemand wollte mir sagen, wie es dir geht", brachte Guy mit rauer Stimme hervor und ging vor Robins Lagerstatt in die Knie. Er hob seine zusammengekettet Hände und wollte Robins Arm berühren, aber dieser wich vor ihm zurück. Er fixierte den Dunkelhaarigen streng, sagte aber kein Wort.
Guy biss die Zähne zusammen und lies schuldbewusst sein Haupt sinken. „Vergib mir", brachte er nach kurzem Zögern hervor. „Ich weiß, ich verdiene es nicht, aber..."
„Ganz Recht, du verdienst meine Vergebung nicht. Ich habe mit dem König gesprochen. Sobald wir zurück in England sind wirst du deine Freiheit erlangen. Bitte verhalte dich dieses mal wie ein Ehrenmann und richte nicht weiteres Unheil an, auch wenn es dir schwer fällt. Ich habe für dich gebürgt und musste dem König einen Schwur leisten ihm in jede weitere Schlacht zu folgen, lass mich dies nicht bereuen müssen", brachte er schwer atmend hervor. Er spürte beim Sprechen ein Ziehen etwas oberhalb der Hüfte, dort wo sich die lang gezogene Einstichwunde befand.
„Du willst in den Krieg ziehen?", fragte Guy anklagend. Mit rasselnden Ketten erhob er sich aus seiner devoten Position. „Warum? Was ist mit Locksley? Was ist mit den Menschen die dich brauchen?"
„Wenn es nach mir ginge, dann hätte ich Locksley niemals verlassen, aber du hast mir keine andere Wahl gelassen. Also wage nicht mich zu verurteilen. Wenn du noch einen Funken Ehre in deinem Leib besitzt, dann wirst du...", Robin zog scharf die Luft ein. Dieses Gespräch hatte ihn schon zu sehr beansprucht. Der klaffende, frisch vernähte Einschnitt brannte wie Feuer und der Schmerz schien sich in seinem ganzen Körper auszubreiten, bis hin in seine Wirbelsäule. Auf seiner Stirn hatte sich ein sichtbarer Schweißfilm gebildet.
Schuldbewusst versteifte sich Guys ganzer Körper und seine Fingernägel bohrten sich in seine Handflächen. Er hatte Robin nur beschützen wollen. Wie hätte er ahnen sollen, dass dieser ihm ins Heilige Land gefolgt war?
„Du wirst nach Hause zurückkehren. Nach Locksley. Du wirst deinen Streit mit meinem Vater begraben und für die Menschen dort sorgen", brachte Robin schwer atmend hervor. „Und sollte auch nur ein Wort an mein Ohr dringen, dass du irgendwem Kummer bereitet hast dann,...", mit einem gequälten Zischlaut zog Robin scharf die Luft zwischen seinen Zähnen ein. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und seine Stirn hatte sich in Falten gelegt. Er spürte wie seine Bauchdecke sich anspannte und das der Schmerz dadurch nur noch unerträglicher wurde. Er brauchte Schlaf und Ruhe, um zu genesen. Aber nicht bevor er dies mit Guy geklärt hatte.
„Das kannst du nicht von mir erwarten", brachte der Dunkelhaarige verbittert hervor. „Dein Vater hat meine Mutter..."
Unweigerlich fiel Robin ihm ins Wort. Es kam nicht in Frage das Guy ihr lang gehütetes
Geheimnis vor zwei Wachen des Königs ausplauderte: „Du hättest mich fast getötet und nun bin ich mein Leben lang an einen Treueid gebunden, der mir mit Sicherheit eines Tages das Leben kosten wird und das nur deinetwegen, also wage nicht mir zu widersprechen. Ich verlange nicht von dir, dass du meinem Vater vergibst. Ich werde dir sicherlich auch nicht so leicht vergeben können, aber beweis mir wenigstens das noch etwas Gutes in dir steckt."
Diese Worte waren für Guy wie ein Schlag ins Gesicht und Robin wusste es. Er liebte Guy, aber dennoch befand er sich jetzt nur wegen ihm in dieser Situation und somit war es wohl vollkommen gerechtfertigt sich seine Schuldgefühle zu Nutze zu machen.
„Du wirst mir vergeben", meinte der Dunkelhaarige auf einmal mit angespanntem Unterkiefer und reckte trotzig seinen Kopf empor. „Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann wirst du mir vergeben. Ich kann warten."
„Mit Sicherheit nicht, wenn du unfähig bist auch nur den kleinsten Funken Reue zu zeigen und mir diese Bitte abschlägst", zischte Robin wütend über Guys Hochmut und Uneinsichtigkeit.
„Du verlangst also von mir nach Locksley zurück zukehren und so zu tun als wäre nichts gewesen?"
„Ganz genau, dass verlange ich von dir. Solltest du dazu nicht bereit sein, dann besitz wenigstens den Anstand mir nie wieder unter die Augen zu treten. Das dürfte dir ja nicht all zu schwer fallen, denn immerhin war das nach deinem Auszug aus Locksley Manor auch dein eigener Wunsch gewesen", sagte Robin mit rauer, rasselnder Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war. Das Sprechen fiel ihm zunehmend schwerer. Guy war wieder vor ihm in die Knie gegangen und näher herangerückt, um seine Worte zu verstehen.
„Das war nie mein Wunsch", widersprach er.
„Aber natürlich nicht", brachte der Verwundete sarkastisch hervor. So leise, dass es wirklich nur der Dunkelhaarige vernehmen konnte. „Deswegen bist du mir auch Monate lang aus dem Weg gegangen, weil du einfach nicht ohne mich leben kannst. Mach dich nicht lächerlich. Wem von uns beiden versuchst du hier eigentlich etwas vorzumachen? Deine angebliche Liebe mir gegenüber entpuppt sich als kindischer Egoismus. Du bist einfach nur besitzergreifend, dass ist alles." Mit zittrigen Fingern griff er nach dem Lederband der Kette, die er um den Hals trug und all die Jahre nicht abgenommen hatte. Die Bewegung peinigte ihn. „Nimm sie zurück, ich will sie nicht mehr. Es ist eine einzige Lüge", brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, löste den Knoten der Kette unbeholfen und hielt sie mit bebender Hand Guy entgegen.
„Nein", knurrte dieser. „Du bist im Moment sauer auf mich. Das verstehe ich. Aber du wirfst bald einsehen…" Robin warf sie ihm ins Gesicht. Verdattert blickte Guy auf das Schmuckstück hinab, welches nun vor ihm am Boden lag und griff danach.
„Schafft mir diesen Mann aus den Augen, ich will ihn nicht mehr sehen!", brachte der Verwundete so laut wie möglich hervor, woraufhin die beiden Wachen sofort herbeieilten, um Guy von links und rechts zu packen. Dieser versuchte sich ihren Händen zu entwinden, aber vergebens.
„NEIN ROBIN! Nimm sie zurück!", er legte ihm die Kette eilig auf die Brust, aber dieser fegte sie mit einer schwachen Handbewegung von sich und wand sein Gesicht von Guy ab.
„Komm endlich elender Verräter, oder wir werden mit Freuden andere Seiten aufziehen", drohte ihm einer der beiden Wachen, aber Guy beachtete seine Worte gar nicht.
„Du hast gewonnen! Ich kehre mit dir nach Locksley Manor zurück und werde meine Streitigkeiten mit deinem Vater beilegen, nur nimm die…" Eine Faust in seiner Magengegend raubte ihm plötzlich die Luft zum Atmen.
„Ich habe dich gewarnt Freundchen", brachte einer der beiden Soldaten des Königs gehässig hervor. Gemeinsam zerrten sie den sich noch immer windenden Guy aus dem Zelt. Erst, als der Vorhang des Zeltes hinter ihnen zugefallen war, griff Robin nach der Kette und band sich diese wieder um den Hals. Er hatte nicht wirklich vorgehabt sie Guy zurückzugeben und ihn von sich zu stoßen. Es waren lediglich leere Drohungen gewesen, doch sie hatten ihren Zweck erfüllt. Zufrieden schloss Robin die Augen und versuchte den brennenden Schmerz der Wunde zu ignorieren.
Das nächste Mal sah er Guy, als sie das Schiff nach England bestiegen. Robin wartete zusammen mit seinen beiden Freunden Little John und Allan am Kai, um sicherzugehen, dass der Dunkelhaarige unversehrt an Bord gebracht wurde. Er selbst war zwar immer noch geschwächt und die frische Narbe zwickte gelegentlich, aber aus Erfahrung wusste er, dass sobald sie England erreicht hatten, er nichts mehr davon spüren würde.
Als Guy, der ungeduldig von vier Soldaten an Bord gezerrt wurde, beim Vorbeigehen Robin ansichtig wurde, wanderte sein Blick sofort zu seinem Hals. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, als er den silbernen Wolfsanhänger sah. „Ich wusste, dass du mir vergeben würdest."
So ein eingebildeter Lackaffe, dachte sich Robin, „Denk an dein Versprechen", knurrte er dem Dunkelhaarigen zu. Für mehr blieb auch keine Zeit, denn die vier Kreuzritter befahlen ihrem Gefangenen unweigerlich weiterzugehen.
Man sperrte Guy in die Brig, aber der König gestattete, dass Robin jederzeit nach ihm sehen durfte. Nachdem sich Little John und Allan bereits zur Ruhe gelegt hatten, suchte der Hüter des Sherwood Forests das Schiffsgefängnis auf. Oben an den Treppenstufen, die unters Deck führten, standen zwei Wachen. Einer der beiden, war der junge Mann mit den Segelohren, der am Abend nach der Schlacht einen Toast auf Robin ausgesprochen hatten.
„Robin of Locksley, Ihr wollt gewiss nach Eurem Bruder sehen", grüßte er ihn höflich, während er ihm mit einer leichten Verbeugung den Weg freigab. Auch der andere Wachmann nickte ehrfürchtig und trat zur Seite. „Zwei Wachen? Ist das wirklich notwendig. Ich meine so weit ich weiß liegt der Gefangene in Ketten und selbst, wenn er diese auf unerklärliche Weise sprengen sollte, so wären da immer noch die Gitterstäbe. Außerdem, wohin sollte er denn fliehen? Wir befinden uns auf einem Schiff", erkundigte sich Robin amüsiert, über diese übertriebenen Vorsichtsmaßnahmen.
