Disclaimer: Siehe Prolog


Kapitel 3: Virgo Servanda Est

„Mireiyu? Wohin fahren wir?" Die Japanerin sah ihre Freundin aus großen Augen an, fragend. Das Fahrzeug, in dem sie saßen – ein Honda Civic – schoss mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die engen Straßen von Paris und mehr als nur einmal war es Fußgängern nur mit knapper Müh' und Not gelungen, sich vor dem heranrasenden Wagen in Sicherheit zu bringen. Seitdem sie vor wenigen Minuten losgefahren waren, hatten weder ihre Partnerin noch der Mann auf der Rückbank, der Interpolinspektor Rhodes, ein Wort gesprochen. Rhodes schien in Gedanken verloren zu sein; er war bleich; Mireille war auf den Verkehr konzentriert. Kirika beschloss, abzuwarten und sich Mireille anzuvertrauen. Die Korsin war immerhin schon lange genug im Geschäft, um zu wissen, was sie tat.

Rhodes' Kopf war wie leer gefegt und er war außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie konnte das sein? Marceau war tot! Claire! War sie wirklich tot? Wer war der Mann gewesen, der ihn angerufen hatte? Konnte er den beiden Killerinnen trauen? Was war mit seiner Tochter? Rhodes bemerkte, wie seine Hände anfingen, zu zittern und wie ihm der Schweiß ausbrach. Seine Frau war aller Wahrscheinlichkeit nach tot, seine Tochter in Gefahr! Er spürte, wie sein Atem schneller ging und er keine Luft mehr bekam. Mit der größten Anstrengung gelang es ihm, die Augen zu schließen und bewusst langsam zu atmen. Nach ein paar Augenblicken verließ ihn das Gefühl der Panik. Als er die Augen öffnete, hatte der Wagen gehalten. „Wo sind wir?", fragte er in den Raum. Die blonde Frau vor ihm wandte sich um und sah ihm gerade ins Gesicht. „In einem Parkhaus in der Nähe des Friedhofs Père Lachaise." Rhodes fuhr zusammen. „Halten sie das für eine gute Idee? Der Killer könnte uns auflauern!" Mireille schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Immerhin hat er ihnen am Telefon gesagt, dass er ihre Tochter vor ihnen töten will. Das verschafft ihnen etwas Zeit und bevor sie untertauchen, sollten sie von ihrer Frau Abschied nehmen." Rhodes sah Mireille etwas ungläubig an, nickte dann aber. „Sie haben Recht." Gerade, als er aussteigen wollte, schien ihm etwas einzufallen. „Julia! Was ist mit meiner Tochter?" Mireille lächelte. „Es ist nicht einmal 12. Die Mittagspause beginnt in französischen Schulen frühestens um 13 Uhr. Daher werden wir noch etwas Zeit haben, meinen sie nicht auch?" Rhodes nickte und verließ den Wagen. Mireille wandte sich an Kirika. „Du bewachst den Wagen, ich gehe mit ihm. Einverstanden?" Die Asiatin nickte wortlos. Mireille beugte sich schnell zu der jungen Frau hinüber und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Bis gleich, Kirika." Dann stieg auch sie aus. Das verschmitzte Lächeln Kirikas bemerkte sie nicht mehr.

Der Killer zog aus der Brusttasche seiner Sommerweste einen Ausweis. „'Viktor Raikov', ein ungewöhnlicher Name für einen Mann, der so gut französisch spricht wie sie." Der Verkehrspolizist gab dem blonden Mann seinen Ausweis zurück, der ihn aus weichen, dunkelblauen Augen ansah. „Sie kommen aus Russland?" Der Mann verneinte. „Nein, ich bin in Belgrad geboren. Meine Eltern sind jedoch russischer Herkunft." Der Franzose nickte kurz. „Nun, wie dem auch sei, Herr Raikov, ihren Mercedes sollten sie nächstes Mal nicht im Halteverbot vor einer Schule parken." Der Killer nickte. „Wird nicht mehr vorkommen. Ich muss in der Eile übersehen haben, dass man hier nicht parken darf." Der Polizist nickte lächelnd. „Schon gut. Sie hatten ja Glück, dass sie noch am Wagen standen, als ich vorbei kam. Parken sie einfach woanders. Zum Beispiel in dem Parkhaus zwei Blöcke weiter. Bis zur Mittagspause ist es ja auch noch fast eine Stunde." Der Polizist wies noch kurz in die Richtung und wünschte Raikov dann noch einen schönen Tag. Dann wandte er sich um und ging die Straße weiter. Raikov schob den Ausweis zurück in die Tasche und zog statt dessen einen Autoschlüssel hervor. Er schloss das schwarze CLK Coupé, an dem er gelehnt hatte, auf und setzte sich hinters Steuer. Mit der linken Hand fuhr er sich durch sein kurzes, blondes Haar und blickte in den Rückspiegel und grinste. Gut, dass der Polizist da gewesen war, in der Tat. So hatte er einen Strafzettel und damit eine Notiz in einer Polizeiakte vermeiden können. Nun musste er nur noch an einer anderen Stelle parken und anschließend zurückkehren. Er rechnete zwar nicht damit, die Tochter hier und jetzt töten zu können, doch er würde sich von Rhodes ein Bild machen können: Würde er so mutig sein, sie selbst zu retten oder würde er feige handeln und sie abholen lassen? Er drehte den Schlüssel im Schloss und startete den Motor.

