Disclaimer: Siehe Kapitel 1


Kapitel 1: Periculum

Rhodes traute seinen Augen nicht. Die Frau, die er vor drei Jahren im Austausch gegen eine äußerst wertvolle Information, die eine großartige Beförderung nach sich zog, hatte laufen lassen, stand nun vor ihm und lächelte ihn offen an. Doch Rhodes war Profi in diesem Geschäft und nicht leicht aus der Fassung zu bringen und so war es auch kein Wunder, dass er sich schnell gefasst hatte und sich nun seiner Manieren besann. „Setzen sie sich doch, Frau Bouquet." Die blonde Frau, eine Korsin, wie er damals den Akten entnommen hatte, kam seiner Aufforderung nach und ließ sich auf dem Stuhl ihm gegenüber nieder. Mit ihrem kühlen Blick sah sie in an und Rhodes fragte sich, was eine (von ihm!) gesuchte Verbrecherin ausgerechnet in sein Büro führte. „Was verschafft mir denn die Ehre?" Rhodes sah die Frau fragend an. Er war gespannt zu erfahren, worum es ging und er hielt es zudem für wenig ratsam, die Wachen zu alarmieren. War sie hier, um ihn zu töten, war ein Entkommen eh unmöglich und war sie hier aus anderen Gründen, drohte ihm keine Gefahr. Und unbewusst musste er sich eingestehen, dass er sie mochte...

Mireille lächelte den Interpol-Mann an. Wie schon vor drei Jahren war er ihr sehr sympathisch und hatte eine offene, entwaffnende Art. Doch er hatte sich auch ein wenig verändert: Seine Gesichtszüge waren etwas härter geworden und seine Augen waren müde. Er arbeitete wohl viel. Nun, er hatte das wohl kommen sehen, als er seinen ehemaligen Freund Jean Marceau ‚verraten' und der Gerechtigkeit überantwortet hatte. Und damit hatte er Kirika und ihr die Flucht ermöglicht. Sie hatte damals gespürt, dass es ihn Überwindung gekostet hatte und gegen seinen Gerechtigkeitssinn gewesen war, zwei überführte Verbrecher laufen zu lassen, doch Rhodes war Verantwortungsethiker. Das war ihr Glück gewesen. Und nun war es an der Zeit, alte Schulden zu begleichen.

Rhodes betrachtete das ruhige und ausgeglichene Gesicht der Frau für einen Moment. Gott, sie war wunderschön. Doch wie die meisten schönen Frauen war sie gefährlich und er konnte es sich nicht leisten, seinen Gedanken nach zu gehen. „Frau Bouquet, ich habe ihnen damals die Flucht ermöglicht und damit mein Wort gehalten, da sie mir ermöglicht hatten, einen weitaus größeren Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen. Doch wie sie auch wissen, habe ich ihnen nur einen Dreitagevorsprung gegeben und sie danach zur Fahndung ausgeschrieben. Es ist beachtlich, dass sie es bis jetzt geschafft haben, sich der Festnahme zu entziehen. Und ich gehe davon aus, dass es etwas Außergewöhnliches sein muss, das sie veranlasst hat, sich hierher zu begeben, in die Höhle des Löwen, wenn wir bildhaft sprechen wollen." Die Frau nickte nur kurz und ließ dann den Blick durch sein Büro schweifen. Sie schien sich Zeit lassen zu wollen. Nach ein paar Minuten des Schweigens richtete sich ihr Blick wieder auf ihn und verfing sich in seinigem. „Monsieur Rhodes, ich bin gekommen, um alte Schulden zu begleichen. Ich bin gekommen, weil ich Informationen erhalten habe, die besagen, dass auf sie binnen den nächsten 24 Stunden ein Attentat verübt werden soll. Und glauben sie mir, sie müssen da ein paar mächtige Feinde haben, um solchen Aufwand zu rechtfertigen..."

Mireille beobachtete Rhodes' Reaktion. Sofern sich seine Gesichtsmuskulatur regte, hatte er sie gut unter Kontrolle. Doch die Auftragskillerin erkannte doch den kurzen Funken der Angst in seinen Augen... und einen der Erkenntnis. „Sie wissen, wovon ich spreche, Rhodes?" Der Mann nickte.

Kirika hatte eine Weile das Gebäude beobachtet und sich dann wieder in den Wagen gesetzt. Es war ihr unwohl bei dem Gedanken an die drohende Gefahr, die wie ein Damokles-Schwert über ihren Köpfen schwebte. Doch sie konnte Mireilles' Wunsch, Rhodes zu warnen, verstehen. Immerhin verdankten sie ihm die drei glücklichsten Jahre ihres Lebens. Die Bergwelt Chinas war abgelegen gewesen, doch sie hatte etwas Mystisches gehabt, eine magische Aura, der eine zutiefst beruhigende Ruhe innewohnte. Kirika lehnte den Kopf an die Sitzlehne und schloss für einen Moment die Augen. Vor ihrem inneren Auge zogen Bilder der drei Jahre in China vorbei. Und immer wieder sah sie Mireille lachen und lächeln, so wie sie ihre Partnerin und Freundin nie zuvor hatte lachen sehen. Es waren in der Tat glückliche Jahre gewesen, fernab von jeglicher Hektik. Paris war im Gegensatz dazu beinahe so etwas wie... ihr fiel kein Wort ein, dass ihre Abneigung gegen die Großstadt passend zum Ausdruck gebracht hätte.

Der Mann zog aus der Tasche seiner Sommerweste langsam eine schallgedämpfte Pistole hervor und lief schnellen Schrittes an dem Wagen vorbei, der dort am Straßenrand stand. Im Vorübergehen feuerte er zwei, drei Schüsse auf die Beifahrertür des Autos japanischer Herkunft ab und sah erstaunt, wie die braunhaarige Frau im Inneren des Wagens noch vor seinen Schüssen reagiert hatte. Woher nahm sie solche Intuition? Doch im Grunde war es egal: Die Enge im Wageninneren verhinderte eine Fluchtmöglichkeit des Opfers und der Killer sah, wie die Frau zusammensackte, als die Kugeln in ihre Brust eindrangen und sich ihr T-Shirt rot färbte. Schnell sah sich der Killer um. Keiner der Passanten drehte auch nur den Kopf und der Killer steckte die Pistole langsam und möglichst unauffällig wieder weg. Dann setzte er sich in Bewegung und verließ die breite Straße kurz nach dem Mord durch eine Seitengasse.