„Es war eine Anordnung des Königs. Ich glaube er fürchtet um seine eigene Sicherheit. Es tut mir Leid."
„Das muss es nicht", beschwichtigte Robin den schuldbewusst dreinschauenden, jungen Mann. „Sir Guy hat sich das selber zuzuschreiben. Außerdem begnadigt ihn der König, sobald wir in England an Land gehen, was mehr als nur großzügig ist."
Er stieg die Treppen hinab zur Arrestzelle und sah den Dunkelhaarigen ans Gitter gelehnt, dort sitzen. Seine Augen leuchteten auf, als er erkannte, wer ihm dort einen Besuch abstattete.
„Robin."
„Guy", er nickte kurz und ging vor den Eisenstangen in die Hocke. „Du siehst furchtbar aus."
Der Dunkelhaarige grinste schief. „Dafür scheinst du dich sichtlich erholt zu haben."
„Das habe ich gewiss nicht dir zu verdanken", sagte Robin kühl und sein Blick wurde starr. Schuldbewusst senkte Guy sein Haupt.
„Glaubst du das würde ich mir selbst nicht jeden Tag vorwerfen? Wenn ich könnte, würde ich es ungeschehen machen, aber da das unmöglich ist, werde ich stattdessen alles dransetzen, um deine Gunst wiederzuerlangen", brachte er mit ernster Mine hervor und wendete sich wieder Robin zu.
„Also kehrst du nach Locksley Manor zurück?", fragte Robin, ohne irgendeine Gesichtsregung, die seine Emotionen verraten könnte.
„Wenn es das ist was du willst."
Robin nickte stumm, schob seinen Arm durch die Gitterstäbe und streichelte Guy über seine stoppelige Wange. Dieser schloss die Augen und schmiegte sein Gesicht, wie eine Katze an Robins Hand.
Jeden Tag besuchte er den Gefangenen unter Deck. Sie redeten nicht immer über zukunftsrelevante Themen. Manchmal unterhielten sie sich bloß über belanglose Nichtigkeiten, oder sie saßen einfach nur schweigend beisammen. Wenn sie in irgendwelchen Häfen einliefen, um das Schiff mit Proviant aufzustocken, dann brachte Robin ihm heimlich Delikatessen aus der jeweiligen Gegend mit, die sie gerade passierten.
Wäre der König erst 1194 zurückgekehrt, dann hätte Leopold von Österreich ihn gefangen genommen, aber dieses Mal wollte Fortuna, dass er England unbeschadet erreichte.
„Wisst ihr was ich gehört habe?", fragte Allan, kurz bevor sie von Bord gehen wollten.
„Nein, aber ich denke du wirst es uns ohnehin erzählen, ob wir es wissen wollen, oder nicht", meinte Little John mit einem resignierenden Seufzen.
„König Richard will sich mit seinem Bruder versöhnen und ihn für seine Verbrechen einfach so davonkommen lassen. Könnt ihr Euch das vorstellen? Das ist übrigens deine Schuld Robin. Er meinte, wenn du sogar deinem Adoptivbruder vergeben konntest, der dich beinahe ermordet hätte, was wäre er dann für ein christlicher König, wenn er noch nicht einmal seinem leiblichen Bruder seinen Fehltritt nachsehen würde. Könnt ihr Euch das vorstellen? Dieser Mistkerl kommt einfach ohne Weiteres davon!"
Wut machte sich in Robins innerem breit. Prinz John sollte für seine Verbrechen nicht bestraft werden? Nun gut, er war der Bruder des Königs, aber dass dieser sich Robin als Beispiel genommen hatte, war geradezu grotesk. Immerhin sah Robin in Guy noch nicht einmal einen Bruder. Das hatte er doch nur gesagt um das Leben seines Geliebten zu retten. Aber zugegeben, wäre es Archer gewesen, hätte er wohl ganz genauso gehandelt.
„Es steht uns wohl kaum zu das Urteil des Königs anzuzweifeln", meinte Robin daher, auch wenn es innerlich an ihm nagte. „Aber was soll mit dem Sheriff geschehen? Ihn wird er doch wohl nicht auch verschonen?"
„Nein, keine Sorge. Diesem Aasgeier wird der Prozess gemacht", beschwichtigte ihn Allan.
„Solange ihn die Nachricht das der König zurück ist nicht frühzeitig ereilt. Ansonsten ergreift er sicherlich die Flucht. Wir müssen uns Nottingham inkognito nähren, wenn wir das vermeiden wollen. Ich werde mit dem König reden und mit Guy."
„Mit Gisborne?", fragte Allan verwirrt, der nicht verstand welche Rolle dieser Verräter dabei noch spielen sollte.
„Er ist nun ein freier Mann. Daher ist es seine Entscheidung, ob er gegen den Sheriff aussagen möchte, oder nicht. Aber vielleicht kann ich ihn überzeugen, dass richtige zu tun", meinte Robin mit einem Schulterzucken.
„Wenn man vom Teufel spricht", murmelte Little John auf seinen Stock gestützt und fixierte mit hasserfüllten Blick den Dunkelhaarigen, der auf sie zukam. Vom vielen Sitzen in der Zelle waren seine Beine ganz steif. Er sah ungepflegt aus und Robin erkannte rote Striemen, als auch verkrustete Blutspuren an seinen Handgelenken, wo sich die Ketten befunden hatten. Mitleidig musterte er Guys geschundenen Körper. Am liebsten hätte er seine Handgelenke sanft geküsst, aber das war hier in der Öffentlichkeit und dazu noch vor seinen Freunden natürlich unmöglich. Guy beachtete Robins Kumpanen gar nicht, sondern nickte nur ihm zu, als wären die anderen beiden Männer Luft. „Guy, ich muss mit dir reden", meinte Robin mit ernster Mine und so geschah es dann auch.
In Nottingham Castle wurde gerade eine Ratssitzung abgehalten. Alle Gutsverwalter und wichtigen Persönlichkeiten der Umgebung waren geladen. Auch Malcolm und Sir Edward, sowie Lady Marian, waren anwesend. Auf geheimen Wegen schaffte es Robin den König und einige seiner Männer in die Burg zu schleusen. Sie trugen bäuerliche Umhänge, über ihren Gewändern und ihre Gesichter wurden von Kapuzen verdeckt. Das übrige Heer wartete am Rande der Wälder, in der Nähe von Nottingham Castle, bereit für einen Angriff sollten sie auf Widerstand stoßen.
Der Sheriff staunte nicht schlecht, als plötzlich die großen Flügeltüren aufschlugen und ein Trupp bewaffneter Männer eintrat. Auch die übrigen Adligen wandten sich teils verängstigt, teils besorgt zu den Eindringlingen um. „Was hat das zu bedeuten?", verlangte Vaisey zu erfahren und erhob sich von seinem Thron. „WACHEN!"
„Das würde ich an Eurer Stelle unterlassen", meinte der Vorderste dieser verhüllten Gestalten und schlug seine Kapuze zurück. Zum Vorschein kam das Antlitz von König Richard, mit der Krone auf dem Haupt. Die ärmliche Robe glitt an ihm herab und das Gewand der Kreuzritter wurde sichtbar. Seine Gefolgsleute folgten seinem Vorbild, woraufhin ein Murmeln durch die versammelte Menge ging.
„Es ist der König", flüsterte einer der älteren Earls ehrfürchtig und fiel auf die Knie.
„Es ist König Richard", hörte man es nun von mehreren Seiten erklingen, woraufhin sich die Adligen verbeugten und auch der Sheriff, welcher kreidebleich geworden war, senkte sein Haupt.
„Euer Hoheit. Ich wusste nicht das Ihr es seid. Vergebt mir mein ungebührliches Verhalten. Hätte ich gewusst das Ihr kommt, dann hätte ich Euch einen angemessenen Empfang bereitet", katzbuckelte er.
„Oh, das glaube ich Euch gerne. Ihr seid also Vaisey. Der Sheriff von Nottingham, den mein Bruder auf mich angesetzt hat?", fragte Richard distanziert.
„Auf Euch angesetzt? Ich verstehe nicht", versuchte sich der Sheriff herauszureden, erhob sich wieder aus seiner Verbeugung und sah sich hilfesuchend um.
„Ich glaube Ihr versteht sehr gut. Ihr habt einen gewissen Guy of Gisborne damit beauftragt Söldner zu rekrutieren, die mich ermorden sollten. Glücklicher Weise, wurde ich rechtzeitig gewarnt." Ein Tuscheln ging durch die Menge. Guy of Gisborne sollte ein Attentat auf den König verübt haben? Aber wie war das möglich. Laut dem Sheriff war er doch schwer erkrankt und durfte schon seit Monaten sein Zimmer in Nottingham Castle nicht verlassen. Der Arzt Pitts hatte täglich nach ihm gesehen. Die Menge hinter Richard teilte sich und gab dem Helden von Akkon den Weg frei.
„Robin!", erschall die Stimme seines Vaters. Bis eben hatte Malcolm, der eher im Hintergrund stand, noch sehr erleichtert ausgesehen. Endlich war der König zurück, das schien ein Geschenk des Himmels zu sein! Aber als er seines Sohnes ansichtig wurde befürchtete er, Robin könnte sich in noch größere Probleme hineingeritten haben. Was hatte sein Sohn dem König nur für eine furchtbare Geschichte aufgetischt? Wie wollte er seine Anschuldigungen beweisen, insbesondere wenn sich doch Guy die ganze Zeit über in Nottingham befunden hatte? Warum hatte er Ghislaines Sohn überhaupt da mit hineingezogen? Wollte er sich an ihm rächen, für das was in Locksley vorgefallen war?