Mireille und Rhodes hatten das Parkhaus verlassen und waren einen Block weiter gelaufen. Nun lag ihnen gegenüber, auf der anderen Straßenseite, der Friedhof Père Lachaise. Rhodes wandte sich an Mireille. „Frau Bouquet, meine Frau fährt einen weißen Mitsubishi. Halten sie nach einem solchen Fahrzeug Ausschau, okay?" Die blonde Frau nickte und erwiderte: „Ich denke aber nicht, Monsieur Rhodes, dass wir lange zu suchen haben." Mit dem Finger wies sie auf eine Menschentraube auf der anderen Straßenseite, die sich um mehrere Polizisten und Ärzte gebildet hatte, die an einem weißen Auto standen. Rhodes' Augen folgten ihrem Arm und er schluckte kräftig, als er die Menschenmenge erblickte. „Frau Bouquet, diesen Gang würde ich lieber alleine machen. Warten sie bitte hier?" Die blonde Korsin nickte kurz und lehnte sich dann an die Hauswand. Sie beobachtete, wie der schwarzhaarige Mann die Straße überquerte und auf die Menschentraube zuging. Sie sah, wie er sich durch den Ring aus Menschen drückte und einem der Polizisten, der ihn abzuhalten versuchte, seinen Ausweis hinhielt. Dann verschwand er aus ihrem Blickfeld, verschluckt von der Menschenmasse. Nach wenigen Minuten sah sie, wie die Menschenmenge kurz auseinander trat und dem Interpolkommissar Platz machte. Einen Polizist, der Rhodes folgte und ihn anscheinend begleiten wollte, wiegelte dieser kurzer Hand ab. Mireille war dankbar dafür, hatte sie doch nicht vor, Kontakt mit Polizei zu haben, so fern es sich vermeiden ließe.

Nur wenige Augenblicke später stand Rhodes wieder neben ihr. Sein Gesicht war hart und sie spürte, dass es besser war, erst einmal nicht zu sprechen. Wortlos gingen sie zurück zum Parkhaus, wo Kirika immer noch im Wagen wartete. Als Rhodes und Mireille wieder im Wagen saßen, löste sich die Anspannung und er fing zu weinen an. Mireille zögerte kurz, griff dann jedoch in ihre Handtasche und holte ein besticktes Stofftaschentuch hervor und reichte es dem Mann nach hinten, der es dankbar lächelnd annahm. Dann wandte sie sich ab, um den Mann nicht zu beschämen. Nach etwa einer halben Stunde hatte er sich wieder beruhigt und lächelte die beiden Frauen verlegen an. „Es- es tut mir Leid. Ich wollte sie nicht belasten." Mireille winkte ab. „Monsieur Rhodes, sie müssen sich nicht für eine menschliche Reaktion entschuldigen." Rhodes lächelte sie dankbar an. „Danke sehr, Frau Bou..." Die Korsin unterbrach ihn. „Mireille." Rhodes schien nicht zu verstehen und sah sie etwas hilflos an. „Wie bitte?" Dann dämmerte es ihm. „Oh, vielen Dank... Mireille." Er wandte sich an Kirika. „Auch dir vielen Dank. Mein Name ist übrigens Raphael." Die beiden Frauen nickten kurz. Schließlich ergriff Mireille das Wort. „Nun zu etwas weitaus Wichtigerem, Raphael: Wir haben noch knapp 10 Minuten, um ihre Tochter rechtzeitig zu erreichen und sie abzuholen. Danach, würde ich vorschlagen, verlassen wir Paris schnellstmöglich. Ich weiß zwar noch nicht, wohin wir gehen können, aber wir müssen auf jeden Fall untertauchen." Rhodes nickte nur. Zuerst hatte er sich mit dem Gedanken getragen, bei Interpol um Hilfe zu bitten, doch er konnte schlecht Mireille und Kirika erwähnen ohne sie zu gefährden. Es war sicher erst einmal das Beste, abzuwarten und gemeinsam mit den beiden erfahreneren Frauen zu planen, sobald man in Sicherheit war. Sobald Julia in Sicherheit war, verbesserte er sich. Auf dem Weg zur Schule zählte Rhodes die Minuten rückwärts...


Endnotiz: Es ist zwar nicht allzu viel passiert in dem Kapitel, aber es wird die Story doch etwas voranbringen, zumal es den Antagonisten eingeführt hat und Rhodes näher vorstellt. Immerhin ist der in "Abgründe" etwas kurz gekommen.