„Wovon redet Ihr?", verlangte der Sheriff mit gespielter Empörung zu erfahren. Ihm quirlten fast die Augen aus den Höhlen, als er seinen verhassten Erzfeind erkannte. „Hat dieser Mann Euch das erzählt? Glaubt Ihm kein Wort. Er ist ein gesuchter Outlaw, der nicht nur einem Verurteilten zur Flucht verholfen hat, sondern auch die Steuern raubt, die Euren Heiligen Krieg finanzieren sollen."
„Haltet Ihr mich etwa für einen Narren? Glaubt Ihr man müsste mir nur irgendetwas von Verrat ins Ohr flüstern und ich würde sofort jedes Wort für bare Münze nehmen? Nein, keineswegs. Ich habe abgewartet, um zu sehen ob dieser geplante Komplott wirklich existiert und siehe da, es ist genauso eingetroffen wie Robin of Locksley es prophezeit hat. Darüber hinaus verdanke ich ihm mein Leben! Er ist ein ehrenhafter Mann und ein unerschrockener Krieger. Ihm gebührt all mein Respekt und ich habe ihn längst von jedweder Anschuldigung freigesprochen. Auch die übrigen seiner Anhänger und diejenigen, welche zu unrecht, als Outlaws gebrandmarkt wurden, sollen begnadigt werden und ihr Eigentum zurückerhalten."
Manche der Adligen schauten recht verstimmt drein, da ihnen nun klar wurde, dass ihre Willkürherrschaft ein Ende hatte, aber die meisten atmeten erleichtert auf.
„Alles Lügen, nichts als Lügen. Wahrscheinlich hat er diesen Komplott selbst geplant, um dann als Retter da zu stehen und Eurer Vertrauen zu gewinnen. Diesem Schurken würde ich alles zutrauen", behauptete der Sheriff und erhob sich mit gerecktem Kinn zu seiner vollen Größe, die nur leider nicht sehr eindrucksvoll war.
Richard lächelte leicht amüsiert über diese Ausflüchte und befahl seinen Soldaten: „Gebt Guy of Gisborne den Weg frei!"
Nun wurde das Raunen der versammelten Adligen noch lauter, als sie Guy of Gisborne sahen, der nun neben Robin trat.
Malcolm schüttelte ungläubig den Kopf. Das durfte doch nicht wahr sein! Guy ein Verräter? Ghislaine würde sich im Grab umdrehen! Nun wurde ihm auch einiges klar, zum Beispiel warum Guy selbst seine eigene Schwester nicht mehr hatte sehen wollen. Isabella hatte sich so sehr um ihren angeblich kranken Bruder gesorgt und regelrecht getobt, als man sie nicht zu ihm lassen wollte. Auch Archer hatte sein Glück versucht, wurde aber ebenfalls fortgeschickt. Er verübelte Guy zwar immer noch, wie er mit Robin umgesprungen war und auch seine anderen Gräueltaten, aber schließlich war er nichtsdestotrotz sein Bruder! Sogar sein leiblicher Bruder, wie er vor einigen Monaten von Isabella erfahren hatte. Er wollte nicht, dass er an irgendeiner furchtbaren Krankheit dahinschied. Selbst Malcolm hatte sich furchtbar um ihn gesorgt, denn auch wenn Guy ihm stets feindselig gegenüber gestanden hatte, so war er mittlerweile dennoch wie ein Sohn für ihn. Aber er wusste, das der Gisbornespross ihn nicht sehen wollte. Erst recht nicht, wenn er sogar seine eigene Schwester und seinen Bruder davonjagen lies.
Aber nun bekam die ganze Geschichte eine neue Wendung. Guy war überhaupt nicht schwer krank gewesen, geschweige denn in Nottingham Castle. Er war ins Heilige Land aufgebrochen und hatte versucht den König zu ermorden!
„Sag mir, Guy of Gisborne: Ist dieser Mann derjenige der dich beauftragt hat mich zu töten?"
Selbst dem Sheriff fehlten die Worte, als er seien Handlanger erblickte. Guy musterte ihn kühl. Seine Loyalität galt Robin und nur Robin. Außerdem war Vaisey ihm nun nicht mehr von Nutzen. Davon mal abgesehen, wer er seine ständigen Beschimpfungen ohnehin Leid gewesen.
„Ja Euer Hoheit, das ist er."
Der Sheriff kochte vor Wut. „Das ist nicht wahr! Diese Männer haben sich gegen mich verschworen! Wisst Ihr das dieser Guy of Gisborne der Adoptivbruder dieses Outlaws ist? Er hat ihn gewiss überredet, bei dieser verdammten Franse mitzuspielen!", schnarrte er.
Bemerkungen wie: „Ich habe dem Sheriff nie vertraut", oder „ich habe immer gewusst das es mit diesem Gisborne kein gutes Ende nimmt", wurden zwischen den Adligen laut.
„Nehmt diesen Mann fest", befahl König Richard seinen Soldaten und wies auf den Sheriff. „Jeder in diesem Raum, der bereit ist eine Aussage über die Verbrechen dieses Mannes zu machen, kommt nun bitte zu mir."
Das Gedränge war groß. Jeder wollte irgendwelche Klagen über Vaisey loswerden. Sogar diejenigen, welche ihm treu gedient hatten, da sie befürchteten andernfalls ebenfalls des Verrates bezichtigt zu werden.
„LASST MICH LOS! GISBORNE, DAS SCHWÖRE ICH EUCH: DAS WIRD EIN NACHSPIEL HABEN", tobte der Sheriff, als mehrere Kreuzritter ihn packten und hinter sich herzerrten.
In all diesem Gedränge und Stimmgewirr ergriffen Robins, zusammen mit Guy unauffällig die Flucht. Sie hatten ihre Aufgabe erfüllt.
Als sie wenig später vor Locksley Manor standen, bemerkte Robin wie Guy mit sich selbst rang. Er sah so aus, als wollte er jeden Moment Reißaus nehmen. Unauffällig ergriff Robin seine Hand und drückte sie kurz beruhigend. Der Dunkelhaarige sah überrascht auf ihre Hände hinab und dann in Robins Gesicht, der ihm mit einem Augenzwinkern zulächelte. Dann lies er Guys Hand wieder los und klopfte an die Tür.
Thornton öffnete ihnen und staunte nicht schlecht, als er die beiden Männer vorm Eingang stehen sah. „Sir Robin, Sir Guy? Aber wie...?", brachte er stockend hervor.
„Der König ist aus dem Heiligen Land zurück. Keine Sorge Thornton, du kannst mich ruhig ins Haus lassen. Ich wurde von jeglichem Verbrechen freigesprochen", verkündete er mit einem Grinsen.
Plötzlich strahlte der alte Mann und sah so aus, als wolle er Robin zur Begrüßung am liebsten umarmen, aber dann haderte er mit sich selbst. Immerhin war er nur ein Diener und Robin sein Herr. Stattdessen verbeugte er sich und meinte aufrichtig erfreut: „Willkommen zurück Sir."
Doch Robin schritt mit einem breiten Lächeln auf ihn zu und schloss ihn in eine stürmische Umarmung.
Guy beobachtete dies alles nur kopfschüttelnd. Das war typisch Robin. Er hatte noch nie auf irgendwelche Etikette, oder ständischen Unterschiede geachtet. „Thornton", grüßte er den alten Mann hingegen nur mit einem leichten Kopfnicken, nachdem Robin ihn wieder losgelassen hatte. „Sir Guy, willkommen daheim", entgegnete dieser ehrerbietig.
„Soll ich dafür sorgen, dass Ihnen ein Bad eingelassen wird?"
„Zuerst einmal würde ich gerne meine Geschwister begrüßen. Wo sind sie?", fragte Robin aufgeregt.
„Natürlich Sir. Sie sitzen in der großen Halle am Esstisch."
„Mir können sie schon mal ein Bad einlassen und legen sie mir frische Kleider raus", meinte Guy, ohne den Diener noch eines weiteres Blickes zu würdigen.
„Selbstverständlich Master."
Gemeinsam betraten Robin und Guy die große Halle. Isabella, ließ erschrocken ihren Löffel in die Suppe fallen und auch Archer starrte sie mit offenem Mund an.
„Sieh doch nur Guy, wir kommen genau richtig zum Essen", feixte Robin und setzte sich wie selbstverständlich zu den anderen an den Tisch. Guy grinste nur schief und tat es ihm gleich.
Archer war der erste, der seine Sprache wieder fand. „Was zum Teufel...?" Gut zugegeben, das war kein vollständiger Satz und er war auch nicht sehr geistreich, aber Archer wusste wirklich nicht was er davon halten sollte. Da saßen plötzlich seine beiden Brüder, als wäre nie etwas gewesen. Gut, sie sahen beide etwas mitgenommen aus und brauchten offensichtlich ein Bad, aber Archer hatte Guy für sterbenskrank gehalten. Wie es Robin ging, wusste niemand. Seit seinem Ausbruch aus dem Kerker war er einfach verschwunden. Manche hatten sogar gemunkelt er wäre tot, aber Archer hatte das nicht glauben wollen. Und nun saßen die beiden hier, ohne irgendeine Erklärung am Esstisch und Robin schöpfte sich etwas von der Suppe auf den Teller, welcher eigentlich für Malcolm gedacht war.
„Das ist ja nichts als Wasser mit ein paar vereinzelten Kräutern", stellte Robin überrascht fest. „Gibt es sonst nichts zu Essen?"
Guy lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schenkte ihm ein schiefes Grinsen.
„Es gibt kaum noch Wild in den Wäldern und wir haben so gut wie kein Geld mehr, um uns mit Nahrung zu versorgen. Aber hast du sonst nichts zu sagen?", empörte sich Archer. „Wir haben uns um euch gesorgt! Wo warst du Robin? Und warum hast du uns nicht sehen wollen Guy? Ich weiß das du dich mit Malcolm entzweit hast, aber Isabella und ich hatten nichts damit zu tun."
„Ich war im Heiligen Land, um den König vor einem Attentat zu bewahren. Guy war ebenfalls dort. Die Geschichte über seine angebliche Erkrankung, diente lediglich als Tarnung. Da er das ganze Jahr über fort war, konnte er euch gar nicht empfangen", meinte Robin und kostete etwas von der Suppe. Er verzog angewidert das Gesicht. „Das schmeckt ja scheußlich. Guy, möchtest du vielleicht meinen Rest haben?"
Der Dunkelhaarige zog nur spöttisch eine Augenbraue empor, sagte aber nichts.
„Soll das ein Scherz sein, oder ist das dein Ernst?", fragte Archer mit gewölbter Stirn.
„Nein keineswegs, die Suppe schmeckt wirklich scheußlich. Wieso, hast du sie gekocht Archer?", neckte Robin ihn.
„Du weißt, das ich nicht die Suppe meine."
„Es ist sein voller Ernst", bestätigte Guy seine Geschichte. „Er wollte den König retten, ich wollte ihn erschlagen. Wir wurden beide begnadigt. Ende der Geschichte. Der König befindet sich im Moment in Nottingham, um dort für Ordnung zu sorgen."
„Ja, aber Guy und ich dachten uns, dass es viel netter wäre nach so langer Zeit mal zu Hause vorbeizuschauen. Außerdem hält Little John meine Stellung."
„Ist das einer deiner Outlaw-Freunde?", fragte nun Isabella etwas steif.
„Outlaw? Keineswegs. Auch er wurde begnadigt und soll für seine Verdienste angemessen entlohnt werden. Das gilt auch für meine übrige Bande. Als wir von Bord gingen, habe ich Allan losgeschickt, um sie zu benachrichtigen." Vielleicht könnte Little John dann auch endlich zu seiner Familie zurückkehren, wenn diese überhaupt noch gewillt war ihn bei sich aufzunehmen. Aber Robin hatte ihn gewarnt, dass es keine gute Idee sei sich weiterhin tot zu stellen. Doch er hoffte inständig für seinen Freund, dass es dieses Mal ein glückliches Ende für ihn geben würde. „Ich muss auch unbedingt die Familie Scarlett benachrichtigen, dass sie nun nach Locksley zurückkehren können."
„Sie benachrichtigen? Aber du hast doch behauptet du wüsstest nicht wo sie sind?", brachte Guy mit einem missbilligenden Schnauben hervor, aber seine Mundwinkel zuckten leicht. Er hatte die ganze Zeit über geahnt, das Robin gelogen hatte.
„Habe ich das?", fragte Robin scheinheilig und lenkte plötzlich vom Thema ab. „Was hältst du davon Archer, wenn wir zusammen im Wald jagen gehen? Ich will meine Freunde dort besuchen und Allan sagen, was in Nottingham geschehen ist. Außerdem brauchen wir etwas Anständiges zum Essen", meinte er.
„Du willst mir das geheime Kamp von Robin Hoods Outlaws zeigen?", fragte seine Bruder sichtlich begeistert. Aller Ärger war vergessen. „Warum nicht?", erwiderte Robin mit einem Schulterzucken. Die Zeit des Versteckens war ohnehin nun vorbei. Sie waren alle freie Männer. „Kommst du auch mit Guy?", fragte Robin.
„Mit Sicherheit nicht. Bei unserer letzten Begegnung haben deine Freunde mich geknebelt und gefesselt. Ich kann gut auf eine Wiederholung verzichten. Außerdem lässt Thornton mir bereits ein Bad ein."
„MASTER ROBIN?", erklang auf einmal Muchs Stimme. Er kam gerade aus der Küche und hielt eine Tonkanne voll Wasser in der Hand, die scheppernd zu Boden fiel und in unzählige Teile zersprang.
„Kannst du nicht aufpassen, du Tölpel", schallt Guy ihn. Aber Robin sprang erfreut von seinem Platz auf und schloss seinen Diener in eine kurze, kraftvolle Umarmung, wie noch vor wenigen Minuten, den Diener Thornton. „Es freut mich dich wohl auf zu sehen Much! Du musst mir unbedingt erzählen, was alles geschehen ist während ich fort war! Magst du meinen Bruder und mich auf die Jagd begleiten."
Verdattert starrte der Diener ihn an, als wäre Robin ein Geist. „Master Robin", brachte er ein weiteres Mal voll Erstaunen hervor.
„Du wiederholst dich. Aber einen größeren Wortschatz kann man einem Bauerntölpel auch nicht zumuten", stichelte Guy, der in Much noch immer eine Konkurrenz sah, auch wenn er wusste, dass das kindisch und lächerlich war. Robin hatte ihm erklärt, dass der Diener lediglich wie ein Bruder für ihn war und es keinen Grund zur Eifersucht gab. Dies war eines der vielen Themen gewesen, über die sie auf ihrer Überfahrt gesprochen hatten, als Robin ihm in der Brig Gesellschaft geleistet hatte.
„Hey! Wieso bekommt er eine Umarmung und wir nicht? Wir sind schließlich deine Geschwister", beschwerte sich Archer. Robin lachte daraufhin und streckte zu beiden Seiten einladend seine Arme aus.
„Nein vergiss es. Jetzt ist es dafür zu spät", meinte Archer gespielt gekränkt, woraufhin ihn Robin in den Schwitzkasten nahm und sein Haar zerzauste. Lachend versuchte sich sein jüngerer Bruder, aus seinem Griff zu befreien. Robin zwinkerte Isabella verschwörerisch zu und diese lächelte nur mit einem leichten Kopfschütteln. Es tat gut, das wieder alles so war wie früher. Auch Guy sah sehr zufrieden aus, während er Robin und seinen kleinen Bruder dabei beobachtete, wie sie miteinander kabbelten, als wären sie noch Kinder.
Zu dem Zeitpunkt da Malcolm nach Hause zurückkehrte, waren Robin, Archer und Much noch auf der Jagd, aber die Geschwister Gisborne saßen vor dem Kamin. Der Herr des Hauses setzte sich schweigend zu ihnen und musterte den Dunkelhaarigen. „Wo ist Robin?", erkundigte er sich schließlich.
„Auf der Jagd, zusammen mit Archer und Much. Sie müssten bald zurück sein", meinte Isabella, während sie das Loch in einer von Archers Hosen stopfte. Eigentlich war das Aufgabe der Diener, aber sie hatte gerne eine Beschäftigung.
„Und du gedenkst nun hier zu bleiben?", fragte Malcolm an Guy gewandt.
„Das war Robins Entscheidung. Wenn Ihr Einwände habt, werde ich gehen", antwortete der Gisbornespross mit herausforderndem Gesichtsausdruck. Malcolm schüttelte nur müde den Kopf. „Nein. Nein, ich bin froh, dass ihr beide wieder daheim seid." Zum ersten Mal merkte man ihm sein Alter wirklich an. Malcolms Gesicht war von kleinen Falten gezeichnet und die Aufregung der letzten zwei Jahre, hatten sein Haar an vielen Stellen ergrauen lassen. Außerdem sah er sehr erschöpft aus.
Zum ersten Mal sah der Gisbornenachkomme die Parallelen zwischen ihnen. Dieser Mistkerl hatte seine Mutter verführt! Aber hatte er selbst nicht auch in gewisser Weise Robin verführt? Malcolm hatte Ghislaine getötet, wenn auch nicht beabsichtigt. Guy hätte beinahe seinem Sohn das Leben genommen und konnte nun erahnen, wie sich Malcolm fühlen musste. Diese vier Tage der Ungewissheit in Akkon, als niemand ihm sagen wollte wie es Robin ging, oder ob er überhaupt noch lebte, waren die Hölle auf Erden für Guy gewesen. Dennoch konnte er Malcolm nicht vergeben, aber er würde sich Robin zu Liebe darum bemühen mit ihm besser auszukommen.
„Ich kann nicht behaupten, dass ich mit eurer Beziehung auf einmal einverstanden wäre. Ich will gar nicht wissen, was da oben hinter verschlossenen Türen vor sich geht, aber ich weiß das ich Robin endgültig verlieren würde, wenn ich dich ein weiteres Mal von hier fortschicken würde und im Endeffekt hat es uns beim letzten Mal allen nur Kummer bereitet. Du kannst ein sehr grausamer Mann sein Guy und hast dir in deiner Zeit als Handlanger des Sheriffs einiges zu Schulden kommen lassen. Es wird dauern, bis deine Mitmenschen dir vergeben, aber auch ich habe in meinem Leben viele Fehler begannen, die deinen in nichts nachstehen. Außerdem bist du Ghislaines Sohn, selbst wenn du ihr charakterlich nicht sehr ähnlich bist und daher will ich das wir wenigstens versuchen miteinander auszukommen."
Guys Lippen kräuselten sich leicht zu einem überheblichen Lächeln, aber er sagte nichts. Malcolm musterte ihn eindringlich. Manchmal verstand er einfach nicht was in diesem Mann vor sich ging. Hegte er wirklich Gefühle für seinen Sohn, oder wollte er sich nur an ihm rächen? Doch als Robin plötzlich zur Tür hereinkam, seine Jagdbeute über der Schulter und mit einem breiten Grinsen im Gesicht, da wurde Guys eben noch kühles Lächeln auf einmal beinahe zärtlich.
„Und, was sagt ihr?", meinte Robin stolz.
Als sie diesen Abend gemeinsam auf ihr Zimmer verschwanden, war Guy beinahe so aufgeregt, wie bei ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Er befürchtete das Robin vielleicht seine Berührungen als unangenehm empfinden könnte. Das er ihn an jene furchtbare Nacht in Akkon erinnerte. Doch stattdessen schlenderte der geübte Bogenschütze ganz selbstverständlich auf Guys Bett am Fenster zu, ließ sich darauf niederfallen und klopfte neben sich aufs freie Laken, als wäre Guy ein Hund, den er erfordern wollte aufs Bett zu springen. Guy zog sich zuerst sein Schuhwerk aus, bevor er Robins einladender Geste folgte und zu ihm aufs Bett kroch. Vorsichtig schob er Robins Hemd nach oben und berührte federleicht die frische Narbe. „Vergib mir", brachte der Dunkelhaarige hervor, glitt an ihm herab und legte seine Lippen auf die Wunde, die er seinem Geliebten zugefügt hatte.
„Ja, ja, das sagtest du bereits", äußerte sich Robin mit einem theatralischen Stöhnen. Dabei rekelte er sich so, dass sie wieder auf einer Augenhöhe waren und griff nach Guys Handgelenken. Behutsam küsste er die Striemen. „Wenn du dich angemessen entschuldigen möchtest, dann werde deine Kleidung schnell los und lass mich dich ficken."
„Tse, solche Ausdrucksweisen bin ich ja gar nicht von dir gewohnt."
„Und ich nicht das du so geschwätzig bist. Na los, mach schon."
„Kommandier mich nicht herum", sagte Guy mit einem bedrohlichen Unterton in der Stimme. „Außerdem hatten wir abgemacht keine Stiefel in meinem Bett." Dabei sah er mit gerümpfter Nase auf Robins dreckiges Schuhwerk.
„Sonst was?", spottete der Blondbrünette. „Ich dachte du wolltest dich bei mit entschuldigen."
Guy schnaubte verächtlich, befolgte aber die Anweisung seines Gegenübers und entledigte sich seiner Kleidung. Robin lehnte sich in die Kissen zurück und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Mit einem anzüglichen Grinsen, genoss er den Anblick, der sich ihm bot. Guy saß auf der Bettkante und war gerade dabei sich sein Hemd über den Kopf zu ziehen. In dem Moment wo er sich schließlich auch des letzten Kleidungsstückes entledigt hatte, legte Robin auf einmal seine Füße auf Guys Schoss.
„Du überspannst dein Glück", knurrte der Dunkelhaarige.
„Du warst es doch der gesagt hat, keine Stiefel im Bett."
Guy griff ruckartig nach seinen Füßen, so dass Robin ein Stück nach vorne rutschte und befreite ihn aus seinen Stiefeln, die er rücksichtslos in irgendeine Ecke warf.
„Und jetzt befrei mich aus dieser lästigen Hose", befahl ihm der Locksleyspross.
„Wer bin ich? Dein Kammerdiener? Ich werde dich gleich übers Knie legen, wenn du weiter so überheblich bist", murrte der Gisbornenachkomme.
„Wag es dich und du bist nachher derjenige der übers Knie gelegt wird. Außerdem willst du mich doch auch aus diesen überflüssigen Kleidern raus haben, oder etwa nicht?", gurrte Robin und schenkte ihm diesen unwiderstehlichen Schlafzimmerblick.
Guys linker Mundwinkel zuckte leicht in die Höhe. Er zog Robin sowohl Hose, als auch Hemd aus und musterte seinen entblößten Körper.
„Und, gefällt dir was du siehst?", fragte Robin, wobei er leicht mit den Augenbrauen wackelte.
„Oh, du weißt das du unwiderstehlich bist Hood."
„Hood? Wirklich Guy?", lachte Robin und zog seinen Geliebten zu sich hinab. „Küss mich", flüsterte er ihm ins Ohr. Guy wollte seine Lippen auf die von Robin legen, aber dieser drückte seinen Kopf nach unten.
„Nein, tiefer", hauchte er. Er schob Guy an sich hinab, bis dieser auf Augenhöhe mit seiner Lendengegend war.
„Du willst das ich deinen Schwanz küsse?"
„Genau das will ich. Na los, mach schon."
Nach kurzem Zögern, tat Guy wie ihm geheißen und küsste sanft Robins Eichel. Diese reckte sich ihm auf einmal entgegen und auch Robins Becken hob sich, aber Guy packte ihn an den Hüften und drückte ihn zurück aufs Bett.
„Das gefällt dir. Hm?", plänkelte er mit ihm.
„Mach das noch mal", stöhnte Robin. Wiederum küsste Guy sein Geschlechtsorgan.
„Und jetzt, nimm es in den Mund."
„Ich habe so langsam das Gefühl, als würdest du mich gerne herumbefehlen", schnarrte Guy.
„Als ob du nicht darauf stehen würdest. Ich habe seit meiner Kindheit nichts anderes getan. Los, mach schon."
„Du hast Recht. Vielleicht sollte ich langsam mal den Spieß umdrehen und die Kontrolle übernehmen", brummte der Dunkelhaarige.
„Komm schon Guy, stell dich nicht so an. Spiel mit mir", meinte Robin mit einem feixenden Grinsen. „Als Kind hast du immer gerne mit mir gespielt und meine Befehle befolgt."
„Aber wir sind keine Kinder mehr Robin."
„Das mag schon sein, aber du willst mich doch noch genauso sehr wie damals, als du mich das erste Mal im Schwertkampf geschlagen hast. Weist du noch? Du hast auf meinem Bauch gesessen und meine Arme auf den Boden gedrückt. Gib zu, du hast dir damals nichts sehnlicher gewünscht, als mich unziemlich zu berühren. Ich wette du hättest damals alles dafür gegeben, um an meinen Schwanz zu lutschen."
„Gott Robin, ich war noch ein Kind. Ich wurde mir gerade erst meiner Gefühle für dich bewusst. Ich habe gewiss nicht an derlei Dinge gedacht", rechtfertigte sich Guy.
Robin setzte sich auf. „Wenn du nicht willst, brauchst du es nur zu sagen. Dann schlafe ich in meinem eigenen Bett."
„Elender Mistkerl", knurrte der Dunkelhaarige, vergrub sein Gesicht jedoch zwischen Robins Beinen und nahm seine Männlichkeit in den Mund.
„So ist brav", säuselte Robin und streichelte ihm durchs seidenweiche Haar. „Das machst du sehr gut."
Es kostete Robin alle Mühe, nicht einfach Guys Kopf zu packen und rücksichtslos sein Glied noch tiefer in seinen Rachen zu schieben. Diese verlockende Wärme, die seine Männlichkeit einhüllte, Guys geschickte Zunge, die sein Geschlechtsorgan umschmeichelte und diese sinnlichen Lippen die sein Glied umschlossen hielten, jagten angenehme Schauer durch Robins Körper. Guys Bartstoppeln kratzten an seinen Schenkeln, während seine eisblauen Augen zu ihm aufblickten. „Du bist so unglaublich schön", stöhnte Robin. Er spürte wie sich seine Männlichkeit immer weiter aufbäumte und das er kurz vorm Kommen war. „Hör auf Guy! Das reicht." Er schob Guys Kopf ruckartig von sich. Dieser sah ihn verwirrt und auch etwas gekränkt an.
„Habe ich irgendetwas falsch gemacht?"
„Nein, du warst wunderbar", schmeichelte ihm Robin und strich ihm sanft mit dem Daumen über die geschwollenen Lippen.
„Aber heute will ich nicht in deinem Mund kommen." Er ließ von Guys Lippen ab und streichelte nun in leichten Rundbewegungen, vielsagend über die Rosette seines Geliebten. „Das würde dir doch sicherlich gefallen, oder? Von mir gefüllt zu werden. Ich wette du fühlst dich im Moment unglaublich leer. Lass mich dir Abhilfe schaffen." Er drang mit seinem Zeige- und Mittelfinger vorsichtig in Guys Rektum ein. Dieser schnappte scharf nach Luft.
„Komm setz dich auf meinen Schoß und leg deine Arme um meinen Hals. Sieh mich nicht so an. Glaub mir, es wird dir gefallen", flüsterte Robin ihm zu.
Unsicher rückte Guy näher an ihn heran und setzte sich peinlich berührt in Robins Schoß. Er kniete mit den Beinen links und rechts von ihm. Befangen legte er seine Arme um Robins Nacken. Dieser drang mit seinen Fingern nun noch tiefer in Guys After vor, so das dieser sich kurz versteifte und seine Fingernägel in Robins Rücken krallte. Mit der freien Hand massierte ihm Robin besänftigend den Nacken.
„Scht, gleich wird es besser", säuselte der talentierte Bogenschütze und begann seine Finger in Guy zu bewegen. Anfangs verkrampfte sich der Dunkelhaarige noch und schloss gequält die Augen, doch als Robins Finger Druck auf seine Prostata ausübten, wurde er gefügiger. Er hob und senkte seine Hüften. Ritt sich selbst auf Robins Fingern seinem Höhepunkt entgegen. Sein erregtes Glied war zwischen den beiden Körper eingequetscht und rieb sich an dem Bauch seines Gegenübers. Der Lockslenachkomme zog seine Finger aus Guys Körper heraus, woraufhin dieser ein leises Wimmern von sich gab.
„Keine Sorge, ich habe etwas wesentlich Besseres für dich." Er ersetzte seine Finger, durch sein pulsierendes Geschlechtsorgan, welches quälend langsam in Guy eindrang.
„Robin", stöhnte der Dunkelhaarige mit rauer Stimme. Sein Körper glühte regelrecht vor Verlangen. Er vergrub sein Gesicht in Robins Haar, atmete diesen vertrauten Geruch ein und presste seinen Geliebten feste an seine Brust. Schließlich war Robins Glied bis zum Ansatz gänzlich in Guys Leib verschwunden. Doch Robin bewegte sich nicht.
„Mach schon Guy. Du bist dran", trällerte er ihm ins Ohr, als würden sie Fangen spielen. Dessen Mundwinkel kräuselten sich zu einem Lächeln und er fing an seine Hüften rhythmisch auf und ab zu bewegen. Er zog seinen Kopf aus Robins struppigem Haar zurück, um seinem Gegenüber in die Augen zu sehen. Robins Mund stand leicht offen, auf seinen Wangen lag eine schwache Röte. Seine Augen waren lustverschleiert.
„Hab dich", raunte er Robin zu, als er spürte wie sich dieser in ihm ergoss.
„Ja, du hast mich", pflichtete dieser ihm mit einem seligen Lächeln bei. Guy kam nur kurz darauf.
Wenig später lag Robin vollkommen ausgelaugt auf seinem Rücken, während Guy schmetterlingshafte Küsse auf seinem Körper verteilte. Er rekelte sich unter ihm wie eine zufriedene Katze. „Gleich bin ich dran", warnte ihn der Dunkelhaarige schon einmal vor.
„Du bist wohl unersättlich, hm? Sag, muss ich mich dafür bewegen, oder darf ich einfach liegen bleiben, während du mich nimmst?"
„Faulpelz", titulierte Guy ihn liebevoll. „Sag mal, glaubst du eigentlich immer noch an den Quatsch, mit dem zweiten Leben und so?"
„Wie kommst du jetzt darauf?"
„Einfach so", sagte Guy und biss ihm leicht in die Halsbeuge.
„Guy! Du weißt doch: Nicht da wo man es sehen kann", rügte Robin ihn halbherzig, denn eigentlich mochte er es von Guys Liebesbissen übersät zu sein. „Und ja, ich glaube immer noch daran. Es ist doch auch alles so eingetroffen wie ich es gesagt habe, oder?"
„Nur der Teil mit den als Sarazenen verkleideten Attentätern. Aber das könnte auch Zufall sein", behauptete Guy.
„Denkst du immer noch ich bin verrückt?", fragte Robin anklagend.
„Ich bin mir nicht sicher, aber selbst wenn, es würde mich nicht stören. Du bist Robin. Das ist das einzige was zählt", meinte der Dunkelhaarige. Sein Geliebter gab sich mit dieser Antwort zufrieden.
Die folgenden zwei Jahre vergingen wie im Flug. Sie waren wieder eine Familie, auch wenn es Archer und Malcolm manchmal schwer fiel, mit der Beziehung zwischen Guy und Robin zurechtzukommen. Insbesondere, als Archer einmal morgens an ihre Zimmertür klopfen wollte, um sie zum Essen zu rufen und von drinnen eindeutig ein Stöhnen vernahm. Nein, kein Schatz-zieh-doch-bitte-die-dreckigen-Schuhe-aus-Stöhnen, sondern ein erregter Lustlaut, der Archer vor Schreck erstarren lies. Die Dienerschaft schien jedoch von ihrem Verhältnis nichts mitzubekommen, oder sie stellten sich einfach nur aus Rücksichtnahme und Liebe zu ihrem Goldjungen, taub und blind. Auch Robins ehemalige Outlaw-Freunde gingen bei ihnen täglich ein und aus. Archer hatte das Gefühl, dass jedes Mal wenn dieser Allan, oder sein Bruder zu Besuch kamen, irgendetwas vom Silberbesteck hinterher fehlte. Als er versuchte Robin darauf aufmerksam zu machen, hatte dieser nur gelacht und gemeint: „Keine Sorge, ich weiß wo die beiden ihre Beute versteckt halten, aber lass ihnen doch den Spaß. Bei Gelegenheit hol ich es mir zurück." Das tat Robin dann auch. Es schien irgendwie ein Spiel zwischen den Männern zu sein. Offensichtlich wollten Allan und Tom ihr Können auf diese Weise unter Beweis stellen. Archer zweifelte indessen langsam an der angeblichen Unschuld der beiden ehemaligen Outlaws. In ihrem Fall hatte der Sheriff gewiss gute Gründe gehabt sie aus der Gesellschaft auszustoßen. Aber mit der Zeit gewöhnte Archer sich an die beiden und konnte schließlich auch Robins Zuneigung zu ihnen nachempfinden. Besonders nach all den Geschichten, die sein Bruder über sie erzählt hatten. Archer lauschte gerne, wenn Robin von seinen Abenteuern als Outlaw berichtete, während Guy nur meist die Nase rümpfte. Er kam in den Erzählungen selten gut weg.
Als sie schließlich ein Bote Richards erreichte, der von einem geplanten Kriegszug gegen Phillip August II. von Frankreich berichtete und Robin an seine Treueschwur erinnerte, da blieb diesem nichts anderes übrig, als dem Ruf des Königs Folge zu leisten.
Guy wollte ihn begleiten, aber Robin untersagte es ihm: „Wir hatten eine Abmachung getroffen. Du kümmerst dich um Locksley, während ich fort bin. Mein Vater ist krank und alt. Du kannst ihm nicht alleine die Verantwortung überlassen, also komm gefälligst deinen Verpflichtungen nach! Und nun gib mir einen Kuss, damit ich weiß wofür es sich lohnt lebend nach Hause zurückzukehren."
Guy zog daraufhin spöttisch einen Mundwinkel an. Robins Worte hatten streng geklungen, aber der neckische Unterton war ihm nicht entgangen. Er zog den blondbrünetten Mann näher zu sich heran und presste seine Lippen, auf die von Robin.
„Ich bringe dir ein schönes Souvenir von meiner Reisen mit", meinte dieser, als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten.
„Behandle mich nicht so, als wäre ich dein Eheweib, das daheim bleibt um die Kinder zu hüten", grollte Guy.
„Das bist du nicht?", fragte Robin gespielt überrascht, woraufhin er sich einen mörderischen Blick von Guy einfing.
„Na gut, na gut, das nehme ich zurück", meinte er mit einem Grinsen und nährte sich der Tür. „Bis bald holde Maid", verabschiedete er sich mit einem verschmitzten Lächeln und einer übertriebenen Verbeugung, wobei er nur noch gerade so einem fliegenden Weinkelch ausweichen konnte. Eilig schloss er die Tür hinter sich.
Er hörte nicht mehr Guys leise gemurmeltes: „Komm heil zurück."
Noch im selben Jahr 1194 siegte der König in der Schlacht bei Fréteval und ein Jahr später in Issoudon. Robin war mittlerweile zu seinem engsten Vertrauten geworden und seiner rechten Hand. Er wurde sowohl von den Bauern umjubelt, die in ihm immer noch Robin Hood, den Beschützer der Armen sahen, als auch von den Soldaten, die ihn als Kämpfer und geschickten Strategen bewunderten. Sein Name war in aller Munde und unter anderen Umständen hätte Robin die Aufmerksamkeit wohl genossen, aber er war des Krieges müde und sehnte sich nach Guy.
Dieser hatte es in Robins Abwesenheit auch nicht leicht. Die Menschen in Locksley und Nottingham, begegneten ihm anfangs mit Verachtung und Abneigung, auch wenn sie sich nicht trauten das in Archers Anwesenheit offen zu zeigen. Dieser verteidigte nämlich seinen Bruder vehement. Mal abgesehen von seiner Familie, war Morgan Foster der einzige Freund, welcher ihm geblieben war. Natürlich zürnte dieser ihm vorerst auch, wegen seinem Überfall auf Akkon, der einige Opfer gefordert hatte, aber schon nach wenigen Wochen entspannte sich das Verhältnis zwischen ihnen wieder. Jedes Mal, wenn Robin nach Hause zurückkehrte, fiel es Guy umso schwerer ihn wieder gehen zu lassen. In seiner Abwesenheit bemühte er sich darum Locksley in seinem Sinne zu verwalten und mit der Zeit gewann er das Wohlwollen der Menschen zurück. Lediglich sein Verhältnis zu Dan Scarlett sollte leider nie wieder so sein wie früher. Gewiss, er behandelte Guy mit Respekt, aber das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen war verschwunden. Robin hatte den Scarletts höchstpersönlich die Nachricht ihrer Begnadigung überbracht und das sie ihr ganzes Hab und Gut zurückerhalten sollten. Es hatte sie nicht viel Überwindung gekostet ihr neues Leben in Scarborough hinter sich zu lassen und wieder in ihr Heimatdorf Locksley zurückzukehren. Als Robin einige Jahre später noch einmal wegen Verhandlungen mit dem Sultan den König ins Heilige Land begleiten sollte, überredete er Will ihn dorthin zu begleiten. Natürlich zeigte sich dieser anfangs von dieser Idee nicht sehr begeistert, doch Robin wusste wie er sie dem Schreiner schmackhaft machen konnte. Er saß bei den Scarletts daheim und erzählte ihnen von seiner letzten Reise ins Heilige Land.
„Du musst mich einfach dorthin begleiten. Glaub mir, du hast noch nie solche Bauwerke und derlei Handwerkskunst gesehen", schwärmte Robin, obwohl er in Wahrheit für derlei materielle Dinge nicht viel übrig hatte. Natürlich hoffte er lediglich, dass Will vielleicht auf Safiya treffen würde, denn immerhin war es irgendwie seine Schuld, dass sich die beiden bisher noch nicht kennen gelernt hatten.
Will hatte zwar interessiert aufgehorcht, aber gleichzeitig machte sich auch Sorge auf seinem Gesicht breit: „Ich bin kein Krieger Robin und ich will keine Menschen töten."
„Das verlangt auch keiner von dir. Keine Sorge, es handelt sich nicht um einen weiteren Kreuzzug, sondern lediglich um eine diplomatische Reise. Der König möchte sein Verhältnis zum Sultan verbessern und Handelsbeziehungen knüpfen. Die kleine Armee, welche er mitführt soll ihm nur zum Schutz dienen."
„Na gut, wenn das so ist, dann komme ich mit. Vorausgesetzt mein Vater und mein Bruder können mich hier entbehren."
„Oh, wir kommen schon zurecht. Aber Robin, bring mir meinen Sohn ja wieder heil nach Hause zurück", ermahnte Dan ihn mit einem väterlichen Lächeln.
„Ich werde auf ihn Acht geben. Ihr habt mein Wort."
Und so kam es dann auch. Womit Dan jedoch nicht gerechnet hatte war, dass sein Will nach einem Jahr mit einer Braut zu ihm heimkehren würde. Ihr Name war Safiya.
Im Jahr 1198 rief Papst Innozenz III. zum vierten Kreuzzug aus, doch Robin gelang es den König davon zu überzeugen, sich nicht an diesem zu beteiligen. Es kostete ihn nicht viel Überredungskunst, denn auch Richard wollte die Handelsbeziehungen zu den Sarazenen nicht gefährden. Als er ein Jahr später vor Burg Châlus bei Limoges in Frankreich, den König vor einem tödlich Pfeil bewahrte, dafür aber selber schwer verletzt wurde, entband ihn Richard von seinem Treueschwur.
„Ich danke dir Robin, für alles, was du für mich getan hast", sagte der König dem Verwundeten, der im Feldlazarett lag. Er war zwar mittlerweile außer Lebensgefahr und die Schlacht gewonnen, aber er würde die Rückreise nach England wohl erst in einigen Tagen antreten können.
„Du bist wie ein Bruder für mich und sollst für deine Verdienste angemessen entlohnt werden. Nicht nur mit Ländereien, sondern vor allem mit deiner Freiheit", meinte der König, welcher neben seiner Liegestätte auf einem Schemel saß.
Robin lachte daraufhin schwach, lies es aber schnell wieder bleiben, da es auf Grund seiner Verwundung schmerzte. „Ich wusste nicht, dass ich ein Gefangener bin."
„Ich denke das weist du sehr wohl und ich habe es erst viel zu spät begriffen. Ich wollte dir keinen Kummer bereiten. Ganz im Gegenteil. Doch, als ich dich damals im Heiligen Land traf, kannte ich dich noch nicht gut genug, um dich wirklich einschätzen zu können. Du bist kein Mann des Krieges, auch wenn du besser als jeder andere Soldat kämpfst. Der Sieg bereitet dir keine wirkliche Freude. Ich sehe den Kummer in deinen Augen, wenn du gezwungen bist in meinem Namen zu töten. Du sehnst dich nach Frieden und deiner Heimat. Es war egoistisch und undankbar von mir, dich an diesen Treuschwur zu binden. Aus diesem Grund schicke ich dich fort. Versteh mich nicht falsch, ich hätte dich gerne weiterhin an meiner Seite gewusst, denn du bist mir der teuerste Freund von allen, aber ich kann es nicht länger mit meinem Gewissen vereinbaren", brachte Richard schweren Herzen hervor.
Eine Zeit land schwieg Robin, doch dann erwiderte er mit einem wehmütigen Lächeln: „Danke." Es war als würde ihm ein schwerer Stein von seinem Herzen fallen. Als er schließlich nach Locksley heimkehrte, hatte man ihm bereits einen großen Empfang bereitet. Das war nicht sehr verwunderlich, denn die Kunde, dass der große Robin Hood im Hafen von England angelegt hatte, war schnell in aller Munde gewesen. Selbst im Ausland war er mittlerweile allseits bekannt, auch wenn er sich selbst manchmal wunderte, über die großen Taten, welche er angeblich alle vollbracht haben sollte. Viele dieser Heldentaten entsprangen mit Sicherheit der Feder irgendwelcher Dichter und in den Gasthäusern sang man sogar Ruhmeslieder über ihn. Das Begrüßungsfest, welches man zu seinen Ehren in Locksley feierte, hätte eigentlich einem König gebührt. Auf der großen Wiese stand eine langgezogene Tafel, mit allerlei Speisen und unzähligen Stühlen. Seit König Richard für Ordnung gesorgt hatte, ging es den Bewohnern Locksleys wieder viel besser. Es gab Musikanten die auf ihren Instrumenten spielten, Jongleure, Menschen die lachten und tanzten. Trotz dieser allgemeinen Heiterkeit stand für einen kurzen Moment Robins Herz still, als er sich der jubelnden Dorfgemeinde nährte. Er entdeckte unter den Anwesenden zwar Archer und Isabella, die freudig auf ihn zukamen, aber nirgendwo eine Spur von Guy, oder seinem Vater. Auch Much war dort und rief enthusiastisch: „MASTER!" Dabei war er schon lange nicht mehr sein Herr. Er hatte seinem ehemaligen Diener vor einiger Zeit ein Stück Land vermacht, mit dem ihm der König zusammen mit noch einigen anderen Ländereien entlohnt hatte. Natürlich hatte er auch seinem Bruder Archer Ländereien übertragen, aber Robin hatte das Gefühl er war häufiger in Locksley, als auf seinem eigenen Grund und Boden. Zumindest war er meistens zugegen, wenn Robin heimkehrte. Auch Isabella, hatte er ein Gut vermachen wollen, aber sie hatte sich geweigert dieses Geschenk anzunehmen. „Dann hätte ich ja keine Ausrede mehr noch länger hier wohnen zu bleiben. Nein Danke Robin. Das ist lieb gemeint, aber nicht von Nöten", hatte sie gesagt. Das war nun schon zwei Jahre her.
„Wo ist Guy?", fragte er voll Sorge, als Archer ihn zur Begrüßung in die Arme schloss.
„Er ist bei Vater. Ihm geht es heute gesundheitlich leider nicht so gut und Guy meinte dieser ganze Empfang wäre lächerlich, da dich der König in ein paar Wochen ohnehin zurück in die Schlacht rufen wird. Du kennst ihn ja. Er ist wütend, weil du gegangen bist und er dich nicht begleiten darf. Er verabscheut den König mehr denn je, weil er ihm die Schuld dafür gibt und fürchtet um dein Leben."
„Wenn jemand dafür die Schuld trägt, dann ist es Guy. Immerhin habe ich nur seinetwegen diesen Schwur geleistet", entgegnete Robin mit einem abfälligen Schnauben.
„Außerdem ist er gewiss eifersüchtig, weil niemand ihm jemals solch einen großen Empfang bereitet hat", meinte Archer mit einem frechen Grinsen. Robins Lippen kräuselten sich daraufhin spöttisch und er zog missbilligend eine Augenbraue empor.
„Ich werde mal nach ihm sehen", meinte er und wollte schon zu ihm gehen, aber Isabella hielt ihn am Arm fest.
„Oh nein, wenn du jetzt zu meinem Bruder gehst, dann sehen wir dich vor morgen Früh nicht wieder. Das kommt gar nicht in Frage. Immerhin findet dieses Fest zu deinen Ehren statt."
„Aber ich würde auch gerne nach meinem Vater sehen, wenn es ihm gesundheitlich so schlecht geht, dass er noch nicht einmal mehr aufstehen kann", meinte Robin.
„Dann trink wenigstens einen Kelch Wein mit uns und du kannst hingehen, wo du möchtest", meinte Archer scherzend. „Na gut", gab sich der Held Locksleys geschlagen. Es kostete ihm viel Mühe sich einen Weg zur Tafel zu bahnen, denn von allen Seiten wurde ihm anerkennend auf die Schulter geklopft, er wurde umarmt und musste den neusten Nachwuchs des Dorfes in Augenschein nehmen. Auch die ehemaligen Outlaws waren dort und begrüßten ihn herzlich. Little John war wieder mit seiner Familie vereint, Safiya war schwanger und war das nicht Marian, die gerade auf ihn zukam?
„Schön dich zu sehen Robin", meinte sie mit diesem für sie typischen Lächeln auf den Lippen. „Schön auch dich zu sehen. Du siehst einfach umwerfend aus!", meinte er mit einem Augenzwinkern.
„Ach, hör schon auf mir zu schmeicheln", entgegnete sie kopfschüttelnd, aber immer noch grinsend.
„Wie geht es deinem Vater?"
„Frag ihn doch selber, da vorne steht er", meinte sie keck. Sie hatte sich kein bisschen verändert. Robin konnte sich erinnern, dass er sie in einem anderen Leben mal furchtbar geliebt hatte, aber das war schon so lange her, dass es beinahe unwirklich erschien. Dennoch schätzte er sie als Freundin sehr und glücklicher Weise, hatte sie ihm sein distanziertes Verhalten von früher verziehen. Nachdem Robin auch Sir Edward begrüßt hatte, schaffte er es endlich sich einen Kelch Wein einzuschenken.
„Na, wie gefällt dir dein Fest?", fragte Archer scheinheilig, der schon damit gerechnet hatte, dass es seinem Bruder nicht so leicht fallen würde bis zum Buffet vorzudringen und daher gezwungen war, immerhin ein wenig mit ihnen zu feiern. Isabella hatte sich indessen mit Marian an die Tafel gesetzt und flüsterte ihr irgendetwas ins Ohr, woraufhin diese herzhaft lachte.
„Ich kann mich nicht beklagen. Mich wundert es, dass die beiden noch immer nicht verheiratet sind", meinte Robin.
Archer zuckte mit den Schultern. „Anscheinend wollen sie nicht. Werber gibt es genug. So ein schnöseliger Edelmann namens Thornton hat vor Kurzem um Isabellas Hand angehalten. Er war sehr reich, aber sie hat ihn zum Teufel gejagt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie Guy getobt hat, als er davon erfuhr. Er meint irgendwann wird sie noch als alte Jungfer sterben und sich dann grämen, weil sie einen so wohlhabend Mann davongejagt hat."
„Oh doch, dass kann ich mir nur all zu gut vorstellen. Schließlich kenne ich Guy. Ich werde jetzt mal nach ihm sehen", sagte Robin und leerte seinen Weinkelch.
„Warte Robin, noch eines: Erschreck dich nicht, wenn du bei Vater bist. Er ist schon sehr alt und manchmal bringt er einige Dinge durcheinander."
„Was meinst du damit?", fragte Robin irritiert.
„Es könnte sein das er dich nicht erkennt. Er redet manchmal wirres Zeug, aber ab und an hat er auch noch klare Momente."
Robins Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Warum hast du das nicht eher gesagt?"
„Weil ich wollte, dass du deine Heimkehr wenigstens für einen kurzen Augenblick genießen kannst. Heute hat er wirklich einen schlechten Tag, aber vielleicht ist er morgen wieder etwas klarer."
Robin schüttelte nur verärgert den Kopf. Archer hätte ihm das gleich sagen müssen. Wie konnte das sein? Als er fort ging, war sein Vater doch noch bei Verstand. Gut zugegeben, er war etwas schusselig geworden, aber nie so sehr, dass er jemanden nicht mehr erkannt hätte. Robin hatte das schon häufiger bei älteren Menschen erlebt, aber er hätte nie erwartet, dass es seinen eigenen Vater treffen könnte. Sobald er das Anwesen betrat, versuchte er sich selbst zu sammeln. Vielleicht hatte Archer auch etwas übertrieben. Womöglich ging es ihm gar nicht so schlecht. Der Hüter des Sherwood Forests, versuchte gelassen zu wirken, als er sich dem Schlafgemach seines Vaters nährte.
Er fand Guy tatsächlich an Malcolms Bett sitzend vor. Wie ungewöhnlich. Leise klopfte Robin an die bereits offen stehende Tür. „Darf ich hereinkommen", fragte er, schlenderte jedoch, ohne eine Antwort abzuwarten ins Zimmer.
„Na wenn das nicht die lebende Legende Robin Hood ist", höhnte Guy, doch trotz der scharfen Bemerkung betrachte er Robin mit so viel offener Zuneigung und Stolz, dass er ihm seine schnippischen Worte nicht übel nehmen konnte.
Sein Vater wandte seinen Kopf in Robins Richtung und musterte ihn verwirrt. „Wer ist dieser Mann?", fragte Malcom mit schwacher Stimme.
„Das ist Euer Sohn", erklärte Guy ihm.
„Mein Sohn? Aber das ist nicht mein Robin. Ich kenne doch meinen Sohn. Ihr erlaubt Euch einen Scherz mit mir", schallt er den Dunkelhaarigen mit einem nachsichtigen Lächeln, als wäre er ein frecher Knaben, der ihm einen Streich spielen wollte.
„Also ist es wahr, was Archer gesagt hat", meinte der Ankömmling stocksteif. Er nährte sich dem Bett, in dem sein Vater lag, der ihn wie einen Fremden musterte. Es schmerzte ihn Malcolm so zu sehen. Wäre er doch eher zurückgekommen. Ach was, wäre er doch gar nicht erst fort gegangen! Aber er hatte dem König einen Eid geleistet.
„Er ist nicht immer so", versucht Guy seinen Geliebten zu beruhigen.
„Wo ist meine Frau?", fragte Malcolm geistesabwesend. „Ist sie noch auf dem Fest?"
Robin zog scharf die Luft ein. „Mutter ist schon vor vielen Jahren gestorben. Erinnerst du dich nicht mehr?"
„Wovon redet Ihr? Ich frage wo meine Frau ist. Ghislaine. Ist sie noch auf dem Fest?"
„Ghislaine?", fragte Robin vollkommen entgeistert und sah besorgt in Guys Richtung, der lediglich resignierend den Kopf schüttelte. Ihn schien diese Äußerung nicht sehr zu verwundern.
„Versuch es gar nicht erst Robin, es hat keinen Sinn", meinte der Gisbornespross zu ihm. „Ich habe ihm bereits unzählige Male zu erklären versucht, das Ghislaine niemals mit ihm verheiratet war."
„Natürlich sind wir verheiratet!", empörte sich Malcolm, wobei seine Worte in einem Hustanfall übergingen. Robin reichte ihm eilig den Becher mit Wasser, der auf einem kleinen Tisch neben dem Bett stand. Mit zittrigen Fingern nahm er das Gefäß entgegen. „Danke."
Als sein Hustanfall wieder abgeebbt war und er sich in die Kissen zurücklehnte, meinte Malcolm: „Ich sollte eigentlich beim Fest sein und ihr Gesellschaft leisten, aber irgendwie fühle ich mich heute nicht so gut. Nun liegt die ganze Verantwortung auf ihren Schultern, dabei sollte ich doch helfen das Feuerrad anzubringen. Mein Robin und ihr Sohn Guy, sollten es gemeinsam entzünden."
„Vielleicht ist es dann ganz gut, dass Ihr Euch heute nicht so wohl fühlt. Beim letzten Mal ist diese Geschichte nicht gut ausgegangen", kommentierte Guy seine Worte zynisch. Robin warf ihm daraufhin einen anklagenden Blick zu. Wie konnte er sich über den seelischen Zustand seines Vaters einfach so lustig machen?
„Die beiden Jungen verstehen sich leider nicht so gut, dabei würde es sich Ghislaine so sehr wünschen. Ich sehe sie ständig nur mit einander streiten", brachte Malcolm bedauernd hervor.
„Vielleicht bringen sie so ihre gegenseitige Zuneigung zum Ausdruck", meinte Guy und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Robin war sich in diesem Moment nicht sicher ob ihm zum Lachen, oder zum Weinen zumute war.
„Zuneigung? Ihr versteht nicht, sie beschimpfen sich manchmal wie zwei Gossenjungen."
„Ich kenne Robin und glauben Sie mir, ich kenne Guy. Ich kann Sie und Ihre Frau beruhigen, dass sich die beiden prächtig verstehen werden", sagte der Dunkelhaarige mit einem schiefen Grinsen.
„Sind sie sich da sicher?"
„Das bin ich." Guy erhob sich von seinem Stuhl und gab Robin ein Kopfzeichen ihm zu folgen. „Sie sollten jetzt etwas schlafen."
Sobald sie das Zimmer verlassen und leise die Tür hinter sich geschlossen hatten fragte Robin besorgt. „Seit wann ist er so?"
„Seit ein paar Monaten. Sieh mich nicht so traurig an Robin, es lässt sich nicht ändern. Er ist alt. Außerdem ist er nicht immer so", versuchte er ihn zu trösten und strich ihm sanft über die Wange. Gemeinsam gingen sie auf ihr Zimmer und schlossen die Tür hinter sich ab. Man hörte von draußen den Lärm des Festes.
Sofort zog Guy den anderen Mann an sich, um ihn in seine Arme zu schließen. Wie ein Kind das nach Trost suchte presste sich Robin an seine Brust und er spendete diesen nur all zu bereitwillig. Liebevoll strich er über sein Haar. „Wie lange haben wir?", fragte Guy. Es klang sehnsüchtig, aber auch etwas verbittert.
„Hm?"
„Bis du wieder fort musst. Wie lange haben wir?" Robin spürte wie sich Guys Körper plötzlich anspannte.
Er hob seinen Kopf von Guys Schulter und sah ihm in die Augen. „Ich werde nicht mehr fortgehen. Der König hat mich von meinem Schwur entbunden."
Plötzlich verharrte Guy in seiner Bewegung und musterte Robin eindringlich: „Ist das dein Ernst?"
„Ja, das ist es. Du wirst mich also so bald nicht mehr los", brachte Robin hervor, als handle es sich um eine Drohung. Auf einmal strahlte Guy. Mit einem Mal, warf er sich Robin über die Schulter und trug ihn hinüber zum Bett.
„HEY, was soll das?", schrie dieser auf und versuchte sich aus Guys griff zu befreien. Im nächsten Moment landete er auf der weichen Matratze. Der Dunkelhaarige hatte sich über ihn gebeugt und strich ihm andächtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du glaubst nicht, wie lange ich diese Worte herbeigesehnt habe. Es war jedes Mal unerträglich dich wieder gehen zu lassen und nicht zu wissen, ob du zurückkommst. Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt dich einfach irgendwo wegzusperren, damit dieser verdammte König Richard dich mir nicht mehr wegnehmen kann."
„Hey, rede nicht so abfällig über den König. Er kommt uns übrigens nächsten Sommer besuchen und ich verlange von dir, dass du dich ihm gegenüber respektvoll verhältst", schimpfte ihn Robin, wenn auch nicht all zu ernst und schlang seine Beine um Guys Hüften, um ihn näher an sich zu pressen.
„Ich liebe dich", brachte Guy mit rauer Stimme hervor. „Ich liebe dich so sehr Robin."
„Ich weiß. Ich liebe dich auch." In ihrer gemeinsamen Umarmung konnte Robin für einen Moment, all die furchtbaren Erinnerungen an den Krieg und die Sorge um seinen Vater vergessen. In dieser Nacht war Guy unglaublich zärtlich zu ihm. Er überhäufte ihn mit Küssen und Liebesbekundungen, wie noch nie zuvor und Robin genoss es. Er wusste nicht wie oft sie es diese Nacht getrieben hatten, aber als sie am nächsten Morgen die Treppe zur großen Halle hinuntergingen warf ihnen Archer einen anklagenden Blick zu. „Wisst ihr eigentlich das sich mein altes Zimmer genau unter eurem befindet?"
Isabella schien das irgendwie zu amüsieren. Zumindest versuchte sie ein Schmunzeln, hinter ihrer vorgehaltenen Hand zu verbergen. Guy und Robin setzten sich zu ihren Geschwistern an den Tisch und übergingen diese Bemerkung einfach. „Wie sieht es eigentlich bei dir aus mit Hochzeitsplänen, Archer?", fragte Robin nonchalant.
„Hochzeitspläne? Das könnte ich der Frauenwelt nicht antun. Stell dir vor was für ein Verlust das für all die schönen Damen wäre, die ich noch beglücken könnte."
Isabella verzog angewidert das Gesicht. „Du meinst wohl eher was für ein Segen", sagte sie hämisch.
„Hey, du verletzt meine Gefühle Schwesterchen", empörte sich Archer, auch wenn seine Worte offensichtlich nicht ernst gemeint waren, denn seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben.
„Und wie sieht es bei euch mit Eheplänen aus?", fragte er seine beiden Brüder neckend.
„Sobald der Papst seine Meinung ändert und gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt, werde ich sofort um Guys Hand anhalten", meinte Robin und biss herzhaft in eine Scheibe Brot. Der Dunkelhaarige sah ihn mit großen Augen an, Archer lachte herzhaft und Isabella schimpfte: „Robin! Was ist wenn dich jemand hört?"
Auf einmal kam Malcolm gestützt von zwei Dienern die Treppe hinab, seinen Gehstock fest umklammert. „Robin? Seit wann bist du wieder zurück?", fragte sein Vater mit einem überraschten Gesichtsausdruck.
„Seit gestern", brachte Robin verunsichert hervor. „Weist du nicht mehr? Ich war doch..."
„Du hast geschlafen und wir wollten dich nicht wecken", fiel Isabella ihm ins Wort.
„Ach, ihr hättet mich ruhig wecken können, wenn mein Sohn endlich wieder daheim ist", meinte er mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen.
„Siehst du, ich habe doch gesagt, manchmal hat er auch seine guten Tage", raunte Archer seinem Bruder leise zu.
Robin spürte wie Guy unterm Tisch sanft seine Hand drückte und sie dann wieder losließ. Er schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, welches Robin zufrieden erwiderte. Nicht jede Geschichte hat ein glückliches Ende, aber diese hier schon.
THE END
